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Trinkertrikolore

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Trinkertrikolore

Der Bauch voller Alkohol, der Kopf voller Gedanken über mich und mein Leben. Absinthflaschen standen sorgfältig aufgereiht in einer Holzkiste wie Patronen in einem Magazin. Natürlich war in ihnen nicht das regulierte Zeug. Der Versuch eines wohlwollenden Staates, mich vor mir selbst zu schützen, war an mir selbst gescheitert. So trank ich den Absinth mit unbekannter Menge Thujon für unvorhersehbare Wirkung. Ich füllte das geleerte Wasserglas bis zum Rand, verfolgte einen Gedanken, der jedoch spurlos verschwand. An was hatte ich eben gedacht? Draußen im Wald dämmerte es bereits. Die Bäume standen vor dem grauen Himmel, nahmen mir die Sicht auf die Sterne. Noch einmal dachte ich an meinen großen Tag zurück, daran, wie mein Vorgesetzter zu meinem Schreibtisch stolziert war.
„Ich konnte den Vorstand von Ihnen überzeugen. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt COO“, hatte er gesagt, dabei das „Ich“ betont.
Im nächsten Moment schlenderte er in sein Büro und beantwortete seine Mails. Ich hätte mich freuen sollen, aber konnte es nicht. Der Erfolg wurde beliebig im Moment der Erreichung, geradezu lächerlich. Seit der Erkenntnis war mein Schlaf ein quälendes hin und her Wälzen, das mich jeden Morgen ausgezehrter aufwachen ließ. Warum? Ich brauchte Lösungen. Ein Astronaut in einer Raketenkapsel, bereit in der Atmosphäre zu verglühen auf dem Weg ins Innere. Ich schlug das leergewordene Glas auf den Holztisch. Was stimmte nicht mit mir? Was hatte ich falsch gemacht? Wie konnte ich es wieder richtigstellen? Doch es rumorte nur in mir. In einer einzigen Bewegung bemerkte ich meine Übelkeit, stieß auf, übergab mich auf die Tischplatte. Mein Inneres stellte sich als braun heraus und stank nach Kotze.

Der Kater am nächsten Morgen war grausam, doch ich ertränkte seine sieben Leben in Absinth. Dann war mein Schädel wieder frei von den Schmerzen. Ich versuchte an den Gedankengängen vom Vortag anzuschließen, doch sie entfalteten keine Wirkung mehr. Worte, jeglicher Bedeutung beraubt, trieben wie Wasserleichen durch mein Hirn. Auch ein weiteres Glas machte sie nicht lebendiger. Ich floh vor ihnen, lief in der Holzhütte auf und ab. Bisher hatte ich mich nicht genauer umgesehen, hatte doch meine Aufmerksamkeit nur mir selbst gegolten. Jedenfalls fand ich unter dem Holztisch eine Truhe. Das Vorhängeschloss war alt und hielt ein paar Schlägen mit einem schweren Ast nicht stand. Drinnen fand ich einen Haufen Bücher. Das meiste war Schund, irgendwelche Gedichtbände von irgendwelchen Traumtänzern. Ich warf sie beiseite. Erst bei einem Buch von Hemingway hielt ich inne, eine Jagdgeschichte in Afrika. Warum nicht? Ich wusste ja nicht, wohin mit mir.

Zu sagen, ich hätte das Buch gelesen, wäre eine Übertreibung. Ich überflog einige Stellen, blätterte weiter, trank Absinth. Nur selten brachte ich genug Konzentration auf, um tatsächlich mitzubekommen, was ich las. Bilder von Antilopen tauchten vor mir auf, von der heißen Savanne, dann nahm ich einen Schluck und alles verschwamm zu brauner Melasse. Ich torkelte hinüber zur Truhe. Es musste doch in tausenden Jahren Menschheitsgeschichte irgendwer irgendwas geschrieben haben, das mich mir selbst erklärte. Oder nicht? Unter einer weiteren Schicht von wertlosen Büchern kam eine Metallkiste zum Vorschein, darin eine Flinte samt Munition. Ihr Schaft war kühl und so grau wie der Himmel draußen. Ich fing an zu lachen und schlief ein.

Am dritten Tag erwachte ich aus irgendwas zwischen Schlaf und Tod, pisste Weinrot. Ich war wie Jesus, nur besoffener. Sofort griff ich nach dem Absinth, um den unerträglichen Kopfschmerz zu vertreiben. Den ersten Schluck erbrach ich wieder, den zweiten auch, aber der dritte blieb in mir. Ab dann lief das Trinken wie von selbst. Der Preis dafür waren alle meine Gedanken. Sie rannen mir durch die Finger, verschwanden noch im Moment ihrer Entstehung. Der Absinth überschwemmte meinen Kopf und ließ nichts als braunen Matsch zurück. In meinem Inneren war nichts mehr zu holen, also ging ich in den Wald.

Draußen dämmerte es bereits, ich musste ewig geschlafen haben. Ich torkelte durch das Unterholz, die geladene Flinte unter meinem Arm. Was ich damit wollte, wusste ich nicht. Wohin ich lief und wie lange, wusste ich ebenso wenig. Tatsächlich wusste ich gar nichts. Mein Kopf war leer, meine Augen sahen nur den Beinen beim Laufen zu. Erst leises Rascheln vor mir ließ mich die Umgebung bemerken. Ein Reh trat aus dem Dickicht. Ein brauner Punkt im grauen Licht des schwindenden Tages. Ich hielt den Atem an, sah zu, wie es vorsichtig durch den Wald schritt. Es streckte seinen Kopf in die Höhe, schnupperte nach Düften, die ich nicht roch, niemals riechen würde. Seine großen Augen glänzten. Sie waren schön. Ich wollte mich umdrehen, leise sein, es auf keinen Fall in die Flucht treiben, doch mein Körper entzog sich meiner Kontrolle, wie es schon mein Inneres getan hatte. Ich verlor das Gleichgewicht. Ein Versuch, nach einem Ast zu greifen, mich festzuhalten. Vergebens. Ich fiel auf den Boden. Ein dumpfer Aufprall. Das Reh schreckte auf, spitzte die Ohren, sah in meine Richtung. Die feinen Linien seines Gesichts schienen zu einem sorgenvollen Ausdruck verzogen zu sein. Für einen kurzen Moment war es ruhig, eine Stille, so zähflüssig wie Sirup. Dann wollte das Reh fliehen, ich sah, wie sich die Muskeln seiner Hinterläufe anspannten. Es sollte nicht wegrennen. Es sollte dort bleiben. Es sollte schnuppern. Ein Knall zerriss die eben noch undurchdringliche Ruhe. Die Beine des Rehs knickten ein, sein Körper klatschte auf den Untergrund. Auf seiner Reise in Afrika hatte Hemingway eine Hyäne erschossen. Beim Sterben fraß das Tier seine eigenen Gedärme. Das Reh hingegen blickte mich nur traurig an. Das Blut breitete sich gemächlich aus, dampfte, als es auf den kühlen Waldboden traf. Rot versickerte langsam in der braunen Erde.

 
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Bisher hatte ich mich nicht genauer umgesehen, hatte doch meine Aufmerksamkeit nur mir selbst gegolten.

M. E. ein bemerkenswertes Zweitwerk,

liebe*r Klamm,

über einen – ich nenn’s mal so - „heiligen“ Säufer, der über den Abschuss einer harmlosen Kreatur (einem Reh) zumindest für den Augenblick seine Ich-Bezogenheit verdrängt. Man weiß nicht, warum er trinkt oder ob die Nähe zu dem von Hemingway geschilderten Ereignis (dem gewaltsamen Tod einer Hyäne, übrigens einem „sozialen“ Raubtier) eine einmalige Reaktion auslöst - aber der Schluss lässt so etwas wie Hoffnung aufscheinen am eigenen Problem (was natürlich die gegenteilige Reaktion bei der Kürze des Textes nicht ausschließt).

Bissken Flusen & Sonstiges

Der Versuch eines wohlwollenden Staates, mich vor mir selbst zu schützen, war an mir selbst gescheitert.
Eines der gedoppelten Pronomen (ich, mit dem unbeugsamen selbst) ist eigentlich bei mir „selber“ allemal entbehrlich. Interessant und der näheren Bestimmung halber wäre es zB bei eine zwoten Person jenseits des erzählenden Ichs,

und prompt wird das Unbekannte doppelt verwendet

So trank ich den Absinth mit unbekannter Menge Thujon für unbekannte Wirkung.
denn die Wirkung des „Unbekannten“ wird ja schon in eben demselben angedeutet. Was ich kenne ist nicht mehr so richtig unbekannt ...

Noch einmal dachte ich an meinen großen Tag zurück, daran, wie mein Vorgesetzter zu meinem Schreibtisch stolziert war.
„daran“ eigentlich auch eine unnötige Doppelung. Auch bei der in dem Fall vergleichenden Konjunktion "wie" solltestu abwägen, ob nicht besser ein alternatives "als" zu verwenden wäre. Warum? "Wie" steht für gleichartig (er ist so groß wie ich), was ein Angestellter sicherlich nicht gegenüber dem Boss ist (wie ich auch nicht größer bin "als" der statistisch durchschnitttliche Mann)

„Ich konnte den Vorstand von Ihnen überzeugen. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt COO.“, hatte er gesagt, …
Die wörtl. Rede endet, sofern es beim reinen Aussagesatz bleibt, ohne Satzzeichen, das voll durchs Komma vertreten wird. Nur Frage oder Ausruf werden besonders gekennzeichnet, selbst wenn nach den auslaufenden Gänsefüßchen das Komma gesetzt wird, allein schon, um den Redebegleitsatz (hatte er gesagt) mit Minuskel („hatte“) beginnen zu können

Ich schlug das leergewordene Glas auf den Holztisch.
Um leer zu sein muss ein vordem „volles“ Glas … na, Du weißt es doch

Ich wusste ja sowie nicht, wohin mit mir.
Trau Dich ruhig, noch ein „so“ („sowieso“) anzufügen oder „sowie“ wegzulassen (probier aus, es ginge auch ohne …)

Ich torkelte herüber zur Truhe.
"hinüber"! Das Adverb „her“ wird i. d. R. verwendet, wenn jemand zu mir/dem Sprecher kommen soll (komm her), gehts zu xy, geht er (dort)hin

Ein brauner Punkt im grauen Licht des verschwindenden Tages.
Keineswegs falsch mit der Vorsilbe, aber der schwindende Tag wirkt literarischer und zeigt auch Dauer an

Es streckte seinen Kopf in die Höhe, schnupperte nach Düften, die ich nicht roch, niemals riechen können würde.
Ja, der Konjunktiv ist ein besonderes Thema hierorts und gleich drei Verben hintereinander ist auch recht stattlich. Wie wäre es kurz und bündig im Indikativ „niemals riechen kann“ oder „riechen werde“ (a) können ist von nur binärer Wertigkeit – entweder es kann/ist oder eben nicht.
Ein VersuchKOMMA nach einem Ast zu greifen, mich festzuhalten.

Für einen kurzen Moment war es ruhig, eine StilleKOMMA oder Gedankenstrich so zähflüssig wie Sirup.
(Zeichensetzung gilt auch für Ellipsen [= unvollständige Sätze])

Wie dem auch sei und trotz des doppelt bedauernswerten Themas

nicht ungern gelesen vom

Friedel,

der nun erst mal mit einem herzlich willkommen hierorts schließt und ein schönes Wochenende wünscht!

 
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Hej @Klamm , der Text, die Dreisamkeit eines Trinkers, der Aufbau, die Bilder und Metaphern, der Protagonist, der sich schonungslos zeigt und so manches mehr, versetzte mich eben in Entzücken. Sogar der Titel fügt sich geschmeidig in mein Hirn.
Natürlich bin ich nicht zufrieden!
Ich schwankte mit jedem Satz von Mitgefühl zu Ablehnung, Mitleid und Verständnis, Respekt und Unverständnis. Und die bedeutende Frage, was ist denn bloß passiert, damit der Mann am Ende im Wald landet?
Dennoch ist es mir egal, denn du führst mich drei Tage durch die alles entscheidende Zeit eines Mannes, dem das Leben aus den Händen geglitten ist.

Absinthflaschen standen sorgfältig aufgereiht in einer Holzkiste wie Patronen in einem Magazin.
Der zweite Satz, nach dem Titel und du machst unmissverständlich deutlich, womit und mit wem ich es zu tun haben werde, deutet auf das Ende hin und ich bin nicht mal enttäuscht oder fühle mich gspoilert. Ich frage mich aber augenblicklich, in welcher Zeit ich mich befinde, warum er ausgerechnet zu diesem Suff gegriffen hat. Bis zum COO vermutete ich die Mitte des 19. Jahrhunderts. Also nicht zu lange, um mich in die Irre geführt zu fühlen.;)
Die Bäume standen vor dem grauen Himmel, nahmen mir die Sicht auf die Sterne.
Klar, das wird nichts mehr. Der greift nicht nach den Sternen, er kann sie nicht mal mehr sehen.
verfolgte einen Gedanken, der jedoch spurlos verschwand.
Ich versuchte an den Gedankengängen vom Vortag anzuschließen, doch sie entfalteten keine Wirkung mehr.
Der Preis dafür waren alle meine Gedanken. Sie rannen mir durch die Finger, verschwanden noch im Moment ihrer Entstehung.
Es gefällt mir so ... derbe gut, wie du drei Tage lang den Zustand seiner Gedanken kurz und prägnant zeigst.
Ein Astronaut in einer Raketenkapsel, bereit zu verglühen auf dem Weg ins Innere.
Mit diesem Bild habe ich so meine Schwierigkeiten. Es ist recht kryptisch und ich stecke viel zu lange darin fest, obwohl ich weiter mit dem Protagonisten mitleiden will, hoffen will, denn ein Astronaut, der wohl schon mit einer Kapsel verglühen könnte, ist doch aber nicht auf dem Weg ins Innere. Nicht so wie der Protagonist.
Mein Inneres stellte sich als braun heraus und stank nach Kotze.
Ich verstehe, dass du das Bild zuvor benötigst, aber in meinem Kopf macht es sich zu breit und löst Verwirrung aus.
Der Kater am nächsten Morgen war grausam, doch ich ertränkte seine sieben Leben in Absinth.
:anstoss: dass ich das zuvor noch nie gelesen habe ...
Bisher hatte ich mich nicht genauer umgesehen, hatte doch meine Aufmerksamkeit nur mir selbst gegolten.
Es musste doch in tausenden Jahren Menschheitsgeschichte irgendwer irgendwas geschrieben haben, das mich mir selbst erklärte. Oder nicht?
Ich muss gestehen, ich habe noch nicht viele Geschichten von Trinkern, Alkoholikern (gibt es einen Unterschied?:rolleyes:) gelesen, so genügen mir die Innenansichten und ich habe eine Vorstellung, was ihn treibt. Zumal man auch bloß verzweifelt sein muss, wenn man sich selbst und seine Handlungen nicht mehr verstehen kann und Antworten sucht. Die Literatur bietet sie, wenn man will.
Ihr Schaft war kühl und so grau wie der Himmel draußen. Ich fing an zu lachen und schlief ein.
Diese Sätze sind ebenfalls scharf wie Schüsse, du ersparst mir lange Tiraden des Selbstmitleids und nehme sie dankbar an, wohlweislich, was mir am Ende blühen könnte.
In meinem Inneren war nichts mehr zu holen, also ging ich in den Wald.
Derselbe Eindruck für mein Empfinden hier! In seinem trüben Bewusstsein handelt er konsequent und folgerichtig. Er leitet, steuert und organisiert, wie er es eben gelernt hat. Genau diese Fähigkeiten brachten ihn zu seinem beruflichen Erfolg. Ich hätte ihm sagen können, dass diese Fähigkeiten für ein ausgefülltes und glückliches Leben nicht genügen würden. :shy::klug:
Mein Kopf war leer, meine Augen sahen nur den Beinen beim Laufen zu.
Beeindruckend, wie konsequent der Autor dagegen den Verlauf der Gedanken verfolgt.
Es streckte seinen Kopf in die Höhe, schnupperte nach Düften, die ich nicht roch, niemals riechen können würde. Seine großen Augen glänzten. Sie waren schön.
Zum Glück hast du den Text kurz gehalten, denn ich habe unglaublich viel Mitgefühl für deinen Trinker. Im Grunde kennt er sein Manko ja bereits: ihm fehlen die sinnlichen Seiten des Daseins. Möglicherweise hatte er im strammen Lauf seiner Karriere völlig übersehen, dass diese miss(aus)gebildet sind.
Die feinen Linien seines Gesichts schienen zu einem sorgenvollen Ausdruck verzogen zu sein.
Das Reh hingegen blickte mich nur traurig an.Und auch das Feingeistige, das Schöne trauert um den, der es nicht sieht. :(
Es sollte nicht wegrennen. Es sollte dort bleiben. Es sollte schnuppern.
Siehste! Er hat in diesem Augenblick eine leise Ahnung von den Defiziten seines Strebens. Die sinnbildliche Schönheit des Daseins darf er nicht vertreiben, hat er aber vertrieben und es blieb nur der Titel seines Erfolges. Deswegen die Leere, die fehlende Freude über die Beförderung (in diesen Etagen plustert man es sogar als Erfolg auf, wenn man sich für den Erfolg des anderen verantwortlich fühlt, also in deiner Geschichte
:D
).
Rot versickerte langsam in der braunen Erde.
Für mich ergibt sich mit dem Grün des Absinth eine eindeutige Trinkertrikolore

Werter @Klamm , meine Entzückung hat bis zum Schluss angehalten, sich selbstverständlich verändert, abgewandelt, aber es waren etliche Empfindungen darunter und ich habe diese drei Tage, die du kurz, knapp prägnant gehalten hast, genossen wie ... trockenen Champagner.

Gruß. Kanji

 
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Hallo @Friedrichard,

erstmal vielen Dank für den ausführlichen Kommentar und die grammatikalischen und sprachlichen Hinweise.

Der Versuch eines wohlwollenden Staates, mich vor mir selbst zu schützen, war an mir selbst gescheitert.
Eines der gedoppelten Pronomen (ich, mit dem unbeugsamen selbst) ist eigentlich bei mir „selber“ allemal entbehrlich. Interessant und der näheren Bestimmung halber wäre es zB bei eine zwoten Person jenseits des erzählenden Ichs,
Hier hast du schon recht. Das zweite selbst existiert nur, um das erste selbst zu doppeln, weil ich hier die genaue Bezeichnung wiederholen möchte. Soll eher ein Sprachbild sein, als die reine Beschreibung. Hmm, ich könnte beide "selbst" rausnehmen. Aber reicht "vor mir schützen" im ersten Satz? Darüber muss ich nochmal nachdenken.

und prompt wird das Unbekannte doppelt verwendet
So trank ich den Absinth mit unbekannter Menge Thujon für unbekannte Wirkung.
denn die Wirkung des „Unbekannten“ wird ja schon in eben demselben angedeutet. Was ich kenne ist nicht mehr so richtig unbekannt ...
Hier besteht ein ähnliches Problem. Aber unbekannt im zweiten Satz passt nicht so richtig, da hast du recht. Ich ändere das mal zu "unvorhersehbare" und sehe wie es mir gefällt.

Noch einmal dachte ich an meinen großen Tag zurück, daran, wie mein Vorgesetzter zu meinem Schreibtisch stolziert war.
„daran“ eigentlich auch eine unnötige Doppelung. Auch bei der in dem Fall vergleichenden Konjunktion "wie" solltestu abwägen, ob nicht besser ein alternatives "als" zu verwenden wäre. Warum? "Wie" steht für gleichartig (er ist so groß wie ich), was ein Angestellter sicherlich nicht gegenüber dem Boss ist (wie ich auch nicht größer bin "als" der statistisch durchschnitttliche Mann)
Bei dieser Wie-Konstruktion geht es mir eher darum, dass er an die Art und Weise denkt, wie der Vorgesetzte gelaufen ist. Ich finde mit "als" würde sich der Fokus des Satzes verändern. Es würde dann mehr um den Zeitpunkt gehen, finde ich. Auch an dem daran hänge ich irgendwie. Es soll von dem ganzen Tag auf das Verhalten des Vorgesetzten heranzoomen.

„Ich konnte den Vorstand von Ihnen überzeugen. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt COO.“, hatte er gesagt, …
Die wörtl. Rede endet, sofern es beim reinen Aussagesatz bleibt, ohne Satzzeichen, das voll durchs Komma vertreten wird. Nur Frage oder Ausruf werden besonders gekennzeichnet, selbst wenn nach den auslaufenden Gänsefüßchen das Komma gesetzt wird, allein schon, um den Redebegleitsatz (hatte er gesagt) mit Minuskel („hatte“) beginnen zu können.
Hmm, tatsächlich scheinst du da recht zu haben. Ich dachte, dass ich das so mit dem Punkt in der Schule gelernt habe. Komisch. Naja, man lernt immer wieder was dazu. :)

Ich schlug das leergewordene Glas auf den Holztisch.
Um leer zu sein muss ein vordem „volles“ Glas … na, Du weißt es doch
Das stimmt natürlich, aber ist leer dem leergeworden vorzuziehen? Ich spreche etwas weiter oben schon von einem leeren Glas, deshalb dachte ich mir leergeworden wäre etwas Variation.

Es streckte seinen Kopf in die Höhe, schnupperte nach Düften, die ich nicht roch, niemals riechen können würde.
Ja, der Konjunktiv ist ein besonderes Thema hierorts und gleich drei Verben hintereinander ist auch recht stattlich. Wie wäre es kurz und bündig im Indikativ „niemals riechen kann“ oder „riechen werde“ (a) können ist von nur binärer Wertigkeit – entweder es kann/ist oder eben nicht.
Die drei Verben sind mir im Nachhinein betrachtet auch etwas viel. Ich denke, ich werde ein niemals riechen würde daraus machen und hoffe, dass das so richtig ist.

Den Rest deiner Anmerkungen nehme ich dankend an und ändere meinen Text dahingehend.

Vielen Dank nochmal!
Klamm

 
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Hey Klamm,


ich habe die Kommentare oben nur überflogen, kann aber das "Entzücken" nicht teilen. Tja, wie soll ich's dir schonend beibringen: Dieser Text funktioniert nicht.

Beginnen wir mit der Diskrepanz zwischen "Absinth" und "COO": Da prallen zwei literarische Cluster aufeinander, die nicht zusammengehören: Bohemé und Business. Klar könnte der Schlipsträger auch Absinth in sich reinkippen, aber ich persönlich würde dann wohl eher andere "Mode"-Drogen bevorzugen ... Es ist letztlich auch egal, wie er "drauf kommt". Es geht mir um die Stimmigkeit des Ganzen, um die Stimmung. Und das passt nicht zusammen.

Okay. Er ist frustiert. Er hat den Job nicht gekriegt. Wobei: Er hat den Job DOCH gekriegt und ist trotzdem nicht glücklich. Verstehe ich. Aber ihn, den Protagonisten, in wenigen Seiten einer Kurzgeschichte so zu überzeugen, dass er - wie Hemingway (btw: Ich würde mich persönlich nicht anbiedern) - loszieht, mit einer Flinte bewaffnet, die er vorher nie in der Hand gehabt hat, eine Beute zu schießen; von der er nichts wissen kann ... Das ist eben sehr konstruiert.

Was ich damit wollte, wusste ich nicht. Wohin ich lief und wie lange, wusste ich ebenso wenig. Tatsächlich wusste ich gar nichts. Mein Kopf war leer, meine Augen sahen nur den Beinen beim Laufen zu.
Ja, meiner Meinung nach sollte - bei allem Suff^^ - der Protagonist wissen, was er tut; oder anders: Die Leser(!) sollten nachvollziehen können, warum der Protagonist das tut ... Das ist hier nicht gegeben.

Und was ist die Aussage, in a Nutshell: "Wenn du gekündigt wirst, nicht zufrieden im Job bist, dann zieh los und schieß ein Reh tot?" o.O

Ich würde die Story komplett aufgraben und von unten nach oben einmal durchgehen, denn diese Passagen sind eigentlich recht schön:

Ich hielt den Atem an, sah zu, wie es vorsichtig durch den Wald schritt. Es streckte seinen Kopf in die Höhe, schnupperte nach Düften, die ich nicht roch, niemals riechen würde. Seine großen Augen glänzten. Sie waren schön. Ich wollte mich umdrehen, leise sein, es auf keinen Fall in die Flucht treiben, doch mein Körper entzog sich meiner Kontrolle, wie es schon mein Inneres getan hatte. Ich verlor das Gleichgewicht. Ein Versuch, nach einem Ast zu greifen, mich festzuhalten. Vergebens. Ich fiel auf den Boden. Ein dumpfer Aufprall. Das Reh schreckte auf, spitzte die Ohren, sah in meine Richtung. Die feinen Linien seines Gesichts schienen zu einem sorgenvollen Ausdruck verzogen zu sein. Für einen kurzen Moment war es ruhig, eine Stille, so zähflüssig wie Sirup. Dann wollte das Reh fliehen, ich sah, wie sich die Muskeln seiner Hinterläufe anspannten. Es sollte nicht wegrennen. Es sollte dort bleiben. Es sollte schnuppern.

Und dann eben das Reh NICHT zu töten. Um in der Betrachtung des Rehs etwas anderes zu finden ... Ich würde die Waffe killen, Hemmingway sowieso. Und anstatt der beruflichen Katastrophe vielleicht eine persönliche, emotionale wählen: Eine Trennung von der Freundin, der Ehefrau: Und er braucht eine Auszeit, ist "draußen" in der Natur, hat seine Wut aber mitgebracht. Und er trinkt. Bier reicht völlig. Wodka, um sich wegzuballern. Und dann geht er besoffen raus, denkt, er wäre ein Jäger auf der Pirsch, hätte ein Gewehr in der Hand - und dann sieht er diese Schönheit, das Reh - und findet Frieden. :) Yeah!

P.S. Such dir mal das Video "Wenn es passiert" von "Wir sind Helden". Da ist das gut umgesetzt.

 
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23.06.2021
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Hallo @Klamm,

Dein Text hat mich gepackt, obwohl ich sonst eher andere Genres lese.

Der Versuch eines wohlwollenden Staates, mich vor mir selbst zu schützen, war an mir selbst gescheitert. So trank ich den Absinth mit unbekannter Menge Thujon für unvorhersehbare Wirkung
Die Idee des Absatzes finde ich richtig klasse. Zu den beiden unglücklich gewählten Doppelungen hat @Friedrichard ja schon etwas gesagt.

Ich füllte das leere Wasserglas bis zum Rand,
Das 'leere' kannst Du streichen

verfolgte einen Gedanken, der jedoch spurlos verschwand. An was hatte ich eben gedacht
Der Satz gefällt mir, nur frage ich mich, ob ein so vernebeltes Hirn ein Wort wie 'jedoch' verwenden würde.

Der Kater am nächsten Morgen war grausam, doch ich ertränkte seine sieben Leben in Absinth. Dann war mein Schädel wieder frei von den Schmerzen. Ich versuchte an den Gedankengängen vom Vortag anzuschließen, doch sie entfalteten keine Wirkung mehr.
Der ertränkte Kater gefällt mir sehr. "keine Wirkung mehr", gefällt mir hier nicht. Da würde ich eher etwas wie flüchtiges einsetzen, ... "waren längst verdunstet" oder ähnlich.

Worte, jeglicher Bedeutung beraubt, trieben wie Wasserleichen durch mein Hirn. Auch ein weiteres Glas machte sie nicht lebendiger
Gut.

Am dritten Tag erwachte ich aus irgendwas zwischen Schlaf und Tod, pisste Weinrot. Ich war wie Jesus, nur besoffener.
... pisste Weinrot ist gut.

Den ersten Schluck erbrach ich wieder, den zweiten auch, aber der dritte blieb in mir. Ab dann lief das Trinken wie von selbst. Der Preis dafür waren alle meine Gedanken. Sie rannen mir durch die Finger, verschwanden noch im Moment ihrer Entstehung. Der Absinth überschwemmte meinen Kopf und ließ nichts als braunen Matsch zurück
Die erbrochenen ersten Gläser kenne ich noch aus meiner Zeit als Suchttherapeut. Sehr passend, nur das "braun" passt nicht so richtig zum Absinth.

Mein Kopf war leer, meine Augen sahen nur den Beinen beim Laufen zu.
Klasse.

Das Blut breitete sich gemächlich aus, dampfte, als es auf den kühlen Waldboden traf. Rot versickerte langsam in der braunen Erde.
So beinahe friedlich. Dennoch sind sowohl das Reh, als auch der Protagonist am Ende.

Allerdings stimme ich @Dante zu, dass diese ganze Rückblende mit dem COO nicht so richtig passt. Lass ihn als Vater versagt haben, Ehefrau weg, Kinder hassen ihn, irgendso etwas.

Und wie wäre es, wenn er am Schluss versucht, sich selbst zu erschießen, weil er das Reh so unschuldig erlebt. Es darf dann offen bleiben, ob er das schafft, oder nicht. Irgend eine Art von Epiphanie oder zumindest Einsicht am Ende wäre gut.

Gerne gelesen und kommentiert.

Gruß,
Gerald

 
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Hey @Klamm ,

schön, mal was von dir zu lesen. Mir hat das gut gefallen. Es gibt für mein Empfinden zwei drei kleine/mittlere Baustellen, aber der Rest ging gut runter ;) (ja, bei der Vorlage bleiben dir solche Zwinkersprüche natürlich nicht erspart). Kurz: Warum nicht in Flashfiction?

Baustellen: Motivation (du deutest was an, aber wirst nicht konkret). Finde es nicht so schlimm, wenn das nur ein Ausschnitt bleibt und man die Motivation nicht erfährt; aber dann ist es halt nur eine Szene. Wenn du – wie du es getan hast – nur vage was andeutest und es wirkt, als wüsstest du selbst nicht bestimmt, was hier die Motivation sein soll, dann merke ich, du hättest gerne eine Motivation. Nur so kommt das halt beim Leser – wie du auch an den Kommentaren merkst – nicht rüber. Obwohl deine Ausführung in ihrer Intensität ganz klar eine Motivation beweist. Nur welche; das ist noch die Frage. Und ich finde es toll, wenn du das nicht auf dem Präsentierteller machst. Nur so, dass man auch auf was kommen kann. Alternative wäre: in einem Halbsatz die Motivation auf den Punkt bringen und zwar am Anfang. Ganz schlicht, ganz knackig: Leute, kurz und gut, das hier ist der Grund.
Baustelle2: Power. Ich finde, du fährst hier schon was auf. Aber da geht noch mehr. Mehr Konzentration, Intensität beim schreiben. Man merkt, dass der Luftballon nicht voll aufgeblasen ist. Gut, aber nicht bis zum Anschlag.
Und drittens: der Übergang zur Holzhütte. Wenn es eine Mindfuck-Sache ist, dann brauche ich da zumindest winzige Anhaltspunkte (also die Blockhütte ein Ort in seinem Kopf oder in einer anderen Zeitebene nach völligem Filmriss). Ansonsten kurzer Übergang: die Hütte eines Freundes im Wald soundso um runterzukommen
Das Ende finde ich stark.


Der Bauch voller Alkohol, der Kopf voller Gedanken über mich und mein Leben. Absinthflaschen standen sorgfältig aufgereiht in einer Holzkiste wie Patronen in einem Magazin.

mich stört der abgehackte Übergang zwischen diesen Erzähltönen. Das geht mir zu schnell. Das erste ist Innenansicht. Und das zweite dann Beschreibung von außen (wahrscheinlich ja aus seinen Augen; aber das kann man hier noch nicht checken, geht zu schnell). Ich würde mich für eines entscheiden. Ich würde den ersten Satz streichen oder zu mehr ausbauen.

Natürlich war in ihnen nicht das regulierte Zeug.

hier gibst du recht früh den schluderigen Erzählton vor. Man denkt an Bukowski und ja, so diese männlichen, schnodderigen, sich rough gebenden Erzähler. So was geht immer, finde ich. Aber es ist klar, dass das in dieser Form eben schon so vor sechzig, siebzig Jahren praktiziert wurde. Das tut dem aber keinen Abbruch. Ich denke, solcher Erzählton findet sich auch heute noch sein Publikum. Und ich finde es auch gut, dass du den Erzählton früh klar machst. Du würdest es scheinbar gleich im ersten Satz tun. Aber dieser erste Satz wirkt noch schnodderiger als der Rest. Das trifft es nicht. Vielmehr liegt es eben an so kleinen Wörtern wie 'Zeug' – die vielleicht auch immer ein bisschen klingen wie Übersetzungen solcher Wörter aus dem Englischen.

Der Versuch eines wohlwollenden Staates, mich vor mir selbst zu schützen, war an mir selbst gescheitert

mochte ich

Gedanken, der jedoch spurlos verschwand.

das finde ich gut, geht aber stärker. Ich zum Erzähler: Du bist doch so ein schroffer, die Welt verstandener und sie wieder auskotzender Typ, dann erklär mir gefälligst, was mit diesen Gedanken passiert ist, wohin oder wo rein sie gegangen sind. Zeichne mir das ganze hässliche Bild ihres Verschwindens!

grauen Himmel

auch hier

daran, wie mein Vorgesetzter zu meinem Schreibtisch stolziert war.
„Ich konnte den Vorstand von Ihnen überzeugen. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt COO“,

offensichtlich Infovergabe. Geht so, finde ich, weil es in der Exposition passiert. Könntest du aber auch geschickter machen. Mit Konflikt zum Beispiel.

Ich hätte mich freuen sollen, aber fühlte nichts.

Tell.

Zunge wie eine Schicht aus grauer Asche

Deutet eine Depression an. Ist eine viel gehörte Depressions-Metapher. Das letzte Mal bewusst wahrgenommen in Lars von Triers Melancholia. Kirsten Dunst zum Hackbraten: Schmeckt nach Asche
Hier wäre ja ein Ansatzpunkt für eine Motivation. Fänd ich aber zu langsam. Wie gesagt, ich würde das versuchen in einem Halbsatz abzuklären. Kurz und knackig.

Was stimmte nicht mit mir? Was hatte ich falsch gemacht? Wie konnte ich es wieder richtigstellen?

Fragen nach der Motivation

doch ich ertränkte seine sieben Leben in Absinth

bisschen Kalauer-mäßig, aber ich mochte es :-)

Ich floh vor ihnen, lief in der Holzhütte auf und ab.

Das ist der seltsame Satz des fehlenden Überganges in der Story.

Erst bei einem Buch von Hemingway hielt ich inne, eine Jagdgeschichte in Afrika.

Naja, das dürfte er für mein Empfinden auch schon mal gelesen haben. Schnee auf dem Kilimandscharo?

Ich war wie Jesus, nur besoffener.

immer diese direkten Wie-Jesus-Vergleiche :D liest man auch oft. Ein Effekt. Aber ich fand es hier gut.

Den ersten Schluck erbrach ich wieder, den zweiten auch, aber der dritte blieb in mir. Ab dann lief das Trinken wie von selbst. Der Preis dafür waren alle meine Gedanken. Sie rannen mir durch die Finger, verschwanden noch im Moment ihrer Entstehung. Der Absinth überschwemmte meinen Kopf und ließ nichts als braunen Matsch zurück. In meinem Inneren war nichts mehr zu holen, also ging ich in den Wald.

schön. Diese Passagen mochte ich sehr. Erinnerte mich an Malcom Lowry; Roths Legende vom heiligen Trinker; und Hoffmanns goldener Topf

Auf seiner Reise in Afrika hatte Hemingway eine Hyäne erschossen. Beim Sterben fraß das Tier seine eigenen Gedärme. Das Reh hingegen blickte mich nur traurig an. Das Blut breitete sich gemächlich aus, dampfte, als es auf den kühlen Waldboden traf. Rot versickerte langsam in der braunen Erde.

markierter Satz könnte irgendwie intensiver. Den Rest vom Ende fand ich wunderbar.

Gerne gelesen

Liebe Grüße
Carlo

 
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Hallo @Klamm

ich mag an dem Text vieles, das Atmosphärische, die Stimmung zwischen Suff, Trübsinn und Traum. Etwas mehr Intensität, Auslassungen, Ellipsen, Andeutungen, Sinneseindrücke, dann wäre das Konstrukt noch klarer. Gut fände ich, wenn du LeserInnen deutlicher im Unklaren lässt, was Fantasie, was Wirklichkeit ist, dann wäre der Texte stärker, beunruhigender, obwohl er schon den richtigen Flow einschlägt und sprachlich gut ausgearbeitet ist.

Paar Anmerkungen:

Absinthflaschen standen sorgfältig aufgereiht in einer Holzkiste wie Patronen in einem Magazin.
Was mich persönlich auch interessieren würde: was macht einen Absinth-Rausch aus. Ich bevorzuge ja Whiskey, Wein und Bojarski.

Natürlich war in ihnen nicht das regulierte Zeug.
gibts da Eigenbrände?

Der Erfolg wurde beliebig im Moment der Erreichung, geradezu lächerlich.
würde ich ins Präsens wechseln
Der Kater am nächsten Morgen war grausam, doch ich ertränkte seine sieben Leben in Absinth.
na ja, bisschen abgedroschen der Witz
Erst bei einem Buch von Hemingway hielt ich inne, eine Jagdgeschichte in Afrika. Warum nicht? Ich wusste ja nicht, wohin mit mir.
so so, ausgerechnet Hemingway, selbst Trinker, die Anspielung könnte für meinen Geschmack deutlicher werden
Am dritten Tag erwachte ich aus irgendwas zwischen Schlaf und Tod, pisste Weinrot. Ich war wie Jesus, nur besoffener.
warum wie Jesus?
Tatsächlich wusste ich gar nichts. Mein Kopf war leer, meine Augen sahen nur den Beinen beim Laufen zu.
gut erzählt
Ein brauner Punkt im grauen Licht des schwindenden Tages. I
bisschen viel braun insgesamt
Auf seiner Reise in Afrika hatte Hemingway eine Hyäne erschossen. Beim Sterben fraß das Tier seine eigenen Gedärme.
Hyänen sind eigenartige, mystische Tiere
Das Reh hingegen blickte mich nur traurig an. Das Blut breitete sich gemächlich aus, dampfte, als es auf den kühlen Waldboden traf. Rot versickerte langsam in der braunen Erde.
starkes Ende!

Das war's fürs erste, hoffe, du kannst was mit anfangen
Viele Und-jetzt-nen-Bojarski-Grüße
Isegrims

 
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Hi @Kanji,

vielen, vielen Dank für deinen Kommentar! Den drucke ich aus und hänge ihn mir eingerahmt an die Wand. :D Freut mich sehr, dass der Text für dich so gut funktioniert hat.

Der zweite Satz, nach dem Titel und du machst unmissverständlich deutlich, womit und mit wem ich es zu tun haben werde, deutet auf das Ende hin und ich bin nicht mal enttäuscht oder fühle mich gspoilert. Ich frage mich aber augenblicklich, in welcher Zeit ich mich befinde, warum er ausgerechnet zu diesem Suff gegriffen hat. Bis zum COO vermutete ich die Mitte des 19. Jahrhunderts. Also nicht zu lange, um mich in die Irre geführt zu fühlen.;)
Es ist wirklich interessant, wie viele Assoziationen an so manchen Wörtern hängen. Absinth kann man überall kaufen, aber irgendwie verbindet man es trotzdem mit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Ich habe hauptsächlich Absinth genommen, weil ich diese Halluzinations- und Verfallsebene des Thujons mitschwingen lassen wollte.

Es gefällt mir so ... derbe gut, wie du drei Tage lang den Zustand seiner Gedanken kurz und prägnant zeigst.
Vielen Dank.

Mit diesem Bild habe ich so meine Schwierigkeiten. Es ist recht kryptisch und ich stecke viel zu lange darin fest, obwohl ich weiter mit dem Protagonisten mitleiden will, hoffen will, denn ein Astronaut, der wohl schon mit einer Kapsel verglühen könnte, ist doch aber nicht auf dem Weg ins Innere. Nicht so wie der Protagonist.
Verstehe deinen Punkt absolut. Hier will ich das Bild von einer Kapsel zeigen, die gerade zurück auf die Erde fliegt. Das Innere soll also das Innere der Atmosphäre sein. Ich habe das mal so geändert und hoffe, dass es so einigermaßen passt:

Ein Astronaut in einer Raketenkapsel, bereit in der Atmosphäre zu verglühen auf dem ins Innere.

Derselbe Eindruck für mein Empfinden hier! In seinem trüben Bewusstsein handelt er konsequent und folgerichtig. Er leitet, steuert und organisiert, wie er es eben gelernt hat. Genau diese Fähigkeiten brachten ihn zu seinem beruflichen Erfolg. Ich hätte ihm sagen können, dass diese Fähigkeiten für ein ausgefülltes und glückliches Leben nicht genügen würden. :shy:
Echt cool, dass das bei dir rübergekommen ist. Habe an einigen Stellen versucht, diesen rein analytischen Blick darzustellen.

Zum Glück hast du den Text kurz gehalten, denn ich habe unglaublich viel Mitgefühl für deinen Trinker. Im Grunde kennt er sein Manko ja bereits: ihm fehlen die sinnlichen Seiten des Daseins. Möglicherweise hatte er im strammen Lauf seiner Karriere völlig übersehen, dass diese miss(aus)gebildet sind.
Siehste! Er hat in diesem Augenblick eine leise Ahnung von den Defiziten seines Strebens. Die sinnbildliche Schönheit des Daseins darf er nicht vertreiben, hat er aber vertrieben und es blieb nur der Titel seines Erfolges. Deswegen die Leere, die fehlende Freude über die Beförderung (in diesen Etagen plustert man es sogar als Erfolg auf, wenn man sich für den Erfolg des anderen verantwortlich fühlt, also in deiner Geschichte
:D
).
Auch hier kann ich eigentlich nur eins sagen: Freut mich sehr, dass der Text für dich das alles transportiert.

Für mich ergibt sich mit dem Grün des Absinth eine eindeutige Trinkertrikolore
Die dritte Farbe war eigentlich das immer wiederkehrende grau. Also grau, braun und rot als die einzigen Farben, die er in seiner Umwelt wahrnimmt. Aber mit dem grün der grünen Fee ergibt sich vielleicht die schönere Trikolore. :)

Dir nochmal vielen Dank für den ausführlichen und wahninnig motivierenden Kommentar! Wünsche dir noch einen schönen Abend.

Grüße
Klamm

 
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Hey @Klamm,

Ich habe hauptsächlich Absinth genommen, weil ich diese Halluzinations- und Verfallsebene des Thujons mitschwingen lassen wollte.
Dass du dich so prominent für den Absinth entschieden hast, finde ich schon problematisch. Natürlich provoziert das Assoziationen beim Leser. Du verstärkst den Effekt dann noch mit Hemingway und wählst einen Stil, der eher Richtung Poe, eher antiquiert auf mich wirkt. Zeitlich verortest du die Melange dann ins 21. Jhd. Für mich passt das einfach nicht zusammen.
Zudem steht mWn die ganze Thujon-Theorie auf sehr wackligen Beinen. Ist die nicht widerlegt? Abgesehen davon habe ich die von dir erwähnte Halluzinationsebene wohl überlesen.

Der Bauch voller Alkohol, der Kopf voller Gedanken über mich und mein Leben.
Der erste Satz verspricht mehr, als er hält. Klar, dass sich der Magen füllt, erfahre ich später, die Gedanken bleiben jedoch weitgehend vernebelt bzw. "rannen ... durch die Finger, verschwanden noch im Moment ihrer Entstehung". Dein Prota stellt 'ne Menge Fragen, eine Erinnerung, viel mehr ist da aber nicht.

Zudem: Wenn ich mir Gedanken über mich mache, schließt das natürlich mein Leben mit ein. Mache ich mir Gedanken über mein Leben, haben sie natürlich mit mir zutun. Ich würde mich entscheiden und dann eindampfen.

Ich hatte die Waldhütte zufällig gefunden, dann sofort alles hergebracht.
Wirkt doch sehr unglaubwürdig, du machst es dir hier schon sehr einfach. Mehr Abkürzung geht wohl kaum. Dein COO findet zufällig 'ne Hütte und bringt dann sofort alles hin. Mja.

Natürlich war in ihnen nicht das regulierte Zeug. Der Versuch eines wohlwollenden Staates, mich vor mir selbst zu schützen, war an mir selbst gescheitert. So trank ich den Absinth mit unbekannter Menge Thujon für unvorhersehbare Wirkung.
Wie gesagt, ich meine, das Zeug von früher hatte - wie man heute weiß - einen vergleichbaren Thujon-Gehalt wie heute. Lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. Die haben den Hochprozenter halt literweise in sich reingeschüttet.

Ich hab' das oben schon geschrieben, durch deine Festlegung auf Absinth und einer angestrebten Ebene, die du eigentlich nicht bedienst (Halluzinationen), bastelst du dann was in den Text, was ein wenig infodumpmäßig rüberkommt. Oder hat er sich die Jagdszene nur eingebildet?
Was verliert der Text, wenn der Absinth durch was auch immer ersetzt werden würde? Ja, du könntest solche Einschübe gewinnbringend wegstreichen, mehr nicht, finde ich. Es geht ja nicht um den Stoff im Text, der Fokus liegt doch ganz woanders, nicht?

Ich füllte das leere Wasserglas bis zum Rand, verfolgte einen Gedanken, der jedoch spurlos verschwand.
Das ist so nichtssagend. Du erwähnst etwas, das spurlos verschwindet. Ich verstehe schon, dass du damit etwas ausdrücken möchtest, aber dein Prota verfolgt ja dennoch einen Pfad (Gedanken), auf den du mich nicht mitnimmst. Erwähne doch etwas, dass ich als Leser greifen kann. Kannst du ja gerne abreißen lassen, aber zumindest ein Fragment möchte ich schon erfahren. Oder du erwähnst das erst gar nicht, sonst befriedigt mich das nicht, weil du was ankündigst, über das du sogleich einen Schleier wirfst, den du auch bis zum Ende liegenlässt.

Der Erfolg wurde beliebig im Moment der Erreichung ...
Meine Vorfreude, mein Antrieb verkehrten sich in ihr Gegenteil, wurden hart und grau.
Mal exemplarisch: Ich nehme dem Erzähler einfach nicht ab, ein Businessman zu sein. Stilistisch passt das für mich einfach nicht.

Ein Astronaut in einer Raketenkapsel, bereit in der Atmosphäre zu verglühen auf dem ins Innere.
Da fehlt was.


Ich finde, da sind schon schöne Sätze/ Passagen in deinem Text, wurde ja bereits darauf hingewiesen, insgesamt überzeugt er mich aber nicht. Da passt einiges nicht zusammen, wirkt konstruiert und ein wenig wild zusammengebastelt, finde ich; stilistisch und eben auch inhaltlich. Dass er zufällig die Hütte findet, zufällig die Kiste mit der Flinte (nebst Munition) - was zufällig ganz wunderbar zu Hemingways Text passt -, dann stockbesoffen ein Reh erwischt, obwohl er sich nicht mal auf den Beinen halten kann ... jo.
Ich weiß gar nicht, was ich dir jetzt noch Konstruktives hinterlassen könnte, ich breche hier jetzt einfach mal ab.

Ist natürlich alles subjektiv, hast ja auch positives Feedback erhalten, also: so what! Vielleicht kannst du ja dennoch was aus meinem Komm ziehen. Wenn nicht, dann nicht.

Danke fürs Hochladen


hell

 
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Wohin ich lief und wie lange, wusste ich ebenso wenig. Tatsächlich wusste ich gar nichts. Mein Kopf war leer, meine Augen sahen nur den Beinen beim Laufen zu.

Ich verlor das Gleichgewicht.

Rot versickerte langsam in der braunen Erde.

Ich noch mal, wenn ich darf,

lieber Klamm -

hastu den Namen wegen der Geschichte gewählt?, denn „klamm“ meint neben anderem vor allem „feuchtigkeitdurchzogen“ und „nass kalt“ und zu allem Überfluss – wenn etwa der Job nicht nur, aber ggfs. auch – verschütt’ geht, was beim Schicksal Deines Helden nicht auszuschließen ist, „knapp bei Kasse“.

Ja, und warum Absinth (irgendwer meiner nun Vorredner fragt danach) – Trinkbranntwein auf Wehmut-, pardon Wermutbasis.

Ich hoffe, das Wortspiel mit der klanglichen Ähnlichkeit wird verstanden ...

Und weil ich bei @Carlo´2 Geschichte hinsichtlich der Spielsucht hingewiesen habe, nun auch hier der Ausdruck zur „Sucht“ im uns am nächsten stehenden westgermanistischen Dialekt, dem Niederländischen „de verslaving aan drank“, das zwar nicht buchstäblich bedeutet, was wir da hineinlesen, aber die „Sucht“ kommt weniger durch „s/Suche/n“ als dem „Verlangen“.

Wie dem auch wird - Sucht ist das Thema unserer Zeit ...

meint der

Friedel

Nachtrag, 13.10.2021, ca. 8 Uhr

natürlich hängt das Wort "Sucht" auch mit dem uralten "siech" und folglich "Siechtum" (schon im gotischen Sprachgebiet "siukan", "krank sein") zusammen, die älteste westgermanistische Bezeichnung für "Krankheit" (da siecht dann einer dahin) und hat dann ein weites Feld der Bedeutung(en) vom Aussatz, Fieber, Pest, Seuche usw. usf.

Nu is' aber genuch!

Schönen Tag noch wünscht der

Friedel

 
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Hallo @Dante,

schade, dass dir der Text nicht gefallen hat. Trotzdem danke für deinen Kommentar und deine Vorschläge. Ich gehe die Anmerkungen einfach mal der Reihe nach durch.

Beginnen wir mit der Diskrepanz zwischen "Absinth" und "COO": Da prallen zwei literarische Cluster aufeinander, die nicht zusammengehören: Bohemé und Business. Klar könnte der Schlipsträger auch Absinth in sich reinkippen, aber ich persönlich würde dann wohl eher andere "Mode"-Drogen bevorzugen ... Es ist letztlich auch egal, wie er "drauf kommt". Es geht mir um die Stimmigkeit des Ganzen, um die Stimmung. Und das passt nicht zusammen.
Da habe ich jetzt schon eine Weile drüber nachgedacht, aber irgendwie verstehe ich den Part nicht so ganz. Zwei literarische Cluster verbinden klingt für mich eher positiv als negativ. Ich sehe auf jeden Fall, dass ich mit dem Absinth und dem COO unterschiedliche Assoziationen anschneide, aber ist das schlecht? Will ich denn ausschließlich innerhalb alter Assoziationen operieren? Glaube, da hätte ich eher das Gefühl Klischees zu bedienen.

Okay. Er ist frustiert. Er hat den Job nicht gekriegt. Wobei: Er hat den Job DOCH gekriegt und ist trotzdem nicht glücklich. Verstehe ich. Aber ihn, den Protagonisten, in wenigen Seiten einer Kurzgeschichte so zu überzeugen, dass er - wie Hemingway (btw: Ich würde mich persönlich nicht anbiedern) - loszieht, mit einer Flinte bewaffnet, die er vorher nie in der Hand gehabt hat, eine Beute zu schießen; von der er nichts wissen kann ... Das ist eben sehr konstruiert.
Ja, meiner Meinung nach sollte - bei allem Suff^^ - der Protagonist wissen, was er tut; oder anders: Die Leser(!) sollten nachvollziehen können, warum der Protagonist das tut ... Das ist hier nicht gegeben.
Ich habe den Eindruck, dass die Motivation des Protagonisten nicht so richtig rübergekommen ist, als du die Geschichte gelesen hast. Er ist eben nicht nur unglücklich bzw. frustriert, sondern steckt in einer Lebenskrise. Ich hatte das eher angerissen, weil es im Text viel darum geht, dass er keinerlei Zugang zu seinen Emotionen hat. Ich habe es etwas überarbeitet und hoffe, dass es besser nachvollziehbar ist.

Und dann eben das Reh NICHT zu töten. Um in der Betrachtung des Rehs etwas anderes zu finden ... Ich würde die Waffe killen, Hemmingway sowieso. Und anstatt der beruflichen Katastrophe vielleicht eine persönliche, emotionale wählen: Eine Trennung von der Freundin, der Ehefrau: Und er braucht eine Auszeit, ist "draußen" in der Natur, hat seine Wut aber mitgebracht. Und er trinkt. Bier reicht völlig. Wodka, um sich wegzuballern. Und dann geht er besoffen raus, denkt, er wäre ein Jäger auf der Pirsch, hätte ein Gewehr in der Hand - und dann sieht er diese Schönheit, das Reh - und findet Frieden. :) Yeah! P.S. Such dir mal das Video "Wenn es passiert" von "Wir sind Helden". Da ist das gut umgesetzt.
Vielleicht wäre das sogar die bessere Geschichte, keine Ahnung, aber so ein "Mann hat Stress mit seiner Alten, säuft sich einen an und am Ende gibts ein Happy End"-Text ist ja so überhaupt nicht, wo ich hin will. Na ja, ich überarbeite meine Geschichte auf jeden Fall nochmal.


Hallo @C. Gerald Gerdsen,

auch dir danke ich für deinen Kommentar.

Das 'leere' kannst Du streichen
Ja, da hast du recht. So wie der Satz jetzt da steht, macht das leer wenig Sinn.

Der Satz gefällt mir, nur frage ich mich, ob ein so vernebeltes Hirn ein Wort wie 'jedoch' verwenden würde.
Hmm, es ist ja eher eine Nacherzählung der Ereignisse. Wenn ich den so schreiben müsste, wie der Protagonist gerade denkt, dann sähe die Geschichte ganz anders aus, glaube ich. :)

Der ertränkte Kater gefällt mir sehr. "keine Wirkung mehr", gefällt mir hier nicht. Da würde ich eher etwas wie flüchtiges einsetzen, ... "waren längst verdunstet" oder ähnlich.
Die Gedanken müssen ja noch im Kopf sein, damit das darauffolgende Bild funktioniert. Er soll nur die Worte an sich vor sich sehen, aber schon zu kaputt sein, um irgendwas damit anfangen zu können.

Die erbrochenen ersten Gläser kenne ich noch aus meiner Zeit als Suchttherapeut.
Die kenne ich zum Glück auch nicht aus erster Hand. :D

Allerdings stimme ich @Dante zu, dass diese ganze Rückblende mit dem COO nicht so richtig passt. Lass ihn als Vater versagt haben, Ehefrau weg, Kinder hassen ihn, irgendso etwas. Und wie wäre es, wenn er am Schluss versucht, sich selbst zu erschießen, weil er das Reh so unschuldig erlebt. Es darf dann offen bleiben, ob er das schafft, oder nicht. Irgend eine Art von Epiphanie oder zumindest Einsicht am Ende wäre gut.
Hmm, die COO-Rückblende ist mir eigentlich sehr wichtig bei dem Text. Vielleicht könnte man den Prota auch über solche zerstörten Beziehungen charakterisieren, aber dann geht viel verloren, denke ich. Es soll eben ein Karrierist sein, dessen ganzes Lebenskonzept zu scheitern droht.
Über die Epiphanie denke ich nochmal nach, bin ja noch mittendrin in der Überarbeitung. :)


Nochmal vielen Dank euch beiden für eure Kommentare!

Grüße
Klamm

 
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Sorry, dass das mit den Antworten etwas länger dauert. Ich brauche echt ewig, um die zu schreiben.

Hi @Carlo Zwei,

dein Kommentar hat mir tatsächlich sehr weitergeholfen, auch die Kritik der anderen Kommentatoren besser zu verstehen. Vielen Dank dafür.

Kurz: Warum nicht in Flashfiction?
Hätte ich wahrscheinlich machen können/sollen. Ich weiß gar nicht so genau, was Flash Fiction ausmacht, außer halt, dass sie kurz ist. Aber Flash Fiction muss ja auch als Kurzgeschichte funktionieren, oder?

Baustellen: Motivation (du deutest was an, aber wirst nicht konkret). Finde es nicht so schlimm, wenn das nur ein Ausschnitt bleibt und man die Motivation nicht erfährt; aber dann ist es halt nur eine Szene. Wenn du – wie du es getan hast – nur vage was andeutest und es wirkt, als wüsstest du selbst nicht bestimmt, was hier die Motivation sein soll, dann merke ich, du hättest gerne eine Motivation. Nur so kommt das halt beim Leser – wie du auch an den Kommentaren merkst – nicht rüber. Obwohl deine Ausführung in ihrer Intensität ganz klar eine Motivation beweist. Nur welche; das ist noch die Frage. Und ich finde es toll, wenn du das nicht auf dem Präsentierteller machst. Nur so, dass man auch auf was kommen kann. Alternative wäre: in einem Halbsatz die Motivation auf den Punkt bringen und zwar am Anfang. Ganz schlicht, ganz knackig: Leute, kurz und gut, das hier ist der Grund.
Ich hätte mich freuen sollen, aber fühlte nichts.

Tell.

Zunge wie eine Schicht aus grauer Asche

Deutet eine Depression an. Ist eine viel gehörte Depressions-Metapher. Das letzte Mal bewusst wahrgenommen in Lars von Triers Melancholia. Kirsten Dunst zum Hackbraten: Schmeckt nach Asche
Hier wäre ja ein Ansatzpunkt für eine Motivation. Fänd ich aber zu langsam. Wie gesagt, ich würde das versuchen in einem Halbsatz abzuklären. Kurz und knackig.
Zu der Motivation: Ist der wichtigste Kritikpunkt in deinem Kommentar und trifft auf jeden Fall zu, denke ich. Der Prota soll ein Karrierist sein, der erreicht hat, was er erreichen wollte. Seine Beförderung macht ihn aber nicht glücklich, sondern stürzt ihn in die Krise. Den Grund dafür herauszufinden, das ist seine Motivation in dieser Geschichte. Oder soll seine Motivation sein. :)

Ich habe mich da ein bisschen in eine Zwickmühle hereinmanövriert, weil er seinen Gefühlszustand nicht ausführlich beschreiben kann. Die Idee des ersten Entwurfs mit der Schicht aus Asche auf seiner Zunge war, ihn eine ganz kurze Einsicht in seine Gefühle zu geben und, ja, es sollte in Richtung Burnout gehen. Nach dem Lesen der Kommentare bin ich der Meinung, dass das aus Erzählsicht nicht funktioniert, weil der ganze Text dann davon abhängt, ob der Leser die Stelle so liest, wie ich sie intendiert habe oder nicht.

Ich habe in der Überarbeitung versucht die Stelle etwas zu verändern. Er hat jetzt schwere Schlafprobleme, die ja auch in die Richtung deuten, aber vielleicht unmissverständlicher sind. Keine Ahnung, ob es das besser macht oder nicht.

Baustelle2: Power. Ich finde, du fährst hier schon was auf. Aber da geht noch mehr. Mehr Konzentration, Intensität beim schreiben. Man merkt, dass der Luftballon nicht voll aufgeblasen ist. Gut, aber nicht bis zum Anschlag.
Meinst du dabei die konkreten Sätze, die du dazu herausgeschrieben hast oder siehst du das als generelles Problem des Textes? Meinst du mit Power, dass bestimmte Bilder ausführlicher beschrieben werden sollen?

Und drittens: der Übergang zur Holzhütte. Wenn es eine Mindfuck-Sache ist, dann brauche ich da zumindest winzige Anhaltspunkte (also die Blockhütte ein Ort in seinem Kopf oder in einer anderen Zeitebene nach völligem Filmriss). Ansonsten kurzer Übergang: die Hütte eines Freundes im Wald soundso um runterzukommen
Hmm. Der Anhaltspunkt dafür sollte die Beschreibung des Waldes im ersten Absatz sein. Dass ich seine Umgebung nicht genau beschreibe, geschieht ja aus Absicht, eben weil ich mich hauptsächlich im Kopf des Protas aufhalten will. Wenn ich schon am Anfang beschreibe, wo er sich befindet, wem die Hütte gehört, warum er da ist, dann mache ich halt einen großen Schritt aus dem Kopf hinaus, den ich eigentlich nicht machen will. Darüber muss ich nochmal nachdenken.

mich stört der abgehackte Übergang zwischen diesen Erzähltönen. Das geht mir zu schnell. Das erste ist Innenansicht. Und das zweite dann Beschreibung von außen (wahrscheinlich ja aus seinen Augen; aber das kann man hier noch nicht checken, geht zu schnell). Ich würde mich für eines entscheiden. Ich würde den ersten Satz streichen oder zu mehr ausbauen.
Hier habe ich ein ähnliches Problem, weil ich mit der Beschreibung der Außenwelt nicht anfangen will. Aber auch hier hast du recht. Da muss ich mir noch einen Zwischensatz ausdenken.

hier gibst du recht früh den schluderigen Erzählton vor. Man denkt an Bukowski und ja, so diese männlichen, schnodderigen, sich rough gebenden Erzähler. So was geht immer, finde ich. Aber es ist klar, dass das in dieser Form eben schon so vor sechzig, siebzig Jahren praktiziert wurde. Das tut dem aber keinen Abbruch. Ich denke, solcher Erzählton findet sich auch heute noch sein Publikum. Und ich finde es auch gut, dass du den Erzählton früh klar machst. Du würdest es scheinbar gleich im ersten Satz tun. Aber dieser erste Satz wirkt noch schnodderiger als der Rest. Das trifft es nicht. Vielmehr liegt es eben an so kleinen Wörtern wie 'Zeug' – die vielleicht auch immer ein bisschen klingen wie Übersetzungen solcher Wörter aus dem Englischen.
Guter Punkt. Das Wort Zeug gefällt mir in dem Zusammenhang selbst nicht. Ich hatte mal "Gesöff" drin, fand das Wort aber noch viel schlimmer. Getränk passt auch nicht. Hier hat es mir einfach an Alternativen gemangelt.

Ich schreibe normalerweise nicht in diesem Erzählton, sondern wollte mit ihm etwas experimentieren. Bin noch unschlüssig, ob ich nochmal was in der Form schreiben werde. Dass er schon praktiziert wurde, stört mich dabei gar nicht. Ich kam mir nur an der ein oder anderen Stelle etwas albern vor beim Schreiben. :D

das finde ich gut, geht aber stärker. Ich zum Erzähler: Du bist doch so ein schroffer, die Welt verstandener und sie wieder auskotzender Typ, dann erklär mir gefälligst, was mit diesen Gedanken passiert ist, wohin oder wo rein sie gegangen sind. Zeichne mir das ganze hässliche Bild ihres Verschwindens!
Hier bin ich wieder in der Zwickmühle. So wie ich den Erzähler sehe, könnte ich hier maximal einen Spruch bringen. Der wäre in dieser Situation aber kontraproduktiv, weil er ja wirklich versucht sich selbst zu verstehen.

Naja, das dürfte er für mein Empfinden auch schon mal gelesen haben. Schnee auf dem Kilimandscharo?
Green Hills of Africa müsste das gewesen sein. Hmm, ja man könnte in einem Nebensatz erwähnen, dass er das schon kannte.

schön. Diese Passagen mochte ich sehr. Erinnerte mich an Malcom Lowry; Roths Legende vom heiligen Trinker; und Hoffmanns goldener Topf
Kenne diese Autoren tatsächlich nur vom Namen her. Vielleicht sollte ich mir die Bücher auf die Liste schreiben. Mal sehen, wie die das so gemacht haben.

markierter Satz könnte irgendwie intensiver.
Sehe ich auch so. Da muss ich auch nochmal ran.

Vielen, vielen Dank für deinen Kommentar. War sehr hilfreich.

Grüße
Klamm

 

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