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Zwei vielleicht

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03.09.2024
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Zwei vielleicht

Es hat geplutet. Sie sagt das immer so. Sieht einen an mit großen Augen und zeigt auf eine Stelle am Bein. Das P ist ausdrucksstärker als das blasse B, sie weiß das. Und da ist auch was, ein kleiner roter Punkt. Vielleicht ein Mückenstich. „Nicht schlimm“, sage ich.
„Aber es hat sehr geplutet“, sagt sie. Lilly ist drei und möchte ein Eis. Sie hatte schon am Nachmittag ein Eis. „Aber nur eine Kugel“, stellt sie klar. Dann schaut sie auf den roten Punkt am Bein. Als könnte man den nur mit einem Eis heilen.
„Nein!“, sage ich. Sie wirft sich auf den Boden und schreit. Es ist der Boden des Busses, in dem wir fahren und die Mitreisenden mich entsetzt ansehen. Mitunter ziemlich böse. Ich versuche, sie hoch zu zerren, aber sie schlägt um sich. Die Dame hinter mir murmelt irgendwas von Schande und Polizei, ich beachte sie nicht. Der Mann, der mich hinten am Nacken packt, lässt sich nicht ignorieren. Er drückt ziemlich zu und sagt: „Freundchen, was machst du da?“
Lilly ist erschrocken, rappelt sich auf und hält sich an mir fest. Das entspannt die Situation, der Druck im Nacken lässt nach. Lilly ist ganz still, klammert sich an mich. Der Typ hat sich wieder hingesetzt, die Dame beobachtet weiter kritisch. Noch zwei Stationen, dann bin ich hier raus mit
der Kleinen.
„Was wollte der böse Mann?“, fragt Lilly.
„Er wollte nicht, dass ich dir ein Eis kaufe“, sage ich.
„Wie können Sie das nur so instrumentalisieren?“, fragt die ältere Frau hinter uns.
Noch eine Station.
„Wer ist die böse Frau?“, fragt Lilly.
„Die war schon böse, als sie geboren wurde, und dann ist sie immer wütender geworden, weil sie nie ein Eis bekommen hat“, sage ich laut.
„Dann musst du mir eins kaufen!“, sagt die Kleine. Ich ärgere mich über meine blöde Antwort, die nicht für sie bestimmt war. Die Alte hinter uns schaut empört. Der Bus hält, ich nehme Lilly an die Hand, wir steigen aus. Ich lasse mich nicht von einer Dreijährigen erpressen, das wäre ja noch
schöner!
„Nein!“, sage ich.
„Dann schrei ich!“, droht sie.
„Glaube ich nicht“, sage ich.
„Aber morgen?“
„Eine Kugel“, sage ich.
„Zwei!“, fordert sie.
„Vielleicht“, sage ich.

 

Hallo @Jaylow
Kleines Schlaglicht auf eine alltägliche Begebenheit, wie sie in verschiedenster Ausprägung in unserer Gesellschaft polarisiert. Ignoriert man den Erpressungsversuch und lässt das Kind in seiner Rage den Boden schrubben, gilt es schnell mal als laissez-fair. Zwingt und bringt man das Kind zur Raison riecht es schon wieder nach Misshandlung. Wie man es anstellt, Mensch verliert.

Leider habe ich nicht ganz durchschaut, welchen Konflikt du mir mit deiner kleinen FF näherbringen möchtest. Ich versuche mal einige Stellen zu belechten.

Die Dame hinter mir murmelt irgendwas von Schande und Polizei, ich beachte sie nicht.
Polizei? Eine ältere Dame würde doch eher was wie "früher wäre das ..." murmeln.

„Freundchen, was machst du da?“
Bis dahin hatte ich eine Mutter vor Augen. Ja, ja, altes Rollenbild, ich weiss.

Vielmehr stösst mir der Übergriff des Mannes auf! So eine Reaktion, weil ein Vater sein Kind vom Boden zerrt? Habe Mühe, mir das vorzustellen.
Besser wäre es nur mit Worten – ohne Handgreiflichkeiten – eskalieren zu lassen.

„Was wollte der böse Mann?“, fragt Lilly.
„Er wollte nicht, dass ich dir ein Eis kaufe“, sage ich.
„Wie können Sie das nur so instrumentalisieren?“, fragt die ältere Frau hinter uns.
Das fand ich gut gemacht. Die Situation hat sich verändert und Lilly ist sofort abgelenkt. Der Vater gibt dem Angreifer mit der ironischen Bemerkung gut retour, verstrickt sich dabei natürlich in Wiederspruch. Hier würde ich ansetzen und es verbal noch etwas hin und her gehen lassen, um dann mit dem Schlusssatz:
Ich lasse mich nicht von einer Dreijährigen erpressen, das wäre ja noch
schöner!
enden zu lassen.

„Nein!“, sage ich.
„Dann schrei ich!“, droht sie.
„Glaube ich nicht“, sage ich.
„Aber morgen?“

„Eine Kugel“, sage ich.
„Zwei!“, fordert sie.
„Vielleicht“, sage ich.
Das kommt mir etwas unausgegoren vor. Der markierte Übergang irritiert mich, bleibt irgendwie in der Luft hängen.

Aber vielleicht interpretiere ich viel zu viel in die kleine Szene, die halt nur eine kleine Alltagsbegebenheit sein möchte, bei der man mit zustimmendem Kopfnicken "kenn ich" denkt.

Liebgruss dot

 

Hallo @dotslash,

vielen Dank für deine Gedanken zu einem Schlaglicht auf eine, wie du treffend bemerkst, alltägliche Begebenheit.

Vielmehr stösst mir der Übergriff des Mannes auf! So eine Reaktion, weil ein Vater sein Kind vom Boden zerrt? Habe Mühe, mir das vorzustellen.
Ist etwas drüber, sehe ich auch so, werde ich bei Gelegenheit als verbale Auseinandersetzung darstellen.

Das "unausgegorene Ende" überlege ich, mir kam es zunächst nicht so vor, vielleicht ist auch nur zwischen der letzten Aussage des Kindes und seinem "Nein" zuviel Text, der es etwas holpern läßt. Vielen Dank für deine Anstöße und besten Gruß

Jaylow

 

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