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Vergangenheit im inneren Monolog eines Präsens-Textes?

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23.10.2018
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Vergangenheit im inneren Monolog eines Präsens-Textes?

Hallo zusammen,

zunächst mal hoffe ich, dass ich mit meiner quasi Grammatikfrage das richtige Unterforum getroffen habe.
Ich schreibe zur Zeit an einem Text aus Sicht eines Ich-Erzählers im Präsens und bin mittelmäßig überfordert. :( Wenn ich aus der Beschreibung des aktuellen Geschehens in den innere Monolog komme, fühlt es sich wahnsinnig holprig an, da im Präsens weiter zu schreiben. Es fühlt sich dagegen sehr natürlich an, dort in die Vergangenheit zu wechseln, obwohl ich mir dieses "Gefühl" nicht wirklich erklären kann. Mache ich was falsch? Oder gerade nicht? Eine Online-Suche war leider bisher erfolglos und meine Schreibratgeber schweigen zu diesem speziellen Thema auch. Wäre super, wenn ihr ein bisschen Licht ins Dunkel bringen könntet! :)

Hier mal ein Beispielauszug:
Judy steht am Strand und hält ihre Hand gegen die Sonne. In ihren Fingern steckt etwas, das ich nicht erkennen kann, es hat ihre volle Aufmerksamkeit. Ihr verträumter Blick klebt an diesem Ding und es scheint, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Das finde ich merkwürdig. Judys Welt war normalerweise laut und schrill. Dieser Moment war anders. Meer und Strand interessieren sie nicht, alles was zählt, glänzt dort im Sonnenlicht. Wellen schwappen gegen ihre Gummistiefel, feuchte Haarsträhnen wehen ihr ins Gesicht und sie wirft einen langen Schatten auf den Sand, als wäre sie eine Schaufensterpuppe. Wie war das möglich? Vor ein paar Minuten hüpfte sie noch herum, sprach mit den Vögeln oder machte sonst irgendeinen Mist. Wenn man einen Tag mit Judy verbrachte, hatte man keine ruhige Minute.
 
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28.12.2009
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Judys Welt war normalerweise laut und schrill. Dieser Moment war anders.
Warum wechselst du hier in die Vergangenheit. Ihre Welt ist doch immer noch anders, nur jetzt, IN DIESEM MOMENT, verändert sich etwas für ihn.

Wenn man einen Tag mit Judy verbrachte, hatte man keine ruhige Minute.
Auch hier. Klingt wie in einem Nachruf, als sei sie schon tot. Wenn man einen Tag mit Judy verbringt, hat man keine ruhige Minute.

Das Problem mit dem Ich-Erzähler im Präsens ist ja viel eher, wie man das Gegenwärtige erzählt. Das ist auch ein Perspektivenproblem. Denn wem erzählt er das, was gerade geschieht? Sich selbst? Das ist ja so eine Sache, auch wie reflektiert das Erzählen ist, das müsste man ja alles aktuell bewältigen, das scheint schier unmöglich. Gegenwärtiges Erzählen ist doch eher bruchstückhaft, assoziativ, wie ein Gedankenstrom a la Joyce oder ähnlichen Kalibern, nicht so geordnet und komponiert.
 
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16.04.2016
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Hallo @Chris Memento

üblicherweise wechselt man aus der Präsensform bei Rückblicken in den Perfekt, äquivalent zum Wechsel von Präteritum zum Plusquamperfekt. Dann sollte es passen.
Grundsätzlich fühlt sich Präsensform immer gestelzt an, weil es nicht der natürlichen Erzählform entspricht, sondern einer artifiziellen Mode.

Gruß
Kellerkind
 
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Grundsätzlich fühlt sich Präsensform immer gestelzt an, weil es nicht der natürlichen Erzählform entspricht, sondern eine artifizielle Mode.
Bei so kategorischen Aussagen wäre ich immer vorsichtig. Carver und Konsorten haben seit den späten 1970ern viel im Präsens geschrieben, und da klingt nichts gestelzt.
 
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Vielen Dank schon mal für die Antworten. Ich glaube, mein Problem ist auch, zu erkennen, wann überhaupt ein echter innerer Monolog anfängt. :lol:
 
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17.06.2018
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Hey @Chris Memento,

eigentlich ganz interessante Frage, die du aufwirfst. Da möchte ich doch glatt meinen Senf dazugeben, einfach, weil ich momentan selbst mit diesen Dinge experimentiere.

Vor ein paar Minuten hüpfte sie noch herum, sprach mit den Vögeln oder machte sonst irgendeinen Mist. Wenn man einen Tag mit Judy verbrachte, hatte man keine ruhige Minute.
Zuerst mal zu dem: Das hüpfte passt – wenn du willst, dass dein Erzähler Vergangenes im Präteritum erzählt. Ich würde mir da aber schon auch Gedanken darüber machen, ob der Erzähler, wenn er mit Figuren über Vergangenes spricht, ebenfalls das Präteritum benutzt. In der direkten Rede kann ein Präteritum nämlich merkwürdig wirken bzw. deine Figur zwangsläufig charakterisieren. Kein "normaler" Mensch spricht im Präteritum. Wenn aber direkte und erzählende Rede an diesem Punkt auseinander klaffen, kann es sein, dass die Erzählfigur ihre Stimme verliert bzw. fremdartig wirkt.
Ab Wenn man einen Tag ... passt das Präteritum nicht mehr. In einer Erzählung verwendet man das Epische Präteritum ja auch bei allgemein gültigen Aussagen. Wenn du dich also für – sozusagen – das "Epische Präsens" entscheidest, musst du auch die allgemein gültigen Aussagen im Präsens schreiben.

Ich denke, das Gefühl, das du beschreibst, dass das ins Präteritum gesetzt gehört, kommt einfach daher, weil man es gewohnt ist, Innenansichten bzw. allgemein erzählende Texte im Präteritum zu schreiben. Mir geht es ähnlich, nur, dass es bei mir kein Gefühl ist, sondern ich von einem Satz zum nächsten einfach plötzlich ins Präteritum falle und dann viel später merke, dass ich gerade im Präteritum schreibe :D Man muss sich einfach umgewöhnen, das dauert seine Zeit.
Und was die Vergangenheitsformen angeht: Da kannst du dich tatsächlich auch spielen. Ich habe unlängst einen Text in der dritten Person Präsens geschrieben und das Perfekt perfektiv verwendet und das Präteritum imperfektiv. Das geht zwar gegen jede grammatikalische Vorgabe, aber es ist interessant, was herausgekommen ist.
Am Ende ist ja die Frage, welches Gefühl möchtest du dem Leser vermitteln? Eine Ich-Erzählung im Präsens ist natürlich insofern "gefährlich" als dass die Leserin praktisch keine Distanz zur Erzählfigur hat und man sich dadurch viel mehr mit ihr identifiziert. Wenn die Erzählfigur jetzt diametral unterschiedlich zum Leser ist, kann es sein, dass er abgeschreckt wird. Mehr als dann, wenn es sich um eine Er-Erzählung im Präteritum handelt, weil ja da die Distanz wesentlich größer ist.

So ich bin jetzt ein bisschen vom Hundertsten ins Tausendste geschlittert. Aber ich hoffe, es war ein sinnvoller Gedanke für dich dabei :D

Liebe Grüße,
Alveus

Edit: Dazu vielleicht noch was

Vielen Dank schon mal für die Antworten. Ich glaube, mein Problem ist auch, zu erkennen, wann überhaupt ein echter innerer Monolog anfängt. :lol:
Ich würde jetzt mal sagen, der innere Monolog ist dasselbe wie die Ich-Erzählung – sprich, er ist überall dort, wo keine direkte Rede steht.
 
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16.04.2016
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@Chris Memento

es ist ohne Belang, ob es sich um einen inneren Monolog handelt. Entscheidend ist die jeweilige Zeitebene auf der der sich der Text bewegt. Wenn Du den Präsens formal richtig anwenden willst, dann ersetzt Du konsequent die übliche Präteritum mit Präsens und das übliche Plusquam mit dem Perfekt. Am Beispiel:
Judys Welt war ist normalerweise laut und schrill. Dieser Moment war ist anders.
Wie war ist das möglich? Vor ein paar Minuten hüpfte ist sie noch herum herumgehüpft, sprach hat mit den Vögeln gesprochen oder machte sonst irgendeinen Mist gemacht. Wenn man einen Tag mit Judy verbrachte, hatte verbringt, hat man keine ruhige Minute.
Wenn das gegen Dein intuitives Gefühl verstößt, solltest Du hinterfragen, warum Du das im Präsens schreiben willst.

Gruß
Kellerkind
 
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07.04.2016
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Hallo @Chris Memento,

ich sehe keinen Grund für Zeitenwechsel bei inneren Monologen und betrachte diese sogar als Fehler. Den Aussagen von @jimmysalaryman und @Kellerkind stimme ich zu.

Ich habe hier vor einigen Jahren eine Geschichte im Präsens mit einem Ich-Erzähler veröffentlicht. Mein Ziel war es, den Leser möglichst eng mit dem Erzähler zu verknüpfen. Die Situation sollte nicht erzählt wirken, sondern unmittelbar erlebt. Ich-Erzähler, Präsens ... unmittelbarer geht es ja gar nicht; der Leser wird zum Erzähler. Das dachte ich jedenfalls.

Heute würde ich diese Form definitiv nicht mehr wählen. Entweder schreibt man ungefiltert so, wie gedacht wird - das liest sich aber sperrig, abgehackt und plump. Beispiel: "Ich gehe in den Tunnel. Es ist dunkel. Ich habe Angst." Klar, man denkt so. Aber will man so einen Text lesen?

Oder man bereitet den Text auf, verbindet die Sätze, dann ist es im Idealfall leserlich, aber ein künstliches Konstrukt.
Beispiel: "Vorsichtig betrete ich den scheinbar endlosen Tunnel. Mit jedem Schritt ninmt mich die Dunkelheit ein, mit jedem Schritt verliere ich einen weiteren Schweißtropfen."
So denkt niemand. So schreibt man vielleicht im Nachhinein, wenn man das Geschehen verarbeitet hat. Dann ergibt die gewählte Zeitform aber keinen Sinn.

Sicherlich gibt es Autoren, die dafür eine Lösung gefunden haben, aber ich habe nicht vor, mich nochmal diesem volkommen überflüssigen Problem auszusetzen. Deshalb kann ich die Form auch nicht empfehlen.

Falls es jemanden interessiert, hier der Link zur Geschichte: Die Wasserrutsche

Viele Grüße,

Ephraim
 
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28.12.2009
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A Failing Grade for the Present Tense

William H. Gass spricht sich hier mit vielen, sehr guten Argumenten gegen die Verwendung des Präsens aus. Es war wohl so, dass Anfang der 80er sehr viele junge Autoren in den U.S.A den Präsens benutzt haben, vorwiegend in der short story. Er bemängelt hier nicht den Präsens im Allgemeinen, sondern lobt sogar ausdrücklich den thick present tense der klassischen Autoren, als ein sehr mit Bedacht gewähltes literatisches Stilmittel. Er spricht sich eher gegen die, damals modernen, Minimalisten aus, er nennt auch Namen wie Carver, Barthelme, Wolff - da wäre eben alles thin.
In einem anderen Interview sagt er, sinngemäß: Wenn alles nur in der Gegenwart passiert, hat nichts die Möglichkeit je zu sterben. Klingt etwas geschwollen (und trifft auch nicht immer zu), aber man kann ja mal drüber nachdenken.

Ich verwende den Präsens irgendwie automatisch bei einigen Texten. Es ist dann immer ein sehr zurückgenommener, reduzierter Ton, nebensächlich im besten Sinne, unaufdringlich. Manchmal rutsche ich auch bewusst aus der Vergangenheit bei einigen Szenen in den Präsens, um den Rhythmus zu verändern, das Tempo und die Intensität zu erhöhen, weil der Leser dann, in diesen Momenten der Geschichte, auch tatsächlich sehr nah an der gedanklichen Welt des Protagonisten ist, er springt mit ihm in sein Gedächtnis, erlebt es nach, als würde es jetzt passieren. Das funktioniert halt so gut, wie der Autor imstande ist, die Tempi als Effekt einzusetzen.
 
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26.12.2014
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Hi Chris,

Wenn ich aus der Beschreibung des aktuellen Geschehens in den innere Monolog komme
An welcher Stelle glaubst du denn, in den inneren Monolog zu kommen? Ich tue mich schwer, im Beispielauszug überhaupt einen inneren Monolog zu entdecken.

Liebe Grüße
Manlio
 
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"Yes because he never did a thing like that before as ask to get his breakfast in bed with a couple of eggs since the City Arms hotel when he used to be pretending to be laid up with a sick voice doing his highness to make himself interesting for that old faggot Mrs Riordan that he thought he had a great leg of and she never left us a farthing all for masses for herself and her soul greatest miser ever was actually afraid to lay out 4d for her methylated spirit telling me all her ailments she had too much old chat in her ...." (a song of yoyce)

Nur ganz kurz, nicht nur mein Magen knurrt mich schon an,

lieber Chris Memento,

warum, magstu Dich fragen, stellt der den Anfang des 18. Kapitels des Ullysses ein?

Aber denkstu, wenn Du denkst, in grammatischen Kategorien? Doch erst, wenn Du's aussprichst.

So weit sie nicht eingebrannt sind, sicherlich nicht. Da wirds lustig durcheinander zugehn wie im 18. Kapitel des Ulysses, ohne Punkt und Komma, Apostrophe wären Katastrophen. Und ob Du in der Vergangenheit herumwühlst oder gegenwärtig erlebst, Jacke wie Hose.

Oder in welcher Weise träumstu?
Selbst Dinosaurier können drin aufteten, sind dann gegenwärtig und es ist wurscht, dass Du genau gerade eben das unmöglich Erscheinende erlebst.

Das Problem ist allein die Schriftform - und über nix anderes sprechen wir hier, und da entscheidet allein der Autor, wie er den Monologisierenden agieren lässt und kein Dr. Allwissend oder Duden kann Dir dabei helfen. Authentisch wäre alles nicht ...

Tschüss, sonst werd ich gleich gefressen ...

Friedel
 
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28.10.2017
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Hallo Chris.

Friedrichard spricht sie an, die Form. Press die Worte hinein, stell ein wenig was um, streich Kleinigkeiten, bis es passt. Mit deinen Worten:

Judy steht am Strand und hält ihre Hand gegen die Sonne. In ihren Fingern steckt etwas, das ich nicht erkennen kann, es hat ihre volle Aufmerksamkeit. Ihr verträumter Blick klebt an diesem Ding und es scheint, als gibt es nichts anderes auf der Welt. Vor ein paar Minuten hüpfte sie noch herum, sprach mit den Vögeln oder machte sonst irgendeinen Mist. Judys Welt ist normalerweise laut und schrill aber dieser Moment ist anders. Meer und Strand interessieren sie nicht, alles was zählt, glänzt dort im Sonnenlicht. Wellen schwappen gegen ihre Gummistiefel, feuchte Haarsträhnen wehen ihr ins Gesicht und sie wirft einen langen Schatten auf den Sand, als ob sie eine Schaufensterpuppe ist.


Übrig bleiben und ersatzlos gestrichen werden können:

Wenn man einen Tag mit Judy verbrachte, hatte man keine ruhige Minute.

Das finde ich merkwürdig.

Wie war das möglich?


Letzteren zwei beiden ähnelnde, nichtsbeinhaltende Kurzaussage- oder Fragesätze solltest du dir grundsätzlich verkneifen. Zeitenwechsel, zu welchem Zweck auch immer, lieber sparsam einsetzen, besser Alternativen finden. Ersterer Satz (Wenn man einen Tag ...) ergibt sich aus dem Resttext.

Gruß Analog

PS: Was steckt da eigentlich in ihrer Hand? Holzsplitter, Kartoffelschäler, Vollmantelgeschoss?
 
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23.10.2018
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Wow, ich bin überwältigt von den Antworten. Das muss ich erst mal verarbeiten. :)

@Analog
In ihrer Hand steckt ein essbarer Stein. Es ist eine etwas übernatürlich angehauchte Geschichte, in der sich nach und nach Dinge als wahr herausstellen, die Judy (die geistig etwas zurückgeblieben ist) so vor sich hin erzählt, die ihr aber niemand glaubt, weil sie nicht der Realität, bzw. unserem Alltag entsprechen (wie z. B. Steine, die man essen kann).
 
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Grundsätzlich fühlt sich Präsensform immer gestelzt an, weil es nicht der natürlichen Erzählform entspricht, sondern einer artifiziellen Mode.
"Mode", so ein Unsinn. Gute Präsenstexte gibt es seit über hundert Jahren ("Leutnant Gustl", "Im Westen nichts Neues" etc.) und keiner von denen liest sich gestelzt, im Gegenteil.

Können muss man es natürlich schon, das Schreiben im Präsens, weshalb Anfänger meiner Meinung nach lieber nur im Präteritum schreiben sollten. Man sieht es ja sehr schön beim obigen Beispieltext: Der fängt im Präsens an und rutscht an den unsinnigsten Stellen ins Präteritum ab. Sieht man bei Anfängern andauernd. Dann besser gleich alles in der Mitvergangenheit.

Wenn es dennoch sein muss: Präsens plus Perfekt ist richtig, da habt ihr schon recht. Grund: Eine Perfekt-Rückblende in einem Präsenstext kriegen die Leser sofort mit, weil es eine grammatische "Weiche" gibt. Beim Präteritum ist das nicht der Fall, weil es als Erzählzeit viel zu etabliert ist. Da stehen dann einfach nur zwei Zeiten nebeneinander. Und den meisten Lesern fällt der Wechsel ins Vergangene gar nicht erst auf.

Mein Ziel war es, den Leser möglichst eng mit dem Erzähler zu verknüpfen. Die Situation sollte nicht erzählt wirken, sondern unmittelbar erlebt. Ich-Erzähler, Präsens ... unmittelbarer geht es ja gar nicht; der Leser wird zum Erzähler.
Ein Bewusstseinsstrom also. Näher dran geht nicht.

Heute würde ich diese Form definitiv nicht mehr wählen. Entweder schreibt man ungefiltert so, wie gedacht wird - das liest sich aber sperrig, abgehackt und plump. Beispiel: "Ich gehe in den Tunnel. Es ist dunkel. Ich habe Angst." Klar, man denkt so.
Keiner denkt so. Und da haben wir das Problem auch schon. Das ist eben kein Bewusstseinsstrom, weil der Ich-Erzähler mit sich selbst nicht eins geworden ist. Bewusstseinsströme sind viel unmittelbarer:
Kapitel 1 des Buches: Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler | Projekt Gutenberg

Sicherlich gibt es Autoren, die dafür eine Lösung gefunden haben, aber ich habe nicht vor, mich nochmal diesem volkommen überflüssigen Problem auszusetzen.
Schade, eine Auseinandersetzung mit Arthur Schnitzler lohnt sich immer ;)
 
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16.04.2016
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Hallo @Blaine

ich hatte meinen Beitrag ja bereits relativiert. Natürlich sollte man Stilfragen nicht verallgemeinern.
Ich bin sehr auf den Fragenden und das Forum fixiert, wenn solche Fragen gestellt werden. Im Forum sehe ich selten eine gelungene Anwendung der Präsensform.
Können muss man es natürlich schon, das Schreiben im Präsens, weshalb Anfänger meiner Meinung nach lieber nur im Präteritum schreiben sollten.
So hätte mein Kommentar lauten sollen.
Wenn ich Präsenstexte lese, frage ich gerne nach dem Warum. Oft kommt dann die Begründung, dass der Leser näher am Text sei. Das ist für mich eine Phrase. Wenn es nicht gelingt, den Leser mit der Präteritumsform nahe am Text zu halten, sind entweder die Figuren schlecht konzipiert oder der Plot oder ... irgendwas. Und dann denkt mancher Autor, dass man die Leser mit diesem Trick herumkriegt. Das wirkt dann oft noch distanzierter, weil es künstlich, konstruiert klingt. Ein gutes Beispiel aus der Kinderliteratur ist in meinen Augen "Hunger Games". Wegen des Hypes habe ich mal reingelesen und, abgesehen von der abgedroschenen Idee und der unterschwelligen Propaganda, hat mich die absolut sinnlos verwendete Präsensform dermaßen genervt, dass mir das Lesen schnell verging.

Ein ganz anderer Schuh sind Flash-Fiktion Texte, die ja oft als stream of consciousness gestaltet werden. Dafür passt der Präsens oft gut, ebenso für Milljöhstudien, die nicht unbedingt den herkömmlichen Aufbau einhalten.
Nun, wie mein Musiklehrer immer sagte: "Man muss erst mal die Regeln beherrschen, bevor man sie zerstört."
In den von Dir verlinkten Text werde ich reinlesen. Danke für den Hinweis.

Schönen Gruß!
Kellerkind
 
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07.04.2016
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Beispiel: "Ich gehe in den Tunnel. Es ist dunkel. Ich habe Angst."

Keiner denkt so. Und da haben wir das Problem auch schon. Das ist eben kein Bewusstseinsstrom, weil der Ich-Erzähler mit sich selbst nicht eins geworden ist. Bewusstseinsströme sind viel unmittelbarer:
Kapitel 1 des Buches: Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler | Projekt Gutenberg
So wie in Deinem Beispiel denkt man ja auch nicht. Die Gedanken wären stark eingeschränkt, wenn sie durch Wörter formuliert und definiert werden müssten. Insofern muss man so oder so Kompromisse finden. Mein Beispiel setzt voraus, dass der Erzähler gedanklich mit jemandem kommunizieren möchte, und nicht nur für sich selbst denkt.

Dieser Text hier ist vermutlich mit Deinem Beispiel vergleichbar:

Muss ich jetzt wirklich durch den Tunnel gehen ... der ist so dunkel ... der ideale Ort für einen Überfall.

Ich kann mich nicht mit dieser Schreibe anfreunden, möchte aber niemandem zu nahe treten, der einen Reiz daraus zieht. Meine Gründe:

1. Die oben angesprochenen Kompromisse.

2. Es wird nicht beschrieben, was getan wird, sondern was gedacht wird, woraus man die Handlung ableiten muss. Es entsteht ein passiver Text.

3. Der Leser erfährt die Wahrheit nicht, sondern muss lediglich die Gedanken des Erzählers als Wahrheit akzeptieren.

4. Die Darstellung routinierter Handlungen oder monotoner Abläufe ist nur indirekt möglich.

5. Oft kreisen Gedanken über ein und dieselbe Sache. Stundenlanges Grübeln ist vielleicht für den Erzähler interessant, für den Leser aber nicht. Entweder filtert man diese Gedanken und bereitet sie auf - dann sind sie aber verfälscht - oder der Autor schreibt einen unzumutbaren Text.

6. Selbiges gilt für Gedanken, die sich als sinnlos herausstellen. Man denkt viel, was nicht relevant ist.

7. Die Gedanken sind eine Reaktion auf Umwelteinflüsse, der Leser erfährt also alles erst, wenn es bereits passiert ist.

8. Im Alltag ist man nie eins mit einer anderen Person, die Ausgangslage fühlt sich unnatürlich an.

9. Als Leser fühle ich mich in den Gedanken einer fremden Person gefangen, dabei sind die freien Gedanken doch gerade das, was man dem Leser überlassen sollte - meiner Meinung nach.
 
Senior
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10.10.2004
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Wenn ich Präsenstexte lese, frage ich gerne nach dem Warum. Oft kommt dann die Begründung, dass der Leser näher am Text sei. Das ist für mich eine Phrase. Wenn es nicht gelingt, den Leser mit der Präteritumsform nahe am Text zu halten, sind entweder die Figuren schlecht konzipiert oder der Plot oder ... irgendwas. Und dann denkt mancher Autor, dass man die Leser mit diesem Trick herumkriegt. Das wirkt dann oft noch distanzierter, weil es künstlich, konstruiert klingt.
Zustimmung! Da wird von der Form erwartet, dass sie die eigenen Unzulänglichkeiten ausbügelt. Was beim Präsens gleich doppelt in die Hose geht, weil es erstens schwieriger zu handhaben ist und zweitens die versprochene Nähe nicht liefert. Leicht zu beackerndes Feld wird Minenfeld.

@Ephraim Escher
Mit deiner Aufzählung der Unzulänglichkeiten des Bewusstseinsstroms hast du vollkommen recht – es gibt eben handfeste Gründe, warum sich diese Perspektive nie wirklich durchgesetzt hat. In Ausnahmefällen kann sie aber ungeheuer eindrucksvoll daherkommen. Es ist eben eine strenge Form, die nur bei bestimmten Inhalten und Figuren wirklich stimmig wirkt. Ich denke, die ersehnte Nähe zum Protagonisten hättest du im Fall deiner Geschichte auch anders erreichen können. Eine liebevolle Charakterisierung wirkt oft wahre Wunder, da können sich die Zeiten und Perspektiven wirklich hinten anstellen.

Apropos S.o.C.: Wir hatten sogar mal eine Challenge zum Thema Bewusstseinsstrom. Lesenswert? Keine Ahnung. Das Lustige an diesem Forum ist, dass ich ständig versuche, mich an Texte zu erinnern, die ich vor 16 Jahren als Teenager gelesen habe. Was nur sehr schlecht funktioniert, haha.
 

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