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Zwischen Konfrontation mit Leid und Wohlfühlkitsch: Das Happy End auf dem Prüfstand
Liebe Autoren,
benötigt der Leser ein Happy End?
Hat er gar einen Anspruch darauf?
In welcher Verantwortung stehen wir, wenn wir es ihm versagen?
Welche Bedeutung kommt dem Happy End in der Literatur zu?
Wie seht ihr das?
Aufhänger für diesen Diskussionsstrang sind diese Fragen von Achillus
Was mich abschließend interessiert: Deine Geschichte verweigert Trost, Sinnstiftung oder Erlösung. Wie siehst Du das selbst? Bist Du nicht daran interessiert Deinen Lesern so etwas wie einen Hoffnungsschimmer zu geben?
Ich hadere da selbst oft beim Schreiben. Aber folgt man den Empfehlungen der alten Griechen sollte am Ende doch immer so was wie Katharsis stehen („Aus der Dunkelheit ins Licht“).
In Deiner Geschichte ist Finns Tod aber nicht kathartisch, sondern leer und endgültig, könnte man sagen. Das ist in meinen Geschichten auch häufig so.
Ich frage mich, ob wir dadurch den Teil unserer Leserschaft verlieren, der zwar Spannung, Action und Horror mag, aber am Ende eben doch so etwas wie ein kleines Licht der Hoffnung sehen möchte. Ein Licht, dass das Leiden nicht komplett sinnlos war oder ist. Ich glaube Crissy (hieß sie so?) hier im Forum hatte irgendwann mal geschrieben, dass ihr das auch bei vielen Forumsgeschichten hier schwer im Magen liegt. Dass es häufig Texte sind, die sie runterziehen. Naja, nur sone kleine Reflexion.
Und diese Antwort von linktofink
Interessante Fragestellungen. Spüren wir als Autoren eine Verantwortung für das Seelenheil unserer Leser? Müssen wir einen Hoffnungsschimmer ermöglichen, damit wir Leser nicht verlieren?
Ich kann mich an einen Horrorstreifen aus den 80ern erinnern, @Proof wird den kennen, in dem eine Frau nach einem Streit mit ihrem Mann beim Autostopp an einem Rastplatz verschwindet und nie wieder auftaucht. Jahre später meldet sich der Entführer beim Mann und gesteht, dass er die Frau getötet hat. Er bietet ihm an, sich in seine Hand zu begeben, um dieselbe Erfahrung wie seine Frau zu erleben, denn nur dann könne er nachvollziehen, was mit ihr geschehen sei. Der Mann lässt sich darauf ein, wird betäubt und als er aufwacht, ist er lebendig in einem Holzsarg begraben.
Nach dem Film war ich wütend, weil genau dieser Ausblick gefehlt hat, das war nach meinem Empfinden eine einzige Abwärtsspirale und ich fühlte mich fast betrogen, weil genau diese Sinnlosigkeit des Leidens mich massiv gestört hat.
Also sind die Bedenken für mich nicht von der Hand zu weisen, doch folgert daraus ein legitimer Happy-End-Anspruch?
Ich würde da differenzieren, denn jedes Genre weckt gewisse und sehr unterschiedliche Erwartungen.
Bei einem Märchen, einem Kinderbuch oder einer Romanze ist ein Happy-End Pflicht, weil das Agreement zwischen Autor und Leser die positive Emotion zwingend beinhaltet und eine Nicht-Erfüllung einem Vertragsbruch gleicht.
Warum sind viele Menschen komplett apolitisch, schauen keine Nachrichten mehr, flüchten sich in Cocooning oder anderen Eskapismus wie virtuelle Welten beim Gaming oder alternative "Wahrheiten" oder Glauben? Weil der Realitätsdruck oft schwer zu ertragen ist, weil die Wirklichkeit immer weiter in Deutungs-Bubbles zerfasert, unsere gewohnte Welt unter den Füßen zerbröselt, Kriege und Katastrophen abgesehen von großem Leid massive Ungerechtigkeits- und Ohnmachtsgefühle auslösen und wir dem nicht immer standhalten können.
Was ist dabei die Aufgabe von Literatur, worin besteht der Trost?
Für mich persönlich ist Literatur dann tröstlich, wenn ich andocken kann, wenn mich ein Text berührt, inspiriert und ich das Gefühl habe: Ich bin nicht allein, kein Exot oder Weirdo, weil es andere gibt, die meine Lese-Vorlieben, meine Erfahrungen teilen, die Realität ganz ähnlich empfinden und trotzdem den Kopf oben halten und weitermachen, eine Art Schulterschluss. Dazu kommt es sowohl in eigenen und fremden Texten und Kommentaren hier als auch in vielen Büchern. Dazu muss ein Text unter die Oberflächde gehen, etwas in mir zum Klingen bringen, was mit der Conditio Humana zu tun hat, wie du, Achillus, unter meinen Text Paria Paradise schriebst.
Ein Ende muss für mich vor allem glaubwürdig sein und ehrlich, ein offenes Ende gibt mir dabei oft mehr als ein gekünsteltes Happy-End, das der Logik des Textes nicht folgt.
Damit wären wir bei Proofs Text hier. Das Genre Horror ist getaggt, ein vertragliches Happy-End ist somit nicht sicher bis unwahrscheinlich. Das Ende, wie es sich darstellt, emfinde ich im Text organisch, es beunruhigt und stößt zu weiterer Beschäftigung mit dem Text an. Würden die beiden vom Silo runterklettern, wäre alles auserzählt und ich würde innerlich einen Haken setzen.
Davon ab: wäre das nicht ein Bruch der Erwartungen an das Genre Horror?
Eine andere Frage ist, ob für zartbesaitete Menschen eine Triggerwarnung vorabgestellt sein sollte, denn schließlich sind alle Texte hier für alle Altersklassen frei zugänglich? Ich würde das bis auf wenige Ausnahmen verneinen.
Für mich lösen Bilder andere, unmittelbarere und intensivere Eindrücke aus als eine Textrezeption, die häppchenweise geschieht.
Und wenn ich mir anschaue, welche selbstgerechten, expliziten Gewaltexzesse per Streaming weitgehend unkontrolliert den Weg zu Kindern und Jugendlichen finden, mache ich mir eher (berechtigte) Sorgen um die Deformation zarter Gemüter als bei den Texten hier im Forum.
Soweit meine Gedanken dazu. Hoffe, ich habe nicht allzu sehr reingequatscht, peace, l2f
(Beide Kommentare stehen unter der guten Geschichte von Proof "Wann immer was ist", die nicht happy endete.)
Das liegt zum einen an meinen Lesevorlieben und zum anderen daran, dass ich Erzählungen schätze, wenn sie lange nachklingen. Happy Ends schließen eben sehr hart ab, verschnüren den Sack imA zu eng - was bleibt? Man kann sich vorstellen, wie glücklich die Figuren nun sind. Okay, aber es wird ja auch wieder Leid & Schmerz geben, über den Punkt des Endes hinaus. Was sagt das Happy End überhaupt aus?