Zwanzig Minuten
72
Tick ... tick ... tick ... tickticktick, die Ampel springt auf grün, du setzt dich in Bewegung und stellst dir vor, das Weiß des Zebrastreifens wäre Schnee. Könnte nicht schaden, für einen Frühlingstag ist es ausgesprochen heiß. Unter deiner Wollweste bricht dir der Schweiß aus, du gibst dir Mühe, schnell genug zu sein. Der Weg ist weit, und alle anderen haben dich bereits überholt. Du presst die Lippen aufeinander, Falten der Verbissenheit kerben die Haut ein. Keine Chance jemals wieder glatt zu werden.
Endlich, puh, wie anstrengend! Dass die auch immer so kurze Grünphasen haben, die die die! Du blickst dich argwöhnisch um, blinzelst ins Licht. Du bist nicht spät dran, zerrst dennoch am Ärmel deiner Wollweste, um die kleine Uhr darunter freizulegen. Das Ziffernblatt ist viel zu klein. Die nehmen niemals Rücksicht, die die die! Du bleibst mit einem Ruck im Strom der Menge stehen, beinahe wäre der Fußgänger hinter dir über dich gestolpert.
Dann fällt dir wieder ein, wohin du wolltest. Schnell, so schnell es eben geht mit einem Stock, gehst du weiter.
Dass du selbst auch niemals Rücksicht nimmst, fällt dir nicht auf. Du bist ein alter Mann, ein Greis von zweiundsiebzig Jahren. Die Jahre haben dich hart gemacht und abgestumpft. Ausgehöhlt wie Wasser einen Stein, ohne dass du es merktest. Sie haben einen Ring aus gefrorener Einsamkeit um dich errichtet. Aber waren das wirklich nur die Jahre?
Wärst du heute zwanzig Minuten später an der Ampel gestanden, hättest du deinen Neffen getroffen.
Du kannst ihn nicht ausstehen. Genauso wenig wie deine Nachbarin Trude, mit der du immer im Treppenhaus streitest. Nur heute nicht, denn heute bist du pünktlich.
Dein Neffe hätte sich mit dir unterhalten, hätte dich gezwungen, ihm zuzuhören. Sein Lächeln hätte dich berührt, etwas vergessen geglaubtes gestreift und vielleicht aufgebrochen. Aber nur wenn sich dein Neffe heute nicht zwanzig Minuten zu lang am Kiosk aufgehalten hätte und jemand anderen...
47
Du stehst am Kiosk und schielst verstohlen auf die entblößten Brüste irgendeines Models. Die anderen Kunden unterhalten sich über das schöne Wetter. Heute ist dir nicht nach Reden zumute, also hörst du nur halb zu und riskierst zwischendurch ein paar Blicke in die Schmuddelecke. Buschiges Haar, Nippel, Piercings. Eigentlich stößt es dich ab. Du fragst dich, wie jemanden so eine Zur-Schau-Stellung ansprechen kann.
Dann blätterst du weiter, ein wenig lustlos, und kaufst schließlich eine Zeitung, die sich mit Umweltthemen beschäftigt. Du rollst sie und steckst das Papierrohr in deine Manteltasche.
Im Grunde hast du heute nichts Bestimmtes vor. Du hast ein paar Tage Urlaub, vertrödelst die Zeit, redest dir ein, dass du gern Junggeselle geblieben bist.
Vor einem kleinen Teeladen bleibst du stehen. Jemand kommt heraus und zieht fremdartige Düfte mit sich. Du überfliegst die Namen der Teesorten, die im Schaufenster gestapelt sind. Menschen lassen sich genauso klassifizieren wie Tees, denkst du, und hältst dich für intellektuell. Natürlich! Es gibt welche, die sind süß, andere herb, wieder andere ungenießbar. Aber ist es wirklich so einfach? Ist diese Sichtweise nicht auch ein wenig naiv?
Hättest du heute nicht auf die Nippel gestiert, wärst du mit einem Rechtsextremen zusammengetroffen. Er hätte dich nicht angeglotzt, hätte nicht gestänkert und es wäre auch kein Klappmesser aufgeblitzt, wie du es erwartet hättest. Stattdessen wäre dein Bild von der Welt zusammengeknickt, wenn der Mann zuvor mit dem Mädchen...
32
Du hörst die Vögel zwitschern und denkst daran, wie dich Jörg einen Schmutzgeier nannte, als du das erste Mal mit der Glatze bei ihm aufgetaucht bist.
Du hörst nicht auf deine Füße, die einen Hitzestau in den Stiefeln melden, siehst nicht die Blumen, die sich stumm nach dir umdrehen, riechst nicht die süßen Pollen, schmeckst nur das Blut in deiner Mundhöhle, das aus der Zunge quillt. Die Zähne sind rosa gefärbt wie die Blüten, die neben dir zittern.
Denn du riechst nur den Smog, spürst, wie sich die UV-Strahlen aggressiv in deine Haut bohren, hörst beschmutzte Sprache, siehst dunkel, dunkel.
Vorhin hast du festgestellt, dass du dein Messer zuhause auf der Kommode vergessen hast. Es hätte zwei mal zehn Minuten gedauert, es zu holen, doch du hast einen Termin und bist pünktlich. Eigentlich kommst du immer zu spät, doch heute bist du pünktlich. Du willst etwas verändern. Ob dich oder deine Situation hast du noch nicht entschieden. Deshalb triffst du dich gleich mit Herrn Korn.
Wärst du zwanzig Minuten später dran, hättest du das Mädchen getroffen. Du hättest ihr minutenlang dabei zugesehen, wie sie mit der Zunge an ihrem ersten Eis dieses Jahres entlangfährt, immer wieder, dann an der Waffel knabbert. Dir wäre aufgefallen, dass sie strahlt, erleichtert, so, als habe sie sich gerade für etwas entschieden. Vielleicht hättest du sie auch angesprochen. Bestimmt hättest du dein Messer in den Müll geworfen.
Aber nur, wenn auch sie den Jungen zuvor...
17
In jedem Schaufenster kontrollierst du das Make-up. Du hast heute viel länger gebraucht. Zwanzig Minuten hat es gedauert, die Augenringe abzudecken, die sich nach der verheulten Nacht gebildet hatten. Aber jetzt hast du die Entscheidung getroffen. Endgültig.
Rasch, rasch, mit schnellen Schritten durchquerst du die Stadt. Menschen in der Straßenbahn hättest du heute nicht ertragen, du willst allein sein.
Du spürst, wie deine Handtasche rhythmisch gegen den Oberschenkel schlägt, wie sich ein Seitenstechen ankündigt, hörst Autos hupen und Kinder quengeln. Rasch weiter, die Klinik ist nicht mehr weit. Noch vier Querstraßen.
Obwohl du den Umweg gewählt hast, denkst du an den Laden für Babykleidung, den du umgehst. Denk an etwas anderes! Soweit wird es nicht kommen. Noch drei Querstraßen. Du beginnst halb zu sprinten, läufst mit jedem Schritt in einen Dolch, der in den Bauch sticht. Nein, nicht dieser Dolch wird den Fötus aus dir herausholen.
Alle unterstützen dich. Betty, Lucy, Tini. Sogar Margret, deine Mutter hat dir zum Abbruch geraten. Aber heute hat sie keine Zeit, mitzukommen. Immer wieder musst du Erinnerungen an die letzten Tage verdrängen, um nicht umzukippen oder zu heulen. Denn du bist tapfer, du bist das Opfer, du weißt, es ist besser so. Ist es das? Hast du gründlich genug nachgedacht, oder hast du zu sehr auf andere gehört. Willst du wirklich so cool sein?
Hättest du heute weniger Zeit für Puder und Gloss verwendet, hätte ein kleiner Junge deine Hand ergriffen. Er hätte gedacht, du wärst seine Mutter, die eine ähnliche Jacke trägt und ganz in der Nähe steht. Bevor er seinen Irrtum erkannt hätte, wäre seine weiche Hand mit den kleinen Fingern so lange bei dir gewesen, dass du innegehalten hättest. Die Hand wäre klebrig von einem Lutscher, aber es hätte dir nichts ausgemacht. Du wärst in die Hocke gegangen, hättest ihm in die Augen geblickt, hättest seinen anfangs überraschten Ausdruck im Gesicht gesehen.
Später hättest du mit seiner Mutter ein Eis gekauft und dich anders entschieden. Aber nur, wenn der Junge heute nicht...
5
Du bist so aufgeregt! Du weißt, heute wird etwas passieren, du bist dir ganz sicher. Voller Freude rennst du deiner Mutter entgegen, die gerade das Treppenhaus heraufkommt.
»Mama, heute sind es drei!«, schreist du. Dann denkst du kurz nach, konzentrierst dich, und berichtigst: »vier! Es sind vier!«
Deine Mutter kommt langsam, so langsam. Du hüpfst, springst, weißt, dass es heute vier sind. »Es sind vier!«
Etwas ist heute ganz besonders. Du weißt dich nicht besser auszudrücken, kennst weder das wie noch das wo, kennst kein wer oder was. Nur die Anzahl ist dir immer ganz klar.
Endlich, endlich ist Mama da. Sie lächelt, aber sie versteht nicht. Wie kannst du es ihr nur erklären? Du versuchst es noch einmal: »Vier, es sind vier heute, Mama.«
»Ja, Jonathan«, sagt sie milde und streicht dir mit der freien Hand über die Haare. »Vier.«
Sie stellt die Einkaufstüte auf die Kommode und räumt Tomaten und Milch in den Kühlschrank. Du bist so glücklich, schreist immer wieder lachend »vier« und tanzt um die Beine von Mama.
»Jonathan, ich muss das hier einräumen«, sagt sie. Aber das siehst du doch!
Als sie endlich fertig ist, könnt ihr los. Unten steht schon Herr Maier vor seiner Wohnungstür. Er fixiert dich mit seinen alten Augen. Er ist böse. Du nimmst es ihm nicht übel. Der Nachbar ist meistens böse und versteht nie. Deine Mutter versteht es auch nicht, aber du weißt, irgendwann wird sie begreifen.
Aber dann ... verschwindet er ... hinter seiner Tür. Und die vier sind weg. Irritiert, du bist verwirrt, wieso streitet er heute nicht, stellt Mama zur Rede, beschwert sich?
Nein, nein, das ist falsch ... die vier verschwimmen, werden zu Fratzen, erschrecken dich. Du beginnst zu heulen, hast Angst vor den Gesichtern. Mama nimmt dich hoch, hält dich fest, wiegt dich wie ein Baby.
Du kannst es nicht beschreiben, aber du weißt, heute ist etwas gerissen.
Es bleiben nur drei. Wie zuvor.
Hätte sich Herr Maier heute über dich beschwert, wärt ihr zwanzig Minuten zu spät aus dem Haus gekommen. Du hättest vor einer Drogerie Mama aus den Augen verloren, sie wiedergefunden, ihre Hand ergriffen, aber dann festgestellt, dass sie einer jungen Frau gehört. Anfangs wärst du überrascht gewesen, doch dann hättest du sie angelächelt, denn du hättest gewusst, dass sie die erste von vieren ist, und die zweite in sich trägt. Du wärst der Auslöser, hättest nichts mehr tun müssen. Mama hätte nicht verstanden, aber irgendwann wird sie es.
Herr Maier aber schloss die Tür zu früh, um nicht zu streiten.

LE

)