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Beim Besuch der Toten
Der Aufzug rauscht schleifend in die Tiefe. Kurz schließen sich meine Augen. Als ich sie erneut öffne, hat sich nichts geändert. Meine Hoffnung, in eine andere Realität gerutscht zu sein, hat sich nicht erfüllt. Der rundliche Mann mit Dreitagebart steht immer noch in seiner blauen Montur neben meinem Bruder und schaut stumpf vor sich hin. Er ist mir nicht unsympathisch, und doch würde ich ihn gerne eintauschen. Ich will ihn nicht, denn in seiner Anwesenheit spiegelt sich mein Grund, hier zu sein, wider. Meine Hände fummeln an dem Reißverschluss meines Winteranoraks herum, krabbeln ständig, wie zwei verstörte Tiere, auf und ab.
Ich bemerke ein Klopfen, dann bimmelt es und die Türen ziehen sich zurück, geben uns den Weg frei, und wir treten in die weiten Gänge des Kellers hinaus. Schwere Luft strömt uns entgegen. Der Linoleumboden zieht mit jedem weiteren Schritt unter unseren Füßen vorüber. Ich konzentriere mich auf das Muster und möchte vergessen, dass unsere Schritte unsicher und unstet sind, als ob sie jeden Moment abbrechen müssten. Ich kämpfe dagegen an. Wir kommen nur langsam vorwärts.
Der Mann in Blau lässt sich nicht beirren, überwindet das Zögern, reißt eine Tür auf und bittet uns herein. Stühle stehen in Reih und Glied. Kein Tisch, dafür eine weiße Vase mit einer einzigen Blume in der Mitte.
»Heute müsst ihr nicht warten, … nein, ihr könnt geradewegs mitkommen«, ruft er mit gedämpfter Stimme und einem fernen Akzent, der mich aufhören lässt. »Kein Hindernis, keine Zeremonie.«
Wortlos nickend folgen wir ihm in den dahinterliegenden Raum mit den zwei langen Fünferreihen von weißgrauen Klappen. Beim Eintreten sehe ich innere Bilder von Inspektoren beim gerichtsmedizinischen Begutachten von Leichen. Plötzlich fühle ich mich wie in einem Film. In weite Ferne gerutscht, ohne Körpergefühl, stolpere ich ein paar Schritte vor. Ein Frösteln streicht über meine Haut. Die Stille steht und ist zum Greifen festgefroren. Die vorherrschende Kälte wirkt erstickend. Ein Würgreiz stellt sich ein. Ich öffne den Reißverschluss, ringe nach Atem. Mein Bruder tritt näher heran und der Bärtige sucht auf den Namensschildern neben den Klappen nach meiner Mutter, greift sich unruhig ins Gesicht. Er stockt, scheint sie gefunden zu haben. Kurz zieht er am Griff. Mit einem Klack springt die Klappe auf. Eine Bahre gleitet heraus und kommt auf ihn zu. Er weicht zurück, tritt zur Seite. Zwei Stützfüsse klappen aus und laufen mit gedämpften Gummirollen über das Linoleum, bis der ganze eingewickelte Körper aus der Kammer in den Raum hinein gerollt ist und vor uns liegen bleibt.
Der Pfleger geht an das Ende beim Kühlfach und schlägt mit ruhiger Hand das Tuch zurück. Ich stolpere näher, mein Bruder tritt hinter mir heran. Ich höre seinen Atem in meinem Nacken. Automatisch beuge ich mich nach vorne. Mutters Gesicht, blass und wächsern, gleitet in mein Blickfeld. Starr und ohne Zahnprothese klafft mir ihr Mund, mit den zwei erhaltenen unteren Schneidezähnen, entgegen. Meine Rechte fährt über das Tuch. Ich erschrecke, fühle ihren kalten, leblosen Körper unter dem Stoff. Alles in mir sträubt sich gegen meine Wahrnehmung. Plötzlich ist mir kalt. Alles verschwimmt. Ihr Gesicht schwappt mit dem weißen, formlosen Körper auf und ab, beginnt sich zu drehen und dann zu tanzen. Tränen sammeln sich, lösen sich und fallen aus meinen Augen. Dick und unaufhörlich stürzen sie dem weißen Tuch entgegen. Ich sehe mich in der Zeit versetzt. Durchlebe erneut den Tag des Infarkts, sehe mich bei Mutter aus meiner Wahlheimat ankommen, das Gepäck im Flur abstellen und hinüber in ihr Zimmer eilen. Ich finde sie schwer atmend im Bett liegend. Mit einer dünnen Stimme klagt sie über Übelkeit und Sodbrennen. Ich komme auf sie zu, begrüße sie, bleibe verstört am Fußende ihres Bettes stehen.
Woher kam diese Müdigkeit? Frage ich mich jetzt. Hatte ich sie aus dem Zug mitgebracht oder durch das frühe Aufstehen eingefangen? Wie konnte es so weit kommen? Diese Frage spielt hier wohl keine Rolle mehr! Ich streichle über ihren kalten Körper.
Was war an dem Tag passiert? Was raubte mir die Kraft bei der Ankunft, die Situation richtig einzuschätzen?
Kurz ließ ich mich auf Mutter ein, machte Tee, besorgte eine Creme gegen Muskelschmerzen in der nahen Apotheke und massierte sie. Mit dem Schwur, wenn es ihr später nicht besser ginge, zu ihr zurückzukehren, verließ ich das Haus und traf mich, wie geplant, mit einer Freundin in der nahen Stadt zum Kaffeetrinken. Unterwegs jedoch konnte ich ihren beunruhigenden Zustand nicht vergessen. Ihre Krankheit hallte nach, ließ mich nicht los, beschäftigte mich während des ganzen Treffens.
Wie vereinbart rief ich sie von unterwegs an. Ich erinnerte mich an den Schwur, den ich mir vor der Abfahrt gemacht hatte. Mein Gewissen redete auf mich ein. Es pochen darauf, falls es ihr nicht besser ginge, mein Versprechen einzulösen und nachhause zurückzukehren.
Dem zum Trotz hörte ich mich vehement sagen: »Das hat doch noch Zeit, Mama, … das ist noch nicht so weit, jetzt noch nicht, nein, das steht auf keinen Fall an der Tagesordnung, nicht jetzt, das verspreche ich Dir.« Das waren damals meine Worte, die ich am Telefon an meine Mutter richtete, als ich mit der Freundin und all den Passanten am Bahnsteig stand, und auf den Zug zur Weiterfahrt wartete.
»Warum kann ich nicht einfach einschlafen wie Dein Papa?«, hatte sie gefragt. Bilder des Sterbenden, der vor ein paar Monaten in meinen Armen von uns ging, tanzten vor meinen Augen. Ich verspürte Wut. Wut gegen ihre Worte. Wut gegen diese Situation.
»Diese Bilder!!!« Sie sind wie Fliegen! Verdammt!«, schimpfte ich und versuchte verzweifelt, die Erinnerungen zu verscheuchen.
»Soll ich zu Dir fahren? Willst Du das?« Diese Frage lag mir auf der Zunge, lähmte sie.
»Was will Mutter? Ist es ein Hilferuf? Oder was soll das Ganze jetzt? … Und was dann? Zu ihr setzen und Händchen halten? Nein, das kann ich nicht! Verdammt! … Sofort einen Arzt rufen, denn als Krankenwache herumsitzen, das will ich nicht. Mein Kopf war plötzlich voll von Stimmen. »Wo sind da meine Gedanken?« Ich verlor den Überblick, bis ich nichts mehr hören wollte.
Hilflos versuchte ich, sie zu beruhigen. Kaum geschafft, fiel erschöpft die Struktur meiner Gedanken zusammen. Die Müdigkeit erfasste mein Gehirn, machte sich im Schädel breit, nahm den ganzen Platz ein. Irgendetwas stieß mich ab, riss mich weiter.
Zähne knirschend beging ich den Verrat, schnappte nach Luft, atmete tief aus. Nur Gefühle und Bilder, aber keine Worte. Ich verabschiedete mich von Mutter und folgte den vereinbarten Wegen in die kühle Nacht hinaus. Besiegt, schlief ich kurze Zeit später im Kino neben einer Freundin ein. Im Film wurde das Leben einer Großmutter nachgezeichnet. Ein langes und beschwerliches als Nomadin. Verfolgung und Vertreibung sowie Tod. Eins folgte auf das andere, unvermeidbar. In einem Delirium von Film und Traumsequenzen durchlebte ich die Vorführung. Mal sah ich mich wach der Leinwand gegenüber, mal tief in meine Innenwelt hinabgetaucht. Ich schnappte nach Luft. Erst am nächsten Tag, als ich Mutter, nach dem Aufstehen am späten Vormittag noch immer schlapp im Bett vorfand, setzte ich mich in Bewegung und sie in den Rollstuhl, und wir brachen zum Arzt auf. Sie wurde sofort eingewiesen. Plötzlich gewann alles an Fahrt. Die Institutionen übernahmen.
Ich streiche über meine Augen. Mutters lebloses Gesicht taucht verschwommen aus dem Nebel der Tränen, kommt auf mich zu, vertreibt die Erinnerung. Alles dreht sich. Mein Kopf schmerzt. Ich muss mich orientieren und weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist.
Meine Hände fummeln am Anorak. Ich wühle nach einem Taschentuch, werde fündig und schnäuze mich. Meine Augen suchen den Pfleger. Ich kann ihn nicht entdecken. Er scheint den Raum verlassen zu haben. Ich beuge mich vor und küsse Mutter auf die kalte, trockene Stirn.
Als ich aufschaue, sehe ich ihn in der Ecke stehen. Mein Bruder steht nicht weit von mir und streichelt Mutter übers eingewickelte Bein. Der Pfleger gibt sich einen Ruck, kommt an meine Seite, zieht das Leintuch über ihr Gesicht, zögert nicht lang und schiebt die Bahre in den Schlund. Kaum ist sie verschwunden, schnappt die Klappe des Kühlfachs zu. Mit einem lauten „Klack“ fällt sie ins Schloss. Der Ton, trennt das Vorher, von dem Jetzt, in das ich nicht hineinfinde. Verwirrt ringe ich um Fassung.
Seite an Seite mit meinem Bruder verlasse ich den unheimlichen Kühlraum und folge dem Pfleger in die Kellergänge hinaus. Ich bemerke, wie seine Muskeln mit jedem Schritt lockerer werden und seine Gelenke an Elastizität gewinnen. Leben kommt in sein Gesicht.
»Danke, dass Sie das für uns möglichgemacht haben, … trotz des Verbots«, presse ich hervor, »es war mir ein Anliegen, sie noch einmal zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen.«
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Seine Augen streifen meinen Blick, sehen weg. Er greift sich an die Nase, kratzt sich nervös am Kopf:
»Nein, keine Ursache … 6 Stunden im Zimmer … 10 im Kühlraum … das macht 16 Stunden … das ist nicht viel … und für wen ist das schon möglich … und wenn jemand so wie sie im Ausland lebt, … ja, gleich zweimal nicht … Und ich kann sie so gut verstehen! Ich hätte es mir auch gewünscht«, raunt er, ohne mich anzusehen, muss schlucken, verschluckt sich, hüstelt. »Der Krieg, wissen Sie, … ja, in meiner Heimat«, beginnt er von neuem und spricht mit verstärktem Akzent. Seine Stimme überschlägt sich. Er kommt erneut ins Stocken, kratzt sich am Kopf und nimmt den Faden wieder auf: «Der Krieg hat uns nicht erlaubt, uns von unseren Freunden und Verwandten zu verabschieden, sie wurden einfach an Ort und Stelle verscharrt. Wissen Sie… Das ist echt scheiße, das ist eine Katastrophe, das ist nicht menschlich … und sowas will man niemandem antun, nicht einmal seinem ärgsten Feind … Mir ist es wichtig, dies den Angehörigen zu ermöglichen … auch mit dem Risiko, dafür sanktioniert zu werden … das ist schon alles … ich will ein Mensch bleiben, auch in dieser Welt, auch in diesen Zeiten, … verstehen Sie?«
Mir brennt es auf der Seele. Ich werde neugierig und will wissen, woher dieser Mann kommt, aus welchem Krisengebiet er eingewandert ist, denn ich war in einigen als Reisender unterwegs, und sie haben mich nicht nur beeindruckt, sondern sie haben bei mir tiefe Spuren hinterlassen.
»Wo war das?«
»Kosovo«, sagt er und geht zügig dahin.
Ich will darauf etwas erwidern, ringe mit Worten, fühle mich plötzlich ausgelaugt und müde. Mir ist alles zu viel. Ich verstumme, verliere jegliche Kapazität zu kommunizieren. Ein erneutes strukturelles inneres Versagen nimmt mir die Sprache. Ich gebe meinem abgespannten Körper nach, folge ihm. Wir kommen vor den Aufzügen an. Mein Bruder drückt den Knopf, er beginnt zu blinken. Der Aufzug ist schon da und öffnet seine Türen, schiebt sie zur Seite. Der Pfleger bittet uns herein und lässt uns vor sich eintreten.
Schweigend folgen wir seiner auffordernden Geste. Der Aufzug trägt uns nach oben. Ich denke an Mutter und unsere Versäumnisse. Die Kette der unglücklichen Ereignisse spult sich vor mir ab, zieht mich nach unten.
Wie konnte es passieren, dass ich für sie die Verantwortung übernehmen musste? Warum kümmerte sie sich nicht selbst darum? Und wer bin ich, dass ich die Verantwortung nicht übernahm? Ein Teufel? Ein Egoist? Versklavt von meinen eigenen Wirren? Unreif und unausgegoren? Was wäre gewesen, hätte ich sie übernommen und einfach den Krankenwagen gerufen? Ja, was dann? Hätte ich mich dann nicht über ihre Entscheidung abzuwarten hinweggesetzt und sie zu etwas, was sie nicht wollte, gezwungen? Doch jetzt ist sie tot, und ich rolle all meine Fragen rückwärts vom Ende her auf. Darf man das? Ist das nicht ein falscher Ansatz, ja ein falsches Verständnis vom Leben und davon, wie wir mit ihm umzugehen haben, wollen wir weitermachen?
Die Struktur in meinem Gehirn fällt zusammen. Stille.
Der Aufzug bimmelt. Mein Bruder und ich steigen aus. Verwirrt und glücklich, noch ein Wort auf Albanisch auf Lager zu haben, drehe ich mich zu dem Pfleger um, bringe ein „Faleminderit“ hervor, schon schließen sich die Türen und er fährt weiter auf seine Station zurück. Ich folge meinem Bruder auf Schritt und Tritt, komme mit ihm durch das Foyer und trete aus dem Krankenhaus an die frische Luft, atme tief durch. Ich kann mich nicht mehr auf den Beinen halten, lasse mich auf die nächste Bank fallen, sinke in mich zusammen.