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Veritas in profano

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24.04.2026
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Veritas in profano

Meine Überzeugung bleibt trotz der Stagnation, trotz sämtlicher Regresse intakt. Irgendwo IST die Antwort, wahrscheinlich unterhalb der Metaebene. Es gibt keine Sinntotalität in toto, keine Gesamtstruktur, kein übergeordnetes Muster, das alle Einzelkomponenten zu einer universellen Wahrheit verbindet, zumindest so viel habe ich inzwischen erkannt. Es kann auch nicht EINE Einzelkomponente sein, weil ich die mittlerweile, nach jahrelanger Analyse der Mikroebene, längst exkaviert hätte. Im Prinzip MUSS die Antwort ein Destillat aus mehreren signifikanten Teilen sein. Und sobald ich diese Teile so zusammengesetzt habe, dass sie eine valide Antwort ergeben-

Ich sehe mich nicht als Archivar, sondern als Exeget. Natürlich muss man Material akkumulieren, um es auslegen zu können, die Exegese setzt ein Archiv voraus. Aber ich trage das nicht alles zusammen, um es als totes Material zu horten, sondern als Datengrundlage. Ich bin es langsam ernsthaft leid, das immer erklären zu müssen-

Der Ausgangspunkt dieser ganzen Sache lässt sich sogar exakt bestimmen. Zu meinem siebenunddreißigsten Geburtstag schenkte mir meine Mutter einen Tagesabreißkalender im Querformat mit insgesamt 365 Sinnsprüchen, pastellfarbene Schrift vor jahreszeitspezifischen Naturhintergründen. Ich weiß nicht, warum sie mir sowas immer als „Beiwerk“ (ihr Wort dafür) schenkte. Es entsprach und entspricht eigentlich absolut nicht meinem Wesen oder meinen Interessen. Ich bin studierter Chemieingenieur und habe lange bei einem Hersteller für medizintechnische Produkte gearbeitet. Meine Freizeitaktivitäten sind nicht besonders erwähnenswert, ich mache Spaziergänge, bin in meinem Garten, sowas. Jedenfalls war ich sehr weit von einer Affinität für Binsenweisheiten entfernt. Trotzdem schenkte mir meine Mutter immer wieder sowas. Ich packte den Kalender aus, blätterte ihn aus Höflichkeit kurz blind durch, bedankte mich. Zu Hause deponierte ich ihn in einer Schublade, weil ich mir schlecht dabei vorgekommen wäre, wenn ich ihn sofort entsorgt hätte. Ein paar Wochen später fand ich den Kalender beim Aufräumen wieder, blätterte ihn nochmal gedankenlos durch, wollte ihn eigentlich gerade wegwerfen. Aber dann entdeckte ich irgendwo mittendrin ein Zitat, das ich kannte: Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt, im Hintergrund eine Sanddüne mit Fußspuren. Ich musste nur Jede Reise lesen und konnte den Satz auf Basis präkognitiven Wissens vervollständigen. An dieses Erkennen des Zitats (offiziell ein chinesisches Sprichwort, wobei ich mich dann immer frage, ob das wirklich vor circa zwei Jahrtausenden wirklich mal ein Chinese unironisch ausgesprochen oder aufgeschrieben hat) schloss sich sofort die Frage an, warum ich diesen Satz kannte, obwohl ich ihn nie bewusst rezipiert hatte. Das war noch nicht die Leitfrage, aber schon eine ZENTRALE Frage, wie dieser Satz in meinen Kopf kam, warum meine Perzeptionsfilter ihn nicht selektiert hatten. Ich setzte mich mit dem Kalender an meinen Schreibtisch las jedes einzelne Blatt und da wurde mir klar, dass ich die meisten Zitate (wirklich annährend hundert Prozent) nicht nur KANNTE, sondern REZITIEREN konnte. Aus epistemologischer Sicht war das nicht mal besonders überraschend. Der Mensch lernt vieles inzidentell, das heißt nebenbei, ohne zielgerichtete Absicht. Jeder weiß, wie das BMW-Symbol aussieht, ohne es sich jemals aktiv eingeprägt zu haben. So arbeitet unser Hirn. Es identifiziert und speichert Muster, die es dann automatisiert abruft (manchmal zweckorientiert, manchmal aber auch im kognitiven Leerlauf als sinnloses Echo). So auch bei Kalendersprüchen. Die waren tatsächlich ubiquitär. Kalender, Postkarten, Notizbücher, Tassen, Magnete, Statusmeldungen, soziale Medien, Werbung – überall begegnete einem dieses Set an inhaltlich redundanten, flachen Aphorismen, in die jeder seine individuellen Ambitionen, Probleme, Hoffnungen und so weiter projizieren konnte.

Das Thema setzte sich in mir fest. Für Selbstbetrug bin ich (leider) zu rational und reflektiert. Ich merkte, wie ich sehr schnell eine ungesunde Obsession ausbrütete, mich maßlos in diese Sache steigerte, mich immer wieder in ihr zu verlieren drohte. Es war und ist schwer, optimistisch und klar zu bleiben und sich nicht zu verheddern, aber ich versuche, weiterhin diszipliniert und systematisch-analytisch vorzugehen. Ich versuche es-

Im ersten Schritt wollte ich VERSTEHEN, warum diese banalen Sentenzen so tief im kollektiven kulturellen Bewusstsein verankert und trotzdem noch – obwohl erschöpfend bekannt – ständig in/auf sämtlichen Medien reproduziert wurden.Ein Aspekt lag auf der Hand: monetäre Gründe. Um diese multimodale Pseudosinnstiftung in Form seichter Sinnsprüche hatte sich eine ganze Industrie etabliert. Was ich nicht begriff und was mir nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln bleibt, ist, ganz platt formuliert, warum das so viele Menschen immer wieder lesen wollen, obwohl sie sämtliche Sinnsprüche kennen und längst internalisiert haben.

Ich fing von vorne an, also ganz von vorne.

Die Geschichte der Kalendersprüche ist ungeschrieben und schnell erzählt (ich rekonstruierte sie anhand diverser historischer und zeitgenössischer Quellen):

- Antike/Mittelalter/frühe Neuzeit: schon in frühen Kalendern (zB römischen Bauernkalendern) wurden neben Tagesdaten auch astrologische Hinweise, Wetter- oder moralische Lebensregeln notiert. Im Mittelalter ergänzten Geistliche liturgische Kalender mit allegorischen Bibelzitaten.
- 19./frühes 20. Jahrhundert: mit wachsender Alphabetisierung wurden Wandkalender mit Sinnsprüchen, Dichter- /Bibelzitaten oder belehrende Aphorismen immer beliebter
- Nachkriegszeit bis heute: in der Nachkriegszeit wandelten sich Kalendersprüche zunehmend zu kitschig-optimistischen Lebensweisheiten
Danach stieg ich in die inhaltliche Analyse der typischsten, häufigsten Kalendersprüche ein. Schnell zeichnete sich ein (natürlich offensichtliches, aber, wenn man das schon mit wissenschaftlichem Impetus anging,erstmal zu verifizierendes)Schema ab: die Sprüche waren alle (ausnahmslose ALLE)affirmativ, es gab keinen einzigen mit negativer Konnotation. Das leuchtete schon ein. Niemand wollte sowas lesen wie Das Leben ist absurd und sinnlos oder Jeder muss mal sterben. Wobei das genauso stimmte wie der Umstand, dass jede Reise mit dem ersten Schritt anfängt oder man beide Hände freihat, wenn man loslässt, was man festhält oder man den Wind nicht ändern, aber die Segel neu setzen kann. Mir ist natürlich bewusst, dass man diese Sprüche nicht wörtlich nehmen soll (dann würden sie noch sehr viel banaler und überflüssiger), sondern dass sie vielmehr metaphorisch/allegorisch sind. Das heißt: diese Sprüche, die zB ein physisches Faktum (man muss sich in Bewegung setzen, um irgendwo anzukommen, man hat keinen Einfluss auf Windrichtung und -stärke usw)stehen eigentlich als semantisches Symbol für eine innere Einstellung oder eine Perspektive, die man sich aneignen/einnehmen soll. Dein Phlegma hindert dich daran, deine Probleme aktiv zu bewältigen Ein bisschen anders verhielt es sich mit den Tatsachenbehauptungen/Appellen: Das Leben ist zu kurz für irgendwann, Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, nichts geschieht ohne Grund, jeder Tag ist ein Geschenk, Glück beginnt im Kopf, das Glück liegt in den einfachen Momenten und so weiter. Solche Postulate sind kaum falsifizierbar, aber auch nicht WAHR im Sinne einer simplen Tatsache. Im Grunde ist Glück beginnt im Kopf eine suggestive Behauptung (Antimaterialismus, „Glück“ als innere Evokation), Jeder Tag ist ein Geschenk eine präskriptive Perspektive mit Appelcharakter(SO musst du es sehen, dann..) und Nichts geschieht ohne Grund ein aus der deistischen Denkschule entlehnter Welterklärungsschnipsel (Einbettung des Individuellen in einen kausalen Sinnzusammenhang).

Testweise entwarf ich selbst jeweils einen Sinnspruch pro Kategorie (also „metaphorische Fakten“, „präskriptive Perspektive mit Appelcharakter“, „Welterklärungsschnipsel“):

1.) Nachts wird es dunkel (metaphorischer Fakt): Nacht (= schwierige Lebensphase) als temporärer Zustand, der vorbeigeht, die implizite Botschaft, dass es tags auch wieder hell wird (= Ende der schwierigen Lebensphase), auf Kalendern perfekt mit klarem Sternenhimmel (Sterne als Symbol dafür, dass selbst im Dunkeln immer auch Helles enthalten ist).
2.) Du musst in die Ferne sehen, um das Nahe zu erkennen (= präskriptive Perspektive mit Appellcharakter): gab es bestimmt so ähnlich sogar, hatte ich aber in dieser Form nie gelesen; Appell, das große Ganze (aber was WAR das?) nie aus dem Blick zu verlieren und das Nahe (die eigene Lebensrealität, im Vergleich zur Lebensrealität einer Witwe und siebenfachen Mutter im Sudan dann doch ziemlich komfortabel) dadurch zu schätzen zu wissen.
3.) Vertrau dem Wind in deinem Rücken (= Welterklärungsschnipsel, die Idee einer verborgenen Wirkkraft in kondensierter, ermutigender Form).
Die Sinnsprüche 2 und 3 könnte man in einen Sinnspruchkalender aufnehmen, ohne dass sie auffallen würden. Sinnspruch 1 würde aber komisch und kryptisch (bis albern/satirisch) wirken, obwohl er den gleichen Wahrheitsgehalt und eine ähnliche metaphorische Implikation aufweist wie zB das ähnliche, aber eben mit dem konkreten Gegenbild ausgestattete Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende. Ich machte die Gegenprobe und testete „Morgens wird es hell“. Noch nicht ganz. Ich ergänzte das temporale Adverb „immer“ und so funktionierte es als (faktisch allerdings illusorische) Metapher, die postulierte, dass auf Negatives automatisch Positives folgte, was natürlich nicht stimmt, weil es keinen solchen Mechanismus gibt und Negatives sich theoretisch endlos perpetuieren kann.

Durch diese erste Analyse erkannte ich folgendes:

- das Repertoire solcher Sinnsprüche ließ sich nahezu unbegrenzt erweitern. Dass irgendwann dabei nur noch graduelle Variationen der im Wesentlichen immergleichen zentralen Topoi rauskamen, würde so gut wie niemand merken.
- Es gab nicht wenige (sogar sehr viele) Leute, die sich aus Sinnsprüchen eine Art Rumpfphilosophie bastelten.
- Sinnsprüche waren darauf ausgerichtet, das Denken und Handeln ihrer Rezipienten mittels des Ad-nauseam-Effekts zu manipulieren
- egal, wie flach / nichtssagend /allgemein der Aphorismus war: wer in solchen Pseudozitaten „Sinn“/tiefere Bedeutung/handlungsleitende Lehren suchte, konnte aus so ziemlich allem so ziemlich alles rausleiern. Daraus könnte man wiederum ableiten, dass viele sogar manipuliert werden WOLLEN.
- es gab bestimmte Aspekte/Kategorien, auf die sehr viele Sinnsprüche rekurrierten: Glück, innerer Frieden, Scheitern als Chance und so weiter
Das führte mich allerdings nicht weiter. Was sich aber im Zuge meiner ersten Exegesen auf der Grundlage meiner Ausgangsfrage (also warum Menschen Sinnsprüche mochten) bildete, war eine Hypothese, die sich danach immer mehr zu einer Gewissheit verdichtete: in dieser Masse an Sinnsprüchen musste die letzte, finale WAHRHEIT verborgen sein. Andernfalls wäre doch einfach alles ein gigantisches NICHTS. Kein Mensch kam dauerhaft mit allumfassender Sinnlosigkeit zurecht. Davon lebte doch die industrielle Sinnproduktion. Und, und, ja, und wenn- Wenn ich das so schreibe, klingt es erstmal wenig plausibel. Ich habe oft, sehr oft versucht, meine Hypothese prägnant auszuformulieren. Aber es bleibt immer bei verkrüppelten Annäherungen. Es liest sich so trivial, obwohl es so- so tief, so- so bedeutend, so ALLumfassend ist. Das Problem daran ist: ich KANN es nicht adäquat erklären, weil ich es ERKANNT und nicht evaluiert habe, falsche Reihenfolge sozusagen, Erkenntnis erfordert eigentlich vorherige Evaluation. Da ich absolut kein assoziativer Typ bin, kam dieses ERKENNEN auch so abrupt, dass ich es erst Stunden später überhaupt realisiert habe. Es war- nein, man kann es nicht beschreiben.

Aber immerhin hatte ich jetzt eine zentrale Hypothese, auf der ich meine weiteren Studien aufbauen konnte. Das Problem in den darauffolgenden Jahren bestand dann aber darin, dass ich keine funktionierende Methode fand, mit der sich- beweisen oder nein, eher ZEIGEN ließ, was-

Ich brauchte Metadaten, eine belastbare Datengrundlage. Ich trug tausende, zehntausende Sinnsprüche aus den verschiedensten Medien zusammen. Kurzzeitig bezog ich auch Glückskekssprüche in meine Untersuchungen ein, stellte aber schnell fest, dass die dann doch oft zu sperrig und ambig waren. Mein Arbeitsverhältnis musste ich natürlich kündigen, da meine zeitlichen Kapazitäten sonst zu sehr eingeschränkt worden wären.

Ich wertete zehntausende Sinnsprüche thematisch und formal aus, kategorisierte sie nach verschiedenen Parametern, identifizierte übergeordnete Bedeutungsstrukturen mit dem Ziel, das EINE, ZENTRALE, die Emergenz aus dieser entropischenSinnspruchaggregation zu extrahieren, mutierte zu einem akribischen Holisten. Ich schrieb einen Algorithmus, der es mir ermöglichte, sehr große Datenmengen (die ich entweder digital oder händisch einspeiste) im Hinblick auf semantische oder syntaktische Paradigmen zu kollationieren.

Es wollte sich nicht zu was Kohärentem verbinden lassen. Ich modifizierte den Algorithmus, erweiterte die Datenmenge, musste aber dann einsehen, dass sich das EINE, ZENTRALE nicht durch Quantifizierung messen oder determinieren ließ.

Also entwickelte ich neue methodische Ansätze und erweiterte meine Studien durch die Integration weiterer wissenschaftlicher Disziplinen (neben Statistik und Linguistik). So machte ich kontinuierlich Fortschritte, schrittweise, immer unterbrochen von Regressen, aber meistens stetig. Einen wesentlichen Beitrag leisteten primär psychologische und neurowissenschaftliche Heuristiken. Ein kurzer Exkurs in die Soziologie, bei dem ich durch lautes, repetitives Deklamieren klassischer Aphorismen im öffentlichen Raum spontane Reaktionen (wie Zustimmung, Dankbarkeit usw.) des sozialen Aggregats hervorrufen wollte, bleib ergebnislos. Aber das sind eher Anekdoten. Die von mir entwickelten interdisziplinären Ansätze auch nur annähernd präzise darzustellen, würde- also das wäre-

Zusammenfassend darf ich reklamieren, dass ich mit meiner Forschung bisher durchaus relevante Progresse generieren konnte. Aber zugegeben: bisher habe ich es nicht geschafft, meine Hypothese zu BEWEISEN.

Nach dem, was ich bisher referiert habe, könnte man deshalb wohl meinen, dass meine Studien stagnieren uns ins Leere laufen. Aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit stehe sehr kurz davor, das EINE, ZENTRALE zu extrahieren. Es ist irgendwo da drin. Ich WEIß es. Und ich WERDE es finden.

Folgende programmatische Einleitung habe ich der ausführlichen, inzwischen ein ausuferndes Archiv umfassenden Dokumentation meiner Arbeit vorangestellt:

Die Menschen brauchen eine Form von SINN. Ohne SINN würden sie verrückt und zwar sofort. Niemand würde mehr ununterbrochen gegen seine innere Natur leben, wenn ihm klar wäre, dass es keine übergeordnete Bedeutung gibt. Und diesen Sinn, diese Bedeutung, das- also, ja, man kann das nicht SIMULIEREN. Man würde das merken. Wir würden es merken. Also MUSS es WAHR sein. Die Frage nach dem Sinn ist so alt wie der Mensch. Kein philosophisches Denkgebäude, kein theoretischer oder phänomenologischer Weltentwurf konnte sich dauerhaft durchsetzen. Alles, was geblieben ist, sind diese Destillate einer höheren, allgemeingültigen WAHRHEIT. Die Menschen hören und sehen diese reduzierten, basalen Sinneinheiten, täglich, überall, internalisieren sie, leben nach ihnen. Ohne sie gebe es nur NICHTS, LEERE, Sinnlosigkeit. In ihrer Gesamtheit bilden sie das ab, was ich im Folgenden in Ermangelung eines treffenderen Begriffs LETZTE WAHRHEIT nenne. Und diese LETZTE WAHRHEIT als zentrale Induktion zu extrahieren ist das Ziel dieser Arbeit.

Maximal drei Monate, länger wird es voraussichtlich nicht mehr dauern. Mittels der neuen Methodik bin ich endlich in der Lage-

 

Hallo @Oliver2810

Willkommen im Forum! Du hast sogleich eine Geschichte eingestellt, zu der ich Dir gerne meine Eindrücke schildere. Ich werde mich relativ kurz halten, weil bei Neulingen nicht immer klar ist, ob sie überhaupt an Feedback hier interessiert sind, damit arbeiten wollen, oder ob nur ein Text 'abgeladen' werden soll. Bitte nimm das nicht persönlich.

Der Text funktioniert am Anfang für mich gut, weil er eine Balance hält: Die abstrakte, analytische Stimme des Erzählers wird durch eine konkrete Alltagsszene geerdet (die Mutter, der Geburtstag, der Kalender). Dadurch habe ich etwas Greifbares, bevor sich die Gedanken ins Abstrakte bewegen. Der Moment, in dem der Erzähler den Spruch Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt erkennt, erzeugt dann eine Irritation. Hier entsteht Spannung, weil die Erkenntnis plötzlich in etwas Unheimliches, Obsessives kippt. Implizit wird ein Versprechen aufgebaut: Diese Beobachtung führt irgendwohin, möglicherweise zu einer verstörenden Einsicht.

Ab etwa der Mitte verliert der Text mich jedoch, weil er sich zunehmend von der erzählerischen Ebene entfernt und in eine Art Abhandlung übergeht. Die analytischen Passagen -- Kategorisierungen, theoretische Einordnungen, Beispiele -- passen zwar zur Figur, aber sie beginnen die Entwicklung zu zersetzen. Es kommt immer mehr Erklärung, aber immer weniger Bewegung in den Text. Der Erzähler berichtet von Fortschritten, neuen Methoden und erweiterten Untersuchungen, doch als Leser erlebe ich diese Fortschritte nicht wirklich. Es fehlt an spürbarer Veränderung, und dadurch entsteht für mich das Gefühl von Stillstand.

Hinzu kommt, dass der Text die zentralen Einsichten zu früh verrät. Die Beobachtung, dass Sinnsprüche austauschbar, reproduzierbar sind, und sich beliebig interpretieren lassen, ist bereits nach der ersten Analyse klar, finde ich. Alles, was danach folgt, variiert diese Erkenntnis, ohne sie entscheidend zu vertiefen oder zuzuspitzen. Gleichzeitig bleibt die grosse Hypothese, die Idee einer LETZTEN WAHRHEIT, vollständig abstrakt. Sie hat keine konkreten Auswirkungen, weder auf die Welt des Textes noch auf den Erzähler selbst. Dadurch fehlt ein spürbarer Einsatz, etwas, das auf dem Spiel steht.

Ein weiterer Punkt, den ich ansprechen möchte, ist die Stabilität der Stimme. Obwohl der Text von einer wachsenden Obsession handelt, bleibt der Erzähler durchgehend kontrolliert, reflektiert und sprachlich souverän. Es gibt keine erkennbaren Risse, keine Wahrnehmungsverschiebung, keinen Moment, in dem die Obsession beginnt, seine Sicht auf die Welt tatsächlich zu verändern. Gerade das wäre jedoch entscheidend, um die innere Entwicklung erfahrbar zu machen.

Insgesamt liegt für mich das Problem also nicht darin, dass der Text zu komplex oder zu theoretisch ist, sondern darin, dass er die Obsession hauptsächlich beschreibt, statt sie erlebbar zu machen. Was fehlt, sind konkrete Szenen, eine spürbare Eskalation und eine Veränderung im Erleben des Erzählers. Deshalb verliert mich der Text zunehmends: Nicht weil ich nicht folgen kann, sondern weil die Geschichte sich nicht weiterentwickelt. Der Text baut ein Versprechen auf, löst es aber nicht ein, sondern vertagt es permanent (ich glaube, ich habe das in einem meiner Texte auch schon so ähnlich gemacht und es wurde bemängelt, weshalb es mir hier gleich aufgefallen ist). Das erzeugt für mich keine Spannung, sondern was bleibt ist leider eine Ermüdung.

Hoffe, Du kannst mit meiner Kritik etwas anfangen.

Beste Grüsse,
d-m

 

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