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Und überall die Hölle

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08.01.2002
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Und überall die Hölle

Am 27. Juli 1943 brachen siebenhundert britische Flugzeuge auf, um einen Bombenteppich von mehr als 100.000 Spreng- und Brandbomben auf Hamburg abzuwerfen. Durch die besondere Wetterlage begünstigt brannte innerhalb von wenigen Stunden ein Großteil des Hamburger Ostens ab. In dieser Nacht erstickten und verbrannten 30.000 Menschen, fast eine Million wurde obdachlos.

„Da draußen steht eine Nonne", rief Thea.
„Ja, ich weiß, Pastor Mackels hat sie angekündigt", erwiderte Theas Mutter Maria, „sie soll reinkommen."
„Oh, entschuldigen Sie bitte, Sie sitzen ja noch alle bei Tisch, ich wollte Sie nicht beim Mittagessen stören."
„Kein Problem, wir sind fertig. Nehmen Sie Platz", sagte Maria, „und Irma, du räumst bitte den Tisch ab."
„Das ist ungerecht, Günter und Thea können auch mal dran sein", maulte Irma, aber sie erhob sich sofort und griff nach den Esstellern und Bestecken.
„Es geht um ihre kleine Thea, wir könnten sie während der großen Schulferien in unserem Franziskus-Kinderheim auf Nordstrand unterbringen. Wir haben da noch einen Platz frei, weil eine Familie mit ihrem Kind nach Ostpreußen umgezogen ist."
„Ich weiß nicht", sagte Maria an ihren Mann gerichtet, „ich hätte gern alle unsere Kinder bei uns. Was meinst du?"
„Darf ich auch mit nach Nordstrand?", bettelte Irma, „du hast mir schon die Kinderlandverschickung nicht erlaubt."
„Ich werde euch nicht auch noch von denen betreuen lassen."
„Aber Mama, alle meine Freundinnen in Tschechien haben erzählt, dass dort keine Bomben fallen. Und die machen so tolle Sachen da, Ausflüge, Spiele, Wettkämpfe und basteln und singen."
„Das kommt gar nicht in Frage. Und jetzt ist Schluss."
„Leider können wir auch nur die Kleinsten in Nordstrand aufnehmen, da ist nur Platz für rund vierzig Kinder und Irma ist mit ihren elf Jahren schon drüber. Tut mir leid."
„Man munkelt, dass die Briten massive Bombardierungen planen", sagte Marias Ehemann, „da ist es besser, wenn wir Thea nach Nordstrand geben. Dann musst du nur mit Irma und Günter in den Luftschutzkeller. Das ist für dich einfacher."
Maria wiegte den Kopf hin und her.
„Meine Frau ist nachts immer allein mit den Kindern. Ich arbeite bei der Bahn, muss die Züge begleiten, die jede Nacht aus Hamburg rausgefahren werden."
„Also gut, schweren Herzens. Ist vielleicht gar nicht verkehrt, wenn Thea mal eine Weile keinen Luftalarm mitmachen muss. Die reden immer noch vom Endsieg und wer wird regelmäßig bombardiert? Wir!"

Nachdem die Nonne gegangen war, sagte Marias Ehemann: „Bitte sei doch in Zukunft nicht so unvorsichtig, vor einer Fremden so über die Partei herzuziehen."
„So weit kommt es noch, dass ich mir in meiner eigenen Wohnung den Mund verbieten lassen muss. Dieser Hitler und sein totaler Krieg. Feiern wir eigentlich Jubiläum, wenn wir den 150. Luftangriff überlebt haben? Fehlen ja nur noch ein paar."



Am 27. Juli stieg das Thermometer, wie an sehr vielen Tagen in diesem ungewöhnlich heißen Sommer, in Nordstrand auf 30 Grad.
„Darf ich ins Wasser? Es ist so furchtbar heiß", bettelte Thea.
„Nein! Heute nicht und an allen anderen Tagen nicht."
„Nur ein bisschen am Rand?"
„Nein, darfst du nicht, dann wollen es nämlich alle. Und wir können nicht auf euch alle aufpassen."
„Nur einmal kurz mit den Füssen, bitte."
„Auch das nicht, Schluss jetzt! Ihr könnt nach dem Abendbrot noch draußen spielen. Aber um Acht seid ihr alle in euren Betten!"

Gegen 20 Uhr befanden sich alle zwölf Mädchen in ihrem Schlafsaal, es kehrte langsam Ruhe ein und die Betreuerinnen zogen sich in ihre Zimmer zurück.

Nachts wachte Thea von dumpf brummenden Geräuschen auf. Sie stieg aus dem Bett und blickte durch eines der Fenster des Schlafsaals nach oben, wo ein Flugzeug nach dem anderen über das Heim hinwegflog.
Dieser endlose Strom erschütterte das Haus so, dass die Fensterscheiben klirrten und es unter Theas Füssen vibrierte.
Alle Mädchen rannten an die Fenster, Liesel, Theas Freundin drängte sich neben sie.
„Das sind die Engländer, gleich werfen sie die Bomben auf uns."
„Nein, Hilfe!", rief Thea und klammerte sich an Liesels Arm, „wir müssen weglaufen."
Aber da stand bereits eine der Betreuerinnen im Raum:
„Ihr müsst keine Angst haben, die bombardieren uns nicht, die fliegen alle weiter nach Hamburg. Sofort wieder ins Bett und schlafen, euch passiert hier nichts."
Die Mädchen folgten nur zögernd, ein paar weinten.

Thea stieg zu Liesel ins Bett und beide Kinder drückten sich ganz dicht aneinander.
„Ich hab‘ solche Angst", flüsterte Thea.
„Ich auch", sagte Liesel.
„Und wenn die ganzen Bomben jetzt alle auf Hamburg fallen?"
„Wer hat dir erlaubt, in einem fremden Bett zu schlafen? So geht das nicht! Aber sofort raus da, ab in dein Bett!", schimpfte eine Betreuerin, die plötzlich neben Liesels Bett stand.
„Ich hab‘ so große Angst", gestand Thea kleinlaut.
„Was? Das will ich nicht gehört haben. Jetzt wird geschlafen!"

Es dauerte lange, bevor das letzte Mädchen endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war, den das ununterbrochene Gebrumme der Flugzeugmotoren begleitete.



Am 27. Juli hatte auf einem Flugplatz nahe Cambridge Royal Airforce Sergeant Clifford, den seine Kameraden alle wegen seiner roten Haare Redcliff nannten, den Einsatzbefehl erhalten, Hamburg zu bombardieren.

„Flugwetter gut, Sicht gut, kaum störender Wind, unsere Pathfinder werden die Leuchtmarkierungen zielgenau absetzen. Innerhalb dieser farbigen Eckpunkte wird bombardiert", sagte der Offizier beim Briefing.
„Die ersten Bomber werden wieder rund eine Million Stanniolstreifen abwerfen, um das Radar abzulenken. Die Flak wird wieder keine gezielten Schüsse setzen können und die Nachtjäger werden ohne ihre Radarortungen auskommen müssen", fügte er hinzu.
„Das seh ich aber anders", raunte Redcliffs Funker ihm leise zu, „die Deutschen hatten zwar nur noch dichten Zackennebel auf ihrem Radar, aber die verteufelten Nachtjäger haben uns vor zwei Tagen ganz schön eingeheizt."
Redcliff nickte. ‚Die verdammten Auspuffflammen‘, dachte er, ‚die reinsten Einladungen für den Feind.‘
„Die kennen unsere Achillesferse", sagte er, „so klasse die neuen Lancaster sind, aber mir wäre lieber, wir könnten auch nach unten schießen."
„Ihr werdet kaum auf Gegenwehr stoßen", fuhr der Einsatzoffizier fort, „die Nazis haben ihre Lücken in Stalingrad schließen müssen. Die Flakgeschütze sind jetzt mit Kids besetzt. Die schießen nur blind drauf los."

Redcliff hockte am Rand des Flugfeldes im Gras und sah zu, wie seine viermotorige Lancaster betankt und mit Spreng- und Brandbomben beladen wurde, als der Navigator sich zu ihm setzte.
„Das Bomber Command hat Befehl gegeben, dieses Mal nicht aufgelockert in breiter Gefechtsformation, sondern in eng zusammengefassten Wellen zu fliegen. Sollten die Nazis wieder unseren Funkverkehr zur Basis stören, benötige ich die wachsamen Augen der anderen."
„Klar, ich spreche gleich mit den Männern", sagte Redcliff und zog eine Zigarette aus der ihm angebotenen Packung. Er griff in die Hosentasche seines Overalls, um sein Feuerzeug hervorzuholen, aber sein Navigator kam ihm mit seinem zuvor.
„Wir müssen besonders auf die Wirbelschleppen achten, wenn die Maschine nämlich zu sehr durchgeschaukelt wird, könnten sich die Brandbomben verkeilen", sagte der Navigator.
„Ich weiß, am liebsten wäre dir, wir gingen sanft auf Reiseflughöhe und bewegten danach unsere Ärsche keinen Zentimeter mehr bis zum Abwurf der Bomben. Sag mal, kennst du unseren neuen Bordschützen?"
„Nein, nicht persönlich", sagte der Navigator, „hab mich aber schon umgehört, weil ich wusste, du würdest fragen. Er soll okay sein. Die haben ihn zur RAF geholt, weil er ein verdammt guter MG-Schütze ist. Bisschen schrullig ist er schon. Hat da so‘ ne dicke kantige Ausbuchtung in der Brusttasche und ich sag zu ihm ‚Na, ist da dein gesamter Zigarettenvorrat drin oder weshalb beult es sich so?‘ Daraufhin zieht er eine Bibel aus dem Overall ‚Gehört meiner Anne‘, sagt er, ‚die Drecksnazis haben ihr in Coventry eine verpasst und wenn es mich auch erwischt, hab ich sie gleich dabei, um sie ihr zu geben.‘
„Dieser Krieg nimmt jedem was", sagte Redcliff, „dem einen die Braut, dem andern das Leben, und dem Rest jede Illusion."

„Er hat mich übrigens auch über dich befragt."
„So?"
„Wollte wissen, ob du was drauf hast als Pilot."
Redcliff lachte: „Was hast du geantwortet?"
„Ich habe gesagt, es gibt zwei Sorten von Piloten: Die einen sind die Techniker und die sind vielleicht gar nicht mal schlecht und die anderen, das sind die Virtuosen, die in das Fliegen verliebt sind. Die brennen dafür, in der Luft zu sein. Und jetzt darfste mal raten, von welcher Sorte Redcliff ist."
„Du trägst ja ganz schön dick auf, aber danke, dass du so viel von mir hältst."
„Du hast mir zweimal das Leben gerettet, Redcliff. Mit jedem anderen Piloten läge ich jetzt auf dem Grund der Nordsee."
„Irrtum, ich hab nur mein Leben gerettet und da du mit an Bord warst, ließ sich nicht vermeiden, dass du auch am Leben bliebst."
„Der beste Schutz für die Crew ist ein Pilot, der lebend nach Hause will. Wer sonst ist fünfundzwanzig Mal zurückgekommen?"

Redcliff gab keine Antwort. Seine Augen wurden eng, als er an der Zigarette zog.
„Sag mal, der andere Bordschütze, hat der eigentlich immer noch seinen kleinen Lederkoffer mit dem Whisky und der Havanna dabei?"
„Ja", grinste der Navigator, „der beschützt seinen Koffer immer noch, als sei es sein Leben. Wenn er das weiter so durchzieht, müssen wir das Ding bald in die Checkliste mit aufnehmen."

Gegen 22 Uhr kletterten Redcliff und seine sechs Mann Besatzung in die nagelneue Lancaster mit Doppelseitenleitwerk und Geschützstand. Diese Verbesserungen machten das Flugzeug wendiger.
Im Bombenschacht hingen eine zwei Tonnen schwere Bombe, von den Crews „Cookie" genannt und 300 Brandbomben.
Die Bomben sollten innerhalb des markierten Zielgebiets in den Wohngebieten Hamburgs abgeworfen werden.
Die Hamburger betitelten diese sehr langsam vom Himmel herabsinkenden beleuchteten Teile sarkastisch als „Tannenbäume", weil sie eine ähnliche Form hatten und wie beleuchtete Weihnachtsbäume aussahen.
In der Maschine war es stickig und eng. Um sich während des ohrenbetäubenden Lärms der Propeller überhaupt verständigen zu können, waren alle Besatzungsmitglieder mit Kopfhörern und Mikrofon ausgestattet.
Ab einer Flughöhe von circa 3.000 Metern würden sie Sauerstoffmasken aufsetzen müssen.
Unterhalb von Redcliff saß der Bordingenieur, der nacheinander die vier Motoren anließ und ihm ein Zeichen gab, sobald alle vier gleichmäßig auf fast identischer Umdrehungszahl liefen.
„Hab die Startfreigabe erhalten", meldete euphorisch der Co-Pilot, ein blutjunger Bengel von gerade mal zwanzig Jahren.
’Vor fünf Jahren war ich auch so‘, erinnerte sich Redcliff, ‚aber da musste ich noch nicht Bomben auf Wohngebiete werfen.‘

Sie überflogen den Ärmelkanal und Redcliff forderte seine Leute auf, die Sauerstoffmasken anzulegen.
Um das Risiko zu minimieren, vom Boden aus abgeschossen zu werden oder in das Visier eines Nachtjägers zu geraten, begann Redcliff damit, in stetig ausholenden Schwüngen zu fliegen. Er nahm etwas Gas raus, ging leicht in die Schräglage und drückte den Steuerknüppel runter, um ihn danach wieder hochzuziehen.
Ein kräftezehrendes Unterfangen, weil weder Höhen- noch Seitenruder mit einer Servounterstützung ausgestattet waren.

„Mann, Redcliff, ich werd‘ gleich seekrank", lästerte der Navigator.
„Stimmt", steuerte der Bordingenieur bei, „er sieht schon ganz grün im Gesicht aus." Alle lachten.
„Nur Selbstmörder und Idioten fliegen starr geradeaus", sagte Redcliff.
„Außerdem haben wir wertvollste Fracht dabei, wenn ich so an den kleinen Lederkoffer denke, der sich bei unserem MG-Schützen befindet."
„Hat sich also der Inhalt herumgesprochen", konterte dieser, „aber ich sag euch Leute, so einen Whisky habt ihr in eurem Leben noch nicht getrunken."

Plötzlich knallte es ohrenbetäubend. Ein ungestümer, kräftiger Stoß ging durch die Lancaster, der den Steuerknüppel hart wie Beton gegen Redcliffs Hände schlug, den Co-Piloten zur Seite drückte und die beiden Bordschützen mit ihren Schädeln gegen die Längsspanten schlagen ließ.
„Flak", schrie der Navigator, „wir müssen aus dem Scheinwerfergürtel raus."
Redcliff riss sofort die Maschine herum, tauchte rein in das schützende Schwarz der Nacht. Alle Augenpaare suchten in dieser Dunkelheit angestrengt nach Stellen, wo die Lancaster getroffen sein könnte.
‚Bitte nicht die Tanks‘, dachte Redcliff, ‚bitte auch nicht die Motoren.‘
„Kein Motorenleistungsabfall, Temperaturen in der Norm", kam die rettende Nachricht des Bordingenieurs, als hätte er Redcliffs Gedanken gelesen.
„Alles okay bei euch?", fragte Redcliff und bekam von allen positive Rückmeldungen.
‚Verdammt‘, dachte er, ‚so schnell kann es gehen. Da pinselt so ein Flakjunge mal eben mit seinem Scheinwerfer ziellos den Himmel durch und schon haut uns der nächste seinen Zufallstreffer in die Flanken.‘
„Geschoss könnte den Bombenschacht getroffen haben", mutmaßte der Bordschütze.

„Wir haben unser Ziel gleich erreicht", sagte der Navigator.
„Leicht auszumachen", sagte Redcliff, „ganz Hamburg brennt."
‚Es ist zwar alles andere als einfach, in 15.000 Fuß Höhe eine vollständig verdunkelte Stadt überhaupt auszumachen, aber jetzt in dieses Inferno weitere Brandladungen zu werfen? Das überlebt doch keiner mehr da unten", dachte Redcliff. ‚Aber wenn wir uns weigern, kommen wir alle vor’s Kriegsgericht.‘
„Wir überfliegen in zehn Sekunden die Abwurfposition", teilte der Navigator mit.

Eine Bombe benötigt circa eine halbe Minute, ehe sie aus 4.000 Metern kommend auf dem Grund aufschlägt. In einer parabelförmigen Kurve wirbelt sie herab, wird vom Luftwiderstand gebremst, von den Seitenwinden abgelenkt und wenn sie ein Dach abdeckt, ein Stockwerk durchlöchert, ist der Bomber, der sie abgeworfen hat, schon längst mehrere Kilometer weit weg auf dem Rückflug.

Der Bombenschacht der Lancaster öffnete sich, um zunächst den „Cookie" herabfallen zu lassen, danach klappte der Schacht mit den rund 300 Brandbomben auf, die wie an Bindfäden gehalten gleichmäßig hintereinander Stück für Stück niederfielen.
‚Von wegen Hafenanlagen zerstören und die U-Boot-Produktion auslöschen, so wie es laufend in unseren Zeitungen steht‘, dachte Redcliff, ‚das gehört seit zwei Tagen der Vergangenheit an. Jetzt haben wir Befehl, ganze Stadtteile auszuradieren. Und was passiert dann? Sie werden dasselbe mit uns machen.‘
Aber diese Gedanken, die ihm ein flaues Gefühl im Magen verursachten, schob er beiseite, dafür war jetzt nicht der geringste Raum, um darüber nachzudenken. Sie befanden sich auf dem Rückflug, der genauso gefährlich war wie der Hinflug.



Am 27. Juli heulten drei an- und abschwellende Sirenensignale um 23.40 Uhr: Fliegeralarm. Der Klang war den Hamburgern vertraut und das, was nun folgte, war Routine.
Die drückende Sommerschwüle hatte etliche nicht fest schlafen lassen. Sie wurden auf der Stelle wach. Viele hatten sich bereits bekleidet ins Bett gelegt und schlüpften nun schnell in die Schuhe. Das Luftschutzgepäck, meist ein kleinerer Koffer mit all den wichtigen Papieren, Lebensmittelkarten, Geld, Schmuck und Medikamenten stand griffbereit im Korridor einer jeden Wohnung.
Theas Familie lebte im vierten Stock eines Hauses in der damaligen Hamburger Straße im Stadtteil Altona-Nord. Den Drahtfunk, eine besondere Möglichkeit, über das Radio noch vor den Sirenen gewarnt zu werden, hatte man nicht genutzt, um Stromkosten zu sparen. Der Familie wäre sonst aufgefallen, dass der wegen seiner beruhigend, fast schon einschläfernden Stimme Onkel Baldrian genannte Nachrichtensprecher eine ungewohnte Formulierung gewählt hatte: „Achtung! Achtung! Sehr sehr! starke Anflüge auf Hamburg. In wenigen Minuten fallen die ersten Bomben. Suchen Sie die Luftschutzkeller auf."

Weil Theas Vater nachts arbeitete, war es ihre Mutter, die dafür sorgte, dass Günter und Irma aufwachten und auf der Stelle in den Luftschutzkeller eilten. Ihr strenges Regiment hatte dazu geführt, dass zeitraubende Diskussionen, speziell mit ihrem dreizehnjährigen Günter, der oftmals bei Fliegeralarm lieben bleiben wollte, nicht mehr stattfanden. Beide Kinder fügten sich, rannten die vier Etagen herunter, aus dem Haus heraus, über einen kleinen Hinterhofgarten in einen gesonderten, vom Haus getrennten Luftschutzkeller.

Als sie den Schutzraum erreicht hatten, befanden sich dort erst zwei weitere Personen. Ein Soldat auf Fronturlaub, der seine im ersten Stock wohnenden Eltern besuchte. Ein Nachbar, der im dritten Stock wohnte. Von diesem wussten die Kinder, dass er nicht an Gott glaubte, weil er stets darüber lästerte, dass sie sonntags regelmäßig in die heilige Messe gingen.
„Wo, sind die anderen aus dem Haus?", fragte Maria den Nachbarn aus dem dritten Stock und an den Soldat gerichtet: „Wo bleiben Ihre Eltern denn?"
Sie bekam keine Antwort, denn die Bombardierung begann mit solch einer Wucht, dass die Welt zusammenzustürzen drohte.

Die Kellerinsassen schwiegen in lähmender Angst, die Hölle draußen war um so lauter: Rasend wildes Flakfeuer, dieses unaufhörliche Taktaktaktak, das Heulen fallender Sprengbomben, das Krachen und Splittern, das Bersten und Poltern, das Knallen und Scharren und unheimliche Pfeifen und dazwischen das nicht enden wollende tiefe Brummen der Bomber.
Die elfjährige Irma klammerte sich panisch an den Arm ihrer Mutter. Ihr war egal, dass sie gleich getadelt würde. Aber in dieser Nacht kam von ihrer Mutter kein zurechtweisendes: „Beherrsch dich, du blamierst mich!" Irmas zwei Jahre älterer Bruder Günter blickte nur starr auf seine Schuhe. Er hatte Ober- und Unterkiefer fest aufeinandergepresst, weil er sonst vor Panik mit den Zähnen geklappert hätte.
Die Versteifungen des Kellers knarrten, die Wände knirschten, als würden sie sich verschieben, bei jedem Bombenabwurf bebte der Kellerboden.

Das bleiche Gesicht des Soldaten zeigte sein Entsetzen, er schüttelte immer wieder den Kopf. Dann presste er hervor: „Das ist ja grauenvoll, an der ganzen Front habe ich sowas nicht erlebt." Das Kellerlicht fing an zu flackern.
Die Bombeneinschläge rückten immer näher. Immer wuchtiger zu hören, als krachte ein Riese mit gewaltigen Stiefeln in die Häuser und bewegte sich auf ihr Haus zu.
Der Nachbar aus dem dritten Stock fiel unvermittelt auf seine Knie und faltete die Hände zum Gebet. Panisch flehte er: „Herrgott hilf!" ‚Wenn so einer jetzt betet‘, dachte Irma, ‚dann sind wir hier verloren.‘
„Mutti, wir werden sterben", schrie sie und zog bei jeder Detonation den Kopf ein. Mörtel löste sich von der Kellerdecke.

Bomben, die treffen, hört man nicht mehr. Aber diese letzte Bombe, die den Keller traf, hörten die Eingeschlossenen. Ein Fauchen, eine dumpfe unbarmherzige gewaltige Detonation und der Keller war innerhalb einer Sekunde mit rotem Backsteinstaub vernebelt.

Der Riese war angekommen.

Das Kellerlicht, das wie durch ein Wunder nicht ausgegangen war, schaffte es nicht, den dicken roten Schleier zu durchdringen.
Alle husteten, verschluckten sich an der roten Luft.
„Raus, wir müssen hier raus, die Bombe hat vielleicht einen Zeitzünder", sagte wer und die Männer zogen mit vereinten Kräften die Stahltür auf. Doch dahinter rutschten ihnen Schutt, Geröllbrocken, Steine, Holzbalken entgegen.
„Die Treppe ist verschüttet. Hier kommen wir nicht raus. Wir müssen zum Nachbarkeller durchbrechen."
Die Männer schlugen mit Axt und Beil die dafür vorbereitete Öffnung in die Wand. Die auf der anderen Seite der Kellerwand in der Dunkelheit sitzenden Insassen halfen, sie durch das Mauerloch zu sich herüberzuziehen. Maria hatte ihren Notkoffer fest an sich gepresst und nicht aus der Hand gegeben, als sie in den Nachbarkeller durchrutschte. Er enthielt die Lebensgrundlage der gesamten Familie. Dass dies ihre einzige Habe war, wusste sie in diesem Moment noch nicht.
„Unsere Treppe ist auch verschüttet", sagte jemand aus dem Nachbarkeller, „aber man holt uns hier gleich raus."

Als man sie aus einer Öffnung hochgezogen hatte, stand die dreiköpfige Familie ratlos auf der Straße. Es war Nacht und alles in rußgeschwärzten Nebel getaucht. Hinter ihnen ihr brennendes Haus, vor ihnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite das lichterloh in Flammen stehende Fotogeschäft, das eine so immense Hitze ausstrahlte, dass man nicht stehenbleiben konnte. Ihnen bot sich ein furchtbares Bild. Die gesamte Straße war zugeschüttet mit Steinen, Geröll, Staub, Asche, Glassplittern, Schutt. Brennende Papierfetzen flogen umher, setzten sich auf Haut und Kleidung, suchten gierig nach Nahrung. Die meisten Häuser brannten, waren zum Teil schon zusammengebrochen. Fassaden waren einfach auf die Straße gekippt. Überall beißender Brandgeruch, der den Atem nahm. Die Augen brannten vom Rauch. Die Lungen stachen. Wohin sollten sie nun?

Sie liefen die Hamburger Straße entlang bis zur Ecke Langenfelder Straße, in der irrigen Hoffnung, dass man doch einfach nur um die Hausecke biegen müsste, um in Sicherheit zu sein. An der Ecke angekommen, sahen sie ihren Irrtum. Auch diese Straße war ein einziges Flammenmeer, das durch Rußschwaden hindurchleuchtete.
Unerträgliche Hitze trieb sie von diesem Flächenbrand zurück, Qualm, der sie zwang, die Augen zuzukneifen und am liebsten nie wieder zu öffnen. Wie ein brausender Orkan peitschten Glutwinde über das Kopfsteinpflaster, zogen brennende Balken mit sich, wirbelten Latten und Dreck, Steine, Scherben auf, entzündeten stämmige, noch vor Stunden gesunde dicke Bäume. Sie mussten umkehren.

„Zur Schule in der Arnkielstraße, die haben dort einen großen Schulhof, der ist groß, da kann es nicht brennen", rief Maria beiden Kindern zu.
Sie rannten auf die Hamburger Straße zurück, an ihrem nun lichterloh brennenden Haus vorbei und Maria wäre fast der Länge nach hingefallen, als sie einen verzweifelten Blick in den vierten Stock hinaufschickte, wo ihre Wohnung von den gefräßigen Flammen vertilgt wurde.
An der nächsten Ecke schrie jemand „Halt! Die Fassade schwankt schon." Vor ihren entsetzten Augen stürzte die obere Hälfte einer Hausfront mit donnerndem Getöse auf die Straße. Der dunkle Rauch der Brände färbte sich für ein paar Sekunden hell. Die Fassade hatte die Oberleitungen der Straßenbahn mit sich gerissen, sie mussten über diese Drähte steigen, die sich wie lange Würmer wanden und bösartige Stolperfallen bildeten. Maria war bereits ein ganzes Stück vorausgelaufen, hatte ihre Kinder zurückgelassen, als Irma unvermittelt vor einer dieser Schlangen wie angewurzelt stehenblieb. Sie blickte ausdruckslos in das lodernde Feuer eines brennenden Hauses. "Komm", brüllte Günter und wollte sie mit sich ziehen. Aber Irma hatte ihren Beutel mit Brot und Salami, den sie gehorsam bis eben getragen hatte, achtlos fallengelassen und rührte sich nicht. Die Strahlhitze des brennenden Hauses sengte tief in ihren Lungen, die verkrusteten Augen waren ein einziger Schmerz, sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, quälendes Halskratzen. Und ihre Kräfte hatten sie verlassen. Ihr Bruder begriff, was mit ihr los war. Wusste instinktiv, dass sie den Kampf, überleben zu wollen, aufgegeben hatte. Rabiat boxte er sie in den Rücken, weckte ihre Wut auf seine Schläge und mobilisierte damit einen kleinen Rest Willen in ihr. An seiner zerrenden Hand stolperte sie mehr, als das sie ging, weg von den höllischen Flammen, weiter die Straße hinauf, immer wieder nach links oder rechts ausweichend, um den niederstürzenden Gesteinsbrocken zu entwischen. Aber dann war jäh Schluss. Die Straße, die zur Schule führte, bestand nur noch aus brennenden Häusern, an ein Durchkommen war nicht zu denken.

Sie retteten sich zusammen mit ihrer Mutter in ein noch intakt erscheinendes Haus, getrieben von peinigendem Durst. Vor Stunden hatten sie noch im vierten Stock eine gemütliche Wohnung besessen, jetzt war alles vernichtet und ihre Wünsche reduzierten sich einzig und allein auf einen Becher Wasser.

Sie stiegen in dem noch intakten Treppenhaus die Stufen zur ersten Wohnung hoch und öffneten sie. Sie war wie alle Wohnungen bei Bombenalarm gemäß der Hausordnung nicht abgeschlossen, damit die Luftschutzhelfer jederzeit ungehindert löschen konnten. Im selben Moment kamen auch ihre Bewohner aus dem Luftschutzkeller nach oben und das Wunder geschah: Es sprudelte munter Wasser aus dem Hahn in der Küche, als gäbe es da draußen nicht das Inferno.
„Wir wollen in die Schule Arnkielstraße, aber kommen hier nicht durch und die Langenfelder Straße ist auch ein einziges Flammenmeer", sagte Maria mit angsterfülltem Blick durchs Küchenfenster.
„Sie können über unseren Hinterhof gehen, der Zaun dort grenzt an die Schule, ich hole schnell die Axt und mache dort den Weg frei", sagte der Hausherr.
So gelangten sie durch dieses in den Zaun geschlagene Loch hindurch auf den Schulhof.

„Oh Gott, die Schule brennt ja auch!", sagte Maria entsetzt, als sie das Gebäude erblickte.
Draußen stoben die Funken nur so um sie herum, sie mussten sich gegenseitig laufend die Kleidung abklopfen, damit sie nicht Feuer fing.
Als die kleine Familie in dem Luftschutzkeller der Schule eintraf, hatten schon an die zweihundert Leute dort Unterschlupf gefunden. Hier hofften sie, endlich etwas ausruhen zu können.

Das Feuer der Schule hatte sich jedoch auf die Turnhalle ausgebreitet, die sich direkt vor dem Luftschutzkeller befand. Die Luft im Keller wurde immer stickiger und verbrauchter. Da die Motoren für die Belüftung nicht funktionierten, aber dringend Luft in den Keller hineingebracht werden musste, bedienten zwei Männer eine für diesen Fall vorgesehene Handkurbel. Günter beteiligte sich an dieser kräfteraubenden Tätigkeit. In der Zwischenzeit hatte die in Flammen stehende Turnhalle eine so ungeheure Strahlhitze entwickelt, dass niemand mehr aus dem Keller herausgelangen konnte. So befanden sich die drei für Stunden in einer Falle.

Irma saß neben einem Mädchen, das immer wieder in Schüben weinte und bei dem es die Erwachsenen aufgegeben hatten, es zu trösten. Es kümmerte niemanden mehr. Jeder Einzelne war froh, noch am Leben zu sein.
„Was ist denn passiert?", fragte sie.
„Meine Kaninchen auf dem Balkon", schluchzte das Mädchen, „ich hatte dort zwei weiße im Stall, die sind bestimmt verbrannt."
Und da weinte auch Irma, weil sie die Vorstellung, dass diese schutzlosen Kaninchen nun auf so grausame Weise umgekommen waren, unendlich traurig machte. Die in Flammen stehende Turnhalle verschlechterte die Luft im Luftschutzkeller dramatisch. In dem Raum wurde es durch den Rauch immer dunkler. Es ließ sich nur beißender Rauch in den Keller kurbeln. Es entspann sich ein Streit darüber, ob man lieber nicht mehr Luft hinein sog oder es trotz des unerträglichen Qualms tat, um nicht ersticken zu müssen.

Morgens gegen sechs Uhr war die Turnhalle komplett abgebrannt, es konnte aber wegen der Hitze immer noch niemand aus dem Keller heraus. Sie mussten noch Stunden verharren, bis die Hitze sie durchließ.

Obwohl herrlichstes Sonnenwetter war, blieb Hamburg an diesem Tag dunkel. Eine gigantische Rauchwolke verdeckte die Sonne. Noch gegen Mittag benötigte man elektrisches Licht, um sehen zu können. Die kleine Familie beschloss, in den Schrebergarten der Tante Tine zu fliehen. Sie hofften, dass es dort nicht brannte.
Auf ihrem Weg sahen sie dicke Ascheschichten auf den kahlen Bäumen, die in dieser Nacht alle Blätter abgeworfen hatten. Und sie sahen Tote, gegen Mauern und Bäume gelehnt, ausgestreckt auf dem Gehweg, friedlich am Bordstein sitzend. Neben sich aufrecht stehend ihre Koffer mit dem Allernotwendigsten. Als warteten sie geduldig darauf, dass sich ihre Besitzer gleich wieder erheben, um mit ihnen weiterzugehen.



Am Morgen des 28. Juli hatte sich auf Nordstrand die bedrückende Stimmung wie eine bleischwere Decke auf die Kinder gelegt. Sie wollten wissen, ob die Bomber wirklich alle nach Hamburg geflogen waren und was dort passiert war. Die Betreuerinnen wichen aus und versuchten, die bohrenden Kinderfragen in eine andere Richtung zu lenken. Sie hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass siebenjährige Kinder, die um ihre Eltern und Geschwister bangten, sich zu kleinen Erwachsenen verwandelt hatten, die beharrlich und unablässig weiter drängten und ihnen keine Wahl ließen.
„Es gibt keine Telefonverbindung nach Hamburg und auf Post müssen wir warten", sagte eine der Frauen.
„Ich will zu meiner Mama", weinte eines der Kinder und ein weiteres folgte.
„Das geht aber nicht", erwiderte eine der Betreuerinnen.
„Warum geht es nicht? Warum hast du geweint?"

Am Horizont in Richtung Hamburg hatte sich ein seltsames Phänomen gezeigt. Während auf Nordstrand der Tag einen klaren blauen Sommerhimmel hervorbrachte, war über Hamburg gleich einem Vulkan eine glutrote Haube mit einer sich darüber hochauftürmenden dunklen Wolkendecke zu sehen.
„Ganz Hamburg ist kaputt gemacht worden", platzte es aus einer der Frauen heraus, „alle sind tot."

Mit diesem Satz löste sie ein nicht mehr zu bändigendes Entsetzen und Weinen unter den Kindern aus, die sich nicht mehr beruhigten, sondern immer tiefer in Verzweiflung gerieten.
Thea und Liesel saßen auf der Bettkante und hielten sich an den Händen fest.
„Ich bin so traurig", schluchzte Thea und drückte sich an Liesel.
„Und mein Bauch tut weh."
„Ich hab auch so Bauchweh", sagte Liesel ganz leise.
„Du hast wenigstens noch die Greta, die dir dein Papa geschenkt hat", sagte sie zaghaft.
„Ich habe nichts von meinen Eltern."
„Warte", sagte Thea und kniete sich neben das Bett, holte ihren kleinen, braunen Pappmasché-Koffer darunter hervor und ließ dessen Klappverschlüsse aufschnappen.
„Du darfst mit ihr spielen", und sie drückte Liesel die kleine Puppe in den Arm.
„Da ist ja ein Foto von deiner Familie", Liesel zeigte auf das im Innendeckel des Koffers klebende Schwarz-Weiß-Foto.
„Ja, da sind wir alle drauf", sagte Thea und Tränen liefen ihr die Wangen herunter, „Papa hat es mir da reingeklebt, damit es nicht verloren geht."

„Was macht ihr beide da?", fragte eine Betreuerin, „das Bett ist nicht zum Spielen da, pack deinen Koffer sofort weg, Thea! Und beeilt euch, es ist Zeit für unseren Nachmittagsspaziergang."

Thea ging an der Hand einer der Frauen. Gemeinsam wanderten sie auf den kleinen Deich, um auf die Nordsee zu gucken. Aber das in der Sonne glitzernde Wasser konnte Thea nicht mehr begeistern, sie drehte sich weg. Plötzlich schnellte ihr Zeigefinger in Richtung der Landstraße.
„Guck mal, genauso sieht die Uniform meines Papas aus."
„Man richtet nicht den Zeigefinger auf fremde Menschen!"
„Aber die sieht genauso aus, wie bei Papa, der ist nämlich Zugschaffner." Gebannt ließ Thea diesen Mann, der immer näher kam, nicht aus den Augen.

Und dann riss sie sich von der Betreuerin los.
„Papa", schrie sie und rannte so schnell den Deich herunter, dass sie ins Stolpern geriet. „Papa!", rief sie und flog in die Arme des Mannes, der sie hochhob und an sich drückte.
 
Zuletzt bearbeitet:
Senior
Beitritt
12.04.2007
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"God is a Concept by which
we measure our pain
..."
Lennon, auf Lennon/Plastic Ono Band 1970
Nur ganz kurz und wa lakota,

liebe lakita,

ich bin baff, umso mehr, als ich in diesem Sommer für ein Theaterprojekt die dafür notwendigen historischen Daten recherchiert hab und daher weiß, dass auf die Wiege der Ruhrindustrie bereits am 11. Mai 1940 die ersten Bomben abgeworfen wurden und Kollateralschaden bereits dabei war - wie jüngst im Kosovo unter Beteiligung der Bundeswehr, Arbeit ein Klacks gegenüber Deiner Arbeit.

Da ich gerade eher zufällig ("KOnversation" + e-Mail) hier hineinschau, wird ein ausführlicher Komm folgen, aber vorweg - warum traustu Dich nicht, "sein" als Vollverb statt des "sich befinden" (zumindest am Anfang) zu verwenden - zumindest alternativ?

Nu geht's weiter in den Geburtstag hinein ...

Tschüss, gute Nacht, schönen Adventssonntag und bis bald

Friedel
 
Senior
Beitritt
02.01.2011
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Hallo, @lakita,

das ist eine fein ausgearbeitete, klug erzählte und gut recherchierte historische Erzählung. Ich habe sie wirklich äußerst gerne gelesen und mir ging das Schicksal aller deiner Figuren nahe; ich konnte sowohl mit den RAF-Piloten als auch den Deutschen, die verängstigt und verstört von den Bombardierungen um ihr und das Leben ihrer Angehörigen fürchten, mitfühlen. Das finde ich wirklich sehr gut gemacht.

Ich habe im Grunde nichts an dem Text auszusetzen. Du erreichst das, was ich mir von einer historischen Erzählung erwarte: Ich werde in die damalige Zeit hineingezogen, ich glaube dir als Erzähler und lerne hier und da interessante, originelle Details, die ich zuvor noch nicht kannte.
Herausheben möchte ich hier die wirklich starke Recherchearbeit, was Flugzeugmodelle, Details im Luftschutz etc. angeht; ich nehme dir das alles mal ab und es kommt mir authentisch vor. Ich weiß, wie viel Ressourcen solch eine Recherche kostet, deswegen noch mal Hut ab von mir an dieser Stelle.

„die Nazis haben ihre immensen Lücken in Stalingrad schließen müssen und ihre Flakgeschütze mit blutjungen unerfahrenen Jugendlichen besetzt, meist noch Schülern", grinste er schadenfroh, "die schießen nur blind drauf los."
Das war eine der sehr wenigen Stellen, an denen ich mich fragte, ob sie authentisch sei. Haben RAF-Offiziere zu besagter Zeit gewusst, dass sehr junge Kerle an die Flaks gesetzt wurden? Ich weiß es nicht, aber es wäre ein starkes Detailwissen seitens des Offizieres. Aber vielleicht weißt du mehr als ich.

Gegen 22 Uhr kletterten Redcliff und seine sechs Mann Besatzung in das neueste Modell eines Lancasterbombers mit Doppelseitenleitwerk und Geschützstand. Das waren Verbesserungen, die das Flugzeug wendiger machten und die Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten im Vergleich zu den Vormodellen erweiterten.
Das ist so ein Detailwissen, das ich an der Geschichte schätze.
„Außerdem haben wir wertvollste Fracht dabei, wenn ich so an den kleinen Lederkoffer denke, der sich bei unserem MG-Schützen befindet."
Frage: Meinst du, das ist authentisch? Dass ein MG-Schütze einfach einen Koffer mit aufs Flugzeug nehmen kann mit Inhalt? Es wurde doch auf alles geachtet in den Bombern seitens der RAF, weil Gewicht immer mehr Spritverbrauch bedeutet. Ein Koffer ist ja auch groß. Eine Zigarre in der Hemdtasche und ein Flachmann mit gutem Inhalt natürlich, aber das alles in einem Koffer? Würde ich vllt überdenken

ein dumpfes unbarmherziges gewaltiges rumms
Rumms

Ja, lakita, ich habe eigentlich nur Lob für dich. Das Leid und die Authentizität auf allen Seiten hat mich gecatched, ich finde das eine sehr starke historische Erzählung, die für mich ein Kandidat für eine Empfehlung ist. Chapeau!

Viele Grüße,
zigga
 
Wortkrieger-Team
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Lieber @zigga,

herzlichen Dank, dass du mich mit so viel Lob überschüttest. Es tut sehr sehr gut, denn natürlich gehöre ich zu denjenigen Autoren, die stets voller Selbstzweifel ihre Geschichten hier reinstellen. Klar weiß ich, dass ich, wäre die allererste Kritik ein Totalverriss oder ähnlich Negatives gewesen, es keineswegs bedeutet, dass ich Mist geschrieben habe und dass das nur eine einzige Meinung unter vielen verschiedenen darstellt.
Dazu bin ich nun viel zu lange hier, um mich sofort umpusten zu lassen, aber sicherlich kennst du auch dieses Grummeln im Bauch, man fühlt sich wie auf einer Bühne und fragt sich, wie wird das Publikum reagieren, werden sie schweigen, mitgehen, mitlachen, mitweinen, am Ende applaudieren?
Daher bin ich so froh, dass du mich von meinen Zweifeln und innerem Zittern etwas erlöst, denn das hast du, zumal ich dich als Autor sehr schätze und somit dann erst recht deine Meinung zu den Geschichten der anderen.

Beeindruckend und erstaunlich finde ich aber, dass du mit einer Zielgenauigkeit ausgerechnet die beiden einzige Punkte rausgegriffen und ein wenig in Zweifel gezogen hast, die ich tatsächlich nicht historisch belegen kann, wobei ich zur Frage, ob die Briten, also die RAF wusste, dass die Flakstellungen mit jungen Leuten besetzt waren, schon jetzt darauf zu antworten wage.
Ich weiß es tatsächlich nicht, aber ich bin mir sicher, dass sie es wussten, die gegenseitigen Spionagetätigkeiten der verfeindeten Länder war schon sehr ausgefeilt und weitgehend.
Ich habe z.B. gelesen, dass die Deutschen bei etlichen Angriffen detailliert wussten, auf welchen Flugrouten und Flughöhen die RAF-Bomber Deutschlands Küste überfliegen würden, so dass die Nachtjäger (die Briten griffen überwiegend nachts an)sie bereits erwarteten. Da ich nicht zu denjenigen gehöre, die von einer geistigen Überlegenheit der Nazis ausgeht, ich bin mir sicher, dass es da in puncto Wissen kein Gefälle zwischen den Ländern gab, wird die RAF gewusst haben, zumal es sich um einen Dauerzustand handelte, der sich bis zum Ende des Kriegs hinzog, dass die Flakgeschütze mit unerfahrenen Jungs besetzt waren.
Ich werde aber nochmals schauen, ob ich in meinem Material Hinweise dazu finde, die meine Annahme stützen.
Dein Einwand ist nämlich absolut berechtigt.

Und die Sache mit dem kleinen!!!! Whiskykoffer und der Havanna ist diesem Challenge geschuldet gewesen und meine Erfindung, Respekt, dass du das sofort gesehen hast, aber auch schon durch die prüfenden Augen eines befreundeten Piloten gegangen. Den werde ich dazu nochmals intensiver befragen, es könnte ja sein, dass er sich beim Durchlesen des Geschichtenteils mit der RAF nur auf die technischen Angaben gestürzt hat und mir die künstlerische Freiheit auch Whisky im Cockpit zu haben nicht angekreidet hat. Das versuche ich noch zu klären, ob überhaupt dafür Platz gewesen war, also für einen kleinen Koffer und ich habe auch schon eine genaue Vorstellung davon, an welcher Stelle ich dann noch kurz etwas anfügen kann, damit der Leser nicht dieselben Zweifel bekommt, wie du sie ja völlig zu Recht bekommen hast.

Rumms ändere ich sofort, danke, ich hatte irgendwie einen Blackout, erinnere mich sogar noch, es im Duden gesucht und nicht gefunden zu haben.

Herzlichen Dank für dein aufbauendes Feedback

und schönen Sonntag, zigga

Nachtrag: habe soeben mit dem Piloten gesprochen und das Whiskythema erörtert. Er sagt, es wäre überall in so einer Maschine Platz, um so ein Köfferchen unterzubringen und die Piloten seien zum Teil sehr schrullig gewesen. Die hätten jede Menge Eigenheiten gehabt. Es habe sogar etliche Staffeln gegeben, die Hunde mit dabei hatten, als ihre sog. Maskottchen.
 
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Hallo @lakita,

befand sich die 7-jährige Thea
hier würde siebenjährige besser passen, sonst klingt es so wie eine Auflistung von Zahlen, 700, 100.000, 7.
Auch hier: "im August sollte sie in die 2. Klasse kommen". Auch später noch häufiger. 20 Uhr, warum nicht acht Uhr abends?

um Feuer anzufachen
ich kenne nur Feuer zu entfachen.

noch nicht einmal mit den nackten Füßen im Meereswasser patschen
das patschen finde ich unpassend, weil es so unbeschwert, so heiter klingt. Vllt. mit nackten Füße ins Meerwasser gehen, oder die Zehen ins Wassere halten?

Heute Abend erlaubte man den Kindern, nach dem Abendbrot noch draußen zu spielen. Die Erzieherinnen hatten dies wegen der drückenden Hitze beschlossen gehabt
Heute Abend beißt sich ja schon ein wenig mit dem Perfekt (an dem Abend ...), aber das PQP schnappt richtig, oder?

Auch Thea wachte auf und sah ihre, in diesen Ferien neu gewonnene, Freundin Liesel bibbernd am Fenster stehen.
Die Apposition hakelt für mein Empfinden, weil sie den Flow nach dem Aufwachen bremst. Die Info ist doch in dem Moment nicht wichtig.

„Was ist passiert?", fragte Thea angstvoll.
Bei "Was ist passiert?" schwingt ja mit, dass es abgeschlossen, weil schon passiert ist. Da Thea aber den Motorenlärm hört, müsste sie eigentlich rufen: Was ist das? oder Was ist da los?
Das angstvoll bräuchte ich auch nicht, da sie gerade erst aufgewacht ist, ist sie vermutlich eher desorientiert als ängstlich? Vor allem, da du das direkt danach beschreibst:
Als die brummenden Geräusche der Flugzeuge nicht endeten, wuchs unter den Kindern aus der anfänglichen Unruhe schiere Angst.

war durch die Vibration in den Füssen zu spüren,
Füßen

Aber Redcliff wusste, dass mit jedem weiteren Flug, es ihn und seine Leute erwischen konnte.
Aber Redcliff wusste, dass es ihn und seine Leute mit jedem weiteren Flug erwischen konnte?

sagte der informierende Offizier beim Briefing
das informierende finde ich redundant, weil es im Briefing enthalten ist.

fügte er mit ironischem Unterton hinzu.
Wo ist denn da die Ironie?

aber die verteufelten Nachtjäger hatten uns vor zwei Tagen ganz schön eingeheizt gehabt
was spricht gegen das einfache Perfekt? "... aber die verteufelten Nachtjäger haben uns vor zwei Tagen ganz schön eingeheizt."

Während Redcliff, am Rande des Flugfeldes im Gras hockend, zusah, wie seine viermotorige Lancaster betankt
Puh, komplizierter Satzbau, würde ich verschlanken. Redcliff hockte am Rande des Flugfeldes im Gras und sah zu, wie seine viermotorige Lancaster betankt wurde. Als die Spreng- und Brandbomben geladen wurden, trat der Navigator auf ihn zu.

aber sein Navigator kam ihm mit seinem (bereits aufgeklapptem und gezündetem) zuvor.
Das in den Klammern bräuchte ich nicht, es ist klar, dass er ihm kein zugeklapptes, nicht entzündetes Feuerzeug hinhält.

und eine Havanna und sonst nix
Wenn die Herren so miteinander reden, so kühl vorausplanend und abschätzend, würde mir ein nichts statt dem nix besser gefallen, weil passender zum Duktus.

Im Bombenschacht hingen eine 2000-Kilo-Bombe, makaber liebevoll „Cookie" genannt und an die 3000 Brandbomben.
Irgendwie stören mich jetzt die ganzen Ziffern.

U-Bootproduktion
U-Boot-Produktion?

dafür war jetzt nicht der geringste Raum, um darüber nachzudenken.
um darüber nachzudenken, war jetzt nicht der geringste Raum?

Ab einer Flughöhe von circa 3000 Metern würden sie zudem noch Sauerstoffmasken aufsetzen müssen, um nicht in lebensbedrohliche Mangelzustände zu geraten.
Das Fette kann weg, ich denke, das erklärt sich von selbst.

überflügelte.’Vor 5 Jahren
Ein Leerzeichen nach dem Punkt, nicht wenigstens diese fünf ausschreiben? :sealed:

Ein kräftezehrendes Unterfangen, weil weder Höhen- noch Seitenruder mit einer Servounterstützung ausgestattet waren.
Ist das vielleicht aus der Zukunft nach hinten geschaut? Oder wurde das damals schon so genannt?

Der Bombenschacht der Lancaster öffnete sich, um zunächst den „Cookie" herabfallen zu lassen, danach klappte der Schacht mit den rund 3000 Brandbomben auf, die wie an Bindfäden gehalten gleichmäßig hintereinander Stück für Stück niederfielen, um die Hansestadt in grauenhafte Zustände zu versetzen.
Ohne die Erklärung am Schluss fände ich es stärker, da tut schon die nüchterne Auflistung des Bomben-Arsenals allein ihren Dienst.
Du hattest einen möglichen Schaden im Bombenschacht durch den Beschuss angedeutet. Das geht dann hier aber völlig unter.

Ein Fauchen, ein dumpfes unbarmherziges gewaltiges rumms
Ich mag das rumms nicht, das ist so comic-like, zong, brrr, rumms. Was spricht gegen einen dumpfen, unbarmherzigen, gewaltigen Schlag? Könntest auch ein passendes Bild einbauen. Da du später schreibst, der Riese sei angekommen, z.B. "als hätte ein Titan mit seiner Riesenfaust auf die Kellerdecke geschlagen." Sowas, nur so als Idee.

Maria vergaß keine Sekunde, ihren Notkoffer mitzunehmen, den sie fest an sich gepresst hatte und der die Lebensgrundlage der gesamten Familie enthielt. Dass dies ihre einzige Habe war, wusste sie in diesem Moment noch nicht.
Sie denkt also permanent, wirklich jede Sekunde daran, den Koffer mitzunehmen? Würde ich darüber auflösen, dass sie den Koffer krampfhaft an sich presst.

Überall beißender Brandgeruch, der den Atem nahm. Die Augen brannten vom Rauch. Die Lungen stachen. Wohin sollten sie nun gehen?
Das "nun gehen" ist mir an der Stelle zu schwach. Das klingt nach Wegkreuzung im Wald. Gehen wir zum See oder essen wir einen Kuchen im Café. Weißt?
Sie kommen gerade aus dem Schutz des Kellers, sind psychisch und physisch an der Grenze oder drüber, da brauch ich was Stärkeres. Hasten, Fliehen, Ducken, Haken schlagen ...

Unerträgliche Hitze trieb sie zurück, Rauch, der sie zwang(Komma) die Augen zuzukneifen und am liebsten nie wieder zu öffnen. Mit brausender orkanartiger Geschwindigkeit peitschten Glutwinde über das Kopfsteinpflaster, zogen brennende Balken mit sich, wirbelten Latten und Dreck, Steine, Scherben auf, entzündeten stämmige, noch vor Stunden gesunde dicke Bäume. Sie mussten umkehren. Sie wären sonst erbarmungslos im Feuersturm umgekommen. Entweder verbrannt oder spätestens an Sauerstoffmangel oder Kohlenmonoxid erstickt, so wie in dieser Nacht unendlich viele Hamburger.
Ohne das Fette wäre es mMn stärker, da schon die Info, dass gesunde, dicke, alte Bäume vom Feuersturm mitgerissen werden, alles sagt. Was ist ein kleines Menschlein gegen einen Baum?

Und da weinte auch Irma, weil sie die Vorstellung, dass diese schutzlosen Kaninchen nun auf so grausame Weise umgekommen waren, unendlich traurig machte.
Sorry, das finde ich unrealistisch. Sie werden auf ihrer Flucht aus dem Keller durch die Straßen grauenhafte Dinge gesehen und gehört haben, abgetrennte Körperteile, verbrannte Leichen, stöhnende Schwerverletzte, etc.. Und da trauert Irma um fremde Kaninchen? Ich weiß, warum du das schreibst, die Gedanken suchen einen Ort zum Fliehen und die Trauer sucht ein Ziel, etwas Konkretes als Ventil. dennoch hat es mich nicht überzeugt.

es konnte aber wegen der Hitze noch keiner aus dem Keller heraus.
niemand

Die kleine Familie beschloss, in den Schrebergarten der Tante Tine zu gehen. Sie hofften, dass es dort nicht brannte.
Das klingt mir zu normal, zu wenig verzweifelt.

An einer noch unzerstörten Mauer
An eine Mauer?

Sie hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass 7-jährige Kinder, die um ihre Eltern und Geschwister bangten, sich zu kleinen Erwachsenen verwandelt hatten, die beharrlich und unablässig weiter insistierten.
„Es gibt keine Telefonverbindung nach Hamburg und auf Post müssen wir warten", sagte eine der Frauen.
„Ich will zu meiner Mama", weinte eines der Kinder und ein weiteres folgte.
Das widerspricht sich ein wenig. Erst verwandeln sie sich zu kleinen Erwachsenen, dann quengeln sie wieder nach der Mama.

„Guckmal
Guck mal

Liebe lakita, dein Text hat mich an vielen Stellen erreicht, an manchen nicht. Den Aufbau und die Struktur der Geschichte finde ich gelungen, die Klammer mit dem Heim auf Nordstrand, die Wechsel zu den englischen Bombern und zu Theas Familie, das finde ich alles interessant zu lesen, da bin ich dir gerne gefolgt. Unter dem Tag Historik nehme ich auch all die Informationen mit, die du transportierst, das lese ich gerne. Den Plot hast du geradlinig konzipiert, da entsteht Spannung und begrenzt auch ein Lesefieber. Ich will schon wissen, wie es endet. Das ist gut erzählt.

An manchen Stellen fehlt mir die Dringlichkeit, das Unmittelbare. Das wird dann immer irgendwie dadurch abgefedert, dass nichts wirklich Drastisches passiert. Es fließt kein Blut, niemand schreit, stöhnt, wenn die Bombe fällt, ist der Riese angekommen. Es bebt der Keller, aber niemand stirbt. Der Mittelteil des Plots, als es um die Dreierfamilie geht, könnte genauso bei einem Vulkanausbruch spielen. Sie weichen den fallenden Lavabrocken aus, Wege werden von Lavaflüssen versperrt, die brennende Hitze, die Luft, die sich nicht atmen lässt, all das. Was mir irgendwie fehlt, ist das Kriegsspezifische, das Politische, dass Menschen anderen Menschen sowas antun. Wo bleibt die Anklage an die Flugzeugcrew: "Warum tut ihr uns das an?" Das wäre für mich eher die Frage als "Wo war Gott?"
Ich habe auch ein kleines Problemchen mit der Sprache, die ich an einigen Stellen zu umständlich, zu wenig direkt, mir für einen Bericht zu wenig nüchtern finde, zu erklärend. Gerade dieser Kontrast zwischen einer nüchterneren Schilderung der Fakten durch die Autorin und das emotionalere, nähere Erleben des Kriegselends durch die Protas würde den Text m.E. stärker machen.

Der Titel hängt für mich etwas bindungslos in der Luft. Okay, der Schriftzug stand auf der Mauer, doch ist das wirklich das Thema des Textes? Wo war Gott? Ich glaube nicht an Gott, welchen auch immer, und denke, das meiste Leid ist menschengemacht und die Religionen haben das oft genug befeuert. Irgendeinen Gott für seine Abwesenheit anzuprangern, kann nicht die Menschen aus ihrer Verantwortung entlassen.

Ein versöhnliches Ende, das dem Schrecken einiges von seinem Gewicht nimmt, wie das alle Happy-Ends tun, denn eigentlich war es dann doch nicht so schlimm, es haben ja alle überlebt und das zählt letztlich.

Peace, linktofink

ps. noch ein Wort zu dem Kofferthema. Das hast du perfekt umgesetzt durch die gepackten Koffer, die auf den Fluren stehen und als solche würden sie mir völlig ausreichen, da sie auch einige Male erwähnt werden.
Der kleine Lederkoffer des MG Schützen hingegen, der Whisky und Havanna enthält, ist son bissl wie ein Tschechows Gewehr, das nicht abgefeuert wird, und als solches entbehrlich, da es einen losen Faden baumeln lässt, an den ich keinen Knoten kriege.

Noch was: "Der 18-jährige Sohn Paul hatte Luftschutzdienst, was bedeutete, dass er draußen blieb, um etwaige Brände im Haus zu löschen."
#Was ist eigentlich aus dem geworden?
 
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Hallo @linktofink,

herzlichen Dank für dein ausführliches Feedback, all deine Textarbeiten und sonstigen Verbesserungsvorschläge. Ich weiß, dass es dich viel Zeit gekostet hat, denn allein schon das Lesen der Geschichte ist bereits ein wuchtiger Faktor. Vielen Dank daher für all die Mühe.
In sehr vielen Dingen stimme ich dir zu, dies schon mal vorweg.

befand sich die 7-jährige Thea
hier würde siebenjährige besser passen, sonst klingt es so wie eine Auflistung von Zahlen, 700, 100.000, 7.
Auch hier: "im August sollte sie in die 2. Klasse kommen". Auch später noch häufiger. 20 Uhr, warum nicht acht Uhr abends?

Ich empfinde es völlig anders. Mich stört in Texten meist, dass ich mir Zahlen erlesen muss, ich finde, eine Zahl zu schreiben deutlich klarer und rascher erfassbar. Aber ich kann dich verstehen, Zahlen sind eben kein geschriebenes Wort, es sieht ruhiger aus, wenn alles ausgeschrieben ist. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das anpassen möchte. Sicherlich werde ich, wenn sich noch mehr Leser melden, die das stört, es wohl ändern müssen, in der Hoffnung, damit der Mehrheit das Lesen bzw. die Lesefreude zu erhalten. Ich warte da also noch ab.

um Feuer anzufachen
ich kenne nur Feuer zu entfachen.
laut Duden gibt es das
noch nicht einmal mit den nackten Füßen im Meereswasser patschen
das patschen finde ich unpassend, weil es so unbeschwert, so heiter klingt. Vllt. mit nackten Füße ins Meerwasser gehen, oder die Zehen ins Wassere halten?
genau das soll es, es soll darstellen, was für Freude ihr da vorenthalten wird
Heute Abend erlaubte man den Kindern, nach dem Abendbrot noch draußen zu spielen. Die Erzieherinnen hatten dies wegen der drückenden Hitze beschlossen gehabt
Heute Abend beißt sich ja schon ein wenig mit dem Perfekt (an dem Abend ...), aber das PQP schnappt richtig, oder?
geändert
Auch Thea wachte auf und sah ihre, in diesen Ferien neu gewonnene, Freundin Liesel bibbernd am Fenster stehen.
Die Apposition hakelt für mein Empfinden, weil sie den Flow nach dem Aufwachen bremst. Die Info ist doch in dem Moment nicht wichtig.
richtig, schon geändert
„Was ist passiert?", fragte Thea angstvoll.
Bei "Was ist passiert?" schwingt ja mit, dass es abgeschlossen, weil schon passiert ist. Da Thea aber den Motorenlärm hört, müsste sie eigentlich rufen: Was ist das? oder Was ist da los?
Das angstvoll bräuchte ich auch nicht, da sie gerade erst aufgewacht ist, ist sie vermutlich eher desorientiert als ängstlich? Vor allem, da du das direkt danach beschreibst:
Als die brummenden Geräusche der Flugzeuge nicht endeten, wuchs unter den Kindern aus der anfänglichen Unruhe schiere Angst.
geändert
war durch die Vibration in den Füssen zu spüren,
Füßen
Fehler beseitigt
Aber Redcliff wusste, dass mit jedem weiteren Flug, es ihn und seine Leute erwischen konnte.
Aber Redcliff wusste, dass es ihn und seine Leute mit jedem weiteren Flug erwischen konnte?
geändert
sagte der informierende Offizier beim Briefing
das informierende finde ich redundant, weil es im Briefing enthalten ist.
geändert
fügte er mit ironischem Unterton hinzu.
Wo ist denn da die Ironie?
gestrichen
aber die verteufelten Nachtjäger hatten uns vor zwei Tagen ganz schön eingeheizt gehabt
was spricht gegen das einfache Perfekt? "... aber die verteufelten Nachtjäger haben uns vor zwei Tagen ganz schön eingeheizt."
geändert
Während Redcliff, am Rande des Flugfeldes im Gras hockend, zusah, wie seine viermotorige Lancaster betankt
Puh, komplizierter Satzbau, würde ich verschlanken. Redcliff hockte am Rande des Flugfeldes im Gras und sah zu, wie seine viermotorige Lancaster betankt wurde. Als die Spreng- und Brandbomben geladen wurden, trat der Navigator auf ihn zu.
geändert
aber sein Navigator kam ihm mit seinem (bereits aufgeklapptem und gezündetem) zuvor.
Das in den Klammern bräuchte ich nicht, es ist klar, dass er ihm kein zugeklapptes, nicht entzündetes Feuerzeug hinhält.
geändert
und eine Havanna und sonst nix
Wenn die Herren so miteinander reden, so kühl vorausplanend und abschätzend, würde mir ein nichts statt dem nix besser gefallen, weil passender zum Duktus.
geändert und noch etwas hinzugefügt, Erläuterung siehe unten
Im Bombenschacht hingen eine 2000-Kilo-Bombe, makaber liebevoll „Cookie" genannt und an die 3000 Brandbomben.
Irgendwie stören mich jetzt die ganzen Ziffern.
hier habe ich einfach mal aus der 2000 : zwei Tonnen gemacht, das sieht wirklich besser und auch dramatischer aus, weil das Wort Tonne für sich ja schon Schwere bedeutet.
U-Bootproduktion
U-Boot-Produktion?
geändert
dafür war jetzt nicht der geringste Raum, um darüber nachzudenken.
um darüber nachzudenken, war jetzt nicht der geringste Raum?
nicht geändert
Ab einer Flughöhe von circa 3000 Metern würden sie zudem noch Sauerstoffmasken aufsetzen müssen, um nicht in lebensbedrohliche Mangelzustände zu geraten.
Das Fette kann weg, ich denke, das erklärt sich von selbst.
gestrichen
überflügelte.’Vor 5 Jahren
Ein Leerzeichen nach dem Punkt, nicht wenigstens diese fünf ausschreiben? :sealed:
erledigt
Ein kräftezehrendes Unterfangen, weil weder Höhen- noch Seitenruder mit einer Servounterstützung ausgestattet waren.
Ist das vielleicht aus der Zukunft nach hinten geschaut? Oder wurde das damals schon so genannt?

Ja.
Ich zitier mir mal, was ich gefunden habe:

"Obwohl erste Patente schon früher vorlagen, war es Francis W. Davis, ein Ingenieur der Lastwagenabteilung von Pierce Arrow, der mit Forschungen begann, wie man das Lenken erleichtern könnte und der 1926 die erste Servolenkung vorstellte. Davis wechselte dann zu General Motors und verbesserte diese hydraulische Lenkhilfe, aber der Autohersteller lehnte sie als zu kostenaufwändig ab. Davis wechselte daraufhin zu Bendix, einem Automobilzulieferer. Im zweiten Weltkrieg stieg die Nachfrage nach Lenkhilfen für schwere und gepanzerte Fahrzeuge stark an." (aus: Mb Passion "85 Jahre Servolenkung 85 Jahre Servolenkung)
Der Bombenschacht der Lancaster öffnete sich, um zunächst den „Cookie" herabfallen zu lassen, danach klappte der Schacht mit den rund 3000 Brandbomben auf, die wie an Bindfäden gehalten gleichmäßig hintereinander Stück für Stück niederfielen, um die Hansestadt in grauenhafte Zustände zu versetzen.
Ohne die Erklärung am Schluss fände ich es stärker, da tut schon die nüchterne Auflistung des Bomben-Arsenals allein ihren Dienst.
Du hattest einen möglichen Schaden im Bombenschacht durch den Beschuss angedeutet. Das geht dann hier aber völlig unter.
Von dem Satz mag ich mich (noch) nicht trennen.
Ja "möglichen", ich wollte es in der Geschichte nicht weiter dramatisieren, sondern lediglich darstellen, was einer der über 700 Bombern in dieser Nacht getan hat. Wollte klarstellen, dass es auch für diese Piloten nicht einfach war, sie eben nicht mal eben hinfliegen, abwerfen, nach Hause fliegen konnten, sondern ständig mit allem rechnen mussten. Ich habe auch drüber nachgedacht, ob ich nicht einen Angriff eines Nachtjägers darstelle, es dann aber verworfen, weil es mir hier nicht um eine Pilotengeschichte, die im 2. Weltkrieg spielt, geht, sondern dieser Einschub soll darstellen, dass auch der damalige Feind aus Menschen, die Angst und Sorgen haben, besteht.
Ein Fauchen, ein dumpfes unbarmherziges gewaltiges rumms
Ich mag das rumms nicht, das ist so comic-like, zong, brrr, rumms. Was spricht gegen einen dumpfen, unbarmherzigen, gewaltigen Schlag? Könntest auch ein passendes Bild einbauen. Da du später schreibst, der Riese sei angekommen, z.B. "als hätte ein Titan mit seiner Riesenfaust auf die Kellerdecke geschlagen." Sowas, nur so als Idee.
Ich stimme dir zu, das Rumms ist auch aus meiner Sicht Comicsprache. Aber ich habe bisher noch nichts gefunden, das überzeugender klingt. Ich hoffe, ich bekomme noch eine Eingebung.

Maria vergaß keine Sekunde, ihren Notkoffer mitzunehmen, den sie fest an sich gepresst hatte und der die Lebensgrundlage der gesamten Familie enthielt. Dass dies ihre einzige Habe war, wusste sie in diesem Moment noch nicht.
Sie denkt also permanent, wirklich jede Sekunde daran, den Koffer mitzunehmen? Würde ich darüber auflösen, dass sie den Koffer krampfhaft an sich presst.
stimmt, geändert
Überall beißender Brandgeruch, der den Atem nahm. Die Augen brannten vom Rauch. Die Lungen stachen. Wohin sollten sie nun gehen?
Das "nun gehen" ist mir an der Stelle zu schwach. Das klingt nach Wegkreuzung im Wald. Gehen wir zum See oder essen wir einen Kuchen im Café. Weißt?
Sie kommen gerade aus dem Schutz des Kellers, sind psychisch und physisch an der Grenze oder drüber, da brauch ich was Stärkeres. Hasten, Fliehen, Ducken, Haken schlagen ...
habe das Gehen gestrichen, gebe dir Recht

Unerträgliche Hitze trieb sie zurück, Rauch, der sie zwang(Komma) die Augen zuzukneifen und am liebsten nie wieder zu öffnen. Mit brausender orkanartiger Geschwindigkeit peitschten Glutwinde über das Kopfsteinpflaster, zogen brennende Balken mit sich, wirbelten Latten und Dreck, Steine, Scherben auf, entzündeten stämmige, noch vor Stunden gesunde dicke Bäume. Sie mussten umkehren. Sie wären sonst erbarmungslos im Feuersturm umgekommen. Entweder verbrannt oder spätestens an Sauerstoffmangel oder Kohlenmonoxid erstickt, so wie in dieser Nacht unendlich viele Hamburger.
Ohne das Fette wäre es mMn stärker, da schon die Info, dass gesunde, dicke, alte Bäume vom Feuersturm mitgerissen werden, alles sagt. Was ist ein kleines Menschlein gegen einen Baum?
ich verstehe deinen Einwand, aber ich kann mich davon (noch) nicht trennen. Vielleicht benötige ich mehr Zeit, um den Text wie ein klassischer Leser sehen zu können. Das fällt mir, so frisch aus der Presse sozusagen grad noch schwer.
Und da weinte auch Irma, weil sie die Vorstellung, dass diese schutzlosen Kaninchen nun auf so grausame Weise umgekommen waren, unendlich traurig machte.
Sorry, das finde ich unrealistisch. Sie werden auf ihrer Flucht aus dem Keller durch die Straßen grauenhafte Dinge gesehen und gehört haben, abgetrennte Körperteile, verbrannte Leichen, stöhnende Schwerverletzte, etc.. Und da trauert Irma um fremde Kaninchen? Ich weiß, warum du das schreibst, die Gedanken suchen einen Ort zum Fliehen und die Trauer sucht ein Ziel, etwas Konkretes als Ventil. dennoch hat es mich nicht überzeugt.
Doch, ich habe dich überzeugt, denn du bringst genau die richtige Einschätzung. Das Kind erlebt die grausamsten Dinge, jede Menge passiert an diesem Tag, was sie viel eher und viel kräftiger zum Weinen bringen müsste und sie tut es nicht. Ich bin kein Psychologe, aber ich vermute, da wird einfach etwas ausgeblendet, abgespalten, das Ungeheuerliche ignoriert, vielleicht sogar bis hinein in die Friedenszeiten, was dann später irgendwann in Form von anderen psychischen Unzulänglichkeiten wieder herausdrückt. Aber als eine kindliche Situation entsteht, niedliche Kaninchen umkommen, erlaubt sich dieses Kind, wieder Kind zu sein.
es konnte aber wegen der Hitze noch keiner aus dem Keller heraus.
niemand
geändert
Die kleine Familie beschloss, in den Schrebergarten der Tante Tine zu gehen. Sie hofften, dass es dort nicht brannte.
Das klingt mir zu normal, zu wenig verzweifelt.
Ja, da bin ich bei dir. Mir gefällt dieses Ende sozusagen auch nicht. Aber dann müsste ich die Geschichte wuchtig weiter schreiben und dann sind wir bei einem Roman, von der Länge her betrachtet.
Ich bin genau an dieser Stelle auch nicht mit mir zufrieden. Weiß aber im Moment keine Lösung.

An einer noch unzerstörten Mauer
An eine Mauer?
geändert
Sie hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass 7-jährige Kinder, die um ihre Eltern und Geschwister bangten, sich zu kleinen Erwachsenen verwandelt hatten, die beharrlich und unablässig weiter insistierten.
„Es gibt keine Telefonverbindung nach Hamburg und auf Post müssen wir warten", sagte eine der Frauen.
„Ich will zu meiner Mama", weinte eines der Kinder und ein weiteres folgte.
Das widerspricht sich ein wenig. Erst verwandeln sie sich zu kleinen Erwachsenen, dann quengeln sie wieder nach der Mama.
Ja, genau. Das können Kinder. Sie können, wenn man sie in solche Situationen zwingt, kleine Erwachsene sein, aber bleiben im Kern und sonstigem Wesen einfach Kinder. Zum Glück ist es so. Trotzdem ist es schlimm, wenn man sie auf diese Weise fordert.
„Guckmal
Guck mal
geändert
Liebe lakita, dein Text hat mich an vielen Stellen erreicht, an manchen nicht. Den Aufbau und die Struktur der Geschichte finde ich gelungen, die Klammer mit dem Heim auf Nordstrand, die Wechsel zu den englischen Bombern und zu Theas Familie, das finde ich alles interessant zu lesen, da bin ich dir gerne gefolgt. Unter dem Tag Historik nehme ich auch all die Informationen mit, die du transportierst, das lese ich gerne. Den Plot hast du geradlinig konzipiert, da entsteht Spannung und begrenzt auch ein Lesefieber. Ich will schon wissen, wie es endet. Das ist gut erzählt.
Ganz lieben Dank für dein Lob!

An manchen Stellen fehlt mir die Dringlichkeit, das Unmittelbare. Das wird dann immer irgendwie dadurch abgefedert, dass nichts wirklich Drastisches passiert. Es fließt kein Blut, niemand schreit, stöhnt, wenn die Bombe fällt, ist der Riese angekommen. Es bebt der Keller, aber niemand stirbt. Der Mittelteil des Plots, als es um die Dreierfamilie geht, könnte genauso bei einem Vulkanausbruch spielen. Sie weichen den fallenden Lavabrocken aus, Wege werden von Lavaflüssen versperrt, die brennende Hitze, die Luft, die sich nicht atmen lässt, all das.

Ich finde, es passiert sehr sehr viel Drastisches, aber insoweit finde ich deinen Eindruck interessant. Ich habe, für dieses Schicksal bin ich sehr dankbar, solche Situationen noch nie erleben müssen. Vielleicht ist es so, dass man ganz stumm wird und einfach nur im Fluchtmodus ist. Und ganz gewiss sagt einem das Unterbewusstsein, dass Schreien und Stöhnen nichts nützt, weil es dem anderen genauso schlecht geht.
Es flogen Gebäudeteile umher, wäre das für dich kriegsspezifischer?
Die Stadt wurde von oben angegriffen, auf den Straßen waren keine feindlichen Soldaten mit Panzern, Maschinengewehren und Flammenwerfern.
Es gab damals diese Bomben mit zeitversetztem Zeitzünder, vor denen jeder mächtigen Respekt hatte, weil man eben nie wusste, ob sie gleich explodiert?
Aber in meiner Geschichte stirbt diese kleine Familie nicht.


Was mir irgendwie fehlt, ist das Kriegsspezifische, das Politische, dass Menschen anderen Menschen sowas antun. Wo bleibt die Anklage an die Flugzeugcrew: "Warum tut ihr uns das an?" Das wäre für mich eher die Frage als "Wo war Gott?"
In meinen Recherchen, darunter eine Menge Augenzeugenberichten, ist niemand dieser Zeitzeugen dabei gewesen, der die Briten angeklagt hätte. Es war allen bewusst, dass jede Seite Greuel an den Menschen begangen hatte und es absolut zu nichts führt, die Waagschale aufzuhängen, um abzuwiegen, welches Land welchem anderen Land mehr angetan hat und es deshalb Anklage führen darf. Deutschland hat angefangen gegen andere Länder Krieg zu führen. Ich halte deine Forderung entweder für missverständlich oder irritierend (naiv).
Falls du meinst, dass in der Geschichte diese Familie anklagen sollte oder andere Betroffene, so glaube ich, dass zum einen die Hamburger schon auch den Feind gehasst und angeklagt haben, soweit sie dem nationalsozialistischem Gedanken anhingen ganz bestimmt.
Ansonsten gab es damals schon etliche Stimmen, die die Nazis und ihren Unwillen Frieden zu schaffen, anklagten. Allerdings musste man damals, weil der Verwaltungsapparat der Nazis durchaus noch funktionierte und man nie wusste, wer da vor einem stand, vorsichtig sein, das offen unbekannten Menschen gegenüber zu äussern. Es ist perfide, dass in solchen Zeiten der absoluten Auflösung es noch Kräfte gab, die in der Lage waren sog. Denunzianten und Andersdenkende in Haft zu nehmen und letztendlich in die KZ's zu stecken.
Aber wenn du einfach nur noch darauf reduziert bist, zu fliehen und ein Schluck Wasser dein Leben bedeutet, dann baut sich keine Wut gegen den Feind auf.


Ich habe auch ein kleines Problemchen mit der Sprache, die ich an einigen Stellen zu umständlich, zu wenig direkt, mir für einen Bericht zu wenig nüchtern finde, zu erklärend.
Diese Kritik verstehe ich so, dass du meinst, ich hätte an manchen Stellen mehr Sprache hineinbringen sollen, aber auf der anderen Seite noch nüchterner erzählen?
Ich werde deine Kritik garantiert mit einigem Zeitabstand nochmals durchlesen und bin mir sicher, dass ich dann mit eigenem gehörigem Abstand es besser nachvollziehen kann.


Gerade dieser Kontrast zwischen einer nüchterneren Schilderung der Fakten durch die Autorin und das emotionalere, nähere Erleben des Kriegselends durch die Protas würde den Text m.E. stärker machen.
Ich habe es versucht, es genau so hinzubekommen. Aber bin da in deinen Augen offensichtlich in weiten Teilen gescheitert.
Der Titel hängt für mich etwas bindungslos in der Luft. Okay, der Schriftzug stand auf der Mauer, doch ist das wirklich das Thema des Textes? Wo war Gott? Ich glaube nicht an Gott, welchen auch immer, und denke, das meiste Leid ist menschengemacht und die Religionen haben das oft genug befeuert. Irgendeinen Gott für seine Abwesenheit anzuprangern, kann nicht die Menschen aus ihrer Verantwortung entlassen.

Ich verstehe deinen Einwand. Es war von den wenigen Titeln, die mir einfielen, derjenige, der mir noch am ehesten die ernsthafteste Bedeutung hatte. Ich weiß, dass ich Gefahr laufe, als Autorin für eine Gläubige gehalten zu werden. Tatsache ist, dass meine Intention war, dieser Familie!, die katholischen Glaubens anhängt, diesen Gedanken, auf Gott zu hoffen, zu geben.
Zu dieser Zeit hatte Glauben eine noch deutlich intensivere Bedeutung für die Menschen.
Da haben garantiert in den Bunkern oder Kellern sitzend viele gebetet und dadurch so etwas wie Hoffnung und vielleicht sogar Trost für sich schaffen können. Damals würde so ein Spruch: Wo war Gott , auf deutlich weniger Widerspruch stoßen als heute.
Ich sehe aber deine Bedenken auch.
Aber mir missfiel, einfach als Titel nur das Datum zu nehmen: "27. Juli 1943", so hatte ich es anfänglich. Auch "Feuersturm" fand ich nicht passend oder die Bezeichnung, unter dessen Codenamen damals diese Bombardierungen liefen "Gomorrha". Sollte mir noch ein passenderer Titel einfallen, werde ich ihn wechseln.



Ein versöhnliches Ende, das dem Schrecken einiges von seinem Gewicht nimmt, wie das alle Happy-Ends tun, denn eigentlich war es dann doch nicht so schlimm, es haben ja alle überlebt und das zählt letztlich.

Versteh ich das richtig, dass das Ende für dich okay ist?


Peace, linktofink

ps. noch ein Wort zu dem Kofferthema. Das hast du perfekt umgesetzt durch die gepackten Koffer, die auf den Fluren stehen und als solche würden sie mir völlig ausreichen, da sie auch einige Male erwähnt werden.

Danke
Der kleine Lederkoffer des MG Schützen hingegen, der Whisky und Havanna enthält, ist son bissl wie ein Tschechows Gewehr, das nicht abgefeuert wird, und als solches entbehrlich, da es einen losen Faden baumeln lässt, an den ich keinen Knoten kriege.
Stimmt, aber ich habe das um einen Satz erweitert, nachdem man mir bestätigt hat, dass es unter den Piloten einige schräge Leute geben soll. Und mir war es auch darum gelegen, die Personen nicht so roboterhaft agieren zu lassen.

Noch was: "Der 18-jährige Sohn Paul hatte Luftschutzdienst, was bedeutete, dass er draußen blieb, um etwaige Brände im Haus zu löschen."
#Was ist eigentlich aus dem geworden?
[/QUOTE]
Ich überlege, ob ich ihn rausnehme, denn auch das würde die Geschichte von ihrer Länge her sprengen, wenn man über sein Schicksal noch etwas schreibt.
Auf der anderen Seite war mir wichtig, darzustellen dass die Opfer, die diese Familien erbringen mussten eben darin bestanden, dass der eigene Ehemann nicht da ist, damals ja der Beschützer und der größte Sohn auch nicht. Die Schutzlosigkeit erhöhte sich ja dadurch. Maria war mit 2 Kindern auf der Flucht.
 
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Gerade dieser Kontrast zwischen einer nüchterneren Schilderung der Fakten durch die Autorin und das emotionalere, nähere Erleben des Kriegselends durch die Protas würde den Text m.E. stärker machen.
Ich habe es versucht, es genau so hinzubekommen. Aber bin da in deinen Augen offensichtlich in weiten Teilen gescheitert.
Gescheitert? Nein. Ich versuche nur, Ansatzpunkte zu liefern, den Text zu verbessern, wie ich es mir selbst auch wünsche. In dem Fall heißt das nur, dass ein Leser dein Vorhaben (noch) nicht optimal umgesetzt fand. Also no worries.

Peace, linktofink
 
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Liebe Lakita,

ein schwieriges Thema hast du da aufgegriffen – wie soll man einerseits wirklich das Leid und die existenzielle Angst der Menschen damals in einer Bombennacht angemessen beschreiben und andererseits die Maschinerie des Todes, die hinter allem steckt sichtbar werden lassen?

Das Erste gelingt dir, ab dem Bombentreffer gut

(z.B. „Bomben, die treffen, hört man nicht mehr. Aber diese letzte Bombe, die den Keller traf, hörten die Eingeschlossenen. Ein Fauchen, ein dumpfes unbarmherziges gewaltiges Rumms und der Keller war innerhalb einer Sekunde mit rotem Backsteinstaub vernebelt.
Der Riese war angekommen.“),

der „Rumms“ gefällt mir nicht so sehr, ich empfinde ihn als Verniedlichung, der angekommene Riese ist prima.

Generell wünsche ich mir bei solcher Dramatik eine schnellere Sprache, aber das ist ja nur ein Wunsch.

Zum Zweiten Punkt: Die vielen technischen (bzw. Verfahrens-) Details beschreiben deutlich den Hintergrund des Angriff, gewissermaßen die andere Seite, die durch den Kunstgriff der Schrulligkeit etwas menschliche Züge bekommt.



Noch ein paar Kleinigkeiten:

„Fiebrig kursierten die Gerüchte“

muss es nicht ‚fieberhaft‘ heißen?

„Für ihn waren die Einsätze bisher nur in fliegerischer Hinsicht spannend gewesen. Das Fliegen war seine Leidenschaft, nicht das Töten.“

Puh – Töten als Leidenschaft – gab es das wirklich oft?



„die reinsten Einladungen für dein Feind.‘“

den Feind



„Das Bomber Command hat ja Befehl gegeben, dieses Mal nicht aufgelockert in breiter Gefechtsformation, sondern in eng zusammengefassten Wellen zu fliegen. Sollten die Nazis wieder unseren Funkverkehr zur Basis stören, benötige ich die Augen der anderen."

Sorry, aber dieser Augenaustausch – grusel … (ist vielleicht nur meine Fantasie).

„sagte Redcliff und zog eine Zigarette aus der ihm angebotenen Packung, griff in die Hosentasche seines Overalls, um sein Feuerzeug hervorzuholen, aber sein Navigator kam ihm zuvor.
„Wir müssen besonders auf die Wirbelschleppen achten, wenn die Maschine nämlich zu sehr durchgeschaukelt wird, könnten sich die Brandbomben verkeilen", sagte der Navigator besorgt.“

Wie kam ihm der Navigator zuvor? Klaut er ihm das Feuerzeug, bevor er es aus der Tasche nimmt – er kann ihm bei der Rede zuvorkommen, aber nicht durch Rede beim Feuerzeug rausholen.



„Tannenbäume", weil sie wie bunt beleuchtete Weihnachtsbäume“

Keine Ahnung – waren die Marker bunt?



„’Vor 5 Jahren war ich auch noch so fiebrig, wenn ich im Cockpit saß‘, erinnerte sich Redcliff.“

Fiebrig ist schlecht beim Fliegen – aufgewühlt, aufgeregt …?



„dass 7-jährige Kinder, die um ihre Eltern und Geschwister bangten, sich zu kleinen Erwachsenen verwandelt hatten, die beharrlich und unablässig weiter insistierten.“

‚insistieren‘ – ein sehr modernes (Fach-) Wort.

Da fällt mir noch ein – prima, dass du die Sprödheit und Strenge der Kinderbetreuerinnen und der Mutter aufzeigst!



Liebe Grüße,



Wolto
 
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Lieber Woltochinon,

auch dir danke ich herzlich für dein Feedback und die Mühe, die du dir gemacht hast, immerhin ist es ja keine kleine Geschichte von 4 Seiten.

ein schwieriges Thema hast du da aufgegriffen – wie soll man einerseits wirklich das Leid und die existenzielle Angst der Menschen damals in einer Bombennacht angemessen beschreiben und andererseits die Maschinerie des Todes, die hinter allem steckt sichtbar werden lassen?

Das Erste gelingt dir, ab dem Bombentreffer gut


Danke!

(z.B. „Bomben, die treffen, hört man nicht mehr. Aber diese letzte Bombe, die den Keller traf, hörten die Eingeschlossenen. Ein Fauchen, ein dumpfes unbarmherziges gewaltiges Rumms und der Keller war innerhalb einer Sekunde mit rotem Backsteinstaub vernebelt.
Der Riese war angekommen.“),

der „Rumms“ gefällt mir nicht so sehr, ich empfinde ihn als Verniedlichung, der angekommene Riese ist prima.

Danke!

Linktofink hat es ja auch schon bemängelt gehabt, darauf hatte ich geantwortet, dass ich noch nach einem passenderen Ausdruck fahnde.

Generell wünsche ich mir bei solcher Dramatik eine schnellere Sprache, aber das ist ja nur ein Wunsch.


Ich denke, dass ich das mit mehr Abstand zur Geschichte auch so sehen werde.

Zum Zweiten Punkt: Die vielen technischen (bzw. Verfahrens-) Details beschreiben deutlich den Hintergrund des Angriff, gewissermaßen die andere Seite, die durch den Kunstgriff der Schrulligkeit etwas menschliche Züge bekommt.

Das freut mich, ich wollte genau das vermitteln.

Noch ein paar Kleinigkeiten:

„Fiebrig kursierten die Gerüchte“
muss es nicht ‚fieberhaft‘ heißen?

Ich merke gerade, dass wieder mein, noch dein Ausdruck hier passen, ich muss das umformulieren.

„Für ihn waren die Einsätze bisher nur in fliegerischer Hinsicht spannend gewesen. Das Fliegen war seine Leidenschaft, nicht das Töten.“
Puh – Töten als Leidenschaft – gab es das wirklich oft?

Ich werde anfügen "der Feinde", damit wird es deutlicher.

„die reinsten Einladungen für dein Feind.‘“
den Feind

ups, wird beseitigt

„Das Bomber Command hat ja Befehl gegeben, dieses Mal nicht aufgelockert in breiter Gefechtsformation, sondern in eng zusammengefassten Wellen zu fliegen. Sollten die Nazis wieder unseren Funkverkehr zur Basis stören, benötige ich die Augen der anderen."

Sorry, aber dieser Augenaustausch – grusel … (ist vielleicht nur meine Fantasie).

Das könnte geschliffener formuliert werden, das sehe ich auch so, aber im Moment weiß ich noch nicht wie.
„sagte Redcliff und zog eine asaus der ihm angebotenen Packung, griff in die Hosentasche seines Overalls, um sein Feuerzeug hervorzuholen, aber sein Navigator kam ihm zuvor.
„Wir müssen besonders auf die Wirbelschleppen achten, wenn die Maschine nämlich zu sehr durchgeschaukelt wird, könnten sich die Brandbomben verkeilen", sagte der Navigator besorgt.“

Mein Fehler, ich habe blind einen Verbesserungsvorschlag linktofinks aufgegriffen gehabt, ohne es nochmals zu prüfen. Bügel ich gleich aus.

Wie kam ihm der Navigator zuvor? Klaut er ihm das Feuerzeug, bevor er es aus der Tasche nimmt – er kann ihm bei der Rede zuvorkommen, aber nicht durch Rede beim Feuerzeug rausholen.
bring ich in Ordnung


„Tannenbäume", weil sie wie bunt beleuchtete Weihnachtsbäume“

Keine Ahnung – waren die Marker bunt?

Ja gelb und grün hab ich gelesen, aber ich werde es etwas umformulieren, damit niemand mehr drüber stolpert.



„’Vor 5 Jahren war ich auch noch so fiebrig, wenn ich im Cockpit saß‘, erinnerte sich Redcliff.“

Fiebrig ist schlecht beim Fliegen – aufgewühlt, aufgeregt …?

Verstehe, benutze offensichtlich das Wort "fiebrig" zielsicher so, dass es missverstanden wird.
Ändere ich.

„dass 7-jährige Kinder, die um ihre Eltern und Geschwister bangten, sich zu kleinen Erwachsenen verwandelt hatten, die beharrlich und unablässig weiter insistierten.“

‚insistieren‘ – ein sehr modernes (Fach-) Wort.

Mal schauen, ob ich ein altmodisches Wort finde, dass dasselbe aussagt.


Da fällt mir noch ein – prima, dass du die Sprödheit und Strenge der Kinderbetreuerinnen und der Mutter aufzeigst!

Danke! Man war damals noch deutlich mehr auf Disziplin ausgerichtet als heutzutage. Das wollte ich darstellen.

Lieben Dank nochmals und
lieben Gruß
lakita
 
Senior
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Liebe @lakita,

Geschichte ist mein Thema. Außerdem stammt die eine Hälfte meiner Vorfahren aus Hamburg. Als Kind war ich oft dort und habe mich damals gewundert, dass eine meiner Tanten in einem Keller wohnte, über dem sich nur ein halbes Haus befand. Deshalb lese ich deine Geschichte mit großem Interesse und erfasse auch, wie viel du in diesen Text hineingesteckt hast an fleißig zusammengetragenen Zeitgeschichte-Details. Da steckt eine ordentliche und ausführliche Recherche drin, vermutlich auch einiges an Familiengeschichte. Das will geordnet und zu einem packenden Text zusammengefügt werden.

Bei der zweiten Erwähnung des Datums fiel mir dann Borcherts ‚An einem Dienstag‘ ein. Dort fasst er für mein Empfinden auf sehr knappem Raum äußerst eindringlich die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges zusammen.

Das schafft dein Text auch, besonders in der Beschreibung der Situation während der Bombenangriffe und der Zeit kurz danach. Da erlebe ich die ganze Tragik der Situation, dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, die Verzweiflung und das Hinnehmen-Müssen des Gegebenen.

Gut finde ich auch, dass du die andere Seite miteinbeziehst. Die Gegner in den Flugzeugen, der Pilot, sein Navigator usw. erhalten ein Gesicht, einen Charakter. Ihre Aufgabe ist es, das Flugzeug zu fliegen und erfolgreich Bomben auf eine Stadt zu werfen.

Diesen Teil deiner Geschichte halte ich allerdings für den problematischsten: Ich kann seinen Stellenwert im Textganzen nicht wirklich nachvollziehen, habe das Gefühl, dass du ihn in seiner Detailgenauigkeit zu stark gewichtet hast. Du vermittelst mir als Leser eine Menge Informationen, mit denen ich nichts tun kann, auch nicht im Zusammenhang deiner Geschichte.

z.B.
Das waren Verbesserungen, die das Flugzeug wendiger machten und die Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten im Vergleich zu den Vormodellen erweiterten.
oder
Um sich während des ohrenbetäubenden Lärms der Propeller überhaupt verständigen zu können, waren alle Besatzungsmitglieder mit Kopfhörern und Mikrophon ausgestattet.
Ab einer Flughöhe von circa 3000 Metern würden sie zudem noch Sauerstoffmasken aufsetzen müssen.
Unterhalb von Redcliff saß der Bordingenieur, der nacheinander die vier Motoren anließ und ihm ein Zeichen gab, sobald alle vier gleichmäßig auf fast identischer Umdrehungszahl liefen.
„Hab soeben die Startfreigabe erhalten", meldete der zu Redcliffs Rechten sitzende Co-Pilot, ein blutjunger Bengel von gerade mal 20 Jahren, dessen Flugbegeisterung diejenige Redcliffs deutlich überflügelte.

Hier und an anderen Stellen erfahre ich viele Einzelheiten über die Situation während der Vorbereitung und dem Anflug auf Hamburg, über die agierenden Personen, benötige aber mMn all diese informationen nicht, weil sie weder für den Verlauf der Handlung wichtig sind noch gebraucht werden, um später irgendetwas zu erklären. Mir hätte es an dieser Stelle eigentlich gereicht, wenn mir anhand der Person des Redliffs klar geworden wäre, dass nicht seelenlose Bomber das Verderben brachten, sondern ganz normale Menschen, die vielleicht mehr an ihrem Piloten-Dasein interessiert waren als an ihrem Tun. Als Beispiel dafür, wie Menschen im Krieg Ausführende werden, Instrument einer im Hintergrund agierenden Politik.

Den ganzen Redcliff-Teil würde ich deshalb sehr stark komprimieren, den Fokus nur auf diese eine Person richten, und ansonsten bei der Familiengeschichte bleiben. Durch die Ausführlichkeit, mit der du diesen Redcliff-Teil behandelst, lenkst du mich als Leserin in eine falsche Richtung. Die sehr detaillierte Beschreibung tut nämlich so, als hätte das in ihr Beschriebene eine Wichtigkeit für den weiteren Verlauf der Handlung.

Gefallen hat mir die Beschreibung der Situation während des Bombenangriffs und danach. Das ist sehr anschaulich und eindringlich. Einen Kontrast bildet dabei für mich deine eher nüchterne Darstellung des großen Leids.. Natürlich stellt sich auch die Theodizee-Frage. Ich finde es gut, dass du es da bei der Schrift an der Wand belässt. Die Unfassbarkeit des Ganzen wird erst Thema werden können, wenn wieder Frieden herrscht und die Reflektion einsetzen kann.

Schön finde ich den versöhnlichen Schluss.

Fazit:
Ich würde den Teil über Redcliff kürzen, so verknappen, dass der Fokus nur auf diesen Menschen gerichtet ist. Das würde mir ausreichen, um dem Gegner ein menschliches Gesicht zu geben. Die Randfiguren braucht es mMn nicht – und auch nicht die vielen technischen und anderen Einzelheiten. (Und Koffer ist auch so schon genug in deiner Geschichte;))

Liebe Grüße
barnhelm
 
Wortkrieger-Team
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Hallo @barnhelm,

herzlichen Dank für dein konstrukitves Feedback und dein Lob.
Ich bin stolz darauf, dass meine Geschichte unter deinen kritischen versierten Augen sozusagen bestanden hat, das bedeutet mir viel.
Und ich kann beide Kritikpunkte, die du anbringst gut nachvollziehen.
So wie du es mir beschreibst, also deine Eindrücke beim Lesen, kann ich verstehen, das der Teil mit der RAF fast wie ein Fremdkörper in der Geschichte wirkt, jedenfalls so wie er da jetzt steht.
Mir ist es im Moment noch nicht möglich, hier sozusagen meine "Darlings" zu "killen", denn das stellen sie schon dar. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass ich es noch tun werde, wenn es mir gelingt, meine eigene Geschichte so zu lesen und zu verstehen, wie du es getan hast.
An deinen Argumenten ist was dran.

Ich frage mich grad, wieso ich diesen Teil so gewichtig geschrieben habe und mir fällt dazu nur ein, dass mich schon die Fülle an Informationen, die ich zusammen gesammelt habe, etwas betriebsblind gemacht haben könnte. Es gibt eine Menge Dinge, die nicht in der Geschichte stehen und die doch auf irgendeinem Wege wiederum drin stehen sollten und das macht diesen Mittelteil der Geschichte vermutlich so wuchtig.
Tatsache war nämlich, dass es zwar zuvor durch die Briten schon jede Menge Luftangriffe gegeben hatte, aber zum einen mit deutlich schwächeren Flugzeugen, was die Technik und Zuladung der Bomben anbelangte und vor allen Dingen in deutlich geringerer Stückzahl.
Erst, nachdem Arthur Harris, bekannt auch unter dem volksmundigen Namen Bomber-Harris und unter den Piloten soll er einfach nur the Butcher genannt worden sein, was für sich ja schon einiges aussagt über ihn, das Kommando über die RAF bekam, wurde mit Nachdruck in die Technik der Flugzeuge investiert und eine deutlich höhere Stückzahl produziert.
Im Grunde genommen hatten die Bombardierungen Londons und Coventries dazu geführt, dass ab diesem Zeitpunkt eine Art Countdown des Gegenschlags stattfand, welcher dann in der Aktion "Gomorrha", was für ein grausames Wort, endete.
Beim Schreiben ging es mir darum, wenigstens einen dieser insgesamt über 700 Bombern, was für sich schon eine unvorstellbare Zahl ist, so detaillreich wie möglich darzustellen. Und mir ging es darum, auch deutlich zu machen, dass es eben trotz all der Technik auch auf der britischen Seite nicht ohne hohes Lebensrisiko lief, wozu dann eben auch gehört, dass diese Piloten, sich mit Maskottchen umgaben und teils auch skurrile Charakterzüge entwickelten.
Das zur Erklärung, nicht zur Rechtfertigung meines wuchtigen Mittelteils.
Danke, dass du das so deutlich als Kritik in den Vordergrund stellst.

Aber auch deinen zweiten Kritikpunkt kann ich nachvollziehen.
Ich denke, dass es da vielleicht auch noch dazu kommen wird, dass ich speziell am Ende, als die Familie sich auf den Weg in den Schrebergarten macht, etwas mehr schreibe. Ich gestehe, dass ich an dieser Stelle meiner Geschichte dachte, dass ich jetzt auf dem Weg zur Romanlänge sei und ich jetzt mal, wenn ich überhaupt die Chance haben möchte, wegen der Länge der Geschichte gelesen zu werden, langsam zum Ende kommen müsste. Natürlich hätte ich insgesamt nochmals so viel zu berichten, dass sich die gesamte Geschichte verdoppeln könnte von ihrer Länge her.
Da habe ich schon sehr viel weggelassen, das mindestens genauso dramatisch ist. Aber ich sehe es ein, dass dieses Grauen, das sich auf wohl sehr vielen Straßen Hamburgs damals befand, eindeutig mehr Stellenwert bekommen muss.
Und auch diese perfide Gewöhnung an den Tod. Jeder hatte jemanden, der umgekommen war, zu beklagen. Ich glaube, dass man irgendwann leer wird, vor lauter Tod um einen herum, das darzustellen, wäre mir noch ein Anliegen.

Auf jeden Fall danke ich dir sehr für dein Feedback, es war sehr hilfreich.

Lieben Gruß
lakita
 
Mitglied
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23.03.2019
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Hallo Lakita,

danke für diesen Text. Er geht nahe und da eines Tages auch die letzten Zeitzeugen tot sein werden, was bliebe der Geschichte noch, als sich zu wiederholen, wenn es ihr nicht erlaubt ist in der Erinnerung zu wohnen.

Die bereits angesprochene Klammer gefällt mir gut, allerdings haben Thea und Redcliff nichts miteinander zu tun, das heißt, ja schon, aber eben nur sehr indirekt, denn auch eine intelligente siebenjährige Thea weiß womöglich, dass der Krieg soldatengemacht ist und irgendwer diese Flugzeuge steuert, dem sie anderntags womöglich auf der Straße begegnet wär. Stärker wäre der Zusammenhang, wenn der Bombenschacht von Redcliffs Lancester getroffen worden wär und der Pilot schon früher den "Cookie" abwerfen musste, um nicht zu riskieren, dass er im Flugzeug explodiert. Ganz übel müsste der Plot nicht ausgehen, wenn die Bombe vor Nordstrand niedergeht, würde das Kind vermutlich kein Knalltrauma davontragen, nur die Fensterscheibe hätte nicht mehr gezittert.

Sprachliche Fehler hast du noch ein paar im Text. Ich möchte ihn Passage für Passage durchgehen.

Als am 27. Juli 1943 über 700 britische Flugzeuge aufbrachen, um mehr als 100.000 Spreng- und Brandbomben auf Hamburg abzuwerfen, befand sich die 7-jährige Thea im katholischen St. Franziskus Kinderheim auf der Halbinsel Nordstrand. Ihre Eltern und Geschwister waren in Hamburg geblieben.
Ich weiß nicht, warum der Einstieg auf mich etwas unbeholfen wirkt. Sind es die Zahlen? Es liest sich wie ein Offstimmenmanuskript einer Guido-Knopp-Doku, sachlich dramatisierend und getragen von der Pflicht, die schnell und unumwunden die Dinge auf den Punkt bringt, um es hinter sich zu haben (ob Herr Knopp und Co. wirklich so drauf waren, weiß ich aber nicht). Dieser Duktus blickt hin und wieder in der Geschichte durch und lässt mich vermuten, ob es sein kann, dass dir die Recherche mehr Spaß gemacht hat als die Geschichte zu schreiben. Das wäre allerdings nicht wirklich verwerflich, ich möchte dich nicht fragen: "Hast du dieses Kind oder jenes lieber?" Es mag nur die Ursache sein dafür, dass mir der Text nahe ging, aber bewusst ohne Verstärkung formuliert.

Theas Eltern willigten widerstrebend ein, als die Caritas anbot, das Kind während der Ferien auf Nordstrand unterzubringen.
Widerspruch: Wenn es Theas Eltern widerstrebt hat, warum sitzt sie dann auf Nordstrand? Vielleicht besser: Nach heftigem Widerstreben gaben Theas Eltern am Ende nach, als ...

Heute Abend erlaubte man den Kindern wegen der drückenden Hitze, nach dem Abendbrot noch draußen zu spielen, denn müdegespielte Kinder würden besser ein- und durchschlafen.
"müdegespielt" klingt in diesem Zusammenhang komisch. Man spielt etwas, und Adverbien beziehen sich nicht notwendig auf das Subjekt, sondern auch gern auf das Prädikat oder das Objekt. Man kann etwas kaputt spielen. Früher bekam ich wegen eines kaputt gespielten Autos ein paar Ohren voll Tadel. Besser fänd ich: vom Spielen müde Kinder würden besser ein- und durchschlafen. Aber wer sagt das eigentlich in deiner Geschichte? Die Heimleitung? Die Erzieherinnen? Du siehst, vielleicht habe ich einfach nur ein Problem mit der auktorialen Perspektive, die sich hier bahnbricht.

Sie legte ihre kleine Hand auf das Fensterglas, damit es nicht mehr so stark vibrierte, aber das klirrende Geräusch hörte nicht auf, weil all die anderen Fensterscheiben bebten, so sehr erschütterten die überfliegenden Bomber das Heim.
Der verstärkende, erklärende Nachsatz passt hier nicht. Das hat so was Astrid-Lindgren-haftes, Betuliches und außerdem find ich ihn überflüssig. Wenn ich mir überhaupt vorstelle, wie ein Haus erschüttert wird, denn klirren nicht nur Scheiben, dann gibt es bleibende Risse in der Wand und ob man darin weiter wohnen kann, sollte ein Statiker beurteilen.

„Das sind die Engländer", sagte eines der Mädchen, „gleich werden sie Bomben auf uns werfen." Die Mädchen standen zitternd an den Fenstern und blickten panisch nach oben.
Sie waren nicht panisch, wenn sie am Fenster standen und hochblickten, dazu müssten sie schon schreiend weg- oder ziellos herumrennen. Bangend oder Starr passen hier besser.

„Wie beim letzten Mal werden erneut abertausende von Stanniolstreifen abgeworfen, um das deutsche Radar abzulenken. Bei eurem heutigen Einsatz wird die Flak wieder keine gezielten Schüsse setzen können und die Nachtjäger werden ohne ihre Radarortungen auskommen müssen", fügte er hinzu.
"Abertausend" sagt ein Offizier höchstens nach der Schlacht, wenn er der Truppe den Märchenonkel geben darf. Er gab die Menge entweder entweder in Volumenmaßen an, oder als Gewicht.

Redcliff nickte. ‚Die verdammten Auspuffflammen‘, dachte er, 'die reinsten Einladungen für den Feind.‘
Einladungen wozu? Besser: Können doch den Nazis unsere Positionen einfach durchfunken.

Das waren Verbesserungen, die das Flugzeug wendiger machten und die Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten im Vergleich zu den Vormodellen erweiterten.
Warum diese Relativsatzkonstruktion? Diese Verbesserungen machten das Flugzeug wendiger und erleichterten Angriff und Verteidigung im Vergleich zu den Vormodellen.

Aber diesen ihn anwidernden Gedanken, schob er beiseite, dafür war jetzt nicht der geringste Raum, um darüber nachzudenken.
Erstes Komma falsch.

Ab einer Flughöhe von circa 3000 Metern würden sie zudem noch Sauerstoffmasken aufsetzen müssen.
Unterhalb von Redcliff saß der Bordingenieur, der nacheinander die vier Motoren anließ und ihm ein Zeichen gab, sobald alle vier gleichmäßig auf fast identischer Umdrehungszahl liefen.
Was spielt die "fast" identische Umdrehungszahl für eine Rolle? Ja, klar, für die Aerophysik ist eine gleiche Umdrehungszahl der Triebwerke wohl das A&O des Obenbleibens. Aber für die Literatur geht es doch auch einfacher: sobald alle vier ein gemeinsames Drehmoment lieferten.
Am 27. Juli 1943 heulten drei an- und abschwellende Sirenensignale um 23.40 Uhr: [Hier knapp beschreiben, wie Theas Familie Schutz sucht, der Notkoffer kann gut drin vorkommen. Ein kurzer Absatz, er sollte ohne Zeilenwechsel auskommen.]
Theas Vater arbeitete als Zugschaffner bei der Reichsbahn und war nachts fast nie bei seiner Familie. Damit die Loks und Waggons vor einer Bombardierung geschützt waren, wurden die Züge nachts stets aus Hamburg herausgefahren. Theas Vater hatte diese Züge zu begleiten und durfte seinen Arbeitsplatz deswegen auch nachts nicht verlassen.

[ – Alles streichen bis – ] An eine noch unzerstörte Mauer in der Innenstadt hatte jemand in großen Buchstaben mit Kreide geschrieben: „Wo war Gott?"
Wenn ich jetzt höllisch viel aus der Geschichte herausgekürzt habe, liebe Lakita, dann nicht, weil ich glaube, dass es überflüssig ist, das sicher nicht. Nur es ist ein weiterer, dritter Schauplatz, meines Erachtens zu viel für diese Geschichte, weshalb sie auf mich überladen wirkt. Aber er war sehr informativ. Der Erzählduktus hielt mich allerdings ein bisschen auf Distanz.
Na gut, ich sag die andere halbe Wahrheit auch noch: Die Korrektur- und Bemerkungsarbeit ist doch etwas anstrengend.

„Zeigst du mir nochmal deine kleine Puppe, die dir dein Papa geschenkt hat?", fragte sie und Thea kniete sich neben das Bett, um einen kleinen, braunen Pappmaschékoffer darunter hervorzuholen, dessen Klappverschlüsse sie aufschnappen ließ.
Ich mag die Relativkonstruktion am Ende nicht, kann leider nicht genau sagen, warum. Dafür will ich wenigstens einen Verbesserungsvorschlag geben: hervorzuholen, dessen Klappverschlüsse klemmten. Aber nach etwas Fummelei und unter Einsatz der Fingernägel gelang es ihr, sie zu öffnen.
Ich glaube, das gefällt mir besser wegen des zusätzlichen Spannungsmoments, der auf den Leser übergeht, und die Relativkonstruktion trägt nicht mehr einen schwierig nachzuvollziehenden Und-dann-Verbund mit einer anderen, zudem banalen Aussage, sondern nur noch eine zeitlich ungebundene Eigenschaft.
„Was macht ihr beide da?", fragte eine Betreuerin, „das Bett ist nicht zum Spielen da, pack deinen Koffer sofort weg, Thea! Und beeilt euch, es ist Zeit für unseren Nachmittagsspaziergang."
Ich will es mal glauben, dass das Heim in dieser Situation noch Nachmittagsspaziergänge durchführt. Wie es ja auch Heime gibt, in denen Kinder ...
Allein, ich finde es schon recht absurd. Vielleicht müssen die ja noch paarweise händchenhaltend nebeneinander laufen und deutsche Heimatlieder singen. (Na gut, Caritas war nicht BDM.)

„Das ist mein Papa", schrie sie und rannte so schnell den Deich herunter, dass sie am Saum angekommen ins Stolpern geriet. „Papa, Papa!", rief sie und flog in die Arme des Mannes, der sie lachend hochhob und an sich drückte.
Papa rief sie bestimmt nicht, wie bei einem freudigen Wiedersehen nach einer langen Reise. Das arme Mädchen hat gerade vermutlich die Familie verloren und sieht jetzt seinen Papa! Das erste, was da versagt, ist die Stimme, dann fließen Tränen, dann klammert sie sich an Papa fest, dass sie keine zwei Panzer auseinanderzerren könnten. Kein Wort falle, halte den Leser auf Distanz, Kamerafahrt im Rückwärtsgang, durch die Meute der anderen Kinder hindurch, die natürlich ebenso hoffen ihre Eltern wiedersehen zu können, und entlasse ihn so aus der Geschichte.

Das sind alles nur Vorschläge. Umgesetzt, glaube ich, dass dieser Geschichte nicht mehr angesehen werden kann, dass sich die Autorin – das ist aber nur eine Vermutung – in der Recherche verloren hat und die Erzählkunst etwas ins Hintertreffen geraten ist.
 
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5.786
Über ihnen war die Hölle.

»"1939 war ein ereignisreiches Jahr für uns Kinder, weil wir so richtig dumm waren. Wie Kinder eben sind in dem Alter. Wir hörten natürlich von der internationalen Unruhe, haben den Einmarsch ins Sudentenland und die Einvernahme Österreichs mitbekommen - und fanden das alles großartig. Und als mir meine Mutter im Sommer 1939 erzählte, dass es wohl Krieg geben werde, freute ich mich: "Na, endlich, dann ist doch mal etwas los!", sagte ich. Dabei waren wir nur so weit politisch beeinflusst, wie eben das ganze Volk indoktriniert wurde; mangels Vergleichsmöglichkeiten. Es war ja keiner da, der sagte, das gibt eine Katastrophe«, erzählte der Hamburger Ralph Brauer, Jahrgang 1927, der zu den Jungen gehörte, die am 15. Februar 1943 als Luftwaffenhelfer in die Flakstellungen eingezogen wurden, im Gespräch mit NDR.de (siehe https://www.ndr.de/geschichte/chron...lfer-im-Zweiten-Weltkrieg,kriegsalltag100.htm), so weit zur Frage über jugendliche Flakhelfer und wie notwendig ist, an diese "verschisstische" Vergangenheit (nebst imperialistischem kaiserreichem Größenwahn zu erinnern, les ich während des Frühstücks mit einem seltsamen Gefühl von Bundeswehrreservisten, die als Gruppe „Hannibal“ ins Visier der Stuttgarter Staatsanwaltschaft geraten ist, aber nur einen kleinen Teil der Neuen Rechten bildet, die in (Kampf)Sportvereinen bereits den Straßenkampf übt und wenn ein Höcke „das große Problem ist, dass Deutschland, dass Europa ihre Männlichkeit verloren haben. Ich sage: Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken! Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft. Und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“, schwadronieren darf, dass man sich bewaffnen müsse (was soll anderes mit „werden wir wehrhaft“ meinen können?), ist es auch Zeit, die blödsinnige Nibelungentreue von ihrem Ende her zu zeigen, wenn – analog des Kreuzzuges Barbarossas – die Helden das Blut der erschlagenen „Kameraden“ trinken – es gibt genug Bilder des Grauens und genug Idioten, die eine solche Zeit „heroisch“ finden, dass es angebracht ist, immer wieder an diesen Schlamassel (vorsicht, jiddisch!) zu erinnern, wobei die Vorgeschichte nie vergessen werden darf, denn bereits zwischen September 1940 und Mai 1941 schlug “The Blitz“ bereits mehrfach in London ein und die Begeisterung, als der „totale“ Krieg von teutscher Seite 1943 ausgerufen wurde, wurde ja nur von wenigen skeptisch gesehen, was keine Kritik an Deinem gelungenen Werk sein soll, The Blitz wie auch der von Dear aufgegriffene Angriff sollten bewusst die Zivilbevölkerung einschüchtern und demotivieren

liebe Lakita,

und wenn einer zweifelt und fragt, ob es einen Gott gebe, kann man nur antworten, dass niemand weiß, ob es Liebe jenseits des animalischen Erbes gebe – und doch gibt es dafür Hin- und Beweise, die gleich den vllt. einzigen Gottesbeweis mitbringen, wenn das Frischgeborene im Idealfall auf eine „liebende“, nicht nur „fürsorgliche“ Mutter trifft und in (durchaus) erzwungenem Urvertrauen aufwächst, denn niemand weiß, was dieses Wort bedeutet, am nächsten kommt dem die ursprünglichste Form im uralten *guða dem „Guten“ nahe, wobei viele nur noch die egoistische Definition kennen, „gut“ sei, was einem sebst nütze. Wobei das uralte Wort auch schon mal mit „dem zu Opfernden“ gedeutet wird, nicht so sehr des Opfertieres, sondern als Nächstenliebe und Solidarität.

Eine Definition vom historischen Erzählen liegt der Romanrubrik bei und die passt zu Deiner Erzählung. Hier einige Anmerkungen (ich hoffe, dass es nicht nur Flusenlese wird ...

Als am 27. Juli 1943 über 700 britische Flugzeuge aufbrachen, um mehr als 100.000 Spreng- und Brandbomben auf Hamburg abzuwerfen, befand sich die 7-jährige Thea im katholischen St. Franziskus Kinderheim auf der Halbinsel Nordstrand.
Linktofink hat schon auf die Zahlen hingewiesen, wobei ich eh nur die Ausschreibung bis zwölf vorschlage und auch nur – wie hier – die „siebenjährige“, aber … „Klassen“ schlösse ich auch aus, ausgeschrieben zu werden wie auf Klassenraumnummern, ein Praxis, die die Schulen ja selbst anwenden, wobei darin erinnert werden muss, dass „erzählen“ von der Zahl kommt, die früher da war als das „erzählte“ Wort als Fügung und selbst die Schrift findet ihren Ursprung in den Zahlsymbolen (oft nur aus Strichen bestehend, von denen das römische System nur noch einen Hauch widergibt) der ältesten Inventare. Ein hoch auf die angewandte Mathematik!

Dort wären sie vor den Bomben sicher gewesen, …
Der Konj. II bedarf keines „gewesen“, er lebt quasi Unsicherheit … Zweifel etc. und hat auch nix mit der Zeitenfolge zu tun, ist so was wie die Wahrscheinlichkeit zwischen 0 und 1 der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wahr und falsch, ein bisschen richtig und ein bisschen mehr oder weniger
Es waren Theas erste große Schulferien, im August sollte sie in die 2. Klasse kommen.
Wie schon gesagt, würd ich so lassen

Aber hier auf Nordstrand befand sich die Todesgefahr unmittelbar über ihren Köpfen, …
jetzt komm ich auf „unsere“ Anfänge zurück, warum „sich befinden“,
gut, die Gefahr da „lauert“ nicht so sehr, als dass sie „droht“

„Ihr werdet kaum auf Gegenwehr stoßen", fuhr der Einsatzoffizier fort, „die Nazis haben ihre immensen Lücken in Stalingrad schließen müssen und ihre Flakgeschütze mit blutjungen unerfahrenen Jugendlichen besetzt, meist noch Schüler[...]", grinste er schadenfroh, "die schießen nur blind drauf los."

Soll die teuerste Flasche schottischer Whisky drin sein und eine Havanna und sonst nichts."
Braucht der Whisky das Attribut im Vereinigten Königreich? Der amerikanische vllt. ...

Sie überflogen den Ärmelkanal und Redcliff forderte seine Leute auf, nun die Sauerstoffmasken anzulegen.
Braucht es des „nun“?

Rasendes wildes Flakfeuer, …
In der Form sind es m. E. gleichrangige Adjektive, die durch Komma zu trennen wären, Du meinst aber sicherlich ein „rasend wildes“ Feuerwerk, wo „rasen“ die Wildheit steigern soll und keines Kommas bedarf ...

Ihr war egal, dass sie gleich getadelt werden würde.
Lass eines der „werden“ weg – am besten den Konj., denn das es ihr egal ist und das dass ermöglicht den Indikativ „wird“

Die Bombeneinschläge rückten immer näher. Immer wuchtiger zu hören, als krache ein Riese mit gewaltigen Stiefeln in die Häuser und bewege sich auf ihr Haus zu.
Gibt‘s Riesen? Nicht wirklich, oder? Also besser Konj. irrealis „als krachte“ ...

Maria hatte ihren Notkoffer fest an sich gepresst und nicht aus der Hand gegeben[,] als sie in den Nachbarkeller durchrutschte.

Brennende Papierfetzen flogen umher, setzten sich auf die Haut und Kleidung, …
der Artikel ist eigentlich entbehrlich

Die meisten Häuser brannten, waren zum Teil schon zusammen gebrochen.
„zusammenbrechen“ ein Wort

Aber Irma hatte ihren Beutel mit Brot und Salami, den sie gehorsam bis eben getragen hatte, achtlos fallen gelassen und rührte sich nicht.
„fallenlassen“ auch als Partizip zusammen ...

An seiner Hand stolperte sie mehr, als das sie ging, weg von den höllischen Flammen, weiter die Straße hinauf. Aber dann war jäh Schluss. Die Straße, die zur Schule führte, bestand nur noch aus brennenden Häusern, an ein Durchkommen war nicht zu denken.

Sie retteten sich zusammen mit ihrer Mutter in ein noch intakt erscheinendes Haus, getrieben von peinigendem Durst. Wie schnell sich die Dinge ändern.
Den Gezeitenwechsel würd ich beibehalten wollen, denn die Dinge ändern sich allemal, mal langsamer, mal schneller. Schließlich ist Änderung Merkmal der Zeit

Immer noch der halbwahnsinnige

Friedel,
der sich den Text gut als Lesung vorstellen kann - ob in der Schule oder im Rundfunk oder irgendwo dazwischen
 
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Liebe @lakita,

großartige Erzählung. Ich ahne nur ansatzweise, welcher Aufwand hinter diesem Text steckt. Witzigerweise hatte ich in einem ersten Impuls auf das Challenge-Thema eine ähnlich Idee, nämlich auch etwas über den zweiten Weltkrieg zu schreiben, denn es gibt in meiner Familie eine ganz interessante, wenn auch verrückte, Koffergeschichte dazu, mich hat aber die Recherchearbeit abgeschreckt. Das hätte ich einfach zeitlich nicht geschafft. Wieder so ein Projekt für die Rente, in die ich gar nicht werde gehen können angesichts der Alterspyramide.

Ich glaube Dir jedes Detail, auch den Koffer im Flugzeug. In schlimmen Zeiten wird jeder irgendwie wieder gläubig und wenn es nur Aberglaube ist.

Wo war Gott ist Dein Titel, der natürlich angesichts des Leids im zweiten Weltkrieg passt. Ich habe meine Kinder mal in Reaktion auf diese Thematik gefragt, wo denn Gott dann in guten Zeiten sei. So viel man Religionen vorwerfen kann, aber hätten sich unsere Vorfahren (oder würden wir uns) alle immer menschlich/christlich Verhalten, dann müsste niemand fragen, wo Gott ist.

Wichtig finde ich auch Deine Andeutung, dass der RAF-Pilot Clifford wohl (kleinere) moralische Bedenken hat. Das ist ein Punkt, der aus meiner Sicht oftmals zu kurz kommt. Man kann natürlich zurecht in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg mit dem Finger auf Deutschland zeigen, aber das entschuldigt aus meiner Sicht nicht eigenes Fehlverhalten.

Insofern ist es gut, dass auch das Leid der Bombardierung der Bevölkerung in Worte gefasst wird, soweit das überhaupt nur möglich ist.

Ein Leid übrigens, welches weit über die eigentliche Bombardierung hinaus wirkte. Es gibt viele Menschen, die dadurch traumatisiert waren und das nie wirklich aufgearbeitet haben. Wie in Deiner Erzählung auch sehr gut herauskommt, war man nämlich diszipliniert und hat sich die Angst nicht anmerken lassen. Außerdem waren im und nach dem Krieg die Menschen mit dem Überleben beschäftigt und es gab gar keine Kapazitäten sich darüber Gedanken zu machen, welche Traumata die Kinder von den vielen Bombennächten und den schrecklichen Erfahrungen davongetragen haben.

Hut ab für Deine Leistung, die in diesem Text steckt, ich bin echt beeindruckt und ich hoffe, dass dieser Text nicht in den Tiefen des Forums verschwindet, sondern vielleicht Kindern/Jugendlichen vorgelesen wird, damit sie die wahren Tragödien des Lebens kennenlernen und sich ihrer privilegierten Situation bewusst werden.

Gruß
Geschichtenwerker
 
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Gude @lakita,

eine spannende Geschichte voller Details - auch viele technischer Art. Lob für die Recherche hast du bereits erhalten, dem schließe ich mich gerne an.
Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass du für diese Details einen ausführlichen Erzähler haben willst, wodurch der Text sich etwas vom Gebot "Show, don't tell" löst. Das ist legitim, allerdings bin ich großer Fan knapper Äußerungen, das stell ich hier voran, in dem Versuch, meine Lesebrille transparent zu machen.

Denn es geht gleich los:
Theas Mutter, eine Hitlergegnerin, die schon sehr früh über ihn sagte, dass dieser Mann nur Unheil bringen würde, hatte sich standhaft geweigert, ihre Kinder in die nationalsozialistischen Einrichtungen namens Kinderlandverschickung zu geben. Dort wären sie vor den Bomben sicher gewesen, denn diese Heime befanden sich meist in Bayern und Tschechien, Landstriche in denen es praktisch keine Luftangriffe gab. Die kleine Thea hatte mit ihrer Familie schon oft in den Luftschutzkeller oder Bunker flüchten müssen. Auf Hamburg hatte es bereits rund 140 Luftangriffe gegeben.
Brauche ich als Leser all diese Infos? Was z.B. in Bayern und Tschechien passiert, ist für die Handlung ja nicht relevant. Bei diesen Passus würde ich vorschlagen, nochmal ein Auge drauf zu werfen, ob es alle Infos braucht.

Bei dem erstgenannten Punkt könnte ich noch ein Stück weit sagen würde, dass eine Geschichte, die im Bereich "Historisch" agiert, mehr Infos als Plotrelevant vermitteln darf. Allerdings finde ich solche Stellen in jedem Fall überdenkenswert:
„Wir müssen besonders auf die Wirbelschleppen achten, wenn die Maschine nämlich zu sehr durchgeschaukelt wird, könnten sich die Brandbomben verkeilen", sagte der Navigator besorgt.
„Ich weiß", lachte Redcliff.
Der Navigator sagt das, als würde er es den Leser*innen erklären und nicht, als würde er mit seinem bekannten Piloten sprechen (man könnte auch vom Erzählbären sprechen). Da fehlt mir etwas die Natürlichkeit und es ist etwas zu genau erklärt. Passender fände ich etwas wie: "Hab keine Lust, dass sich die Brandbomben ineinander verkeilen, wenn die Maschine durchgeschaukelt wird."

Um den Text weiter zu verschlanken, könnte man auf manche Erläuterungen verzichten:
liefen hilfesuchend zu den Betreuerinnen
Wenn sie zu den Betreuerinnen laufen, kann ich mir ja schon denken, dass sie Hilfe suchen :shy:
Wie schnell sich die Dinge ändern
Da würde mir auch die dann folgende Gegenüberstellung reichen und der Satz könnte raus.

Mir ist auch folgende Stelle aufgefallen:
Der dortige Luftschutzkeller, der sich unter der Turnhalle befand, sollte sicher sein. Tatsächlich war er eine Falle.
Dieses Foreshadowing finde ich problematisch. Es nimmt mir die Spannung - ironischerweise wird meine Nicht-Erwartungshaltung gebrochen, indem die Familie doch überlebt. Also weiß ich nicht so recht, ob der Satz noch drinbleiben sollte :shy:

Aber ich will nicht nur streichen, ich würde auch gerne ein, zwei Sachen ergänzt sehen =)
Als die brummenden Geräusche der Flugzeuge nicht endeten, wuchs unter den Kindern aus der anfänglichen Unruhe schiere Angst.
„Das sind die Engländer", sagte eines der Mädchen, „gleich werden sie Bomben auf uns werfen."
Viele sagen ja, dass "sagen" immer das beste Wort ist, um wörtliche Rede einzubauen. Ich würde aber hier auf jeden Fall mehr haben wollen. "Schiere Angst" spiegelt sich für mich in dem Wort einfach nicht wider. Sie muss ja nicht unbedingt schreien, aber wenn sie es "monoton" oÄ. sagt, fände ich es stimmiger, um z.B. den Schock dieser Feststellung auszudrücken.

Ein paar kleinere Sachen:
An eine noch unzerstörte Mauer hatte jemand in großen Buchstaben mit Kreide geschrieben: „Wo war Gott?"
Das ist mir irgendwie dick aufgetragen, dass das noch so lesbar und verschont da herumsteht. Ich finde, dein Titel passt auch ohne direkt im Text zu erscheinen, zumal er sich anfänglich gut mit dem ersten Satz mitlesen lässt. Man könnte natürlich fragen, wo war Gott, als die Deutschen über Coventry geflogen sind, aber das ist eine andere Geschichte.
An der Stelle:
Tatsache ist, dass meine Intention war, dieser Familie!, die katholischen Glaubens anhängt, diesen Gedanken, auf Gott zu hoffen, zu geben
Mir wäre das jetzt nicht als sehr präsent aufgefallen. Ich finde, der Text verliert dadurch nichts, aber wenn du das drinnen haben willst, würde ich eine Ergänzung empfehlen, die die Kinder beim gemeinsamen Beten zeigt oder entsprechende Äußerungen der Betreuerinnen.

Wo wir bei denen sind:
Warum geht es nicht? Warum hast du geweint?"
Ich habe mich gewundert, dass die nicht gesiezt werden.

Schlimmste Stelle:
Meine Kaninchen auf dem Balkon", schluchzte das Mädchen, „ich hatte dort zwei weiße im Stall, die sind bestimmt verbrannt."
:cry:Nicht die Kaninchen! Böse Autorin!

Und zum Abschluss:
der sie lachend hochhob
Ich wäre dafür, "lachend" zu streichen. Er freut sich, dass er sie sieht, und zeigt es, indem er sie hochhebt. Aber ganz befreit "auflachen", während hinter ihm ganz Hamburg brennt und seine halbe Familie möglicherweise tot ist ... ne, das kauf ich nicht.

Hoffentlich soweit so hilfreich, wie mir dein Kommentar für Drynwen war!

Liebe Grüße
Vulkangestein
 
Wortkrieger-Team
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08.01.2002
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Liebe alle, also
@wörtherr
@Friedrichard
@Geschichtenwerker
@Vulkangestein
@Echo97 ,

euch allen schon mal vorab allerherzlichsten Dank, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, diese lange Geschichte zu lesen und zu kritisieren und mir Feedback zu geben. Das weiß ich sehr zu schätzen und ich bin hoch motiviert, all meine
sprachlichen Unzulänglichkeiten zu verbessern.
Im Detail werde ich hier in diesem Kasten euch allen antworten, aber nicht mehr jetzt um 1 Uhr nachts, ich bin dazu heute zu schlapp. Soweit es einfach zu beseitigen, zu ändern und anzupassen ging, habe ich eure Verbesserungsvorschläge schon eingearbeitet.
Werde euch, wenn ich mit meiner Antwort fertig bin, jeweils intern per persönlicher Nachricht informieren, damit ihr nicht laufend prüfen müsst, ob ich schon konkret geantwortet habe.

Liebe Grüße
lakita

@wörtherr
danke für diesen Text. Er geht nahe und da eines Tages auch die letzten Zeitzeugen tot sein werden, was bliebe der Geschichte noch, als sich zu wiederholen, wenn es ihr nicht erlaubt ist in der Erinnerung zu wohnen.
Danke für dein Lob und ja, ich schreibe selten Texte mit dem Hintergedanken, dass ich damit etwas bewirken möchte, aber bei diesem ist es exakt so. Ich möchte, dass dieses Gefühl, dass Krieg etwas Grausames und einfach nur sinnlos Vernichtendes ist, bewahrt wird in den Köpfen aller Generationen. Kernsatz meiner Eltern war stets in ihren Berichten über die damalige Zeit: "Nie wieder Krieg!"
Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass genau dieser Satz mittlerweile Überraschung auslöst, weil er nicht mehr selbstverständlich ist. Krieg ist wieder zur Option geworden und das macht mir Angst.
"Cookie" abwerfen musste, um nicht zu riskieren, dass er im Flugzeug explodiert. Ganz übel müsste der Plot nicht ausgehen, wenn die Bombe vor Nordstrand niedergeht, würde das Kind vermutlich kein Knalltrauma davontragen
Ich finde diese Idee nicht schlecht, aber werde sie trotzdem nichgt umsetzen. Ich glaube, es kann so nüchtern bleiben.

Guido-Knopp-Doku,
Ich verstehe, was du meinst und denke, dass du mit dieser Kritik auch richtig liegst. Was ich mir selbst vorwerfe, ist die fehlende Eloquenz in der Umsetzung der ganzen Fakten, deren Benennung ich allerdings für unerlässlich halte, denn (siehe oben) meine Intention ist eine Mischung aus Erinnerungskultur und dem Wunsch, etwas damit zu erreichen. Es wäre mir überhaupt nicht wohl, wenn jemand diesen Text, wäre er denn mehr erzählerisch, als reine fiktive Geschichte liest und gut findet. Ich war gezwungen, eine Gratwanderung zu machen und mir ist auch bewusst, dass sie mir nicht perfekt gelungen ist. Das werfe ich mir selbst vor, dass es insoweit in weiten Teilen zu dilettantisch wirkt. Nur, dies zu erkennen und gleichsam sofort zu ändern, sind zwei paar Schuhe.
Aber ich verstehe deinen Einwand voll.

Einladungen wozu? Besser: Können doch den Nazis unsere Positionen einfach durchfunken.
Es könnte sein, dass du die Bemerkung missverstanden hast. Die Flammen, die bei diesen Flugzeugen aus dem Auspuff schießen, sind für die Nachtjäger, wenn sie ohne Radarortung fliegen mussten, das einzige Mittel, um den Gegner aufzuspüren, neben der Flakbeleuchtung, die teils wie eine Art Mauer an den Aussenkanten Deutschlands installiert worden war und neben vielleicht der Mondhelligkeit bei gutem Wetter.

Aber für die Literatur geht es doch auch einfacher: sobald alle vier ein gemeinsames Drehmoment lieferten.
Da spricht der technisch versierte Mann in dir. Ich habe aber meinen Text auch für Frauen geschrieben.
Und ich wollte auch noch deutlich machen, dass da nicht insgeasmt 7 Mann im Flugzeug sitzen und Däumchen drehen, sondern das es damals noch so war, dass alle Mann dringend gebraucht wurden.
Als ich nämlich bei meinen Recherchen las, dass neben Pilot und Co-Pilot, ein Funker, ein Navigator, ein Bordingenieur und 2 MG-Schützen dabei waren, habe ich mich gefragt, wieso die (bis auf die Schützen) alle erforderlich waren. Deswegen an dieser Stelle so ausführlich.
Wenn ich jetzt höllisch viel aus der Geschichte herausgekürzt habe, liebe Lakita, dann nicht, weil ich glaube, dass es überflüssig ist, das sicher nicht. Nur es ist ein weiterer, dritter Schauplatz, meines Erachtens zu viel für diese Geschichte, weshalb sie auf mich überladen wirkt. Aber er war sehr informativ. Der Erzählduktus hielt mich allerdings ein bisschen auf Distanz.
'An dieser Stelle kann ich dir gedanklich leider nicht folgen. Du schlägst tatsächlich vor, DAS ALLES zu streichen?
Das würde die Geschichte entstellen.

Na gut, ich sag die andere halbe Wahrheit auch noch: Die Korrektur- und Bemerkungsarbeit ist doch etwas anstrengend.
Sofort akzeptiert. Es ist eine irre lange Geschichte und es kostet irre viel Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen, da habe ich sofort Verständnis, dass man diese Zeit nicht immer zur Verfügung hat. Alles gut. Ich bin eh überrascht, wieviele sich diese Zeit genommen haben. Respekt vor euch allen.

Ich will es mal glauben, dass das Heim in dieser Situation noch Nachmittagsspaziergänge durchführt. Wie es ja auch Heime gibt, in denen Kinder ...
Das ist autobiographisch Fakt.
halte den Leser auf Distanz, Kamerafahrt im Rückwärtsgang, durch die Meute der anderen Kinder hindurch, die natürlich ebenso hoffen ihre Eltern wiedersehen zu können, und entlasse ihn so aus der Geschichte.
Ich verstehe, deinen Verbesserungsvorschlag, kann mich mit ihm aber (noch) nicht anfreunden.
Herzlichen Dank, lieber wörtherr, dass du mir ein so ausführliches Feedback gegeben hast. Die Dinge, auf die ich nicht eingegangen bin, habe ich gemäß deiner Vorschläge geändert.

Lieber @Friedrichard ,

herzlichen Dank für dein Feedback, dein Lob, deine Textarbeit und all die zusätzlichen Informationen und Einschübe, die deine Kritiken immer so interessant machen und spannend obendrein. Das ist schon ein schönes Markenzeichen bei dir, das ich im Laufe der Jahre richtig lieb gewonnen habe.

»"1939 war ein ereignisreiches Jahr für uns Kinder, weil wir so richtig dumm waren. Wie Kinder eben sind in dem Alter.
Ja, das stimmt, das waren sie wohl alle. Aber das nationalsozialistische Regime hatte auch perfide Kindereinfangmethoden damals. Ich erinnere noch eine Bemerkung meiner Tante (die damals 11jährige Irma), dass sie sauer auf ihre Mutter war, weil sie nicht zum Bund deutscher Mädchen durfte. "Die haben dort immer so tolle Veranstaltungen und -Ausflüge gemacht und Sport und Feste gefeiert und ich durfte nicht dabei sein, das fand ich blöd damals", hat sie gesagt. Den Kindern wurden schon gehörig die Köpfe verdreht. Ich erinnere aber auch noch eine weitere Bemerkung meiner Tante: "Ich oft um meine Mutter richtig Angst gehabt, weil die immer den Mund so weit aufgemacht hat, die hat über alles unverblümt geschimpft und sich aufgeregt. Das war gefährlich damals." Schau, auch das war bereits in die Kinderköpfe gepflanzt worden, dass man nicht mehr alles sagen darf, weil es sonst Ärger geben könnte. Perfide, nicht wahr?
Dass ich deine gesamten! Textverbesserungen auch brav vorgenommen habe, setze ich als bekannt voraus. Großen Dank, du bist für mich so eine Art lebendiger Duden.

Friedel,
der sich den Text gut als Lesung vorstellen kann - ob in der Schule oder im Rundfunk oder irgendwo dazwischen
Für das darin enthaltende Lob bedanke ich mich bei dir. Und ja, ich wäre sofort damit einverstanden, wenn das passiert und gebe den Text dafür gerne her, denn es ist mein Anliegen, dass diese schlimme Zeit, aber mehr noch ihre Konsequenzen daraus nicht in Vergessenheit geraten.

Liebe(r?)@Geschichtenwerker,

herzlichen Dank für dein großes Lob. Tut gut.
großartige Erzählung. Ich ahne nur ansatzweise, welcher Aufwand hinter diesem Text steckt.
Ich habe die Stunden nicht gezählt, ich habe insgesamt drei intensive Interviews geführt mit zwei Tanten und meinem Vater, und mit einem Piloten geredet und ihm etliche Fragen gestellt und eine Menge Bücher gelesen, um daraus das Hintergrundwissen zu ziehen. Ich hatte dabei das Glück, dass es vor etlichen Jahren so eine Aktion gab, intensiv Zeitzeugen zu befragen und speziell die Tage, die mit der Aktion "Gomorrha" zusammen hingen, aufzuschreiben. Die Aktion selbst zog sich ja über eine ganze Woche hin. Die Hamburger sind, ganz wie Marschall Harris es vorhatte, überhaupt nicht zur Ruhe gekommen, weil laufend schwerste Bombardierungen, dann auch tagsüber durch die Amerikaner, stattfanden. Diese ganze Woche muss der reinste Horror gewesen sein.
Was mich immer wieder erstaunt hat, ist die Emotionslosigkeit, mit der die Zeitzeugen das alles berichtet haben. Das hat mich manchmal fast umgehauen, wenn ich das las und dachte, was muss in ihnen damals vorgegangen sein?

Witzigerweise hatte ich in einem ersten Impuls auf das Challenge-Thema eine ähnlich Idee, nämlich auch etwas über den zweiten Weltkrieg zu schreiben, denn es gibt in meiner Familie eine ganz interessante, wenn auch verrückte, Koffergeschichte dazu, mich hat aber die Recherchearbeit abgeschreckt. Das hätte ich einfach zeitlich nicht geschafft. Wieder so ein Projekt für die Rente, in die ich gar nicht werde gehen können angesichts der Alterspyramide.
Wie schade, dass du es nicht gemacht hast. Aber ich verstehe natürlich, dass es irre viel Zeit kostet, die dir grad nicht zur Verfügung steht. Aber ich wäre sehr gespannt auf die Geschichte.
Ich glaube Dir jedes Detail, auch den Koffer im Flugzeug. In schlimmen Zeiten wird jeder irgendwie wieder gläubig und wenn es nur Aberglaube ist.
Ja, ich glaube, dass manch einer, das grausame, das ihm angetan wurde, einfach in solchen aberwitzigen Dingen verpackt hat. Der menschliche Körper ist nicht darauf ausgelegt, ununterbrochen im Angstmodus zu sein. Wenn aber ununterbrochen eigentlich der Zustand des Angsthabenmüssens erzeugt wird, dann müssen andere Ventile gefunden werden. Glaube und Aberglaube sind wahrscheinlich in begrenzter Form solche Ausweichmöglichkeiten.
wo denn Gott dann in guten Zeiten sei
Super gute Frage.
Deine Andeutung, dass der RAF-Pilot Clifford wohl (kleinere) moralische Bedenken ha
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich ihm nicht noch ein paar weitere Gedanken zuschreiben werde. Ich hatte mir Redcliff als einen Piloten vorgestellt, der vorrangig am Fliegen interessiert ist, der eigentlich nur dafür brennt. Und weil es so ist, ist er auch skrupellos, denn er blendet aus, was er da eigentlich Mörderisches tut. Ich muss da wohl nochmals ran an ihn.
Es gibt viele Menschen, die dadurch traumatisiert waren
Absolut. Aber und das ist das Interessante, nicht in Form von direkter Traumatisierung, also Albträumen oder gar psychishen Erkrankungen, sondern eher mittelbar. Meinen Eltern tut es fast körperlich weh, etwas wegwerfen zu müssen, seien es nun Lebensmittel oder Non-Food, um mal ein Beispiel zu nennen,.
Hut ab für Deine Leistung, die in diesem Text steckt, ich bin echt beeindruckt und ich hoffe, dass dieser Text nicht in den Tiefen des Forums verschwindet, sondern vielleicht Kindern/Jugendlichen vorgelesen wird, damit sie die wahren Tragödien des Lebens kennenlernen und sich ihrer privilegierten Situation bewusst werden.
Ganz lieben Dank für dein dickes Lob und ja, genauso wünsche ich es mir auch.


Liebe(r) @Vulkangestein ,

eine spannende Geschichte voller Details - auch viele technischer Art. Lob für die Recherche hast du bereits erhalten, dem schließe ich mich gerne an.
Herzlichen Dank für dein Lob.

Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass du für diese Details einen ausführlichen Erzähler haben willst, wodurch der Text sich etwas vom Gebot "Show, don't tell" löst.
Ja, das ist richtig. Ich wünschte, ich hätte es anders hinbekommen.
Brauche ich als Leser all diese Infos? Was z.B. in Bayern und Tschechien passiert, ist für die Handlung ja nicht relevant.
Wenn du ein Leser bist, der nur eine gute Geschichte mit wahrem Hintergrund lesen möchte, dann nicht. Richtig.
Die gesamten Hintergründe sind eher dazu gedacht, aus der Geschichte auf ein bisschen Geschichtsunterricht zu machen.

Der Navigator sagt das, als würde er es den Leser*innen erklären und nicht, als würde er mit seinem bekannten Piloten sprechen (man könnte auch vom Erzählbären sprechen). Da fehlt mir etwas die Natürlichkeit und es ist etwas zu genau erklärt.
Das fühle ich wie du und ich werde versuchen, an diesem Teil der Geschichte noch etwas zu schrauben. Vielleicht gelingt mir das mit ein bisschen mehr Distanz. Mal sehen,.

Dieses Foreshadowing finde ich problematisch.
werde ich beiseitigen, stimme dir zu.

würde ich eine Ergänzung empfehlen, die die Kinder beim gemeinsamen Beten zeigt oder entsprechende Äußerungen der Betreuerinnen.
Ja, gute Idee, ich suche aber noch die richtige Stelle dafür.

Ich habe mich gewundert, dass die nicht gesiezt werden.
Gute Frage, ich werde das nachrecherchieren.

:cry:Nicht die Kaninchen! Böse Autorin!
Ich weiß, ist aber authentisch, denn es hatten viele Kinder damals auf ihre Balkonen kleine Kaninchenställe stehen, war wohl durchaus üblich damals.

Ich wäre dafür, "lachend" zu streichen.
gestrichen
Dir auch meinen herzlichen Dank für das Lesen, Kritisieren und deine Textarbeit.

Liebe (r) @ Echo97 ,

historische Geschichten finde ich ziemlich schwierig zu schreiben und beeindruckend, wenn sie so gut wie deine funktionieren.
Danke für dein Lob.
Finde ich persöhnlich ein wenig flach, sofort den Prota so klar als den "Guten" kenntlich zu machen. Ich fände es besser, wenn das im Verlauf der Geschichte deutlich würde
Verstehe, was du meinst und kann es nachvollziehen. Es passt aber nur an dieser Stelle und es wegzulassen, hieße nicht so richtig zu erklären, wieso Thea nicht in der Kinderlandverschickung war, wie geschätzt etwa 80% aller Kinder damals.

Wieso ist ihnen das verboten? Den Grund hätte ich mir an der Stelle gerne gewünscht.
Den Grund konnte man mir auch nicht nennen, aber es wurde vermutet, weil nicht genügend Betreuerinnen da waren. Ich werde schauen, ob ich das irgendwo passend in den Text einfügen kann, dass es nicht so wie ein Fremdkörper wirkt.

Mmh, noch so ein sympathischer Kriegsheld. Da hätte ich mir etwas mehr Mut zu realistischeren Charakteren gewünscht. Ein wenig Rachegefühle gegenüber den Deutschen wären schon drin gewesen, schließlich haben sie ja seine Heimat angegriffen.
Über Redcliff werde ich noch nachdenken, ob ich da noch was anfüge. Verstehe deinen Einwand aber auf jeden Fall.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er politisch so gut informiert ist, dass er die Militär-Ansagen seines eingenen Landes durschaut, aber gut - ist eben ein sehr schlauer Pilot, obwohl er nicht zur Oberschicht gehört
Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ich da noch nachbessern muss. Redcliff hat den Auftrag von oberster Stelle, die keinen Hehl daraus gemacht hat, Hamburg dem Erdboden gleich zu machen. Die Zivilbevölkerung war insoweit nicht informiert, weil man wohl befürchtete, dass sich doch ein paar Stimmen dagegen regen würden, aus welchen Gründen auch immer. Die Presse wusste es oder veröffentlichte es nicht. Die schrieb nur, dass Hamburg ein wichtiger Hafen und Industriestandort sei und dort ein großer Teil der U-Boot-Produktion stattfinde und das halt das alles vernichtet werden müsse.

Für einen perfekten Anti-Kriegs-Film gehören für mich aber immer auch Personen zu zeigen, die durch den Krieg psychisch zerstört werden.
Ja, stimme dir zu. Aber ich schildere nur einen einzigen Tag. Da hat sich in den Köpfen meiner Protagonisten noch níchts psychisch sichtbar! Zerstörerisches eingenistet gehabt. Ich hielte es deswegen für ein Logikproblem, wenn ich dazu etwas schriebe.

Ich hätte mir bei dem Piloten gerne noch mehr Einblick in sein Inneres gewünscht. Seine Gewissensbisse, wenn er doch so ein frommer Pazifist ist, müsste er die ja haben.
Wenn er für dich als Pazifist rübergekommen ist, dann habe ich ihn falsch angelegt, ich will eh nochmals ihn mir vornehmen und schauen, was ich da noch verbessern kan.

Hier hätte ich ans Ende die Gedanken des Piloten gesetzt.
ja, danke, habe ich so geändert
Den Rest vom Text les ich die Tage mal.
Gern.

Euch allen nochmals lieben Dank für eure Mühe, euer Lob und die viele konstruktive Kritik.

Liebe Grüße
lakita
 
Zuletzt bearbeitet:
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28.12.2009
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Hallo,

Als am 27. Juli 1943 über 700 britische Flugzeuge aufbrachen, um mehr als 100.000 Spreng- und Brandbomben auf Hamburg abzuwerfen, war die siebenjährige Thea im katholischen St. Franziskus Kinderheim auf der Halbinsel Nordstrand. Ihre Eltern und Geschwister waren in Hamburg geblieben.

Nach diesem Einstieg hatte ich im Grunde keine Lust mehr weiterzulesen. Das klingt wie in einer Doku von diesem Knop, so unheilvoll, und auch manipulativ: Und was passiert DANN?, soll man sich fragen, aber das ist eben alles, es ist nur ein Konstrukt. Warum nichts Szenisches? Oder gar nicht, den Leser einfach in die Situation werfen und es ihn selbst entdecken lassen?

Theas Mutter, eine Hitlergegnerin, die schon sehr früh über ihn sagte, dass dieser Mann nur Unheil bringen würde, hatte sich standhaft geweigert, ihre Kinder in die nationalsozialistischen Einrichtungen namens Kinderlandverschickung zu geben.

Nein, wir bleiben lieber politisch korrekt, dafür sind unsere Kinder jetzt eben tot. Na und? Das steckt da so implizit drin. Das ist erstens einfach nur noch der Holzhammer - Hitlergegnerin, die so weit geht, dass sie ihren eigenen Kindern Gefahren aussetzt, da frage ich mich, was ist das für eine Mutter? Die kommt ja gar nicht in dieses moralische Dilemma, und das finde ich fragwürdig. Wenn man mal unter Literaten fragt, dann sind natürlich immer ALLE Großeltern ausgesprochene Nazi-Gegner gewesen, wenn es nach dem Literaturbetrieb gehen würde, dann war Deutschland durchsetzt mit Widerstand, der muss im Grunde größer und zahlreicher als die NSDAP gewesen sein. Also, meine beiden Opas waren überzeugte Nazis, der eine sogar in der SS, und er hat sicher zahlreiche Kriegsverbrechen begangen. Bei jedem dieser Menschen steckt aber eine schwierige Entscheidung dahinter, warum sie die Dinge tun, warum sie sich für das eine oder das andere Lager entscheiden, es ist nie diese eine fatalistische Idee. Das hier im Text ist blanker Populismus.

Aber hier auf Nordstrand lauerte die Todesgefahr unmittelbar über ihren Köpfen, war durch die Vibration in den Füßen zu spüren, zum Greifen nahe, am Klirren der Fenster zu hören, das sich mit dem unaufhörlichen Brummen der Maschinen vermischte.

Die Todesgefahr steckt hier aber nur in den Worten. Das liest sich wie Hanni und Nanni im Landschulheim und plötzlich sind da ganz furchtbar viele Flugzeuge am Himmel. Wo fliegen die hin? Die fliegen nach Hamburg und zerbomben alles, und ach ja, wahrscheinlich werden alle eure Eltern dabei sterben. Die Angst, die diese Kinder empfunden haben müssen, diese ganz essentielle, durchdringende Angst, alles zu verlieren, als Waisen aufwachsen zu müssen, eine Angst, die sie gar nicht begreifen können, die sie nicht verstehen, das steckt alles in diesem Bild, wo der Himmel schwarz wird vor lauter Bombern. Aber ich spüre da nichts von. Ich kriege da nicht mal ein Bild von im Kopf hin - ich meine, das Bild, Bomber, Himmel, Gefahr, das ist ja schon eine eigene Trope in der Medienlandschaft und schon oft gebraucht worden. Ich würde mir da auch was anderes überlegen, vielleicht hören sie nur die Bomber, aber sehen sie nicht.

In Windeseile verbreiteten sich unter den Kindern die grässlichsten Gerüchte.

In Windeseile. Das passt sprachlich in ein Kinderbuch. Ich finde dieses Thema hier ernst, aber mir fehlt das sprachliche Äquivalent, mir fehlt die Schwerkraft. Grässliche Gerüchte. Was soll das sein? Warum hier keine Szene? Ist gar nicht so einfach, Kinder so etwas sagen zu lassen in ihrer Ahnungslosigkeit, da muss man sich schon richtig anstrengen. Das ist auch etwas lazy writing, du nimmst hier einfach eine Abkürzung, wo man aber viel eher das Makro bräuchte.

Er war viel mehr enthusiastischer Pilot als Patriot. Für ihn waren die Einsätze bisher nur in fliegerischer Hinsicht spannend gewesen. Das Fliegen war seine Leidenschaft, nicht das Töten des Feindes.

Ich kann gar nicht glauben, was ich hier lese. Kaum einer überlebt mehr als 30 Einsätze, unser Redcliff hat schon 25, seine Uhr tickt, aber alles, was er so denkt, ist: Ich bin nicht priviligiert, ich werde im zivilen Leben nicht mehr fliegen können, also, hey, fuck it!, riskieren wir das einfach mal, und ups, nebenbei laden wir noch ein paar tausend Bomben ab. Das ist ja ein total nihilistischer Charakter, der nur für seine eigenen, egoistischen Werte steht. Klar, im Krieg tummeln sich die Opportunisten, die Karrieristen, und vor allem im NS-Staat war das so, aber jetzt einen Tommy dahinstellen und den so motivieren? Ich weiß nicht.

„Siehst du den kleinen Lederkoffer, den er neben sich stehen hat? Den soll er angeblich immer bei sich haben. Soll die teuerste Flasche Whisky drin sein und eine Havanna und sonst nichts."
„Verstehe", Redcliff grinste wissend, „so einer ist er also. Unter uns Piloten waren ja schon eh eine Menge Sonderlinge, da ist unser MG-Schütze mit dem Köfferchen ja fast normal."

Auch so ein sonderbarer Dialog. Die steigen da gleich in den Bomber, immer im Hinterkopf, dass sie vielleicht abgeschossen werden UND das auch sie selbst den Tod bringen, aber alles, worüber sie reden, ist der MG-Schütze mit dem Koffer. Woher hat der überhaupt Whisky und Zigarren? England war doch total ausgehungert? Und warum trägt er die im Köfferchen mit rum? Die sitzen ja nicht im Schützengraben, wo man denken könnte, vor der entscheidenden Schlacht noch einmal feiern. Ich könnte verstehen, wenn die so herumwitzeln, aber dieses Witzeln eigentlich ihre Angst verstecken soll, ihre Unsicherheit, aber das lese ich da nicht raus, es ist einfach zu oberflächlich. Schrullig ist auch so ein Wort, was ich in diesem Kontext unpassend finde.

‚Von wegen Hafenanlagen zerstören und die U-Boot-Produktion auslöschen, so wie es laufend in der Presse stand‘, dachte Redcliff, ‚wenn die wüssten, dass wir ganze Stadtteile ausradieren sollen.‘

Moment. Eben sagt der Erzähler: es hieß. Die Einäscherung von Hamburg ist das Ziel. Das ist ja eine Befehlskette. Ist es nun der Befehl oder nicht? Wer soll da nicht genau Bescheid wissen? Wer agiert denn da eigenmächtig? Und hier fehlt mir auch eindeutig die individuelle, moralische Komponente. Der Gedanke, unschuldiges Leben auszulöschen, naja, der ist etwas anwidernd, aber hey, that's war. Wenn er ein echtes Problem damit hat, würde er das zur Sprache bringen. Er würde nachfragen, ist das ernst gemeint, gibt es diesen Befehl, was sagt die Stabsleitung dazu, oder einem Kollegen sich offenbaren, was hälst du davon?, ist das richtig? Fehlt hier. Hier fehlt dieses Bedenken, und auch, auf der anderen Seite, das Abgestumpfte, das den Krieg ausmacht, was der Krieg aus denjenigen macht, die ihn führen müssen. Menschen sterben, eventuell auch ein paar Unschuldige? Egal. Hauptsache ich überlebe. Das könnte ich nachvollziehen, so eine Do or die Einstellung, etwas Sozialdarwinismus, das nackte Überleben. Die oder ich. Die sind ja selbst Schuld! Alles Nazis!

Das Luftschutzgepäck, meist ein kleinerer Koffer mit all den wichtigen Papieren, Lebensmittelkarten, Geld, Schmuck und sonstigen lebenswichtigen Dingen, stand griffbereit meist im Korridor einer jeden Wohnung.

Das klingt so, als gingen die gleich auf einen Familienausflug. Ist Geld und Schmuck lebenswichtig? Im Grunde ist das so etwas wie der letzte Koffer, ein Bild, das für sich steht. Das wäre im Zweifel alles, was diese Leute aus ihrem alten, ursprünglichen Leben mitnehmen, ihre Existenz. Das ist ein dramatisches und tragisches Bild, aber es kommt hier nicht zum Tragen, weil es so lapidar erzählt wird. Das ist nicht aufgeladen, dieses Bild.

„Mutti, wir werden sterben", schrie sie und zog bei jeder Detonation den Kopf ein.
Haben Kinder so eine Vorstellung vom Tod? Wissen die genau, was passiert, können die sich so einen Plan machen? Ich bezweifel das.

Der Riese war angekommen.
Das hier ist auch so eine Verniedlichung, ich kann das gar nicht richtig beschreiben, ich finde, so etwas gehört sich nicht, einen Bombeneinschlag so zu beschreiben. Das empfinde ich als ungebührlich irgendwie, als unpassend. Ich denke immer an die Opfer, die dann da mit herausquellenden Gedärmen liegen und elendig verbrennen, und der Erzähler so: Der Riese war angekommen. Puh.


Vor Stunden hatten sie noch im 4. Stock eine gemütliche Wohnung besessen, jetzt war alles vernichtet und ihre Wünsche reduzierten sich einzig und allein auf einen Becher Wasser.
Das ist die Essenz deines Textes. So ist Krieg. Eben noch alles wie gewohnt, plötzlich rennst du um dein Leben. Plötzlich hast du nichts mehr. Das sind ja immense individuelle und auch psychologische Umwälzungen, die in den Kriegswirren entstehen. Ich habe viele ältere Kunden gehabt, als ich 1994 mit meiner Lehre angefangen habe, und die haben sehr oft und ausführlich über den Krieg erzählt. Einer brachte mir mal eine Kiste mit, mit selbstgemachten 6x6 Photographien von der Front aus Russland. Er hatte einen Partisanenangriff überlebt, weil er sich im richtigen Moment, rein zufällig, nach etwas auf dem Boden liegenden gebückt hat. Keiner seiner kleinen Einheit überlebte, nur er, und dann musste er sich durch die feindlichen Linien schlagen. Der Mann war damals sich über 80, aber er trug diese Angst und diesen Schmerz immer noch mit sich herum, und auch den Verlust seiner Kameraden. Das soll jetzt nicht nach Landser-Romantik klingen, aber solche Erfahrungen prägen eben extrem, und von diesen individuellen Empfindungen, von dieser absoluten Nacktheit, da lese ich leider in deinem Text wenig.

Welche Funktion hat hier Redcliff? Mir wird das nicht klar. Wenn es da jetzt wenigstens eine Szene geben würde, wo er zu seinem Vorgesetzten sagt: Diesen Befehl führe ich nicht aus, weil Unschuldige sterben werden. Oder der Befehl an sich nur mit Magenschmerzen gegeben wird, das auch bei den Tommies bedrückte Stimmung herrscht. Das kommt mir fast schon ein klein wenig revanchistisch vor: Naja, die Tommies, die haben aber auch ... ja, nachdem die Deutschen der ganzen Welt den Krieg erklärt hatten. Die Tommies waren sicherlich auch nicht so sonderlich scharf auf die V2. Wie die Truppe so einen Einsatz sieht, wie sie das empfindet, also die Frage, wen töten wir und warum?, da wird im Text ja gar nicht drauf eingegangen. Da geht es dann um schrullige Typen und mir wird viel über Bomben und Technik erklärt, was sicher interessant ist, aber mir in dem Kontext zu dem restlichen Inhalt einfach zu überpräsent ist, und auch gar nicht dahin gehört. Cookie, das ist interessant, aber nicht, wenn mir das der Erzähler als Info dumped, sondern wenn ein Soldat das da mit einem Stift draufschreibt zum Beispiel.

Das Ende, natürlich findet sie ihren Papa. Nahe am Kitsch. Deswegen mag ich zum Beispiel Saving Private Ryan so - er wird gerettet, aber alle anderen gehen drauf. War es das wert? War es dieser eine Mann wert? Wiegt dieses Leben den Tod so vieler andere Männer, die in keiner persönlichen Beziehung zu diesem standen, auf? Was wäre das für ein Film, wenn am Schluss alle überleben?
Man könnte diese Frage gar nicht stellen. Bei deinem Text habe ich irgendwie das Gefühl, das ist zwar irgendwie schlimm, aber am Ende sind doch alle wieder ganz glücklich. Der Tommy durfte fliegen, die Kinder haben auch überlebt, Wohnung kaputt, naja, geht aber, und Papa sitzt im Zug. Ist das ein Bild, das wir vom Krieg haben sollten?

Gruss, Jimmy
 
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Hallo @jimmysalaryman ,

mir fällt es etwas schwer, mich bei dir für deinen Komplett-Verriss zu bedanken, aber das muss ich konkret ja auch nicht.
Ich vermag dir dafür zu danken, dass du dir die Mühe gemacht hast ,meine lange Geschichte zu lesen und mir all die Punkte aufzuzeigen, die dir quer liegen und mir diejenigen Stellen aufzuzeigen, wo ich aus deiner Sicht es deutlich besser hätte machen können.
Danke für deine insoweit konstruktive Kritik, in vielen Punkten kann ich sie nachvollziehen und verstehen.

Was mir aber weh tut und wo ich mich verletzt fühle, sind deine gesamten Unterstellungen und die Häme, mit der du mich bedenkst.
Das klingt wie in einer Doku von diesem Knop, so unheilvoll, und auch manipulativ
Nein, wir bleiben lieber politisch korrekt, dafür sind unsere Kinder jetzt eben tot.
enn man mal unter Literaten fragt, dann sind natürlich immer ALLE Großeltern ausgesprochene Nazi-Gegner gewesen,
Das hier im Text ist blanker Populismus.
Das liest sich wie Hanni und Nanni im Landschulheim
Das hier ist auch so eine Verniedlichung, ich kann das gar nicht richtig beschreiben, ich finde, so etwas gehört sich nicht, einen Bombeneinschlag so zu beschreiben. Das empfinde ich als ungebührlich irgendwie, als unpassend
: Der Riese war angekommen. Puh.
Das Ende, natürlich findet sie ihren Papa. Nahe am Kitsch.
Der Tommy durfte fliegen, die Kinder haben auch überlebt, Wohnung kaputt, naja, geht aber, und Papa sitzt im Zug. Ist das ein Bild, das wir vom Krieg haben sollten?

Weshalb schlägst du diesen herablassenden Ton mir gegenüber an?
Falls du mich für eine widerliche unsympathische Person hältst, trag das bitte nicht über deine Kritiken aus.
Damit erreichst du bei mir nur, dass ich zumache und mich deinen zum Teil guten Argumenten verschließe.

Trotz allem
lieben Gruß
lakita
 
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Hallo @lakita,

ich kann das, ehrlich gesagt, nicht nachvollziehen, was du mir hier vorwirfst. Wo unterstelle ich dir denn etwas, und vor allem: was genau? Ich bleibe doch immer konkrekt am Text, und nirgends werde ich persönlich. Ich sage nicht: DU bleibst politisch korrekt, sondern der Charakter im Text. Ich weiß jetzt nicht genau, warum du so angefasst bist. Meine Güte, da ist vielleicht das eine oder andere mal salopp formuliert, aber das macht eben der Text mit mir, das ist eben eine Reaktion, ich sehe da nichts Herablassendes. Herablassend wäre doch, wenn ich so was sage, wie: Also, dass DU dich überhaupt an so ein Thema traust, da war ja zu erwarten, dass dieser Mist herauskommt. Aber wo mache ich das? Ich greife dich doch nicht persönlich an, oder? Wie kommst du darauf, dass ich dich für eine widerliche, unsympathische Person halte?

Gruss, Jimmy
 
Zuletzt bearbeitet:
Wortkrieger-Team
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08.01.2002
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Hallo @jimmysalaryman ,

ich möchte jetzt einerseits nicht mich unhöflich ins Schweigen verziehen, andererseits aber auch nicht mit dir weiter diskutieren, weil ich denke, es gehört dann letztendlich nicht unter die Geschichte.
Ich habe geschrieben, dass ich einige deiner Äusserungen so empfinde, dir all die Stellen zitiert, wo es so bei mir auf der Metaebene so wie beschrieben ankommt. Da kommen wir beide dann nicht sehr viel weiter, wenn du nach Beweisen fragst.
Im übertragenen Sinne siehst du halt ein halbvolles Glas und ich ein halbleeres und keiner von uns wird dem anderen belegen können, dass er Unrecht hat.

Lieben Gruß
lakita
 

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