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Thunfischpaste to go

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23.02.2026
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Thunfischpaste to go

„Komm“, sagte Lea. „Gleich da vorn ist der türkische Markt. "Da gibt's die beste Thunfischpaste der Stadt.“ Er war überwältigt von der Kreuzberger Atmosphäre. Dem Guten und dem Schlechten. Er musste an Amsterdam denken, als er die steinerne Brücke, unter deren grünem Geländer die Spree sich schlängelte, sah. Und die Straßenbahn, die in der Luft über seinen Kopf hinweg eilte, erinnerte ihn an Brooklyn. Er war begeistert von der Vielfalt der Menschen. Sie waren so unterschiedlich in ihrem Kleidungsstil und bildeten dennoch ein, in sich stimmiges, Gesamterscheinungsbild. Es war Sommer. Die beste Zeit des Jahres, in einer sonst grauen Stadt. Sie erreichten den Markt und die Menschenmenge verdichtete sich. In der Gasse des Marktes war es eng und chaotisch. Es waren Stände an den Seiten aufgebaut mit frischen Lebensmitteln, zum Kaufen oder Probieren. Händler riefen durcheinander und priesen ihre Waren an. Die Mitte der Gasse war für die Passanten reserviert. Trotz des Chaos herrschte eine bemerkenswerte Ordnung. Man trat sich nicht auf die Füße. Kein Rempeln. Kein Drängeln. Es war ein friedliches Miteinander.

Als sie am Stand des Griechen ankamen, hatten sie ihr Ziel erreicht. Dort gab es die besagte Thunfischpaste. Lea sprach mit dem Händler. Der Verkäufer nahm eine runde, durchsichtige Plastikverpackung und füllte sie bis zum oberen Rand mit der Paste. „Kapernbeeren, meine Freunde. Kann ich euch dazu nur empfehlen. Und Fladenbrot.” „Nehmen wir mit.“ sagte Lea und bezahlte den Einkauf. Sie nahm die Einkaufstüte entgegen und griff nach seiner Hand. Die beiden stahlen sich durch die Menge, um einen ruhigen Ort, abseits des umtriebigen Marktes, zu finden. Auf einer Parkbank am Ufer, nahe der Brücke, wurden sie fündig. Sie setzten sich darauf und Lea stellte die Tüte raschelnd in der Mitte ab. Sie öffnete die Tüte und platzierte den Inhalt gekonnt auf der Bank. Die runde Plastikbox, ein Schälchen mit Kapernbeeren und ein halbes Fladenbrot. „Probier‘“, sagte sie und zeigte auf das inszenierte Picknick. „Du wirst es lieben.“ Er nahm eine Beere und rieb sie in die Thunfischpaste. Er biss in die Beere und schloss die Augen. Lea hatte Recht. Es war die beste Thunfischpaste, die er je gegessen hatte. Es war zugleich auch seine Erste. Ein zusätzlicher Biss in das Fladenbrot, um das Geschmackserlebnis abzurunden. „Ich habe selten so was Gutes gegessen.“ murmelte er. Dabei ertappte er sich dabei, genüsslich eine Beere nach der anderen in die Paste zu dippen und sich in den Mund zu stecken. Er erschrak an seiner Unhöflichkeit. „Willst du nicht auch?“ fragte er Lea. „Nein danke. Das ist nur für dich.“ sagte sie.

„Schon schön hier“, sagte er zu Lea, die auf einmal gedankenverloren in die Ferne zu schauen schien. „Du hast echt nicht gelogen. Die Leute, der Ausblick. Genial.“ fügte er ergänzend hinzu. „Ja, das stimmt.“ Seine Worte schienen sie zurückzuholen. „Leider gewöhnt man sich viel zu schnell dran. Dann gehört’s irgendwann zum Alltag. Man kommt seltener her. Und irgendwann lässt man‘s dann ganz.“ sagte sie mit einem leisen Seufzen in der Stimme. „Weil du weißt, dass du immer herkommen kannst.“ antwortete er salopp. „Zumindest jeden Dienstag.“ Er machte eine Pause, dann fuhr er fort: „Und weil du abstumpfst.“ Lea hörte ihm zu. „Und weil ständig was passiert,“ sagte er: „man hat gar keine Zeit zum Genießen. Ungefilterte Gefühle und Glücksmomente kommen einfach zu kurz.“ Sie schaute ihn an und lachte. „Was? Bist du jetzt unter die Philosophen gegangen?“ sagte sie spöttisch. „Ich mein‘ ja nur“, entgegnete er. Die beiden verbrachten noch einen Moment schweigend auf der Bank. Lea richtete ihren Blick wieder in die Ferne, und er steckte sich noch eine der Kapernbeeren mit Thunfischpaste in den Mund. Sie schmeckten einfach gut.

„Los komm, Hemingway.“ Sie nannte ihn immer so, wenn er wieder einmal versuchte, der Welt die Welt zu erklären. „Ist spät. Wir sollten gehen.“ Sie hatte recht. Die Sonne war bereits am Untergehen. Die Häuserfassaden auf der anderen Seite des Ufers waren schon ins Rötliche gefärbt. Sie hatten einfach nur dagesessen und die Zeit vergessen. Lea räumte die Vesper Reste in die Tüte. „Ich hab dir nicht zu viel versprochen, was?“ zwinkerte Sie ihm zu. „Bist halt die Beste.“ erwiderte er. „Dafür schuldest du mir was. Den nächsten Ort suchst du aus.“ sagte sie. „Deal.“ antwortete er.

Er saß am Laptop und schaute nach Wohnungen in Kreuzberg, als das Handy klingelte. Es war Lea.

“Ich hab‘ ne schlechte Nachricht für dich.” sagte Lea zu ihm. „Und die wäre?“ fragte er besorgt. “Ich hab‘ ein Jobangebot aus München.“ „Ok. Das heisst?“ „Ich kann dort arbeiten. Und kann sofort anfangen.“ Es blieb Still am anderen Ende der Leitung. „Und bis ich ne Wohnung gefunden hab‘, kann ich bei meinem Bruder wohnen. Meine Möbel hol‘ ich später.” setzte sie fort. Es herrschte noch immer Stille.“Hallo? Bist du noch da?“ fragte Lea. Durch die Leitung drang ein leises: „Hm.“ Er räusperte sich und sagte: ”Gut für dich. Schlecht für mich.“„Ich weiß.“„In dem Fall fällt unser Dienstag flach.” stellte er fest..“Tut mir leid. Ehrlich. Ich hoff‘, du kannst das verstehen?” fragte sie. “Nicht wirklich. Aber du wirst schon wissen was du machst. Ich mein‘, erst auf München schimpfen und dann, ok, das‘ deine Entscheidung.“ sagte er gefasst. “Du, ich muss Schluss machen. Ich muss noch was erledigen”, unterbrach sie ihn schließlich. “Am Samstag geht‘s los.“„Alles klar.“ „Ich fahr‘ um Acht vom Hauptbahnhof ab. Du kannst ja kommen, wenn du magst.“ sagte Lea. „Alles Klar”, antwortete er.

Es war Samstag. Er öffnete die Haustür. Mit der Klinke in der Hand stand er auf der Schwelle und überlegte. Dann fiel die Tür wieder ins Schloss.

Er geht immer noch dienstags auf den türkischen Markt. Er setzt sich dann ans Ufer, um Kapernbeeren mit Thunfischpaste zu essen. Aber so geschmeckt wie damals, haben sie seit dem nicht mehr.

 
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Eh, @Sam O. , so trifft man Landsleute. Natürlich auch nur Rucksackberliner. Wie ich. Nette Geschichte über kulinarische Spezialitäten aus Kreuzberg. Bevorzuge meinerseits den Meeresfrüchtesalat, den es auf dem Herrmannplatz gibt. Und natürlich Bärlauchcreme. Bei Deiner Beschreibung läuft einem ja das Wasser im Mund zusammen. Bei mir hier in der Nähe gibt es auch so einen Markt. Boxhagener Platz. War ich früher jeden Samstag. Jetzt seit Jahren nicht mehr. Man wird faul. Supermarkt. Die Beschreibung der Gegend ist zwar stimmig, aber mir fehlt irgendwas. Tiefgang? Obwohl ich mich nach dem Stadtbezirk Friedrichshain/Kreuzberg benannt habe - FriedaKreuz - bin ich mit letzterem nie warm geworden. Als ich Kreuzberg das erste Man betrat, war ich geschockt wegen den vielen Junkies, die das Straßenbild bestimmen. Auch die vielen Leute aus der Türkei waren für mich als Friedrichshainer was Neues. Nicht nur im positiven. Ich spürte von Anfang an, dass das eine ganz andere Kultur ist, wo die Frau eine merkwürdige Position hat. Wurde in den Neunzigern oft von Jugendgruppen beschimpft. Schlampe war noch das netteste, was sie mir hinterherriefen. Jetzt, wo ich in gesetzterem Alter bin, lassen sie mich zufrieden. Hat auch seine Vorteile. Wollt damit nur andeuten: gerade in Kreuzberg liegen die Widersprüche regelrecht in der Luft. Ich hab nie begriffen, warum alle das als freundlichen, offenen Stadtbezirk bezeichnen. Ich spüre da mehr als woanders irgendwas Bedrohliches. Einfach vom Instinkt her. Dagegen in Charlottenburg, wo mein Freund wohnt, gefiel es mir von Anfang an.
Die Liebesgeschichte, die Du andeutest ist mir zu lau. Nichts halbes und nichts ganzes.
Habe ich sehr gerne gelesen. Beim nächsten Mal wird über den Boxi gebummelt.
Gruß FK

 

Hallo @Frieda Kreuz ,
ging mir bei meiner Ankunft in Berlin auch so. Haben alle von Kreuzberg geschwärmt. Ich war dann auch geschockt am Anfang und dachte mir, ziemlich heruntergekommene Ecke. Weshalb ich dann im Wedding gelandet bin. Es ist inzwischen gute 10 Jahre her, dass ich Berlin verlassen habe. Leider lässt sich das Gefühl der rosa Brille von damals nicht wieder einfangen. Deshalb fehlt wahrscheinlich die Tiefe in der Beschreibung.

Zur sogenannten Liebesgeschichte gebe ich dir recht. Wobei ich auch noch unschlüssig bin, ob die beiden wirklich eine Beziehung im klassischen Sinne haben. Ich dachte da mehr an eine Künstler-Muse-Geschichte. Oder einfach eine tiefere Bindung, die er nicht so leicht loslassen kann, sie aber schon. Ich werde es nochmal überdenken. :)

Freut mich trotzdem, dass du es gern gelesen hast.

Gruß

Sam

 

@Frieda Kreuz

Die Liebesgeschichte, die Du andeutest ist mir zu lau. Nichts halbes und nichts ganzes.
Und du hast recht. Ich habe mir nochmal Gedanken dazu gemacht. Gerade das Telefonat ist nicht authentisch. Zumindest nicht für mich. Da hab ich wohl zu sehr auf die Romantik gesetzt. Halbgare Kost. :)

Ich hab den Dialog am Telefon deshalb nochmal umgeschrieben.

 

Hallo @Sam O.
da hatte ich dich für einen Studenten gehalten, der seit kurzem in B ist. Stattdessen bist du längst woanders. Finde ich aber gut, dass du dich nicht auch wie fast alle hellbegeistert von der Kreuzberger Atmosphäre zeigst. Vielleicht solltest du diese Eindrücke in deine Geschichte einarbeiten. Die Brüche interessieren immer mehr. Irgend wie liest sie sich zwar gut, könnte aber auch ein kulinarischer Artikel aus der zitty sein. Falls du die noch kennst. Dort haben sie immer gastronomische Highlights abgeklappert. Lang, lang ist´s her.
Gruß Frieda

 
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Lieber @Sam O. !

Gefällt mir. Um mich auf eine Vorkritik zu beziehen: Lau ist hier nix, nur still. (Vielleicht betraf das aber eine vorige Version.)
Handlung ist da nicht viel – jedoch benötigt es auch nicht mehr. Fein, stimmungsvoll, aber nicht sentimental. Schöne Zeichnung.

Die Beschreibung der Großstadtszene könnte etwas 'ungewöhnlicher' sein, so hat man das oft gelesen, also ich.

Er ist als Figur, verglichen mit ihr, blasser. Der könnte noch 1-2 Sätze Profil bekommen (aber nicht in den letzten Absätzen, sondern vorher).

Paar Kleinigkeiten, Feinschliff:

Er musste an Amsterdam denken, als er die steinerne Brücke, unter deren grünem Geländer die Spree sich schlängelte, sah.
Mir zu verschachtelt:
Er musste an Amsterdam denken, als er die steinerne Brücke sah, unter deren grünem Geländer die Spree sich schlängelte.

dennoch ein, in sich stimmiges,
Die Kommas können weg.

Kann ich euch dazu nur empfehlen. Und Fladenbrot.” „Nehmen wir mit.“ sagte Lea
Rate dir zu Absätzen bei den Dialogen: Lesbarkeit.

Es war zugleich auch seine Erste
erste

Ein zusätzlicher Biss in das Fladenbrot, um das Geschmackserlebnis abzurunden.
Strich: zu erkärend von außen

Er erschrak an seiner Unhöflichkeit
Über seine?

die auf einmal gedankenverloren in die Ferne zu schauen schien.
schaute – das sieht er ja.

anz.“ sagte sie mit einem leisen Seufzen
Hier und überall: Anführungszeichen, Komma
...anz“, sagte sie

Ungefilterte Gefühle und Glücksmomente kommen einfach zu kurz.
Etwas dozierend

“Ich hab‘ ne schlechte Nachricht für dich.” sagte Lea zu ihm.
Starker Moment, die Wende.

Ok. Das heisst?
heißt

Es blieb Still am anderen Ende der Leitung
still

Du kannst ja kommen, wenn du magst.“ sagte Lea. „Alles Klar”, antwortete er.
Stark. Vor allem, dass sich der Erzähler jedes Kommentars enthält, stattdessen die Bilder, Szene für sich allein wirken lässt: Das schafft Raum.

Er geht immer noch dienstags auf den türkischen Markt. Er setzt sich dann ans Ufer, um Kapernbeeren mit Thunfischpaste zu essen. Aber so geschmeckt wie damals, haben sie seit dem nicht mehr.
Womöglich zu lang. Meinem Geschmack nach reicht es kürzer: 'Aber es war nicht/nie mehr dasselbe' (ist Geschmackssache). Deinen Satz habe ich so ähnlich außerdem schon oft gelesen.

Gruß
Flic

 

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