Hey @Habentus
Wieder mal neues Futter aus deiner Feder, freut mich sehr! Ich habe deinen Prolog gelesen und ich finde ihn soweit nicht schlecht. Allerdings habe ich das Gefühl, dass er in seiner jetzigen Version nicht unbedingt eigenständig funktioniert. Der Text erzeugt schon Spannung, aber ich finde, die Fluchtreaktion am Ende ist für eine isolierte Flash Fiction zu unmotiviert. Als Prolog funktioniert das, denke ich, weil die Leerstelle zumindest bei mir Neugier erzeugt. Als autonomer Kurztext fehlt ein letzter Bedeutungsanker, irgendein Hinweis darauf, was diese Reiter repräsentieren vielleicht? Es kann auch sein, eine entsprechende Andeutung ist vorhanden und ich habe sie nur übersehen!
Ich gehe ins Detailfeedback:
Gegen Mittag kommen wir mit unseren Schafen den Fluss entlang.
'Am Mittag' oder 'Mittags' würde mir besser gefallen, aber das ist Geschmackssache (wie alles, was jetzt in meinen Details folgt).
Unser Rüde geht der Herde voran.
Der Rüde 'geht', ich finde, da gibt es bestimmt passendere und anschaulichere Verben. Aber das ist natürlich nur meine Auffassung, so wie ich es gerne lesen würde, die Schlichtheit hat ja auch was und kann Absicht sein.
Ab und an bleibt er stehen und sieht sich um.
Sieht er sich nur um oder schnüffelt er auch, wittert er was? Die Schnauze im Gras etc.? Auch hier finde ich, dass mit der Formulierung, dass der Rüde einfach 'stehen bleibt', die Passage nicht ganz bildlich vor mir erscheint. Ich glaube, insgesamt leidet darunter die Eigenständigkeit, ein wenig mehr Prägnanz täte gut, es würde sich ja anbieten, die Sprache allgemein etwas näher dem Setting bzw. der Zeit anzugleichen.
Wir tragen grobe Stecken in unseren Händen
Unter 'groben Stecken' kann ich mir nur bedingt etwas vorstellen. Vielleicht reicht es einfach, nur Stecken zu verwenden? Ansonsten würde ich das ein wenig anschaulicher formulieren. Dann finde ich auch deine gewählten Verben etwas zu trivial: Hier ist es 'tragen'. Da findet sich doch bestimmt etwas anderes, was gut passt, ausserdem habe ich, so vermute ich es zumindest, beim Stock in den Händen tragen nicht genau das Bild vor Augen, was Du eigentlich implizieren möchtest. Also ich sehe die Schäfer da die Stöcke mit beiden Händen ... na, tragen eben :-)
Die Wipfel wiegen sich im Wind, als raunten sie sich Dinge zu.
Ich glaube, im 'Feld der Gehängten' hatte ich so einen ähnlichen Satz drin, und den habe ich vor Einstellen dann gekillt, weil mir der zu abgedroschen vorkam. Hier ist er mir direkt ins Auge gesprungen. Vor allem auch -- falls Du ihn behalten willst -- scheint der Satz mir zu wenig konkret: Raunten sich Dinge zu. Was für Dinge denn?
Es gibt Wölfe dort. Der Hunger nimmt ihnen die Scheu.
Ich lese hier, dass der Erzähler bzw. die Schäfer, die Gegend also kennen müssen. Ich hatte vorher nicht wirklich diesen Eindruck, vor allem weil da steht
An einer Furt überqueren wir das Wasser.
dass sie an 'einer' Furt das Wasser queren. Es kann natürlich sein, da gibt es mehrere Furten, aber wenn dem nicht so ist, würde ich hier schreiben:
An der Furt überqueren wir das Wasser. Dann ist es klarer.
Auf einer Wiese machen wir Rast, die Tiere lassen wir grasen.
Es gibt vorher kaum Verortung, weshalb ich mir (glaub hauptsächlich wegen der Schafe) vorgestellt habe, dass sie sowieso über Wiesen gehen. Dass sie dann auf einer Wiese Rast machen, hat mich etwas irritiert. Wo haben sie sich denn vorher bewegt?
Er reitet an Himmelfahrt allen voraus, selbst dem Priester.
Also da erscheinen: Der Kastner, der Kühn, der der Reichste Mann im Ort ist (hier vielleicht angeben, in welchem Ort, oder bleibt das alles namenlos?) und der Priester. Wer ist der Vierte?
Wir hören auf zu kauen, hören auf zu sprechen, zu lachen und sehen zu den Reitern herüber.
Auch das hat mich ein wenig irritiert: Kauen ist logisch, der Erzähler verteilt das gedörrte Fleisch, aber ich hatte vor Augen, dass sie das schweigsam zu sich nehmen.
Sein Pferd scharrt auf dem Boden, der Atem steht ihm in der kühlen Luft als Wolke vor dem Gesicht.
Hier habe ich trotz dem Ausdruck 'Gesicht' direkt vor Augen gehabt, dass die Atemwolken vom Pferd herrühren, obwohl wahrscheinlich der Reiter gemeint ist.
Wenn ich mich umdrehe, sind sie noch dort? Der Waldrand, der Fluss?
Soll hier die angekündigte Surrealität beginnen bzw. einfliessen? Für mich klappt das (noch) nicht so ganz. Einhundert und drei Tiere sind eine ordentliche Herde. Da müsste er doch das ein oder andere im Blick halten können, auch wenn er sich auf die Reiter fokussiert. Zudem: Der Fluss, den sie gerade überquert haben, liegt vor ihm, oder nicht? Der Wald hinter ihm. Die Reiter erscheinen zwischen Fluss und Wald. So zumindest meine Orientierung. Aber du siehst, ich bin ein wenig verwirrt.
Ich wünsche Dir gutes Gelingen, viele spannende und interessante Ideen, und den nötigen Brocken Durchhaltewillen für dein Projekt! Ich bin auf jeden Fall gespannt.
Beste Grüsse,
d-m
p.s.: Wenn es soweit ist und falls Du Testleser für dein Projekt suchst, bzw. auch Feedback zur 100-seitigen Version, biete ich mich gerne an.