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Tanz mit dem Wind

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11.12.2015
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Tanz mit dem Wind

Leise eine Melodie summend, spritzt Nina mit ihren Füßen dem erzürnt dreinschauendem Poseidon das Wasser ins graue Gesicht. Die Tropfen wirbeln bunt herum. Am Springbrunnen sind, so kurz vor der Mittagszeit, nur wenige Leute.
Den Kopf in den Nacken gelegt, die Arme weit ausgebreitet, beginnt sie sich um sich selbst zu drehen. Immer schneller. Schneller.
Zärtlich streichelt der aufkommende Wind ihr Gesicht, will sie zu mehr verführen. Nun springt sie in die Höhe, die Zehenspitzen gestreckt. Ihre Muskeln unter dem dünnen Stoff fühlen sich stark und geschmeidig an. Sie kann es spüren. Endlich!
Der Wind frischt weiter auf, umspielt ihren Körper, lupft ihr Kleid wie ein frecher Geliebter. Eine letzte Pirouette. Dann beginnt sie von vorne.

Schon lange vor dem ersten Kind musste sie ihren Traum aufgeben. Der rechte Fuß.

Ihre Arme heben sich voller Kraft. Immer derselbe Bewegungsablauf. Gleich wird sie schweben! Unbefangen. Frei! Hin und her. Her und hin. Vom Wind vorangetrieben, der ihr liebestoll das Haar zerzaust.

Bruno betrachtet die Frau. Aus der Entfernung. Er kennt sie. So hat er sie noch nie gesehen. Tanzend im Brunnen. Er muss blinzeln, sich kurz die Augen wischen.
Die anderen, die hastig in ihrer Mittagspause am Brunnen vorbeieilen, halten die Köpfe in ihre Mantelkrägen gesenkt.

***

Zehn Uhr am Morgen. Die Flasche Sekt ist schon leer. Zum Putzen gönnte sie sich ein Glas. Dann noch eins. Geht ja dann alles viel beschwingter. Das Putzen. Mit Tanzen sowieso. Egal, dass der Fuß ruiniert ist.
Der erste Teil des Tages war bereits geschafft. Aufstehen, mit dem Hund raus, die Kinder wecken und ihnen beim Anziehen helfen. Ihr Mann war schon lange auf der Schicht. Frühstück mit Toast und Ei, wobei sie selbst nie Appetit hatte. Dann das Geschirr in die Spüle stellen, das Zähneputzen der Kinder überprüfen und sie rechtzeitig zum Bus schicken.

Vom Küchenfenster aus betrachtet sie die Windräder, die in der Ferne lautlos rotieren. Die sind neu. Keiner wollte sie. Aber nun sind sie da.

Das Mittagessen muss sie noch vorbereiten. Die Kinder kommen um eins. Schnitzel mit Möhren und Reis.
„Bäh, das mag ich nicht essen!“, kann sie die Stimmen ihrer Kinder schon jetzt hören. Aber darauf legt Nina Wert - gutes Essen. Das hat sie so gelernt. Von ihrer Mutter. Der Frau, die immer gesagt hat: „Pah, aus dir wird nie eine Tänzerin!“ Die Möhren sind schnell geschält.

Sie hat das Gefühl, beobachtet zu werden. Auf dem knorrigen Baum im Garten sitzt ein Rabe. Ein plötzlicher Windstoß lässt den Ast erzittern und schreckt den Vogel auf. Sie blickt dem Raben nach, der krächzend davonfliegt.

***

Bruno schaut sich kurz um, stellt die Tasche ab. Seine Schicht ist vorbei. Dann geht er ungelenk auf den Brunnen zu. Er nestelt an seiner Jacke und reibt sich die Nase. „Nina?“, ruft er zaghaft.
Die Frau schwebt unbeirrt ihren Tanz im immer stärker aufbrausenden Sturm. Feucht glänzende Haare peitschen wild um ihren Kopf. Der Wind scheint sie mit sich fortreißen zu wollen, zerrt ungestüm an ihrem nassen Kleid.
„Nina! Komm da raus!“, ruft er erneut. Diesmal lauter. „Du erkältest dich noch!“
Der wilde Tanz unterbricht jäh, Nina taumelt ihm entgegen.
„Was machst du denn hier?“, fragt sie keuchend. Ihre Brust bebt.
„Die Kinder kommen gleich nach Hause! Du musst aufhören damit!“, brüllt er gegen den Wind.
„Ach, ist es schon so spät?“, wundert sich Nina und sinkt erschöpft in Brunos Arme.
„Du musst unbedingt aufhören damit!“, wiederholt er und drückt sein Gesicht an ihren Hals. Er schmeckt ihren Schweiß und seine Tränen. Kann den kräftigen Herzschlag und die Wärme ihres Körpers spüren.
„Wir brauchen dich doch.“, wispert er.
Nina erstarrt, hält den Atem an. Die Haare wirbeln weiter um ihr vom Tanzen erhitztes Gesicht. Sie begegnet Brunos weichem, müdem Blick. Tränen steigen in ihr auf und sie muss sich mit dem Handrücken die Nase schnäuzen.
Bruno legt seine Jacke um sie beide, stemmt sich gegen den starken Wind, während sie nach Hause gehen. Die Kinder kommen bald.

 

Gude Lind,

ich habe deine Geschichte erst vor zwei Tagen gelesen und den ersten Kommentaren entnehme ich, dass hier einiges passiert sein muss. Mir gefällt die Geschichte durch ihre Kürze, die viel offen lässt. Der zentrale/schönste Satz ist für mich:

„Du musst unbedingt aufhören damit!“, wiederholt er und drückt sein Gesicht an ihren Hals.
-> Für mein Empfinden ist er mehrdeutig wegen dem "damit". Muss sie nur mit dem Tanzen im Brunnen aufhören? Oder, wahrscheinlich vielmehr, mit der allgemeinen Realitätsflucht, der sie sich (auch alkoholgestützt) hingibt. Kurz könnte man überlegen, dass der Mann will, dass sie mit diesen "Tagträumereien" und dem "kindischen Getanze" aufhöre. Das stützt der Rest des Textes nicht, weil der Mann doch sehr emotional und mit ihr verbunden wirkt, aber mir gefällt einfach wie prinzipiell offen "Du musst unbedingt aufhören damit!" ist.

Mir gefällt allerdings die folgende Passage nicht:

Zehn Uhr am Morgen. Die Flasche Sekt ist schon leer. Zum Putzen gönnte sie sich ein Glas. Dann noch eins.
Das ist meinem Gefühl nach etwas redundant. Mir würde hier reichen: "Zehn Uhr morgens, sie öffnet eine Flasche Sekt." (bzw. dann 9 Uhr morgens oder wann ihre Routine beginnt).
Das kritisiere ich aber auch nur, weil ich das Gefühl habe, dass der restliche Text ebenfalls sehr um Kürze bemüht ist.

In einigen Kommentaren hatte ich Unmut darüber gelesen, dass die Beziehung zwischen Bruno und Nina verschleiert wird. Ich weiß nicht genau, auf welche Version des Textes sich das bezog, ich finde in der aktuellen ist es vertretbar. Eine gewisse Nähe ist deutlich, man kann von Zuneigung ausgehen. Dass es sogar der Ehemann ist und nicht "irgendein" Bewunderer ist für mich eine "faire" Überraschung, ich habe mich also nicht veräppelt gefühlt ;)
Dein Text lässt natürlich viel offen, aber das, was du präsentierst, ist für mich nachvollziehbar und in sich geschlossen. Gerne läse ich mehr, aber eine Kurzgeschichte lebt ja gerade davon.


In diesem Sinne gern gelesen,
Vulkangestein

 

Hallo Lind,

neugierig auf die Überarbeitung habe ich deinen Text noch einmal gelesen. Das ist der Vorteil kurzer Texte, sie bekommen eher eine zweite Chance.

Ich schreibe gleich mit, was mir auffällt:

Den Kopf in den Nacken gelegt, die Arme weit ausgebreitet, beginnt sie sich um sich selbst zu drehen. Immer schneller. Schneller. Zärtlich streichelt der aufkommende Wind ihr Gesicht, will sie zu mehr verführen. Nun springt sie in die Höhe, die Zehenspitzen gestreckt. Ihre Muskeln unter dem dünnen Stoff fühlen sich stark und geschmeidig an. Sie kann es spüren. Endlich!

Ich bin ein Freund der ruhigen Kameraführung. Hier geht es mir zu schnell. Erst ist die Kamera entfernt, denn alles wird von einer gewissen Distanz beschrieben, bis plötzlich die Kamera im Kopf sitzt und Du aus der Sicht der Protagonistin schreibst (Muskeln fühlen sich ...).

Das geht mir zu schnell und stört mich beim Lesen.

Bruno betrachtet die Frau. Aus der Entfernung. Er kennt sie. So hat er sie noch nie gesehen. Tanzend im Brunnen. Er muss blinzeln, sich kurz die Augen wischen.

Bruno ist ja wohl der Freund/Mann der Protagonistin, da finde ich diesen Satz merkwürdig, so als ob Du den Leser veräppeln möchtest, indem Du bewusst Information vorenthältst.

Ich finde Deinen Text interessant, denn beim Lesen habe ich quasi drei Bilder vor Augen:

1) Tanzende Frau am Springbrunnen
2) Dieselbe Traum beim Trinken (Rückblende, gehört eigentlich vor 1))
3) Entsetzter Mann bei Frau am Springbrunnen

Daher sind das für mich eher drei kurze Eindrücke als eine Geschichte. Du setzt letztlich sehr auf den Schlusseffekt, dass man die Frau als alkoholkranke Mutter erkennt.

Verstehe mich nicht falsch. Ich finde den Text nicht schlecht, aber als Geschichte etwas wenig.

Gruß

Geschichtenwerker

 

Hallo Vulkangestein,

spät kommt sie, aber sie kommt, die Rückmeldung auf deinen Kommentar, den ich als wirklich positiv empfunden habe.

Mir gefällt die Geschichte durch ihre Kürze, die viel offen lässt. Der zentrale/schönste Satz ist für mich:
Zitat Zitat von Lind Beitrag anzeigen
„Du musst unbedingt aufhören damit!“, wiederholt er und drückt sein Gesicht an ihren Hals.
-> Für mein Empfinden ist er mehrdeutig wegen dem "damit". Muss sie nur mit dem Tanzen im Brunnen aufhören? Oder, wahrscheinlich vielmehr, mit der allgemeinen Realitätsflucht, der sie sich (auch alkoholgestützt) hingibt. Kurz könnte man überlegen, dass der Mann will, dass sie mit diesen "Tagträumereien" und dem "kindischen Getanze" aufhöre. Das stützt der Rest des Textes nicht, weil der Mann doch sehr emotional und mit ihr verbunden wirkt, aber mir gefällt einfach wie prinzipiell offen "Du musst unbedingt aufhören damit!" ist.

Genau so habe ich es gedacht. So sollte es rüberkommen. Das "Du musst unbedingt aufhören damit!", kann man so oder auch anders lesen: Drängend bzw. drohend, aber auch unsicher, vielleicht verletzt, überfordert? Insgesamt habe ich versucht, kein Urteil zu fällen, alles offen zu lassen und nur die Situation darzustellen.

Mir gefällt allerdings die folgende Passage nicht:
Zitat Zitat von Lind Beitrag anzeigen
Zehn Uhr am Morgen. Die Flasche Sekt ist schon leer. Zum Putzen gönnte sie sich ein Glas. Dann noch eins.
Das ist meinem Gefühl nach etwas redundant. Mir würde hier reichen: "Zehn Uhr morgens, sie öffnet eine Flasche Sekt." (bzw. dann 9 Uhr morgens oder wann ihre Routine beginnt).
Das kritisiere ich aber auch nur, weil ich das Gefühl habe, dass der restliche Text ebenfalls sehr um Kürze bemüht ist.
ja, da kannst du Recht haben. Vielleicht sollte das gestrafft werden. Es kommt etwas "locker, flockig" daher. Das sehe ich aber tatsächlich auch erst jetzt, nachdem mal ein wenig Abstabd zu der ganzen Challenge kam. Vielleicht gehe ich da nochmal ran... Aber das ist so eine Sachen, mit Geschichten, die man als "fertig" betrachtet und dem blöden inneren Schweinehund. Also sei nicht sauer, wenn ich das einfach abhake.

Liebe Grüße
Lind

 

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