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Twizzle
Die Stimme des Moderator sagt: „Schon wieder haben sie beim Twizzle gepatzt. Das gibt Abzüge“.
Im Laufe des Wettkampfes stellte sich heraus, dass jedes zweite Paar Probleme dabei hatte. Das Schöne daran war bloß, dass sie nicht aus großer Höhe herabfielen, sondern bloß irgendwelche falschen Drehungen vollführten.
Eiskunstlauf erinnert mich immer daran, wie meine Mutter und ich früher bei zwei alleinstehenden Schwestern, beides Witwen, die meine Omas hätten sein können, zu Gast waren. Ihr Gehöft lag am Ende des Dorfes. Ich weiß gar nicht, warum sie überhaupt mit meiner Mutter befreundet waren. Vielleicht sah meine Mutter, die selbe keine mehr hatte, ebendies in ihnen.
So jedenfalls stolzierten wir beide, meine Mutter und ich, oft am Wochenende durch das ganze Dorf bis zum Ortsausgangsschild, um bei den beiden Schwestern Geburtstage zu feiern oder einfach Eiskunstlauf zu kucken.
Ich saß dann immer auf der Ofenbank vor dem Fernseher. Alle hielten wir geschockt den Atem an, wenn Christine Errath oder Anett Pötzsch sich auf ihren Allerwertesten setzen. Heinz Florian Oertel, der bei solchen Hightlights immer die Moderation übernahm, begann sofort, nachdem die Preisrichter ihre Noten bekanntgegeben hatten, über ebendiese zu schimpfen. Immer hatten die Anderen schuld. Wir waren mit ihm einer Meinung.
Heute sehe ich das alles viel entspannter.
Nachdem ich mit sechzehn in die Lehre gekommen war, hörte das Fernsehkucken bei mir eigentlich auf. Ich war natürlich jedes Wochenende zu Hause. Da beschränkte es sich aber auf Freitag- und Sonnabendabend.
Beim Studium in Berlin hörte es völlig auf. Später hatte ich zwar eine eigene Wohnung im Prenzlauer Berg, aber lehnte das Fernsehen, das ich für ein Machtmittel der Herrschenden hielt, um das Volk zu verdummen, völlig ab. Demzufolge sah ich auch jahrelang keinen Sport mehr. Eiskunstlauf erst recht nicht.
Ich war auch eine ganz Andere geworden. Der Ehrgeiz abhanden gekommen. Der Sport ist ja ein Spiegelbild der Gesellschaft. Dort kämpfen sie darum, die Ersten zu sein. Sollen ein Vorbild für die Heranwachsenden sein.
Das schöne ist ja, dass die Leute, die man bei sportlichen Übungen im Fernsehen sieht, alle schön jung sind. Liegt in der Natur der Sache. Junge, unverbrauchte Gesichter. Hoffnung in den Augen. Jetzt fragt man sich, ist es denn wirklich so wichtig, dass man eine Zehntelsekunde früher mit seinem Bob ins Ziel gekommen ist als der Zweitplatzierte. Wie wird es den teilweise ja noch Jugendlichen später mal ergehen? Das mit dem Sport geht ja nur eine begrenzte Zeit des Lebens. „Macht mir hier nicht den Matti Nykänen!“ Er hat eine Vielzahl Probleme bekommen. Drogen waren auch im Spiel.
Ich, als total Unsportliche, habe früher natürlich auch die Sportler bewundert, weil mir klar war, dass sie, Gegensatz zu mir, in ihrer Gruppe einen hohen sozialen Status innehatten. Wie hatte es mich erstaunt, als ich in die Schule kam und mitbekam, wie hoch das Ansehen der guten Sportler in der Klasse war. Die guten Sportler waren oft schlechte Schüler, die guten Schüler waren meist schlecht im Sport. Aber man war wer, wenn man gut im Sport war.
So ging es natürlich denjenigen, die man bei Olympia im Fernsehen sieht, auch. Ihre guten Sportergebnissen retteten sie davor, eine marginalisierte Stellung in ihrer Umgebung einzunehmen, von der ich ein Lied singen kann. Beim Dreisprung immer übertreten, die Stange gerissen, über keinen Bock rüber. Beim Handgranatenweitwurf hätte ich mich selber in die Luft gesprengt, wenn sie geladen worden wären. Hieß übrigens wirklich so. Beim Völkerball warf mir keiner den Ball zu, weil mich keiner leiden konnte.
So was bezeichnet man wohl heute als schlechte Motorik. Wo die Ursachen dafür lagen, darüber zerbrach sich kein Sportlehrer den Kopf. Psychologie war nicht ihr Thema. Heute sehe ich es so, dass dafür auch häusliche Gewalt eine Ursache ist oder sein kann. Na ja, wenn man nie ein Buch liest. Kann mir die Trainingsanzugtypen jedenfalls nicht mit so was in der Hand vorstellen.
Bei den Lehrern ist es ja öfter so, dass der Mathelehrer `ne Rechtschreibschwäche hat, dagegen der Deutschlehrer in Naturwissenschaften immer durchhing.
Viele Turnlehrer dagegen sind nur mit Ach und Krach durchs Abitur gekommen. Und auch nur weil ihre Prüfer wussten, was sie für die Fußballmannschaft der Schule getan hatten.
Jetzt können sie sich an Hochbegabten rächen, denen sie früher nicht das Wasser reichen konnten, die meist keine Sportskanonen sind. Mit Hochbegabt meine ich gar nicht mal mich, sondern denke an eine von unserer Klasse , die später Mathematikerin wurde. In Sport immer vier. Da kann ein Freundin von mir, die Abi mit Auszeichnung machte, ebenfalls ein Lied von singen.
Wie ich die Typen hasste, mit ihren Trillerpfeifen und ihren Trainingsanzügen, in denen sie immer in der Schule rumliefen. Den ganz lieben langen Tag. Sie kamen wohl schon so zur Arbeit. Ihr merkt schon, der Beruf des Sportlehrers ist für mich ein feuerrotes Tuch. Schlechte Erfahrungen.
Und unsere Olympioniken immer die Lieblinge von ihnen gewesen. Die besuchen sich vielleicht heute noch. In Interviews: „Alles war ich bin, verdanke ich meinem Sportlehrer Herrn Kraus, der mein Talent von Anfang an förderte.“ Und vielleicht mit einem Kamerateam noch die alte Turnhalle besucht. Für mich der meistgehasste Raum in der ganzen Schule. Wo andere ihre Höhepunkte hatten, blamierte ich mich vor der ganzen Klasse, die um den Stufenbarren rumstand und mich auslachte, weil ich mich nicht traute, über den obersten Holm zu springen.
Jedes Jahr gab es bei uns die Hans Beimler Wettkämpfe. Die ganze Schule versammelte sich auf dem Sportplatz und sprang weit oder in die Höhe, lief hundert Meter, stieß die Kugel. Nachmittags hingen die Ergebnisse im Schulflur aus. Ich hoffte immer, das ich nicht die Letzte in der Klasse war. Vorletzte ging ja noch. Eine Medaille bei irgendeinem sportlichen Wettkampf, wovon die meisten in meinem Alter welche an der Wand ihres Zimmers hängen hatten, habe ich niemals gewonnen. War zwar alles bloß Talmi, aber die Seidenbänder sahen immer geil aus.
Außerdem wurde einem früher in der DDR durch die Medien auch immer suggeriert, dass die Sportler alle super Elternhäuser hatten, und dass sie alle solide verlobt waren. Meist mit einem aus ihrem Sportclub, mit dem sie sich beim gemeinsamen Kampf um Medaillen nähergekommen waren. Nach einer gelungenen Jugend schien ein gelungenes Leben auf sie zu warten.
Erst vor kurzem bin ich wieder auf den Trichter gekommen. Mit Sportkucken. Zufällig auf die Kür der Männer gestoßen. Wie habe ich in frühen Jugendzeiten, mit dreizehn vierzehn, immer bewundernd die süßen Kerle angestarrt. „Wer ist der Schönste?“, nur das war mir wichtig. Sauer war ich, wenn jemand gewonnen hatte, der nicht mein Typ war. Ein gewisser Juri Owtschinikow gefiel mir besonders. Ein vergeistigter Typ, der einen Stil tanzte, der an das klassische Ballett angelehnt war. Nie gewann er. Endlich aber kam auch seine Zeit. „Die armen Russen“, denke ich, wenn ich mir die heutigen Entscheidungen ansehe. Was können Sportler für ihren Präsidenten? Ausgerechnet im Eiskunstlauf war die Sowjetunion, jetzt Russland, ja immer führend.
Aber sie haben ihr Schlupfloch gefunden. Wenn man sich mal die Namen ankuckt, klingen viele Spanier, Deutsche und Franzosen, Amerikaner sowieso, die in Mailand die Kufen in die Luft werfen, ziemlich russisch.
Hoffentlich liest das kein Sportlehrer.