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Wenn heute morgen war

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28.01.2021
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Wenn heute morgen war

Wilmas Nacht endete mit Sommerregen auf warmem Asphalt, ihrem Lieblingsduft. Ihr zweiter Atemzug erfüllte sie mit Filterkaffee und Unbekümmertheit. Schläfrig begab sich das erste Auge auf die Suche nach Vertrautem. Zwischen den Silhouetten im Halbdunkel ein Fenster. Hinter der Gardine schlummerte die Sonne unter einer weichen Wolkendecke. Gerade als Wilma das Bett mit ihren Fingern und den Rest des Raums – dann auch mit ihrem zweiten Auge – erforschte, öffnete plötzlich jemand die Schlafzimmertür. Ein Fremder.

Dem Eindringling wehrlos ausgeliefert, suchten Ihre Hände Halt im Flanell. Vergeblich bemühte sie sich, ihre wirren Gedanken zu sortieren. Wer war das, was wollte er, wie war er reingekommen? Angststarre. Und die Bedrohung näherte sich Schritt für Schritt.

An einem guten Tag hätte Wilma ihren Theo erkannt. Dies aber war kein guter Tag.
___


Wie jeden Morgen war Theo vor seiner Wilma wach geworden. Schlafstörungen. Er nutzte diesen Umstand, um vor Sonnenaufgang zum Bäcker zu spazieren. Zurück in der Wohnung machte er Frühstück. Frische Brötchen und eine Tasse Kaffee. Routine. Während er die Leberwurst auf seine Hälfte verstrich, dachte er bedrückt an die letzten Monate zurück. Dass sie die Diagnose erhalten hatten, war schon ein Dreivierteljahr her. Sein Herz wurde schwer bei dem Gedanken daran und seine Schultern sackten unter der Last zusammen.

Bevor ihnen der Arzt mitgeteilt hatte, wie ernst es sei, hatten sie noch Scherze darüber gemacht, wenn ihr Namen von Freunden nicht eingefallen waren oder sie ihre Brille wieder einmal gesucht hatte. Mittlerweile aber gab Theo sich die Schuld daran, dass er es nicht früher erkannt hatte. Doch selbst, wenn er es eher geahnt hätte, er hätte es nicht aufhalten können. Die Gewissheit darüber löste ein Gefühl von Ohnmacht in ihm aus. Nur eine hohle Schale aus Haut und Knochen. Ausgerechnet seine Wilma. Sie war doch immer die Stärkere von beiden gewesen. Das wusste er schon bei ihrer ersten Begegnung.

Denn obwohl sie einander nicht kannten, hatte sich Wilma damals in der Bibliothek mir nichts, dir nichts neben ihn gesetzt und freiheraus gefragt: „Wusstest du, dass Koalas Schluckauf kriegen, wenn sie gestresst sind?“ Von der Selbstsicherheit ihres Auftretens überrumpelt, fehlte es ihm prompt an selbiger. Der Schlagfertigste war er sowieso nie gewesen, aber das verschlug ihm die Sprache ganz und gar. Stumm hob er den Kopf hinter seinen Büchern hervor und starrte etwas zu lange auf die etwas zu große Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen. Dann bemerkte er den Schwarm aus Sommersprossen, der ihre Nase und Wangen zierte. Noch immer wortlos bewunderte Theo Wilma, ohne es zu merken. Ein außergewöhnliches Gesicht, wie er fand. Nicht hübsch. Nicht im gewöhnlichen Sinn. Nicht wie die gewöhnlichen Gesichter der anderen Mädchen. Außergewöhnlich. Als sie dann auch noch so dreist war, die Rechtschreibfehler seines verzweifelten Versuchs einer Hausarbeit zu korrigieren, war es um ihn geschehen. Er war hoffnungslos verliebt.

Wenn sie später gefragt wurden, wie sie sich kennengelernt hatten, würde Wilma antworten, dass sie nicht anders konnte. Sie musste ihn einfach aufmuntern, als sie seinen gequälten Gesichtsausdruck hinter dem aufgetürmten Bücherstapel entdeckt hatte. Gequält, aber irgendwie auch niedlich, schob sie hinterher, während sie liebevoll seine Hand griff. Dankbar, dass seine Wilma die Mutige von beiden war, wurde Theo nicht müde zu ergänzen, dass er viel zu schüchtern gewesen wäre, um eine wie sie jemals anzusprechen. „Das bist du immer noch“, würde sie lächelnd klarstellen.

Keine zwei Jahre später bezogen sie die erste gemeinsame Wohnung. Gerade mal 40 Quadratmeter. Aufgerundet. Mehr wäre, Theos Berechnungen nach, Luxus gewesen. Wenn es allerdings nach ihr gegangen wäre, hätte sie wahrscheinlich lieber nicht in der Wohnstube schlafen müssen. Nichtsdestotrotz. Sie liebte ihn. Ihn und die Tatsache, dass er wirklich alles erst ganz genau durchdenken musste. Für Spontanität war unter seinen Geheimratsecken einfach kein Platz.

Bald darauf folgte der kleine Garten unweit der Wohnung, den Theo etwas überteuert einem Nachbarn abkaufte. Nur zur Selbstversorgung natürlich (kein Luxus also). Wilma hätte ihn aufgrund seiner Zweigleisigkeit nur allzu gern aufgezogen, tat es aber nicht. Als leidenschaftliche Biologin genoss sie viel mehr die Gelegenheit, nun auch in ihrer Freizeit verschiedenste Pflanzen studieren zu können. Sie bauten alle Sorten Obst und Gemüse an. So viel davon, dass sich Freunde und Bekannte regelmäßig auf die nächste Ernte freuen durften. März bis Oktober verbrachten sie meist auf Knien in der Erde. Mehr brauchten sie für ihr Glück nicht. Zusammensein. Und überhaupt taten sie alles gemeinsam. Nur eines fast nie: Streiten.

In über 50 Jahren nicht ein einziges Mal. Egal, wie sehr Theo und Wilma sich auch bemühten, sie konnten sich an keinen Streit erinnern. Zumindest an keinen ernsten, den es zu erwähnen lohnte. Jetzt aber wusste sie manchmal gar nicht mehr, dass sie jemanden zum Streiten hatte. Und heute war manchmal.
___


Als Theo sich zu seiner Wilma ans Bett setzte, sprach er sehr behutsam, erklärte ihr alles. Es gelang ihm, sie zu beruhigen. Er erzählte ihr von gestressten Koalas. Der vertraute Klang seiner Stimme fischte die versunkenen Erinnerungen aus dem trüben Teich ihres Verstandes. Sie begriff, dass sie bei ihm in Sicherheit war. Er erkannte es in ihren Augen. Doch auch, wenn es ihm bis dahin noch immer gelungen war, so wusste er, dass es nicht leichter werden würde. Im Gegenteil. Die Tage, an denen sie sich erinnerte, wurden seltener. Die Krankheit nahm sich rasch immer mehr von dem, was er an ihr so liebte. Gnadenlos. Und er war auch nicht mehr der Jüngste. Die Einkäufe, Arztbesuche, der Haushalt. Neben der körperlichen Anstrengung nagte vor allem die zunehmende Machtlosigkeit an ihm. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich nicht mehr würde kümmern können. Dieser Gedanke verfolgte ihn nun schon eine ganze Weile. Mehr mit jedem Abend, den er erschöpft in seinen Sessel sank. Außer ihm gab es niemanden.

Und so kam es, wie es kommen musste. Der Tag an dem Wilma die Wohnung in Nachthemd, Pantoffeln und der Absicht verließ, die ausgebüxte Lilli im Park suchen zu gehen. Ihre Katze, die sie nie gehabt hatten. Eine aufmerksame Joggerin rief besorgt die Polizei, als sie sie durch die Büsche streunen sah – Wilma, nicht die Katze. Aber natürlich war Wilma den Beamten keine große Hilfe. Wie auch. Es grenzte beinah an ein Wunder, dass Theo ausgerechnet in diesem Moment – erschöpft von den zwei schweren Einkaufsbeuteln in seinen Händen – auf der anderen Straßenseite verschnaufte und das Unheil abwenden konnte. Gerade rechtzeitig. Ihm war sofort klar, dass sie beim nächsten Mal nicht so viel Glück haben würden. Ihm war auch klar, dass das nächste Mal schon bald kommen würde. Wahrscheinlich schneller, als er hoffen konnte. Er wusste, er musste vorbereitet sein.

73 Tage später knirschte der Kies unter den Reifen, als ihr alter Saab 900 vor dem großen Flügeltor zum Stehen kam. Dahinter auf einer weitläufigen Parkanlage das Jugendstilhaus, das er aus der Broschüre kannte. Davor Jonas. Der Pfleger, mit dem Theo alles vorbereitet und die Details besprochen hatte. Er erwartete sie bereits. Während Theo noch seinen Mut sammelte, auszusteigen, suchte Wilma nach Antworten im feuchten Glanz seiner Augen. Er kämpfte. Gegen die Schuldgefühle und gegen die Tränen. Jonas öffnete ihr die Beifahrertür. In einer Hand ihr Koffer und in der anderen die Einladung, sich ihm anzuvertrauen. Ihr Blick wanderte an ihm vorbei durch den üppigen Garten auf dem umzäunten Grundstück, ihrem neuen Zuhause.

Seit er allein war, schlief Theo noch weniger als ohnehin schon. Die vertraute Wohnung fühlte sich auf einmal fremd an. Fotos an den Wänden, die schon so lange dort hingen, dass er sie sich mindestens genauso lange schon nicht mehr angeschaut hatte. Es müssen hunderte gewesen sein. Er und seine Wilma auf den meisten davon. Am Strand. Vor einem schiefen Weihnachtsbaum. Sie mit Blumenerde unter den Fingernägeln. Er mit Hochzeitstorte im Gesicht. Beide glücklich. Erst jetzt, nach all der Zeit, wusste er die kleinen Ausflüge in die Vergangenheit zu schätzen. Sein Herz war gebrochen, aber die gerahmten Erinnerungen sein Gips.

Kein Tag verging, an dem Theo seine Wilma nicht besuchte. Immer dabei: Eines der Fotos. Er gab es ihr und erzählte ihr die altbekannte Geschichte dazu. Für sie jeden Tag eine neue. Ihr Zustand verschlechterte sich allerdings mit jedem Besuch. Inzwischen erkannte sie Theo gar nicht mehr. Stattdessen freute sie sich hin und wieder über den netten Besuch, der ihr diesmal Gesellschaft leistete. Ab und an vermutete er beim Erzählen allerdings noch ein seichtes Funkeln in ihren Augen. Immer dann, wenn sie für einen Bruchteil erahnte, dass sie die Hälfte eines Ganzen war. Eines Tages hatte er ihr alle Fotos mitgebracht, die sie besaßen. Also fing er einfach wieder von vorn an. So verstrich Woche um Woche, Monat um Monat.

Respektvoll schloss Theo die massive Eichentür hinter sich, als er wieder das Foyer des Pflegeheims betrat. Genau wie er es den Tag zuvor und den davor getan hatte. Irgendwas aber war anders. Als er am Empfang vorbeikam, begrüßte ihn ein weiß uniformierter Unbekannter. Der Pfleger musste neu sein, dachte er.

„Hey Theo, heute gar kein Foto für deine Wilma?“, fragte ihn der Neue. So verdutzt wie der ihn ansah, so verdutzt fummelte Theo dann auch in seinem Stoffbeutel und stellte zu seiner Überraschung fest, dass er tatsächlich keins dabeihatte. Komisch. Er musste es zu Hause auf dem Schuhregal liegen gelassen haben. Mit einem knappen Schulterzucken bestätigte er sein Versäumnis. Dann würde er ihr einfach so eine kleine Geschichte erzählen, sprach er still zu sich. Er hatte Wilma nun schon so viele davon erzählt, da würde ihm ganz bestimmt eine einfallen – auch ohne Foto.

Nur kurz stutzte Theo darüber, dass der Neuling seinen Namen kannte, ging dann aber unbeeindruckt gleich wieder dem nach, weswegen er gekommen war. Jonas hingegen verstand gleich, was das bedeutete, als er hinter dem Empfangstresen zum Hörer griff.
___


Ungewöhnlich für Theo war die Sonne an diesem Morgen vor ihm wach. Das war ihm noch nie passiert. Jedenfalls konnte er sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal bis neun geschlafen hatte. Jetzt müsste er sich beeilen, dachte er. Heute würde es endlich wieder Russische Eier geben. Schnell ins Bad. Rasieren, Zähne putzen und das, was vom Scheitel übrig war, gerade ziehen. So eitel war er noch. Er steckte sein Hemd in die Hose, klemmte sein Namensschild akkurat an die Brusttasche und verließ sein Zimmer Richtung Frühstückssaal.

Dort angekommen, attestierten ihm die vielen leere Tische, wie lange er geschlafen haben musste. Um die Uhrzeit waren die meisten Bewohner schon längst fertig mit Essen und hatten sich einem Nickerchen oder einer ersten Partie Mühle gewidmet. Auf den wenigen besetzten Stühlen saßen ausschließlich namenlose Gesichter. Ein besonders nettes aber fiel ihm gleich auf. Ganz allein saß sie da und lächelte freundlich. Höflich erwiderte er den Blickkontakt mit einem lautlosen guten Tag. Er wählte einen unbemannten Tisch etwas weiter weg. Mit ausreichend Sicherheitsabstand, aber ohne Russischen Eiern. Da es schon ziemlich spät am Morgen war, waren sie bald die letzten verbliebenen Frühstücker. Als sie fertig gegessen hatte, nahm sie ihr Tablett und ging schnurstracks auf ihn zu. Herzklopfen. Theo kontrollierte noch schnell seine Frisur – allerdings nicht ganz so unauffällig wie er dachte.

„Sie müssen neu hier sein“, stellte sie souverän fest, „Wenn sie möchten, kann ich Sie ein bisschen herumführen und Ihnen alles zeigen.“ Beim Versuch zu antworten, blieb Theo das Leberwurstbrötchen fast im Hals stecken. So ein Lächeln hatte er noch nicht gesehen. Das müssen ihre echten Zähne sein, dachte er. Wer würde sich schon so eine Zahnlücke freiwillig ins Gebiss zimmern lassen, wenn er die Wahl hatte. Wieder bei Sinnen nahm Theo das Angebot verlegen an. Dass er gar nicht neu war, verschwieg er jedoch. Er wollte sie nicht auch noch in Verlegenheit bringen. Sie verabredeten sich zum Spaziergang am Nachmittag. Als sie sich gerade zum Gehen wegdrehte, traute er sich, einen Blick auf ihr Namensschild zu werfen. Dort las er in geschwungener Handschrift geschrieben: Wilma.

Durch das Fenster beobachtete er das belebte Vogelhaus, als sich ihm das Klacken ihrer Absätze auf dem Parkettboden näherte. Theo wartete schon ein paar Minuten, als Wilma pünktlich zur ausgemachten Zeit erschien. Er hielt ihr die schwere Eichentür zum Garten auf. Darin plätscherte der Brunnen verträumt in der Ferne. Ihre Jacken trugen sie über den Armen. Wilma freute sich über die bunt blühenden Blumenbeete, während sie gemeinsam die wohltuende Wärme der Sonne genossen. Eine Wucht aus Farben und Gerüchen. Doch Theo hatte nur Augen für sie. Im Licht der Sonnenstrahlen erkannte er auf ihren eingefallenen Wangenknochen ein Schwarm aus etwas, das einmal Sommersprossen gewesen sein mussten. Ein außergewöhnliches Gesicht, dachte er sich. Und auch wenn er es erst seit wenigen Stunden kannte, kam es ihm doch vertraut vor.

Sie erzählte ihm, was ihr zu dieser und jener Pflanze einfiel. Sie glaube, sie habe früher auch gern im Garten gearbeitet, erinnerte sie sich. Er mochte, dass sie mit ihm alles teilte, was ihr gerade durch den Kopf ging. Aufgeweckt und voller Selbstsicherheit. Und ihr schien zu gefallen, dass er ihr tatsächlich zuhörte. Aufmerksam und bescheiden. Erst am Haus wieder angekommen, bemerkten sie, dass die Sonne gerade dabei war unter zu gehen.

Beide fanden den Tag so schön, dass sie kurzerhand beschlossen, den Rest davon auch gemeinsam zu verbringen. Abendessen also. Und zwar so, wie sie es fast den gesamten Spaziergang über auch schon getan hatten – sie sprach und er lauschte. Nach einer Weile schaute sie auf ihren immer noch vollen Teller, als Theo urplötzlich Schluckauf bekam. Hicks. Er hätte zu schnell gegessen, entschuldigte er sich mit der Serviette vor dem Mund. Hicks. Wilma rot vor Lachen, er rot vor Scham. Hicks. Bei seinem Anblick schoss ihr blitzartig etwas durch den Kopf, von dem sie gar nicht wusste, dass es noch da war. Hicks. Mit großen Augen fragte sie ihn: „Wussten Sie, dass Koalas auch Schluckauf kriegen können?“ Stille. „Aber nur, wenn sie gestresst sind“, beendete Wilma ihre Anekdote. Bei der Vorstellung an das hicksende Tier fing nun auch Theo an laut zu lachen. Als sie sich langsam wieder beruhigten, spürte Theo, dass der Schluckauf weg war. Stattdessen schlug auf einmal sein Herz wie wild. Es raste. Panik. Theo brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass das in seiner Brust kein Herzinfarkt, sondern Schmetterlinge waren.

Im Anschluss an das Essen spielten sie noch einige Runden Mühle. Theo gewann keine einzige. Aber das war ihm egal. Er wollte nur in ihrer Nähe sein. Und er war sich nun sicher, dass sie genauso fühlte. Das hatten wohl beide nicht mehr erwartet. Theo war aufgeregt wie ein kleiner Junge an Heiligabend. Als alle anderen schon längst schliefen, ermahnte Jonas die beiden, mit dem Finger auf der Uhr, dass es für sie auch an der Zeit wäre. Schade, dachte Theo. Wie es die alte Schule von ihm verlangte, begleitete er Wilma bis zu ihrer Tür, wo sie ihn zum Abschied auf die Wange küsste. Sein Herz raste erneut. Sie versprachen sich, sich gleich morgen früh wieder zu sehen und wünschten sich eine gute Nacht.

Zurück in seinem Bett, kam Theo vor lauter Aufregung nicht zur Ruhe. Jede einzelne Szene des Tages wirbelte durch seinen Kopf. Ihr Gesicht, ihre Direktheit, der Kuss. Ach Wilma. Warum hatte er diese tolle Frau nicht schon früher kennengelernt. Und wo hatte sie bisher gesteckt, wenn sie glaubte, er sei neu hier? Morgen würde er es herausfinden. Das nahm er sich fest vor. Mit einem Lächeln auf den Lippen und ihrer Stimme im Herzen schlief er endlich ein.

Zur gleichen Zeit räumte Jonas den Gemeinschaftsraum auf. Grün schimmerten die Notausgangsschilder im Dunkel der Nachtdämmerung. Auf dem runden Tisch, an dem Wilma und Theo eben noch gespielt hatten, sah er einen kleinen Notizzettel liegen. Blau auf kariert hatten sie ihre Punkte darauf gekritzelt. Wilma: 5, Theo: 0. Jonas schmunzelte über das ihm inzwischen vertraute Bild. Er nahm das Stück Papier und steckte es in seine Hosentasche zu den anderen.
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Ungewöhnlich für Theo war die Sonne an diesem Morgen vor ihm wach. Das war ihm noch nie passiert. Jedenfalls konnte er sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal bis neun geschlafen hatte. Jetzt müsste er sich beeilen, dachte er. Heute würde es endlich wieder Russische Eier geben. Schnell ins Bad. Rasieren, Zähne putzen und das, was vom Scheitel übrig war, gerade ziehen. So eitel war er noch. Er steckte sein Hemd in die Hose, klemmte sein Namensschild akkurat an die Brusttasche und verließ sein Zimmer Richtung Frühstückssaal.​

 
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Salut @kelix.foehler,

erster Beitrag, erste Geschichte, ganz neu hier ... willkommen und lass es dir gutgehen zwischen all den Worten. Ein gelungener Einstand. Und irgendwie kommt dieses Thema in letzter Zeit häufiger aufs Tapet. Oder meine ich das nur, weil ich älter werde?

Jedenfalls ist dein Schreiben versiert. Mir hat es jedenfalls gefallen, auch wenn ich mich davor fürchte. Man könnte täglich sagen: "Auf zu neuen Ufern". Hier in meiner Verwandtschaft ist es so, dass die Menschen leiden. Kinder, Pflegepersonal, und in manchen wachen Momenten auch die Betroffenen selbst.

Schweres Thema. Aber gut erzählt.

Grüße und gesund bleiben.
Morphin

 
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Hallo @kelix.foehler,

Herzlich Willkommen hier!

Oh, da kam mir beim Lesen etwas salziges in den Augen :heul:!
Eine schön erzählte Geschichte, aber schweres Thema.
Es ist für die Verwandtschaft so schwer, wenn der Betroffene sich nicht mehr erinnert. Oder sich nicht mehr an der Verwandtschaft erinnert.
Die kurze Funken der Erinnerung oder Erkennung, die manchmal aufblitzen. Kleine Zeichen, dass die Person, die sie einmal war, noch nicht ganz verschwunden ist.

Die innere Zerrissenheit, wenn es nicht mehr geht, und man jemand ans Pflegeheim "abgeben" muss, das hast du sehr schön beschrieben.
Wir dürfen nur hoffen, dass der Betroffene sich im Pflegeheim wohl fühlt, dass die Pfleger dort sich gut um sie kümmern, wie wir das selbst getan haben.

Ein gut gelungenes Debut!

Herzliche Grüße,
Schwerhörig

 
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Hallo,

Wilmas Nacht endete mit Sommerregen auf warmem Asphalt, ihrem Lieblingsduft

Mit was endet es denn jetzt genau? Mit Sommerregen auf warmen Asphalt oder mit dem Duft davon? Und was genau meint enden? Stirbt sie dann? Endet die Nacht? Aber wie? Du meinst hier Wilma wachte vom Geruch auf, den Regen auf warmen Asphalt produziert, oder vom Geräusch des Regens. So etwas wie Petrichor wäre das dann. Das im Text ist ungenaue, unpräzise Sprache.

Ihr zweiter Atemzug erfüllte sie mit Filterkaffee und Unbekümmertheit.

Saugt sie also den Filterkaffee in die Lungen, oder wie? So steht das zumindest da. Der Filterkaffee erfüllt sie. Das meinst du aber so nicht, oder? Und dann so Allgemeinplätze: Unbekümmertheit. Natürlich! Ich würde dir empfehlen, hier diese Unbekümmertheit zu zeigen, anstatt nur zu behaupten. Wenn man einen Erzähler etablieren will, dann sollte er von Anfang an glaubwürdig sein. Wie sieht ein unbekümmerter Protagonist aus, was macht er, wie äußert sich diese?

Schläfrig begab sich das erste Auge auf die Suche nach Vertrautem

Das Auge tritt also aus der Höhle und sucht nach Vertrauem?

An einem guten Tag hätte Wilma ihren Theo erkannt. Dies aber war kein guter Tag.

Dann merke ich: die Perspektive wechselt. Es ist ein Trick. Ich kann dazu nicht mehr sagen, als: sehr offensichtlich. Kein guter Tag. Ich ahne, was kommt. Du legst die Karten bereits im ersten Absatz auf den Tisch, warum soll ich dann weiterlesen? Abgesehen davon ist mir deine Sprache auch einfach zu unpräzise. Klar, kann man sagen, naja, der personale Erzähler sieht da in ein verwirrtes Hirn etc, aber das ist mir zu einfach.

Gruss, Jimmy

 
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vielen Dank für euer Feedback und die konstruktive Kritik. Da sind einige gute Hinweise dabei, die ich mir beim nächsten Text zu Herzen nehmen werde.
Vorweg die Frage: Warum nicht schon an dieser kleinen Erzählung?


Aber zum Text!

Für Spontanität war unter seinen Geheimratsecken einfach kein Platz.

Theo brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass das in seiner Brust kein Herzinfarkt, sondern Schmetterlinge waren.​

In meinem Notiz-/Tagebuch aus der Pfadfinderzeit fanden sich neben den wichtigen Aufzeichnungen (Knoten, Pflanzenwelt nebst Tieren und deren Spuren, Tagebucheinträgen usw., usf.) auch bemerkenswerte Sätze wie „im Verhältnis zu gestern ist heute morgen“, woran ich bei Deinem Titel erinnert wurde und die Erinnerung wurde noch durch den von Dir gewählten Nick verstärkt – und damit erst einmal

herzlich willkommen hierorts,

lieber kelix.foehler!,

alles schon gesagt und auch ich find es ein bemerkenswertes Debut. Was mir aber besonders auffällt, ist eine auffällige Vorliebe für zusammengesetzte Zeiten, die zu einer Inflation von Hilfsverben und Partizipienreiterei führen. Was ja an sich nicht falsch ist, wird ja in der Schule geübt und vor allem das Perfekt ist im mündlichen Umgang die beherrschende Zeitwahl. Aber es geht auch ohne, was im Futur (das in Deinem Thema verständlicherweise sich rar macht) am leichtesten darzustellen ist, wenn es etwa heißt, „ich werde morgen kommen“ (eine Futur II Variante der Art [ich werde morgen gekommen sein] können wir uns ersparen, den im („historisch“ genannten) Futur gehts auch schlicht als „ich komme morgen“ - und was fürs Futur gilt, kann den anderen Zeitformen nicht verweigert werden. Das Zauberwort und die Sparformel ist im Beispiel das Adverb „morgen“ und vergleichbare temporale Ausdrücke verwendestu auch - die sinnigerweise mit dem morgendlichen Aufwachen erstaunlich kurz und bündig beginnen,

Wie jeden Morgen war Theo vor seiner Wilma wach geworden.
Was sich gefahrlos – wie ich finde – verkürzen lässt zu einem „Wie jeden Morgen wurde Theo vor seiner Wilma wach.

(winziges Intermezzo):

Dem Eindringling wehrlos ausgeliefert, suchten Ihre Hände Halt im Flanell.​
Warum die Höflichkeitsform gegenüber einer vertrauten Person?)


Neben dem zeitl. Problem (das sich gleich durchs „bevor“ sich auflösen lässt, sofern man will, kommt nun eine missglückte indirekte Rede im Konj. I zu „sein“, „wäre“ besser im Konj. Irrealis aufgeführt, denn die Scherze beschreiben ja, das man an den Worten des Arztes zweifelt, also besser „wie ernst es wäre“, das Zauberwort, die Struktur zu vereinfachen liefert das „bevor“ und das eine Bedingung setzende“wenn“​
Bevor ihnen der Arzt mitgeteilt hatte, wie ernst es sei, hatten sie noch Scherze darüber gemacht, wenn ihr Namen von Freunden nicht eingefallen waren oder sie ihre Brille wieder einmal gesucht hatte.​
Hier weitere Ausdrücke, welche die Zeitformen beeinflussen – in der Reihenfolge ihres Auftritts
Mittlerweile ... früher … nie …​
und ab hier klappt’s schon!
Bald darauf folgte der kleine Garten unweit der Wohnung, den Theo etwas überteuert einem Nachbarn abkaufte.

Hier aber​
Doch auch, wenn es ihm bis dahin noch immer gelungen war, so wusste er, dass es nicht leichter werden würde.​
lässt sich das gedoppelte „werden“ halbieren, ohne dass der Sinn entstellt wird: „ … so wusste er, dass es nicht leichter werden würde" (oder "leichter wird", das ja in seiner binären Wertigkeit ebensogut wie der Konjunktiv "würde", sein wird oder eben nicht.)

Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich nicht mehr würde kümmern können.​
Hier meine ich zudem, kannstu die klanglich sicherlich schöne Wortfolge kürzen, gar in den Indikativ setzen (so nebenbei kurz angemerkt: Der Konjunktiv hat nix mit der Zeitenfolge zu tun, insbesondere Konj. irrealis ist eine Art Wahrscheinlichkeitsrechnung zwischen Potentialität und Aktualität), einfacher und von gleicher Aussage „bis er sich nicht mehr kümmern kann.“

zur Auflockerung bauen wir noch ein Komma ein​
Der TagKOMMA an dem Wilma die Wohnung in Nachthemd, Pantoffeln und der Absicht verließ, die ausgebüxte Lilli im Park suchen zu gehen.​

Theo kontrollierte noch schnell seine Frisur – allerdings nicht ganz so unauffälligKOMMA wie er dachte.
(die vergleichende Konjunktion leitet einen vollständigen Satz ein!)

„Sie müssen neu hier sein“, stellte sie souverän fest, „wenn sie möchten, kann ich Sie ein bisschen herumführen und Ihnen alles zeigen.“​

Ein außergewöhnliches Gesicht, dachte er sich.
Nee, er denkt sich nicht. Er dachte, schlicht und einfach.

Erst am Haus wieder angekommen, bemerkten sie, dass die Sonne gerade dabei war unter zu gehen.
"untergehen" auch als Infinitiv zusammen!

Gern gelesen vom

Friedel

 

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