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Wachs
Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs glänzt. Über beide Ohren strahlend kam Armin an diesem Nachmittag nach Hause, als er eine Kerze in der Hand trug. Er wollte sich gewiss sein, dass sie den Weg heim fände, und hielt sie deswegen die ganze Zeit fest. Erst als ich sie entgegennahm, ließ er sie los. Es war eine cremeweiße Kerze wie so viele andere. Doch Armin hatte ihr das Beliebige genommen, indem er ihr Farbe gab. Begeistert erzählte er: „Erst habe ich eine Form auf Papier gemalt. Dann habe ich es auf das Wachs gelegt und ausgeschnitten.“ Die Kerze war nicht länger gewöhnlich, auf ihr befand sich nun ein blaues Viereck und eine grüne Linie. Ganz unten, so weit wie möglich vom Docht entfernt, stand in goldenen Lettern sein Name geschrieben. „Damit jeder
noch weiß, dass ich die Kerze gemacht habe!“, sagte er. „Wenn wir sie anzünden, verschwindet mein Name zuletzt.“ Er war stolz auf sich, und ich auf ihn. „Ja, das war sehr klug.“, lobte ich ihn und zerzauste ihm seine Haare. Er kicherte und strich sie sich wieder glatt.
Ich fragte ihn, was das blaue Viereck und die grüne Linie darstellten, aber er gab mir jedes Mal eine andere Antwort. Also entschied ich mich dazu, mir selbst eine Interpretation zu überlegen. Der
grüne Strich ragte ein wenig aus dem blauen Viereck heraus, wie ein Schilf aus dem Wasser. Wie Armin aus den Kinderschuhen. Eines Tages wäre er groß, dachte ich. Mit diesem Gedanken wurde diese Kerze meine Hoffnung. Die guten Wünsche eines Vaters in Wachs gegossen. Nun hätte ich die Kerze nicht mehr anzünden können, ich hätte es nicht übers Herz gebracht. Einen Platz fand sie inmitten unserer Schrankwand als Mittelpunkt des Raumes. So wie Armin mein Mittelpunkt war, mit seinen blauen Augen und den dünnen Ärmchen und Beinchen, in seiner grünen Hose und mit weißblondem Haar.
Wachs riecht, Wachs fließt, Wachs vergeht. Seit vierundzwanzig Jahren nun schon hatte eine Kerze ihren Platz inmitten der Schrankwand gefunden. Der Mittelpunkt, cremeweiß mit vereinzelter Farbe, kaum von Licht verblasst. Manchmal schien es so, als wäre sie das Einzige gewesen, was alle Farbe behalten hätte. Armin hatte sie als Kind gemacht. Ich weiß nicht mehr, ob es im Kindergarten oder in der Ferienfreizeit war. An jenem Nachmittag erzählte er voller Begeisterung, wie er erst Formen auf Papier gezeichnet, sie dann auf das Wachspapier gelegt und schließlich an der Schablone entlang das Musterstück ausgeschnitten hatte. Es war ein blaues Quadrat. Darunter ein grün geschwungener Strich. Manchmal behauptete Armin, es sei ein Grashalm, dann wieder
eine Seewelle und an anderen Tagen war es bloß eine Linie. Vermutlich war es sich selbst nicht ganz einig. Es war auch nicht wichtig. Dass die Kerze zwischen Schubladen und Regalen als Blickfang auserkoren wurde - das zählte. Nun zählte ich die Jahre, meine grauen Haare und die nie verblassten weißblonden Strähnen meines Sohnes.
Nicht nur einmal hatte ich darüber nachgedacht, die Kerze niederbrennen zu lassen. Ich hätte dabei zusehen können, wie eine Erinnerung ebenso wie er aus meinem Leben schwindet. Nur weniger plötzlich. Doch ich entschied mich dagegen, einem langen Leid beim Vergehen mit meiner Gegenwart zu beehren. Ebenso gegen das Abbrennen. Die Kerze blieb. Das blaue Quadrat meiner vergossenen Tränen und der grüne Strich verlorener Hoffnung blieben auch.
Ganz unten, so weit wie möglich vom Docht entfernt, hatte er in feinen Lettern seinen Namen geschrieben. Fünf goldene Klänge eines verklungenen Lebens. „Damit jeder noch weiß, dass ich die Kerze gemacht hab!“, begründete er es. Nie hätte ich geahnt, dass sie länger bei mir stehen würde, als er auf seinen Beinen.
Ich könnte genügend Gründe aufzählen, um diese Kerze zu hassen, aber es gelang mir nicht. Ich liebte diese Kerze. Ich liebte sie mit jeder Betrachtung und mit jedem flüchtigen Blick. Ich liebte sie, wenn ich mir auch nur gewiss sein konnte, dass sie einen Raum weiter an meinen Sohn erinnerte. Ich liebte diese Kerze, weil ich Armin liebte.
Neue Möbel, neue Tapete, altes Wachs. Es waren lange Jahre vergangen. Das Zimmer, in dem die Kerze seit Anbeginn stand, fiel der Zeit zum Opfer. Nicht aber die Erinnerung an Armin. Ich hatte versucht, mich abzulenken, die Trauer nicht jeden Platz einnehmen zu lassen. Der neue Anstrich war nur von kurzer Weile ein Trost. Die Kerze war der einzige Gegenstand, der überdauert hatte.
Noch immer die Mitte des Raumes, umgeben von all jenem, das mein Sohn nie hatte gekannt. Manchmal fragte ich mich, ob die Veränderung falsch war, dass ich der Kerze und damit Armin das
Vertraute nahm. Schnell aber kam ich zu der Ansicht, dass sich zwar alles änderte, ich aber für immer Vater bliebe und so die Kerze immer in diesem Zimmer.
Schon länger hatte ich das Wachs nicht mehr berührt, nur ab und an den Staub von ihm geblasen.
Das Quadrat war noch immer kobaltblau und die schmale Linie kräftig grün. Im Sonnenlicht glänzte jeder der fünf goldenen Letter seines Namens. An diesem Nachmittag konnte ich nicht widerstehen. Zwar war mir mit jeder Berührung unbehaglich zumute, befürchtete ich doch, etwas zerstören zu können, fühlte ich mich an jenem Tag aber so einsam, dass zwischen meine Fingerkuppe und Armins Kerze kein Gedanke passte.
Ich schloss die Augen, ließ meine Finger gleiten, das Leben ertastend, den Tod erahnend, die Sehnsucht ergeben. Auf einmal hielt ich inne, denn ich vernahm eine Delle. Ich sah auf und drehte die Kerze behutsam. Meine Augen mussten sich rot verfärbt haben, als mir die Tränen aufstiegen, flossen und fielen. Nicht aus Schmerz, vielmehr aus Liebe. Alleinige Liebe, die nichts mehr brauchte. Ich erinnerte mich daran, wie Armin sich weigerte, die Kerze aus der Hand zu geben und sie bis nach Hause in seinen Armen getragen hatte. Nun, all diese Jahre später, nach seinem Fortgang, war es mir, als sei er in diesem Moment kurz zurückgekehrt. Im Wachs hatte sich Armins Daumenabdruck abgezeichnet. Jede Rille war klar zu erkennen. Meine Hände hatten unzählige
Male gebraucht, um seine zu finden. Sonne fiel in den Raum, doch für mich warf sie keine Schatten. So fühlte sich die Umarmung meines Sohnes an.