Wassertropfen
Wassertropfen
Hinter mir, im sanften Licht der Abenddämmerung ein Schatten. Schritte auf groben Kies. Schneller Atem. Schneller. Ja, schneller! Los! Renn! Dunkles Grün der Sträucher und Bäume rauschte an mir vorüber. Blätter und Dornen streiften meine Arme. Wohin nur? Vielleicht nach rechts. Nein! Bloß nicht vom Weg abkommen. Anhalten und nach hinten sehen und dem unabwendbaren Schicksal in die Augen blicken. Schneller, schneller! Knackende Zweige.
Ein gellender Schrei:„Bleib stehen, du Mistkerl!“ Weiter, nur weiter. Irgendwer müsste doch in der Nähe sein. Nur ein Mensch. Hilft mir denn keiner?
Ein weiterer quälender Schrei, der die laue Sommerluft erzittern ließ:„Bleib stehen! Ich krieg dich sowieso!“ Schritte, die immer näher kamen. Bedrohlich laut der Atem meines Verfolgers. Ich spürte ihn schon fast im Nacken. Meine Haare sträubten sich.
„Hilfe“, brachte ich noch heraus. Da lag auch schon eine schwere Hand auf meiner Schulter. Sie riss mich mit einem Ruck herum. Ich stolperte, drehte mich um mich selbst und blickte nach oben. Der Himmel war dunkelblau, fast schwarz. Wie ein Karussell raste er an mir vorbei. Eine Amsel flatterte kreischend aus einem nahegelegenen Strauch in die Höhe. Meine Beine schwer wie Blei, zogen mich auf den Boden.
„Du Schwein“, röchelte die Stimme. Ich fiel auf die Knie. Eine zweite Hand drückte meine Brust auf den kühlen und harten Boden. Spitze Steine drückten sich in meinen Rücken. Vorbei. Es war vorbei. Ich schloss meine Augen.
„Jetzt bist du dran!“ Hände packten den Kragen meines Flanellhemdes. Gewaltsam rissen sie es auseinander. Tropfen. Wassertropfen auf meiner Brust. Harte Knie auf meinen Schenkeln. Keinen Millimeter konnte ich mich mehr bewegen. Ich schnappte verzweifelt nach Luft und wartete auf die kalte Klinge.
„Du Scheißkerl“, hauchte die Stimme in mein Ohr. „Du Scheißkerl! Du hast es nicht anders verdient!“
Eine der Hände löste sich von meiner Brust und wanderte zum Gürtel. Nein, dachte ich, nur das nicht. Rasend schnell löste sich der Gürtel, der Hosenknopf sprang auf und die Hand suchte sich ihren Weg nach unten.
„Nein! Bitte nicht“, quetschte ich zwischen meinen Lippen hervor. Zum ersten Mal öffnete ich meine Augen. Lippen. Schöne, volle Lippen sah ich. Sie beugten sich zu mir hinunter. Warm spürte ich sie auf meinem Mund, im Nacken und auf der Brust. Sie war es. Ihr hatte ich vorhin beim Baden zugesehen. Unerlaubt zugesehen. Nackt. Die Hand, am Ziel. Über mir jemand, kein Schatten mehr. Dunkle Sommernacht.