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Wo das Begehren sitzt

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Anmerkungen zum Text

Bizarres Sprachexperiment.

Wo das Begehren sitzt

Sie steht unter der Dusche. Ich kann sie nicht sehen, nicht richtig sehen, so wie man eine nackte Frau sehen sollte, die Kabine ist beschlagen, ich sehe sie wie durch dichten Nebel, ihr Körper ein Schemen, die helle Haut, das dunkle Haar, und das Deckenlicht wirft ihren Schatten an die Kacheln, kleine Kreuze, wo die Fugen aufeinander treffen, ich mache mir ein Kreuz ins Fleisch, und noch eins, und so zähle ich die Tage bis zum Tod. Nein, noch lebe ich. Da ist der Geruch ihrer Seife, sie benutzt ausschließlich Seife, nichts anderes, das hat sie gesagt, aber das hier ist keine Werbung oder so, denn ich erinnere mich, es gab da mal was mit einem ähnlich klingenden Spruch, doch das hier ist das echte Leben, und die Seife riecht auch nicht nach Blumen, wie man vielleicht annehmen könnte (so vieles riecht heute nach Blumen und nicht nach Blut) sondern nach Moschus, fast wie ein Mann, dabei ist sie ist eine Frau, eine wunderschöne Frau. Das Wasser fließt, es klingt wie Regen, wie der Regen auf dem Dach einer Bushaltestelle, und da fällt mir auf, wie lange ich nicht mehr Bus gefahren bin, und was das eigentlich bedeutet, Bus fahren, also tatsächlich bedeutet, die Erfahrung – zusammengepfercht mit anderen Menschen, Fremden, Anderen, ein Sammelsurium an Existenzen, und der Gestank, und das Gerede, und es wird gebremst, wieder angefahren, es geht hin und her wie auf einem Dampfer, nur die salzige Luft fehlt, meistens stinkt es nach altem Schweiß, dafür sieht man den Leuten bis in die Einkaufsnetze, Chirurgie am offenen Herzen ist das, Kartoffeln sind immer dabei, und Zwiebeln, ganz oft auch Sekt, aber ich bin nie zur See gefahren, ich vermute das alles nur, auf See gibt es salzige Luft aber keine Einkaufsnetze, nur Wellen und Möwen und Wale, und wir sind damals natürlich auch mit dem Bus gefahren, wir saßen immer ganz hinten, nie vorne, vorne sitzen nur die Angsthasen und die ganz alten Leute, die trotz des Verbots immer mit dem Fahrer sprechen, der nie antwortet, und wir saßen hinten in der Mitte, um jeden sehen zu können, der einsteigt, wenn wir ihn kannten, warfen wir ihm einen kurzen, wissenden Blick zu, denn es war klar, wir hatten hier das Sagen, und selbstverständlich saßen wir auch hinten, um von jedem gesehen zu werden, besonders von den Mädchen, die sich im Bus immer anders verhielten als sonst, die Fahrt schien sie irgendwie mehr anzustrengen, sie hielten sich an ihren Schulranzen fest und später an ihren Freunden, die keine echten Freunde waren sondern harmlose Händchenhalter, die aus dem Fenster glotzten, als gäbe es da draußen noch etwas Wichtigeres als … das heiße, straffe, glatte Fleisch neben ihnen. Eine verrückte Zeit, aber davon will ich hier nicht erzählen, denn es geht um diese Frau, und den Regen, plitsch-platsch, und jetzt summt sie, und das versetzt mir einen Stich, denn es ist das Summen einer Mutter, die ihr Kind in den Armen hält, es wiegt, ihre weichen, geschwungenen Lippen eng an die Stirn gepresst, und das Summen überträgt sich, vibriert im Knochen, beruhigt das Kind, und Dampfwolken steigen von ihrer Haut auf, der Duft ist nicht Moschus, ich lüge, oder ich weiß es nicht besser, es ist Zitrone, Orange, Südfrucht auf jeden Fall, exotisch, darf man das noch sagen?, und die Melodie, die sie summt, die kenne ich, ich kenne sie ganz bestimmt, sie hat sie schon früher einmal gesummt, in einem früheren Leben, als wir Adlige waren, Royal Family oder auch die Könige von Deutschland, Schland, wir haben an langen Tafeln in großen Hallen gespeist, Saft aus Weintrauben gesaugt und sie einfach wieder ausgespuckt, die abgenagten Knochen und leergetrunkenen Gläser haben wir uns über die Schulter geschmissen, so wie sich das gehört, und danach gaben wir uns wilden Orgien hin, pas de règles, jeder mit jedem, Laudanum und Absinth, Vater, Mutter und Kind, alles durcheinander, Luke 1, Luke 2, Luke 3, Schwanz blaaasen – Elmar saaagen, und daraus entstanden im Laufe der Zeit missratene Kreaturen, die wir in Verliese sperrten, bei Wasser und Brot, oder haben wir ihnen gleich den weichen Schädel zertrümmert?, das weiß niemand mehr so genau, aber vielleicht kenne ich die Melodie auch aus den durchsoffenen Nächten, Delirium tremens, Zinn 40 und Stroh 80, Elijah Craig oder Johannes Böhm, wo sie uns sanft über die Haare gestreichelt hat, die Mutter, das Tier, und wo wir ihren Atem auf der Stirn spürten, ein langer, kühler Atem, wie eine Brise am Meer, aber ich sagte doch bereits, dass ich kein Seemann bin, ich habe keine Ahnung von Gezeiten, ich kenne nur dieses Summen und ich kenne die Frauen, die summen, und als wir aufgehört haben, Bus zu fahren, fuhren wir Mofa, Moped, Mokick, und noch viel später Golf I, der hatte ein Loch im Kühler, und wir hatten ein Loch im Herzen oder vielleicht auch im Kopf, jedenfalls waren wir keine Kinder mehr und das Summen der Mütter war nur noch eine leises Grundrauschen, wir empfingen jetzt andere Frequenzen, vor allem die von Mädchen, die zu etwas anderem geworden waren, zu Madonnen oder Huren, alle hatten sie einen Sender eingebaut, der Tag und Nacht sendete, und dessen Signale wir noch in kilometerweiter Entfernung empfingen, selbst nachts, wenn wir unter unseren Decken lagen, die Augen fest verschlossen, sie waren immer da, lockten uns in ihre Träume und aus unseren heraus, und sie hielten sich jetzt auch nicht mehr an Schulranzen oder Schulfreunden fest, sie hielten sich gar nicht mehr fest, sie fielen und fielen und fielen, und da wir eine solche Angst um sie hatten, boten wir uns an, schließlich waren wir höfliche Jungs, die nur das Beste im Sinn hatten, wir folgten streng den Predigten des Johannes Böhm, Gott hab ihn selig, und deswegen hielten wir sie auch nur an den dafür bestimmten Körperteilen fest, die uns wie moderne Errungenschaften vorkamen, neumodische Erfindungen, die ausgetestet werden mussten, wie weit, wie hoch, wie tief, wie fest, meistens fest, und aus ihren Nippeln kam keine Milch, so sehr wir auch dran saugten, sondern Bier und Schnaps, zumindest kam es mir so vor, immer war da was mit Bier und Schnaps, und manchmal kam eben doch Milch, aber nur, wenn da einer etwas ganz grundsätzlich falsch verstanden hatte, das war dann sein Problem, und kollegial, wie wir waren, übernahmen wir den frei gewordenen Platz, und ihr Platz ist unter der Dusche, sie hat aufgehört mit dem Summen, sie steht ganz still da, und auf dem Spiegel ist noch ein Rest Lippenstift, so rot wie der Tod, aber sie ist doch gar nicht tot, außer das ist Blut und kein Lippenstift, aber das weiß ich nicht, denn ich bin nie zur See gefahren, ich lege meine Hand auf die Kabine, Biene, sie lassen mir immer eine Zigarette da, eine letzte Zigarette, ich habe sie drüben in der dunklen Küche geraucht, ganz langsam, Zug um Zug, und dann habe ich versucht, das Loch im Kühler mit dem Filter zu stopfen, Golf I, Camel ohne, oben ohne, ihre Brüste waren schwer, ich würde sagen, schwer wie Melonen, weil ich das Wort mag, Me-lo-ne, Melone-Teutone-Cylone, Pufferzone, Dornenkrone, aber das stimmt nicht, Nahgesprächszone, Flugabwehrkanone, Randfeuerpatrone, schon besser, und natürlich habe ich mit dem Filter das Loch in meinem Herz gestopft und nicht das im Kühler, ade VW, das Herz hat ein wenig gehustet, schon ging’s wieder, Herz hart wie Kruppstahl, das wäre was für die Werbung, Doppelherz, Doppelschmerz, und ihr Haar im Abfluss, H im Abfluss, ich male mit dem Finger ein Hügel mit einem Kreuz auf den Spiegel wie eine dieser Knasttätowierungen, mit zittriger Hand und Rotringtinte, Lippenstift, Blut, ihre Haut ist weiß wie was aus dem Gefrierfach, die Lippen blau, und ich frag sie, wo die Zigarette ist, die letzte Zigarette, aber sie nuschelt, als hätte sie ordentlich was getankt, und ich frag sie noch mal, und da macht sie die Augen zu, und ich weiß nicht, was ich noch tun soll, ich könnte das Wasser abstellen, dann wäre Schluss, Schluss mit Bus, mit Kuss, mit allem, deswegen lass ich es laufen, ich streck die Hand aus, warm ist es, ganz warm, und dann schließe auch ich die Augen und summe, ich summ eine Melodie, die ich von früher kenne, als wir Kinder waren, klein und schuldig, und sie nuschelt immer noch, Herrgott Mädchen, krieg doch mal die Zähne auseinander, mein Opa würde sagen: Kruzifix die Türken nochmal!, mein Opa war bei der SS, und in der Türkei haben sie mich mal drangekriegt, in Tophane, da bin ich mit dem Golf falsch abgebogen, aber das war ein Golf III und kein Golf I, und der hatte auch kein Loch im Kühler, nur Pulver im Kofferraum, jeden Tag Kebab, und der Schließer, richtiger Räuberbart, Ali Baba nannte ich den, und in Istanbul kannte ich auch eine die unter der Dusche so genuschelt hat, wunderschöne Frau, ich treffe nur auf wunderschöne Frauen, sie lieben mich, das haben sie schon immer, Sonnenkind, Kind der Sonne, von Anfang an, ich nenne sie alle Biene, denn jede Biene sticht, und jede Biene summt, und dann stell ich doch das Wasser ab, langsam reicht’s, auch wenn sie wunderschön ist, ich will meine Zigarette, die letzte, die allerletzte, und die Tropfen perlen von ihrer nackten, kalten Haut, den Hals hinab, sammeln sich in der Kuhle am Brustbein, Schwein, das Licht reflektiert, wie tote Augen sieht das aus, tausend tote Augen, ich singe das: tahahausend to-hote Au-au-augen, ist nur ein Schnitt, winzig, unter dem Rippenbogen, und das Blut fließt auch nur noch ganz langsam raus, aus die Maus, aber sie liegt da so verdreht, der Sog macht Wellen, und das Wasser läuft schon über den Rand der Wanne, bis an meine Sohlen, aber mit Wasser kenn ich mich nicht so gut aus, denn ich bin nie … ich bin doch zur See gefahren, Marine, Handelsmarine, Butterfahrt, Koksfahrt, ich war in Tokio und Kingston und Havanna, in Murmansk, Sidney, Rio, auch auf dem Mars, und überall waren da die Frauen, Mädchen, Frätchen, oder – Frrrrraun, mit einem rollenden r, wie die Russen, die machen das hinten im Rachen und vorne mit der Zunge, mit der Zunge hab ich auch immer viel gemacht bei den Frätchen, zick zack, Muster in die Muschi, gern hab ich die Frrrraun geküsst, und Mutter hab ich auch gern geküsst, und mit den Schnitten, wie-wo-was-warum, da kenne ich mich aus, Filetmesser für Fische, Kombüse, junges Gemüse, damit geht’s, sag ich dir, und Frrrraun und Fische, da sag ich jetzt nix, du musst nur wissen, musst wissen, wo das Begehren sitzt, nämlich da hinter den Rippen sitzt das, und du fragst dich jetzt bestimmt, woher ich das weiß, woher weiß er das?, und das ist ja auch eine berechtigte Frage, aber da gibt es kein Trick oder so, wie bei der Werbung, das sind ja nur Tricks und Lügen und Betrügen, du kriegst das schon raus, kriegst das selber raus, immer besser, du weißt, was ich meine, und ich will jetzt meine Zigarette!, ich klinge wie so ein ungeduldiges Kind, und irgendwie stimmt das ja auch, denn wir bleiben immer kleine Kinder, im Kopf jedenfalls, im Kopf, wo wir die Löcher mit Kippen und Begehren stopfen, das Begehren fließt aus denen raus, aus Frauen und Mädchen und Frätchen, nicht aus Fischen, läuft raus wie Sperma aus Möse, Schwanz in Käthe, raus hier, rein da, das alte Rein-Raus Spiel, und ich muss auch raus, raus aus diesem Badezimmer, ein letzter Blick, ein letzter Fick, im Flur bleibe ich stehen und lausche, aber sie summt nicht mehr, das ist kein Summen, das ist was anderes, der Kühlschrank oder die Elektrizität in den Leitungen, nicht das Summen einer wunderschönen Frau, und draußen regnet es vielleicht, vielleicht regnet es und ich nehme den Bus, wie früher, als wir Astronauten waren und unsere Träume offen wie ein Schweinebauch.

 
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Hallo @jimmysalaryman,
und ich denk noch, liest sich gut, aber worauf will der eigentlich hinaus, ist ja schon bisschen irre und dann das, Fritz H.!
Uff, super!
Willi

 
Monster-WG
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10.09.2014
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Hola @jimmysalaryman,

Deinen neuen Text finde ich falsch geparkt bei ‚Kurzgeschichten’. Bei ‚Experimente’ wär’ er mMn besser aufgehoben.

Beim Lesen fand ich’s ganz lustig zu beobachten, wie erste Aufmerksamkeit durch baldige Verwunderung abgelöst wurde, durch Paddeln im luft- und sinnesleeren Raum bis hin zur leichten Verärgerung.

Baselitz ist bekannt geworden durch seine auf dem Kopf stehenden Figuren – ein Schmarren zwar, doch es hat funktioniert! Sollte der Versuch, den längsten Satz der Welt zu schreiben, um literarischen Ruhm zu ernten, auch zum Erfolg führen? Kann mir keinen anderen Beweggrund zum Schreiben eines solchen Textes vorstellen. Musste – völlig absurd – an Ritalin denken.

Irritierte Grüße!
José, immer noch benommen von der Wortlawine.

 
Seniors
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28.12.2009
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Hallo @Willi

ja, das ist irgendwie ein bizarres Ding, es ging hier um einen Sound, den ich kopieren wollte, kein Plagiat, sondern einfach mal sehen, ob ich das auch kann, aber dann ist dieser seltsame Text hier rausgekommen, ich war mir auch nicht so sicher, ob ich den hier posten sollte, habe es aber trotzdem getan, weil ich den Impuls hatte, das teilen zu wollen.

Fritz H., ja, da könnte man sicher dran denken, vielleicht auch einfach nur diesen Rausch nach dem Töten, ich weiß nicht, hab viel Kram dazu gelesen in der letzten Zeit, und da spukte einfach viel im Kopf herum, und im Grunde ist es ja auch der Wunsch, zu wissen, wie sieht es in dem Kopf von so einem aus, Honka etc, das Milieu beschreiben, das haben viele gemacht, aber reingesehen, und da ist glaube ich auch nichts geordnet, da sind keine stringenten Gedanken vorhanden, das ist Ping Pong im Gehirn, ich meine, ich weiß es nicht, ich behaupte das nur mal. Spekulativer Text im Grunde.

Schön, wenn du da etwas mitnehmen konntest, danke dir für deinen Kommentar.

Hallo @josefelipe

Sollte der Versuch, den längsten Satz der Welt zu schreiben, um literarischen Ruhm zu ernten, auch zum Erfolg führen?

Sind ja mehrere Sätze, und an Ruhm denke ich ich da gar nicht, eher wie du sagst, tatsächlich, ans Experiment. Ritalin ist gar nicht schlecht, aufgeputscht und dann assoziativ geplappert, so war das auch gedacht. Und irritiert, das finde ich gut, besser als nix, oder?

Gruss, Jimmy

 

AWM

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26.03.2018
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Hallo @jimmysalaryman mir hat dein Text gefallen. Ich habe dieses Jahr "Der endlose Sommer" von Madame Nielsen gelesen. Da geht der erste Satz schon über drei Seiten und ich war verwundert, we schnell sich das Hirn darauf einstellt, den Wort-Wust ordnet und was für ein Sog dann entstehen kann. So ging es mir bei deinem Text auch. Hier meine Anmerkungen

Nein, noch lebe ich.
Das würde ich streichen.
wie man vielleicht annehmen könnte
Auch das würde ich streichen und dafür ...
(so vieles riecht heute nach Blumen und nicht nach Blut)
diesen Satz nehmen und die Klammern wegmachen
Wichtigeres als …
Ein bisschen ändert sich der Ton ab dieser Stelle. Ich finde auch die drei Punkte als Mittel hier nicht wirklich passend. Da entfernst du dich für mich von deinem Experiment und wählst ein Darstellungsmittel, das deplatziert wirkt. Dein Prota erzählt doch alles aus, jeden noch so wirren Gedanken, also sollte er auch das, was durch diese Punkte ausgedrückt wird, auserzählen.
Eine verrückte Zeit, aber davon will ich hier nicht erzählen,
Und hier ist er mir zu reflektiert. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er jemandem etwas erzählt bis hier hin. Ich habe das als manische Gedanken gelesen. Und hier setzt sich der Prota in eine reflektierende Erzählposition, die ich ihm nicht wirklich abnehmen kann. Will er denn davor wirklich seine ganzen Assoziationen erzählen oder rauschen die ihm nicht viel eher einfach in den Kopf? Hier weiß er dann auf einmal genau, was unwichtig ist.
darf man das noch sagen?
Zu reflektiert.
war nur noch eine leises Grundrauschen, wir empfingen jetzt andere Frequenzen
Und auch hier ändert sich der Ton für mich stark. Das ist schön geschrieben, aber dein Prota kommt mir auf einmal viel ruhiger, weniger manisch vor, dass er das so schön formuliert.
außer das ist Blut und kein Lippenstift, aber das weiß ich nicht, denn ich bin nie zur See gefahren,
Klar, die Gedanken sind wirr. Aber hier betonst du die Kausalität mit dem "denn" für mich zu stark und ich kann da keine erkennen. Kann natürlich auch sein, dass ich was nicht verstanden habe.
schwer wie Melonen, weil ich das Wort mag, Me-lo-ne, Melone-Teutone-Cylone, Pufferzone, Dornenkrone
Mit diesen Wortassoziationen übertreibst du es im Laufe des Textes für meinen Geschmack ein bisschen und es nimmt mir ein wenig den Schrecken, weil es natürlich albern ist.
und du fragst dich jetzt bestimmt, woher ich das weiß, woher weiß er das?
Auch hier gefällt mir diese Leseransprache nicht und dass der Prota sich selbst als reflektierender Erzähler verortet.

Insgesamt fand ich den Text aber wirklich gut und ich finde, dein Experiment ist dir geglückt. Gruß, AWM

 
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28.10.2017
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Tach Jimmy,

gestern Abend kurz vorm Schlafengehen entdeckt, dass du was ganz Frisches unter dem Tag "Seltsam" rausgehauen hast. Noch schnell ein Lesezeichen gesetzt und knappe 19 Stunden später sitze ich nun hier und bin enttäuscht. Ich verbringe viel Zeit in meinem stillen Kämmerlein und beschäftige mich mit der nie endenden Abfolge verschiedener Schreibstile hier im Forum, um daraus dies und das für meine eigenen Geschichten mitzunehmen. Deinen Schreibstil wollte ich ja anfangs, so Ende 2017, nicht all zu sehr mögen, aber spätestens nachdem ich in Dunkels Gesetz reingeschnuppert hatte – selbstverständlich ohne dafür zu bezahlen – konnte ich vor mir selbst nicht mehr leugnen, dass du ein guter Schreiberling bist.

Diese deine "Geschichte" hier nun, Begehren, man könnte sagen – ziemlich deutlich – mir missfiel das Gesamtkonstrukt. Ich will jetzt gar nicht irgendwo ansetzen, denn im Zweifelsfall ist der Protagonist einfach dermaßen fucking crazy und ich dann nur ein Depp. Wie auch immer, meiner Meinung nach ist das keine Kurzgeschichte.

Schönes Wochenende.

Analog

 
Wortkrieger-Globals
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Hey jimmy,

ich geb dir mal einen schnellen Leseeindruck nach dem ersten Lesen, weil es für dich sicher spannend ist. Der SoC hat ja schon was, der macht ja immer was mit einem als Leser. Ich fand die Gedankenbrüche immer erst irritierend, aber ich glaub, die sorgen am Ende dafür, dass es authentisch wirkt, dass da echt wer ist, der seine Leiche badet. Aber stand sie nicht anfangs in der Dusche? Egal, vielleicht hat sie ja geduscht und dann hat er es nicht mehr ausgehalten und musste sie killen und dann in die Badewanne, weiß nicht, vielleicht habe ich das im Leserausch auch falsch erfasst, aber ich will dir hier ja einen ungefilterten Eindruck geben, noch keinen analytischen, denn wenn man den Text nochmal liest, kann mir vorstellen, dass man gezielter liest und eben vielleicht auch die Brücken findet, sofern es sie denn im Text gibt. Also, die Brüche, die ja gut und gefühlt auch richtig sind, da machts immer so upps im Kopf und dann, als man mitbekommt, oh fuck, erst war mir das Blut ja wie ein Fremdkörper im Text, aber so im Verlauf, autsch, doch da kippt was, da fängt der Text an, einen zu bedrängen, ganz unangenehm fühlt sich das an, und man will lieber zurück in den Bus, wo man noch unschuldig auf der letzten Bank saß, na ja, vielleicht nicht ganz so unschuldig, den die Brüste die zeichnen sich ja unter den T-Shirts ab, vielleicht, weiß nicht, und die Hintern unter Röcke, unter Hosen, da kann man schon mal im Bus gucken und nicht aus dem Bus, ach Gott, was ist nur aus diesem Jungen geworden?

Beste Grüße, Fliege

 
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28.12.2009
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Hallo @AWM

Insgesamt fand ich den Text aber wirklich gut und ich finde, dein Experiment ist dir geglückt.

Ja, schön, wenn es für dich funktioniert. Ist wirklich irgendwie ein Experiment, geboren aus der Lust und der Neugierde, im Grund etwas kopieren zu wollen, und dann ist das so entstanden, seltsam im Grunde. Ich habe da noch nicht ausreichend Distanz, zu diesem Text, um wirklich sachlich analytisch da dran zu gehen, du hast viele gute Vorschläge gemacht, da denke ich jetzt erstmal drüber nach, weil ich noch keine Ahnung habe, wo ich mit dem Text hinwill, der ist einfach so aus mir herausgeplatzt und ich dachte, lad den mal hoch, mal sehen, wie andere den finden. Also, da kaue ich jetzt dran rum und bastel und bastel. Danke dir für deine Zeit und deinen Kommentar.

Hallo @Analog

so ein Text kann man natürlich nicht mit Dunkels Gesetz vergleichen, das ist ja Genre, und der hier ist einfach ein Versuch. Ich finde so etwas nie verkehrt, weil man die Augen offen halten sollte, gucken, wie andere Texte anderer Autoren funktionieren und warum, und sich nicht einschränken lassen. Natürlich arbeite ich an diesen total knappen Texten weiter, man kann das immer auf die Spitze treiben, und wichtig ist ja auch das Finden der eigenen Stimme, das nicht beliebig werden, und dafür sind solche Spielereien gut, weil sie einem neue Wege aufzeigen.

Danke dir für deine Zeit und deinen Kommentar.

Hallo @Fliege

da fängt der Text an, einen zu bedrängen, ganz unangenehm fühlt sich das an

hey, geil, du hast quasi im gleichen Stil geantwortet, hihi. Ja, das ist so ein konzentrischer Kreis, das klingt jetzt so mega intellektuell, aber ich finde, dieser Begriff passt ganz gut, weil es immer wieder um das Blut geht, anfangs merkt man das gar nicht, oder denkt, das sei ein Fehler, eine Schludrigkeit, und so ganz langsam nähert es sich dann. Ich wollte das noch länger herauszögern, aber ich dachte, fast 2000 Wörter sind genug, das muss man nicht übertreiben. Total spannend, die Kommentare zu lesen, weil ich einfach überhaupt kein Gefühl hatte, wie der ankommt, ob der ankommt, oder alle sagen, Alter, was ist denn da passiert? Wird sich sicher noch ändern, wenn man etwas distanzierter drangeht und die Komposition überdenkt, aber jetzt lasse ich es mal so und schaue, was andere sagen, dann wird der überarbeitet. Dank auch dir!

Gruss, Jimmy

 
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Ein Sound stellte sich bei mir nicht ein

Joah, machste nix, der eine so, der andere so. Muss auch nicht jedem gefallen, dafür ist ja so ein Forum da, damit man sich weiterentwickelt und auch mal was austestet. Vielleicht haben wir auch unterschiedliche Vorstellung davon, wann ein Text einen sound hat und wann nicht, und was sound überhaupt ist. Macht ja nix.

Gruss, Jimmy

 
Wortkrieger-Globals
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Monster-WG
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Lieber @jimmysalaryman

Endlich, endlich kriege ich einen Kommentar zu deinem (Sprach-)Experiment gebacken und ja, für mich ist das ein Experiment im Sinne der Rubrik, denn die Anordnung der Worte in den Teilsätzen und ihre dadurch erzeugte Sogwirkung, stehen teils diametral zur gängigen Rechtschreibsprechung, was das experimentelle somit völlig rechtfertigt und jetzt fertig mit dem Schubladengeschwurbel ...

Mir hat's gefallen. Ich habe den Text mehrfach gelesen und bei jedem Durchgang versucht, auf der gleichen Welle wie der Erzähler mitzuschwimmen, aber ich bin ebendfalls kein Seefahrer und so gelang das nur teilweise. Allerdings - könnte man tatsächlich in den Kopf eines psychotischen Mörders hineinschauen - wäre man wohl genauso verstört, wie du es hier mit deinm Text schaffst. Diese Gedanken-Haken, die du schlägst, lassen den Leser immer einen Augenblick hinterherdenken, und dann - ah, jetzt - klar, und das ist schon gut gemacht.

Somit handelt es sich bei nachfolgenden Verbesserungsvorschlägen eventuell um von dir so gewollte Grammatik-Aussetzer, die das Chaos im Hirn unterstreichen, und den Leser extra verwirren sollen. Möglich wär's also, aber das musst du entscheiden.

... ähnlich klingenden Spruch
"An meine Haut lasse ich nur Wasser und CD" [=Seife]
:D

dabei ist sie ist eine Frau
Hier so ein überflüssiges "ist", oder vielleicht doch Absicht?

ganz oft auch Sekt
Hier bin ich gestolpert, da mein Hirn mit "ab und zu auch Sekt" vorgeprescht ist, aber hei, das hier ist dein SOC, wollte es nur als Leseeindruck anmerken, hilft ja manchmal.

der einsteigt, wenn wir ihn kannten
Stolperer. Hier für meinen Geschmack Punkt statt Komma. (Steigt ja niemand ein, weil sie ihn kennen.)

die keine echten Freunde waren[Komma] sondern harmlose Händchenhalter

denn es geht um diese Frau, und den Regen, plitsch-platsch,
Hmm, der Regen, da komme ich nicht dahinter, ob der Regen(-Schauer/Dusche) für die Reinigung von Schuld steht? Oder auch die Qual von früher, von seiner Mutter, das kindliche plitsch-platsch, in das Psychopathen gerne einstimmen, ja, da bin ich noch am Grübeln ...

Zinn 40
Ei, da isser ja wieder, hrr hrr. :p

war nur noch eine leises Grundrauschen
ein

ich male mit dem Finger ein Hügel
einen

ich summ eine Melodie
summe

kannte ich auch eine[Komma] die unter der Dusche

das alte Rein-Raus Spiel
Empfand ich hier als Leseflusshemmer, rein, raus haste ja schon, "das alte Spiel" würde mMn reichen.

Ich will meine Zigarette
Für mich die Metapher schlechthin für: ich will, dass es aufhört, den letzten (Gewalts-)Orgasmus, und dann die letzte Zigarette danach. Aus die Maus und vorbei.

Jimmy, ich finde den Text klasse gemacht, nachhaltig, nachhallend und zum Nachdenken anregend.
Danke, dass du deine Gedankenabsurdität trotz Bedenken hier veröffentlicht hast.
Liebe Grüsse,
dot

 
Seniors
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28.12.2009
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Hey @dotslash,

sorry, dass ich jetzt erst antworte.

Ja, danke für deinen Kommentar. Ist echt ein Experiment für mich gewesen, auch wenn es formalistisch gesehen jetzt nicht so anspruchsvoll war/ist, sondern vielleicht eher nur für mich. Ist so ein Ding gewesen, das sich aus einem Versuch entwickelt hat, einen Sound nachzuahmen, einfach als Herausforderung.

Ich würde jetzt nicht behaupten, da gehe es um etwas, das ist halt dieser einen Soc-Sound, den man verwendet, und am effektvollsten ist halt immer die Sicht auf ein krankes Hirn, sprich Mörder oder Psychopath oder sonstwas, das ist auch einfach so während des Schreibens entstanden, ich glaube, so eine Art Text entdeckt und schreibt sich selbst, das finde ich schwer zu beschreiben, ist eine andauernde Kette von Assoziationen, die sich selbst fortschreibt.

Grammatik gucke ich, das habe echt wie im Wahn geschrieben, hole ich nach, dir vielen Dank für deine Zeit und den Kommentar, hat mich sehr gefreut. Gute Flasche Bourbon für das Gathering ist auch schon parat.

Cheers, Jimmy

 
Seniors
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“Yes because he never did a thing like that before as askto get his breakfast in bed with a couple of eggs since theCity Arms hotel when he used to be pretending to be laidup with a sick voice doing his highness to make himselfinteresting for that old faggot Mrs Riordan that hethought he had a great leg of and she never left us afarthing all for masses for herself and her soul greatest ... [621]
[...]
… Andalusian girls used or shall I wear a red yes and how hekissed me under the Moorish wall and I thought well aswell him as another and then I asked him with my eyes toask again yes and then he asked me would I yes to say yesmy mountain flower and first I put my arms around himyes and drew him down to me so he could feel my breastsall perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes.“ [S. 666] , ohne Punkt und Komma wird dem geneigten Leser des Ulysses des James Joyce der Gedankenstrom der Molly Bloom zugemutet – und ist es nicht tatsächlich eher so, dass Gedankenstrom und Traum ihre eigene Grammatik entwerfen – und sei es auch nur, um die Zeichensetzung über Bord zu werfen. Aber,

lieber jimmy,

wer denkt oder träumt denn so was

… ich mache mir ein Kreuz ins Fleisch, und noch eins, und so zähle ich die Tage bis zum Tod. Nein, noch lebe ich. ...
zumindest mutet es mich seltsam an, mir selbst zu bestätigen, dass ich noch lebe. Und wenn schon zuvor eine nahezu Kleist‘sche Zeichensetzung erfolgt (Kleist war eher Dramatiker als Erzähler, dass seine Zeichensetzung als Regieanweisungen begriffen werden), dann wäre die Passage
..., ich sehe sie wie durch dichten Nebel, ihr Körper [, / -] ein Schemen, die helle Haut,…
um ein Zeichen zu erweitern, sei es durch Komma oder Gedankenstrich – und dann doch ein absurder, traumhafter Vergleich
..., auf See gibt es salzige Luft [,] aber keine Einkaufsnetze, …
als wären nicht Plastiktüten ein ausgezeichetes Surrogat des Netzes.

Da rettet nicht mal mehr

..., das alte Rein-Raus Spiel, …,
zu dem ich nur sagen kann, dass Kubrick manche mittelmäßige Vorlage (in dem Fall Burgess‘) in große Kunst verwandelte.

„...

Mit dem Druck wächst Fantasialand.
Harndrang und Libido –
geschwisterlich vereint.
Bis zum warmen Erguss.

Überschwellend Lauge nässt Gemächte, Schlafhos und Laken.
Der Ruch der Hand verrät die Tat.“
aus „Ekeleke und tot ziens!“

Friedel​

 

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