Unterdurchschnittlichkeitsprinzip
Keiner hat mich lieb. Ich gehe spazieren, doch nicht zu weit weg von zu Hause. Aber eigentlich weiß ich auch gar nicht mehr was das bedeutet, zu Hause.
Schändlich mahnen die Krähen bei ihrem abendlichen Gesang: Ihnen missfällt der Eingangssatz. Wer das lesen solle, krächzen sie. Wüsste ich mehr über die Natur und ihre Bewohner, so ließe sich erahnen, welche Jahreszeit ansteht. Ich weiß nur: Die Blätter tragen Äste, doch die haben sie ja immer. Wobei man sich ja bei so vielem nicht mehr sicher sein kann…
Das Bier kostet 2,20. Es ist Donnerstag, weil das Bier sonst mehr kosten würde. Viele Leute sind nicht in der Kneipe, die üblichen Verdächtigen eben. Ich spreche mit niemandem. Carlos der Kellner versucht es kurz, aber er sieht wohl, wie ich die Bierlache vor mir auf dem Tresen anstarre und mich hypnotisch in den dämlichen Wandschmuck vertiefe, der aus schwarz-weißen Aufnahmen verstorbener Hollywood-Klassiker besteht.
Auf dem Heimweg, den ich gar nicht kennen dürfte, bietet mir ein Mann etwas an. Ich zögere nicht, schmeiß es ein und befinde mich auf einem Drogentrip. Alles wird bunt, die orange Plastikattitüde von Bürgersteig brummt wie ein Bär. Ich wache auf. Ein Mann – ein anderer – bittet mich um Hilfe. Angeblich – so sagt er – hätte ich schon für seinen Verlag publiziert. Er sei ein Medientycoon, der Verlag nur einer von vielen, das Verlagswesen nur eine seiner Branchen. Seine Leute hätten eine Nachricht aus dem All empfangen, deren prosaische Schreibweise lyrischen Feinschliff benötigen würde. Ich lese den Eingangssatz erneut, flektiere ein Wort. Doch darum ginge es nun wirklich nicht, sagt der Tycoon. Die Bedeutung sei am wichtigsten, und das sei eigentlich immer so. Alles hinge an der Bedeutung, und nun hinge ich mit. Zeichen wollen qualifiziert sein. Und alle Experten brächten nichts, da sie nicht die Phantasie eines Science-Fiction-Autors besitzen. So nennen sie mich also.
Ich frage nach der Nachricht, doch die möchte er mir nicht offenbaren, bevor ich sein Angebot nicht angenommen hätte. In der Luft liegt der zartminzige Geschmack eines Knebelvertrages. Mein Geruchssinn funktioniert. Ich lehne ab.
Dann mache ich noch ein Schläfchen auf einer Bank. Das große Neon C leuchtet zu stark, daher fahre ich mit dem Aufzug wieder herunter. Am Schalter ziehe ich Geld und werfe es in den Tümpel vor meinen Füßen. Die Zeit drängt. Ich werde Mitglied einer Partei, schließe Kontakte und Kompromisse, mache auf mich aufmerksam, werde älter, bin zur richtigem Zeit am richtigen Ort und werde nominiert. Der realistische Listenplatz verschafft mir ein Amt. Die Zeit vergeht, ich werde älter, meine Vorschläge poppiger. Man will mich im Landtag, da ich so jung bin. Das mache sich gut. Nun verdiene ich Geld.
Dann erfolgt der Tipp-Off. Dirk Nowitzki macht 20 Punkte und 8 Rebounds: unterdurchschnittlich.

