Was ist neu

Aphorismen und Plattitüden

Mitglied
Beitritt
03.03.2007
Beiträge
15
Zuletzt bearbeitet:

Aphorismen und Plattitüden

„... erschossen. Das Wetter: ...“ ich schaltete den Radioapparat aus, warf mir die Jacke über und begann damit, nach meinem Schlüsselbund zu suchen.
Nur zehn MInuten später war ich in gestresster Eile auf dem Weg zum Kino, um einen mir gleichültigen Film zu sehen. Ich wusste nicht genau warum ich das tat. Freunde hatten mir dieses „Meisterwerk“ ausdrücklich und mehrmals empfohlen. Es handelte sich um die Verfilmung irgendeines Buches irgendeines toten Autors aus irgendeiner toten Zeit. Es soll ursprünglich ein dicker Schinken voll revolutionärer Gedanken gewesen sein. Die Bearbeitung im Sinne des Drehbuches überstanden, prominenten Stimmen nach, die meisten der ursprünglichen Ideen und bedeutenden Kleinigkeiten nicht. Ein Klatschblättchen für Alternative, Philosophiestudenten und Taxifahrer bezeichnete den Film als „Witz aus Aphorismen und Plattitüden“.
Mir war es gleichgültig, denn im Sinn stand mir nur eine Gelegenheit, mir den Abend kurz und schmerzlos zu vertreiben. Später würde es zu spät sein, um noch irgendetwas Sinnvolles zu tun und ich würde sofort zu Bett gehen.

Die Kassiererin warf mir einen anzüglichen Blick zu, ich erwiderte ihn.
Sie schob die Karte mit spinnengliedrigen Fingern, durch den schmalen Spalt zwischen Theke und Glasscheibe, in meine Richtung, ließ die Hand dann aber unbewegt. Ihre Mundwinkel gleiteten langsam nach oben. Ich wusste nicht, welche kranken Phantasien sie plagten und so erwiderte ich ihr Lächeln und zog das Stück Papier zu mir. Sie lächelte nachdrücklicher und ich ging.
Einer spontanen Laune folgend reihte ich mich in einen großen Strom von Mitvierzigern ein, doch sie gingen in einen anderen Film. Es war eine Neuverfilmung einer Verfilmung eines anderen, schlechten Buches.
Im Eingangsbereich meines Filmes blieb ich für ein paar Minuten stehen und rauchte eine, dann eine zweite Zigarette und beobachtete die Kinobesucher. Die meisten gingen direkt vom Kartenschalter zu den Vorführungssälen, an den Verkaufsständen mit den kleinen Sünden des gastronomischen Gewerbes vorbei, und verschwanden im Dunkel der Doppeltüren. Einige kamen hierauf gleich wieder nach Draußen und begingen eine kleine, gastronomische Sünde. Die meisten rauchten noch eine Zigarette.
Zwei schniefende Blondinen kamen vom Klo zurück und zeigten keine Form von Ausweichverhalten. Wie erwartet hatten sich sehr viele Studenten für diesen Film begeistert. Ein paar Politische waren auch erschienen, wobei ich an ihren lebendigen Diskussionen nicht genau festmachen konnte, welche der beiden Gruppen nun die Botschaft des Autors missverstanden hatte. Hier und da sah man künstlerisch engagierte Sekretärinnen und Bankangestellte, Personalchefs und Marketingbeauftragte. Bei den paar neutralen Personen die erschienen waren, konnte man keine herausragenden Interessen am Äußeren feststellen konnte. Der Großteil der wartenden Mehrheit jedoch war berechenbar und exzentrisch. Die meisten stilvoll gekleidet oder gänzlich ohne Stil, aber jeder ein Genie aus Symbolen.
Ich drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus und ging zum Eingang.
Der Portier musterte mich langsam, während er bedächtig meine Karte an einem Ende abriss. Sein Bild von mir muss ähnlich schlecht gewesen sein, wie meines von ihm. Er präsentierte sich stolz in seiner goldbestickten Pagenuniform. Mir war es egal, dass ich mich drei Tage lang weder aus noch neu angezogen hatte. Er gab mir die Karte widerwillig zurück und auch ich verschwand in der Dunkelheit.

Die Fläche des Vorführungsraumes bot eine angenehme, leicht schräg abfallende Sitzgelegenheit für rund 300 Menschen, die sich wie in einer Kirche darbot (ohne die Sitzreihen links und rechts vom Altar). Dazwischen führten auf beiden Seiten weitläufige Treppen von der obersten Wand, bis ganz nach vorne.
Während ich mit dem Feuerzeug umständlich die Angaben zu meinem Sitzplatz heraus zu finden versuchte, erklang aus der Mitte der obersten Reihe der obligatorische Frauenwitz, gesprochen von der tiefen, ausdruckslosen Stimme eines Bodybuilders in der letzten Reihe, gefolgt von dem ausdruckslosen Gelächter mehrerer, anderer Bodybuilder und deren Freundinnen in der letzten Reihe.
Mein Platz war auf halber Höhe des Mittelschiffs ganz links, neben einem frustrierten Studentenpärchen. Er spielte mit nüchternen Gesten und Worten den Frauenversteher, sie ließ es sich gefallen und erzählte eine Anekdote aus der „heutigen Vorlesung“, während dem sie einfallsreich und wohlplatziert kicherte. Keiner schien ernsthaft der Werbung zu folgen, die sich aufdringlich auf der Leinwand ausbreitete. Ich hatte es mir bequem gemacht und die Geldbörse gleich am Anfang aus der hinteren Hosentasche genommen. Ein kurzer Rundumblick verschaffte mir eine Ahnung von der Aufteilung des Publikums im Saal.
Die Politischen hatten sich nach dem Daumen-Hand-Prinzip auf die äußeren Sitzreihen verteilt und bewarfen sich gegenseitig, über das Mittelschiff hinweg, mit Beleidigungen und individuellen Interpretationsansätzen des Buches. Für sie war auch das Kino Kulisse.
In der Mitte saß die kunst-, literatur- und andersinteressierte Mehrheit, die sich in ihren Gesprächen mit Stilmitteln selbst zu betonen suchte. Die Reihen vor mir hatte sich eine große Gruppe von Bankangestellten und deren Sekretärinnen niedergelassen. Irgendwo schrie ein junger Kerl schrie „Verkaufen, Verkaufen!“ in sein Handy, doch keiner fand es witzig.
Mit einem Seufzer richtete ich den Blick auf die Leinwand.
Eine braungebrannte, südländische Primadonna nuckelte gerade an einer Colaflasche herum. Ich bekam eine Erektion, doch dann ging das Licht verhalten an und der nutzlose Vorhang vor der Leinwand zog sich ein wenig zu. Weiter passierte nichts Außerordentliches, doch ein paar Minuten später ging das Gegenteil von statten. Es war das Zeichen für das Publikum, und dieses verstanden es, augenblicklich die Klappe zu halten.

Der Film übertraf meine Erwartungen gleich von Anfang an und war über die Maße langweilig und berechenbar. Er war wie jeder andere Film, der wie jeder andere Film ist. Außerdem hatte man eine Liebesgeschichte in die Handlung hineingedichtet und sich fast ausschließlich auf diese konzentriert. Das Buch war nahezu ganz ausgeklammert worden.
Die ersten Zwischenrufe kamen von denen, die das Buch gelesen hatten. Sie empörten sich, am Anfang nur verhalten, später dann selbstbewusst.
„So ein Schwachsinn!“ krakeelte eine bieder wirkende Sekretärin ein paar Meter unter mir. „Bullshit!“ echote es aus den letzten Reihen. Ein Mobiltelefon begann zu klingeln.
Ähnliche Vorkommnisse vermehrten sich und auch das unverständliche Gemurmel der vielen Besserwisser erhob sich allmählich.
Es kam zu einer kränklichen Steigerung der Klimax nahe der Mitte des Filmes. Der Hauptdarsteller machte einer Nebendarstellerin, in Form eines Plattitüde, ein unmoralisches Angebot, um der Hauptdarstellerin eins auszuwischen. Die Nebendarstellerin reagierte mit einem aufreizenden Aphorismus, lächelte scheu, rollte mit den Augen, schloss die Augen, drehte den Kopf nach Links, öffnete und rollte die Augen. Die Hauptdarstellerin, die das ganze beobachtet hatte, sprang ins Bild, brüllte einen derbe Plattitüde, rannte davon und ließ sich von einem anderen nageln.
„Ich brauch' 'nen Blowjob!“ schrie ein halb kunstinteressierter Bankangestellter vor mir. Dann lachte seine Gruppe eines dieser Gelächter, das betrunkene Gruppen mit einem geistigen Konsens zusammen zu lachen pflegen.
De Kerl legte dann seinen Arm um die Schultern der Sekretärin neben sich und sah sie auffordernd aber höflich an. „Mach schon, Kleines, sieht ja keiner!“ Die Gruppe lachte wieder so.
Von hinten schrie ein selbstbewusster Photographiestudent eine Beleidigung an den Kamermann.
Zu meinem Erstaunen begann die Sekretärin sich frei zu machen.
Auch rundherum schien nun eine allgemeine Geschäftigkeit und Unruhe auszubrechen. In den vorderen Reihen stand ein einsamer Professor auf und verließ resigniert schlurfend den Saal.
Hinter mir begann einer, laut schreiend, die These zu vertreten, dass niemand, der nicht jeden Reim auf jedes Wort kenne, Gedichte schreiben könne. Als ich mich umdrehte, wurde er gerade von einem formlosen Lyriker niedergeschlagen. Sekunden später hingen sich Klassik und Moderne fluchend in den Haaren.
Die Politischen indes hatten ihre Konfrontation wieder aufgenommen und warfen nun nicht mehr nur mit Worten, sondern auch mit Popkorn und, was die Situation dann zum eskalieren brachte, mit fast geschmolzenen Eiswürfeln. Aus dem Pulk der oberen Fünftausend vor mir war ein rhythmisch pulsierendes Organ geworden, das jeder Beschreibung zu spotten bereit war.
Die erste leere Bierflasche flog durch die Luft und verfehlte den Hauptdarsteller nur knapp.

Ich pflege in außergewöhnlichen Situationen, eine Zigarette zu rauchen.
So auch jetzt. Da kommt der Portier auch schon gestresst angejoggt und bittet mich höflich, das Gebäude, aufgrund dieser Unverschämtheit, zu verlassen.
Ich krame meine Jacke unter dem Stuhl hervor, werfe sie mir über die Schulter und verlasse das Gebäude. Es ist schon spät, zu spät um noch etwas Sinnvolles zu tun.
Ich gehe nach Hause und lege mich schlafen.

 

Hallo Albert,

habe mich durch deine Geschichte gearbeitet, aber am Schluss nur noch mit der Intention, eine umfassende Kritik schreiben zu können.

Leider konnte ich deinem Werk wenig nur positives abgewinnen.

Das geht los mit den sich scheinbar ewig ziehenden Schilderungen des Kinobesuches, neben dem praktisch keine Handlung stattfindet.

Der zweite dicke Minuspunkt ist die Arroganz des Ich-Erzählers: Allen anderen Personen sieht er an, wer oder was sie sind. Die zugehörigen Unverschämtheiten mögen in Richtung Satire zielen, wirken aber in der Summe bestenfalls anstrengend.

An der Pointe am Ende und dem Rausschmiss kann ich auch kein wirklich gutes Haar lassen.

Sorry für die klaren Worte, trotzdem schöne Grüße,

AE

 

Hi AlterEgo,


ich habe deine Kritikpunkte verstanden und akzeptiert.
Der Charakter soll aber auch nicht groß viel mehr als ein nüchterner Beobachter sein.
Ich habe versucht, durch das Geschehen an sich eine Spannung in die Geschichte zu packen und weniger durch die Handlungen und Gedanken der Person, die sie erlebt.
Vielleicht glückt es mir ein anderes mal besser.

Danke für die Kritik.

Grüße,

Albert

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom