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Walker
Das Telefon hat mich aus unruhigem Schlaf gerissen. Es ist Sandy, meine Ex-Frau. Ihre Stimme klingt gepresst. Ich benötige ein paar Sekunden, um mich zu besinnen. „Was immer es ist, hat das nicht bis morgen Zeit?“
„Patrick …“, sagt sie und wirkt abgrundtief verzweifelt. „Hier ist jemand, der dich sprechen will.“
Zunächst kann ich seine Stimme nicht einordnen. Dann ist mir völlig schleierhaft, warum er bei Sandy in der Wohnung ist. Sie können sich nicht kennen. Da passt nichts zusammen und schon gar nicht, wenn man morgens um drei damit konfrontiert wird. Aber langsam erschließen sich für mich die Zusammenhänge und eine schreckliche Erkenntnis durchzuckt mich.
Walker flüstert nur: „Danke, mein Freund!“ Sein fast zärtlicher Tonfall lässt mich schaudern. Dann legt er auf, bevor ich noch etwas sagen kann.
Ich habe häufig mit Inspektor Gibson telefoniert. Er hat versucht, mich zu beruhigen. Seiner Meinung nach hätte ich couragiert gehandelt. Ich hätte es ja nicht besser gewusst. Das hindert mich nicht daran, mir ständig das Hirn zu zermartern. Schuldgefühle lassen sich nicht einfach ausknipsen. Hätte ich mich bloß nicht eingemischt! Auf der anderen Seite aber wird das von den Bürgern gefordert. Wir sollen nicht wegschauen, wenn es drauf ankommt. Wir sollen Verantwortung übernehmen. Wir sollen helfen, wenn andere in Not sind. Ich habe geholfen! Ein Mensch war in Gefahr, und ich habe mich mutig dazwischengeworfen. Man denkt nicht nach, in solchen Momenten. Man handelt instinktiv. Jetzt träume ich jede Nacht davon. Ich sehe die beiden Kerle, wie sie blindlings auf ihr am Boden liegendes Opfer einprügeln. Bis ich schweißgebadet hochschrecke mit dem Gefühl, im Blut zu ertrinken.
„Sie haben sich dabei wie ein Held gefühlt, nicht wahr?“ Das spöttische Grinsen des Journalisten entgeht mir nicht. Ich bin einfach nicht clever genug, den Fragen der Presse auszuweichen.
„Und wenn?“, frage ich zurück. „Ich musste mich in Sekundenbruchteilen entscheiden. Und dann habe ich mich eben entschieden.“
„Jeder andere wäre vermutlich abgehauen.“
„Ja, vermutlich.“
„Aber Sie nicht.“
„Nein, ich nicht.“
„Sind Sie mit ihm befreundet?“
„Um Himmels Willen, nein!“
„Aber sie waren mit ihm zusammen in der Bar.“
„Ja, und wenn schon? Wir sind zufällig am Tresen ins Gespräch gekommen.“
„Über was?“
„Über Gott und die Welt. Was man halt so quatscht, wenn man ins Reden kommt.“
„Ein ganz normales Gespräch?“
„Ein ganz normales Gespräch.“
„Sie kannten Walkers Vorgeschichte nicht?“
„Dann hätte ich wohl kaum mit ihm geredet, oder?“
„Sie haben sich also ganz normal mit ihm unterhalten.“
„Sagte ich das nicht gerade?“
„Und dann?“
„Verließ er die Bar. Und kurze Zeit später bin ich auch los. Ich ließ den Wagen stehen, weil ich zuviel getrunken hatte. Und plötzlich hörte ich aus der Seitenstraße die Geräusche.“
Ich kenne ihn nicht, habe ihn nie zuvor gesehen. Wir begegnen uns in dieser Bar, kommen ins Gespräch und unterhalten uns eine Weile. Ich vergesse die Zeit. Er gibt mir einen aus. Dann gebe ich ihm einen aus. Wir finden einen guten Rhythmus von Quatschen und Trinken. Als er aufbricht, schütteln wir uns wie gute Kumpel die Hand. „Vielleicht sieht man sich mal wieder!“ „Wäre nett.“
Ich gehe ein paar Minuten später. Aus der kleinen Seitenstraße neben der Bar höre ich Flüche und ein metallisches Scheppern. Im fahlen Licht kann ich erkennen, dass zwei Typen brutal auf den Mann einprügeln, mit dem ich eben noch gequatscht habe. Ich handle sofort. Als ich einen der Angreifer von hinten packe, ist der Überraschungseffekt ganz auf meiner Seite. Ich würge den Kerl, reiße ihn nach hinten, während er wild um sich schlägt, ohne mich zu treffen. Walker kommt keuchend auf die Beine. Der andere Angreifer weicht irritiert zurück, weiß nicht mehr, was er machen soll. Walker zieht plötzlich ein Messer und stürzt sich brüllend auf den verunsicherten Mann. Wütend sticht er auf ihn ein, als wolle er den Kerl zerfetzen, bis der am Boden liegt und sich nicht mehr regt. Dann hebt Walker schwer atmend den Kopf und stiert den Burschen an, den ich immer noch festhalte. Ich lasse ihn erschrocken los. Walker ist blitzschnell mit dem Messer. Wie besessen rammt er immer wieder die Klinge in den zuckenden Körper. Irgendwann hält er schnaufend inne. Kauert unschlüssig auf der Straße und glotzt stumpf vor sich hin. Springt auf und schaut mich ein letztes Mal an. Er sieht aus, als hätte er in Blut gebadet. Grinst mir fast verlegen zu, dreht sich um und verschwindet in der Dunkelheit. Ich stehe zitternd neben den beiden Leichen, über deren Identität ich erst am nächsten Tag Genaueres erfahre, in den Verhören bei Inspektor Gibson: Sam und Billy Steward. Zwei Brüder. Vor einem Jahr hat Walker ihre kleine Schwester entführt und in seiner Wohnung wochenlang missbraucht und zu Tode gequält. Keiner weiß wie, aber es gelang ihnen tatsächlich, den Mörder ihrer kleinen Schwester aufzuspüren. Die Brüder hätten Walker zweifellos zu Tode geprügelt. Ich habe das verhindert. Und nun sind die beiden Stewards tot, während Walker weiterhin auf der Flucht ist.
„Weiber!“, sagt der Mann neben mir. „Lassen uns einfach nicht zur Ruhe kommen!“ Dann gibt er mir ein Bier aus und stellt sich lächelnd vor. „Walker, einfach nur Walker. Alle nennen mich so.“
Wir reden über Fußball, Autos, Musik und ... Weiber. Schließlich erzähle ich ihm von Sandy. Es sprudelt einfach so aus mir heraus. Die schmutzige Scheidung, die gerichtliche Auseinandersetzung und die finanzielle und seelische Last, die sich durch diesen Ehekrieg in mir angesammelt hat. „Ich könnte ihr den verdammten Hals umdrehen“, fluche ich. Walker legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter. „Es gibt immer eine Gerechtigkeit“, sagt er.
„Gerechtigkeit?“ Ich lache und ordere die nächste Runde. „Die ist fein raus, mit meinem Geld. Und ich kann sehen, wo ich bleibe.“
Ich erzähle ihm alles, bin froh, endlich mal mit jemanden darüber reden zu können, all das loszuwerden, was mich seit Monaten quält. Wir quatschen, saufen, lachen und verfluchen die verdammten Weiber.
Grinsend stoße ich mit Walker an. „Der Teufel soll Sandy holen!“

ich find diese umsetzung super gelungen ^^ man kann die geschichte "vorwärts" und "räckwärts" lesen und bei beiden malen entsteht spannung, bzw endet es mti einem "aha-effekt", wenn auch nicht gerade überraschend. aber ich könnts auch nicht besser. demnach; gerne gelesen
In der Vorstellung steckt für mich schon Horror genug drin! Und dann natürlich, als klar wird, was Walker bei der Ex vorhat.