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Andersherum
11/3, bitte kommen. Ihre Stimme klang verzerrt. Kalte Elektronik.
Lukas blickte durch die monotonen Bewegungen der Scheibenwischer auf die Straße. Es schneite und die Eisschicht auf dem Asphalt blitzte im Scheinwerferlicht. Dampf stieg aus dem Kaffeebecher im Getränkehalter.
„Hier 11/3, was gibt’s?“, antwortete er.
Oberhainstraße 20. Meldung wegen Hausfriedensbruch. Bei der meldenden Person Hinweise auf eine psychische Ausnahmesituation. Eine Frau Paternaski. Sie sagt, sie ist allein im Haus.
Im Lautsprecher das Atmen von Jess, während sie auf Lukas‘ Antwort wartete. Diesen Atem hatte er an seinem Hals gespürt. Er spürte ihn jetzt, wenn er darüber nachdachte. Sie hatte ihn verführt.
11/3?
Ein Blick aufs Navi. Er setzte den Blinker. Seine Hand am Kaffeebecher, dann zurück am Lenkrad. „Verstanden, Zentrale“, sagte er, betont kühl, und bog rechts ab. „Bin unterwegs.“
Die Häuser einförmige Reihen. Zumindest bei Nacht und diesem Wetter. Auf Vorgärten und Gehwegen lag eine dichte Schicht Schnee, dämpfte die Motorgeräusche. Unter den Rädern das Knirschen von Graupel. Ein leerer Spielplatz. Schaukeln bewegten sich im Wind. Er fuhr hinter den rotglimmenden Rücklichtern des Räumfahrzeugs her, beobachtete den Streuteller. Bei Hausnummer 20 hielt Lukas an.
„Zentrale, bin vor Ort. Soweit alles ruhig.“
Verstanden, 11/3.
Nach Jahren der Zusammenarbeit hatte Lukas geglaubt, Jess zu kennen. Doch an ihr gab es noch eine andere Seite. Seit ihrem gemeinsamen Nacht sprach sie ihn über Funk nicht mehr mit Klarnamen an.
Er schaltete den Wagen aus, zog den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Hals. Dann stieg er aus. Im Licht der Straßenbeleuchtung sah er den Namen auf der Klingel. Georgette Paternaski. Er drückte den Knopf, aber entweder war die Klingel defekt oder die Haustür isolierte besser als andere. Stille. Dann hörte er, wie ein Schlüssel gedreht wurde. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Dahinter das fahle Gesicht einer Frau, ihr blondes Haar zurückgebunden, unter den Augen schwarze Ringe.
„Ja? Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.
„Frau Paternaski? Mein Name ist Wendel. Sie haben die Polizei gerufen.“
Sie blinzelte, antwortete aber nicht.
„Es gab einen Einbruch?“
Georgette Paternaski fuhr sich über die Stirn. Kniff die Lippen zusammen. Ihre Fingernägel hatten schmutzige Ränder. „Ach, deswegen“, sagte sie und ließ die Schultern sinken. „Ja, stimmt. Aber jetzt ist er weg.“
„Wer ist weg?“, fragte Lukas.
„Der Junge.“
„Ein Jugendlicher aus dem Viertel?“
„Nein, nein. Er ist nicht von hier.“
Ihre Stimme klang erschöpft, unendlich müde. Sie sah krank aus. Am dünnen Körper trug sie nur ein Nachthemd, ihre Brustwarzen dunkle Punkte. Kleine, spitze Hügel. Kein Licht im Haus, konturlose Finsternis im Flur.
„Was ist passiert?“, fragte er.
„Entschuldigen Sie“, antwortete Georgette und verschränkte die Arme. „Ich habe mich erschreckt, aber es ist nichts passiert.“
„Sind Sie allein?“
„Ja“, sagte sie. Georgette stieß die Tür weiter auf und schaute nach draußen. Nun konnte er ihr Gesicht besser sehen. Die Haut wirkte angespannt, die Falten geglättet, als würde sie von den Haaren zu fest zurückgezogen. Ihre Füße steckten in grauen Pantoffeln. „Es schneit ja“, sagte sie und trat einen Schritt nach vorne.
Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter. „Ich hole Ihnen einen warmen Kaffee aus dem Wagen.“
„Es geht schon. Danke.“
„Die Zentrale sagte, sie klangen aufgelöst.“
„Es tut mir leid. Ich ... ich brauchte jemanden zum reden.“
Lukas kannte diesen Blick. Der gescheiterte Griff nach Verständnis. Man konnte sich darin verlieren, bevor’s einem auffiel. Eine Bewegung in der Dunkelheit des Flurs unterbrach seine Überlegungen. „Wer ist bei Ihnen?“
Rasch trat Georgette zurück hinter die Tür. „Niemand.“
„Sie müssen mir auf meine Fragen keine Auskunft geben.“
Wieder fuhr sie sich über die Stirn, massierte kurz ihre Schläfen, als müsste sie sich erinnern. Dann sagte sie: „Mein Sohn ist bei mir.“
„Hat ihr Sohn den Jungen auch gesehen, der Ihnen Ärger gemacht hat?“
„Ich weiß nicht.“
„Darf ich kurz reinkommen? Nur um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist.“
Georgette legte den Kopf schief. „Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“
Lukas bemerkte ihr Zittern. Ob von der Kälte oder aus einem anderen Grund, das musste er herausfinden.
„Nein“, sagte er.
Ihre Lider flatterten. Einen Moment schwiegen beide.
„Holen Sie den Kaffee?“, fragte Georgette schließlich. „Vielleicht wäre ich doch froh über etwas Gesellschaft in einer solchen Nacht.“ Sie lächelte, ihre Lippen blass und spröde.
„Warten Sie. Ich bin gleich zurück.“
Während er zum Wagen ging, dachte er an ihren dunklen Blick. Schnee knirschte unter seinen Stiefeln.
Im Wagen nahm er den Kaffee aus der Halterung. Lauwarm. Er schaltete den Funk ein. Frau Paternaski konnte er nicht mehr sehen. Aber die Haustür stand noch offen. Das weiße Wirbeln wurde dichter.
„Zentrale, bitte kommen“, sagte er. Nur Rauschen.
„Zentrale, kann mich jemand hören?“ Keine Veränderung. Dann kurz eine Verzerrung in der Statik.
„Jess?“, fragte er und wartete. Nichts. Wie nach ihrer gemeinsamen Nacht. „Fuck!“
Er stieg aus, drückte den Knopf der Zentralverriegelung und ging zurück zum Haus. Stellte den Kaffeebecher auf den Briefkasten. Spürte die Restwärme in seinen Fingern. Es folgten routinierte Griffe. Er überprüfte Schlagstock, Pfefferspray und den kalten Verschluss am Holster.
„Ich komme jetzt rein!“, verkündete er. Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er mit der Schulter die Tür auf.
Mittlerweile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ein rechteckiger Rahmen angefüllt mit Schwärze, dahinter ein ebenso finsteres Zimmer. Treppenstufen in den ersten Stock. Die Umrisse einer Kommode. Jacken, Mäntel, Winterstiefel. Da waren auch solche für Kinder. Dieser Flur, dieses Haus, die lähmende Stille. Der Sohn, eine Frau, Georgette Paternaski. Abgesehen vom Namen alles wie damals, als Lukas für sechs Monate suspendiert wurde. Ihm fiel ein, dass er den Kaffee vergessen hatte.
„Frau Paternaski?“, fragte er. „Sie haben nichts falschgemacht, okay?“ Keine Antwort. Nur tapsende Schritte im anderen Zimmer. Begleitet von einem leisen Rauschen. „Können Sie das Licht anmachen?“
Lukas wartete. Ein Klicken, und eine Lampe flackerte zum Leben. Georgette Paternaski saß an einem Tisch, auf einem Stuhl ohne Lehne. Sie blickte ihn nicht an, sondern an die Wand, auf die in den Ecken abgeblätterte Tapete. Lukas betrat den Raum. Eine von der Wand abgerückte Vitrine, der Fernseher, ein rotes Sofa mit Ottomane, ein ausladendes Bücherregal, dicht gefüllt mit verstaubten Wälzern. Er konnte nicht sagen was, aber etwas an der Anordnung der Möbel irritierte ihn.
„Ich will Ihnen helfen. Aber zuerst müssen Sie mir helfen.“
Er berührte ihre Hand. Sie war erstaunlich warm, er spürte die Sehnen. Sah die blauen Adern unter der Haut. Georgette reagierte nicht.
„Erinnern Sie sich, was passiert ist?“, fragte Lukas.
Wieder keine Reaktion. Er ließ seine Hand auf der ihren, ging in die Knie. Schaute in ihr Gesicht, in ihre Augen. Georgette steckte irgendwo da drin, hinter dieser Maske aus Regungslosigkeit. Sie versteckte sich wie die andere Frau. Lukas musste ihr Zeit geben. Sonst blieben nur zusammenhangslose Splitter übrig. Diesmal würde er keinen Fehler machen. Diesmal würde er niemanden zerbrechen.
„Ich werde Ihnen jetzt eine Reihe einfacher Fragen stellen. Sie nicken oder schütteln den Kopf. Können Sie das für mich tun?“
Georgette Paternaski nickte.
„Sehr gut. Der Jugendliche, weswegen Sie uns angerufen haben, ist er bei Ihnen eingebrochen?“
Georgette Paternaski legte die Stirn in Falten, nickte dann zögerlich.
„Ist er noch hier?“
Wieder ein Nicken, diesmal schneller.
„Hat er sich versteckt?“
Kopfschütteln.
„Ist er bei ihrem Sohn?“
„Nein“, brachte Georgette hervor. „Er ist doch hier.“
Noch einmal prüfte Lukas den Raum. Es gab keine Stelle, wo sich ein Junge – auch ein kleingewachsener – hätte verstecken können. Unter dem Sofa war kein Platz. Dahinter auch nicht, es war flach und ohne Rückenpolsterung. Vorhänge gab es keine. Alle drei Fenster auf der Rückseite des Hauses waren mit Brettern verbarrikadiert. Der Hammer lag noch auf dem Tisch. Vor der Tür hing ein Eisenschloss. Georgette drehte den Schlüssel zwischen den Fingern, ihr Arm hing leblos herab.
„Kann er uns hören?“
Ein Nicken.
„Soll ich ihm sagen, dass er weggehen soll?“
„Er geht nicht weg.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte Lukas.
Georgette zog ihre Hand unter seiner weg, legte sie aufs Knie. Lukas bemerkte die Nässe im Nachthemd, an ihrem Bein. Einer der Pantoffeln war dunkel verfärbt. Sie drehte den Schlüssel, ohne Pause. Ihre Lippen bebten, als sie weitersprach.
„In der Dunkelheit kann man ihn besser sehen“, sagte sie.
„Wieso sind die Fenster zugenagelt?“
„Damit er nicht rauskann.“
Lukas zuckte mit den Schultern. „Aber Sie sagten doch, dass Sie ihn loswerden wollen?“
„Nein, ich ... weiß nicht. Er ist doch mein Sohn. Wieso sollte ich ...“, antwortete sie und Tränen liefen über ihre angespannte Gesichtshaut, sammelten sich im Mundwinkel. Sie hörte damit auf, den Schlüssel zu drehen, legte ihre Hand offen auf den Tisch, als wollte sie Lukas zu verstehen geben, er solle aufschließen. „Er darf nicht hinten raus, das habe ich ihm gesagt. Aber er hört nicht auf mich.“
„Wieso, was ist da hinten?“
„Das, was vorne ist.“
„Beruhigen Sie sich, Frau Paternaski.“ Lukas nahm den Schlüssel. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“
Als er den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, fuhr Frau Paternaski ihn an: „Nein! Nicht aufschließen!“
Lukas wandte sich zu ihr um. Sie hatte ihre Unterlippe blutig gekaut. Einen Moment war er unschlüssig. Dann ließ er die Hand mit dem Schlüssel sinken.
„Okay“, sagte er. „Ich werde nichts tun, was Sie nicht wollen.“
„Sie können durch den Spion schauen“, entgegnete sie.
Tatsächlich gab es einen Spion in der Hintertür. Nun war es an Lukas, den Kopf zu schütteln. Er legte die Hand gegen das Holz, kniff ein Auge zu und blickte nach draußen. Zerkratztes Glas, leicht schmierig. Der Schneefall dicht und schwer im Licht der Straßenlampen. Sein Dienstwagen war bereits fast zugedeckt. Die gegenüberliegende Häuserzeile verloren in der Nacht. Lukas ließ von der Tür ab.
„Geben Sie mir den Schlüssel zurück?“, fragte Frau Paternaski.
Er legte ihn in ihre Hand, achtete darauf, sie nicht zu berühren. „Ich werde jetzt eines der Bretter wegnehmen“, sagte er. „Danach nagle ich das Fenster wieder zu.“
Frau Paternaski war zurück in ihr leeres Starren verfallen. Auch als er den Hammer nahm und die Klaue ansetzte, zeigte sie keinerlei Regung. Die Nägel waren flach eingeschlagen. Zwei pulte er heraus und das Brett kam von der Wand. Ein schmaler Spalt vor dem Fenster, aber genug, um nach draußen sehen zu können.
Einen Augenblick verharrte er. Beim Zurücknageln des Bretts schlug er sich fast den Daumen blutig. Lukas ging durch den Raum, den Hammer immer noch in der Hand, durch den dunklen Flur zum Eingang. Öffnete die Tür. Der Wind schlug ihm entgegen. Auf dem Spielplatz quietschte die Wippe. Er warf den Hammer nach ihr. Sein Kaffeebecher stand nicht mehr auf dem Briefkasten.
Georgette saß da wie zuvor.
„Ich werde jetzt das Licht ausmachen“, sagte Lukas.
„Sie wollen den Jungen unbedingt sehen“, nuschelte sie. Mit jedem Wort sprach sie klarer, als würde sie aus tiefem Schlaf erwachen. Oder aus einem finsteren Ort ihres Verstandes zurück an die Oberfläche drängen. „Woher kennen Sie ihn?“
Lukas trat einen Schritt vom Tisch weg. „Wie kommen Sie darauf, dass ich ihn kenne?“
Georgette faltete die Hände in ihrem Schoss, schloss die Augen. „Ich weiß nicht. Ein Gefühl. Schalten Sie aus und sehen Sie selbst.“
„Bevor ich das tue, erklären Sie’s mir“, verlangte Lukas. „Versuchen Sie es zumindest.“
Ihre Hände schossen nach vorne, als wolle sie etwas Unsichtbares von sich stoßen. „Sie haben sich doch umgesehen?“, fragte sie, die Augen weiterhin geschlossen. „Ist es Ihnen nicht aufgefallen? Egal was, in diesem Raum hat alles nur eine Vorderseite.“
Hinter der schrägstehenden Vitrine dieselben Schubladenkästen wie vorne, die Glastüren ließen sich auf beiden Seiten öffnen. Lukas ging zum Fernseher. Der Monitor zeigte auch gegen die Wand. Die Stühle ohne Lehnen. Das flache Sofa. Sein Blick aus dem verbarrikadierten Fenster.
„Sehen Sie denn nicht, was er macht?“, klagte sie. „Schauen Sie doch, was er mit mir gemacht hat ...“ Sie drehte sich auf dem Stuhl um – oder war es ein Hocker, Lukas konnte es nicht sagen. Ihr so fest zum blonden Zopf gebundenes Haar, das sie nun löste. Richtete ihren Rücken gerade, damit er besser sehen konnte. Wie sie die Haare auseinanderzog, ihren kahlen Hinterkopf zeigte, die Haut eingerissen und erste Zähne, die aus der Wunde stachen. Auf Ohrhöhe ein halb von dünner Haut überspanntes Auge, das Blut blinzelte. Georgette wimmerte aus ihrem falschen Mund und schlug mit den Fersen gegen den Stuhl. Ihre neue Nase sah aus wie gebrochen. Lukas löschte das Licht.
Lukas! Die Stimme war verzerrt, die Frequenz schlug aus. Hallo? Bist du da?
Statisches Knistern und Rauschen. Das Funkgerät, er hatte es in der Hand. Auf der Oberseite fand er mit dem Daumen den Sprechschalter. „Was ist los?“ Mehr konnte er nicht sagen. In sich zusammengesunken saß er am Steuer des Dienstwagens, die Jacke bis oben zugezogen. Er schlotterte.
Was stimmt nicht mit dir?
„Wer ... Jess? Jess, bist du das?“ Beim Bewegen des Kiefers spannte seine Haut. Er richtete sich auf, strich über seine Hosen, um den Schweiß an den Handflächen zu trocknen. Der Schneefall hatte aufgehört und die Straße voller Verwehungen zurückgelassen. Die Eingänge der Häuserzeilen leer. Nur bei Frau Paternaski brannte Licht. Er glaubte, ihre Gestalt im Türspalt zu erkennen. Ein Schatten, der mit der Finsternis verschmolz und verschwand.
Ich hab eine Patrouille geschickt!
Er öffnete das Handschuhfach, tastete. Die Taschenlampe.
Dir geht’s nicht gut, du ... Wieso hast du mir das alles erzählt? Ich wusste, du hättest suspendiert werden müssen ...
Jess wurde vom Rauschen verschluckt und es blieb eine Stille, die Lukas in den Ohren hämmerte. Im Rückspiegel sah er sich selbst, in einem anderen Rückspiegel. Und in diesem ein anderer.
Er stieg aus. Draußen war es noch kälter als im Wagen. Auf halbem Weg zu Georgette Paternaskis Haus kehrte er um. Stapfte durch eine der Verwehungen an seinem Dienstauto vorbei. Das gegenüberliegende Haus. Ordnung wiederherstellen. Bewegung und Funktion. Ob Instinkt, Neugier oder Angst, es war alles zusammen. Er spürte seinen warmen Atem am Bart, die Feuchtigkeit, die sich bildete.
Tief eingegrabene Spuren führten ihn bis vor die Haustür. Auf dem Briefkasten der Kaffeebecher. Lukas griff nach ihm, der Inhalt war gefroren. Er stemmte sich gegen die Haustür und hörte das Scheppern des Eisenschlosses auf der anderen Seite. Bretter hinter den Fenstern. Also warf er den gefrorenen Kaffee durch eine Scheibe. Fuhr mit dem Ärmel seiner Jacke über den Rahmen, um die Splitter abzubrechen. Drückte gegen die Bretter, um ein loses zu finden. Kaum war eines rausgeschlagen, ging es einfacher. Sein Atem kondensierte, während er sich Zugang verschaffte.
Er stieg ein. Unter ihm das Polster des Sofas, seine Stiefel versanken in dem weichen Stoff, er schwankte. Knipste die Taschenlampe an und leuchtete durch den Raum. Frau Paternaski saß am Tisch. Er senkte den Strahl der Lampe, um sie nicht zu blenden. Bevor er etwas sagen konnte, fiel ihm ihre Veränderung auf. Das viele blonde Haar. Es war rund um ihren Kopf gewachsen, sie hatte es hinten und vorne zusammengebunden.
„Georgette, hörst du mich?“, fragte er und seine Stimme klang fremd in diesem Wohnzimmer. So kalt wie knirschender Graupel.
„Wenn du mich hören kannst, dann nicke, okay?“
Frau Paternaski bewegte sich nicht. Sie hatte ihre Hände auf die Beine gelegt. Lukas ging an ihr vorbei, in gebührendem Abstand, und nahm den Schlüssel vom Tisch. Ließ den Strahl der Taschenlampe über die Wände wandern. Die Tapete hatte die Farbe von Schneematsch. Er hörte ein leises Rauschen. Ein Knacksen, als würde sich Eis bewegen. Schritte tapsten auf der Treppe.
Er leuchtete die Stufen runter. Statik in seinem Kopf. Das Rauschen wurde lauter. Frequenzüberschläge im Rhythmus seines Herzschlags, abschwellend und wieder stärker. Auf der Treppe war niemand. Lukas senkte den Lichtstrahl, kniff die Augen zusammen, um etwas sehen zu können, und aus der Finsternis löste sich ein Schemen. Seine Umrisse. Der Grund, warum Lukas – 11/3 – hierhergekommen war. Er knipste die Taschenlampe aus.
Einen Moment standen sie sich gegenüber. Er konnte in dem Schatten einen Regen aus Funken sehen, der zusammen mit der Finsternis in ihn hineinfiel. 11/3 konnte seinen Blick nicht abwenden. Spürte eine leichte Berührung an der Hand. Die Statik wurde leiser, das Knacksen unregelmäßiger. Die Tür stand schon einen spaltbreit offen. Er folgte dem Schatten des Jungen hinaus, hinter die sternlose Nacht.
. Vielleicht noch die Zeilen angleichen: Verbindung von Sprecher(in = radio) und Redebegleitsätzen? Da sind öfter falsche Umbrüche. Bei Funk finde ich auch kursiv schön (so hab ich es bislang gemacht, intuitiv, mag falsch sein, sieht aber gut aus - und die sprechende Person steht ja nicht im Bild sozusagen
).


Vier Mal gelesen, sich gefragt, warum der so geschrieben ist und: 'Wer zur Hölle ist das denn noch mal?'