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Von Laurent und der Schlampe oder Lachend

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18.06.2001
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Von Laurent und der Schlampe oder Lachend

„Laurie, Laurie, Laurie, Laurie, Laurie, Laurie, Laurie“, sagt sie; sie weiß, dass er diese Variante seines Namens hasst und zwar zutiefst; und deshalb macht sie das; sie will ihn eben ärgern; und immer wieder „Laurie, Laurie, Laurie, Laurie, Laurie”. Sie will ein bisschen mit ihm spielen, sie mag das. Sie stehen an einer dunklen Straßenecke, spärlich beleuchtet von einer Straßenlaterne. Sie hatten einen schönen Abend gehabt, sie haben zusammen einen Cocktail getrunken, beim Mexikaner. Sie haben viel gelacht, die beiden. Warum auch nicht? Man kennt sich, schon ewig.
Sie stehen also da. „Laurie, Laurie, Laurie, Laurie, Laurie ...“ flüstert sie. Sie meint das nicht böse, will ihn nur ein wenig reizen. Und er, er weiß nicht, wie er reagieren soll. Soll er einfallen und sagen „Marie, Marie, Marie, Marie, Marie, Marie ...“? Er will sie auch necken, will sich das nicht gefallen lassen, will zeigen, dass er das auch kann. Er versucht sich zu erinnern. Was stört sie am meisten? Und er erinnert sich und es fällt ihm ein: „Schlampe, Schlampe, Schlampe, Schlampe, Schlampe, Schlampe, Schlampe ...“
Sie überqueren die kleine Straße und lehnen sich gegenüber an ein Schaufenster, weiterhin stupid diese unsinnigen Dinge sprechend. Ihr wird es zu dumm, sie meint spöttisch: „Wenigstens bekomme ich jemanden ab.“ Das „im Gegensatz zu dir“ ließ sie weg, es war auch überflüssig, denn er sah ihr ins Gesicht und wusste, dass sie es meinte.
Es hat ihn verletzt, aber er will es, kann es nicht zeigen. Er muss zu einem Gegenschlag ausholen.
„Wenigstens gehe ich nicht mit jedem ins Bett wie du, Schlampe!“
Ihm geht vieles durch den Kopf. Aber er will diese Gedanken verdrängen, hat er doch wegen diesen schon unzählige Nächte wach verbracht. Er setzt sein Schutzschild der Arroganz auf, spricht von nun an nur noch leise, spöttisch grinsend mit einem grausam sarkastischen Unterton.
„Weißt du, Laurent, so viele Frauen hier, schöne Frauen, und keine will auch nur das Geringste von dir.“
Jedes Wort verursacht einen stechenden Schmerz bei ihm; er weiß, dass es wahr ist, aber er will nicht, dass sie es weiß, dass er es weiß. Er will keine Schwäche zeigen und er flüchtet sich in weitere unsinnige Beleidigungen.
„Dafür bin ich intelligenter als du!“
Wie kindisch, er weiß es und er könnte sich auf die Zunge beißen.
„Du kannst noch so intelligent sein wie du willst, die Juliette will dich trotzdem nicht!“
Sie sagt das lächelnd-süffisant. Denkt sich wohl nichts dabei – so wie er. Will sich nur verteidigen, bedenkt nicht, dass sie verletzt. Er aber auch nicht.
„Hörst du, sie würde dich nicht ranlassen, auch wenn du der letzte Mann auf Erden wärst!“
Das schmerzt. Aber mit unverändert-arrogantem Gesicht starrt er sie an, die Mundwinkel unnatürlich nach oben verzogen. Zu einem Lächeln? Er hat sich in Juliette verliebt, glaubt er zumindest. Immer wenn er sie sieht, geht für ihn die Sonne auf, er wünscht sich nichts sehnlicher auf der ganzen Welt als mit ihr zusammen zu sein. Mit ihr. Mit ihr.
Aber er weiß, er ist nicht ihr Typ. Sie verstehen sich gut und so, aber dass sie zusammenkommen, niemals.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass die Juliette was von dir will, oder?“
Er weint. Innerlich. Er ist erfüllt von Schmerz. Er blickt gerade aus.
Sie stichelt weiter.
Er schweigt nun, blickt starr das gegenüberliegende Gebäude an. Er ist wütend. Nicht auf sie, sondern auf sich, auf die Welt, auf das Leben. Er erkennt. Seine Augen füllen sich mit wenigen Tränen. Er will sie nicht vor ihr verbergen. Er will, dass sie sie sieht. Sie soll sich schuldig fühlen.
Doch sie sieht sie nicht. Aber sie hat aufgehört zu sticheln, weil er aufgehört hat.
Sie schweigen. Lange. Es ist ungemütlich. Sie merkt wohl langsam, dass sie ihn getroffen hat, überlegt womit. Sie weiß es nicht, aber es tut ihr leid.
Versöhnlich stupst sie ihn an, von hinten. Er reagiert nicht. Sie stupst wiederholt.
„Fällst du um, wenn ich dich so stupse?“
Er antwortet nicht, sondern geht ein paar Schritte weg von ihr, um die Ecke und lehnt sich an die Wand. Er denkt eigentlich an nichts mehr. Sein Kopf ist leer. Er schaut sich in einem Schaufenster an und denkt daran, wie er sich vorbereitet hat auf diesen Abend, wie er sich rasiert hat, wie er sich die Haare gerichtet hat und sich gesagt hat, vielleicht klappt es heute, mit einer Frau. Er schaut sich an und sieht seine kastanienbraunen Augen, die leer, kalt und starr vor sich hin trauern.
Sie kommt um die Ecke. Sie weiß wirklich nicht, was mit ihm los ist, kann sie auch gar nicht wissen, sie trifft keine Schuld.
„Redest du nicht mehr mit mir? Lauf doch nicht weg!“
Er läuft weg, will sie nicht anschauen, will nicht mit ihr reden. Alles ist so kindisch, so lächerlich. Er muss beinahe selbst loslachen, über sich und wie er sich verhält und einfach so.
Sie gibt es auf, hinter ihm herzulaufen. Verständlich. Sie schaut ihn an. Hilfesuchend. Weiß nicht, was los ist.
Er aber geht schweigend zu seinem Fahrrad, löst das Schloss und fährt laut lachend davon.

T.E.

 
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01.07.2001
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52

Sehr beeindruckend, deine Geschichte! Eine stille Tragödie.
Du setzt die Sprache sehr gekonnt ein und machst dadurch die Geschichte lebendig und erfahrbar.

Weiter so!

Ach ja, das noch: ich würde mich auf einen Titel festlegen. Diese oder-Kombination irritiert irgendwie.

 

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