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Am Wasser

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Am Wasser

Einmal, als meine Mutter im Garten hinter dem einschichtigen Zöllnerhaus am Inn Wäsche aufhängte, lehnte ich mich an den mit Wasser gefüllten Holzbottich, steckte den Kopf hinein und ließ ihn unter Wasser ohne mich zu rühren, ganz still, kampflos, bis den Instinkten meiner Mutter die Stille Gefahr verriet, sie mich am Arm hochriss und in die helle Welt zurückholte.

Hatte mich das Wasser gelockt, geglitzert, waren durch einen Luftzug kleine zitternde Wellen geschaffen worden, die etwas versprachen, was es unter der Oberfläche zu sehen gäbe?

Vom einschichtigen Zöllnerhaus am Inn zogen wir in ein Zöllnerhaus an der Donau, und dort muss das dunkle schwere Wasser, das wenige Meter hinter dem Haus floss, mich zu sich gelockt haben, denn meine Mutter erzählte von den vielen Malen, wo ich an der Uferböschung stand, oder schon auf den Steinstufen, die ins Wasser führten, einmal mit einer Puppe, der ich vorher die Zöpfe aufgelöst hatte. Immer sah mich jemand rechtzeitig, bevor ich die fehlenden Schritte ins Wasser setzte, und immer zog mich jemand am Arm zurück und führte mich vom gefährlichen Strom weg.

Die dunklen Wasser der Kindheit waren auch in einem Moorsee, an den mein Vater einmal meinen Bruder und ich gebracht hatte, eine Fischerhütte, in der der Vater sein Angelzeug vorbereitete, ein Steg über dem Wasser, auf dem ich saß und mit einem kleinen Messer an einem Holzstock schnitzte. Und der kleine Bruder, der ins Wasser gefallen war und zunächst strampelte und prustete und den Kopf senkrecht über Wasser zu halten versuchte. Ich beobachtete ihn interessiert, als wäre er in ein Spiel vertieft, das ich nicht ganz verstand, und als er allmählich ruhiger wurde und schließlich ganz still im Wasser lag, das Gesicht nach unten, da war mir, als hätte er eine Art Ziel erreicht. Als kein Geräusch mehr zu hören war, stürzte der Vater aus der Hütte, mit dem Messerchen in der Hand deutete ich aufs Wasser, Vati, schau, der Peter, meinte ich nur, und mein Vater sprang mit den Füßen voran ins Wasser, packte den reglosen Körper, schob ihn von unten auf den Steg, hievte sich hoch, und da hustete der kleine Bruder schon, spie Wasser auf die grauen Planken und lebte.

Danach kamen das Mittelmeer und der Ozean.

Die erste Reise ins Ausland, das erste Mal ans Meer fahren – niemand kann sich mein Entzücken vorstellen, als ich von den Vorbereitungen für die Reise in den Süden erfuhr. Ans Meer! Wir fahren nach Medulin, sagte Vater, auf den Campingplatz. Alle Bekannten meiner Eltern fuhren damals in den Ferien nach Medulin, einem kleinen Dorf auf der istrischen Halbinsel, in der Nähe von Pula. Es war billig, man konnte sich selbst versorgen, und man war unter sich. Hoffentlich sind keine Wiener dort, hörte ich von Frau Preisinger, die mit ihrem wienerisch. Was ist wienerisch?, fragte ich die Mutter. Die überlegte kurz. Das ist, wenn man heast sagt, erklärte sie schließlich. Heast, wiederholte ich leise, heast. Und so schienen mir auch die Wiener, die ich bald kennenlernen würde, ein bisschen wie ein fremdes Volk.

Im Morgengrauen fuhren wir mit unserem VW-Käfer los, wir Kinder eingeklemmt zwischen Seesäcken, Reisetaschen und Campingutensilien. Der kleine Bruder schlief bald wieder ein, ich aber saß da mit einem Brausen im Körper, als würde Wasser schäumend durch meine Adern fließen, voll wilder Freude, als würde ich nicht wegfahren, sondern nach Hause.

Endlich waren wir im fremden Land, Schilder mit Aufschriften, die ich nicht verstand, und schließlich die damals noch kleine Straße nach Medulin, an der Frauen mit Kopftüchern unbekannte Früchte verkauften. Das sind Feigen, sagte Mutter, die sind ganz süß.

Das Geräusch, das Zikaden erzeugen, wenn sie ihre Flügel aneinander reiben, ließ Vater an den Motorschaden denken, den er befürchtet hatte, alle mussten aussteigen, und Vater öffnete schimpfend die Motorhaube. Erst da fiel ihm auf, dass das Sirren nicht aus dem Auto, sondern von den Bäumen kam, und wir konnten die letzten Meter in den riesigen, pinienbewachsenen Campingplatz fahren.

Als der VW schließlich auf dem ihm zugewiesenen Platz stand, drängte ich mich vom hinteren Sitz nach vorne, schlängelte mich aus der Türe und rannte dorthin, wo ich schon etwas glitzern sah, der Strand, Sand, einige Felsen, und da, Wasser, das eigentlich so aussah wie das Wasser im Attersee, nur durchsichtiger und blauer. Ich beugte mich vor, höhlte die rechte Hand und schöpfte ein wenig Meerwasser hinein, betrachtete es kurz und steckte dann die Zunge hinein. Ungläubig ließ ich die Zunge einige Augenblicke im Meerwasser. Es war salziger als alles, was ich bisher gekostet hatte, salziger als die salzigste Suppe, ja, salziger als das Salz selbst. Dass der Schein so trügen konnte! Immer wieder betrachtete ich das Wasser in meiner Hand und kostete davon, so lange, bis die Hand leer war.

Die erste Reise alleine, mit dem Rucksack nach Rom, Neapel, Brindisi. In Brindisi kam ich um Mitternacht an und ging aus dem Bahnhof, ein Wagen blieb vor mir stehen, und der junge bärtige Mann fragte mich, ob ich zum Hafen wollte. Mit dem Urvertrauen der Jugend stieg ich ein, froh um die Fahrgelegenheit, keinen Moment besorgt oder ängstlich, und es war ja auch gar nicht nötig, er führte mich bis zum Kai, von dem die Fähre nach Piräus ablegte. Noch heute frage ich mich, was dem Mann durch den Kopf ging, ob er nicht doch Unredliches im Sinn hatte und vielleicht von meiner Arglosigkeit gerührt oder beschämt war und so von seinem Vorhaben abging.

Der Hafen von Piräus, so laut und wuselnd, und ich so klein darin, und die Fähren zu den Inseln, voller Verheißung, groß und weiß über mir. Im Kartenbüro las ich die Fahrpläne der Schiffsgesellschaften, damals noch mit Kreide auf große schwarze Tafeln geschrieben, ohne Mühe konnte ich die griechischen Lettern entziffern, Chania, Sifnos, Kos, Paros, Naxos, Ios… Ich entschied mich für Ios, die Morgenröte, und tappte mit meinem schweren Rucksack über die steile Eisentreppe auf das oberste Deck. Ein unbeschreibliches Chaos, Rucksacktouristen aus aller Welt breiteten ihre Schlafsäcke aus, die Griechen, die ihre Verwandten besuchen wollten oder auf der Insel zuhause waren, gingen in die Innenräume, prosochi parakalo, Achtung bitte, hörte ich ständig durch den Lautsprecher, der Rest unverständlich. Wieder war dieses Brausen in mir, das Glück über das Wasser zu gleiten, die Möwen segelten neben und über dem Schiff, ich zeigte den Offizieren, die erst nach dem Ablegen der Fähre die Fahrkarten kontrollierten, meinen winzigen Zettel mit den griechischen Zeichen, Piräus – Ios. Heute liegt er in einem Ordner „Interessante Sachen“, und wenn ich ihn sehe, ist sofort wieder der Duft nach Salz und Algen und Diesel da, das strahlende Blau des Mittelmeers und der atemberaubende Anblick der weißen Kykladeninsel, die wir in den Abendstunden erreichten. Heute ist es kaum mehr möglich, von einem beliebigen Ort auf der Welt keine Vorstellung zu haben, aber damals Anfang der Siebziger Jahre war das Bild der kleinen Insel mit den weißen Häusern und den blauen Türen und Fensterläden für mich vollkommen neu, eine Schönheit, die ich kaum fassen konnte, hier bleibe ich für immer, dachte ich einige Tage, aber dann zog ich doch weiter und weiter und wieder zurück nach Hause.

Und dann noch weiter weg, an die wilden Atlantikküsten Europas und Amerikas, zu den weißen Stränden der Karibik mit dem unwirklichen Wasser, gefärbt wie kostbares Glas.

Und schließlich der Pazifik.

Streng und schwarz wie der Moorsee meiner Kindheit lag das Wasser im Hafen von Tofino, einem kleinen Ort auf Vancouver Island, wo man Bären und Wale beobachten konnte. Wieder ein Steg über dem Wasser, aber kein Vater in der Fischerhütte und kein Bruder, der im Wasser um sein Leben kämpfte. Ich stieg in ein Kajak, mit dem wir in den Clayoqout Sound hinausfuhren. Wasserflugzeuge landeten und stiegen auf, ein Seeadler stach mit ausgestreckten Beinen senkrecht aufs Wasser und stieg mit einem Fisch in den Krallen wieder hoch, mir war, als wäre ich in einer der naturkundlichen Sendungen in den Fernsehsendern früherer Jahre. Es war Sommer, aber wir froren im Boot trotz unserer dicken Jacken, und am Ufer standen die Douglastannen hoch und zerzaust von den brutalen Winden. Am Ufer die seltsamsten Algengebilde, außerirdischen Wesen gleich, mit Tentakeln und Auswüchsen wie Ballons und Federn aus Gummi, meterlang lagen sie im Sand. Hier war nichts lieblich, und was unter meinem Kajak schwamm und durch das schwarze Wasser pflügte, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Erst als gegen Mittag die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brachen, das Meer endlich blau glänzte und das Kajak ruhig an den kleinen Inseln vorbeizog, ich an Seeottern vorbeifuhr, die auf dem Rücken im Wasser lagen und die Pfötchen vor dem Bauch verschränkt hielten, da war es wieder da, das Entzücken, die Freude am Wasser zu sein, vorbei die Gefahr, hineingezogen zu werden zu den schaurigen Geschöpfen unter mir.

Auch aus Tofino musste ich wieder weg und nach Hause.

Nun ist es spät in meinem Leben. Ich wohne in einem Haus an einem fast ausgetrockneten See im Burgenland, in einer Landschaft voller Windräder und Storchennester auf den Rauchfängen. Riesige Gänseschwärme fliegen vom See zu ihren Weideplätzen und wieder zurück, ich höre das Rauschen ihrer Flügelschläge und ihre Rufe, immer fliegt eine einzelne Gans oder ein Gänserich nach, mit rascheren Flügelschlägen und drängenderem Rufen. Im schlammigen Seeufer suchen Sichelstrandläufer nach Würmern und Asseln. Sie kommen aus der Tundra im hohen Norden Russlands, von den Ufern des arktischen Meeres und der sibirischen Flüsse, Ob, Lena, Jenissej, sie rasten hier im Seewinkel und ziehen dann weiter nach Afrika zum Victoriasee und schließlich an die Küste des Indischen Ozeans in Südafrika.

Ich gehe zum See und sehe den Vögeln zu. Ich stelle mir vor, wie weit sie fliegen, diese kleinen Wesen, kaum größer als Stare, wie sie fliegen vom Arktischen Meer zum Indischen Ozean, und wie weit ich gekommen bin und wo ich schließlich gelandet bin. In meinem Garten steht ein Holzbottich, zwei Seerosen schwimmen darin, und wenn ich mich darüber beugte und den Kopf hineinstreckte und unter Wasser hielte, reglos und kampflos, würde mich niemand am Arm hochreißen und in die helle Welt zurückholen, und meine Haare würden auf dem Wasser liegen wie die aufgelösten Zöpfe einer Puppe.
 
Senior
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Hola @Franziska Filp,

in Deinem Profil lese ich, Du strebst eine Autorenkarriere an:
… habe das Arbeitsleben hinter mir und beschlossen, Schriftstellerin zu sein.
‚Hut ab!‘ kann ich da nur sagen.
Deine Art zu schreiben finde ich sympathisch; einen solchen Text lese ich auch dann weiter, wenn es mal hakelt oder nicht ganz so mitreißend ist.
Ein paar Kleinigkeiten gibt es, die ich persönlich als etwas ‚unrund‘ empfand, aber das ist, wie jedes Feedback, subjektiv und ohne Bedeutung.
im Garten hinter dem einschichtigen Zöllnerhaus
Dieses Wort musste ich ergugeln.
steckte den Kopf hinein und ließ ihn unter Wasser ohne mich zu rühren, ganz still, kampflos,
‚kampflos‘? Gegen wen oder wie oder was?
Hatte mich das Wasser gelockt, geglitzert, waren durch einen Luftzug kleine zitternde Wellen geschaffen worden, die etwas versprachen, was es unter der Oberfläche zu sehen gäbe?
Das liest sich sehr schön. Allerdings wäre die Frage nur angebracht, wenn es sich um tieferes Gewässer handelte – hier aber geht es um einen Holzbottich mit vielleicht vierzig Zentimetern „Tiefe“.

Du deklinierst dann über Moorsee, Fluss bis zu Mittelmeer, Atlantik und Pazifik. Das ist sehr weit gegriffen, nur ein 'Ozean' wäre sicherlich ausreichend, der Vancouver-Text wäre 1 : 1 auf die atlantische Seite übertragbar.

meinen Bruder und ()ich

Ich beobachtete ihn interessiert, als wäre er in ein Spiel vertieft, das ich nicht ganz verstand, und als er allmählich ruhiger wurde und schließlich ganz still im Wasser lag, das Gesicht nach unten, da war mir, als hätte er eine Art Ziel erreicht.
Oha. Ein völlig normales Mädchen ist die Prota nicht*), aber anders wäre die Geschichte nicht möglich. Ich finde, Du hast die richtigen ‚Zutaten‘ verwendet.
*)Heast, wiederholte ich leise, heast. Und so schienen mir auch die Wiener, die ich bald kennenlernen würde, ein bisschen wie ein fremdes Volk.
Merkwürdiges Mädchen. Österreichisch sprechende Leute ein fremdes Volk?
Da gibt‘s schon eine gravierende Störung:
ich aber saß da mit einem Brausen im Körper, als würde Wasser schäumend durch meine Adern fließen, voll wilder Freude, als würde ich nicht wegfahren, sondern nach Hause.
Eine echte Aquanautin.

eingeklemmt zwischen Seesäcken
Was denn für Seesäcke? Weil eine binnenländische Familie ans Meer fährt, wird sie sich doch nicht gleich Seesäcke besorgen?

schlängelte mich aus der Türe
… durch die Tür?
schöpfte ein wenig Meerwasser hinein, betrachtete es kurz und steckte dann die Zunge hinein.
Das erste ‚hinein‘ braucht es nicht.

die Zunge hinein. Ungläubig ließ ich die Zunge
nicht optimal

Doch schon sind wir in Piräus und diese Szene schilderst Du großartig:
Noch heute frage ich mich, was dem Mann durch den Kopf ging, ob er nicht doch Unredliches im Sinn hatte und vielleicht von meiner Arglosigkeit gerührt oder beschämt war und so von seinem Vorhaben abging.
Auch das finde ich (besonders) gelungen:
die Fähren zu den Inseln, voller Verheißung, groß und weiß über mir.
(Das Kursive könnte von Hemingway sein:cool:.)

war das Bild der kleinen Insel mit den weißen Häusern und den blauen Türen und Fensterläden für mich vollkommen neu, eine Schönheit, die ich kaum fassen konnte, hier bleibe ich für immer, dachte ich
Schöne Bilder malst Du. Überrascht war ich allerdings beim Pazifik-Bild – das hatte ich mir, pardon, bisschen hawaiimäßig vorgestellt, mit glühenden Farben und solchen Schrecklichkeiten. Aber nein, Du schließt den Kreis, zurück zum Moorsee und zum Bottich, und alles hat seine Richtigkeit, wie auch das Ende, wo sich die Puppe mit den aufgelösten Haaren wiederholt.

Du wirst schnell herausfinden, ob Erzählung oder Kurzgeschichte Dir mehr liegt – ich sag‘s nur, weil sich das schön liest:
Riesige Gänseschwärme fliegen vom See zu ihren Weideplätzen und wieder zurück, ich höre das Rauschen ihrer Flügelschläge und ihre Rufe, immer fliegt eine einzelne Gans oder ein Gänserich nach, mit rascheren Flügelschlägen und drängenderem Rufen. Im schlammigen Seeufer suchen Sichelstrandläufer nach Würmern und Asseln. Sie kommen aus der Tundra im hohen Norden Russlands, von den Ufern des arktischen Meeres und der sibirischen Flüsse, Ob, Lena, Jenissej, …
Nur ist es sehr ausschweifend für eine propere Kurzgeschichte. Was mir den Text näher gebracht hat, ist das Persönliche der Autorin und die Facetten bei der Darstellung des Wassers von Horror bis Entzücken, wie eine Persönlichkeitsentwicklung, wenn auch mit einer bösen Rückblende:
… wo ich an der Uferböschung stand, oder schon auf den Steinstufen, die ins Wasser führten, einmal mit einer Puppe, der ich vorher die Zöpfe aufgelöst hatte.

Liebe Franziska Filp, Deine (fehlerfreie:)) Geschichte hab ich gerne gelesen. Sicherlich wirst Du das Leben als Schriftstellerin mit Deinem Können sehr genießen; ich wünsche Dir eine gute Zeit.

José
 
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Lieber José, ich bin zu Tränen gerührt, vielen Dank für deine behutsame und aufbauende Kritik. Auch dir alles Gute!
 
Wortkrieger-Team
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Hallo @Franziska Filp

ich schreibe dir wegen der beiden folgenden Passagen, die ich ausgesprochen gelungen finde, weil sie präzise formuliert eine melancholische, ja poetische Stimmung transportieren. (Okay, das eine oder andere Adjektiv ließe sich streichen)

Nun ist es spät in meinem Leben. Ich wohne in einem Haus an einem fast ausgetrockneten See im Burgenland, in einer Landschaft voller Windräder und Storchennester auf den Rauchfängen. Riesige Gänseschwärme fliegen vom See zu ihren Weideplätzen und wieder zurück, ich höre das Rauschen ihrer Flügelschläge und ihre Rufe, immer fliegt eine einzelne Gans oder ein Gänserich nach, mit rascheren Flügelschlägen und drängenderem Rufen. Im schlammigen Seeufer suchen Sichelstrandläufer nach Würmern und Asseln. Sie kommen aus der Tundra im hohen Norden Russlands, von den Ufern des arktischen Meeres und der sibirischen Flüsse, Ob, Lena, Jenissej, sie rasten hier im Seewinkel und ziehen dann weiter nach Afrika zum Victoriasee und schließlich an die Küste des Indischen Ozeans in Südafrika.
und wenn ich mich darüber beugte und den Kopf hineinstreckte und unter Wasser hielte, reglos und kampflos, würde mich niemand am Arm hochreißen und in die helle Welt zurückholen, und meine Haare würden auf dem Wasser liegen wie die aufgelösten Zöpfe einer Puppe.
Ich glaube übrigens, es würde dem Text helfen, wenn du mit genau diesen Passagen beginnen, aus dem Spaziergang am Burgenländer See heraus, die Erinnerungstour starten und den Anekdoten Bedeutung verleihen würdest. So wie der Text jetzt strukturiert ist, handelt es sich mehr um lose zusammengestückelte Erinnerungsliteratur zu einem Thema, das zwar mit dem Wasser einen roten Faden aufweist, aber doch nicht ganz trägt.

Das war's für erste; willkommen hier!
Und sicher kannst du eine Menge profitieren auf deinem Weg, wenn du einerseits an der Texten arbeitest und andererseits die Texte anderer Autoren kommentierst.

viele Sonnengrüße
Isegrims
 
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Hallo Isegrims, danke dir für das Feedback, freu mich sehr darüber.
Den Vorschlag, das Ganze umzudrehen, mit dem Jetzt zu beginnen, finde ich gut.
Ich habe mich noch nicht getraut, die Texte von anderen zu kommentieren, ich lese momentan nur, aber das wird schon noch! Ehrlich gesagt, bin ich manchmal erschrocken beim Lesen der Kommentare, der Ton ist manchmal arg scharf, daran muss ich mich erst mal gewöhnen.
Ganz liebe Grüße, auch hier in Wien scheint die Sonne!
 
Wortkrieger-Team
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19.05.2015
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Den Vorschlag, das Ganze umzudrehen, mit dem Jetzt zu beginnen, finde ich gut.
Fein: bin gespannt, wie der Text dann wirkt.

Ich habe mich noch nicht getraut, die Texte von anderen zu kommentieren, ich lese momentan nur, aber das wird schon noch! Ehrlich gesagt, bin ich manchmal erschrocken beim Lesen der Kommentare, der Ton ist manchmal arg scharf, daran muss ich mich erst mal gewöhnen.
Kritik darf ruhig hart sein (erfahre ich immer wieder bei meinen eigenen Texten und jedesmal bringt mich das weiter; darum gehts am Ende. Und wenn die Kritik allzu persönlich wird, schreiten wir Moderatoren schon ein, keine Sorge, also lass dich darauf ein!

Liebe Ich-hab-Lust-auf-Sachertorte-und-Wiener-Schmäh(sagt man so?)-Grüße
Isegrims
 

AWM

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Hallo @Franziska Filp ich habe den Text gerne gelesen. Ich habe eine Kurzgeschichte erwartet. Es sind aber Anekdoten, die durch das Thema Wasser verbunden sind. Durch deine Sprache und die melancholische Stimmung bin ich aber drangeblieben. Hier meine Anmerkungen.
Einmal, als meine Mutter im Garten hinter dem einschichtigen Zöllnerhaus am Inn Wäsche aufhängte, lehnte ich mich an den mit Wasser gefüllten Holzbottich, steckte den Kopf hinein und ließ ihn unter Wasser ohne mich zu rühren, ganz still, kampflos, bis den Instinkten meiner Mutter die Stille Gefahr verriet, sie mich am Arm hochriss und in die helle Welt zurückholte.
Das ist schon ein heftiger erster Satz. Normal würde ich sagen: Mach da zwei Sätze. Ich finde ihn aber grundsätzlich gelungen. Dennoch würde ich kürzen: "bis den Instinkten meiner Mutter die Stille Gefahr verriet" braucht es für mich nicht. Das ist arg kompliziert und auch perspektivisch nicht unproblematisch, da du ja aus Sicht des Mädchens schreibst.
Hatte mich das Wasser gelockt, geglitzert, waren durch einen Luftzug kleine zitternde Wellen geschaffen worden, die etwas versprachen, was es unter der Oberfläche zu sehen gäbe?
Würde ich anders schreiben. Erstens das "geglitztert" streichen. Diesen Einschub finde ich holprig. Zweitens: Hatte mich das Wasser gelockt, ein Luftzug kleine Wellen geschaffen, die etwas Geheimnisvolles unter der Oberfläche versprachen? So umgehst du das unschöne Passiv mit dem waren geschaffen worden.
Die dunklen Wasser der Kindheit waren auch in einem Moorsee, an den mein Vater einmal meinen Bruder und ich gebracht hatte, eine Fischerhütte, in der der Vater sein Angelzeug vorbereitete, ein Steg über dem Wasser, auf dem ich saß und mit einem kleinen Messer an einem Holzstock schnitzte.
"und MICH gebracht hatte. Danach würde ich einen Punkt machen. Der Satz hat mich, so wie er jetzt ist, verwirrt.
Ich beobachtete ihn interessiert, als wäre er in ein Spiel vertieft, das ich nicht ganz verstand, und als er allmählich ruhiger wurde und schließlich ganz still im Wasser lag, das Gesicht nach unten, da war mir, als hätte er eine Art Ziel erreicht.
Ich finde, hier hast du unnötig relativierende Füllwörter drin. Ich beobachtete ihn interessiert, als wäre er in ein Spiel vertieft, das ich nicht verstand, und als er ruhiger wurde und schließlich still im Wasser lag, das Gesicht nach unten, war mir, als hätte er ein Ziel erreicht.
Ich fand diesen Absatz sehr interessant. Und es ist danach enttäuschend, dass sich eben kein Plot entwickelt. Ich dachte, es geht in der Geschichte um eine Todessehnsucht, die die Portagonistin hegt und die sie mit dem Wasser verbindet. Das, was die Wellen unter der Oberfläche versprechen: Tod. Oder zumindest ein "besonderes" Verhältnis der Protagonistin zum Leben. Es ist ja schon krass, dass sie ihrem Bruder beim Sterben zusieht und sie das fasziniert, auch wenn sie es nicht ganz versteht. Daraus entwickelt sich aber in deiner Geschichte nichts. Es hat keine Auswirkungen. Du erzählst einfach von der Faszination Wasser an verschiedenen Orten der Welt. Ich lese das dann im Grunde nur, weil es von einer schönen Melancholie getragen ist.
Als kein Geräusch mehr zu hören war, stürzte der Vater aus der Hütte, mit dem Messerchen in der Hand deutete ich aufs Wasser, Vati, schau, der Peter, meinte ich nur, und mein Vater sprang mit den Füßen voran ins Wasser, packte den reglosen Körper, schob ihn von unten auf den Steg, hievte sich hoch, und da hustete der kleine Bruder schon, spie Wasser auf die grauen Planken und lebte.
Das nehme ich nicht ab. Der Junge wird ja geschrien haben etc. Der Vater muss das auch hören, wenn er da direkt in der Hütte sitzt. Und erst als es still ist, kommt er herausgestürmt? Das bedeutet ja auch, dass er davor etwas gehört haben muss, weil er sonst keine Stille wahrnehmen kann. Manchmal könntest du auch ein paar Adjektive streichen. Hier finde ich es z.B. überflüssig zu wissen, dass die Planken grau sind. Das macht den Text teils unnötig langsam.
Es war billig, man konnte sich selbst versorgen, und man war unter sich
Würde das zweite "man" streichen.
Hoffentlich sind keine Wiener dort, hörte ich von Frau Preisinger, die mit ihrem wienerisch
Wienerisch müsste groß.
an der Frauen mit Kopftüchern unbekannte Früchte verkauften. Das sind Feigen, sagte Mutter, die sind ganz süß.
Hier "unbekannte" streichen. Das ist überflüssig, weil die Mutter es einen Satz später erklärt und so klar ist, dass die Früchte der Protagonistin unbekannt sind.
nziska Filp, post: 740718, member: 34362"]
Das Geräusch, das Zikaden erzeugen, wenn sie ihre Flügel aneinander reiben, ließ Vater an den Motorschaden denken, den er befürchtet hatte, alle mussten aussteigen, und Vater öffnete schimpfend die Motorhaube. Erst da fiel ihm auf, dass das Sirren nicht aus dem Auto, sondern von den Bäumen kam, und wir konnten die letzten Meter in den riesigen, pinienbewachsenen Campingplatz fahren.
[/QUOTE]
Das würde ich anders machen. Du nimmst hier vorweg, dass es kein Motorschaden ist. Und danach erklärst du noch einmal, dass es die Zikaden sind. Lass doch den Leser denken, dass es ein Schaden ist und dann kommt die Auflösung mit den Zikaden.
wo ich schon etwas glitzern sah, der Strand, Sand, einige Felsen, und da, Wasser, das eigentlich so aussah wie das Wasser im Attersee, nur durchsichtiger und blauer.
Sie sieht Wasser glitzern, ist extrem fixiert auf Wasser und trotzdem beschreibst du zuerst den Strand, die Felsen etc. Würde beim Wasser anfangen und dann erst die Umgebung beschreiben.
Dass der Schein so trügen konnte!
Verstehe hier den Schein nicht. Warum macht das Wasser den Anschein, dass es nicht salzig ist?

Gruß
AWM
 
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18.09.2020
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Hallo @AWM,
danke für dein Feedback, freut mich, dass du den Text gern gelesen hast.

Anmerkungen zu einigen deiner Kritikpunkte:
Es ist keine Kurzgeschichte, sondern die Rückschau einer alten Frau. @Isegrims hat mir geraten, die Geschichte mit den letzten Absätzen beginnen zu lassen, damit das klar wird.

Stimmt, Wienerisch hier groß.

"Als kein Geräusch mehr zu hören war" - das habe ich schlecht und missverständlich formuliert, ich meinte, "als der Vater kein Plappern und Lachen mehr hörte", und dass dadurch der Vater alarmiert war. Du hast Geräusche als Schreien beim Ertrinken gemeint, da wäre es natürlich widersinnig, die Stille abzuwarten. Ich bin davon ausgegangen, dass Ertrinkende nicht schreien und um sich schlagen, "Ertrinken ist ein leiser Tod".

Stimmt, besser zuerst das Wasser beschreiben und dann den Strand.

Wie der Schein trügen kann! - Das Meerwasser sieht genauso aus wie das Süßwasser des Attersees.

Ich bin erst seit einigen Tagen bei den Wortkriegern und sehe, dass ich mit meiner "Das wird schon passen"-Mentalität gleich zurechtgestutzt werde. Ok, zwingt mich, sorgfältiger zu arbeiten, als ich eigentlich vorhatte ...

Gibt es auf der Seite einen Support für technische Fragen? Wenn ich auf Antworten klicke, öffnet sich entweder ein leeres Antwortmail-Fenster (gut!) oder ein Fenster, in dem dem alle Zitate und Bemerkungen dazu stehen, in deinem Fall sogar mehrmals (nicht gut!). Ich habe das jetzt einfach gelöscht.

Grüße aus Wien!
 
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Hallo @Franziska Filp

Gibt es auf der Seite einen Support für technische Fragen? Wenn ich auf Antworten klicke, öffnet sich entweder ein leeres Antwortmail-Fenster (gut!) oder ein Fenster, in dem dem alle Zitate und Bemerkungen dazu stehen, in deinem Fall sogar mehrmals (nicht gut!).
Viele Fragen werden bestimmt im Hilfebereich beantwortet. Falls nicht, kannst du gerne einen Moderator anschreiben.

Wenn du ein leeres Antwortfenster haben willst, nutze einfach das Fenster das unter den Kommentaren zur Verfügung steht. Du musst nicht den Antwortlink unter dem expliziten Beitrag nutzen.

Viele Grüße,
Nichtgeburtstagskind
 
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26.12.2014
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Hallo Franziska,

ich bediene mich für meinen Kommentar hemmungslos bei meinen Vorredern:

… habe das Arbeitsleben hinter mir und beschlossen, Schriftstellerin zu sein.

... woran ich jetzt spannend finde, Schriftstellerin als Beruf, Berufung oder Hobby? Wäre es nämlich dein neuer Job, hättest du das Arbeitsleben ja keineswegs ...

aber das nur am Rande.

AWM schrieb:

Es sind aber Anekdoten, die durch das Thema Wasser verbunden sind.

Und ich fühlte mich ein wenig an des Herrn Stanisic neuestes Werk erinnert, da bindet auch ein Thema (Herkunft) Anekdotisches, lose Erinnerungen zusammen.
Im Wasser scheint sich auch die Persönlichkeit der Erzählerin zu spiegeln, da sie doch ein wenig ungreifbar, durchscheinend, wässrig ist. Man kann sie nicht recht packen, und sie weiß das Leben auch nicht recht zu packen, geht hindurch wie durch einen Traum:

Mit dem Urvertrauen der Jugend stieg ich ein, froh um die Fahrgelegenheit, keinen Moment besorgt oder ängstlich

Die fließende Sprache passt auch ...
Hast du schön komponiert!

M.
 

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