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Atchafalaya

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Anmerkungen zum Text
Ahoi, ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen, weil ich angefangen habe Kurzgeschichten (bzw. bisher eine) zu schreiben. Mein Interesse geht in Richtung "weird fiction" und so ist dann diese Kurzgeschichte entstanden.

Atchafalaya

Ich war sehr überrascht als ich ein Telegramm von meinem alten Studienfreund Vincent Stance erhielt. Wir hatten uns seit der gemeinsamen Studienzeit an der Pennsylvania Universität nicht mehr gesehen. Dort besuchten wir einige Zoologie- und Mikrofaunakurse und lernten uns in einem Kurs über das Leben der Tardigrada näher kennen. Besonders der Zustand der Kryptobiose löste in jungen Jahren eine außerordentliche Faszination bei uns aus. Daher setzten wir unsere Forschungen in diesem Gebiet fort und stellten uns gegenseitig die neuesten Erkenntnisse vor.
Mit der Zeit verlagerte sich mein Interesse zu einem weiter gefächerten Bereich. Vincent verfolgte weiter einzig und allein seine Forschung über die Tardigrada. Er unternahm Exkursionen und stellte wissenschaftliche Papiere zusammen, in denen er den extrem geringen Sauerstoffverbrauch oder auch die Auswirkungen von allerlei Chemikalien auf die Kryptobiose untersuchte. So wurde er schnell zu einem bedeutenden Experten in seinem Gebiet. Unsere gemeinsame Zeit und der wissenschaftliche Austausch schwanden dafür immer mehr.
Ich verfolgte seine Arbeiten weiter und freute mich, falls er doch die Zeit fand einen Brief, an mich zu schreiben. Gerne adaptierte ich dann sein Vorgehen und seine neuesten Versuche auf viele von meinen Projekten. Dies änderte sich in den letzten Briefen, die Vincent an mich schrieb. Dies war kurz bevor der Briefkontakt zwischen uns ganz abriss. Konnte ich zuvor seinen Ausführung nach kurzer Zeit folgen, waren seine Arbeiten nun mit lauter außergewöhnlichen Substanzen und Methoden versehen, welche jeglicher wissenschaftlicher Methode widersprachen. Auch konnte ich keine neuen Forschungsarbeiten von ihm in wissenschaftlichen Magazinen finden.
Gerade aus diesen Gründen stellte ich in der ersten Zeit ein paar Nachforschungen an, welche zu keinem Ziel führten. Niemand konnte mir sagen, wo Vincent Stance seine letzte Forschung betrieben hatte.

Und so stehe ich hier nun am Rande von Morgan City, einem kleinen Städtchen mitten im Atchafalaya Sumpf, und versuche, die Zeilen des Telegramms von meinem alten Weggefährten richtig zu deuten. Der letzte Platz am südwestlichen Rand der Stadt war eine kleine Rangerstation. Von hier aus musste ich meinen eigenen Weg zum Lake Salve finden, der letzte Ort, der im Telegramm erwähnt wurde.
Ich war schon häufiger in sumpfigen Gebieten für meine eigene Forschung unterwegs, aber der Atchafalaya Sumpf hatte ein ganz besondere Wirkung auf meinen Gemütszustand. Die Wege und die Ausläufe verzweigten und wanden sich wie die Tentakeln einer Krake und man musste aufpassen, sich nicht zu verlaufen. Auch stieg mir ein seltsamer Geruch in die Nase. Von der Art, wie ich ihn bisher nie in der Nähe eines Sumpfes empfunden hatte. In diesem Geruch lag etwas Vertrautes. Die Karte, die ich in der Rangerstation fand, war schon in die Jahre gekommen. Eingezeichnete Wege waren nicht mehr zu erkennen. Es schienen aber neue Routen, die bisher noch nicht kartografiert waren, durch den Sumpf zu führen. Auch die Kraft des Wasser hatte sich neue Wege durch den Sumpf gesucht.
Morsche Äste knackten leise unter dem Gewicht meiner Stiefel und ich hinterließ tiefe schwarze Löcher im Boden, welche sich der Sumpf nach und nach wie eine kalte schwarze Lavamasse zurückholte. Immer begleitet von einem schmatzenden Geräusch. Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand, fiel mit jedem weiteren Meter weniger Sonnenlicht auf den Boden. Ich konnte mich nicht mehr an der Sonne orientieren und hatte die Befürchtung meinen Zeitsinn zu verlieren. Auf den ersten Blick sahen die alten Sumpfbäume wie alle anderen aus. Aber als ich näher herankam, schienen sie sich eigenartig zu formieren. Sie verknoteten sich mit anderen Bäumen über meinen Kopf zu einem düsteren Tunnel aus Ästen. Am Boden gingen die verfaulten Stämme wie Spinnenbeine in Wurzeln über. Das Wasser musste diese nach starken Regenfällen unterspült haben. Um in diesem Wall voranzukommen, blieb mir oft nur ein kleiner Raum, mal über den verschlungenen Ästen und mal unter den Wurzeln hindurch. Der Wind sauste durch die Äste und setzte die sterbenden Sinnbilder des Lebens einer Reibung aus, welche sich in knirschenden Lauten entlud. Die wenigen letzten Blätter an den Bäumen wogen sich zu einem leichten Meeresrauschen hin und her. Immer wieder schreckte ich durch meine Anwesenheit Unken und andere Amphibien auf. Dabei erzeugten sie das Geräusch eines ins Wasser geworfenen Steines, als sie aus Panik im Wasser verschwanden.

Soweit ich die Karte noch entziffern konnte, war für mich der sicherste und kürzeste Weg am Greens Bayou Richtung Süden entlang, der in den Willow Pass mündete und direkt westlich unter dem Upper Pass zum Lake Salve lag. Mein Kompass war mir dabei nur eine geringfügige Stütze, da mein Weg hauptsächlich von dem Baumlabyrinth vorgezeichnet war.
An einigen Stellen versank ich hüfttief im Sumpf und konnte mich nur durch die langen freiliegenden Wurzeln wieder nach oben ziehen. Mit der Zeit nahmen nicht nur meine Kleidung, sondern auch mein ganzer Körper einen modrigen, muffigen Sumpfgeruch an.
Durch diesen Umstand nahm ich den seltsamen Geruch, den ich seit dem Eintreten in den düsteren Atchafalaya Sumpf bemerkt hatte, nur noch unscheinbar wahr. Sogleich vermisste ich den lieblichen Geruch. Beängstigend stiegen nun andere Gedanken in meinen Kopf. Ich machte mir Sorgen, ob Vincent in diesem Labyrinth aus aus Hölzern etwas zugestoßen sei, und ob ich überhaupt einen Ausweg aus diesem Labyrinth fand. Ich lenkte mich mit dem Gedanken ab, dass er hier auf etwas Besonderes gestoßen war und es in seiner großen Neugier beobachten, untersuchen und erforschen musste. Ich kann nicht sagen, wie lange ich bis zur Mündung des Greens Bayou umherirrte, aber von hier aus war es laut meiner durchnässten und von Moorflecken übersäten Karte nicht mehr weit.
Ich musste aufpassen, dass sie nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde, weil die Karte auch meinen halbwegs sicheren Rückweg bedeutete. Ich ging den Willow Pass Richtung Westen weiter und sah nach kurzer Zeit den Upper Pass, welcher mich direkt zum Lake Salve führen sollte.

Endlich erreichte ich den großen See und zum ersten Mal nahm ich den Himmel wieder voll wahr. Es musste inzwischen später Nachmittag sein. Die Sonne konnte ich nur schleierhaft durch die sich im Laufe des Tages zugezogene Wolkendecke erkennen. Langsam fielen nun auch erste Regentropfen auf mich herab, was meinen durch die anstrengende Wanderung, unterkühlten und durchnässten Körper aber nicht weiter störte. Das Prasseln der Regentropfen hatte sogar eine leicht hypnotische Wirkung auf meinen Zustand, da es die anderen Geräusche im Sumpf übertönte.
Ich hielt für einen kurzen Augenblick inne und konzentrierte mich nur auf den immer stärker werdenden prasselnden Regen. Nach einer kurzen Pause besann ich mich wieder auf mein eigentliches Ziel. Ich war bis zum Lake Salve gekommen. Sollte ich hier keine Anzeichen von Vincent finden, würde ich meinen Rückweg antreten, um nicht bei Mondschein durch die schwarze verworrene Sumpflandschaft gehen zu müssen. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen.
So schritt ich nun am See entlang und konnte nicht die kleinste Spur von Vincent finden. Gerade als ich mich auf den Rückweg machen wollte, nahm ich wieder diesen besonderen Geruch war. Er kam mir nun stärker vor. Ich schaute über den verregneten See, genau in die Richtung aus der der Wind kam. Der Regen in meinem Gesicht erschwerte mir den Blick. Mit Augen wie zu kleinen Schlitzen geformt erblickte ich schemenhaft eine ungewöhnliche Holzformation, die sich nur sehr schwer von den übrigen, naturgewachsenen Baumverästelungen unterschied.
Der Geruch kam aber genau aus dieser Richtung und ich nahm mir vor, zumindest diese eine Stelle noch zu untersuchen. Je näher ich dem Ort kam, umso besser erkannte man eine Art altertümliche Behausung. Ich hatte mich nicht getäuscht, der Geruch schien von diesem Unterschlupf auszugehen. Vincent musste mir damit eine Fährte gelegt haben. Damit konnte ich ihn im Atchafalaya Sumpf finden. Ich stand nun direkt vor der Hütte, was wohl trotzdem nicht ganz das widerspiegelt, was sich gerade wirklich vor mir befand. Ich nahm all meinen Mut zusammen und untersuchte die Formation von allen Seiten. An einigen Stellen waren die Äste und Wurzeln der umliegenden Bäume so sehr mit dem Bauwerk verwunden, dass es unmöglich erschien, zu erkennen, wo die Wände der Hütte aufhörten und wo der Naturwuchs begann.
Ein richtiger Eingang war auf den ersten Blick nicht zu erkennen und so tastete ich mich langsam an den schlangenartigen Baumstämmen entlang. Es sah so aus, als ob die schwarzen, dünnen Stämme direkt aus dem Boden gewachsen waren. Sie standen so nah beieinander, dass man von außen keinen Blick nach Innen werfen konnte. Es mussten mindestens drei oder vier Baumreihen sein. An einer Stelle waren die Holzpfeiler wie Speerspitzen gekreuzt. Ich schob sie auseinander und konnte mich durch den engen Spalt, der sich vor mir auftat, ins Innere begeben.

In der Hütte stieg mir der besondere Geruch stärker denn je in die Nase. Bei jedem Atemzug verspürte ich eine ganze Reihe von Gefühlen und mir schossen zahlreiche schöne Assoziation in den Kopf. Es waren aber zu viele, um diese in Einklang mit etwas Bekannten zu bringen. Ich begann, mich in dem Unterschlupf durch kleine Schritte und langsame Bewegungen zu orientieren, da der schwache Lichtschein nur den Eingang der Hütte spärlich ausleuchtete.
Der Boden war nicht befestigt und sehr feucht. Ich musste auch hier aufpassen, nicht den Halt auf dem schlammigen Boden zu verlieren. Zu meiner Linken ertastete ich eine Art altes Lazarettbett. Am Gestell konnte ich eine feine Struktur erkennen, die sich durch meine Berührung löste. Der feuchte Untergrund musste sich schon vor langer Zeit in das Metall gefressen haben, da ich den Rost bis zu den Querstreben verfolgen konnte. Zu dem metallischen Geruch mischte sich nun auch etwas Muffiges. Es schien von einer dünnen Auflage und der darauf liegenden Decke auszugehen. Ich ging schneckengleich an der wulstigen Wand weiter, bis ich mit der Hüfte vor eine Ablagefläche stieß. Ich fühlte mit der Handfläche über die von Feuchtigkeit verzogenen Planken. Die grobschlächtige Holzschicht ging vereinzelt in schmierige, glatte Stellen über. Diese hafteten wie eine Art Haut auf der Oberfläche. An meinem nächsten Schritt wurde ich durch etwas im Boden gehindert. Ich bückte mich und angelte aus dem Boden eine Petroleumlampe und Brennhölzer.
Nach kurzer Zeit nahmen meine Augen durch einen gedämpften Lichtschein die Umgebung wahr. Ich hielt die Lampe über die zuvor untersuchte Ablagefläche und sah, dass es sich um Schriftstücke handelte. Ich versuchte mit Hilfe meiner Fingernägel die Blätter langsam vom Untergrund zu lösen. Der erste Zettel den ich in die Hand hielt war ein verblichener Protokollbogen, auf dem in verlaufener Schrift V. Stance eingetragen war. Ich war also am Ziel angekommen. Vincent hatte hier am Lake Salve geforscht. Ich untersuchte die übrigen Schriftstücken nach weiteren Hinweisen. Zu meiner Enttäuschung konnte man durch die Feuchtigkeit nur bruchstückhafte und zusammenhangslose Wörter erkennen. Auf einem Blatt war das Worte Tardigrada, auf anderen Geruch, Kryptobiose und Durchbruch notiert. Ich beschloss vorerst in der Hütte zu bleiben, um Vincent bei seiner Rückkehr nicht zu verpassen. Falls dieser Umstand nicht eintreffen sollte, würde ich morgen meine Suche von hier aus fortsetzen. Ich nahm mir das letzte Schriftstücke vor und konnte erkennen, dass das letzte Wort auf der Seite immer und immer wieder nachgespurt wurde. So lange, dass es kleine Rillen in das Papier gerissen hat. In Großbuchstaben stand dort geschrieben: MUTATION.
Ich verstand nicht, wurde aber plötzlich aus meinen Gedanken gerissen, weil ich draußen vor der Hütte ein schmatzendes, immer lauter werdendes Geräusch wahrnahm. Dieses Geräusch hatte mich den ganzen Tag begleitet, genauer gesagt mit jedem Schritt, den ich in diesem trostlosen Sumpf vorangekommen war. Es waren Schritte, die sich der Hütte näherten.

Mit großer Aufregung zwängte ich mich wieder durch den kleinen Eingangsspalt. Aber diese Person, die sich nur noch wenige Meter entfernt direkt vor mir befand, konnte nicht Vincent sein. Es war eine Frau mit grauer eingefallener Haut und langen strähnigen Haaren, welche die Farbe des Sumpfes widerspiegelten. Auch sie schien durch den Sumpf durchnässt zu sein. In ihren Augen war ein grünes Funkeln zu sehen, als sie mich mit starren Augen erblickte. Dieses Funkeln löste in mir Unbehagen aus. Im nächsten Moment war es aber schon wieder verschwunden und mit einem leicht schiefen Lächeln blickte sie mich nun an. Ich hatte das Gefühl, dass der besondere Geruch auch von der Frau ausginge. Durch ihre äußere Erscheinung konnte ich mir aber nicht vorstellen, dass sie diesen lieblichen Geruch versprühte.
Als ich die Frau nach Vincent fragte, bat sie mich wieder in die Behausung zu gehen, um mir von ihm zu berichten. Ich setze mich auf die alte Matratze und hörte aufmerksam der Geschichte der Frau zu. Sie erzählte mir mit angeschlagener Stimme, dass sie Vincent im Sumpf getroffen hätte und sie sehr fasziniert von seiner Forschung war. Er bat sie um Hilfe bei seiner Forschung. Sie half beim Aufbau seiner Apparaturen und assistierte ihm bei seinen Experimenten. Mein ungutes Gefühl verschwand allmählich, weil sie mir viel über die Arbeit von Vincent berichten konnte. Vieles kannte ich aus seinen veröffentlichten wissenschaftlichen Papieren und es kam mir so vor, als würde ich mich wie früher mit Vincent selbst unterhalten. Auch über mich wusste die Frau einiges zu berichten. Ich fragte mich, was Vincent ihr alles über mich erzählt hatte. Sie sagte, dass Vincent, wie schon häufiger, eine Exkursion im Sumpf unternahm. Meine Sorge um ihn konnte sie nicht teilen, weil sie mir versicherte, dass Vincent sich mittlerweile bestens im Atchafalaya Sumpf auskannte. Nach unserem Gespräch war ich erleichtert, aber merkte auch, wie kräftezehrend der Tag war. Meine Müdigkeit überkam mich und die Frau bot mir das Bett an, um mich von den Strapazen des Tages zu erholen. Es dauerte nicht lange und mir fielen trotz des modrigen Nachtlagers die Augenlider zu.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ich war allein in der Hütte. Sofort stieg mir wieder der lieblichen Geruch in die Nase. Er war nun so stark, dass ich keine anderen typischen Gerüche mehr ausmachen konnte. Mein, noch vor dem Schlaf unterkühlter und strapazierter Körper fühlte sich erholt an. Ich versuchte, mich wieder in der Dunkelheit zu orientieren. Es fiel mir dieses Mal viel leichter, da ich einfach dem intensiven Geruch nach draußen folgen musste.
Dort angekommen lag der Salve Lake ruhig vor mir. Es wehte kein Wind. Um mich herum war es totenstill. Ich musste weiter gehen. Weiter, um diesen Geruch zu finden. Ich ging nur wenige Schritte am See entlang und erblickte im dunkel der Nacht den Umriss der Frau am Seeufer. Ihre Gestalt war fast nicht von der Umgebung zu unterscheiden. Sie stand einfach da und blickte seelenruhig hinaus auf den See. Als ich sie fast erreicht hatte, sprach ich die Frau an. Sie rührte sich nicht. Sie war wie in Trance. Ich ging weiter langsame kleine Schritte voran, bis sie auf einmal ihren Kopf zu mir drehte und ich wieder für einen kurzen Augenblick das grüne Funkeln in ihren Augen sah. So schnell wie es auch beim ersten Mal gekommen war, war es auch wieder verschwunden. Dafür starrten mich ihre Augen nun leer an. Der Geruch war nun so intensiv und ich war mir sicher, dass er doch von der Frau ausgehen musste. Ihre Erscheinung schien nun gar nicht mehr so schrecklich zu sein und der besondere Geruch ließ mich an Ort und Stelle verharren. Ich konnte meine Augen nicht von ihr abwenden und so sah ich, wie sich irgendetwas an ihrem Körper veränderte.
Ich schaute auf ihre Füße und sah duzende Filamente aus ihren Hosenbeinen hervorkriechen. Langsam bohrten sie sich, Stück für Stück, in den weichen Boden. Es schien, als ob sie die Flüssigkeit aus dem Boden in sich aufnehmen würde. Ihr Kopf neigte sich mechanisch Richtung Himmel, wobei sie ihren Mund immer weiter öffnete. Aus der Öffnung suchten sich scherenartige Mundwerkzeuge und ein kleiner Rüssel ihren Weg nach außen. Die alte eingefallene Haut der Frau riss an den Mundwinkeln ein, damit das Wesen aus ihr weiter erwachsen konnte. Dabei zeigte die Frau keine Regung. Ein Paar neongrüne Augen kamen zum Vorschein. Jeweils an einem von zwei seitlichen Chitinsegmenten, welche durch ein Weiteres in der Mitte getrennt wurden. Dem enormen Kopf folgte der restliche Körper. Die Ausmaße waren so gewaltig, dass die übrige leblose Körperhülle der Frau sich erst stark dehnte und schließlich aufplatze.
Nun erkannte ich das ganze Ausmaß des Wesens. An den Rumpfsegmenten waren insgesamt vier Beinpaare, die in zahlreichen Klauen endeten. Das letzte Paar bildete gleichzeitig das Hinterteil. Weitere Filamente peitschten durch die Luft. Auf den hinteren zwei Beinpaaren stand es nun vor mir und überragte mich um mindestens einen Meter. Die Cuticula hatte, dem Sumpf entsprechend, eine dunkle Färbung. Die Pigmentierung der Haut war aber nicht sonderlich stark ausgeprägt. So konnte ich den Schlund und die Gedärme des Wesens erkennen. Mir war es, als ob der ganze Leib in unterschiedliche Richtungen schwappte. Für einen Augenblick dachte ich, Vincents Gesicht im Inneren des Wesens zu sehen. Seine Lippen formten nach meiner Deutung LAUF.
Aber die langen abstehenden Filamente hatten mich schon am Handgelenk gepackt und ließen mich erstarren. Ich konnte mich diesem Bann nicht entziehen. Immer stärker fassten die Filamente um meinen Körper und bohrten sich in mein Fleisch. Die Schmerzen verhalfen mir, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Wahrscheinlich war es auch Vincent so ergangen. Wir waren dem Geruch gefolgt und dem Wesen in die Falle gegangen.
Wie eine Marionette bewegte ich mich langsam auf den wulstigen Körper zu. Das Monstrum drückte mich fest an seinen Körper und bohrte dabei seine Krallen in meinen Rücken. Ich konnte die abscheulichen Gedanken des Wesens in mir spüren. Immer weiter wurde ich nun in den Körper gezogen, um nicht nur diesen, sondern auch meine Erinnerungen und meinen Geist in sich aufzunehmen. Vincents Gedanken drangen in mein Gehirn. Wieder vereint, wie damals, als wir die Tardigrada gemeinsam untersuchten. Seine von Schmerz und Leid erschütterte Stimme fragte mich, warum ich ihn gesucht hätte. Ich erzählte ihm von seinem Telegramm. Bevor ich eins mit dem Wesen wurde, klangen seine verzweifelten Worte durch meinen Kopf. Er hatte nie ein Telegramm an mich geschrieben. Unsere gemeinsame Faszination zur Kryptobiose sollte auch unser gemeinsamer Untergang sein. Ein ewiges Lebens im Körper eines Monsters in Mitten des Atchafalaya Sumpfs.
 
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@t.p.spilker Herzlich willkommen hier! :-)

Ich finde, das lässt sich schon mal ganz gut an - könntest du uns ein paar Absätze in deinen Text setzen, bitte? Das ist so als Bleiwüste echt nervig zu lesen (fällt dir sicher nicht auf, weil du deinen Text kennst ;-).

Herzlichen Dank, ich bin gespannt auf die Geschichte.
Zum Ändern: Unten rechts unter dem OP auf Bearbeiten clicken, dann im Textfeld ändern und am Ende Speichern nicht vergessen.

Liebe Grüße,
Katla
 
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Hey Katla,

danke für deine Rückmeldung. Meinst du so?

Liebe Grüße
Tobi
 
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Meinst du so?
Hallo Tobi.

ganz genau so, lieben Dank! Dann schaue ich heute Abend noch mal rein. :-

Herzlichst, Katla
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EDIT - So, lieber Tobi, jetzt habe ich deine Geschichte gelesen. Weird mag ich auch und - du schreibst ja, dass dies deine erste Geschichte sei - für den Anfang ist es sicher nicht verkehrt, sich an Bekanntem zu orientieren. Das birgt leider aber auch die Gefahr, dass Genreleser sich langweilen, vor allem, wenn der Text einfach gar nicht vom Kanon abweicht bzw. sich nicht viel Individuelles / Innovatives findet. Denn Weird muss verstören, sonst klingt es - Übernatürliches hin oder her - wie banaler Alltag.

Ich denke, du könntest wirklich spannende, unterhaltsame und wirklich seltsame Geschichten scheiben, wenn du auf drei Dinge noch mal ein Auge werfen würdest:
- Plot. Nix gegen straightforward, aber es fehlt mir ein echter Konflikt im Sinne eines Haderns, einer (befürchteten) Konsequenz, die komplexer ist als nur der Tod. Und das Verhältnis Dräuen vs Handlung ist ungünstig: Ab irgendwann laden die Wanderungsszenen zum Überfliegen ein, weil es ausschließliches Foreshadowing ist.

- Sprache: Das ist ein sehr bürokratischer Stil, durch den es mir schwerfällt, in den Text zu kommen und Spannung / Atmosphäre zu empfinden. Ich würde empfehlen, dieses wortreiche Beschreiben etwas elliptischer zu gestalten, vllt. auch mehr über Andeutungen als zu-viel-Beschreiben zu lösen. Manchmal führt es auch dazu, dass die Aussage / Wortwahl nicht mehr ganz hinhaut, Beispiele unten.

- Ich kann keine Konsequenz erkennen. Spannung könntest du auch dadurch aufbauen, dass die Forschung (bzw. deren Abdriften ins Paranormale) früher konkretisiert wird, vllt. so, dass man schon Schlimmes erwartet, das dann aber anders eintritt als üblich ...

Ich hoffe, meine Detailkritik wird dich nicht abschrecken - ich hoffe einfach, dass ein fremder Blick auf deinen Text ein intensiveres Editing möglich macht, und deinen Blick schärft auf das, was du sagen willst vs das, was du sagst. Verstehe es also bitte als Ansporn, nicht als Ablehnung. An sich finde ich dein Genre, Setting und Sujet schon vielversprechend. :-)

Besonders der Zustand der Kryptobiose löste in jungen Jahren eine außerordentliche Faszination bei uns aus.
Das stimmt was mit der Syntax nicht - das sollen ja nicht die jungen Jahre der Kryptobiose sein, sondern der Studenten.
Mit der Zeit verlagerte sich mein Interesse zu einem weiter gefächerten Bereich.
breit gefächert - aber dann eher plural, das ist dann sicher mehr als einer, sonst kann er nicht aufgefächert sein. Es wäre auch nicht verkehrt, diese Interessen und Forschungsfelder konkret zu benennen. Dieses Vage hier kickt mich voll raus.
Unsere gemeinsame Zeit und der wissenschaftliche Austausch schwanden dafür immer mehr.
Irgendwie das falsche Wort. Ich kann keinen Vorschlag machen, weil ich nicht weiß, was du sagen willst.
Ich verfolgte seine Arbeiten weiter und freute mich, falls er doch die Zeit fand einen Brief, an mich zu schreiben.
Zweites Komma verrutscht.
Gerne adaptierte ich dann sein Vorgehen und seine neuesten Versuche auf viele von meinen Projekten.
Hm ... adaptierte? Wenn der Freund so skurrile Forschungen anstellt, und der Erzähler sich mehr breitgefächert orientiert, wie ist es möglich, die Methoden des Freundes zu übernehmen? Das alles sagt mir nix, es wäre wirklich sinnvoll, konkrete Themen zu nennen, dafür mit weniger Worten i.e. weniger um den heißen Brei herumzureden. Das Vage hier dient nicht der Spannung, weil es super beliebig ist.
Gerne adaptierte ich dann sein Vorgehen und seine neuesten Versuche auf viele von meinen Projekten. Dies änderte sich in den letzten Briefen, die Vincent an mich schrieb.
-> Das Vorgehen ändert sich in den Briefen? ;-)
waren seine Arbeiten nun mit lauter außergewöhnlichen Substanzen und Methoden versehen, welche jeglicher wissenschaftlicher Methode widersprachen.
Semantik falsch. Die Arbeiten waren sicher nicht mit Substanzen versehen, sondern er arbeitete mit Substanzen etc.
Welchen üblichen Methoden widersprach seine Forschung? Das klingt, als hättest du einen typische Pulp-Phrase abgewandelt: "widerspach allen Naturgesetzen" - dann fragt man sich auch, ja was denn? Schwerkraft? Lichtgschwindigkeit? Meist ist das eine hohle Phrase, die sich als unsinnig herausstellt - und das nimmt Spannung. Ich finde das auch alles sehr wischiwaschi, denn dein Erzähler soll ja ein Wissenschaftler sein. Weiß der denn gar nicht, worüber er redet?
Gerade aus diesen Gründen stellte ich in der ersten Zeit ein paar Nachforschungen an, welche zu keinem Ziel führten.
Ergebnis wohl eher.
Niemand konnte mir sagen, wo Vincent Stance seine letzte Forschung betrieben hatte.

Und so stehe ich hier nun am Rande von Morgan City,
Das hat mich erstmal rausgekickt: Niemand weiß wo ... daher stehe ich hier. Hä? Ich hab also erstmal hochgescrollt, ob ich zu Telegramm was überlesen hatte, doch dessen Inhalt wird nicht wiedergegeben - das würde ich empfehlen, gleich am Anfang. Damit baust du Spannung auf und ersparst dir ne Menge vages Foreshadowing.
die Tentakeln einer Krake
die Tentakel eines Kraken. (Krake im Femininum ist umgangssprachlich, das passt nicht zum restlichen Behördendeutsch. Und Tentakel: Plural = Singular.)
Am Boden gingen die verfaulten Stämme wie Spinnenbeine in Wurzeln über.
Wirklich schönes Bild, kriegst du den Satz etwas entkrampft?
setzte die sterbenden Sinnbilder des Lebens einer Reibung aus, welche sich in knirschenden Lauten entlud
Wiechen? :confused:
Es schienen aber neue Routen, die bisher noch nicht kartografiert waren, durch den Sumpf zu führen.
Tun sie das denn nicht? Wie sehen denn Wege im Sumpf aus, wenn sie gar nicht da sind?
Auch die Kraft des Wasser hatte sich neue Wege durch den Sumpf gesucht.
Nicht die Kraft hat sich den Weg gesucht, sondern das Wasser (dank seiner Kraft). Muss das so umständlich? Das hält sehr den Lesefluss auf.
Sumpfbäume
Mein bester Freund ist Biologe, und der würde bestimmt die Baum-Art nennen. Will sagen: Das klingt mir nicht nach einem Wissenschaftler.
nur noch unscheinbar wahr.
Falsches Wort. Unscheinbar können z.B. spießige Leute sein, die durch nichts an Verhalten, Kleidung, Sprache etc. auffallen.
Sogleich vermisste ich den lieblichen Geruch
Bis dahin (oder habe ich etwas überlesen?) gab es nur muffigen Modergeruch.
Ich machte mir Sorgen, ob Vincent in diesem Labyrinth aus aus Hölzern etwas zugestoßen sei, und ob ich überhaupt einen Ausweg aus diesem Labyrinth fand. Ich lenkte mich mit dem Gedanken ab
Ist Ablenken hier eine nachvollziehbare Reaktion? Jemand ist potenziell in Todegefahr, allein in einem Sumpf, alles wird immer seltsamer und er lenkt sich ab, ansttat aufmerksamer seine Umbegung zu beobachten, um sich möglichst viel zu merken? Falls er umkehren muss z.B.? Emotional steige ich hier aus, weil ich das - auf negative Art - absurd finde.
Ich ging den Willow Pass Richtung Westen weiter und sah nach kurzer Zeit den Upper Pass, welcher mich direkt zum Lake Salve führen sollte.
Vielleicht mein Denkfehler, aber ich kenne Pass nur als Gebirgspass. Möglich, dass du den Weg deines Prots recherchiert hast. Diese Namen sagen mir aber nichts und führen in der Häufung nicht dazu, dass ich ein genaueres Bild vom Setting bekomme. Hier sehe ich quasi gar nix mehr, weil ich da nicht anknüpfen kann. Was dir oben bei den Forschungen zu vage geraten ist, ist hier zu genau. Würde ich raten, umzukehren.
nahm ich den Himmel wieder voll wahr.
Wie, voll? 1. Teenieslang, 2. Kann man den Himmel durch die Erdkrümmung / Globus nie "voll" sehen.
was meinen durch die anstrengende Wanderung, unterkühlten und durchnässten Körper aber nicht weiter störte
Wenn man erschöpft und unterkühlt ist, sollte einen kaltes Wasser irgndwie schon stören, oder? Kickt mich raus ... Das erweckt den Eindruck, du wolltest zwei Sachen für ihre Wirkung verbinden ohne zu prüfen, ob die überhaupt zusammen passen (Leseeindruck, keine Unterstellung!).
Sollte ich hier keine Anzeichen von Vincent finden
Falsches Wort. Erste Anzeichen einer Grippe, aber Spur etc. einer / Hinweise auf eine Person.
Und so stehe ich hier nun am Rande von Morgan City, einem kleinen Städtchen mitten im Atchafalaya Sumpf, und versuche, die Zeilen des Telegramms von meinem alten Weggefährten richtig zu deuten.
Der Satz ist dir ins Präsens gerutscht. Gggfs. auch zwei Sätze draus machen.
Zur gewählten Zeitform:
Da du einen Icherzähler + Vergangenheitsform gewählt hast, stellt sich die Frage, wie er die Geschichte erzählen kann. Ich sehe keinen Indiz darauf, dass er ein Geist / Untoter ist, oder aus einer jenseitigen Welt spricht. Wenn eine Geschichte mit dem Tod des Erzählers endet, kannst du eigentlich nur Präsens wählen. Das wäre vllt. auch sinnvoll, weil du deine Leser dann eher in einem Bewusstseinstrom einbinden kannst, sodass das Erzählte unmittelbarer rüberkommt.

Allgemein: ein paar Editingschritte würden dem Text ausgesprochen guttun.

In diesem Sinne hoffe ich, du nimmst meine Anmerkunen als Ansporn. Ich wäre sehr auf eine überarbeitete Fassung gespannt. Es würde dir auch helfen, dich hier kommentierend unter anderen Texten einzubringen, dann erkennst du schneller, was funktioniert und was nicht - und vor allem, warum / warum nicht. Viel Spaß noch hier, beim Lesen, Schreiben und Kommentieren.

Herzliche Grüße,
Katla
 
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Hej Katla,
ich fang mal heute mit ein paar Kommentaren zu deinen Anmerkungen an.
Nochmals, danke.

Das stimmt was mit der Syntax nicht - das sollen ja nicht die jungen Jahre der Kryptobiose sein, sondern der Studenten.
-> Das Vorgehen ändert sich in den Briefen? ;-)
Diese ganzen Fehler habe ich schon korrigiert. Es ist echt verrückt, wie man selber einfach über sowas hinwegliest.

breit gefächert - aber dann eher plural, das ist dann sicher mehr als einer, sonst kann er nicht aufgefächert sein. Es wäre auch nicht verkehrt, diese Interessen und Forschungsfelder konkret zu benennen. Dieses Vage hier kickt mich voll raus.
Ich habe den Anfang etwas ausgedünnt. Der Erzähler bleibt auch bei der Forschung, nur Vincent
driftet halt etwas ab.

Welchen üblichen Methoden widersprach seine Forschung? Das klingt, als hättest du einen typische Pulp-Phrase abgewandelt: "widerspach allen Naturgesetzen" - dann fragt man sich auch, ja was denn? Schwerkraft? Lichtgschwindigkeit? Meist ist das eine hohle Phrase, die sich als unsinnig herausstellt - und das nimmt Spannung. Ich finde das auch alles sehr wischiwaschi, denn dein Erzähler soll ja ein Wissenschaftler sein. Weiß der denn gar nicht, worüber er redet?
Perfektes Beispiel für einen Biologen der ahnungslos ist! ;-) Ich habe es mir notiert, bisher noch ohne ansprechendes Ergebnis.

Das hat mich erstmal rausgekickt: Niemand weiß wo ... daher stehe ich hier. Hä? Ich hab also erstmal hochgescrollt, ob ich zu Telegramm was überlesen hatte, doch dessen Inhalt wird nicht wiedergegeben - das würde ich empfehlen, gleich am Anfang. Damit baust du Spannung auf und ersparst dir ne Menge vages Foreshadowing.
Super Einfall, danke. Direkt mal ein kurzes Telegramm direkt an den Anfang gesetzt!

Vielleicht mein Denkfehler, aber ich kenne Pass nur als Gebirgspass. Möglich, dass du den Weg deines Prots recherchiert hast. Diese Namen sagen mir aber nichts und führen in der Häufung nicht dazu, dass ich ein genaueres Bild vom Setting bekomme. Hier sehe ich quasi gar nix mehr, weil ich da nicht anknüpfen kann. Was dir oben bei den Forschungen zu vage geraten ist, ist hier zu genau. Würde ich raten, umzukehren.
Ja, den Schauplatz habe ich recherchiert. Ich kann deine Bedenken nachvollziehen. Als Biologe sollte er sich in seinem Bereich besser auskennen und eben nicht so gut in diesem Sumpf nicht.

Da du einen Icherzähler + Vergangenheitsform gewählt hast, stellt sich die Frage, wie er die Geschichte erzählen kann. Ich sehe keinen Indiz darauf, dass er ein Geist / Untoter ist, oder aus einer jenseitigen Welt spricht. Wenn eine Geschichte mit dem Tod des Erzählers endet, kannst du eigentlich nur Präsens wählen. Das wäre vllt. auch sinnvoll, weil du deine Leser dann eher in einem Bewusstseinstrom einbinden kannst, sodass das Erzählte unmittelbarer rüberkommt.
Ich habe es im Präsens mal versucht, warum fällt mir das so schwer?! ;-) Es klingt für mich dann irgendwie "falsch". Jetzt aber mein Gedanke zur Vergangenheitsform. Das Wesen absorbiert ja den Geist. Sonst könnte Vincent auch nicht zum Erzähler sprechen. Er lebt im Körper weiter. Wie ist da deine Meinung zu?

Mehr habe ich noch nicht geschafft.

Liebe Grüße Tobi
 
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Hallo Tobi,

schön, dass du an deinem Text arbeiten magst, freut mich sehr! :gelb:

Diese ganzen Fehler habe ich schon korrigiert. Es ist echt verrückt, wie man selber einfach über sowas hinwegliest.
Ja, das geht wohl jedem so. Besonders blöd, wenn man Worte verwendet, die es gibt, die aber in dem gewählten Kontext falsch sind, dann erkennt der Dudenkorrektor das nämlich auch nicht. :D
Perfektes Beispiel für einen Biologen der ahnungslos ist! ;-) Ich habe es mir notiert, bisher noch ohne ansprechendes Ergebnis.
Selbst zum Thema recherchieren, sodass du deine Protas überzeugend über das Thema reden / schreiben lassen kannst?
Mehr habe ich noch nicht geschafft.
Kein Ding, niemand hetzt dich.

Ich habe es im Präsens mal versucht, warum fällt mir das so schwer?! ;-) Es klingt für mich dann irgendwie "falsch". Jetzt aber mein Gedanke zur Vergangenheitsform. Das Wesen absorbiert ja den Geist. Sonst könnte Vincent auch nicht zum Erzähler sprechen. Er lebt im Körper weiter. Wie ist da deine Meinung zu?
(Ich spoiler das jetzt nicht mehr, vermutlich haben alle, die das hier lesen auch inzw. den Text gelesen.)

Das Problem mit dem Ich + Präsens haben offenbar viele, das scheint aber ein auf die deutschsprachigen Länder beschränktes zu sein. Keinen blassen Schimmer, woran das liegen könnte. Ich wohne schon länger in Finnland, und in unserer zeitgenössischer Literatur (spekulativ wie allgemein) sind ca. 80% der Romane wie auch die allermeisten Kurzgeschichten in dieser Form verfasst. Auch in anderer nordischer wie auch britischer Literatur ist das oft zu finden - und ich rede von klassischen Publikationen, durchaus Bestsellern, keinem self publishing. Das ist wohl bei euch eine Modeablehnung.

Kann ich also nicht nachvollziehen, aber natürlich ist es doof, wenn deine Geschichte dadurch in deinen Ohren nicht klingt. Dann brauchst du eben einen sehr guten Grund, um in deinem Tempus zu bleiben - suspension of disbelief mag dadurch erschwert werden, aber unmöglich ist es sicher nicht. (Apropos: Wenn du in der Vergangenheitsform etwas vor der aktuellen Handlung Geschehenes erzählst, muss das in den Plusquamperfekt / Vorvergangenheit. Da ist im Intro jetzt was falsch.)

Wie du dir das gedacht hast (Symbiose, telepatischen Ruf an den Erzähler), hatte ich schon rausgelesen. Das ist ja keine schlechte Idee, durchaus genretypisch. (Bei Interesse: Lustigerweise hatte ich eine ähnliche Aufgabenstellung für meinen aktuellen Text: zwei Experten auf einem wissenschaftlichen - historischen - Gebiet, einer sendet eine Einladung / Ruf an den anderen, und dafür wollte ich einen nachvollziehbaren Grund, zumal die sich nicht kennen und das prä-Internet 1840 spielt. Kannst da ja mal zum Vergleich reinschauen, ob das für dich so fluppt oder nicht.)

In spekulativer Prosa kannst du ja alles machen, solange das in der Logik jener Welt nachvollziehbar und stimmig ist. Da bietet es sich an, eine gute 'Geisterlogik' bzw. bei dir 'Monsterlogik' zu überlegen: Momentan liest sich das so:
Wissenschaftler rutscht in immer skurrilere (möglicherweise paranormale) Forschung ab, entdeckt dadurch ein übernatürliches Wesen / Monster - oder schafft dieses sogar selbst? - und geht freiwillig oder als Opfer mit diesem eine Symbiose ein. Dadurch hat er übernatürliche Kräfte: Leben nach dem Tod (zumindest ein Überleben seiner Persönlichkeit / Individualität) und Telepathie. Das sind ja schon zwei ziemlich heftige super powers.
Was macht er nun damit? Er schickt einen Ruf an einen ehemaligen Studienkollegen, mit dem er ewig nix zu tun, aber auch nie einen Konflikt hatte. *) Den bringt er um, bzw. versymbiotisiert ihn.
Warum nutzt er seine Macht nicht, seine Eltern in den Sumpf zu locken, die ihn aus der freien Kunst in die Wisseschaft trieben? Seine Ex-Freundin, die ihn betrogen und verhöhnt hat? Einen Professor, der sich über seine unorthodoxe Forschung in Fachmagazinen lustig machte und damit seine Karriere zerstörte? Okay, alles langweilig und totale Klischees - aber was ist sein Incentiv? Was will er denn mit dem Erzähler überhaupt? Die beiden hatten doch eigentlich keine so intensive persönliche Beziehung, oder?
Der Erzähler hat ihm ja nicht mal die Forschung plagiarisiert und ist damit auf seine Kosten berühmt geworden. Es fehlt eine gute 'Geisterlogik' bzw. überhaupt eine Prämisse. Und ganz ehrlich gesagt (das mag an mir liegen), verstehe ich auch die Funktion der seltsamen Frau dort nicht. Bzw. die Verbindung, die sie zum Monster hat. (Und die ja bereits vor der Verbindung Vincent/Monster bestanden haben muss, oder?)

*) (Muss er für das Telegramm - das ja 'niemand abgesendet hatte' - nicht auch einen Postangestellten unter seine mentale Kontrolle bringen, oder soll der Erzähler das Telegramm quasi halluzinieren?)

Mit einer guten Prämisse könntest du auf Meta-Ebene noch ein anderes Thema einführen, das deinem Text mehr Tiefe gäbe:
Sowas geht sogar im Trash: Monsterlogik in Godzilla ist, dass Atomtests (-> menschliche Hubris) einen Dinosaurier erwecken, der ähnlich einem Gott dafür Zerstörung über die bringt, die das angerichtet haben. Das Militär gewinnt, ein zwiespältiges Ende. Auf Meta-Ebene ist Godzilla aber das Trauma Japans nach Hiroshima und Nagasaki. Dieser Themenkomplex hat aus einem man-in-a-rubbersuit B-Movie einen Kult gemacht, der bis heute ungebrochen ist. Auch wenn das ein extrem simpler cause-and-effect -Plot bzw. Mythos ist, funktioniert es perfekt, weil das Franchise eine gute Prämisse und einen in unserer Realität tragischen Hintergrund hat. Überlegst du dir eine gute paranormale Logik für das Verhalten deines Vincent/Monsters, würde auch mehr Spannung reinkommen.

Dazu eine Frage: Im Text ist ein Zettel, auf dem 'Mutation' steht, oben schreibst du von 'Symbiose' - ich ging auch beim Lesen davon aus, dass das Monster bereits unabhängig von Vincent existierte. Und nicht Vincent zu diesem Monster mutierte. Auch die zwei Themen könntest du etwas tiefer behandeln und besser abgrenzen.

Kannst du damit was anfangen? :-) Mir läuft die Zeit davon, und vllt. äußert sich ja auch jemand weiteres zu deinem Text, und sieht das alles ganz anders. Auch dafür ist es sinnvoll, wenn du selbst ein paar Kritiken schreiben würdest.

Herzlichst,
Katla
 
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