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Der missbräuchliche Millionär
Halb wünsch ich ihm den Tod, halb tut er mir leid. Und das sage ich nicht einfach so. Wenn ich nicht aufpasse, ploppen wirklich Gewaltfantasien in mir auf. Ihm so richtig wehtun. Ich gebe zu: Ein Teil von mir würde es genießen, mit allem, was ich bin.
Ich stelle mir das manchmal vor: Was, wenn er plötzlich vor mir auftaucht? Mich anstarrt aus diesen hypnotischen Augen in seinem bleichen Gesicht. Es wird etwas in mir rühren, mit Wucht, und unaufhaltsam wird die Frage sich stellen: Habe ich mich geirrt und er hat das alles gar nicht getan? Habe ich es mir eingebildet? Ja, das muss es sein. In einer Beziehung verzeiht man sich. Dann wäre alles wie immer. Ich wäre froh, dich nur anschauen zu dürfen und könnte lachen über jeden Witz, den du machst. Wir wären wieder wie eine Familie für alle Zeit.
Deshalb trainiere ich mich. Ich sehe mich im Spiegel an, sehe mir tief in die Augen. Ich hole das Dunkelste in mir hervor, das ich nur finden kann, und erlaube ihm zu wachsen. So viel wie ich es brauche, und ein kleines bisschen mehr. Fast erschreckend, was da in meinem eigenen Blick aufkommt. Verstoße ich gerade gegen einen der wichtigsten Grundsätze meines Lebens – ein guter Mensch zu sein? Aber ich tue es trotzdem.
Und wider Erwarten ist da noch Mitleid mit diesem Mann, den ich nicht kenne. Diesem Schattengespenst, das mich jahrelang umtanzt hat, immer in Berührung, niemals in Kontakt. Ein missbräuchlicher Millionär, der mich mit Taschengeld tröstet, wenn es zu weh tut.
Diese Stirn, hinter die ich nie sehen durfte. Diese Stirn, deren Schläfen immer so verletzlich aussahen, der Haaransatz, den ich so gern geküsst habe. Als wäre ich der Mann in der Beziehung, der dich beschützen möchte vor allem Schlechten dieser Welt. Während in deinem Kopf die immer gleichen Prozesse abliefen, automatische Mechanismen, um zu bekommen, was du willst. Nur ab und an verklebten Reste von Menschlichkeit das System: ein kurzes Stottern, ein Hauch von Entsetzen, aber nein. Es würde dich auslöschen und auch uns.
Ich erinnere mich gut an die ruhigen Stunden, wenn die Gemüter abgekühlt, die Verliebtheit wieder aufgekommen war und es zu Hause nichts zu tun gab. Wenn ich Gemüse für das Abendessen schnitt und er mich von hinten umarmte, küsste und seine Nase in meinem Hals vergrub. Wenn ich verschämt, aber zustimmend lachte, wenn er mich anfasste. Es war meistens nicht echt, geboren aus Angst und dem Zwang, es ihm recht zu machen, aber trotzdem. Da war Wärme zwischen uns, die fortbestand, auch wenn du mich ausgeschlachtet hast wie eine Weihnachtsgans. Du hast mir gezeigt, wie ich vergessen kann – diese kurzen Momente der Euphorie. Ich stelle mir vor, wie du in der Schattenwelt stehst, der Weg viel zu weit und schwer für dich. Solange du jemanden zum Umtanzen hast, ist ja auch alles soweit in Ordnung, und du kannst die Sehnsucht nach Licht und Leben meistens vergessen. Außer zu diesen Zeiten, in denen du dich fühltest, als wärst du einer dieser anderen Menschen: ein Mensch aus der lichten Welt, der sich auf den nächsten Tag freut, in sauberer Bettwäsche schläft und die Schatten nur aus Gruselgeschichten kennt.