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Unsere Insel

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06.10.2019
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Unsere Insel

Unsere Insel

„Die Welt ist schön und wert, dass man um sie kämpft.“ - Hemingway

Ich blickte aus dem Fenster des McDonalds; dort fuhren die tonnenschweren Trucks vorbei, der Himmel war orange, in manchen Ecken sogar fliederfarben. Ich sah die Welt und ich war, wie immer, nicht da, sie hatte mich nicht in ihrem Griff. Ich war verloren. Seit Wochen fuhr ich durch die Gegend, saß in Fast-Food-Läden und versuchte dieser Endlosschleife da draußen zu entgehen. Seit diesem Tag, dem 9. Februar, entzog sich mir die Welt. Danach konnte ich nicht mehr in uns… meinem Bett schlafen, die Leere war unerträglich, die Wohnung war unerträglich, die Nachbarn, die ganze verschissene, brettharte Realität. Da war es gut in Fast-Food-Läden zu sitzen, hier geht es ums Fressen, hier vergisst man sich schnell.

Ein Kaffee dampfte vor meinem Gesicht. Ich meinte, die sanften Wölkchen, die aus dem Becher stiegen, auf meinem Gesicht zu spüren. Er war untrinkbar. Es ist mir ein Rätsel. Selbst nach zehn Minuten in einem Pappbecher ist keine Annäherung an die Lippen möglich; er war zu heiß und ohnehin eine ungenießbare Plörre. Ich kaufte mir lediglich einen Kaffee nur des Geruchs wegen. Dieses normalerweise starke, nussige Aroma, dieses feine Etwas, was in meiner Nase kribbelt und mit Wohlbehagen in meine Synapsen kriecht. Bei jedem Riecher, egal ob ich sitze oder Auto fahre, schließe ich für kurz oder lang die Augen und mache mir meine Welt mit dem Dunst einer Tasse Kaffee. Dieser Kaffee wiederum hatte etwas angenehm Fauliges. Dafür liebte ich jenes Fast-Food-Unternehmen, in keinem anderen Laden konnte ich diese Nuance riechen.
Ich schloss die Augen und nahm eine weitere Nase Fäulnis. Als ich sie öffnete und in den Eingangsbereich blickte, trat eine junge Frau ein. Sie sah verlottert aus. Aber sie hatte etwas. In meinem Unterleib regte sich Sympathie. Sie trug eine Pilotenbrille, einen viel zu kurzen Pony, eine alten, roten Fleecepullover, und kurze Short, sehr kurze, graue Shorts; die weißen Hosentaschen spitzen wie Schlappohren heraus. Sie hatte einen Kaffeebecher in der Hand. Ich beobachtete sie. Sie blickte sich um, dann schaute sie mir in die Augen. Ich musste aus unerfindlichen Gründen schmunzeln, das war nicht meine Intention, aber ich konnte nicht anders, als ihr Blick meinen kreuzte. Sie lachtezurück und lief auf mich zu.

„Wie geht’s?“

„Besser, jetzt, wo du hier bist.“

Sie schenkte mir ein großes Grinsen. Ihre obere Zahnreihe war leicht nach rechts versetzt, die untere nach links. Ich sah eine kleine Stelle Karies. Dieses Lächeln war ehrlich, es saugte meine ganzen miesen Gedanken in sich auf. Ihr Kaffeebecher stellte sich als eine Dose Baked Beans mit Bacon heraus, ein Löffel steckte darin und der Inhalt war nahezu verspeist. Ein Hauch von Katzenfutter stieg mir in die Nase – Ekel und Faszination ergriffen mich. Sie lachte noch immer. Ich konnte nicht aufhören, ihren Mund zu begutachten. Diese feinen, fülligen Lippen in fahlem rosa. Ihre Haut war weiß, mir schien ein Mensch aus Porzellan stand vor mir. Ihre Haare schimmerten, dunkelblond und manchmal dunkelbraun. War das Zauberei? Was passierte hier? Und dann der erste Blick in ihre Augen. Ein haselnussbrauner Strudel sog mich in ihre großen Pupillen. Diese Augen. Verdammt nochmal diese Augen waren nicht von diesem Planeten. Diese Augen waren gefallene Sterne, waren der Mutterboden für das Paradies sehnsuchtsvoller Blicke suchender Menschen wie mich.

„Du bist witzig. Wir kennen uns doch gar nicht.“

„Sind gerade dabei, das zu ändern.“

Sie lachte wieder mit diesem verführerischen Lächeln.

„Stimmt. Wie war deine Fahrt?“

„Woher weißt du, dass ich fahre?“

„Deine Autoschlüssel liegen direkt vor dir.“

„Viel Verkehr, die Städte waren voll, die Grenze quoll über.“

„Was fährst du auch an einem Freitag durch die Gegend?“

„Um dich zu finden.“

Sie lachte verlegen.

„Hör doch auf!“

„Ich habe seit geraumer Zeit ein langes Wochenende und wollte die Gegend erkunden. War noch nie hier gewesen. Kannst du etwas empfehlen?“

Sie setzte sich und begann mir ihre liebsten Orte der Stadt aufzuzählen. Ich solle das Motel am Chestnut Drive nehmen, man sagt, es sei das beste in der in der Umgebung. Unbedingt solle ich an die Küste, die sei es wert, auf alle Fälle. Und an sich gebe es überall viele Orte zu entdecken. Es komme nur darauf an, wie weit ich fahren möchte. Ich dachte mir, wenn du dabei wärst, so weit, bis die Karre auseinander fällt.

Sie sei selbst erst seit einigen Monaten hier und lebe in ihrem Toyota Forerunner. Miete und Studiengebühren seien gemeinsam einfach nicht zu stemmen. Wann solle sie denn studieren, wann schlafen, wann essen? Sie müsse fünfzehntausend Dollar im Jahr zahlen, für ein Halbtagsstudium, für ein läppisches Halbtagsstudium. Dienstags und donnerstags ginge sie immer zur Food Bank, damit kommt sie ganz gut über die Runden. Sie erzählte dies mit einer ruhigen Gelassenheit. Sie klang erfüllt. Und dabei tue sie das, was ihr am Meisten Spaß machte, was sie am Besten konnte: Mathematik und Physik. Ihre braunen Augen glühten vor Begeisterung. Wer war dieser Mensch?

„Hast du heute noch etwas vor? Draußen ist es schon dunkel.“

„Du bist witzig.“

Sie schmunzelte und visierte mich scharf mit ihren Rehäuglein an.

„Nein, ernsthaft. Hast du heute Abend etwas vor? Ich bin neu in der Gegend. Zum einen möchte ich dich kennen lernen und zum anderen dir weiter in die Augen schauen.“

„Hör doch auf, du Schmeichler! Wie ich bereits sagte, das Motel am Chestnut Drive ist gut, von dort hat man eine tolle Sicht auf das Meer.“

„Gut, lass uns dorthin fahren.“

„Einverstanden, aber davor lass uns noch eine Mango kaufen. Ich liebe Mango nach dem Kuscheln.“

Hatte sie gerade kuscheln gesagt? Ich wusste es nicht mehr. In meinem Magen kribbelte es. Eine fremde Frau wollte mit mir in einem Motel die Nacht verbringen. Was war ihre Intention? Ich kannte sie keine Stunde, vielleicht vierzig Minuten und sie würde mit mir in mein Auto steigen und zu einem Motel fahren. Sollte ich mir Sorgen machen?

Im Motel eingecheckt, bekamen wir unseren Schlüssel und suchten Raum Nr. 209 auf. Auf dem Weg durch den alten Gang legte sie ihre Hand um meine Hüfte. Wir liefen Seite an Seite. Wer zum Teufel war diese Frau? Der Teufel? Keiner könnte charmanter sein, als der gute, alte Beelzebub. Ich schaute auf ihre Schuhe, weiße Vans, kein Prada. War sie vielleicht doch ein Engel, der mich rettete? Mein Herz schlug, mein verkümmertes Herz schlug wieder, als sie mich berührte. War sie ein Engel? Ich sah unaufmerksam auf ihren Rücken. Keine Flügel. Sie blickte mir in die Augen und glühte mich an. Ein warmer Schauer durchfuhr meinen Körper und drang bis an meine Seele. Sie mag dich. Dieser Mensch mag dich - so wie du bist. Von den Decken des Motels blätterte der Putz, meine harte Fassade bröckelte gleichermaßen. Ich konnte nicht anders. Dieser Mensch machte mich weich. Die ganze Vergangenheit, die wie trockener Schlick an mir klebte, weichte sie mit ihrem Blick auf und alles floss davon. Mir wurde schwindelig, dann standen wir vor dem Zimmer 209.

Ich lag ausgestreckt auf dem Bett und trank ein Bier. Die Luft war dick und ölig. Die Decke bot nichts als einen verstaubten Ventilator; Spinnenweben hingen dort wie Lianen hinab und schwangen sanft hin und her. Das einzige Fenster war beschlagen. Das Kondensat perlte ab und an mit rasender Geschwindigkeit hinab: Sun City. Warum Sun City? Ich musste an die Gemälde eines befreundeten Künstlers denken. Wird uns dieses Fenster morgen den Blick auf das Meer offenbaren? Sie lag eng an mir, ihren Arm über meinen Bauch gelegt. Ihr kurzer Pony klebte an ihrer Stirn, nun schienen ihre Haare so dunkel. Was war das? Eine Metamorphose der Zärtlichkeit? Von Nahem war sie so dunkel von Weitem so hell. Ich begriff es nicht.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Ich wollte nur höflich sein. Normalerweise kenne ich die Namen der Frauen, mit denen ich in einem Bett liege.“

„Hana.“

„Ein schöner Name.“

„Das ist so konventionell, hör auf mit solchen Komplimenten.“

„Ich mag deine Hände, deine Finger sind so fein und symmetrisch.“

Sie lachte verlegen.

„Danke. Dieses Kompliment habe ich bisher noch nicht bekommen.“

„Und verdammt, dieses fünf Muttermale an der rechten Seite deines Kinns sehen aus wie der Große Wagen.“

Sie stand auf und lief zu einem Spiegel. Sie lachte laut irgendwie dreckig auf.

„Ha, du hast Recht! Ich habe diese Dinger schon seit Jahren im Gesicht und mir ist das noch nie aufgefallen.“

Sie zog ihren Mund nach oben um ihre Muttermale besser zu begutachten. Eine grimassige Miene bildete sich im Spiegel. Ich musste lachen. Sie blieb auf meine Reaktion kommentarlos und zog den Mund noch höher.

„Damn! Das ist der Große Wagen!“

Sie legte sich wieder zu mir ins Bett und nahm dieselbe Position ein wie zuvor. Ich merkte, sie trug keinen BH. Ihre linke, kleine Brust lag warm auf meiner. War das schön. Natürlich war es schön, dass diese Hana neben mir lag. Dass eine Frau überhaupt wieder bei mir lag. Böse alte Geschichten schwelten da noch in meinem Herzen und ich war derjenige, der das Feuer gelegt hatte. Dieses Inferno wird nie erlöschen. Ich war in der Vergangenheit sehr böse, bis ich verstand, dass die Frau der bessere Mensch ist.

Ihr Zeigefinger kreiste um meinen rechten Nippel. Ich hasste das. Im selben Moment regte sich mein Schritt. Ich wurde panisch, ich wollte das nicht, nicht heute, ich wollte keinen Sex. Kuscheln und Küsse, das wollte ich. Ich wollte reden, lachen und vielleicht etwas lieben, für kurze Zeit Liebe. Mit meinem Gedankengang hörte das Spiel auf und ihre Hand wanderte an meine Taille, die sie mit festem Griff packte. Ich liebte das. Noch nie hatte mich eine Frau so angefasst. War ich angespannt und sie merkte es und wanderte deshalb woanders hin? Sie war aufmerksam und feinfühlig. Dann wanderte ihre Hand weiter auf meinen Schritt und blieb ruhig liegen. Ich bekam einen Harten. Ihre Hand blieb ruhig, sie tat nichts weiter. Ich genoss es.

„Woher wusstest du das?“

„Ich kann Gedanken lesen.“

„Haha. Sag schon.“

„Du lagst da wie ein Brett, da habe ich eins und eins zusammen gezählt.“

Sie rutschte höher, jetzt pressten sich ihre Haare direkt an meine Wange. Ich erkannte eine rote Nuance darin. Was war mit ihren Haaren? Sie waren ein wildes Gemälde. Mit jeder neuen Perspektive änderte sich die Sicht. Ihr Kopf bewegt sich, nun blickte sie mir wieder in die Augen. Wortlos. Ich schaute auf ihre Lippen. Sie wollte einen Kuss; das wollte sie. Ich küsste sie und sie erwiderte ihn. Sie wollte geküsst werden. Es war ein lebendiger Kuss. Es war Knutschen. Unsere Zungen wanden sich als sei es eine Kür zweier Turner. Ihre Zunge war lang und wendig. Sie presste ihre Lippen auf die meinen. Ein Raum der Lust entstand, völlige Hingabe. Sie gewann. Definitiv. Das musste an exzessivem Training in der Vergangenheit gelegen haben. Ich musste schmunzeln.

„Was ist los?“

„Nichts. Du küsst unbeschreiblich.“

„Danke. Aber dein Küssen ist mir mindestens ebenbürtig.“

Sie lachte.

Sie gab mir einen schnellen Kuss auf die Lippen und drehte ihre Kopf nach unten. Ich sah wieder ihre Haare. Sie glänzten goldrot. Ich roch ihr Shampoo und da war ein anderer Geruch. Ich roch sie. Ich roch ihren wahren Duft und war überrascht, dass ein Mensch noch nach Mensch riechen kann. Ich nahm einen tiefen Zug von ihr und schloss die Augen. Blätter tanzten vor meinen Augen und wurden weit in die Luft getragen. Es war Herbst. Ich konnte den Herbst riechen. Herbst an der See. Der Wind trug den Blätterwirbel über das Meer. Eine Seele flog davon.

„Wusstest du, dass ich einen Kuss wollte oder ist das deine Masche mit den Girls; ihnen einfach deine Lippen aufzudrücken?“

„Ich wusste es.“

„Woher?“

„Deine Lippen verraten dich. Die verraten dich, das ist der Fixpunkt, der mir erlaubt in dich zu blicken. Weißt du, wenn ich mit Leuten rede, dann schaue ich ihnen am Liebsten auf die Lippen. Sie sind immer ehrlich. Es sind die einzigen Dinger auf diesem Planeten, mit denen man küssen kann. Küsse sind immer ehrlich. Nicht, dass ich jeden küssen möchte, aber die verraten mehr als ein tiefer Blick in die Augen.“

„Wie meinst du das?“

„Augen können lügen. Augen können unwahr sein, man kann sie trainieren, aber keiner denkt da an seine Lippen, an seinen Mund. Der verrät noch viel mehr über das Innenleben.“

„Das ist mir bisher noch nicht aufgefallen.“

„Ich liebe deine Lippen.“

„Hör doch auf!“

„Doch, du hast wundervolle Lippen. Die erzählen Geschichten.“

„Du solltest die Lippen meiner Mutter sehen. Die sind eine Enzyklopädie. Meine Oma war Mexikanerin und meine Mutter hat die Lippen des Südens bekommen. Voll und riesig. Die waren die schönsten, die du finden konntest. Als ich klein war, haben meine Schwester und ich immer mit ihnen gespielt. Meine Mutter hasste das und schlug zärtlich unsere Hände aus ihrem Gesicht. Doch dann, immer wenn sie einschlief, dann hatten wir die Chance sie zu berühren, dann tasteten wir vorsichtig auf ihren enormen Lippen, wanderten mit unseren kleinen Fingern auf ihnen und erkundeten diese fremde Welt. Besonders mittags, wenn sie schlief, dann wurde sie so trocken. Ihr Körper sog alles Wasser auf und ihr Gesicht spannte sich und dann, dann wurden ihre Lippen so weich wie Seide, das waren die tollsten Momente. Ihre Lippen waren am schönsten, während sie am Nachmittag schlief. Das hört sich bestimmt eigenartig an.“

Ich drückte sie an mich und sie drückte mich an sich. Wie in einer warmen Wiege. Ich fühlte mich seit langem geborgen. Wieder schloss ich die Augen, meine Gefühle zeigen mir mehr als ich in diesem Zimmer hätte erspähen können. Ich hörte Meeresrauschen, fühlte die Sonne auf meiner Haut, gelbe Blätter wirbelten durch die Luft und ich war angekommen, aufgenommen.

„Lass uns schlafen gehen.“

„Gerne, aber ich bin am Verhungern!“

Ich lachte laut auf. Ihre mathematische Direktheit gefiel mir.

„Ich nehme an – Pizza?“

„Da liegst du verdammt richtig. Ruf Rico’s Pizza an. Nimm die African, die ist großartig.“

Der Pizzabote klopfte an die Türe. Ich bezahlte ihn und schlug die Türe hinter mir zu. Die Pizza war enorm schwer. Knoblauchduft stieg auf. Normalerweise wäre Knoblauch ein Affront gegen jede romantische Nacht mit einer Frau, aber das war anders. Scheiß drauf. Wieso sollten wir deswegen irgendwelcher Kulinarik entsagen? Es war unsere Welt hier, da konnte man sogar mit Knoblauchfahne knutschen.

Wir küssten uns nicht noch einmal. Sie war der Chef und bestimmte wie weit es ging. Wir kuschelten, meine Hand lag auf ihrem warmen Bauch. Das war das erste Mal seit dem Vorfall, dass ich einen Menschen berührte und jetzt durfte ich zudem diese Frau an meiner Seite haben. Ich war todmüde und schlief irgendwann ein.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, als sie das Bett verließ. Wird sie gehen? Ich tat so, als würde ich schlafen. Es war nun schneller vorbei als gedacht. Geh, aber bitte drück mir keinen kitschigen Kuss auf, das könnte ich nicht verkraften. Sie zog ihr Shirt aus, dann ihr orangenes Höschen. Sie stand mit dem Rücken nackt vor dem Bett und blickte in den Siegel der auf einer alten Kommode lehnte. Ich sah sie zum ersten Mal nackt. Sie bleckte die Zähne und betrachtete diese. Schaute sie auf ihr schwarzes Kariespünktchen am Schneidezahn? Sie lächelte. Dann blickte ich auf ihren gesamten Körper. Ich erfasste ihre Form und wusste, warum die Frau der schönere Mensch ist. Diese feine Symmetrie in Längs- und Breitenachse blieb nur ihnen vorbehalten. Davon war ich überzeugt. Sie schmunzelte nun. Oh, wie dieses Lachen paralysierte.

„Guten Morgen.“

Sie blickte durch den Spiegel in meine halbgeöffneten Augen. Und schaute nur, elektrisierend. Ich öffnete die Augen ganz. Das Licht der frühen Morgensonne traf ihre Iris, das Braun wurde an manchen Stellen orange. Die Farben des Herbstes dachte ich. Diese Vergleiche zur Natur waren so altbacken, aber nichts war schöner als Realität, als unser Ursprung.

„Guten Morgen.“

„Ich gehe duschen und dann brauche ich Frühstück. Ich verhungere!“

„Gerne. Wo möchtest du frühstücken?“

„Hier, das Motel liefert Frühstück auf das Zimmer. Sonst gäbe es keinen Grund, es als gut zu bezeichnen. Das Menu liegt auf der Kommode.“

Hana bot immer eine Überraschung für ein Bonmot. Es war lediglich eine Nacht vergangen und es schien als hätte ich sie seit Jahren gekannt. Wir waren eine Emulsion aus Milch und Honig. Eine verführerische Kombination die passte. Sie drehte sich nicht um und bot mir keinen Blick auf ihre Front. Spielte sie mit mir? Im Badezimmer ging die Dusche an. Schwaden dampften aus der halb geöffneten Türe. Das Wasser plätscherte kaskadisch, dazu summte sie Dvoraks 5. Symphonie. Verdammt, sie kannte Dvorak. Und ich merkte, dass dieser Mensch mich in jeder Viertelstunde ihres Daseins bereicherte. Diesmal mit der Tatsache, dass sie klassische Musik kannte. Das ist eine Seltenheit geworden.

Als sie Dusche abstellte und sich, noch immer ein Streichkonzert summend, im Bad zu schaffen machte, studierte ich die Frühstückskarte. Bacon und Ei. Bacon, Würstchen und Ei. Hashbrowns. Waffeln. Sandwiches. Porridge, Sundaes, frischgepresster Orangensaft und mein Favorit der Karte: Kaffee Eternity. Ich werde ihn zweimal bestellen.

Unstillbarer Hunger. Anders konnte und mochte ich sie nicht beschreiben. Als ich sie frug, wie sie ihre Eier haben wollte, meinte sie scrambled. Auf die andere Frage, wie viele Eier, meinte sie sechs. Hatte ich mich verhört? Wie könnten in diesem zierlichen Körper sechs Eier und Beilagen Platz finden?

„Sechs Eier?“

Ihr Kopf lugte aus der Badezimmertüre. Ihr Pony klebte nass an der Stirn, die Haare waren strähnig. Sie sah anders aus, als hätte man ihr eine Maske abgezogen. Ihre goldene Fliegerbrille fehlte auf ihrer Nase.

„Nichts geht unter sechs Eier! Ein Dutzend, zwei Tage; das ist die Faustregel. Sie lachte. Außerdem kann ich ungerade Zahlen nicht leiden. Die Vorstellung fünf Eier in meinem Magen zu haben, lässt mich schwindeln. Da fehlt die Balance.“

„Ist ja gut, du kriegst deine sechs Eier, zwei Würstchen, Hashbrowns und drei Streifen Bacon.“

„Drei Streifen Bacon?“

Der Schock des Ungeraden krallte sich in ihr Gesicht. Ich lachte sie aus. Ich musste Scherzen. Mir gefiel es zudem, ihre mechanische Präzision gelegentlich zu miskalibrieren.

„Bitte, keine drei Streifen.“

„Ich habe sechs Streifen für dich bestellt, für jedes Ei einen.“

Sie wurde andächtig.

„Danke, das rettet mir den Morgen.“

Wir lagen auf dem Bett und verspeisten unsere Dutzend Eier. Der Bacon war kross und die Würstchen trieften vor fett, die Hashbrowns waren enttäuschend weiß und schienen noch stellenweise roh, aber Kaffee Eternity sänftigte jede Kritik. Die georderte, doppelte Ewigkeit wurde in drei Litern Pumpkannen auf das Zimmer geschoben. Die alte Lady, die uns all das brachte, schien ausgetragen und ungepflegt, sie blickte uns ungläubig an und hievte die silbernen Kannen mit sichtlichem Unverständnis auf einen separaten Beistelltisch.

Hana aß ihr Frühstück mit einer faszinierenden Langsamkeit und war doch schneller als ich. Sie verwendete nur einen Löffel. Sie war schon lange fertig, als ich mein letztes Würstchen anschnitt. Der Hunger brannte immer noch in ihren Augen und sie stierte auf den Rest meines Essens. Ich teilte nie das Essen auf meinem Teller, das geht gegen meine Ethik, allerdings kaufte ich in solchen Situationen einfach eine Extraportion.

„Du hast noch Hunger?“

Sie blickte mich fragend an und ich nahm ihr die Antwort vorweg.

„Du hast noch Hunger.“

„Nimm mir nicht meine Antworten vorweg! Aber ja, irgendwie habe ich noch Hunger.“

„Diesmal süß? Toast und Marmelade.“

„Mir schwebt da ein Schokoladensundae vor.“

„Eis zum Frühstück? Das ist Blasphemie.“

„Ich habe von mir nie behauptet, ich sei christlich. Und außerdem teile ich es mit dir.“

„Kein Süßkram vor 12.“

„Das werden wir sehen.“

Ich bestellte ihr ein Eis; Schokolade mit extra Schokosoße - das betonte sie ausdrücklich. Die verlotterte Zimmerdame klopfte an die Türe und brachte einen Eisbecher epischen Ausmaßes. Es war eine mächtige Haube Schlagsahne wie onduliertes Haar darauf, auf der Spitze eine Cocktailkirsche. Der Becher schien wie die Büste einer Adeligen. Ein Grund mehr nicht davon zu essen. Ich konnte Schnösel nicht leiden. Sie begann ihn zu verspeisen. Die Cocktailkirsche packte sie grob mit drei Fingern; Sahne klebte nun an ihren Fingerspitzen.

„Möchtest du die?“

„Nein, danke.“

Cocktailkirschen waren definitiv ein Verbrechen, ich kannte keinen, dem sie schmeckten. Sie hielt die sahneverklebte Kirsche in die Luft, verkniff die Augen und warf sie mit gekonnter Genauigkeit in den offenstehenden Mülleimer. Sie begann zu schaufeln, wie ein Bagger im Tagebau löffelte sie den Eisberg in sich hinein. Sie machte keine Anstalten zu fragen, ob ich auch etwas möchte; das gefiel mir. Ich hasste es, wenn mir Leute nach etlichen Negationen dennoch Essen aufschwätzen wollten. Warum ist das Nein beim Essen so schwer zu verstehen? Sie nahm den letzten Löffel, der Schokoladenberg darauf war riesig, er tropfte in das hohe Tulpenglas. Sie schob ihn langsam an ihren Mund. Ich beobachtete ihre Bewegung, sie stoppte die Bewegung. Was war? Ich stierte darauf und frug mich, warum sie stoppte. Iss, iss es endlich, dachte ich mir, aber es tat sich nichts. Ein Schokotropfen landete auf dem Bett. Ich konnte es nicht fassen. Dann blickte ich ihr in die Augen und merkte, dass sie mich während dieser letzten Bewegung beobachtete. Nun steckte sie den Löffel in den Mund, dann änderte sich ihr Ausdruck vom Verspielten zum Ernsten. Sie hob ihren Zeigefinger, rücklings, und schwang ihn sanft vor und zurück. Ich kam ihr näher, sie rutschte mir ein Stück näher. Unsere Lippen trafen sich sanft. Ich öffnete meinen Mund, sie öffnete ihren. Ihre lange Zunge berührte meine, ich schmeckte das Schokoladeneis. Sie leckte mir über die ganze Breite meiner Zunge, überall war süße Schokolade und ich war absolut angetan von diesem kulinarischen Kuss. Sie saugte mit kräftigem Druck an meiner Unterlippe. Schokolade und Unterdruck. Süß und Sexy. Scheiße, das war so erotisch. Küssen und Essensreste, das ist ein Urekel der modernen Menschheit. Was hier geschah, war eine oszillierender Seiltanz des Küssens zwischen Himmel und Hölle. Ich nahm zärtlich ihren Hinterkopf und drückte ihren Mund fest an meinen. Ihr gefiel es. Der Kuss wurde intensiver und kumulierte in seiner Akrobatik mit dem letzten Tropfen Schokoladeneis. Wir lösten uns voneinander.

„Ich sagte, wir werden sehen.“

„Du hattest Recht.“

„Und besteht immer noch dein Vorsatz, keinen Süßkram vor 12 zu essen?“

„Natürlich.“

Sie blickte mich vorwurfsvoll an.

„Aber, das Leben ist eine Perlenkette gebrochener Vorsätze.“

Hana lachte laut auf.

„Du bist so gut! Perlenkette gebrochener Vorsätze…“

Sie schüttelte sich vor Lachen.

„Was wollen wir heute tun?“

„Müssen wir unbedingt etwas tun? Man darf ab und an faul sein bei dem Gerenne des ganzen Alltags!“

Sie hatte Recht, wie so oft in den letzten Stunden. Sie trug ein graues Shirt mit einem großen Apfel darauf; Homegrown in U.S. stand darauf. Ein Prachtexemplar - was darin steckt. Ich mochte sie, denn sie stellte als Frau keine unnötigen Fragen. Keine Fragen nach meinem Job, meiner Vergangenheit, meiner vergangenen Lieben. Ich konnte solche Fragen nie ausstehen. Diese krankhafte Neugierde wenn ich von Frauen erzählte in der stets ein Quantum Neid steckte. Was sollten wir uns in solchen Momenten um die Vergangenheit scheren, wenn wir nicht einmal im Stande sind die Gegenwart zu verkraften, geschweige denn die Zukunft? Ich zog sie an mich. Sie ließ das Vergangene vergangen sein, die Gegenwart fühlte sich bei ihr endlich als solche an. Was die Zukunft brachte, war mir gerade scheißegal.

Sie lag mit dem Rücken zu mir. Meine Hand lag auf ihren Rippen, ich spürte jede einzelne. Sie war mager. Ich war einen kurzen Moment entsetzt. Dann legte sie ihre Hand auf meine und streichelte meinen Handrücken. Ich küsste ihren Nacken, ich roch wieder intensiv an ihr. Ein Hauch Shampoo steckte darin, der Rest war sie, purste Hana. Ich löste meine Hand und begann ihre Konturen mit meinem Zeigefinger nachzufahren. Ich liebte es Frauenkörper abzupausen. Mein Finger kroch unter ihr Shirt, umfuhr einige Runden ihren Bauchnabel, dann holperte er über ihre Rippen, auf ihre rechte Brust, ihr Nippel war weich und wurde bei Berührung langsam steif. Es war mein Spiel. Es war kaum eine Berührung, es war eine Flüchtigkeit über die weiche Haut meines Gegenübers. Ich liebte es, wenn sie es genoss. Hana hatte die Augen geschlossen und mein Finger war nun an ihren Lippen angelangt. Sie spielte mit. Kaum merklich, einer Brise gleich, malte ich sie mit meiner Zärtlichkeit aus. Ihre Lippen suchten gierig nach der Berührung. Ich war auf meinem Arm aufgestützt und beobachtete das Necken und Kosen. Sie zerging in meinen sanften Berührungen. Ich ließ von ihren Lippen ab und wanderte tiefer, an ihrer Brust, ihrem Bauchnabel vorbei unter ihre Hose. Nun kreiste ich auf ihrem Slip über ihren Venushügel. Venushügel. Ich vergötterte dieses Wort; in ihm steckte Würde.

Ich spürte ihr Schamhaar unter dem Höschen. Mein Finger schlich weiter, ich spürte ihren Kitzler. Als mein Finger ihn berührte atmete sie tief ein. Sie wollte mich. Und ich wollte sie. Mit sanftem Druck spielte ich zärtlich an ihr. Hanas Höschen wurde langsam feucht. Ich gab ihr einen Kuss in den Nacken und strich tiefer zwischen ihre Schamlippen. Feuchter, warmer Stoff; sie war erregt. In meinem Schritt regte es sich. Die Hose spannte, ich rückte näher, mein Glied war an ihrem Hintern. Sie musste es spüren. Das Atmen wurde intensiver, sie begann leise zu stöhnen. Meine Finger krochen unter ihr Höschen, zwei drangen in sie ein. Sie bewegte ihren Unterleib zu meinem Rhythmus. Hana war mir zum ersten Mal völlig ergeben. Ich durfte sie besitzen, für einen, diesen Moment. Ich schloss die Augen und genoss. Ich genoss die Menschlichkeit. Das Menschliche. Gelegentlich stockte ihr Atem, dann blickte mich ernst an.

„Ich verhüte nicht. Aber ich möchte, dass du mich fickst.“

Ich zog sie langsam aus. Erst ihr Apfelshirt, dann ihre Hose. Vor mir lag ein fahler Engel in weißen Leinen. Aus dem Rändern des rosèfarbenen Höschens spitze ihr Schamhaar. Ich küsste sie sanft auf den Mund. Dann ging ich ins Bad und holte ein Kondom aus meinem Kulturbeutel. Als ich zurückkam, war sie völlig nackt. Ich zog mich aus legte mich neben sie. Wir küssten und spielten kindisch mit unseren Lippen. Ich musste bei ihr nicht Mann sein, musste nicht den Dominanten spielen. Ich konnte ich sein. Geborgenheit. Sie nahm mich als Mensch, unvoreingenommen und bedingungslos. Ich zog mir vorsichtig das Kondom über und kam näher. Hana packte meinen Schwanz und führte ihn sich ein. Sie war durch und durch Feministin. Es war gut so. Nichts hätte mich mehr angemacht als diese selbstbewusste Frau. Sie hatte doch alles unter Kontrolle. Sie stöhnte leise. Ich gab den Takt vor, sie genoss den Beat. Dann stoppte sie und drehte sich. Ich nahm sie von hinten. Dann stoppte sie wieder.

„Wenn du willst, fick mich hart und pack meine Haare.“

„Nichts lieber als das.“

Ich stieß fester, nahm ihre Haare in einem Strang, wickelte ihn um meine Hand und zog daran. Ein lautes Stöhnen schepperte durch den Raum. Ich schlug auf ihren runden Hintern, er wurde rot. Ihr Kopf war nach hinten gelehnt, sie hatte die Augen geschlossen. Ekstase. Alles wurde schneller, sie war trocken, stoppte kurz, spuckte in ihre Hand und rieb es auf meinen Schwanz. Ich fühlte sie, sie war erfahren. Ich wurde schneller, dann kribbelte es in meinem unteren Bauch. Ich kam, meine Augen waren geschlossen, ein Feuerwerk eines Orgasmus‘. Mein Atem war laut und bariton. Sie griff meinen Hintern und drückte mich tief in sich. Ich spürte das Pulsieren in ihrem Unterleib. Wir waren verschmolzen. Sie zitterte, anschließend war sie ganz ruhig. Das war der sakralste Moment während des Geschlechtsverkehrs; ruhige Befriedigung, tiefe Verbindung, volle Hingabe. Ich löste mich von ihr, aus ihr und legte mich auf das Bett. Hana lag nun neben mir mit der Hand auf ihrem Herzen, die Augen geschlossen, ihr Atem war ruhig, gelegentlich durchfuhr sie ein Schauer der Befriedigung. Stumm lagen wir eine ganze Weile da und genossen die Nachgefühle.

„Was suchst du eigentlich?“

„Wieso sollte ich etwas suchen?“

„Ich sehe es einfach. Sag schon, was suchst du?“

„Am Tag den Mond, in der Nacht die Sonne.“

„Sei nicht so kompliziert!“

„Aber es ist nie einfach.“

„Wenn man so verkopft ist wie du!“

„Aber ich glaube, ich habe nun den richtigen Kurs eingenommen.“

„Wann?“

„Als du durch die Türe des McDonalds kamst und mich anlachtest.“

Sie lachte wieder. Dabei fühlte ich mich immer klein.

„Sei nicht naiv.“

Ich schwieg. War ich naiv? Womöglich hatte sie Recht, denn ich war nie nicht naiv. In meinem ganzen Leben zuckerte ich jeden Augenblick mit Naivität, alles musste süß sein. Problemen entging ich, indem ich mich mit Frauen ablenkte.

Ich blickte aus dem kleinen Fenster, Wolkenstaub hing in der Ferne und ich sah zwei Möwen durch die Luft segeln. Sie drehten Kreise um sich selbst. War das ein Spiel? Sie finden alles, was sie suchen, sie können fliegen. Jede Himmelsrichtung steht ihnen offen. Verdammt beklemmend zu wissen, dass etwas Einfaches wie Fliegen uns Menschen vorenthalten bleibt. Wir können Rechtschreiben, Reden, Rechnen, aber Fliegen und Loopings, das können wir nur mit Maschinen. Sind auf Dinge angewiesen, wie wir dauernd auf irgendwelche Dinge im Leben angewiesen sind. Immer auf andere und müssen uns verlassen, müssen etwas tun, müssen Vertrauen knüpfen, müssen unsere Biografien ändern, müssen Lieben. Und wenn das Unvorhergesehene eintritt, knüppelt es mit einem Vorschlaghammer die glänzende Fassade unserer zuckersüßen Existenz.

„Woran denkst du gerade?“

„Was wir am Abend essen werden.“

„Ach, manchmal bist du ein Quatschkopf.“

„Das wäre ich gerne öfter.“

„Bist du glücklich?“

„Was ist das für eine Frage? Glück ist ein Ideal, danach sollten wir unser ganzes Leben streben, weil wir es nie erreichen können. Aber ich würde sagen, dass ich gerade erfüllt bin. Manchmal ist man leer, dann ist man in wenigen Momenten erfüllt, da ist man dem Glück wohl sehr nah.“

„Da hast du irgendwie Recht. Aber versprich mir, öfter erfüllt zu sein, du gefällst mir so besser, als vor einem McDonalds-Kaffee sitzend.“

„Ich versuche es.“

„Ich mag deine Küsse.“

Sie drückte mit ihrem Daumen zärtlich auf meine Unterlippe. Ich spürte die Rillen ihres Fingerabdrucks. Hoffentlich bleibt er ewig dort, dachte ich mir. Morgen würde unsere Zweisamkeit ein Ende nehmen, dann werde ich wieder allein sein. Ich wurde traurig. Die Leere danach rückte näher. Oder wird etwas bleiben? Bleibe ich für kurze Zeit erfüllt? Fragen schwirrten umher. Ich mochte sie nicht beantworten, nicht jetzt mit diesem Mensch in meinen Armen.

Der Nachmittag zerging langsam wie eine Kerze in sommerlicher Hitze. Es war warm in diesem kleinen Motelzimmer. Mir fielen die vergilbten Wände auf. Die Farbe war wohl ein Relikt alter Zeiten, in denen noch überall geraucht wurde. Wir lagen nackt im Bett und redeten, als hätten wir seit Monaten nicht geredet. Manchmal gab mir Hana einen Kuss, dann gab ich ihr einen. Und dann begann sie zu erzählen, ihr geheimnisvolles Schloss zu öffnen. Sie stammte aus schwierigen Verhältnissen, die Mutter wäre Alkoholikerin und hätte eine multiple Persönlichkeitsstörung, der Stiefvater wäre machtlos und könnte nie etwas gegen die wilden Gefühlsausbrüche seiner Frau tun. Ihre fünf Geschwister stammten von drei Vätern, mit ihrem leiblichen Vater hätte sie selten Kontakt, irgendwie funktionierte es nicht zwischen beiden. Nach der Schule rannte sie davon, weg aus der Wüste Arizonas und ging nach L. A.. Dort modelte sie, trat einmal in einer Fernsehserie in einer kleinen Rolle auf. L. A. hätte sie schlecht behandelt, meinte sie, Männer hätten sie schlecht behandelt. In den letzten Monaten traf sie sich vermehrt mit Frauen, die wären nie brutal, die behandelten sie meistens gut. Sie fühlte sich wohl hier in Washington, hier im Grünen hätte sie Fuß gefasst. Ihr ginge es besser, viel besser.
Die Abendsonne flutete das Zimmer. Es roch nach Curry und Reis. Wir hatten Indisch bestellt aßen im Bett. Mittlerweile trugen wir wieder Unterwäsche. Die Portionen waren riesig, ich packte meine nicht und Hana aß den Rest. Wo ging das hin? Irgendwann schliefen wir vor Entspannung ein; mir ging es gut, aber morgen würde alles vorbei sein.

„Gute Nacht, du wundervoller Mensch.“

Sie kicherte.

„Gute Nacht, du Romantiker.“

Der Abschied näherte sich. Wir hatten ihn, als wir ins Auto stiegen, wie eine Lawine losgetreten, dann beschleunigte er sich langsam, seine Massen bewegten sich, überall polterte es; bis er im donnernden Gewitter ins Tal raste und als tonnenschwere, kalte Gefühlsmassen wider eine Felswand prallte, zum Stillstand kam und dann im wilden Schneestaubgetümmel verschwunden war; bis es sich nun klärte und in diesem Moment hier war – Abschied. Wir parkten am McDonalds und gingen zu ihrem Auto. Sie stand vor mir und lächelte mich an, wie sie mich die letzten zwei Tage anlächelte. Dann zog ich sie an mich, ich konnte nicht anders. Ich nahm einen letzten Zug von ihrem geheimnisvollen Duft, streichelte ein letztes Mal ihren Rücken und dann kam das Schwerste, was ich so fürchtete, der letzte Blick in ihre großen, tiefen Augen. Sie schaute mir in die Seele, ich wusste es. Dann zuckte ihr Mund, sie lachte, aber unterdrückte es. Sie wusste, dass der Abschied mir nicht leicht fiel. Sie ließ es. Sie wusste genau, mit solchen Situationen umzugehen. Hana war Profi.

Und als wir uns trennten, da fühlte ich endlich festen Boden unter meinen Füßen. Das Schiff Hana hat mich am Hafen des Festlands abgesetzt. Da sah ich nun die Welt außerhalb unserer Insel. Dieser kleinen Insel, auf der wir einen kleinen Traum bauten, die für ein paar Tage unser Paradies war. Ich war ein Schiffbrüchiger und sie holte mich zurück an Land, das merkte ich nun. Ich blickte lange auf den McDonald, dann ich stieg zurück in mein Auto und fuhr davon.

Ozkar Caminski
 
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24.03.2019
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Lieber Ozkar Caminski,

Ein Kaffee dampfte vor meinem Gesicht. Ich meinte, die sanften Wölkchen, die aus dem Becher stiegen, auf meinem Gesicht zu spüren. Er war untrinkbar. Es ist mir ein Rätsel. Selbst nach zehn Minuten in einem Pappbecher ist keine Annäherung an die Lippen möglich; er war zu heiß und ohnehin eine ungenießbare Plörre. Ich kaufte mir lediglich einen Kaffee nur des Geruchs wegen. Dieses starke, nussige Aroma, dieses feine Etwas, was in meiner Nase kribbelt und mit Wohlbehagen in meine Synapsen kriecht. Bei jedem Riecher, egal ob ich sitze oder Auto fahre, schließe ich für kurz oder lang die Augen und mache mir meine Welt mit dem Dunst einer Tasse Kaffee. Dieser Kaffee hatte etwas angenehm Fauliges. Dafür liebte ich jenes Fast-Food-Unternehmen, in keinem anderen Laden konnte ich diese Nuance riechen.

M.E. unlogisch: Woher weiß er, dass der Kaffee ungenießbar ist, wenn er nur daran riecht. In einem Satz beschreibt er das Aroma als etwas Fauliges, dann als starkes, nussiges Aroma, als dieses feine Etwas. Was denn nun?


In meinem Unterleib regte sich Sympathie.

Dieser Satz gefällt mir.
„Besser, jetzt wo du hier bist.“

Komma nach 'jetzt', oder?

Sie begann mir ihre liebsten Orte der Stadt aufzuzählen.

Ich warte darauf, dass sie sich hinsetzt. Sie läuft auf ihn zu, bleibt stehen, aber von Hinsetzen keine Rede. Also steht sie während des gesamten Dialogs?

Ich schwindelte einen Moment, dann standen wir vor dem Zimmer 209.

Eher wohl: Mir wurde schwindlig!

Eine grimassige Mine bildete sich im Spiegel.

Eine Bleistift- oder eine Bergwerkmine?

Böse alte Geschichten schwelen da noch in meinem Herzen und ich war derjenige, der das Feuer gelegt hatte.

Warum erst Präsens und dann Präteritum?

Ein Vakuum der Lust entstand, ein Raum der Hingabe.

Ein Vakuum der Lust????

„Deine Lippen verraten dich. Die verraten dich, das ist der Fixpunkt, der mir erlaubt in dich zu blicken. Weißt du, wenn ich mit Leuten rede, dann schaue ich ihnen am Liebsten auf die Lippen. Sie sind die einzigen Dinger auf diesem Planeten, mit denen man küssen kann. Küsse sind immer ehrlich. Die verraten mehr als ein tiefer Blick in die Augen.“

Das klingt, asl würde er jedem, den er begegnet, einen Kuss auf die Lippen drücken, um zu erfahren, ob sie oder er es ehrlich mit ihm meint. Unfreiwillige Komik!

Ihre Lippen am Nachmittag, während sie schlief. Das hört sich bestimmt eigenartig an.“

Leider ja!

„Ich gehe Duschen und dann brauche ich Frühstück. Ich verhungere!“

duschen (klein geschrieben)

Als sie Dusche abstellte und sich, noch immer ein Streichkonzert summend, im Bad zu schaffen machte, studierte ich die Frühstückskarte. Sie war reichlich.

Die Frühstückskarte war reichlich? Bedeutet?

Die Cocktailkirsche packte sie grob mir drei Fingern; Sahne klebte nun an ihren Fingerspitzen.

mit drei Fingern

Was hier geschah, war eine oszillierender Seiltanz des Küssens zwischen Himmel und Hölle.

LOL

Ich löste meine Hand von ihrer und begann ihre Konturen mit meinem Zeigefinger nachzufahren.

Ungelenk formuliert.

Aus dem Rändern des rosèfarbenen Höschens spitze ihr Schamhaar.

Bitte was?

Ich fühlte sie, sie war Erfahren, das konnte ich meiner Erfahrung entnehmen.

Noch so ein Satz!

„Ich sehe es einfach. Sag schon, was suchst du?“

„Am Tag den Mond, in der Nacht die Sonne.“

Das wiederum gefällt mir.

Sie lachte wieder einmal, wie sooft zuvor auf.

Ungelenk!

Morgen würde unsere Zweisamkeit ein Ende nehmen, dann werde ich wieder allein sein.

dann würde ich wieder allein sein

Der Nachmittag zerging langsamen wie eine Kerze in sommerlicher Hitze.

langsam

Sie stammte aus schwierigen Verhältnissen, die Mutter war Alkoholikerin und habe eine multiple Persönlichkeitsstörung, der Stiefvater war machtlos und konnte nie etwas gegen die wilden Gefühlsausbrüche seiner Frau tun.

Konjunktiv und Indikativ existieren problemlos nebeneinander her.

Ich sei anders, in behandele sie gut.

Bitte was?


Tja, insgesamt ein sprachlich sehr unsauberer Text, der von intersssanten Formulierungen durchsetzt ist, manchmal aber auch unfreiwillig komisch daher kommt. Ich habe ihn trotz oder wegen der bizarren Sprache gar nicht mal ungerne gelesen, aber insgesamt geht der Daumen nach unten. Die Beziehung der beiden, die finde ich auch nicht uninteressant, aber die Sprache steht dem Inhalt so sehr im Weg, dass ich das Gefühl hatte, einem sprachlichen Unfall beizuwohnen, der mich auf sonderbare Weise fasziniert.

LG,

HL
 
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06.10.2019
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2
Lieber Ozkar Caminski,

Ein Kaffee dampfte vor meinem Gesicht. Ich meinte, die sanften Wölkchen, die aus dem Becher stiegen, auf meinem Gesicht zu spüren. Er war untrinkbar. Es ist mir ein Rätsel. Selbst nach zehn Minuten in einem Pappbecher ist keine Annäherung an die Lippen möglich; er war zu heiß und ohnehin eine ungenießbare Plörre. Ich kaufte mir lediglich einen Kaffee nur des Geruchs wegen. Dieses starke, nussige Aroma, dieses feine Etwas, was in meiner Nase kribbelt und mit Wohlbehagen in meine Synapsen kriecht. Bei jedem Riecher, egal ob ich sitze oder Auto fahre, schließe ich für kurz oder lang die Augen und mache mir meine Welt mit dem Dunst einer Tasse Kaffee. Dieser Kaffee hatte etwas angenehm Fauliges. Dafür liebte ich jenes Fast-Food-Unternehmen, in keinem anderen Laden konnte ich diese Nuance riechen.

M.E. unlogisch: Woher weiß er, dass der Kaffee ungenießbar ist, wenn er nur daran riecht. In einem Satz beschreibt er das Aroma als etwas Fauliges, dann als starkes, nussiges Aroma, als dieses feine Etwas. Was denn nun?


In meinem Unterleib regte sich Sympathie.

Dieser Satz gefällt mir.
„Besser, jetzt wo du hier bist.“

Komma nach 'jetzt', oder?

Sie begann mir ihre liebsten Orte der Stadt aufzuzählen.

Ich warte darauf, dass sie sich hinsetzt. Sie läuft auf ihn zu, bleibt stehen, aber von Hinsetzen keine Rede. Also steht sie während des gesamten Dialogs?

Ich schwindelte einen Moment, dann standen wir vor dem Zimmer 209.

Eher wohl: Mir wurde schwindlig!

Eine grimassige Mine bildete sich im Spiegel.

Eine Bleistift- oder eine Bergwerkmine?

Böse alte Geschichten schwelen da noch in meinem Herzen und ich war derjenige, der das Feuer gelegt hatte.

Warum erst Präsens und dann Präteritum?

Ein Vakuum der Lust entstand, ein Raum der Hingabe.

Ein Vakuum der Lust????

„Deine Lippen verraten dich. Die verraten dich, das ist der Fixpunkt, der mir erlaubt in dich zu blicken. Weißt du, wenn ich mit Leuten rede, dann schaue ich ihnen am Liebsten auf die Lippen. Sie sind die einzigen Dinger auf diesem Planeten, mit denen man küssen kann. Küsse sind immer ehrlich. Die verraten mehr als ein tiefer Blick in die Augen.“

Das klingt, asl würde er jedem, den er begegnet, einen Kuss auf die Lippen drücken, um zu erfahren, ob sie oder er es ehrlich mit ihm meint. Unfreiwillige Komik!

Ihre Lippen am Nachmittag, während sie schlief. Das hört sich bestimmt eigenartig an.“

Leider ja!

„Ich gehe Duschen und dann brauche ich Frühstück. Ich verhungere!“

duschen (klein geschrieben)

Als sie Dusche abstellte und sich, noch immer ein Streichkonzert summend, im Bad zu schaffen machte, studierte ich die Frühstückskarte. Sie war reichlich.

Die Frühstückskarte war reichlich? Bedeutet?

Die Cocktailkirsche packte sie grob mir drei Fingern; Sahne klebte nun an ihren Fingerspitzen.

mit drei Fingern

Was hier geschah, war eine oszillierender Seiltanz des Küssens zwischen Himmel und Hölle.

LOL

Ich löste meine Hand von ihrer und begann ihre Konturen mit meinem Zeigefinger nachzufahren.

Ungelenk formuliert.

Aus dem Rändern des rosèfarbenen Höschens spitze ihr Schamhaar.

Bitte was?

Ich fühlte sie, sie war Erfahren, das konnte ich meiner Erfahrung entnehmen.

Noch so ein Satz!

„Ich sehe es einfach. Sag schon, was suchst du?“

„Am Tag den Mond, in der Nacht die Sonne.“

Das wiederum gefällt mir.

Sie lachte wieder einmal, wie sooft zuvor auf.

Ungelenk!

Morgen würde unsere Zweisamkeit ein Ende nehmen, dann werde ich wieder allein sein.

dann würde ich wieder allein sein

Der Nachmittag zerging langsamen wie eine Kerze in sommerlicher Hitze.

langsam

Sie stammte aus schwierigen Verhältnissen, die Mutter war Alkoholikerin und habe eine multiple Persönlichkeitsstörung, der Stiefvater war machtlos und konnte nie etwas gegen die wilden Gefühlsausbrüche seiner Frau tun.

Konjunktiv und Indikativ existieren problemlos nebeneinander her.

Ich sei anders, in behandele sie gut.

Bitte was?


Tja, insgesamt ein sprachlich sehr unsauberer Text, der von intersssanten Formulierungen durchsetzt ist, manchmal aber auch unfreiwillig komisch daher kommt. Ich habe ihn trotz oder wegen der bizarren Sprache gar nicht mal ungerne gelesen, aber insgesamt geht der Daumen nach unten. Die Beziehung der beiden, die finde ich auch nicht uninteressant, aber die Sprache steht dem Inhalt so sehr im Weg, dass ich das Gefühl hatte, einem sprachlichen Unfall beizuwohnen, der mich auf sonderbare Weise fasziniert.

LG,

HL

Herr Lehrer,

ich danke für das Verarzten meiner philologischen Blutgrätschen!

Bin nochmal über den Text gegangen, habe korrigiert und angeglichen und hoffe, dass der nächste Leser nicht regelmäßig aufstoßen muss.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit dafür genommen haben!

Beste Grüße
OzCa
 

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