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Wenn du denkst, es geht nicht weiter hinunter, lass dich vom Leben überraschen!

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27.12.2005
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Wenn du denkst, es geht nicht weiter hinunter, lass dich vom Leben überraschen!

Schlaf gut und stirb nicht

I. Wie es zu der ganzen Geschichte kam

Vor ein paar Jahren trieb sich in unserem Ort ein Psychopath herum. Wirklich ein harmloser Spinner.
Wahrscheinlich einer, der an der Börse sein Vermögen verspekuliert hatte und in Folge dessen ohne Frau und Haus dastand. Auf die Idee mit der Börse hatte mich sein Äußeres gebracht, also die für einen Obdachlosen toll sitzende Frisur, der unter dieses Umständen noch toll erhaltene Anzug und die Ledertasche, die ihn eben doch verriet.
So wäre er als ein Mittvierziger in der viel zu oft zitierten Mid-Life-Crisis durchgegangen, einer, der eine Woche lang nichts vom ansonsten so streng geregelten Leben wissen wollte.
Aber die Ledertasche war schon viel zu strapaziert und gezeichnet, als das er mit ihr noch einmal im Lizitationssaal hätte erscheinen können.
Auch sein Gesicht, das nicht weniger stark gegerbt war als das teilweise in Fetzen hängende Leder der Tasche, sprach gegen die Theorie der kurzzeitigen Krise.
Bettler und Obdachlose weckten schon immer Mitleid in mir. Nur selten konnte ich vorbeigehen, ohne ihnen zumindest einen halben Euro in die Hand zu drücken. Natürlich sah ich mich deswegen nicht als Wohltäter oder als besseren Menschen. Auch wusste ich, dass weder fünfzig Cent noch fünfzig Euro etwas am Schicksal dieser Person ändern konnten.
Nur wegschauen konnte ich niemals.
Vielleicht lag es daran, dass ich selber ein paar Mal davor stand, auf die Straße gesetzt zu werden von meinen Eltern. Vielleicht konnte ich mir nur allzu gut vorstellen, mich in einer ähnlichen Situation zu finden.
Auf jeden Fall war es noch nicht so weit. Noch hatte ich Geld am Konto, die Abfindung, nachdem ich vor einem Monat gekündigt wurde. Die eine Hälfte des Geldes hatte ich, ziemlich selbstsüchtig, auf den Kopf gehauen. Ohne mit meinen Eltern zu teilen, die sich in einer schwierigen finanziellen Situation befanden. Stolz war ich nicht darauf, auch nicht auf die Tatsache, dass ich sie mit ihren Problemen alleine gelassen hatte und in eine eigene Wohnung gezogen war. Wenn man das Loch, in dem ich hauste, eine Wohnung nennen wollte.
Der Tag, an dem mir der Psychopath half, war ein kalter.
Winter ist der größte Mist, den die Natur jemals hervorgebracht hat, gleich neben der körperlichen Unverträglichkeit von Alkohol in großen Mengen.
Und bei der Kälte sprechen irgendwelche Bürospastis mit Ärschen auf beheizten Ledersesseln von Erderwärmung! Ja, wo bleibt die denn, bitte?
Aber gut.
Da man als Arbeitloser mit einigermaßen viel Geld ziemlich uneingeschränkt in seiner Freiheit und in der Langeweile ist, kann man es sich aussuchen, wie man seine Tage verbringt. Immer auf die gleiche Weise oder mit Abwechslung.
Das erste erschien mir vorteilhafter, weil man dabei nicht so viel nachdenken musste.
Wieder hatte ich bis zwei Uhr nachmittags geschlafen, hatte um halb vier meinen Arsch in die Stadt bewegt und war irgendwann vor der Dämmerung wieder heimgekommen.
Mein Aussehen war passabel, also konnte ich mir sogar eine hübsche Freundin anlachen. Eine, die gern herumfickte, aber nicht von Liebe sprach. Eine, mit der man sich besaufen konnte, ohne sie beim Kotzen stützen zu müssen.
Ihre Freunde waren zwar nicht meine, aber ich hatte nichts gegen die. So verbrachte ich also einige Wochen lang mein Leben, in miefigen Rockstuben, so wie die coolen Antihelden in den Hollywoodfilmen. Gab mir die Kante, fickte und wollte mit dem wahren Leben nichts zu tun haben. Und war trotzdem keinen Moment lang vollkommen glücklich.
Bis zu dem Tag, an dem mir der Psychopath half.
An dem Tag fuhr ich früher als sonst aus dem Zentrum raus, mit dem letzten Zug knapp nach Mitternacht. Natürlich war er fast leer, aber eben nur fast.
Außer mir war da noch eine Gruppe künstlich gebräunter und zu stark gegelter Typen.
Sie setzten sich an den Viererplatz genau gegenüber von meinem, deren Grimassen verrieten mir, was nun unweigerlich kommen würde.
Natürlich machten sie sich über mein Aussehen her. Meinen Stil. Nichts Neues, sie bezeichneten mich liebevoll als Punk, wobei ich mit diesen sozialen Absteigern nichts zu tun habe und hatte. Aber lange Haare gepaart mit einer Mütze, das ist doch Punk. Diese Leute wusste es mal wieder ganz genau.
Leider hatten sie sich eine Reaktion von mir erwartet. Entweder Beleidigt sein oder Weggehen. Beim ersteren würde die Verarsche nur noch übler werden. Beim zweiten würden sie mir folgen und einfach weitermachen.
Ich kaute bloß friedlich an meinem Chickenburger.
Scheinbar war diese dritte Option wohl die Falscheste. Die wollten unbedingt eine Reaktion von mir haben, deren Ausbleiben ließ diese hirntoten Versager und solariumsgebräunten Höhlenmenschen brünftig werden. Wie Hunde, denen der Knochen vorenthalten wird.
Schlussendlich saßen sie schon neben und gegenüber von mir, ihre Gesichter Zentimeter von meinem entfernt. Ich roch keinen Alkohol, was mich traurig machte.
Diese Leute waren tatsächlich nüchtern und bei vollem Bewusstsein so dumm wie andere kurz vor dem Koma nicht.
Mein Gesicht sollte nicht verraten, wie sehr ich diese Leute verachtete. Doch kurz, bevor ich aussteigen sollte, entglitt mir ein Lacher. Und zwar einer, der unmissverständlich ist und pures Mitleid, gepaart mit Herablassung, ausdrückte. Genau das hatten sie gewollt.
Einen Grund, um auf mich loszugehen. Eine Rechtfertigung vor sich selbst, schätze ich mal.
Als mich einer am T-Shirt packte, war es aus. Beleidigungen betreffend meiner Person, meiner Eltern und Sonstigem hatte ich noch schlucken können. Alles halb so wild aus miefenden Mündern von sackrasierten Arschhöhlengräbern. Aber niemand fasst mich blöd an.
Niemand.
Der neben mir bekam den rechten Ellenbogen ins Gesicht, den einen, der an meinem Leiberl gezogen hatte. packte ich mit der linken Hand am öltriefenden Schopf. Riss den selben nach hinten, woraufhin Mr. Schmalzlocke wie ein Mädchen im Stimmbruch aufquiekte. Beinahe zeitgleich damit griff ich dem diagonal Gegenübersitzenden mit der anderen Hand ins Gesicht und zog die Finger zusammen.
Nie hätte ich solche Aktionen von mir erwartet. Niemals hatte ich mich so etwas getraut. Selbst in Gedanken sah ich mich beim Verlieren solcher Kämpfe.
Doch scheinbar war mir wirklich alles egal geworden. Und wann kämpft man besser, als wenn man nichts zu verlieren hat?
Der Zug hielt an, ich rannte quer durch den Waggon, um durch die Türe des nächsten heraus zu springen. Sie waren hinter dicht hinter mir, meine Kondition ließ zu Wünschen übrig.
Eine Faust, zwischen meine Schulterblätter gerammt, brachte mich am Bahnsteig zu Fall.
Die Knie angewinkelt, die Unterarme vor dem Gesicht, erwartete ich den ersten Tritt. Weiterkämpfen hätte nicht wirklich Sinn gemacht. Zu groß und breit waren diese Typen, zu gut hatte die Faust gesessen.
Der erste Tritt ging in die Nierengegend, äußerst schmerzhaft. Für Intelligenz und Individualität wird man auf jedem Meter dieser verfluchten Welt bestraft.
Der zweite sollte mich in der Leistengegend treffen, blieb aber am Knie hängen. Zum Dritten kam es nicht.

II. Gerettet werden

Was sollte das? War die Polizei gekommen? So schnell hätte die keiner rufen können, der ganze Vorfall dauerte knapp ein oder zwei Minuten. Vielleicht waren die Bullen zufällig in der Nähe gewesen?
Sicherheitshalber machte ich meine Deckung erst nach etwa zehn Sekunden auf, und sah aus dem Augenwinkel, wie die Muskelmänner davonrannten. Nein, sie staksten mehr davon, die viel zu eng sitzenden Hosen hinderten sie am richtigen Laufen.
Vorsichtig stützte ich mich mit beiden Händen ab und richtete den Oberkörper auf.
Mir bot sich ein groteskes, aber göttliches Bild.
Der Obdachlose stand vor mir, ein Mittvierziger, den man dem Gesicht nach auch gut auf sechzig hätte schätzen können. Sein ehemals hellgrauer Anzug war stark zerknittert, dafür aber relativ sauber. Relativ, für einen Penner.
In der rechten Hand hielt er eine abgebrochene Eisenstange, die vom verrosteten Bahnhofsgeländer hätte stammen können. Die arg strapazierte Ledertasche hielt er unter der linken Achsel festgeklemmt, und da musste ich kurz schmunzeln.
Wie herrlich musste er ausgesehen haben, die Eisenstange schwingend, während er sein "Baby" hinter seinem Rücken hielt, es vor den Übeltätern beschützte?
Warum hatte er mir geholfen? Ein Gutmensch? Für gewöhnlich sind es ja die gutgläubigen und naiven Menschen, die auf der Straße landen.
In dem Moment spielte das für mich keine Rolle. Im Vergleich zu dem, was hätte sein können, war ich noch toll davongekommen. Beinahe ideal.
Doch die Tracht Prügel, verbunden mit einem kurzen Spitalsaufenthalt, hätte mir weniger geschadet als das, was in der Folge auf mich zukommen sollte.
Sachte blickte ich mich um, mein Rücken tat weh, und suchte nach meiner Kappe. Die ich schnell fand und auch gleich aufsetzte.
Mein heruntergekommener Retter hielt mir die Eisenstange hin, an der ich mich scheinbar hochziehen sollte. Diesmal verweigerte ich nicht die Reaktion und tat es auch, wobei mir ein wenig Rast am kühlen Bahnsteigbeton nicht schlecht bekommen wäre.
Da stand ich dem Menschen nun gegenüber und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Im Augenwinkel sah ich die Reklame des Bahnhofsimbiss leuchten, die ich bis dahin nie besucht hatte, obwohl ich satte zwölf Jahre lang schon in dem Ort lebte.
Dieser Moment erschien mir jedoch merkwürdig und seltsam genug, um das zu ändern.
Natürlich bedankte ich mich für die Hilfe, trotzdem brachte ich es nicht über mich, dem Mann die Hand zu geben. Und ich hatte es als niedrig betrachtet, die Geldbörse zu zücken und ihn mit einem Schein abzuspeisen. Also lud ich ihn auf ein Bier ein.

III. Freundschaft?

Irgendwie rechnete ich mit einer Absage, ich hoffte, er würde sich einfach umdrehen und einen auf "einsamer Wolf" machen, so wie die stolzen Penner in den Hollywoodfilmen.
Würde gehen und kein weiteres Wort sprechen.
Das Leben ist nicht Hollywood, genausowenig war dieser Obdachlose hier eine dieser mysteriösen Gestalten war. Natürlich wollte er Bier.
Der bärtige Verkäufer, dessen aufgedunsenes Gesicht verriet, dass er wohl auch Bier in Unmengen gern hatte, schob zwei Dosen über den Tresen.
So saßen wir dann da, auf den hölzernen Dielen der Bahnsteigüberführung und tranken. Am Anfang war mir das Ganze ziemlich unangenehm, genauer gesagt, eigentlich wollte ich mit dem Mann nichts zu tun haben. Aber ich wollte nicht einfach so gehen, ein Bier mit ihm zu konsumieren erschien mir noch das Mindeste, was ich tun konnte.
Irgendwie fingen wir, als ich das grausige Dosengebräu zur Hälfte runter hatte, zu reden an. Zuerst sprachen wir kurz über den Vorfall mit den drei Proleten, danach über das Leben allgemein. Nach zwei Stunden und vier weiteren Bier stellte ich fest, dass mir da ein hochintelligenter Mensch gegenübersaß. Einer, den das Leben hatte hoch fliegen und tief fallen lassen. Jemand, der einfach den falschen Leuten vertraut hatte. Den seine Leichtgläubigkeit hatte brutal am Grund aufschlagen lassen, der daran aber nicht zerbrochen war.
Außerdem hatte ich mich getäuscht, er war kein Börsenheini, sonder Vertreter gewesen.
Irgendwie kam es mir so vor, als ob dieser Mensch noch viel richtiger tickte als ich selber. Als ob er sich trotz seiner Lage sicher war, dass es bald besser laufen würde. So sicher war ich mir bei mir schon lang nicht mehr.
Wir sprachen über Frauen und machten sie schnell als die Quelle allen wahren Übels für den gemeinen Mann aus. Mein Scheitern beim Versuch, ein Mädchen, das mich liebt, zu finden, hatte einen ewig mies gelaunten und in Folge dessen einsamen Menschen aus mir gemacht. Mit starker Zuneigung zu Alkohol und Abneigung gegen die Realität.
Aus ihm hatte eine Frau einen Sandler gemacht, indem sie ihn samt Kindern verlassen hatte, um mit ihrem neuen Ficker in einem anderen Bundesland zu leben. Auch er war vorher ein fröhlicher, weltoffener Mensch gewesen. Auch er hatte oft den Trost am Boden diverser Flaschen vermutet, musste sie alle trocken legen, nur um ihn nicht dort zu finden.
Schon öfters konnte ich mit Menschen, die ich nur kurz kannte, sehr gut reden. Aber dass ich mit einem, da kann man nach wohlwollenden Definitionen suchen oder nicht, Penner, stundenlang über privateste oder irrelevanteste Dinge würde labern können, hätte ich nicht für möglich gehalten.
An den darauffolgenden Abenden sollte ich, mangels anderweitiger Beschäftigung, ebenfalls in großartigen Gesprächen auf der Bahnhofstreppe verbringen. Vielleicht mochte ich ihn ja, Harald war sein Name. Wahrscheinlich saß ich nicht nur am Bahnhof, weil ich keine Alternative hatte, wie ich mir einredete.
Ein so rational und vernünftig denkender Mensch wie Harald war mir selten untergekommen. Nach einer Woche hielt ich es für angebracht, ihn zu mir einzuladen. Warum sollte er draußen schlafen, wenn meine Wohnung ohnehin zum Gähnen leer war?
Außerdem hatte ich so und so nicht vor, zu Schlafen, sondern die Welt in alle Einzelteile zu sezieren, in endlosen Gesprächen. Wie dumm ich doch war.
Zwar blickte er mich verwundert an, als ich ihm den Vorschlag unterbreitete, doch natürlich stimmte er zu. Offensichtlich hielt er mich genauso für einen Spinner wie ich ihn, was wohl auch der Grund war, warum wir so gut miteinander auskamen.
Und natürlich hätte er das Angebot von IRGENDWEM angenommen, nur um einmal nicht draußen schlafen zu müssen.

IV. Eine Nacht, die mein Leben veränderte

Natürlich soffen wir daheim bei mir, während wir über jeden möglichen und unmöglichen Scheiß diskutierten. Obwohl ich es selber als erbärmlich und höchst bedenktlich empfand, konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken: Harald war so, wie ich mir einen Vater gewünscht hätte. Verstand von Sport viel mehr als ich, was schwer war. Noch mehr verstand er von Frauen, obwohl ich auch kein Anfänger war. Aber das wichtigste war, dass er sein Wissen gern und ohne Vorbehalt mit mir teilte und mir selber auch gern zuhörte.
So sehr ich mich auch dagegen sträubte, er war mein bester Freund geworden. Einer, der schon ganz unten war und keinen Ausweg sah. Von ihm fühlte ich mich verstanden.
Zu dieser Zeit wurde in unserem Ort ein Mädchen vergewaltigt.
Die Polizei unseres Bezirkes ist, rein nüchtern und statistisch betrachtet, eine der uneffektivsten des ganzen Bundeslandes. Auf dieses Faktum war die immer höher werdende Anzahl von Waffenbesitzern in Wien Umgebung zurückzuführen, unzweifelhaft. Der Glaube an die blauen Jungs war noch nie so niedrig wie in den letzten Jahren, die Übergriffe durch Ausländer diversester Kolorisation noch nie so häufig.
Klar diskutierte ich diese Vorfälle ausgiebig mit meinem Leidensgenossen.
Ein wenig wunderte es mich, dass er sich immer wieder zu Bemerkungen hinreißen ließ, die den Vergewaltiger eher in Schutz nahmen, denn ihn verteufelten. Für mich waren solche Menschen nur Vieh, das abgeschlachtet gehört, da es durch ein solches Verbrechen jegliches Existenzrecht eingebüßt hatte. Sich an Schwächeren, noch dazu an Frauen, zu vergreifen, war zu niedrig. Obwohl ich selber nicht gut auf dieses Geschlecht zu sprechen war, liebte ich es doch. Frauen sah ich wie Votka. Das pure Übel, aber heilig.
Dadurch litt meine Freundschaft zu Harald, doch ich konnte sie deswegen doch nicht beenden. Sonst hatte ich ja niemanden.
Mittlerweile war ich durch die lange Zeit der Arbeitslosigkeit als Mensch völlig verwahrlost und ziellos, also nicht weit davon entfernt, wie mein Kumpane zu enden. Mein Erspartes neigte sich dem Ende zu, für die nächste Monatsmiete würde es nur dann reichen, wenn ich mir keine Zigaretten und keinen Alkohol mehr kaufen würde. Klar müsste ich selbst in dem Fall von Wasser und Brot leben.
Innerhalb der darauffolgenden Woche passierten zwei weitere Vergewaltigungen, was die Bewohner unserer Gemeinde in einen bislang ungesehenen Schockzustand versetzte. Mittlerweile bekam man nach Sonnenuntergang kein einziges Mädchen mehr zu sehen, was dem an sich schon hässlichen Ort das letzte Fünkchen Schönheit nahm.
Und irgendwann kam auch der Tag, an dem auch Harald verschwand.
Einfach so, er klopfte nicht mehr zu Mittag an meine Wohnungstür, am Bahnhof war er auch nicht mehr zugegen. Natürlich überraschte mich das nicht, immer wieder hatte er gesagt, dass er unserem Ort den Rücken kehren und versuchen würde, in der Stadt Fuß zu fassen. Wieder ein geregeltes Leben zu führen. Genau so wenig wie mir hatte ich es ihm zugetraut. Doch scheinbar wollte er es versuchen. Nun war ich also wieder alleine, eine bittere Erkenntnis. Nicht mal ein Obdachloser hielt es mit mir aus.
Dafür schaffte ich mir eine Flasche sauteuren Votka an, deren Inhalt sich umgehend in meinem Kreislauf wiederfand. Pfeiff auf die Miete!
Am nächsten Tag, welcher auch immer es war, klingelte es bei mir. Im Kopf, als Folge meines Besäufnisses, aber auch an der Tür. Es schockte mich schwer, denn ich konnte mir niemanden vorstellen, der mich hätte sehen wollen.
Die Polizei. An sich muss man sich schon anständig betrinken, um dadurch schlechter sehen zu können, doch scheinbar hatte ich es hinbekommen. Doch dass es ein Polizist war, dem ich geöffnet hatte, erkannte ich noch allemal.
Kurze Zeit später fand ich mich in der guten Polizeistube, mit nichts weiter bekleidet als meiner hellblauen Boxershorts und einem strapazierten, alten T-Shirt.
Warum ich dort hingebracht wurde, wollte mir keiner sagen. Doch ich wurde eben höflich gebeten, mitzukommen, und ich schlage nette Einladungen fast nie aus.

V. Die Wendung oder Wie blöd kann ein Mensch eigentlich sein?

Der Ton, den die Beamten einschlugen, vertrieb den Nebel in meinem Kopf von einer Stunde auf die andere. Schrittweise erfasste ich die Situation.
An der Wand hingen drei Photos, vor mir lagen am Tisch drei Plastiksäckchen, in denen jeweils eine Haarsträhne eingetüten war. Dazu all die Fragen, die mir von diesen Leuten gestellt wurden...
Sie verdächtigten mich! Sie verdächtigten mich, die drei Mädchen vergewaltigt zu haben!
Unweigerlich fing ich an zu lachen. Natürlich wusste ich, dass das keinen guten Eindruck hinterließ, nicht in meiner Lage. Doch ich musste.
Mir war klar, dass sie diese Haare in meiner Wohnung gefunden hatten. Ich wusste, dass sie dort waren. Harald hatte gemeint, sie stammten von seinen Kindern, er hätte sie immer bei sich. Klar hatte ich das komisch gefunden. Aber ich selber habe BH's von meinen Ex-Freundinnen gesammelt und dachte mir nichts dabei. Ich Trottel.
Dabei wollte ich sie doch wegschmeißen, ich dachte, der Penner hätte sie doch tatsächlich unsabsichtlich bei mir liegen lassen, vergessen. Alles klar.
Ein großgewachsener, hagerer Typ mit Schnauzbart schrie mich an.
Was für ein Prachtexemplar eines Bullen, musste ich mir denken. Der flößte einem wirklich Respekt ein. Außerdem gab er mir zu verstehen, was für ein Abschaum ich doch sei, was seine Kollegen nicht verhindern konnten, oder wollten. In diesem Raum wurde ich von allen gehasst, was für mich nichts Neues war.
Klarerweise hatte ich für keine der Tatzeiten ein Alibi, da ich ja keine Freunde hatte, die mir eines hätten geben können. Außer Harald, diesem Arschloch, dieser verkappten Hure, die mich ärger ausgenutzt hatte, als jemals jemand zuvor. Und dabei dachte ich, dass ich gar nicht zu gebrauchen wäre, da ich mich allgemein im Leben als nutzlos erwiesen hatte.
Doch als Sündenbock konnte ich noch allemal herhalten. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass ich meine Unschuld niemals beweisen konnte. Die Geschichte mit dem Obdachlosen, der mein Freund wurde, würden mir die hier niemals abkaufen. Das würde ich ja nicht einmal selber, wenn ich an deren Stelle wäre. Außerdem waren die ja heilfroh, endlich mal einen Fall geklärt zu haben, dazu noch in Rekordzeit.
Sollte ich gestehen und Reue vorgaukeln, um vor Gericht auf mildernde Umstände hoffen zu können? Oder sollte ich bei der Wahrheit bleiben, Ihnen die ganze Geschichte mit dem tollen Sandler erzählen, meinem Retter und letztem Kumpel? In dem Fall würde ich vielleicht als geistesgestört oder shizophren abgestempelt werden, und würde die nächsten Jahre in einer Klinik versumpern müssen. Was nicht übler sein müsste als Knast.
Immer, wenn ich zwei Möglichkeiten hatte, von denen beide gleich scheiße waren, suchte ich mir eine dritte. Oft war das unmöglich gewesen. Doch nicht in dieser Situation.
Der Bulle neben mir bekam den rechten Ellenbogen ins Gesicht, den einen, der mich angeschrien hatte. packte ich mit der linken Hand am lichte gewordenen Schopf. Riss den selben nach hinten, woraufhin Mr. Baldglatze wie ein Mädchen im Stimmbruch aufquiekte. Beinahe zeitgleich damit griff ich dem diagonal Gegenübersitzenden mit der anderen Hand ins Gesicht und zog die Finger zusammen.
Nun war mir tatsächlich alles egal. Mit einem Sprung war ich bei der Tür, die von diesen Idioten nicht verriegelt worden war. Ein paar weitere Sprünge über die Stufen brachten mich ins Ergeschoss. Das Adrenalin verdrängte die letzten Reste meines Katers und ließ mich athletischer werden, als ich es während meiner Zeit als Amateurfußballer jemals gewesen war. Die Zeit war lange vorbei, und nun rannte ich nicht Bällen hinterher, sondern Bullen davon.
Natürlich kam ich nicht weit.
Die Situation hier ließ mich an die mit den drei Proleten denken, die mich im Zug malträtiert hatten. Damals hatte mich Harald aus der Scheiße gezogen, nur um mich noch tiefer hineinstoßen zu können. Ich war sein Opfer. Er hatte mich gerettet und sich somit das Recht eingeräumt, mich auszunutzen.
Niemals hätte ich mir gedacht, dass eine Kugel so sehr wehtun kann. Klar, dass es schmerzhaft sein müsste, von so einem Projektil infiltriert zu werden, hatte ich mir denken können. Aber nicht SO schmerzhaft. Wieder lag ich da, und wieder waren da drei Kerle, die mir ans Leder wollten. Diesmal würde mich keiner retten.
Vielleicht war das auch gut so, denn dadurch konnte ich nicht abermals und noch tiefer in die Scheiße getrieben werden.
Der erste Tritt ging in die Nierengegend, äußerst schmerzhaft.
Den Rest erzähle ich euch nicht, um euren Respekt vor der Exekutive der Staatsgewalt nicht zu zerstören, das könnte ich mir nicht verzeihen. Alles andere, vor allem meine Dummheit und Armseligkeit, schon.

 

Hallo Antti!

Na, das wird ja schon viel besser. :) Inhaltlich steckt da eine nachvollziehbare Geschichte drin und lesen läßt sie sich auch viel flüssiger als Deine bisherigen Texte. Ab da, wo der Protagonist den Obdachlosen kennenlernt, fand ich sie sogar richtig spannend und da hatte sie auch ein wenig Tiefgang. – Weiter in diese Richtung! :)

Ein paar Dinge gefallen mir persönlich aber nicht: Da ist zum Beispiel die sich durch alle Deine Geschichten ziehende Gewalt. Gut, die Szene in der Bahn ist nötig, damit Harald einen Grund hat, dem Protagonisten zu helfen, wobei Du da auch noch kürzen könntest; aber warum reagiert er am Schluß auf der Polizei so? – Du schreibst zwar, daß er sich immer, wenn er zwei Möglichkeiten hat, für die dritte und falscheste entscheidet, das macht er ja auch in beiden Fällen, aber warum geht das nicht auch mal subtiler, warum immer gleich solche brutalen Szenen? Und wenn er sich dessen schon bewußt ist, warum sucht er nicht auch mal nach Ursachen dafür?
Was mir außerdem nicht gefällt, ist die Art, wie Dein Protagonist über alle anderen schimpft. Besonders stört mich dabei die Bezeichnung »Proleten« für die drei Schläger aus der Bahn; gerade, wo Dein Protagonist sich selbst seiner Intelligenz und Individualität rühmt, sollte er eigentlich wissen, was der Begriff tatsächlich bedeutet.
Und dann war da noch:

Die Polizei unseres Bezirkes ist, rein nüchtern und statistisch betrachtet, eine der uneffektivsten des ganzen Bundeslandes. Auf dieses Faktum war die immer höher werdende Anzahl von Waffenbesitzern in Wien Umgebung zurückzuführen, unzweifelhaft. Der Glaube an die blauen Jungs war noch nie so niedrig wie in den letzten Jahren, die Übergriffe durch Ausländer diversester Kolorisation noch nie so häufig.
Recherchierst Du in der Kronen-Zeitung? :p ;)

Noch hatte ich Geld am Konto, die Abfindung, nachdem ich vor einem Monat gekündigt wurde.
[…]
Da man als Arbeitloser mit einigermaßen viel Geld ziemlich uneingeschränkt in seiner Freiheit und in der Langeweile ist,
Du warst noch nicht arbeitslos, gell? ;-)
Also eine Abfindung ist das Entgelt für den noch offenen Urlaub, und auf den Austrittspapieren steht drauf, für wie viele Tage er eine solche bekommen hat. Genau für diese Anzahl an Tagen bekommt Dein Protagonist kein Arbeitslosengeld, d. h., die Urlaubsabfindung ist das, wovon er in dieser Zeit leben muß.
Evtl. könnte er aber einen aliquoten Anteil der Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld) bekommen haben, wobei das selten mehr als ein halbes Monatsgehalt ausmacht, also von »viel« weit entfernt ist.


Schlaf gut und stirb nicht
Ähm, sollte das ein zweiter Titel sein oder konntest Du Dich nicht so recht entscheiden? Also ich finde den
Wenn du denkst, es geht nicht weiter hinunter, lass dich vom Leben überraschen!
… besser, allerdings würde ich statt »nicht weiter hinunter« »nicht mehr tiefer« schreiben. Mit »Schlaf gut und stirb nicht« hat die Geschichte ja eigentlich nicht viel zu tun. ;-)

Wie gesagt: Weiter so, die Geschichte ist schon viel besser als Deine Erstlinge. :)

Ein paar Anmerkungen noch:

»der unter dieses Umständen noch toll erhaltene Anzug«
– diesen

»viel zu strapaziert und gezeichnet, als das er mit ihr noch einmal«
– als dass

»Das erste erschien mir vorteilhafter,«
– Das Erste

»So verbrachte ich also einige Wochen lang mein Leben, in miefigen Rockstuben,«
– keinen Beistrich nach »Leben«

»Sie setzten sich an den Viererplatz genau gegenüber von meinem, deren Grimassen verrieten mir,«
– ihre Grimassen

»Natürlich machten sie sich über mein Aussehen her.«
– ich würde eher sagen »machten sie sich über mein Aussehen lustig.«

»Diese Leute wusste es mal wieder ganz genau.«
– wussten

»Entweder Beleidigt sein oder Weggehen. Beim ersteren würde«
– Entweder beleidigt sein oder weggehen. Beim Ersteren

»deren Ausbleiben ließ diese hirntoten Versager und solariumsgebräunten Höhlenmenschen brünftig werden. Wie Hunde, denen der Knochen vorenthalten wird.«
– solariumgebräunten ohne s
– Werden Hund brünftig, wenn man ihnen den Knochen vorenthält? ;-)

»Doch kurz, bevor ich aussteigen sollte«
– keinen Beistrich nach »kurz«
– statt »sollte« würde ich »wollte« schreiben

»Und zwar einer, der unmissverständlich ist und pures Mitleid, gepaart mit Herablassung, ausdrückte.«
– »ist und pures« würde ich streichen und die Beistriche kannst Du Dir sparen: der unmissverständlich Mitleid gepaart mit Herablassung ausdrückte. (Wenn etwas pur ist, kann es nicht mit etwas anderem gepaart sein.)

»Beleidigungen betreffend meiner Person, meiner Eltern und Sonstigem hatte ich noch schlucken können.«
– betreffend meine (ohne r) Person; und ich denke, Du meinst »hätte« statt »hatte«
– Schöner fände ich aber: Mich oder meine Eltern betreffende Beleidigungen hätte ich …

»Der neben mir bekam den rechten Ellenbogen ins Gesicht, den einen, der an meinem Leiberl gezogen hatte. packte ich mit der linken Hand am öltriefenden Schopf.«
– nach »Gesicht« würde ich einen Punkt machen, und nach »hatte« ist einer, der da nicht hingehört

»Beinahe zeitgleich damit griff ich dem diagonal Gegenübersitzenden mit der anderen Hand ins Gesicht und zog die Finger zusammen.«
– »damit« kannst Du streichen
– Ist es eigentlich Absicht, daß Du am Schluß bei den Polizisten die gleiche Beschreibung verwendest wie hier?

»ich rannte quer durch den Waggon, um durch die Türe des nächsten heraus zu springen.«
– hinauszuspringen

»Sie waren hinter dicht hinter mir, meine Kondition ließ zu Wünschen übrig.«
– das erste »hinter« ist zuviel
– zu wünschen übrig

»Weiterkämpfen hätte nicht wirklich Sinn gemacht.«
– Sinn gehabt

»Zum Dritten kam es nicht.«
– da es sich noch auf den Tritt bezieht, klein: dritten

»Relativ, für einen Penner.«
– nach dem österreichischen »Leiberl« würde ich typisch deutsche Ausdrücke wie den »Penner« weglassen und stattdessen bereits hier z. B. den »Sandler« verwenden, für den Du Dich ja auch später im Text entschieden hast.

»Im Augenwinkel sah ich die Reklame des Bahnhofsimbiss leuchten, die ich bis dahin nie besucht hatte,«
– die Reklame hat er nie besucht?

»Das Leben ist nicht Hollywood,«
– das würde ich irgendwie weglassen

»Der bärtige Verkäufer, dessen aufgedunsenes Gesicht verriet, dass er wohl auch Bier in Unmengen gern hatte, schob zwei Dosen über den Tresen.«
– Vorschlag: »trank« statt »gern hatte«
– Du machst da einen ziemlichen Sprachen-Mischmasch; »über die Bar« statt »über den Tresen«.

»Nach zwei Stunden und vier weiteren Bier stellte ich fest,«
– vier weiteren Dosen Bier

»Den seine Leichtgläubigkeit hatte brutal am Grund aufschlagen lassen«
– das »hatte« gehört nach hinten

»Auch er hatte oft den Trost am Boden diverser Flaschen vermutet, musste sie alle trocken legen, nur um ihn nicht dort zu finden.«
– Toller Satz, aber »nicht« und »dort« würde ich vertauschen: nur um ihn dort nicht zu finden.

»Obwohl ich es selber als erbärmlich und höchst bedenktlich empfand,«
– »selber« ist überflüssig, würde ich streichen

»Aber das wichtigste war, dass er sein Wissen gern und ohne Vorbehalt mit mir teilte und mir selber auch gern zuhörte.«
– das Wichtigste
– zumindest das »selber« kannst Du streichen, evtl. aber auch das »mir«: »und auch gern zuhörte« reicht doch

»Auf dieses Faktum war die immer höher werdende Anzahl von Waffenbesitzern in Wien Umgebung zurückzuführen, unzweifelhaft.«
– Abgesehen davon, daß ich von »Die Polizei unseres Bezirkes« bis »noch nie so häufig« alles streichen würde: das »unzweifelhaft« macht sich besser zwischen »war« und »die«.

»Frauen sah ich wie Votka.«
– Vodka oder auch Wodka

»Und irgendwann kam auch der Tag, an dem auch Harald verschwand.«
– besser eins der beiden »auch« streichen

»Dafür schaffte ich mir eine Flasche sauteuren Votka an,«
– wie oben

»Pfeiff auf die Miete!«
– Pfeif

»Der Ton, den die Beamten einschlugen, vertrieb den Nebel in meinem Kopf«
anschlugen

»vor mir lagen am Tisch drei Plastiksäckchen, in denen jeweils eine Haarsträhne eingetüten war.«
– am Tisch vor mir
– *g* eine Tüte ist bei uns, im Gegensatz zu Deutschland, ein unten spitz zulaufendes Papiersackerl, ein Stanitzel, oder eine Schultüte. Solche Sackerl verwenden die Polizisten aber nicht, die haben die Maroni-Verkäufer und die Marktstandler. ;-) Und es reicht sowieso: in denen jeweils eine Haarsträhne war. Oder »in denen sich jeweils eine Haarsträhne befand«.

»Dazu all die Fragen, die mir von diesen Leuten gestellt wurden...«
– Leertaste vor die drei Punkte

»Was für ein Prachtexemplar eines Bullen, musste ich mir denken. Der flößte einem wirklich Respekt ein. Außerdem gab er mir zu verstehen, was für ein Abschaum ich doch sei, was seine Kollegen nicht verhindern konnten, oder wollten. In diesem Raum wurde ich von allen gehasst, was für mich nichts Neues war.«
– 4 x »was«, davon 3 x mit »für«

»Oder sollte ich bei der Wahrheit bleiben, Ihnen die ganze Geschichte«
ihnen

»vielleicht als geistesgestört oder shizophren abgestempelt werden,«
– schizophren

»ließ mich athletischer werden, als ich es während meiner Zeit als Amateurfußballer jemals gewesen war.«
– gewesen bin


Liebe Grüße,
Susi :)

 

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