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Unterdurchschnittlichkeitsprinzip

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01.05.2002
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Unterdurchschnittlichkeitsprinzip

Keiner hat mich lieb. Ich gehe spazieren, doch nicht zu weit weg von zu Hause. Aber eigentlich weiß ich auch gar nicht mehr was das bedeutet, zu Hause.

Schändlich mahnen die Krähen bei ihrem abendlichen Gesang: Ihnen missfällt der Eingangssatz. Wer das lesen solle, krächzen sie. Wüsste ich mehr über die Natur und ihre Bewohner, so ließe sich erahnen, welche Jahreszeit ansteht. Ich weiß nur: Die Blätter tragen Äste, doch die haben sie ja immer. Wobei man sich ja bei so vielem nicht mehr sicher sein kann…

Das Bier kostet 2,20. Es ist Donnerstag, weil das Bier sonst mehr kosten würde. Viele Leute sind nicht in der Kneipe, die üblichen Verdächtigen eben. Ich spreche mit niemandem. Carlos der Kellner versucht es kurz, aber er sieht wohl, wie ich die Bierlache vor mir auf dem Tresen anstarre und mich hypnotisch in den dämlichen Wandschmuck vertiefe, der aus schwarz-weißen Aufnahmen verstorbener Hollywood-Klassiker besteht.

Auf dem Heimweg, den ich gar nicht kennen dürfte, bietet mir ein Mann etwas an. Ich zögere nicht, schmeiß es ein und befinde mich auf einem Drogentrip. Alles wird bunt, die orange Plastikattitüde von Bürgersteig brummt wie ein Bär. Ich wache auf. Ein Mann – ein anderer – bittet mich um Hilfe. Angeblich – so sagt er – hätte ich schon für seinen Verlag publiziert. Er sei ein Medientycoon, der Verlag nur einer von vielen, das Verlagswesen nur eine seiner Branchen. Seine Leute hätten eine Nachricht aus dem All empfangen, deren prosaische Schreibweise lyrischen Feinschliff benötigen würde. Ich lese den Eingangssatz erneut, flektiere ein Wort. Doch darum ginge es nun wirklich nicht, sagt der Tycoon. Die Bedeutung sei am wichtigsten, und das sei eigentlich immer so. Alles hinge an der Bedeutung, und nun hinge ich mit. Zeichen wollen qualifiziert sein. Und alle Experten brächten nichts, da sie nicht die Phantasie eines Science-Fiction-Autors besitzen. So nennen sie mich also.

Ich frage nach der Nachricht, doch die möchte er mir nicht offenbaren, bevor ich sein Angebot nicht angenommen hätte. In der Luft liegt der zartminzige Geschmack eines Knebelvertrages. Mein Geruchssinn funktioniert. Ich lehne ab.

Dann mache ich noch ein Schläfchen auf einer Bank. Das große Neon C leuchtet zu stark, daher fahre ich mit dem Aufzug wieder herunter. Am Schalter ziehe ich Geld und werfe es in den Tümpel vor meinen Füßen. Die Zeit drängt. Ich werde Mitglied einer Partei, schließe Kontakte und Kompromisse, mache auf mich aufmerksam, werde älter, bin zur richtigem Zeit am richtigen Ort und werde nominiert. Der realistische Listenplatz verschafft mir ein Amt. Die Zeit vergeht, ich werde älter, meine Vorschläge poppiger. Man will mich im Landtag, da ich so jung bin. Das mache sich gut. Nun verdiene ich Geld.

Dann erfolgt der Tipp-Off. Dirk Nowitzki macht 20 Punkte und 8 Rebounds: unterdurchschnittlich.

 

Hi hoEyo

im Gegensatz zum "wundersamen Berg" gefällt mir diese Geschichte tausendmal besser. Sie ist in der Tat ein wenig seltsam, der Witz ist aber nicht ganz so giftig, so dass ich eher bereit bin mitzuschmunzeln:

Dann mache ich noch ein Schläfchen auf einer Bank. Das große Neon C leuchtet zu stark, daher fahre ich mit dem Aufzug wieder herunter.
Hat doch was. Eine wunderschöne Verknüpfung zweier Sätze, die die ganze Mehrdeutigkeit der Realität bloßlegt und mit den gängigen Klischees bricht. Passt wunderbar zum Grundton der Geschichte.

Während die Geschichte lange Zeit so still von einer Situation zur nächsten plätschert, gerät sie bei der Parteien-Episode dann in den Zeitraffer. War das Absicht, dass du das Tempo so abrupt änderst? Und warum? Hast du einfach nur versucht, so eine Parteien-Karriere in deine Sammlung der Unterdurchschnittlichkeiten einzubauen? Das hättest du auch erreicht, wenn du die Begegnung mit einem Funktionär geschildert hättest. Die vier Zeilen waren mir zu rasant.

Aber vielleicht habe ich da etwas nicht mitbekommen. Auch den Nowitzki-Kommentar habe ich nicht wirklich verstanden. Liegt wohl daran, dass mir Basketball vollkommen schnuppe ist. Nowitzkis Ruf scheint mir nicht gerade "unterdurchschnittlich" zu sein. Aber was heißt das für die Story? Dass all die kleinen Unterdurchschnittlichkeiten nun einmal zu einer großen Lichtgestalt dazu gehören? Würde ein neues Blick auf den Verfasser werfen. :)

Gruß,
Ennka

 

Hiho hoEyo!

Sprachlich ohne Fehler. Die Gedankengänge und allzu häufig auch -sprünge, die hier vorgeführt werden, sind überwiegend interessant, mitunter bemerkenswert. Und da die Geschichte kurz ist, ist sie nicht nur erträglich, sondern sogar unterhaltsam. Sie hat mir gut gefallen.
Allerdings: Sich so ganz ohne - für mich erkennbaren - roten Faden durchzuschlagen ist's auf Dauer nicht und wird bei mir auch nie mehr als einfaches "Gefallen" auslösen - obwohl bei deinen sprachlichen Fähigkeiten und der gezeigten geistigen Wendigkeit sicher viel mehr drin wäre.
Ich schau mal, ob ich hier noch was Konsistenteres von dir finde...


Gruß,
Abdul

 

Danke fürs Lesen und die beiden Kritiken.

@Ennka: Ich möchte mich hier relativ kurz halten und auf den Feldern des "wundersamen Berges" einige Anmerkungen beackern. ;)
Danke für das Lob und die interessante Interpretation. Der Bruch vom langsamen Erzählstil zur extremen Raffung findet nach dem Satz "Die Zeit drängt" statt. Das heimatlose lyrische Ich bemerkt seine kaum vorhandene Bindung zu den Dingen seiner Umgebung. Er will seinem Leben nun einen gewissen Drall verleihen, auch daran teilhaben. Ich hoffe es schimmert hervor, dass ihm dies nicht besonders gut gelingen mag. Daher auch der kryptische Abgang mit Dirk Nowitzki. Dieser ist zwar hoch erfolgreich; aber in dem besagten Spiel bleibt er unter seinen Erwartungen. 20/8 sind ziemlich wenig für das Germand Wunderkind. ;)

@Abdul: Danke für die Blumen, die trotz des nicht erkennbaren roten Fadens blühen. Dass das kein dauerhaftes System sein kann, ist mir bewusst: aber es hat großen Spaß gemacht. ;) Beim Durchlesen meiner alten Kurzgeschichten, deren Veröffentlichungsdatum du hoffentlich bemerkt hast, fand ich mehr Konsistenz. Aber zu welchen qualitativen Kosten? Ich würde gegenwärtig nicht tauschen wollen, möchte deinen Rat aber dennoch berücksichtigen.

 

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