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Novelle Wenn Hasen sterben

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29.10.2020
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Anmerkungen zum Text
Ursprünglich sollte die nachfolgende Geschichte eigentlich gar keine richtige Geschichte werden, sondern eine Grundstory für ein Schattentheaterstück.
Im Laufe des Schreibprozesses, musste ich jedoch erkennen, dass es nicht bei zwei, drei Seiten bleiben würde. Die Möglichkeit, eine eigene kleine Welt zu
erschaffen (Hallo Gottkomplex) - inklusive verschiedener Charaktere und
Handlungsstränge - übermannte mich schlicht und ergreifend, und so verlor ich mich zwischen den Worten und tauchte erst wieder auf, als die
Geschichte, zumindest ein vorläufiges, Ende fand. Erschöpft aber zufrieden, schicke ich meine Geschichte nun also auf den Weg, den jede Geschichte zu gehen hat - raus in die weite Welt, um gelesen, gehört oder erzählt zu werden.

Wenn Hasen sterben

Kapitel 1

Hasen sind nicht für ihren Mut bekannt - im Gegenteil. Hasen verbringen einen Großteil ihres Lebens in stetiger Angst, vor allem und jedem der ihnen gefährlich werden könnte - und seien wir ehrlich - Gefahren gibt es für Meister Lampe zur Genüge.
Ganz anders verhält es sich jedoch mit Hasen die das große Wunder, welches wir Leben nennen, hinter sich gelassen haben, um im Totenreich ihr Dasein zu fristen. Tatsächlich findet man in den düsteren Ebenen der Nachwelt wenig Kreaturen, die tapferer und waghalsiger sind als unsere großohrigen Freunde. Die genauen Gründe hierfür bereiteten den Nekrologen schon seit Äonen Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte (schlaflose Nächte natürlich nur im übertragenden Sinne, denn schließlich ist Schlaf, so ziemlich das letzte was die Toten benötigen). Eine These besagt, dass die Quelle ihres Mutes eine simple Kompensation ihrer angsterfüllten Existenz zu Lebzeiten ist - oder vielleicht wollen sie auch einfach nicht, dass sie jemand Angsthase nennt.
Welcher Grund es auch sein mag - unter all den verwegenen Hasen gab es einen, der verwegener und furchtloser als alle anderen war. Und von diesem handelt folgende Geschichte...

Es war ein Tag wie jeder andere - mit dem Unterschied, dass es im Totenreich keine richtigen Tage gab - eher verschiedene Abstufungen von grauem Zwielicht. Davon abgesehen war alles ganz normal. Das Jaulen der Schattenwölfe läutete das ein, was wir noch nicht Verstorbenen, allgemein als Morgenstunde bezeichnen würden, während das Rascheln von dünnen Spinnenbeinchen auf nacktem Stein das Morgengrauen begrüßte.
Asrael stemmte die knochigen Pfoten in die noch knochigeren Hüften, und ließ geräuschvoll die nicht weniger knochigen Halswirbel knacken. Da er mittlerweile schon mehr Zeit damit verbracht hatte tot zu sein als lebendig, ging ihm dieses Ritual bereits wortwörtlich in Mark und Bein über.
Asrael hieß nicht immer so. Als er noch flauschiges Fell und einen Puls hatte, nannte man ihn die meiste Zeit über Puschel. Sicher ein sehr klangvoller Name, zumindest in den Augen eines kleinen Menschenkindes, doch, wie es sich gezeigt hatte, denkbar ungeeignet, um im Reich der
Toten für Aufsehen zu sorgen.
So also machte sich Asrael, ehemals Puschel, an sein morgendliches Training, welches für gewöhnlich darin bestand, die verwitterten Grabsteine mit seinem Schwert zu malträtieren, wobei er wehmütig an zukünftige Heldentaten dachte. Parade - Finte - Ausfallschritt! Asrael fühlte sich heute in Höchstform, wie er mit lässiger Routine einen Steinkoloss nach dem anderen zu Fall brachte. Gerade als er zum finalen Schlag ansetzte, um auch den letzten Stein zu meucheln, fing eben jener Stein an, sich gemächlich in Bewegung zu setzen. Asrael staunte nicht schlecht, schließlich waren die örtlichen Grabsteine nicht für ihre Bewegungsfreude bekannt. Da Asrael nicht nur außergewöhnlich tollkühn, sondern auch ausgesprochen neugierig war, folgte er dem Stein, der sich zwar äußerst langsam, aber dennoch zielstrebig, auf einen kleinen Tümpel zu bewegte.

Dort angekommen verharrte der Stein in erwartungsvoller Stille. Asrael war kein Hase der sich leicht aus der Fassung bringen lies, musste jedoch feststellen, dass ihn die Situation ein wenig überforderte. Um zumindest den Anschein zu erwecken alles im Griff zu haben, ergriff Asrael die Initiative, und richtete das Wort an sein steiniges Gegenüber.

„Weißt du? Das was du gerade gemacht hast, das machen Steine eigentlich nicht. Ich hoffe dir ist klar, dass wir alle hier sehr verwundert über dein Verhalten sind“, sagte Asrael und machte eine ausladende Armbewegung, die „Alle“ miteinbezog. Alle waren in diesem Fall eine dicke, überhaupt nicht verwundert aussehende Kröte, die es sich ebenfalls im Tümpel gemütlich gemacht hatte. Asrael aber hatte seinen Standpunkt klargemacht. Gerade als er sich abwendete, begann der wunderliche Stein zu bröckeln, und ein kleiner Kopf schälte sich aus der unförmigen Masse. Zwei kleine, stechende Augen musterten Asrael mit abschätzigem Blick. „Nur ein Trottel würde auf den Gedanken kommen, mich mit einem Stein zu verwechseln“, sprach das Wesen mit knarziger Stimme, „Mich, Archimedes Anshelm von und zu Totenburg, letzter einer Ahnenreihe, die direkt von den Sauropoden abstammt (in einem früheren Leben hieß er Sunny, und war die schnellste Schildkröte im Streichelzoo, aber das soll uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen). Es stimmt wohl, was man über euch junge Leute sagt. Kein Respekt mehr vor Alter und Weisheit. Wäre ich 500 Jahre jünger, würde ich dir jetzt die Ohren lang ziehen. Erfreulicherweise hat das wohl schon jemand für mich erledigt“, giftete Archimedes den verdutzten Asrael an. „Es tut mir leid Väterchen“, erwiderte Asrael, der sich verlegen über die Ohren strich. „Eigentlich wollte ich ja nur trainieren um...“„Ah natürlich, noch so ein Gernegroß, der jetzt, wo er tot ist, glaubt, der große Fuchs im Hühnerstall zu sein. Solche wie dich habe ich zu Hunderten kommen und gehen sehen, und sie alle waren immer auf dasselbe aus, Ruhm, Macht, und natürlich die Rettung der versunkenen Prinzessin. Idioten, allesamt!“

Asraels gut geschulte, aber leider auch sehr selektive Wahrnehmung filterte lediglich die Worte „Rettung“, „Ruhm“ und „Prinzessin“ aus Archimedes Standpauke. Auf unseren Möchtegern-Helden hatten diese Worte eine ähnliche Wirkung wie eine Zuckerstange auf einen Dreijährigen, soll heißen - sein Geist stand in Flammen. „Sag schon Väterchen, was hat es mit dieser Prinzessin auf sich, und, noch viel wichtiger, wo kann ich sie finden?“ Sprach Asrael, der vor lauter Vorfreude auf der Stelle hopste.

„Gemach gemach, junger Tunichtgut“, sprach Archimedes. „Du glaubst doch nicht, dass ich dich einfach so in dein Verderben laufen lasse? Da kamen schon ganz andere als du, und jetzt rate mal, wie viele zurückgekehrt sind?“ Asrael setzte gerade zur Antwort an, als Archimedes ihm das Wort abschnitt. „Bababababa! Das war eine rhetorische Frage, du Armleuchter! Natürlich ist keiner zurückgekehrt. Diejenigen, die auf dem Weg scheiterten, haben es noch gut erwischt - ganz im Gegensatz zu den armen Tölpeln, die nun der Prinzessin am Grunde des Sees Gesellschaft leisten. Ich möchte dir ganz entschieden davon abraten dieses Abenteuer einzugehen - denn es wird ohne Wiederkehr sein.“ Bedeutungsschwanger schwebten die Worte der alten Schildkröte in der Luft, die zum Zerreißen gespannt schien. Archimedes war sich bewusst, dass er einen hervorragenden Sinn für Dramatik hatte, nur leider suchte man ein solches Gespür bei Asrael vergebens. „Jaaa klar“, sagte Asrael.
„Okay ich habs verstanden. Meine Vorgänger hatten also nichts auf dem Kasten, und jetzt suchst du jemanden, der die Prinzessin aus dem See holt, und ganz ehrlich, den Gefallen tu ich dir gern, alte Kröte. Sag mir nur wo ich hin muss, und du kannst die Sache als erledigt betrachten.“ Asrael klopfte sich selbstsicher auf die schmale Brust, und blickte Archimedes erwartungsvoll an.
Archimedes gab einen resignierenden Seufzer von sich, und schüttelte mitleidig den Kopf. „Nun gut. Ich wusste ja, dass ihr Langohren die Weisheit nicht gerade mit Löffeln gegessen habt“ - er machte eine künstlerische Pause, um dem eingeflochtenen Wortwitz zur verdienten Geltung zu verhelfen - vergebens, wie sich nach einer Minute peinlichen Schweigens, und einem immer noch interessiert schauenden Asrael herausstellte.
„Wie dem auch sei“, knüpfte Archimedes an, „wenn du wirklich bereit bist, dein Nachleben einfach so wegzuwerfen, werde ich dir nicht im Weg stehen. Die Prinzessin die du suchst befindet sich am Grund des Finstersees. Dort dürfte sie jetzt schon einige hundert Jahre lang ausharren, und glaube mir Jungchen... Das ist kein Ort der zum Verweilen einlädt. Der See trägt seinen Namen zurecht. Nicht nur das Wasser ist finster, die Kreaturen die sich dort herumtreiben sind es nicht minder. Und erst der Weg dahin!“ Archimedes erschauerte theatralisch. „Um zum See zu gelangen musst du zuerst das alte Kloster Rabennest passieren. Ein ungemütliches Fleckchen kann ich dir sagen. Allerdings sollte das ein Spaziergang werden, im Vergleich zu dem, was dich danach erwartet. Dein weiterer Weg führt dich durch den Wald der tausend Schreie - wieso der Wald so heißt, wirst du selbst herausfinden müssen. Ich bin schließlich nicht dein Fremdenführer,“ schnaufte Archimedes. „Solltest du wider Erwartens auch diese Hürde überwunden haben, erwartet dich eine weitere, noch fürchterlichere Prüfung. Auf dem Totenacker, der den Finstersee umschließt, wirst du ... naja, das wirst du dann schon sehen. Bist du also immer noch entschlossen diese Dummheit zu begehen?“ fragte Archimedes mit schicksalsschwerer Stimme. „Hmm, lass mich überlegen“, erwiderte Asrael, „Zum alten Kloster, durch den Wald und über den Friedhof. Das klingt nicht besonders schwer wenn ich ehrlich bin. Also ja! Ich mache mich gleich auf den Weg. Danke Väterchen, hast was gut bei mir,“ sprach Asrael, schnallte Schwert und Schild um, und wandte sich zum Gehen. „Halt, du Tölpel!“, fauchte Archimedes, „Damit du nicht gleich auf den ersten Metern dein Ende findest, werde ich dir etwas mitgeben, was dir vielleicht von Nutzen sein wird.“ Archimedes griff etwas unbeholfen in seinen versteinerten Panzer, und fummelte nach einigen schweißtreibenden Momenten eine rostige kleine Laterne hervor, die er Asrael forsch in die Hand drückte. „Nimm das! Früher oder später wirst du das nutzen können... Das hoffe ich zumindest für dich.“ „Dankeschön“, sagte Asrael. „Ich weiß zwar nicht was ich damit soll, aber wenn es dir soviel bedeutet nehme ich die Laterne gerne mit.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich unser kleiner Held und zog aus, in sein erstes, und vielleicht auch letztes Abenteuer. Archimedes blickte ihm noch lange nach, und wer ganz genau hinschaute, konnte den Hauch eines Lächelns auf seinem zerfurchten Gesicht erkennen.

Kapitel 2

Es war ein außergewöhnlich guter Tag, befand Asrael. Natürlich hatte er schon zuvor gute Tage erlebt, wobei, nüchtern betrachtet, die meisten Tage eher okay waren. Tatsächlich war sein bisheriges Nachleben erschreckend monoton und mittelmäßig verlaufen. Die Toten sind keine besonders geselligen Zeitgenossen, und das Unterhaltungsgewerbe konnte bisher noch keinen Fuß in den grauen Einöden des Jenseits fassen. Doch nun hatte er etwas gefunden, was ihm bis dato verwehrt geblieben war - eine Aufgabe. Vielleicht täuschte er sich, aber es schien ihm, als säuselte der Wind etwas weniger melancholisch, und selbst die ansonsten nur träge wabernden Nebelschwaden wirkten auf einmal verspielt und beschwingt. Nicht weniger beschwingt schritt Asrael voran, Meter um Meter hinter sich lassend, auf dem Weg, den Archimedes ihm gewiesen hatte. Mit der Zeit bemerkte er, wie sich die Landschaft veränderte. Nicht schlagartig, viel mehr schleichend, wie eine Scheibe Brot, die Stück um Stück dem Schimmel anheim fiel. Die Nebelschleier wurden dicker, der Weg von immer mehr Trümmern und Schutt gesäumt, und in der Ferne hörte Asrael vereinzelt einen Raben krächzen.

Es war nicht so, dass er sich Sorgen gemacht hätte - schließlich hielt er sich für einen hervorragenden Kämpfer. Dennoch spürte er, wie seine ursprüngliche Euphorie sich im Laufe der Zeit verflüchtigte. Eine Düsterheit, die er nicht greifen konnte, legte sich über ihn und seine Umgebung, wie ein Leichentuch, und wenn Asrael eines nicht leiden konnte, dann waren es Gegner die sich nicht greifen ließen. Die Schreie der Raben, die er nun immer öfter und lauter vernahm, klangen verzerrt, fast schon klagend. Ein unbestimmbares Gefühl drängte ihn umzukehren, seine Beine in die Hand zu nehmen, solange er noch Beine hatte, die er in die Hände nehmen konnte. Verwirrt von diesen, für Asrael doch sehr untypischen Gedanken, verlangsamten sich seine Schritte, bis er gänzlich zum Stillstand kam. Misstrauisch blickte sich Asrael um, nur um festzustellen, dass der Weg, den er beschritten hatte, verschwunden war. Tote, ausgemergelte Baumskelette und mannshohe Trümmerberge umgaben ihn, und die Dunkelheit, die zuvor lediglich seine Gedanken umnebelt hatte, lag nun über der gesamten Szenerie. KRAAAH ertönte es in seinem Rücken, und Asrael zuckte erschrocken zusammen. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er sein Schwert gezogen und richtete es auf die Quelle des Krächzens... die jedoch nirgendwo zu sehen war. Asrael versuchte in den wabernden Schatten einen Feind auszumachen auf den er sich stürzen konnte, doch kaum meinte er, in der Finsternis eine Gestalt auszumachen, entpuppte sich diese als knorriger Ast, oder eine enthauptete Statue. So zogen sich die Schatten immer enger um Asrael, der zum ersten Mal in seinem jenseitigen Leben spürte was Angst war. Verzweifelt blickte er nach oben, in der Hoffnung, dass das Sternenlicht ihm etwas Vertrauen schenken würde. Da sah er vor sich die Ruinen des alten Klosters aufragen. Er wusste instinktiv, dass er sich im Rabennest befand, jedoch nicht wie er hierhergekommen war.

Das alte Gemäuer überragte ihn bei weitem, und schraubte sich bis hoch in die Dunkelheit. Ein Schatten, der sich über alle anderen erhob, und dessen Schwärze das Augenlicht aufzusaugen schien. Asrael konnte sich weder bewegen, noch war es ihm möglich den Blick abzuwenden, und das Kreischen der Raben war nun allgegenwärtig. Es schien aus jeder Himmelsrichtung gleichzeitig zu kommen, kratzte in seinen aufgestellten Ohren, und im Inneren seines Kopfes. Ohne es überhaupt zu bemerken ging Asrael in die Knie. Das Schwert entglitt seinen Fingern, und die Laterne schepperte blechern, als sie auf den Boden prallte. Die Laterne! Schoss es ihm durch den Kopf - Licht! Und tatsächlich schimmerte im Inneren der rostigen Lampe ein winziger Funke, der wie aufgeregt zitterte - und auf einmal wurde es still. Die verzerrten Stimmen der Vögel verstummten abrupt, und eine Gestalt schälte sich aus dem tiefschwarzen Schatten der Klosterruine. Ein großer Vogel bewegte sich direkt auf Asrael zu. Erst nur als Silhouette zu erkennen, zeichneten sich beim Näherkommen weitere Details ab. Die Gestalt war in einen langen Mantel gehüllt und der Vogelschädel offenbarte sich als eine Art Maske, die anscheinend einem großen Schnabel nachempfunden war. In der Hand trug sie einen enormen Stab, an dessen Spitze ein Haken befestigt war. Schwarze, leere Augen fixierten Asrael, als die Kreatur zu sprechen begann. „Das Licht, es strahlt so hell“. Die Stimme schien nicht zu einem einzelnen Wesen zu gehören, vielmehr hörte es sich an, als würden mehrere Stimmen in perfekter Synchronität sprechen. „Wir haben schon so lange kein Licht mehr gesehen“, sprach es mit sehnsüchtiger Stimme. Ein klagendes Seufzen, wie aus zahllosen Kehlen, entfuhr der Kreatur. Derweil breitete sich der Lichtschein, der von der Laterne ausging, langsam aus. Als das Licht die Gestalt erreichte, flackerte es kurz auf, und es sah so aus, als würde es von der Schwärze, die von dem mysteriösen Unbekannten ausging, aufgesogen werden. Dieser schien wiederum sehr aufgeregt zu sein, als er fortfuhr. „Wir haben so lange Hunger gelitten, nichts als Dunkelheit aufgenommen, bis wir selbst zu einem Teil dieser Dunkelheit wurden. GIB UNS DAS LICHT“, schrie die Gestalt. „Es füllt unseren Magen, es stillt unseren Hunger“, sagte das Wesen, in etwas milderem Tonfall. „Überlässt du uns das Licht?“. Asrael brauchte einen Moment, um zu registrieren, dass man ihm gerade eine Frage gestellt hatte. Er sah, dass das Licht aufgehört hatte, sich auszubreiten, was augenscheinlich daran lag, dass es weiterhin von dem Wesen mit der Vogelmaske aufgesogen wurde. Asrael war kein großer Denker, aber selbst er konnte sich zusammenreimen, dass sich dieses Wesen von Licht ernährte. War die Dunkelheit hier deshalb so übermächtig weil alles Licht verspeist wurde? Der Gedanke schien nicht zu weit hergeholt, und Asrael hatte den Verdacht, dass die alte Kröte ihm deshalb die Laterne mit auf den Weg gegeben hatte. „Nur zu“, sprach Asrael. „Nimm die Laterne, ich schenke sie euch. Ich möchte euch nur bitten, mir den Weg zum Wald der tausend Schreie zu weisen. Ich befürchte, ich habe ein bisschen die Orientierung verloren.“ Das Wesen hob ehrfürchtig die Laterne auf und befestigte sie an der Aufhängung seines Stabes, als hätte sie dort schon immer hingehört. „Wir danken dir!“, ertönte seine Stimme. Es nahm einen tiefen Zug vom Lichtschein und spuckte eine kleine, leuchtende Kugel in die Dunkelheit, die daraufhin unruhig in der Luft verharrte. „Folge ihm, es wird dir den Weg weisen“, sprach die Gestalt, die bereits im Begriff war, in den Schatten zu verschwinden. Schon bald war nur noch der flackernde Lichtschein der Laterne zu sehen, und als auch dieser von der Schwärze verschlungen wurde, wandte sich Asrael seinem leuchtenden Wegweiser zu.
Dieser schwirrte wie ein aufgeregtes Glühwürmchen immer noch an Ort und Stelle. Schließlich flog es in die Finsternis, kam jedoch nach ein paar Metern zum Stehen, ganz so, als würde es Asrael bedeuten ihm zu folgen. Derartige Erscheinungen kannte Asrael bisher nur als Irrlichter. Diese unangenehmen Geistererscheinungen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, arglose Wanderer vom rechten Weg abzubringen, um sie in stattdessen geradewegs in ihr Unglück laufen zu lassen. Dies konnte ein plötzlich aufklaffender Abgrund, ein schmatzendes Sumpfloch, oder im schlimmsten Fall sogar ein Wolfsspinnen-Nest* sein. * Wenn ihr euch fragt, wie Wolfsspinnen aussehen, stellt euch einfach ein Wesen vor, dass die unschönsten Merkmale einer Spinne und eines Wolfes in sich vereint, und wenn euch diese Vorstellung Unbehagen bereitet, habt ihr sie euch vermutlich richtig vorgestellt.
Glücklicherweise war sein kleiner Helfer kein Irrlicht, oder, falls doch, war es eines, dass seine Berufswahl eindeutig verfehlt hatte. So verließ Asrael das alte Kloster Rabennest, welches hinter ihm von der Dunkelheit verschluckt wurde. Verlässlich führte ihn der kleine Lichtball durch das unwegsame Gelände, und je weiter sie sich von den Trümmerbergen der Ruine entfernten, umso deutlicher veränderte sich die Landschaft.

Kapitel 3

Mittlerweile bewegte sich Asrael wieder auf einem einigermaßen befestigten Pfad, und statt der allumfassenden Schwärze des Klosters, erstrahlte die Umgebung wieder im gewohnten, düstergrauen Glanz. Nun gut, sie erstrahlte nicht direkt, und falls sie wirklich glänzte, dann vielleicht eher so, wie ein schmieriger Ölteppich auf brackigem Wasser. Den Landstrich den sie durchwanderten als lebensbejahend zu bezeichnen, entspräche einer Lüge, die an Dreistigkeit nur schwer zu überbieten wäre - aber im Reich der Toten war lebensbejahend weder ein anerkanntes Stilmittel, noch ein zukunftsträchtiges Motto. Asrael erfreute sich derweil an den fetten Nachtfaltern, die hier und da seinen Weg kreuzten. Sein leuchtender Begleiter schien bei ihnen besonderes Interesse hervorzurufen, und jedes mal, wenn ihm eine neugierige Motte zu nahe kam, verpuffte sie gleich darauf in einem lustigen, kleinen Feuerball. Nach und nach veränderte sich auch die lokale Pflanzenwelt. Aus dem Boden sprossen seltsame Pilze, die bei der kleinsten Berührung eine Sporenwolke in die Luft pusteten. Seltsam schimmernde Flechten und Moose wucherten auf Steinen und Ästen, und auch die Bäume, die nun immer dichter beieinander standen, unterschieden sich deutlich von denen, die Asrael bisher begegnet waren. Die Bäume waren so verwachsen und knorrig, dass sie bei längerer Betrachtung fast wie in der Bewegung erstarrte Figuren wirkten. Ein leises, undefinierbares Seufzen wehte durch den Wald, und Asrael stellte sich die Frage, wieso dieser Ort der Wald der tausend Schreie genannt wurde, denn geschrien konnte man das hintergründige Säuseln der Äste und Blätter bestimmt nicht nennen. Sein leuchtendes Anhängsel hatte sich mittlerweile in Asraels Brusttasche zurückgezogen und glomm dort verschüchtert vor sich hin. Asrael war dankbar für die Gesellschaft, denn auch wenn der Wald lange nicht so düster wie das Kloster war, wirkte seine Umgebung seltsam surreal und bedrückend auf den kleinen Hasen.
Als sie einen besonders verstörenden Baum passierten, beschloss Asrael, diesen einer genaueren Musterung zu unterziehen. Ein paar verirrte Blätter hingen an zwei aufragenden Ästen, die sich angewinkelt in die Höhe streckten, fast so als wären es Arme. Der Eindruck wurde durch die dünnen Zweige verstärkt, die wie lange, gekrümmte Finger ins Nichts griffen. Zwei Aststummel, die wie hervorquellende Augen aussahen, hoben sich von der borkigen Rinde ab, und das darunter klaffende Loch hatte erschreckende Ähnlichkeit mit einem aufgerissenen Mund.
* Wenn ihr euch fragt, wie Wolfsspinnen aussehen, stellt euch einfach ein Wesen vor, dass die unschönsten Merkmale einer Spinne und eines Wolfes in sich vereint, und wenn euch diese Vorstellung Unbehagen bereitet, habt ihr sie euch vermutlich richtig vorgestellt.
Vielleicht trug der Wald seinen Namen weil die Bäume aussahen als würden sie schreien, überlegte Asrael, und mit diesem Gedanken im Hinterkopf schlug und hackte er sich weiter durch das immer dichter werdende Geäst.
Je weiter er voranschritt, desto enger standen die Bäume und auch die Formen variierten zunehmends. Da gab es gebeugte und kniende Gestalten. Ein Baum schien zu beten, zwei andere sahen aus, als wären sie in einen Kampf verwickelt - wohlgemerkt ein Kampf den sie mit Ästen und Wurzeln ausfochten - während ein weiterer die Äste vor dem Gesicht verschränkt hatte, als wollte er sich vor etwas schützen. Was sie jedoch alle gemein hatten, war das Gesicht. Jeder einzelne Baum schien, mit aufgerissenen Augen und Mündern, mitten im Schrei erstarrt zu sein.

So langsam wurde Asrael etwas flau im Magen. Sicher - er war ein begnadeter Kämpfer, der sich so schnell vor niemandem fürchtete, doch war er es gewohnt, dass seine Gegner zumindest den ein oder anderen validen Angriffspunkt boten. Er hatte bereits mit Teufelsquallen, Gruftdrachen, Todesfeen und Ghulen gekämpft, aber die Gefahren und Gegner auf seiner jetzigen Reise konnte er einfach nicht richtig greifen. Schließlich fasste Asrael sich ein Herz und setzte seinen Weg fort. Je weiter er in den Wald vordrang, desto lebendiger wirkten die Bäume. Äste die ihn streiften, schienen nach ihm zu greifen, und jedes mal, wenn er beherzt mit dem Schwert zuschlug, um sich einen Weg zu bahnen, hörte er neben dem Knacken der brechenden Zweige auch ein protestierendes Ächzen.
Schließlich lichtete sich der Wald und Asrael stellte fest, dass er sich auf einer Lichtung befand. Im Zentrum dieser Lichtung stand ein Baum, der alle anderen bei weitem überragte. Mächtige Wurzeln durchzogen den Boden zu seinen Füßen, und bildeten ein verworrenes Geflecht, das an Adern erinnerte. Der Stamm des Giganten umfasste mehrere Meter, und die Baumkrone, die weit über allem thronte, verlor sich im düsteren Zwielicht des Geästs. Ohne es zu wollen, bewegte sich Asrael langsam auf den seltsamen Baum zu, wobei er peinlich genau darauf achtete, nicht auf die zahlreichen und sanft pulsierenden Wurzeln zu treten. Wie Asrael feststellte, erstreckte sich das Wurzelwerk nicht nur über die Lichtung, sondern reichte bis tief in den Wald hinein. Fast sah es so aus, als würden die einzelnen Wurzelstränge in den skurrilen Baumgestalten enden, als wären diese lediglich kleinere Ableger der großen Mutterpflanze.

Ein perlendes Lachen unterbrach Asraels Gedankengänge. Direkt vor ihm trat eine Gestalt aus dem Schatten des Baumriesen. Asrael war in diesen Dingen nicht sonderlich bewandert, aber er war sich ziemlich sicher, dass das Wesen, welches sich langsam, mit wiegenden Schritten auf ihn zubewegte, eine Frau war. Er hatte bereits zu Lebzeiten Menschenfrauen gesehen. Diese unterschieden sich jedoch in einigen Details von der Erscheinung, die ihm nun direkt gegenüberstand. Ihre Haare strahlten in einem satten Grün, und entpuppten sich bei genauerer Betrachtung als ein Wirrwarr aus Blättern und Halmen. Ihre Haut war zerfurcht, und hatte denselben gräulichen Braunton, wie der riesige Baum aus dessen Schatten sie getreten war. Alles in Allem wirkte sie wie der Versuch, ein Mischwesen aus Mensch und Baum zu kreieren. Ein verschmitztes Lächeln zierte ihre spröden Lippen, das durchaus sympathisch hätte wirken können, wären da nicht die Augen gewesen, die wie große, schwarze Astlöcher aus ihrem Kopf gähnten und die langen, dürren Finger, die, zu Klauen gewordenen Ästen gleich, in Asraels Richtung deuteten.
„Hallo mein kleiner Held“, säuselte sie, mit einer Stimme, die etwas zu hoch und schrill war, um angenehm zu wirken. Und schon wieder fühlte Asrael, wie ihm die Situation aus den Fingern glitt. Er kannte zahlreiche Methoden einen Gegner zu entwaffnen, oder zu entleiben, und was ihm an Wortgewalt fehlte, machte er in der Regel mit Schwertgewalt wieder wett. Unsicher, wie er sich verhalten sollte, packte er den Knauf seiner Klinge mit seinen knochigen Fingerchen, in der Hoffnung, dass ihm das vertraute Gefühl etwas Zuversicht bringen würde. „Oh, du möchtest spielen kleiner Kämpfer?“ gurrte die Baumfrau vergnügt. „Es ist so lange her, dass ich jemanden zum Spielen hatte. Hier sind alle so langweilig und uninteressant. Schau nur“, sagte sie und vollführte eine Armbewegung, welche die umstehenden Baumskulpturen mit einbezog. Asraels Blick folgte ihrer Bewegung, und tatsächlich - mit diesem Haufen Totholz war vermutlich wirklich nicht viel anzufangen. Und dann diese deprimierenden Blicke, die einem jedes einzelne der Gehölze zuzuwerfen schien. Ein Funken Mitleid flackerte in seiner schmalen Brust auf. „Konnte es wirklich sein, dass diese arme Kreatur tagein, tagaus nur darauf wartete, dass sich endlich jemand erbarmte, mit ihr etwas Zeit zu verbringen?“ dachte Asrael bestürzt. Wenn es eines gab, das ein toter Hase hatte, dann war es Zeit, und es würde ihn ja wohl nicht „umbringen“, wenn er einen kleinen Teil dieser Zeit opfern würde, um jemanden eine Freude zu bereiten.
Asrael blickte in ihre traurigen, leeren Augen, die ihn beinahe aufzusaugen schienen. Lächelnd kam sie auf ihn zu, die Arme ausgestreckt, um ihn, ihren neuen Freund, zu umarmen. Selig dachte Asrael daran, wie viel Spaß sie doch gemeinsam haben könnten, und eine wohlige Wärme durchströmte ihn bei dem Gedanken, die Ewigkeit hier zu verbringen. Genauer gesagt wurde ihm richtiggehend heiß, und was als sanftes, warmes Kribbeln begonnen hatte, brannte auf einmal schmerzhaft in seiner Brust. Als ihm auch noch der Geruch von verbranntem Leinen in die Nasenlöcher stieg, blickte Asrael an sich herunter und musste feststellen, dass ein kleines Feuer seiner Brusttasche entstieg. „Mein Licht!“ durchfuhr es Asrael blitzartig. Er hatte seinen leuchtenden Begleiter völlig vergessen, und nun machte dieser auf sich aufmerksam, indem er ihn in Brand setzte. Schlagartig wurde Asrael aus seiner Benommenheit gerissen, und sah, dass das Wurzelwerk des großen Baumes bereits damit begonnen hatte, sich um seine Füße zu wickeln. Panisch zog er sein Schwert, und hackte hektisch auf die Wurzelstränge ein, die im Begriff waren an ihm hochzukriechen. Der erste Schlag trennte eine der hölzernen Tentakel sauber durch, und ein lilaner, zähflüssiger Saft ergoss sich aus der Wunde. Im nächsten Moment überschlugen sich die Ereignisse. Der Baumgeist, oder was auch immer die wunderliche Frau darstellte, kam zum Stehen und stieß einen fürchterlichen Schrei aus. So schrill und so voller Zorn, dass Asrael das Mark in den Knochen gefror. Außerdem stoppte der brennende Schmerz, der ihn soeben wachgerüttelt hatte und das Licht in seiner Tasche erlosch zur Gänze. Der abgetrennte Wurzelstrang lag zuckend zu seinen Füßen, doch fast zeitgleich krochen weitere Wurzeln aus allen Richtungen auf Asrael zu - doch dieser war endlich in seinem Element. Die ungezählten Tage des Trainings machten sich nun bezahlt. Hüpfend und Haken schlagend bewegte er sich mühelos zwischen den Tentakeln hindurch. Wo immer er eine Möglichkeit sah, platzierte er wohl gezielte Hiebe und Stiche, und mit jedem Treffer wurde er sich seines Sieges sicherer. Eine Wurzel schoß direkt auf seinen Kopf zu, doch Asrael duckte sich geistesgegenwärtig weg, winkelte sein Schwert an und spaltete den Strang in der Mitte. Da spürte er einen heftigen Schlag im Rücken, der ihn unelegant zu Boden schickte. Der Schlag hätte ihm sicher den Atem geraubt, doch glücklicherweise war Asrael auf so etwas wie Atemluft nicht mehr angewiesen - einer der Vorteile die sich ergeben, wenn man das Leben hinter sich gelassen hatte. So schüttelte er schnell seine Benommenheit ab, und rollte sich behende zur Seite. Eine gute Entscheidung, denn genau auf die Stelle, auf der er bis eben noch gelegen hatte, krachte nun ein zentnerschwerer Ast nieder, der ihn mit Sicherheit zermalmt hätte. Wie es aussah, begannen nun auch die seltsam verkrümmten Baumgestalten in das Geschehen einzugreifen. Das Adernetz aus Wurzeln hatte mittlerweile davon abgelassen nach Asrael zu greifen, und pumpte stattdessen in schnellen Schüben den lilanen Sirup in die umstehenden Bäume, mit denen es verbunden war. Daraufhin wurden die Baumwesen aktiv, wobei sich die größeren unter ihnen deutlich träger zeigten, als die kleineren Exemplare, die sich bereits knarzend und ächzend auf Asrael zubewegten. Asrael mangelte es nicht an Selbstbewusstsein, doch selbst seinem enormen Hasenego war klar, dass er im Kampf gegen diese hölzernen Riesen nicht bestehen konnte. Doch was würde passieren, wenn er die Verbindung des Mutterbaums kappen würde? Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, hob Asrael sein Schwert, und lies es auf die Wurzel niederfahren, die den Baum versorgte, der gerade noch versucht hatte ihn zu erschlagen. Ein unappetitliches Geräusch ertönte, als die Wurzel aufplatzte, und die lilane Schlacke pumpte ziellos ins Gras. Sollte sich Asraels Theorie bestätigen, bekam er es vielleicht gleich mit mordlüsternen Grashalmen und Gänseblümchen zu tun, doch dieses Risiko war er bereit einzugehen.
Er wappnete sich innerlich für einen weiteren Schlagabtausch mit dem Baum, doch dieser gab nur ein erlösendes Ächzen von sich, und erstarrte knarrend, mitten in der Bewegung. Innerlich triumphierend versetzte Asrael seinen Kontrahenten testweise einen Stich - keine Reaktion. Doch in der Zwischenzeit waren auch die letzten Baumwesen zum Leben erwacht, die allesamt im Begriff waren, Asraels Heldenreise ein jähes und vermutlich schmerzhaftes Ende zu bereiten. Die Luft war vom Peitschen der Äste, vom Rascheln des Laubes und vom qualvollen Stöhnen der Bäume erfüllt, und über allem ertönte das grausame Geschrei der Waldfrau. Doch Asrael hatte einen Plan. Wie ein schneidender Wirbelwind schlug er eine Schneise der Verwüstung in das Gehölz. Wo immer sich die Möglichkeit ergab, zertrennte er die Wurzeladern mit beherzten Schlägen und Hieben, und schon bald war der Boden getränkt vom lilanen Saft, und übersät von Holzsplittern, Ästen und Borkenstücken.
Als auch der letzte Gigant knarzend zum Stillstand kam, sackte Asrael erschöpft zusammen. Als er sich umblickte, sah er nichts mehr, was noch einen Kampf rechtfertigen würde. Die Baumwesen rührten sich nicht mehr, und auch die tentakelartigen Wurzeln lagen entweder leblos am Boden, oder wanden sich in den letzten Zuckungen. Auch die mysteriöse Frau, die den ganzen Schlamassel zu verantworten hatte, gab nicht mehr als ein leises Wimmern von sich. Langsam richtete Asrael sich auf und ging vorsichtigen Schrittes auf sie zu.
Wie sie da vor ihm kauerte, bot sie einen wahrlich traurigen Anblick. Das satte grün ihrer Haarpracht begann wie im Zeitraffer zu welken - verfärbte sich erst gelb und rot, bevor es schließlich braun und brüchig von ihr abfiel. Die Furchen ihrer rindenhaften Haut wurden tiefer, verhärteten zusehends und bröckelten wie alter Putz von ihr ab. In diesem Moment verspürte Asrael ehrliches Mitleid mit der Kreatur. Weder kannte er ihren Namen, noch ihre Geschichte, doch war das Bild das sich ihm bot so voller Traurigkeit, dass ihm eine einzelne, kleine Träne über die bleiche Wange ronn.
So verbeugte sich der kleine Hase ein letztes Mal vor einem würdigen Gegner, drehte sich um, und verschwand im Dickicht des Waldes, während die Waldfrau hinter ihm zu Laub zerfiel.

Kapitel 4

Nachdem Asrael die Lichtung hinter sich gelassen hatte, musste er feststellen, dass er weder wusste wo er sich befand, noch wohin er sich wenden sollte. Müde und abgekämpft lehnte er sich an einen Baumstamm, und lies sich langsam auf den Boden sinken. Einer Eingebung folgend öffnete er seine Brusttasche, in der Hoffnung, dass sein Licht ihm etwas Trost spenden, oder vielleicht sogar den Weg weisen konnte - doch diese Hoffnung fiel in sich zusammen, als er sah in welchem Zustand sich sein kleiner Begleiter befand. Von dem einst fröhlichen Lichtball war nicht mehr als ein zaghaftes, zittriges Glimmen übrig. Asrael nahm es vorsichtig auf die Hand und spürte, dass keinerlei Wärme mehr von ihm ausging. Betroffen wurde ihm klar, dass es sich für ihn geopfert hatte, als es ihn aus der Trance gerissen hatte, die der Waldgeist über ihn gelegt hatte. Und so erfuhr Asrael zum zweiten Mal an diesem Tag, was es bedeutete richtige Trauer zu spüren. Fast schon zärtlich legte er seinen, nur noch stecknadelkopfgroßen, Begleiter auf ein Bett aus Moos und bedeckte ihn mit einem verwelkten Blatt. Und mit dem Gefühl, noch niemals so alleine gewesen zu sein, schloss er die Augen und schlief ein.

Einige Stunden später erwachte Asrael mit steifem Nacken und fröstelnd. Auch wenn die Toten nicht im eigentlichen Sinne auf Schlaf angewiesen waren, konnte eine Phase der Ruhe durchaus hilfreich dabei sein, die eigene Gedankenwelt zu ordnen. In Asraels Fall konnte der unruhige Schlummer der ihm vergönnt war, leider weder dazu beitragen seine Laune, noch seine momentane Situation zu verbessern. Dunkelheit hatte sich über den Wald gelegt, und das einzige vernehmbare Geräusch war das Säuseln des Windes, der verloren durch die Äste strich. Missmutig erhob er sich, um einige Äste und trockene Rinde zusammenzutragen. Nach kurzer Zeit hatte er einen passablen Haufen Brennmaterial aufgeschichtet, und mithilfe eines Steines, den er gegen seine schartige Klinge schlug, erzeugte er kurz darauf einen kleinen Funkenschauer. Schon bald knisterte ein Feuer, dessen wohlige Wärme Asraels zerschlagenen Gliedern ein wenig Leben einhauchte. Er rückte etwas näher an das Feuer, wobei er jedoch darauf achtete, genügend Abstand zu halten, um sich nicht auch noch selbst zu entzünden. So starrte Asrael in die Flammen und hing seinen düsteren Gedanken nach, als das Feuer plötzlich schlagartig erlosch. Verwundert blickte sich Asrael um. Hatte sich der Wind da einen Spaß mit ihm erlaubt? Rasch legte er einige Holzscheite nach, zückte sein Schwert und ließ es erneut Funken regnen. Eine Minute später leckten die Flammen wieder über das Holz, doch gerade als Asrael Anstalten machte sich hinzusetzen, ertönte ein leises Zischen, und das Feuer erstarb erneut. Asrael war wahrlich nicht in der Stimmung, sich an der Nase herumführen zu lassen, und so ließ er angespannt den Blick schweifen, um den Übeltäter ausfindig zu
machen - doch der hielt sich bedeckt. Frustriert wollte Asrael gerade wieder nach Klinge und Stein greifen, als er ein sanftes Glimmen am Boden bemerkte - genau an der Stelle, wo er vor einigen Stunden noch seinen treuen Begleiter zu Grabe getragen hatte. Hastig hob Asrael das zum Leichentuch zweckentfremdete Blatt auf, und staunte nicht schlecht, als er sah, dass der kleine Lichtball zwar schwach, aber stetig pulsierte. Hoffnung keimte in ihm auf, als er sich erinnerte, wie das Vogelwesen am Kloster das Licht aufgesogen hatte. Asrael verlor keine Zeit, und suchte eilig alles Brennbare zusammen, was er im Umkreis von einigen Metern finden konnte. Trockenes Gestrüpp, Zapfen, Zweige und sogar ein verlassenes Vogelnest schichtete er sorgsam an seiner Feuerstelle auf. Als er auf dem Waldboden nicht mehr fündig wurde, ging er dazu über, die umstehenden Bäume nach Totholz zu durchforsten. Er hackte Äste, schnitt Rinde von Stämmen, und hatte schon bald einen ansehnlichen Stapel errichtet, der ihn gut um einen Kopf überragte. Außerdem hatte er sich in weiser Voraussicht einen Vorrat beiseite geschafft, um gegebenenfalls Material nachlegen zu können, sollte das Feuer Gefahr laufen zu erlöschen. Schließlich entzündete er den Holzturm, woraufhin dieser in lodernden Flammen aufging. Vorsichtig trat er einen Schritt zurück, und schob das Moosbett mitsamt seines Inhalts näher an das Feuer heran. Ein zartes Band aus Licht entströmte dem Feuer, welches langsam, aber stetig von seinem leuchtenden Freund aufgesogen wurde. Asrael wartete eine geschlagene Stunde, legte stetig Brennmaterial nach und wachte mit Argusaugen über das Licht. Als die Flammen schließlich erloschen, erstrahlte der Lichtball in hellem Glanz. Langsam schwebte er empor, bis er auf Augenhöhe mit Asrael in der Luft verweilte und aufgeregt flackerte. „Nun, ich schätze du hast mich gerettet“, sprach Asrael, und trat verlegen von einem Bein aufs andere. „Weißt du, ein weiser Hase hat einmal gesagt: Du brauchst einen starken Namen, wenn sich die Welt an dich erinnern soll.“ Asrael hatte diese Worte einst an sich selbst gerichtet. Noch immer hörte er den Nachklang der Mädchenstimme in seinem Kopf, wie sie mantragleich, immer und immer wieder diesen einen, unsäglichen Namen wiederholte. Puschel! Puuuuschel! Puschel... Diese Demütigung nagte schwer an seinem Heldenego, und so bestand seine erste Amtshandlung als Verstorbener darin, seinen alten Namen abzulegen, um sich von diesem Tage an Asrael zu nennen (im selben Zug schwor er dem kleinen Mädchen ewigen Groll, und reservierte ihm einen Premiumplatz auf der Liste seiner Erzfeinde). Für Asrael war ein Name also mehr als Schall und Rauch. Vielmehr war es ein Zeichen an die Welt da draußen, gefälligst von ihm Notiz zu nehmen. Ohne weiter darauf einzugehen, dass der erwähnte weise Hase er selbst war, fuhr Asrael fort „Deswegen möchte ich dir einen Namen geben. Natürlich nur wenn das für dich in Ordnung ist.“ Das Licht flackerte kurz auf, was Asrael als Bestätigung auffasste. „Na prima“, sprach Asrael, „Aufgrund von besonderer Tapferkeit, Treue und Leuchtkraft, verleihe ich dir den Namen Regulus!*“*Regulus, auch Löwenherz genannt, ist der hellste Stern im Sternbild des Löwen Regulus gab ein wohlwollendes Glimmen von sich, drehte ein paar eifrige Runden um die erloschene Feuerstelle, um sich im nächsten Moment in Asraels angekokelter Brusttasche niederzulassen.

Auch wenn Asrael froh war, wieder mit seinem leuchtstarken Begleiter vereint zu sein, stand er dennoch vor dem nicht unerheblichen Problem, dass er nicht den leisesten Schimmer hatte, wo genau er sich befand, geschweige denn, wohin er sich wenden sollte. Regulus machte keine Anstalten erneut den Wegweiser zu mimen, weshalb Asrael kurz entschlossen den erstbesten Weg einschlug der sich ihm anbot. Die Bäume die er passierte wirkten immer noch auf eine verstörende Art und Weise lebendig, doch sahen sie für Asrael nun weniger feindselig aus als noch vor einigen Stunden.
Die vormals zu stummen Schreien verzerrten „Gesichter“ schienen gelöster, und das gequälte, hölzerne Ächzen, welches ihn seit dem betreten des Waldes begleitet hatte, war einem angeregten Raunen gewichen. Nach einigen Metern ziellosem Umherschlenderns versperrte ihm auf einmal ein Ast den Weg. Asrael war sich relativ sicher, dass der Ast sich bis gerade eben noch nicht auf seiner Brusthöhe befunden hatte, was jedoch nichts an der Tatsache änderte, dass er nun zum weitergehen einen würdelosen Limbo veranstalten musste.

Misstrauisch musterte Asrael den Baum der ihm so frech im Weg stand, nur um festzustellen, dass ein anderer Ast, der verdächtige Ähnlichkeit mit einem ausgestreckten Arm hatte, sanft zu rascheln begann. Verwundert bewegte sich Asrael ein paar Schritte in die Richtung, die der Arm ihm wies, woraufhin sich die Prozedur beim nächsten Baum wiederholte. Wieder folgte Asrael der Weisung des Astes, und wieder begann ein weiterer Baum sein Geäst zu schütteln. Es schien, als wollte der Wald ihn lotsen, und da Asrael zwar sehr tapfer, aber auch außerordentlich vertrauensselig war, folgte er dem Pfad, den die Bäume ihm vorgaben. So begab es sich also, dass unser Hasenkrieger nach diversen Stunden, und nicht wenigen hilfreichen Fingerzeigen, schließlich aus dem Wald heraustrat, und von dem wohligen, tristgrauen Himmel begrüßt wurde, den er, wie es ihm schien, seit Urzeiten nicht mehr gesehen hatte. Er vollführte einen kurzen, dafür sehr engagierten Freudentanz, und auch Regulus glimmte voller freudiger Erregung. Laut Archimedes trennte ihn nun nur noch der Totenacker von der Erfüllung seiner heldenhaften Queste, von der er sich erhoffte, dass sie ihm die Gunst einer waschechten Prinzessin, und was noch viel wichtiger war, einen Platz in den Geschichtsbüchern der Nekrologen einbrachte. Beschwingt und frohgemut folgte Asrael dem verwilderten Wegstück, das sich vor ihm erstreckte. In Gedanken malte er sich bereits aus, welchen Gefahren er sich auf dem Totenacker wohl stellen musste. Ghule, Zombies und Leichenegel trieben sich zum Beispiel gerne auf Friedhöfen rum, und waren mit Sicherheit nicht die angenehmsten Zeitgenossen, denen man im Totenreich begegnen konnte.

Als bekennende Aasfresser waren Ghule nicht sonderlich wählerisch was ihren Speiseplan anging, solange es aus Fleisch bestand, ordentlich stank, und im besten Fall noch glibberig war, war es ein attraktiver Snack. Alle eben genannten Attribute trafen im Übrigen auch auf die Ghule zu - fleischig, glibberig und stinkend. Ein Umstand, der dafür sorgte, dass sich die Populationen stets im Zaum hielten, da sie sich früher oder später selbst dezimierten. Dazu kam, dass Ghule ausgesprochene Feiglinge waren, und mit Gegenwehr ungefähr so gut umgehen konnten, wie eine Teufelsqualle mit Essbesteck (was nebenbei bemerkt ein sehr unwürdiger Anblick war).

Auch Zombies gehörten zum Inventar eines jeden gut sortierten Knochenackers. Zombies gab es in allen Formen und Größen. Grundsätzlich konnte jedes Wesen, das einmal gelebt hatte, als Zombie reinkarnieren, wobei der Begriff Reinkarnation, hier etwas irreführend scheint. Nekrologen haben herausgefunden, dass Kreaturen wie Zombies meist dann entstehen, wenn der geistige Verfall eines Individuums so weit vorangeschritten ist, dass rationale Entscheidungen, abseits des Instinktes, nicht mehr möglich sind. Da gab es Menschen und Hunde, Krähen und Bären, aber auch eher untypische Spezies wie Marienkäfer oder Einhörner konnten der Zombifizierung anheim fallen. Asrael erinnerte sich an eine Begegnung die er mit einem Zombie-Oktopus hatte. Eigentlich ein netter Kerl, wenn man sich nicht daran störte, nach der Begrüßung einen abgefallenen Tentakel in der Hand zu halten, und den Umstand ignorieren konnte, dass er beim Fortbewegen ständig Tinte verlor. Jedenfalls hatte ein gut trainierter Hase von Asraels Format vor solchen Gestalten nichts zu befürchten. Schließlich waren Zombies in der Regel nicht nur sehr bröselig und zerbrechlich, sondern auch außerordentlich langsam und blöde.

Einzig und allein die Leichenegel bereiteten Asrael dezente Sorgen. Diese leidlichen Kreaturen erinnerten vom Aussehen an herkömmliche Blutegel, mit dem Unterschied, dass sie schwarz wie die Nacht waren, mehrere Meter lang werden konnten, und einen höllischen Appetit auf alles hatten. Da die Biester auch vor Knochen nicht halt machten, nahm Asrael sich vor, ein achtsames Auge auf sie zu haben. Während er innerlich Horden von Zombies, Ghulen und anderen Schurken vermöbelte, fand er sich auf einmal am Fuße einer gigantischen, eisernen Pforte wieder. Die Pforte ragte meterhoch vor ihm in die Höhe. Die Eisenstreben endeten weit über Asraels Haupt in schartigen Dornen. Wo der Rost noch keine Wunden in das Metall gefressen hatte, schimmerte matt das schwarze Gusseisen, und die ebenfalls riesige Mauer, die das Tor einrahmte, war überwuchert von giftig aussehenden Schlingpflanzen. Die Pforte sah aus, als würde sie selbst einem Kriegsmammut der Asen*
* Die Asen sind ein kriegerisches Volk, welches in den ewigen Eiswüsten des Totenreichs beheimatet ist. Außerdem
sind sie ausgezeichnete Schlittschuhläufer und kennen 300 Bezeichnungen für „in den Schnee pinkeln“.
standhalten. Alt wie die Zeit und starr wie ein Berg thronte es vor Asrael, der versuchsweise mit dem Fuß dagegenkickte. Unerwartet lautlos schwangen die großen Flügeltüren der Pforte auf und offenbarten die Landschaft, die sich dahinter erstreckte. Asrael bot sich ein Anblick, den er sich in seinen wirrsten Träumen nicht hätte erdenken können. Es schien, als hätte man alle Friedhöfe und Grabstätten der dies- und jenseitlichen Welt genommen, zerschlagen, und nach dem Zufallsprinzip wieder zusammengesetzt. Tausende von Grabsteinen aus allen erdenklichen Epochen reihten sich aneinander, wie ein Heer aus steinernen Götzen. Dazwischen standen gigantische Pyramiden, Statuen von Erzengeln, diversen Heiligen und Dämonen, aufgeschichtete Hügelgräber, sowie kunstvoll verzierte Krypten. Zu allem Überfluss standen die Grabsteine nicht nur auf dem Boden, sondern schraubten sich auch in den unmöglichsten Winkeln in Höhe. Sie wuchsen aus Mauern und Bäumen, stapelten sich als wackelige Türme übereinander, und bildeten verzerrte Konstrukte, die jedweder Beschreibung spotteten. Asrael hatte seine ersten Jahre im Totenreich selbst auf einem kleinen, gemütlichen Friedhof verbracht. Eine schöne Zeit, voller wohliger Erinnerungen. Man kannte seine Nachbarn, man grüßte sich, und hin und wieder traf man sich am Lagerfeuer, um sich gruselige Geschichten über die Lebenden zu erzählen.
Dieser Friedhof war... anders. Das Chaos, das hier vorherrschte, war allgegenwärtig. Zwischen den milchigen Nebelschwaden und hinter verwitterten Grabsteinen erspähte Asrael immer wieder sich hastig bewegende Schemen, und ein unbestimmbares Gefühl sagte ihm, dass ihn hier mit Sicherheit keine nachbarschaftliche Gemeinschaft erwartete. Doch schließlich war Asrael nicht den weiten Weg gekommen, um sich neue Freunde zu machen - er hatte eine Mission. Mit seinem Ziel vor Augen und Regulus im Schlepptau, betrat unser kleiner Held also den Totenacker.

Kapitel 5

Nebelfetzen zerrissen, als Asrael durch sie hindurchtrat. Angestrengt versuchte er, so etwas wie einen Pfad auszumachen, doch im Gewirr der Grabsteine schien es weder Ordnung noch Stuktur zu geben. Er warf Regulus einen fragenden Blick zu, doch dieser schien voll und ganz damit beschäftigt zu sein, ein paar fette Schädelspinnen um die Grabstätten zu jagen. Achselzuckend schloss Asrael die Augen, streckte sein Schwert nach vorne, drehte sich einige Male um sich selbst, und ging bedachten Schrittes in die Richtung, die ihm seine treue Klinge wies. Sorgfältig darauf achtend, nicht aus Versehen einem schmierigen Leichenegel in den zahnbewehrten Schlund zu laufen, passierte er längst verrottete Holzkreuze und vom Zahn der Zeit abgenagte Steinmale, als er auf einmal ein Schlurfen und Kratzen hinter sich vernahm. Mit aufgestellten Ohren drehte er sich in einer fließenden Bewegung um, nur um in ein Anlitz zu blicken, bei dem selbst die fürsorglichste Mutter ihre gute Mühe hätte, nicht schreiend das Weite zu suchen.
Erschrocken machte Asrael einen Satz nach hinten, während die Gestalt, die ihm nun gegenüberstand, ihn mit einem irren und ungesund breiten Grinsen musterte. Einem Grinsen, dass mehrere Reihen messerscharfer Zähne entblößte, und ein bisschen so wirkte, als wäre es angenäht. Der Kopf, der die makabere Grimasse beherbergte die ihn mit blutunterlaufenen Augen anstarrte, saß auf einem gedrungenen Körper, der mit Narben, Pocken und nässenden Wunden übersät war. Dass sie ungefähr auf Augenhöhe waren, lag daran, dass das Wesen, welches Asrael direkt als Ghul identifizierte, in einer zusammengekrümmten, kauernden Pose verharrte. Das krumme Rückgrat drückte sich durch die gräuliche Haut, und zu Asraels Ekel musste er feststellen, dass sich einige handtellergroße Maden an dem Ghul festgesaugt hatten. Das schien diesen jedoch nicht besonders zu stören, denn er richtete unbekümmert das Wort an unseren verdatterten Helden, und sprach mit gurgelnder Stimme: „OOH, welch hoher Besuch in unserem bescheidenen Heim.“ Dabei senkte die Kreatur unterwürfig den Kopf, ohne jedoch ihr verzerrtes Grinsen dabei abzulegen. „Wie können wir dem edlen Herren behilflich sein? Hat er vielleicht Hunger?“ krächzte die Kreatur und wedelte dabei mit einem labbrigen, faulig aussehenden Stück Fleisch vor Asraels Nase herum. Ihm war der Ekel wohl anzusehen, da der Ghul das Fleischstück nur einen Augenblick später gegen den nächsten Grabstein pfefferte, wo es mit einem unappetitlichen Pflatschen aufschlug. „NEEEEIN... Sicher ist er besseres Essen gewohnt. Aber möglicherweise ist der feine Herr auf der Suche nach wertvollen Schätzen? Glitzerndes, klimperndes Zeug? Ist es das was ihr begehrt, Herr Ritter?“ Asrael schüttelte entnervt den Kopf. Dieser Ghul hatte anscheinend nichts Besseres zu tun als ihm seine Zeit zu stehlen, und so war Asrael bereits im Begriff sich abzuwenden, als der Ghul auffuhr, die Augen zu listigen Schlitzen verengt. „Wartet mein Herr! Ich wusste doch gleich, dass ihr nach Höherem strebt. Sicher seid ihr auf der Suche nach der versunkenen Prinzessin. Oooh tapferer Ritter, lasst mich euch den Weg weisen. Ihr ahnt ja gar nicht, wie viele verlorene Seelen durch diesen Ort geistern, ohne jemals einen Ausgang gefunden zu haben. Wenn ihr also einen aufrichtigen und verlässlichen Führer sucht, seid ihr bei Guillaume genau richtig.“ Mit großen Augen blickt der Ghul, der sich augenscheinlich Guillaume nannte, Asrael an. „Nun ja“, erwiederte Asrael etwas verlegen. „Möglicherweise bin ich tatsächlich auf der Suche nach einer Prinzessin und - eventuell wären die Dienste eines Führers dabei nicht ganz verkehrt, aber ich muss dir sagen, dass ich nichts besitze, was ich dir als Bezahlung anbieten könnte.“ Um seinen Mangel an Reichtümern zu unterstreichen, krempelte er seine Hosentaschen von innen nach außen, was zwar keine Wertgegenstände, dafür jedoch eine erboste Mottenfamilie zu Tage förderte, die diesen Eingriff in ihre Privatsphäre offensichtlich aufs Schärfste verurteilten.

„Guillaume will keine Bezahlung von euch, oh edler Ritter. Guillaume möchte nichts als euch zu Diensten zu sein.“ Um seine Aussage zu verdeutlichen, warf sich Guillaume vor Asrael in den Dreck, und blickte flehend zu ihm hinauf. Asrael war die Situation mehr als unangenehm. Zum einen fand er, dass sich solch unterwürfiges Verhalten nicht gehörte, und zum anderen kannte er Ghule bisher nur als stinkende, unzuverlässige Hautsäcke mit glibberigem Inhalt. Doch konnte er nicht außer acht lassen, dass die Chance recht gering war, zwischen diesen Tausenden von Grabsteinen, einen Weg zum Finstersee zu finden, sofern er nicht vorhatte, die ein oder andere Ewigkeit dafür aufzuwenden. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit auf einen hilfsbereiten Ghul zu treffen, sich im mikroskopisch kleinen Bereich befand, wollte er diese Möglichkeit nicht einfach verstreichen lassen. So wand sich Asrael an den Ghul Guillaume, straffte die Schultern und sagte: „In Ordnung Guillaume. Wenn du mich aus diesem Friedhof herausführen kannst, wäre ich dir sehr verbunden. Doch solltest du mich hintergehen, wirst du meine Klinge schneller zu spüren bekommen als du blinzeln kannst.“ Über seiner Schulter leuchtete Regulus bekräftigend auf. „So sei es mein Herr!“ erwiderte Guillaume, und blickte Asrael dabei freudestrahlend an. Zumindest interpretierte Asrael den Gesichtsausdruck so, wobei es bei genauerer Betrachtung auch reine Mordlust, oder ein sich anbahnender Schlaganfall sein konnte, der sich da abzeichnete (was zugegebenermaßen ein seltenes Vorkommnis im Totenreich war). „Ihr könnt euch auf den guten alten Guillaume verlassen.“ Der bleckte vertrauensvoll die vergilbten Zähne, spuckte ein paar schleimige Sabberfäden aus, und machte sich sogleich daran, zwischen den Grabmalen hin- und herzuwieseln.
Asrael gab sich Mühe einigermaßen Schritt zu halten, nahm sich jedoch die Zeit, um Regulus in seiner angesengten Brusttasche zu verstauen. So hasteten sie durch das makabere Labyrinth, wobei Guillaume alle paar Meter kurz halt machte, um sich zu versichern, dass sein Anhang ihm noch folgte. Sie passierten eine Art altertümliche Grabanlage, die aus grob behauenen Steinen bestand, die in den unmöglichsten Winkeln aufeinander geschichtet waren. Kurz darauf manövrierten sie sich durch eine ganze Armee von tönernen Kriegerstatuen, die zu Hunderten, und dicht gedrängt um einen Thron platziert waren, der ausschließlich aus Schädeln zu bestehen schien. Vorbei an schlichten Hügelgräbern und kaum zugescharrten Pestgruben, führte ihn der Ghul immer tiefer in die Eingeweide des Friedhofes, und auch wenn sie auf ihrem Weg niemandem begegneten, konnte sich Asrael nicht des Gefühls erwehren, dass sie dabei von aufmerksamen Blicken beobachtet wurden.

Asrael hatte mittlerweile jedes Zeitgefühl verloren, als Guillaume auf einmal vor einer gigantischen Krypta halt machte. Die Krypta war mit kunstvollen Fresken verziert, und das steinerne Tor wurde von zwei Engelstatuen in voller Kriegermontur flankiert. Diese waren mit flammenden Schwertern bewehrt, und blickten streng und gnadenlos auf jeden herab, der die Dreistigkeit besaß, sie mit seiner Anwesenheit zu belästigen. „Hier ist es Herr!“ schrie Guilaume aufgeregt und hüpfte ungelenk auf der Stelle. „Hinter dieser Pforte werdet ihr finden was ihr sucht! Auf den guten Guillaume ist Verlass.“ geiferte der Ghul, während er Asrael erwartungsvoll zunickte. Dieser war alles andere als überzeugt, hatte jedoch auch keine verwertbare Alternative zur Hand. Für Asrael gab es zwei mögliche Optionen. Entweder hatte der Ghul ihm tatsächlich den richtigen Weg gewiesen, oder er verfolgte einen anderen, dunkleren Plan. Sollte ersteres der Fall sein - gut. Sollte das zweite Szenario zutreffen - weniger gut, aber dann würde eben jemand eine saftige Abreibung erhalten, und Asrael hatte bereits eine ziemlich klare und lebhafte Vorstellung, wer das sein würde. „Ich danke dir Guillaume.“ sprach Asrael und richtete das Wort an den Ghul. „Wärst du denn auch so freundlich, mir zu verraten, was mich da drinnen erwarten wird?“ „Ein Ausgang edler Herr.“ antwortete dieser beflissen. „Dort findet ihr den Ausgang. Ihr könnt ihn gar nicht verfehlen. Guillaume war schon oft auf der anderen Seite. Wir möchten sagen, der Weg führt den edlen Herren todsicher an sein Ziel!“ Dabei brach er in ein meckerndes Lachen aus und verschwand im nächsten Augenblick zwischen den Grabsteinen, fast so als hätte der Friedhof ihn verschluckt.
Mit einem mulmigen Gefühl, aber dennoch fest entschlossen, packte Asrael sein Schwert und stieß die steinerne Pforte auf, die sich vor ihm lautlos nach innen öffnete.

Kapitel 6

Staubige, abgestandene Luft schlug ihm entgegen, als er den ersten Schritt in die Dunkelheit setzte. Dem Impuls widerstehend, Regulus um Erleuchtung zu bitten, sah sich Asrael im Innern des Grabmals um. Da das einzige Licht, das dort herrschte, das trübe Grau der Außenwelt, welches durch die offene Pforte drang war, konnte er auf den ersten Blick nicht viel mehr als verschwommene Schemen und Schatten wahrnehmen. Alles, was weiter als eine Armlänge entfernt war, verlor sich in der nachtschwarzen Dunkelheit. Wo seine Füße den Boden berührten, stoben dichte Staubwolken empor, woraus Asrael schloss, dass dieser Weg schon lange Zeit nicht mehr beschritten wurde. Vorsichtig tastete er sich weiter vor, als sich das Tor hinter ihm plötzlich mit einem lauten Knall schloss und jegliches Licht von ihm abschnitt. Hätte Asrael noch ein Herz gehabt, wäre es ihm vermutlich in den Beckenboden gerutscht, aber auch so zuckte er schreckhaft zusammen. Noch bevor er etwas zu seiner Verteidigung unternehmen konnte, flackerten überall in der Gruft Kerzen auf, welche den Raum in ein schummriges Licht tauchten, welches es Asrael ermöglichte, seine Umgebung etwas genauer zu betrachten. Das erste was ihm auffiel war, dass die Gruft von innen deutlich größer aussah, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Ein paar Sitzbänke aus wurmstichigem Holz nahmen den größten Teil des Raumes ein, und waren in zwei Reihen, ähnlich wie in einer Kirche, angeordnet. Zwischen ihnen spannten sich dicke, vom Staub verhangene Spinnweben, deren Bewohner bestimmt schon selbst schon zu Staub zerfallen waren. Flankiert wurden die Bänke von blicklosen Statuen diverser Menschen und anderen Wesen, die zwei Dinge gemeinsam hatten. Zum einen nahmen sie alle eine unterwürfige Pose ein, und zum anderen war die Beschreibung blicklos keine bloße Metapher. Sämtlichen Figuren fehlten die Augen. Nicht in dem Sinne, dass man leere Augenhöhlen oder etwas Vergleichbares sehen würde, vielmehr schien es so, als hätte der Bildhauer diesen nicht ganz unwichtigen Körperteil, einfach ausgespart, und es stattdessen vorgezogen, anstelle von Augen eine glatte, unbehauene Fläche zu hinterlassen. Die Statuen waren zwar in der ganzen Gruft verteilt, jedoch waren ihre blinden Gesichter alle auf einen einzigen Punkt am Ende des Raumes ausgerichtet. Dieser Punkt offenbarte sich als weitere Statue, die alle Anderen jedoch um einige Köpfe überragte. Auch war die Pose, die sie einnahm, weder unterwürfig, noch sonderlich demütig. Vielmehr strahlte sie Macht und Überlegenheit aus, wie sie da in voller Rüstung, und mit einer meterlangen Sense bewaffnet, über dem Rest der Szenerie aufragte.

Asrael musterte den Giganten etwas genauer, und musste zugeben, dass er von auffallend attraktiver Gestalt war. Tatsächlich konnte er nicht abstreiten, dass es zwischen der Statue und ihm einige Ähnlichkeiten gab.
Die imposanten Ohren, der markante Schädel mit den tiefen Augenhöhlen, in denen man sich verlieren konnte* * vor einigen Jahren hatte sich eine Motte in Asraels Augenhöhle wortwörtlich verloren. Sie flog hinein, wurde danach aber nie wieder gesehen., die athletische Gestalt - zugegeben, Asrael war deutlich kleiner und weniger breit gebaut, aber das sind unwichtige Details mit denen er sich nicht aufhalten wollte. Zumindest war Asrael sich sicher, dass es sich hierbei um eine Abbildung eines Hasenkriegers handelte. Just in dem Moment, als Asrael im Begriff war sich der Statue zu nähern, erwachte diese zum Leben.
Ein Zittern lief durch ihren massiven Körper, und mit einem Krachen, als würde der Dachstuhl einer mittelgroßen Kirche in sich zusammenbrechen, bewegte sie ihren Kopf von links nach rechts und ließ die Halswirbel knacken. „NA WEN HABEN WIR DENN DA?“, sprach der Koloss mit solch einer dröhnenden Stimme, dass sich der Putz von der Decke löste und auf Asrael, versteinerten Regentropfen gleich, herabrieselte. „DU AHNST JA NICHT, WIE LANGE ICH AUF UNSER ZUSAMMENTREFFEN GEWARTET HABE, WIE ICH ES HERBEIGESEHNT HABE, EINES TAGES DEM GROßEN HELDEN ASRAEL GEGENÜBER ZU STEHEN.“ So wie er das Wort „Groß“ betonte, hörte es sich fast wie eine Beleidigung an, aber Asrael beschloss, den subtilen Hinweis auf seine Statur geflissentlich zu überhören. Gerade als er etwas mehr oder minder geistreiches entgegnen wollte, fuhr der riesige Hase fort: „ICH WEIß WER DU BIST, ICH WEIß WAS DU GETAN HAST, UND ICH WEIß, WAS DU NOCH ZU TUN GEDENKST. DOCH LASS MICH DIR SAGEN, DASS DER WEG, DEN DU VORHAST ZU GEHEN, DEIN ENDE BEDEUTEN WIRD“. Bedeutungsschwangere Stille erfüllte die Gruft, und als die letzten Putzflocken den Boden berührten, ergriff Asrael das Wort. „Du weißt ja eine ganze Menge über mich. Ich dagegen weiß leider nichts über dich. Ich weiß weder wer du bist, noch was du getan hast. Vielleicht könntest du mich erstmal aufklären, bevor wir über meine Zukunft reden. Wie wäre das?“ Sein Gegenüber erschauerte und ließ ein grollendes Lachen ertönen. „ERKENNST DU MICH DENN NICHT? ICH „BIN“ DEINE ZUKUNFT. ICH BIN ASRAEL, DER DIE TÖRICHTE IDEE HATTE EINE PRINZESSIN ZU ERRETTEN UND DER STATTDESSEN NUN EIN GANZES KÖNIGREICH REGIERT! ICH BIN DER KÖNIG ÜBER DEN TOTENACKER. GEBIETER EINER GANZEN ARMEE UNTOTER DIENER, SCHLÄCHTER, ALL DERJENIGEN, DIE DUMM GENUG WAREN, IHREN FUß IN MEIN REICH ZU SETZEN. ICH BIN DAS WAS DU SEIN WILLST. ICH BIN MACHT!“ Während er die letzten Worte sprach, vollführte er einen kraftvollen Schwung mit seiner Sense und enthauptete die Statue eines Engels, dessen Kopf zu Asraels Füßen aufprallte und ihn mit einem vorwurfsvollen Blick zu strafen schien. Wenn dies wirklich sein Zukunfts-Ich sein sollte, würde Asrael ein paar ernste Worte mit sich reden müssen. „Nun“, erwiederte Asrael vorsichtig, „nimm es mir bitte nicht übel, aber dein „Königreich“ sieht doch ganz schön heruntergekommen aus .Ich meine, warst du mal da draußen?“, sprach Asrael und deutete auf das Tor, das die Gruft vom Friedhof trennte.
Mit zwei großen Schritten überwand sein Alter Ego die Distanz zwischen ihnen und blickte nun spöttisch auf ihn herab. „DU WEIßT NICHT WAS ES BEDEUTET, ÜBER WAHRE MACHT ZU VERFÜGEN. JEDES WESEN DAS HIER BEGRABEN LIEGT IST MEIN! ICH NÄHRE MICH AN IHREN ERINNERUNGEN, AN DEN ZEUGNISSEN IHRER EXISTENZ, UND MIT JEDER SEELE, DIE ES AN DIESEN ORT VERSCHLÄGT, WÄCHST MEINE MACHT!“ Und mit diesen Worten griff Asraels Abbild zwischen die Platten seines Brustpanzers, und zahllose vergilbte Papierblätter quollen aus seinem knöchernen Brustkorb hervor. In einer Kaskade aus Papier und Pergament, ergossen sie sich auf den Boden vor Asraels Füßen. Neugierig las er einige auf, um sie einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.
Es war ein buntes Sammelsurium verschiedenster Schriftstücke. Da waren schmachtende Liebesgedichte auf parfümiertem Büttenpapier, verzweifelte Abschiedsbriefe, auf denen die Tinte bereits verblasste wo sie auf Tränen getroffen war, akribisch angeordnete Notenblätter, hektisch hingekritzelte Notizen, kunstvolle ausgearbeitete Skizzen von Pflanzen, Tieren oder Sternenkonstellationen - so viele Geschichten, die niemals erzählt wurden, weil sie alle dazu verdammt waren, in dieser Gruft zu verharren. Bei diesem Gedanken stieg Zorn in Asrael auf. Über eine solche Macht wollte er nicht verfügen, nicht zu diesem Preis. Sorgsam legte er die Schriftstücke wieder zurück auf den Boden und starrte sein Gegenüber wütend an. „VERSTEHST DU NUN WELCHE MACHT DIESEM ORT INNEWOHNT?“, sprach dieser. „DASS DIES DER WAHRE GRUND FÜR DEINE REISE WAR? ES IST DEIN SCHICKSAL, KLEINER KRIEGER. „ICH“ BIN DEIN SCHICKSAL!“
„Nein“, erwiderte Asrael ungerührt. „Niemand hat das Recht, sich so schändlich am Andenken der Toten zu bereichern. Du bist nichts als ein Dieb, und deine Macht ist gestohlen. Du herrschst nicht über diesen Ort, du saugst ihn nur aus und frisst dich fett wie ein Parasit. Ich weigere mich, deinen Titel und deine Macht anzuerkennen. ICH habe meinen eigenen Weg zu gehen.“ Mit jedem Wort das Asrael sprach, schien er zu wachsen, und auch wenn sein Abbild ihn körperlich bei Weitem überragte, war es nun Asrael, der zu ihm herabblickte. „SO SEI ES“, grollte der finstere Riese mit drohender Stimme. „DANN IST DEINE REISE NUN AN DIESEM PUNKT BEENDET. ZERREIßT IHN, MEINE DIENER. LABT EUCH AN SEINEN KNOCHEN, DOCH SEINE SEELE GEHÖRT MIR!“ Und auf einmal brach die Hölle los. Das steinerne Tor der Gruft erbebte unter dem Ansturm von dutzenden Körpern, die sich mit blindem Eifer dagegenwarfen. Aus jeder Ecke des Raumes hörte man das Kratzen und Schaben von knochigen Fingern und das Schlurfen von schwerfälligen Körpern, die sich in Bewegung setzten. Asrael griff zum Schwert, und spürte das warme pulsieren von Regulus, das stetig an Hitze gewann, an seiner Brust. Doch diesmal brauchte Asrael keinen Weckruf. Binnen eines Wimpernschlags erhob sich Regulus aus Asraels Brusttasche, und leuchtete dabei fast so hell, wie der Stern nach dem er benannt war. Die ersten untoten Gestalten kamen bereits aus den Ecken der Gruft auf ihn zugekrochen, und auch das Tor schien nicht mehr lange standzuhalten. Asrael hatte keine Zeit zu verlieren, und gab Regulus mit einem Fingerzeig auf seine Brust und einem Kopfnicken in Richtung des bedrohlichen Kriegers, zu verstehen was er zu tun hatte. Mit atemberaubender Geschwindigkeit, raste das tapfere, kleine Sternenlicht auf Asraels Zukunfts-Ich zu. und verschwand in der Lücke zwischen den beiden Brustplatten. Dieser blickte verdutzt an sich herab, als die ersten papiergewordenen Geschichten der Verstorbenen Feuer fingen. Das trockene Papier entzündete sich rasch, und so dauerte es nur wenige Sekunden, bis die ersten Flammen aus dem Hasenkrieger hervorbrachen, dessen Hass und Wut sich in einem ohrenbetäubenden Schrei entluden, der die Gruft in ihren Grundmauern erzittern ließ. Schon griffen die ersten bleichen Hände nach Asrael, der alle Mühe hatte, diese mit seinem Schwert abzuwehren. Der Koloss stand mittlerweile lichterloh in Flammen und taumelte, wild um sich schlagend durch seine Grabstätte, wobei seine Sense durch Ghule und Zombies schnitt, als wären sie Getreideähren. Asrael duckte sich unter einem fliegendem Bein hinweg, während er zeitgleich einem übergriffigem Zombiehund eine Kopfnuss verpasste. Auch wenn ihm das allgemeine Chaos in die Hände spielte, konnte er nicht mehr lange gegen diese Übermacht bestehen. „Regulus“, rief er laut. „Such uns einen Weg hier raus!“ Dieser hatte sich von seinem Gegner gelöst, und sauste wie ein Derwisch zwischen den Untoten hindurch, bis er schließlich neben einer Schildkrötenstatue abrupt zum stehen kam, und schwebend in der Luft verharrte. Asrael rannte auf ihn zu, und schlug dabei nach allen Seiten mit dem Schwert aus, um sich den finsteren Horden zu erwehren. Neben der Statue kam er rutschend zum Stehen, und stellte fest, dass dort, in einer Wandnische, ein rostiges Gitter eingelassen war. Mit einem beherzten Tritt beförderte er das Gitter aus seiner maroden Aufhängung, und ließ sich bäuchlings in den düsteren Schacht fallen, der ihn dahinter erwartete. Die Erleichterung, einen vermeintlichen Ausweg gefunden zu haben, wich schnell dem unguten Gefühl, sich quasi im freien Fall zu befinden. Der Schacht führte in einem solch steilen Winkel hinab, dass Asraels kurze Sequenzen des Fallens nur durch gelegentliche Zusammenstöße mit den Schachtwänden unterbrochen wurden. Verzweifelt versuchte Asrael seine Finger in den Stein zu graben, um seinen Fall zu bremsen, doch vergeblich. Wie ein Spielball der Schwerkraft polterte er durch den Schacht, der nun senkrecht nach unten führte. Zuerst verlor er sein Schwert, dann sein Bewusstsein und die gnädige Ohnmacht empfing ihn mit offenen Armen, als er tiefer in die Dunkelheit stürzte.

Kapitel 7

Der heutige Tag sollte das Leben in der Krabbenkolonie für immer verändern. Die Krabbenpopulation am Weißen Strand war eine sehr konservative Gemeinde. Man ging seinem Tagewerk nach, grüßte höflich, aber reserviert, seinen Nachbarn, und betrachtete alles Neue und Fremde mit einer gehörigen Portion Argwohn. So auch die mysteriöse Gestalt, die aus dem Himmel fiel, wobei sie beim Aufprall den Stammesältesten, der just in diesem Moment seinen morgendlichen Kontrollgang absolvierte, unter sich zerschmetterte. „Das muss der Zorn Gottes sein, das Ende aller Tage ist nah“, meinten manche. „Die da oben wollen uns einschüchtern“, schrien wiederum andere empört. Ein ganz besonders missmutiges Exemplar seiner Spezies behauptete steif und fest, dass dies der Auftakt eines großangelegten Angriffkrieges der Einsielderkrebse war, der zum Ziel hatte, die Krabbenkolonie zu unterjochen, um sich an ihrem hart erarbeiteten Wohlstand zu bereichern. Doch zumindest war man sich dahingehend einig, dass man dem Eindringling mit der vollen Härte der Krabbenheit zu begegnen hatte. Mit gewetzten Scheren und wütenden Sprechchören zog das Krabbenvolk in eine epische Schlacht, wie man sie dieserorts noch nie gesehen hatte, und die, mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit, in die Geschichtsbücher eingehen würde.

Asrael erwachte durch ein sanftes Ziepen. Benommen richtete er sich auf, wobei er versehentlich drei ungestüme Krabben abschüttelte, die ihn nun zornig umkreisten. Diese ignorierend lies er den Blick schweifen, um sich ein Bild von seiner Umgebung zu machen. Hinter ihm ragte eine steile und zerfurchte Klippe auf. Hier setzte auch seine Erinnerung wieder ein, und er entsann sich, für sehr lange Zeit gefallen zu sein. Nun zumindest erklärte das, wie er hier gelandet war. Möglicherweise war der Schacht, in den er sich gestürzt hatte, einst eine Art Abfluss gewesen. Zugegeben, eine etwas unwürdige Art, den Rückzug anzutreten, aber das musste ja niemand erfahren, dachte sich Asrael insgeheim. Vor ihm erstreckte sich ein endlos weiter Strand. Sand, so weiß wie gemahlene Knochen, bedeckte den Boden, und bildete einen Kontrast zum schwarzen Wasser, das sich in trägen, kräuselnden Wellen am Ufer brach. Der Strand und das anliegende Gewässer waren übersät von alten und verfallenen Schiffwracks. Gekenterte Fischerboote, deren zerfetzte Fangnetze sich in der Strömung wiegten, mächtige Galleonen, deren zersplitterte Masten wie gigantische Skelette aus dem Wasser ragten, sogar eine vom Rost zerfressene, und von Seepocken bedeckte Tauchkugel lag wie ein metallenes Geschwür am Strand. Fast wirkte es, als wäre dies der Ort, an dem sich die Schiffe zum Sterben einfanden.

Asrael musst sich eingestehen, dass er sich, nicht zum ersten Mal auf seiner Reise, etwas verloren fühlte. Glücklicherweise nutzte Regulus die Gunst des Moments, lies sich auf Asraels Schulter nieder, und strahlte ein beruhigendes, pulsierendes Leuchten ab. „Du hast ja recht“, gestand Asrael. „Wir sind kurz davor die Prinzessin zu retten und endlich berühmt zu werden! Wer soll uns jetzt noch aufhalten?“ Sprach er mit kämpferischer Stimme, und schnippte sich beiläufig eine Krabbe vom Knie, die vergeblich versucht hatte ihn zu zwicken.
Archimedes, oder der alte Knacker, wie Asrael ihn insgeheim nannte, erwähnte, dass die Prinzessin am Grunde des Sees zu finden ist. Da Asrael aufgrund seines Zustands nicht atmen musste, sollte es ihm ohne weiteres gelingen, dorthin zu gelangen. Bei Regulus war er sich da allerdings nicht so sicher, war dieser doch ein Wesen des Feuers und des Lichts. Einem Geistesblitz folgend, durchstöberte Asrael den nächstliegenden Schiffskadaver. Es war eine kleine Schaluppe, die offensichtlich ihre besten Tage schon lange hinter sich hatte. Die Segel hingen in traurigen Fetzen vom Mast, und die Luke zum Laderaum war bereits so verrottet, dass sie sich ohne Widerstand öffnen lies. Alte Holzfässer mit fragwürdigem Inhalt, altes Schiffstau und vermoderte Lagerkisten füllten den Innenraum fast komplett aus. Asrael durchstöberte die erste Kiste, fand jedoch nichts weiter als alte Fischernetze, angerostete Angelhaken und ein einigermaßen intaktes Seil, an dem ein Enterhaken befestigt war. Das könnte sich vielleicht noch als nützlich erweisen, dachte er, und schlang sich das Seil um Schulter und Hüfte. Die nächste Kiste förderte lediglich eine gräuliche Schlacke zutage, die in einem früheren Leben womöglich einmal Schiffsproviant war - nichts, mit dem Asrael etwas anfangen konnte. Als er jedoch die dritte Kiste öffnete wurde Asrael fündig. Sie war vollgepackt mit dickwändigen braunen Flaschen, die jeweils mit einem Korken verschlossen waren. Das waren dann wohl die Schnapsvorräte. Der Inhalt der Flaschen war jedoch schon längst versickert, was Asrael nur recht war. Flugs schnappte er sich ein Exemplar, verließ den Laderaum und präsentierte Regulus stolz seinen Fund. „Schau her, was ich für dich gefunden habe“, sagte Asrael, und schwenkte die Flasche einladend vor Regulus hin und her. Mit einem kräftigen Ruck zog er den Korken raus, der sich mit einem lauten Plopp löste. Ein Hauch alkoholgeschwängerter Dämpfe entfloh aus dem Behälter, als hätte sich ein besoffener Djinn erbrochen. „Wolltest du nicht schon immer mal ein Flaschengeist sein, mein Lieber?“, fragte Asrael schelmisch grinsend. Dem beleidigten Glimmen das von Regulus ausging nach zu urteilen, war dies bisher anscheinend noch nicht der Fall gewesen. Er drehte ein paar wütende Runden um Asraels Kopf, wobei der Funkenschauer den er dabei aussandte, einer sich anschleichenden Krabbe den Hintern versengte. „Es ist doch nicht für lange“, versuchte Asrael ihn zu beruhigen. „Aber so kannst du mich auf den Grund des Sees begleiten, ohne dabei nass zu werden. Du bist doch auch neugierig wie die Prinzessin aussieht, oder?“ Die Bandbreite der emotionalen Ausdrucksweise eines kleinen Lichtballs ist naturgemäß etwas begrenzt, doch war die Resignation, die Regulus nun abstrahlte, mehr als deutlich zu erkennen. Dieser versprühte noch einen letzten, zornigen Funkenregen, und flog in die Flasche, die Asrael daraufhin mit dem Korken luftdicht verschloss. Fachmännisch verstaute Asrael die Flasche an seinem Gürtel, versicherte sich kurz, dass alle seine Knochen an ihrem angestammten Platz waren, und machte sich auf, die holde Prinzessin den finsteren Klauen des Sees zu entreißen.

Das Wasser des Finstersees machte seinem Namen alle Ehre. Das graue Licht der Unterwelt, verlieh der Wasseroberfläche das Aussehen von dünnflüssigem Teer, so das es Asrael unmöglich war, einen Blick in die Tiefe zu erhaschen. Vorsichtig watete er in die düsteren Fluten, und bereits nach wenigen Schritten hatte der See ihn verschlungen. Unterwasser brauchten seine Augen einen Moment, um sich an die ungewohnten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. So schwarz das Wasser von außen auch aussah, war es unter der Oberfläche doch zumindest so klar, dass Asrael sein direktes Umfeld erkennen konnte. Zugegeben, viel gab es nicht zu sehen. Der sandige Boden unter seinen Füßen verlief in einem sanften Gefälle nach unten, und verlor sich nach ein paar Metern im diffusen Wabern des Sees. Regulus schien es vorzuziehen, in seiner Flasche zu schmollen, und gab nur hin und wieder ein müdes Glimmen von sich. Je weiter es in die Tiefe ging, umso deutlicher veränderte sich die Umgebung. Musste Asrael sich anfangs noch durch versunkene Schiffwracks und unförmige Felsformationen arbeiten, fand er sich nun auf einer Art befestigter Straße wieder. Diese führte in Schlangenlinien weiter hinab in die Tiefe, wo sich in der Ferne die Umrisse von großen Gebäuden abzeichneten. Ermutigt durch den Anblick beschleunigte Asrael seinen Schritt, und stand schon bald vor einem massiven Steingebilde, was wohl in besseren Tagen eine Art Stadtmauer dargestellt hatte. Die zinnenbewehrte Brüstung schien unbemannt. Anscheinend rechnete man hier nicht mit Besuchern, denn auch das Tor, das den Weg in die Stadt wies, stand sperrangelweit offen. Der Anblick, der sich Asrael bot, als er den Torbogen durchschritt, war atemberaubend - zumindest metaphorisch gesehen. Vor ihm erstreckte sich eine Stadt, größer als alle Städte die er je erblickt hatte. Einst prunkvolle Wohnhäuser und Geschäfte schmiegten sich eng an eng, und die Straßen und Gassen erstrahlten in seltsam leuchtenden Farben. Erst auf den zweiten Blick wurde er gewahr, woher das Licht stammte. Leuchtquallen in allen Größen und Farben waberten zwischen den Gebäuden umher, und an jeder Ecke erblickte er fluoreszierende Algen, Korallen und Seesterne. Asrael lies staunend den Blick schweifen, als er sich wie in Zeitlupe durch die versunkene Metropole bewegte. Die Stadt war auch alles andere als unbelebt. Überall gingen Menschen und Tiere ihrem Tagewerk nach. Asrael sah einen großen Mann mit dem Kopf eines Haifischs, der vor einem Laden saß und gedankenverloren eine kleine Skulptur aus einer Fischgräte schnitzte. Zwei Soldaten in voller Rüstung, deren Helme zwar die Gesichter verdeckten, nicht jedoch die daraus hervorquellenden Tentakeln, patrouillierten wachsam durch die Straßen. Eine Frau, deren Gesichtszüge an einen aufgeblasenen Kugelfisch erinnerten, diskutierte lebhaft mit einem Wesen, das aussah als hätte man den Oberkörper eines Menschenkindes auf sechs lange Spinnenbeine gesteckt. Asrael hatte den Eindruck, als hätte jemand sämtliche Kreaturen des Wassers und des Landes so lange in einem Topf verrührt, bis sie miteinander verschmolzen waren. Doch so geschäftig die Stadtbewohner auch zu sein schienen, so nahm doch keiner Notiz von ihm. Weder verfolgten ihn neugierige Blicke, noch nahm man in sonst irgendeiner Form Kenntnis von ihm. Ein breitschultriger Hummermann, mit ausladenden Scheren statt Händen, lief ihn fast über den Haufen, was Asrael mit einer wütenden Schimpftirade quittierte, doch auch die erzielte keinerlei Wirkung. Asrael war es nicht gewohnt, so rigoros ignoriert zu werden, und so ließ er sich dazu hinreißen, einige unanständige Gesten zu zeigen und wilde Grimassen zu ziehen, was aber lediglich zufolge hatte, dass er sich nicht nur ignoriert, sondern auch ausgesprochen kindisch vorkam.

Als er seinen Streifzug durch die Stadt fortführte, stach ihm eine verhutzelt aussehende, alte Frau ins Auge, die ihn mit ernstem Blick taxierte. Asrael schaute sich unsicher um, nur um sicherzugehen, dass der starre Blick nicht irgendjemandem oder -etwas hinter ihm galt, doch da schien es nichts zu geben, was einen derart intensiven Blickkontakt rechtfertigte. Ermutigt von der Möglichkeit, mit jemandem interagieren zu können, näherte er sich der Alten, die ihn auch direkt am Arm packte und ihn grob in eine dunkle Seitengasse zerrte. „Törichter Hase, du gehörst hier nicht her“, zischte sie ihn herrisch an. Ihr faltiges Gesicht war überwuchert von kleinen, sich windenden Seesternen. Seepocken wuchsen auf ihren salzverkrusteten Lippen, und ihr langes, gallertartiges Haar, erinnerte verdächtig an die Nesseltentakeln einer Qualle. Kurzum, gab sie alles andere als ein vertrauenerweckendes Bild ab, doch Asrael hatte das Gefühl, jetzt nicht wählerisch sein zu dürfen. „Liebe Dame“, erwiderte er bemüht charmant. „Ich habe bestimmt nicht vor lange hierzubleiben, doch bevor ich diesen Ort wieder verlassen kann, muss ich noch eine Prinzessin suchen und retten. Vielleicht könnt ihr mir ja sagen wo ich sie finden kann?“ Die alte Vettel stieß ein röchelndes, absolut humorbefreites Lachen aus, welches fließend in einen ausufernden Hustenkrampf überging. Als sie sich wieder gefangen hatte, sah sie ihn nur mitleidig an, und erwiderte in einem etwas milderen Tonfall: „Ach du junger Narr. Glaubst du denn du bist der erste, der hier sein Glück versucht? Viele waren vor dir hier, und noch mehr werden nach dir folgen. Auf diesem Ort lastet ein Fluch, kleiner Hase. Ein Fluch, der die Stadt und alle die sich darin befinden, an den See bindet. Sag, kennst du die Geschichte die hier versunken liegt?“ „Naja, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber eigentlich möchte ich nur...“ setzte Asrael an, als ihm die Nesselhaare der Alten eine schmerzhafte Backpfeife verpassten, und ihm somit unsanft das Wort abschnitten. „Zeig gefälligst etwas Respekt vor dem Alter, du Lauser!“, keifte sie ihn an. „Wenn du wirklich gewillt bist, den Fluch zu brechen und die Prinzessin zu retten, dann wirst du etwas mehr benötigen, als ein überzogenes Ego und schlechte Manieren. Lass mich dir also etwas Wissen für deinen Hohlkopf vermitteln.“ Etwas betreten scharrte Asrael mit dem Fuß, und blickte beschämt zu Boden. Er gab ein vernuscheltes, „ist gut“, von sich, spitzte die Lauscher, und gab der alten Seefrau die Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen.

„Es trug sich vor vielen hundert Jahren zu,“ begann sie zu sprechen. „Diese feuchtnasse Kloake, in der wir nun stehen, war einst ein stolzes und prachtvolles Königreich. Gelegen in einem idyllischen Tal voller Zauber und Wunder. Aus allen Winkeln des Totenreichs strömten die Besucher herbei, um Handel zu treiben, die vielen Sehenswürdigkeiten zu bewundern, oder gar einen Blick auf die sagenhaft schöne Prinzessin erhaschen zu können. Natürlich wusste kaum jemand wie die Prinzessin tatsächlich aussah, war diese doch vollauf damit beschäftigt ihr Königreich zu regieren, doch die Gerüchte, die sich um ihre Schönheit rankten, waren in aller Munde. Tatsächlich verließ die Prinzessin einmal im Jahr ihren Palast, um sich unter ihr Volk zu mischen, und aus nächster Nähe zu sehen, wie es um ihre Stadt bestellt war. An eben jenem Tag, an dem die Prinzessin einmal mehr durch die belebten Straßen der Stadt flanierte, begab es sich, dass ein mächtiger und durchaus berüchtigter Hexenmeister auf sie aufmerksam wurde. Dieser zwielichtige Zauberer war im Volk nur unter dem Namen „Der Fisch“ bekannt. Ob er sich diesen Namen selbst gegeben hatte, oder ihm dieser von anderen gegeben wurde, weiß heute niemand mehr. Treffend war er in jedem Fall, denn noch nie hatte man einen Menschen gesehen, der mehr Ähnlichkeit mit einem Fisch besaß, als eben jener besagte Hexenmeister. Wie dem auch sei, als sein Blick auf die Prinzessin fiel, entbrannte er augenblicklich vor leidenschaftlicher Liebe, und da er ein Mann war der es gewohnt war, dass seine Bedürfnisse schnellstmöglich gestillt wurden, gestand er der Prinzessin sogleich auf offener Straße seine inbrünstigen Gefühle, inklusive eines Heiratsantrags mit theatralischem Kniefall. So sicher er sich seines Erfolgs war, so unangenehm berührt war die Prinzessin, denn zum einen fühle sie sich mit ihren 246 Jahren im Totenreich noch viel zu jung, um sich an einen festen Partner zu binden, und zum anderen empfand sie die Aussicht darauf, einem Ehegatten die Pantoffeln hinterherzuräumen, grundsätzlich als wenig attraktiv. Zumindest im Tod wollte sie unabhängig sein, und so lehnte sie den Antrag höflich, aber bestimmt ab, und wünschte dem Hexenmeister noch einen angenehmen Aufenthalt in ihrer Stadt. Unglücklicherweise waren auch sämtliche Stadtbewohner, die sich in der Nähe befanden, Zeuge dieser unvorteilhaften Zurschaustellung von Gefühlen, und dort wo die Mächtigen scheitern, braucht man auf den Spott nicht lange zu warten.
Schallendes Gelächter aus hunderten Kehlen brandete dem Hexenmeister von allen Seiten entgegen. „Der Fisch liegt auf dem Trockenen“, skandierte die Menge euphorisch, und ein paar besonders selbstbewusste Stadtbewohner warfen sich windend auf den Boden, um einen zappelnden Fisch zu imitieren. Der Fisch jedoch stand still wie eine Salzsäule, und nur am krampfhaften Zucken seiner Mimik konnte man erahnen, dass hier gerade mit Feuerwerkskörpern auf ein Pulverfass geschossen wurde. Und so kam es wie es kommen musste. Als düstere Wolken aufzogen, und der Himmel sich verdunkelte, erkannten die ersten, dass sich hier gleich ein Unglück abspielen würde, doch kam diese Erkenntnis leider zu spät. Mit wutverzerrter Miene riss der Fisch die Arme in die Luft, und schrie mit donnernder Stimme: „Auf dem Trockenen soll ich also sitzen? Dann sollt ihr erfahren, was es heißt den Fisch herauszufordern! Von nun an ist dieses verkommene Dorf MEIN Teich, und ich bin der Hecht, der euer Schicksal zwischen seinen Kiefern zermalmt.“ Und mit diesen Worten schlug er die Hände mit einem Donnerkrachen über dem Kopf zusammen, und sämtliche Schleusen des Himmels entluden ihre Wassermassen über dem Tal. Gullideckel wurden von aufsteigenden Wasserfontänen hoch in die Luft geschleudert, wahre Sturzbäche ergossen sich aus platzenden Regenrinnen, und jedes Wesen versuchte sich panisch in Sicherheit zu bringen. Vergebens, wie du nun siehst. Binnen Minuten war das gesamte Tal geflutet, dass sogar die höchsten Türme des Palastes weit unter der Wasseroberfläche lagen. Die Stadtbewohner veränderten sich, wurden zu Kreaturen der See, die dazu verflucht waren, nie wieder einen Fuß auf das trockene Land setzen zu können. Auch der Fisch, der immer noch im Zentrum der Katastrophe stand, durchlief eine Veränderung und vielleicht sahen wir an diesem schicksalhaften Tag zum ersten Mal den Fisch in seiner wahren Gestalt. Wie ein dunkler Schatten senkte sich dieser über die Prinzessin, verschlang sie mit Haut und Haaren und verschwand daraufhin im Palast, von dem aus er seither sein feuchtes Reich regierte. Seitdem hält der See uns gefangen und wir sind dazu verdammt, auf ewig in diesem nassen Grab vor uns hinzuvegetieren.“

Asrael, der sichtlich beeindruckt von dem eben Gehörten war, räusperte sich verlegen. „Es tut mir sehr leid, was euch widerfahren ist, aber du musst wissen, dass ich auf dem Weg hierher schon viele Gefahren gemeistert habe. Ich habe die Schatten des Klosters Rabenstein gezähmt, die Bäume des Waldes der tausend Schreie befreit, und den König vom Knochenacker besiegt. Außerdem begleitet mich mein treuer Freund Regulus,“ sagte er und klopfte dabei demonstrativ gegen die Flasche die von seinem Gürtel baumelte, was Regulus dazu veranlasste hell aufzuleuchten. Die Gesichtszüge der Alten erhellten sich, und das nicht nur im übertragenden Sinn. „Vielleicht bist du ja doch kein so hoffnungsloser Fall wie ich dachte,“ sagte sie erfreut. „Einen interessanten Weggefährten hast du dir da angelacht, kleiner Hase. Du musst wissen, dass der Fisch, in seiner jetzigen Form, so gut wie blind ist. Nicht, dass er auf sein Augenlicht angewiesen wäre, denn er verfügt über andere Mittel und Wege seine Feinde aufzuspüren. In Kraft und Geschicklichkeit wirst du dich nicht mit ihm messen können, doch sagt man sich, dass seine Augen, durch die vielen Jahre in den finsteren Katakomben des Palastes, schwach und empfindlich geworden sind, und vielleicht, nur vielleicht, könnt ihr euch diese Schwäche zunutze machen. Wenn du also gewillt bist, dich dem Fisch entgegenzustellen, werde ich dich nicht aufhalten. Du findest ihn im Herzen des Palastes. Folge einfach der Hauptstraße, doch sei dir sicher, dass dies deine schwerste Prüfung von allen sein wird. Alleine wirst du nicht bestehen können, doch vereint könnt ihr triumphieren... Das ist der einzige Rat, den ich dir geben kann.“ Und mit diesen Worten zerfloss die alte Frau vor Asraels Augen, wie Tinte in einem Wasserglas, bis nichts mehr darauf hindeutete, dass sie jemals existiert hätte. Den alten Asrael hätte dieser Abgang zutiefst erschüttert, doch nach all den Abenteuern die es bisher durchlebt hatte, wäre er fast schon enttäuscht gewesen, wenn sie sich auf herkömmliche Art und Weise verabschiedet hätte. Zumindest hatte er nun ein konkretes Ziel, und das Ende seiner Queste erschien in greifbarer Nähe. So straffte unser heldenhafter Recke die Schultern, ließ die Fingerknöchel knacken, und trat erneut auf die Straße, die ihn hin zu seinem Schicksal führen sollte.

Kapitel 8

Wie bereits zuvor, wurde er von keinem Anwohner behelligt, und so konzentrierte er sich strikt auf die Silhouette des Palastes, der er sich mit schnellen Schritten näherte. Hätte Asrael seinem Umfeld etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt, hätte er sicherlich die wuchtigen Gestalten bemerkt, die sich ihm von links und rechts näherten. So wurde er ihrer erst gewahr, als ein gewaltiger Dreizack von oben herabfuhr und, nur Zentimeter vor seinen Füßen, in den Boden krachte. Ein Ritter in eindrucksvoller Rüstung, der auf einem nicht weniger eindrucksvollen, voll gerüsteten Seepferd saß, versperrte ihm den Weg. Oktopusartige Tentakel quollen zuckend aus seinem Helmvisier, welches den Rest des Gesichtes in Dunkelheit hüllte. Der Ritter, den Asrael, aufgrund der prunkvollen Ausrüstung, der Palastwache zuordnete, hob wortlos die Hand, woraufhin sich weitere berittene Soldaten aus den Schatten lösten, die Asrael sogleich in die Zange nahmen. Asrael spürte den Druck eines weiteren Dreizacks im Rücken, und auf ein weiteres Zeichen des Ritters hin, setzte sich der ganze Tross, mit Asrael in seiner Mitte, in Bewegung - geradewegs auf das Palasttor zu. Asraels Versuche mit den Rittern zu kommunizieren, sowohl verbal wie auch nonverbal, waren nicht sonderlich fruchtbar, weshalb er sich entschloss, sich fürs erste gefügig zu geben. Immerhin ging es in die richtige Richtung, dachte er bei sich. Der Torbogen des Palastes entpuppte sich als ein gähnender, schwarzer Schlund und als der Trupp davor zum Stehen kam, musste Asrael feststellen, dass er weder durch Tür, noch Pforte verschlossen war. Anscheinend war der Fisch selbstsicher genug, dass er sich keine Sorgen um etwaige ungebetene Eindringlinge machte. Die Soldaten positionierten sich hinter Asrael in einer Reihe, und kreuzten die Dreizacke, so dass ihm der Rückweg verwehrt blieb. Nicht dass Asrael vorgehabt hätte sich davonzuschleichen. Die Prinzessin war vielleicht verschluckt, was im Reich der Toten aber noch lange nichts heißen musste, und solange zumindest der Hauch einer Chance bestand, eine holde Maid in Nöten zu erretten, war Asrael fest entschlossen, dies auch zu versuchen. Da die Ritter anscheinend keine weiterführenden Befehle erhalten hatten, als ihn im Palast abzuliefern, beschloss Asrael, den Rachen der Bestie zu betreten, um den finsteren Hexenmeister zu stellen, und ihm im besten Fall auch eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen.

Die Dunkelheit im inneren des Palastes war zwar allgegenwärtig, jedoch nicht undurchdringlich. Schummrig leuchtende Algen und Meeresgetier sorgten dafür, dass er seine Umgebung zwar in den Grundzügen erkennen konnte, verzerrte aber gleichzeitig seine Wahrnehmung von Formen und Größen. Allem Anschein nach befand er sich in einer Art Flur oder Halle. Der Raum musste riesig sein, denn er verlor sich zu allen Seiten im dunklen Nichts. Die spiegelglatten Marmorfliesen zu seinen Füßen machten es schwer, eine würdevolle Haltung beim Voranschreiten zu bewahren, wovon sich Asrael jedoch nicht entmutigen ließ. Nachdem sich seine Augen an das trübe Licht gewöhnt hatten, erkannte er die Skulpturen, die links und rechts den Weg markierten. Die ersten Statuen die er passierte, schienen verschiedenen Meereslebewesen nachempfunden zu sein. Er sah einen kolossalen Mondfisch, einen etwas zu groß geratenen Hummer mit messerscharfen Scheren, eine Muräne, die sich um einen alten Taucheranzug schlängelte. Doch je weiter er in das Innere des Palastes vordrang, umso seltsamer und verstörender wurden die dargestellten Wesen. Da gab es einen dreiköpfigen Haifisch, eine Riesenkrake mit Spinnenbeinen, eine Seeanemone, deren zahllose Tentakel aus menschlichen Armen bestanden, und viele weitere Kreaturen, die jedweder Beschreibung spotteten und deren Anblick allein dafür sorgte, dass Asrael der Schwindel überkam.

Nach einiger Zeit - Asrael konnte nicht sagen, ob Minuten, Stunden oder gar Tage verstrichen waren, kam er schließlich zu einem weiteren Durchgang. Eine kunstvoll gearbeitete, elfenbeinfarbene Pforte ragte vor ihm auf, und Asrael war sich fast sicher, dass es sich hierbei um den Eingang zum Thronsaal handelte. Ohne lange zu zögern drückte er gegen die Türflügel, die lautlos nach innen aufschwangen. Vor ihm offenbarte sich, was er bereits vermutet hatte. Der Saal der sich vor ihm auftat, war in ebenso düsteres Licht wie der Rest des Palastes getaucht, doch um einiges prunkvoller ausgestattet. Wertvolle Gemälde und Wandteppiche zeigten Szenen längst vergangener Schlachten, von längst vergessenen Armeen. Prachtvolle Rüstungen flankierten den Saal zu beiden Seiten, und im Zentrum des Raumes stand der gigantische Thron, der seinen langen Schatten, bis hin zu Asraels zierlicher Gestalt warf. Das alles nahm Asrael nur nebenbei wahr, denn seine Aufmerksamkeit wurde von etwas gefesselt, was er hier so nicht erwartet hatte. Aus dem Schatten des Thrones schälte sich eine grazile, hochgewachsene Gestalt, bei der Asrael sicher war, dass es sich nur um die Prinzessin handeln konnte.
„„Tapferer Ritter“, setzte sie mit seltsam gurgelnder Stimme an, „wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet, dass ein strahlender Held mich aus diesem finsteren Verlies erlöst. Sag mir, bist du derjenige, der mich und mein Königreich aus den Klauen des Hexenmeisters befreien wird?“ Asrael, der vor Ehrfurcht erstarrt zu sein schien, zwang seine Kiefer dazu sich zu bewegen, und presste ein ungelenkes, „Ja euer Hoheit, ich glaube der bin ich“ heraus. „Dann tritt näher, damit ich dich besser sehen kann“, erwiderte diese. „Mein Augenlicht ist durch die langen Jahre in diesem Kerker schwach geworden“ Ein sehr kleiner Teil von Asrael wurde stutzig und mahnte zur Vorsicht, doch war der restliche Asrael so trunken von der Aussicht auf Ruhm, Heldentaten und ewiger Liebe, dass sämtliche Einwände ungehört verhallten. Langsam ging er auf die Prinzessin zu, die erwartungsvoll den Kopf geneigt hatte, jedoch weiterhin im Schatten blieb. Gerade, als nur noch wenige Meter Asrael von seinen kühnsten Träumen trennten, brach der Boden vor ihm mit einem lauten Krachen auf, und eine undefinierbare schwarze Masse brach daraus hervor. Krampfhafte Zuckungen durchliefen die Prinzessin, die sich, wie in einem grotesken Tanz, hin und her wand, wobei sie, wie durch Geisterhand, langsam nach oben schwebte. Der Grund dafür offenbarte sich Asrael nur einen Moment später. Statt der lieblichen Prinzessin stand Asrael nun einem monströsen Wesen gegenüber, welches entfernt an einen riesigen Anglerfisch erinnerte. Der gedrungene, unförmige Körper, war von Pocken und Narben übersät, der gigantische Schlund war mit mehreren Zahnreihen bewehrt, von denen der kleinste Zahn Asrael noch bei weitem überragte, und zwei winzige, milchige Augäpfel starrten ihn mit boshafter Gleichgültigkeit an. Wo bei einem herkömmlichen Anglerfisch die Laterne saß, die potentielle Opfer anlocken sollte, hing die Gestalt der Prinzessin, die sich immer noch in schubweisen Schüttelkrämpfen wand. Erst jetzt registrierte Asrael die Zeichen, die ihn hätten warnen sollen. Der gurgelnde Unterton in der Stimme, die düstere Präsenz der vermeintlichen Prinzessin, und hatte ihm die alte Frau nicht gesagt, dass der Fisch ein schwaches Augenlicht hatte? Doch kam diese Erkenntnis für Asrael zu spät, denn schon öffnete der Fisch sein riesenhaftes Maul, und verschluckte Asrael, zwar nicht mit Haut und Haaren, dafür mit Mark und Knochen, und alles wurde schwarz.

Kapitel 9

Asrael fand sich im inneren des Fisches wieder, gehüllt in absolute Dunkelheit und umgeben von einem bestialischen Gestank, der sich beißend durch seine Nasenlöcher fraß. Seine Dummheit verfluchend, machte sich Asrael daran, seine aktuelle Lage zu bewerten. Augenscheinlich befand er sich im Magen der Kreatur, die ihm vorgegaukelt hatte, die Prinzessin zu sein. Sein Seil hatte er immer noch um den Oberkörper geschlungen, und auch die Flasche mit seinem Weggefährten hing unversehrt an seiner Taille. Da das Innenleben des Fischs nicht von Wasser geflutet war, wagte er es, den Stöpsel der Flasche zu ziehen, woraufhin Regulus daraus hervorschwebte, seine Leuchtkraft entfachte, und die Umgebung in orangerotes Licht tauchte. Der Anblick, der sich ihnen bot, war milde gesagt verstörend. Die fleischigen Wände sonderten ein zähflüssiges Sekret ab, welches auch den Boden bedeckte, und bereits damit begonnen hatte, langsam Asraels Stiefel zu zersetzen. Magensäure - schlussfolgerte dieser sachverständig, und besah sich die kläglichen Überreste seiner Vorgänger die ihn umgaben. Zerfressene Rüstungsteile lagen über den Boden verteilt, und aus einer Ecke, grinste ihn höhnisch ein Totenschädel eines ihm unbekannten Wesens an. Asrael ließ seinen Blick schweifen, in der Hoffnung, so etwas wie eine Waffe zu finden, mit der er sich aus dem Fisch schneiden konnte, doch vergebens. Um seine Stiefel vor der aggressiven Säure zu schützen, hüpfte Asrael auf die Überbleibsel eines alten Brustharnischs. In dem Wissen, dass er nicht ewig hier ausharren konnte, wollte er nicht das Schicksal des grinsenden Schädels teilen. Regulus drehte ein paar Runden, als er plötzlich vor einer Wandnische verharrte und aufgeregt flackerte. Mit ein paar gut platzierten Sprüngen war Asrael bei ihm, und sah nun, was seinen Gefährten so in Erregung versetzt hatte. Mitten in der fleischigen Wand sah er die Prinzessin, die echte Prinzessin. Es sah aus, als wäre sie mit der Magenwand verwachsen, denn das rosafarbene Gewebe überzog ihren gesamten Körper, und hatte ihn stellenweise schon völlig bedeckt. Einzig ihr Gesicht war von den Wucherungen verschont geblieben - ein ausgesprochen hübsches Gesicht, wie Asrael bemerkte, wären da nicht der leere Blick ihrer großen Augen, die durch ihn durch in die Ewigkeit zu blicken schienen. Ihre Haut war glatt und schimmerte matt wie poliertes Ebenholz, und die fleischigen Tentakel ihrer Haarpracht fielen geschmeidig über ihre grazilen Schultern. Asrael war sich sicher, dass er noch nie einem so zauberhaften und makellosen Wesen begegnet war, und wohl auch nie wieder begegnen würde. Vorsichtig versuchte er an dem Gewebe zu ziehen, das die Prinzessin gefangen hielt, doch glitten seine Hände immer wieder von der schleimigen Oberfläche ab. Frustiert fiel er auf die Knie als ihn seine Gefühle übermannten. Nun war er seinem Ziel so nah und doch zum Scheitern verurteilt. Die Prinzessin würde auf ewig in ihrer Stasis verweilen, und niemand würde jemals von seinen Heldentaten berichten, geschweige denn sich an ihn erinnern. Leise schluchzend spürte er, wie sich die Magensäfte durch seine Beinkleider fraßen und seine Knie zum Kribbeln brachten, doch es war ihm gleich. Was scherte ihn die Welt, wenn doch jede seiner Handlungen nur darauf hinauslief, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Regulus schwebte vor Asraels Gesicht, das er in den Händen vergraben hatte, und gab ein mitfühlendes Flimmern von sich. Träge hob er den Kopf, als Regulus ihn sanft an der Stirn berührte. Wärme durchflutete ihn, und als Regulus sein Leuchten verstärkte, erinnerte sich Asrael. „Doch vereint könnt ihr triumphieren“, das waren die Worte der alten Frau, die plötzlich einen Sinn ergaben. „Vereint können wir triumphieren“, wiederholte Asrael die Worte der Vettel, und richtete sich ruckartig auf. Regulus wiederum umkreiste Asrael einige Male, vollführte akrobatische Schleifen und Bahnen, wobei er einen Schweif aus Funken hinter sich her zog, und tauchte nach einem letzten, verabschiedenden Flackern wieder ins Innere der Flasche, wo er schließlich zu goldenem Licht zerfloss. Asrael wusste was er zu tun hatte, und auch wenn er keinen Schimmer hatte was nun geschehen würde, nahm er die Flasche, setzte sie an den Mund, und stürzte den Inhalt in einem Zug herunter.

Zuerst geschah überhaupt nichts, bis Asrael ein warmes Kribbeln verspürte, welches ihn von innen heraus durchströmte. Verwundert blickte er an sich herab, und stellte fest, dass ein heller Lichtschein aus seiner Brust drang, der sich langsam über seinen ganzen Körper ausbreitete. Das Kribbeln stieg ihm zu Kopf und wurde kräftiger. Auch seine Arme und Hände begannen in einem Licht zu strahlen, welches sich von Sekunde zu Sekunde verstärke. Testweise legte Asrael seine Handfläche auf das Gewebe, das die Prinzessin gefangen hielt, und zog die Hand sofort wieder erschrocken zurück. Das Gewebe, das er berührt hatte, begann zu qualmen und zog sich zurück. Ein wütender, schmerzvoller Schrei, ließ das Innere des Fischs erzittern. Asrael konzentrierte sich auf seine neu gewonnene Kraft, und bearbeitete die Magenwand, um die Prinzessin auf diese Weise, Stück für Stück, von dem Fleisch des Fisches zu befreien. Nach kurzer Zeit hatte er es geschafft, und die Prinzessin glitt sanft in seine Arme. Vorsichtig bettete er sie auf eine einigermaßen trockene Stelle - natürlich erst nachdem er sich versichert hatte, dass keine Magensäfte ihr dort ein Leid antun konnten. Mit glühenden Fäusten traktierte Asrael nun die Innereien des Fisches, und mit jedem Schlag wurde das zornerfüllte Geschrei lauter und drängender. Asrael wickelte das Seil von seinem Körper ab, hielt das Ende fest im Griff, und begann damit, den Enterhaken mit kraftvollem Drehungen kreisen zu lassen. Als er das Gefühl hatte, genug Schwung gesammelt zu haben, schleuderte er ihn mit ganzer Wucht in die Öffnung von der er ausging, dass sie die Speiseröhre darstellte. Der Haken fand im Dunkeln ein Ziel, und auch nachdem Asrael kraftvoll am Seil gezerrt hatte, blieb dieser in seiner Verankerung. Die Schreie des Fischs waren mittlerweile in ein tobsüchtiges Kreischen übergegangen, und Asrael verlor keine Zeit, als er den schlaffen Körper der Prinzessin schulterte, und sich mit energischen Zügen an dem Seil entlangzog. Schon konnte er die spitzen Zähne des Fischs erkennen, der seinen Schlund, aufgrund seines Brüllens, weit geöffnet hatte. Im Rachen angekommen, stieß sich Asrael mit all seiner Kraft von der Zunge des Fischs ab, und katapultierte sowohl sich, als auch die Prinzessin, nach draußen in die Freiheit. Der einst prachtvolle Thronsaal lag in Trümmern, und noch immer tobte der Fisch, der zwar angeschlagen, aber noch nicht geschlagen war. Überzogen von einer schleimigen Schicht aus Körpersäften, ansonsten aber unverletzt, ließ Asrael den leblosen Körper der Prinzessin sanft auf den Boden gleiten. Umgeben von einer Korona aus hellem Licht, stellte er sich dem Hexenmeister in Fischgestalt entgegen, und ging langsamen Schrittes auf ihn zu. Asrael, beziehungsweise der Teil von Asrael, dem nun auch Regulus innewohnte, sandte mit jedem Schritt stärkere Impulse von Lichtwellen aus, die jedes mal, wenn sie den Fisch erreichten, schwelende Krater in seiner Haut hinterließen. Mit jeder Salve aus Licht wurde die Gegenwehr des Fischs schwächer, und als Asrael schließlich vor ihm stand und seine Handfläche auf die schuppige Haut zwischen den milchglasigen Augen legte, verstummte er ganz. Asrael wiederum erstrahlte immer heller und heller. Der Lichtkranz, der ihn umgab, breitete sich aus, ergoss sich aus ihm, als würden Wassermassen einen Damm durchbrechen, bis alles in ihm und um ihn um herum im gleißenden Licht erlosch.

Als die Prinzessin die Augen aufschlug, lag sie am Boden ihres Thronsaals. Sie fühlte sich elend, was in Anbetracht der Umstände auch nicht weiter verwunderlich war. Sie versuchte sich zu entsinnen was geschehen war, konnte ihrem Gedächtnis aber nur einzelne, größtenteils verstörende, Bruchstücke entlocken. Mit ganz und gar unköniglichem Fluchen und Stöhnen rappelte sie sich umständlich auf, und musterte den Thronsaal etwas genauer. Seinem Zustand nach zu urteilen hatte hier entweder ein erbitterter Kampf stattgefunden, oder ihr Hofstaat hatte in ihrer Abwesenheit die Bezeichnung „mal so richtig die Sau rauslassen“ auf Herz und Nieren abgeklopft. Durch die zersplitterten Fensterscheiben drang zögerlich das dämmrige Licht des Totenreichs, und Teile des Mobiliars waren überall im Raum verteilt. Gerade versuchte sie sich zusammenzureimen, wie sie dieses Malheur beseitigen konnte, als ein mattes Glimmen im Zentrum des Saals ihre Aufmerksamkeit erregte. Mit den Füßen trat sie ein paar Trümmer beiseite, und bahnte sich so, langsam aber zielstrebig, einen Weg zu ihrem Thron. Dort angekommen, entdeckte sie den Ursprung des mysteriösen Leuchtens. Zu ihren Füßen lag bäuchlings ein ziemlich mitgenommener Hasenkrieger. Hasen waren im Totenreich keine Seltenheit, jedoch hatte sie noch nie von einem Exemplar mit Strahlkraft gehört. Neugierig drehte sie den Hasen um, der nun auf dem Rücken lag und ein leises Stöhnen von sich gab. „Eigentlich ein ganz putziges Kerlchen“, dachte sie sich, und hob ihn vorsichtig, fast schon zärtlich hoch. Und so verließ die Prinzessin, den unbekannten Hasenkrieger auf ihren Armen gebettet, den Thronsaal, und trat hinaus in eine Welt, die nur darauf wartete, ihre Geschichte zu hören.
 
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Hallo @Drakudla

herzlich willkommen bei uns!

Huihui, da hast du aber einen ganz schönen Brocken hochgeladen. Also für eine Kurzgeschichte ist das schon eine Menge. Das ist erstmal nicht negativ, ich sage dir nur, dass es für dich schwierig wird, viel Feedback zu bekommen. Das hat nichts mit der Qualität deines Textes zu tun, sondern damit, dass sich die Kommentierenden hier viel Zeit nehmen ,um gutes Feedback geben zu können. Bei einem langen Text dauert das natürlich entsprechend länger. Und da hier viele Neulinge nur kurz einen Text einstellen und dann nie wieder auftauchen, ist das Risiko sich die Arbeit umsonst zu machen, wesentlich höher.

Du hast zwei Möglichkeiten: Kürzen, kürzen, kürzen. Und/ Oder selbst als Kommentator aktiv werden. Wenn andere sehen, dass du dich hier einbringst, wirst du sicher auch schneller Kommentare bekommen.

Ich schaue mir mal deinen Anfang an. Zu mehr komme ich gerade leider auch nicht.

Dein Einstieg klingt weniger nach einer Kurzgeschichte als nach einer Erzählung. Eine Kurzgeschichte wirft den Leser üblicherweise direkt ins Geschehen. Muss aber nicht sein. Um mich sofort zu packen, muss dann aber auch was interessantes kommen und nichts etwas, das ich eh schon weiß.

Die ersten beiden Sätze können also weg.

das große Wunder, welches wir Leben nennen,
Solche Formulierungen blähen den Text unnötig auf, haben aber keinen Mehrwert und können also auch weg.

Du formulierst umständlich, vllt weil du ausgefallene Ausdrücke verwenden oder dich nicht wiederholen willst?
düstere Ebenen der Nachwelt
langohrigen Freunde
Mich überzeugt das leider nicht. Die Ausdrücke weichen den Text auf.

Versuche, mehr mit weniger Worten zu sagen. Verzichte auf neue Formulierungen, die schlechter sind als die gewöhnlichen.

Brauchst du diesen ersten Abschnitt überhaupt? Warum steigst du nicht direkt mit Asrael ein?

Es war ein Tag wie jeder andere - mit dem Unterschied, dass es im Totenreich keine richtigen Tage gab - eher verschiedene Abstufungen von grauem Zwielicht.
Du widersprichst dir hier als Autor direkt selbst. Warum?

Davon abgesehen war alles ganz normal.
Will ich über etwas normales lesen? Steig doch da ein, wo es unnormal wird.

Asrael stemmte die knochigen Pfoten in die noch knochigeren Hüften, und ließ geräuschvoll die nicht weniger knochigen Halswirbel knacken. Da er mittlerweile schon mehr Zeit damit verbracht hatte tot zu sein als lebendig, ging ihm dieses Ritual bereits wortwörtlich in Mark und Bein über.
Asrael hieß nicht immer so. Als er noch flauschiges Fell und einen Puls hatte, nannte man ihn die meiste Zeit über Puschel. Sicher ein sehr klangvoller Name, zumindest in den Augen eines kleinen Menschenkindes, doch, wie es sich gezeigt hatte, denkbar ungeeignet, um im Reich der Toten für Aufsehen zu sorgen.
Ich merke, das soll lustig sein. Humor ist ja Geschmackssache. Mich spricht das hier eher nicht an. Meiner Meinung nach ist das alles viel zu ausschweifend.

Das alles motiviert mich leider nicht gerade diese lange Geschichte zu lesen. Ich würde dir empfehlen direkt in eine Handlung einzusteigen. Du musst nicht sofort alles erklären, am besten wäre es, wenn der Leser vieles beim Lesen versteht.

So viel erstmal von mir. Das ist natürlich nur ein erster subjektiver Eindruck.

Ich empfehle dir, dich hier umzuschauen. Durch das Lesen anderer Geschichten und den Kommentaren dazu, lernt man schon eine Menge, das dir bestimmt auch bei deiner Geschichte weiterhilft.

Viele Grüße,
Nichtgeburtstagskind
 

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