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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Beschränkter Geist

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29.06.2020
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Beschränkter Geist

“Starte KNK-Befragung Nummer 1. Wir haben den 12. Juli 2043. Es ist 13:46 Uhr. Fangen wir an. Wie heißen Sie?”
“Karl …”
Der weiße Raum, in dem er saß, wirkte kalt und steril. Keine Bilder, keine Dekoration und keine Pflanzen. Es gab nur zwei Stühle und einen Tisch. Der Ausgang befand sich zu seiner Rechten und zu seiner Linken war ein länglicher Spiegel in die Wand eingelassen. Es dauerte eine Weile, bis er verstand, was die junge Frau, die vor ihm saß, von ihm erwartete, aber er bemühte sich, die Frage ehrlich zu beantworten. Zumindest schien sie seltsam einfach zu sein. Sein Name war Karl. Dessen war er sich sicher. Aber warum? Sein Kopf schien ansonsten bedenklich leer zu sein. Er erinnerte sich an … nahezu nichts. Wie war das möglich?
“Sehr gut, Karl. Haben Sie auch einen Nachnamen?”
Nachname? Karl dachte angestrengt nach. Friedmann klang gut. Er konnte nicht sagen warum, aber es wirkte … <<korrekt>>
“Friedmann. Ich heiße Karl Friedmann.”
Der Blick der jungen Frau veränderte sich kurz. Sie wirkte überrascht. Positiv überrascht. Er lag richtig. Instinktiv. Ein gutes Gefühl. Dennoch verunsicherte ihn die Situation. Warum fiel es ihm so schwer, sich zu erinnern?
“Können Sie mir sagen, warum ich hier bin? Ich erinnere mich an nichts. Alles ist so … seltsam.”
“Alles wird gut, Herr Friedmann. Wir kümmern uns um Sie. Können Sie mir sagen, woran Sie sich als Letztes erinnern?”
Karl durchkämmte seine Gedanken. Irgendwo musste es doch einen Anhaltspunkt darauf geben, was hier vor sich ging. Ein Bild blitzte vor seinem inneren Auge auf. Ein Ballon.
“Ich erinnere mich an einen Ballon.”
“Sehr interessant. Wie sieht dieser Ballon aus?”
“Wie ein Tier. Aber nicht so wie ein normales Tier.”
“Sehr gut. Was stimmt mit diesem Tier nicht?”
“Die Proportionen. Ich denke, es sollte ein Bär sein, aber er ist zu klein.”
“Ein Teddybär?”
Teddybär? Karl dachte über diesen Begriff nach. Das waren doch Plüschtiere. Er redete über einen Ballon. Aber etwas in ihm stimmte zu. Dieser Ballon sah aus wie ein Teddybär, auch wenn es keiner war. Sie hatte vermutlich recht. <<korrekt>>
“Ja, der Ballon hat die Form eines Teddybären.”
Die Frau notierte einige Dinger auf ihrem Bogen. Ihre Hand wirkte dabei zittriger als zuvor. Etwas an seiner Antwort hatte sie verunsichert.
“Es tut mir leid. War diese Antwort nicht das, was Sie hören wollten?”
“Nein … Nein, Herr Friedmann. Es ist alles ok.”
Karl bemerkte ein leichtes Stottern in ihrer Antwort. Sie war wirklich verunsichert. Aber warum? Waren diese Antworten falsch? Welchen Zweck hatte die Befragung überhaupt?
“Entschuldigen Sie, aber können Sie mir erklären, wo ich hier bin? Hatte ich einen Unfall? Ich … kann mich nicht erinnern.”
“Beruhigen Sie sich, Herr Friedmann. Es wird alles wieder gut. Wir kümmern uns um Sie.”
Es musste so sein. Ein Unfall. Er wurde vermutlich verletzt. Am Kopf? Konnte er sich deswegen an nichts erinnern? Wie kam er in diesen Raum? Das alles ergab keinen Sinn. Das war falsch! <<fehler>>
Ein Klopfen unterbrach Karls Gedanken. Es klang rhythmisch, aber er konnte nicht zuordnen, wo es herkam.
“Hören Sie das? Dieses Klopfen?”
Die Frau sah ihn mit einem leicht verstörten Blick an.
“In Ordnung, Herr Friedmann. Ich denke, das reicht für heute.”
“Aber dieses Klopfen! Macht Ihnen das keine Sorgen? Es muss doch von irgendwo herkommen. So ein Klopfen ist doch nicht …”
Dunkelheit. Kein Klopfen mehr. Kein Raum. So war es besser. Friedlicher … ruhiger. <<korrekt>>

#​

“Starte KNK-Befragung Nummer 1. Wir haben den 13. Juli 2043. Es ist 14:13 Uhr … Ok. Wie heißen Sie?”
Karl befand sich wieder in dem Raum. Die Dame vor ihm hatte ihre Augen wieder auf den Fragebogen fixiert und erwartete eine Antwort. Aber etwas an der Eröffnung passte nicht. Sie saßen doch schon einmal in diesem Raum. Was sagte sie damals? 12. Juli. Das war dann gestern.
“Ich glaube, Sie haben da einen Fehler gemacht.”
Die Frau blickte erschrocken hoch. Diese Reaktion hatte sie offensichtlich nicht erwartet.
“Sie sagten KNK-Befragung Nummer 1. Aber wir hatten doch gestern schon eine solche Befragung, oder?”
“Das stimmt. Sie erinnern sich?”
“Natürlich. Sie fragten mich nach meinem Namen und meiner letzten Erinnerung.”
“Das ist … richtig. Sie haben recht … Ich werde das sofort korrigieren.”
Sie kritzelte einige Bemerkungen in den Bogen. Sie wirkte dabei äußerst schwungvoll. Fast so, als habe Karls Bemerkung ihr neuen Auftrieb gegeben. Ihre Motivation nachdrücklich erhöht. Das war gut, oder? Hieß es, dass er auf einem Weg der Besserung war?
“Befragung Nr.2. Setzen wir dort an, wo wir gestern aufgehört haben. Sie erinnerten sich an einen Ballon. Wenn wir das Bild erweitern, was ist da noch in Ihrer Erinnerung?”
Die Frau hatte jetzt definitiv neuen Elan. Die Sätze überschlugen sich bei ihr beinahe. Das freute Karl. Aus irgendeinem Grund mochte er sie. Sie half ihm schließlich, oder? Und sie hatte etwas Vertrautes.
“Das war gut, oder? Dass ich sie korrigiert habe?”
“Konzentrieren wir uns, Herr Friedmann. Beantworten Sie meine Frage. Neben dem Ballon, woran erinnern Sie sich noch?”
Karl holte das Bild des Ballons zurück vor sein inneres Auge. Da musste noch etwas gewesen sein. Ein Hinweis. Irgendetwas – Ein Schrei! <<korrekt>>
“Ich erinnere mich an einen Schrei.”
“Ein Schrei?”
“Ja. Eine Frau. Ich bin mir nicht sicher, aber es wirkt, als ob sie um Hilfe ruft.”
“Können Sie sich an das Gesicht der Frau erinnern?”
“Nein. Aber sie wirkt verzweifelt. Sie wiederholt ihren Ruf. Ja, ich bin mir sicher - sie braucht Hilfe. So dringend! Aber ich glaube, es kommt niemand.”
Karl verstörte diese Erinnerung. Dieser Schrei wirkte entsetzlich. Er würde ihr gerne helfen. Ihr all das Leid abnehmen, das sie mit diesem Schrei offenbarte. Aber es war nur eine Erinnerung, richtig? Nichts das er tun könnte. <<korrekt>>
“In Ordnung, Herr Friedmann. Sie machen das sehr gut. Versuchen Sie, sich jetzt von diesem Schrei zu lösen. Woran erinnern Sie sich noch?”
Von dem Schrei lösen. Das klang so einfach. Aber etwas an der Verzweiflung dieser Frau verstörte ihn. So etwas lässt man doch nicht einfach los. Das war falsch! <<fehler>>
Erneut unterbrach ein Klopfen die Gedanken von Karl. Rhythmisch, eindringlich. Ein Klopfen. Aber wo kam es her?
“Hören Sie das? Das Klopfen schon wieder. Sie müssen das doch hören!”
Die Frau blickte wieder besorgt in Karls Richtung. Es tat ihm leid. Er wollte sie nicht beunruhigen. Sie hatte ihn doch gerade noch gelobt. Aber jetzt – nein das war nicht richtig – sein Verhalten. Aber das Klopfen war nun einmal so laut. Das musste man doch hören. Warum hörte sie es nicht? Das war falsch! <<fehler>>
“Beruhigen Sie sich, Herr Friedmann. Es wird alles wieder gut. Sie haben das gut gemacht. Wirklich. Aber es ist wohl besser, wenn wir jetzt eine kleine Pause machen.”
“Nein, warten Sie. Dieses Klopfen. Was hat das zu bedeuten? Bilde ich mir das nur ein? Was ist los mit mir? Bitte helfen Sie mir! Bitte …”
Dunkelheit. Eine sanfte Ruhe. Keine Fragen. Keine schreiende Frau. Einfach nur … Frieden. <<korrekt>>

#​

“Starte KNK-Befragung Nummer 1. Wir haben den 14. Juli 2043. Es ist 11:36 Uhr.”
Die Frau vor Karl setzte einen tiefen Seufzer ab, bevor sie ihre Befragung fortsetzte.
“Wir starten. Wie heißen Sie?”
“Karl Friedmann. So wie gestern. So wie vorgestern. Und wir sind bei Befragung Nummer 3.”
Eine kurze Pause. Der Blick der Frau erstarrte kurz, bevor er sich fragend in Richtung Spiegel wandte. Es dauerte einen Moment, bis sie sich sammeln konnte.
“Ähm… entschuldigen Sie Herr Friedmann. Dieser Fehler ging auf meine Kappe.”
“Kein Problem. Obwohl ich glaube, dass sie das absichtlich machen.”
“Was meinen Sie?”
“Die Nummer der Befragung. Sie starten absichtlich bei 1. Falls ich mich nicht erinnere. Stimmt das?”
Die Frau benötigte einen Moment, bevor ihr eine Antwort darauf einfiel.
“Wir machen das, um Ihnen zu helfen, Herr Friedmann.”
“Das glaube ich ihnen sogar. Und dafür bin ich dankbar.”
“Gut. Dann machen wir weiter.”
Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Karl gefiel das. Er mochte Sie, auch wenn er nicht erklären konnte warum.
“Gehen Sie wieder zu ihrer letzten Erinnerung zurück. Was sehen Sie?”
Karl fokussierte sich erneut. Da war ein Ballon. Die schreiende Frau - aber die vergessen wir ganz schnell wieder. <<korrekt>> Was ist da noch? Da musste noch etwas sein. Der Ballon flog über ihm, aber er wurde durch etwas noch leicht verdeckt. Fast unbemerkbar, aber da war etwas in diesem Bild - zwischen ihm und dem Ballon. Eine Person? <<korrekt>> Eine kleine Person! Ein Kind? <<korrekt>> Ein Mädchen. Natürlich! Gehörte ihr der Ballon? <<korrekt>>
“Ich sehe ein Mädchen.”
Das Gesicht der Frau wurde kreidebleich. War das falsch? <<fehler>> Nein. Er war sich sicher. Das Mädchen war da!
“Da ist eindeutig ein Mädchen. Ich sehe sie vor meinem inneren Auge. Ihr gehörte der Ballon!”
“Wie sieht sie aus?”
Ihre Stimme wurde brüchig. Was hatte Karl falsch gemacht? Er konnte sich doch erinnern. <<fehler>>
“Sie hat etwas Vertrautes. Ich kenne sie …”
“Woher?”
Sie wurde aufdringlicher. Das Mädchen? Nein - die Frau. Moment - woher kam diese Verwirrung? <<fehler>>
“Sie … Ist sie meine Tochter?”
<<korrekt>>
“Sie wirkt so traurig. Warum ist sie traurig?”
<<fehler>>
Das Klopfen begann erneut. Woher kam das? Woher kam dieses aufdringliche Klopfen? Es musste doch einen Grund dafür geben. Die Frau hatte jetzt Tränen in den Augen. Er musste etwas falsch gemacht haben. Aber er konnte sich nicht erklären was. Dann ein klarer Gedanke.
“Katherina!”
Das war ihr Name. Sie hieß Katherina! <<korrekt>>
“Papa?”
Ja, das hatte das Mädchen gesagt. <<fehler>> Nein - nicht das Mädchen. Die Frau? <<korrekt>> Aber die Frau … Jetzt konnte Karl es sehen. Die Ähnlichkeit, die Vertrautheit. Sie war da. Die ganze Zeit. Katherina - seine Katherina! Sie saß vor ihm. Aber sie war so alt. Viel älter, als er sie in Erinnerung hatte.
“Papa? Kannst du dich erinnern? Ich bin hier!”
“Katherina? Aber wie …”
Wieder das Klopfen. Der Rhythmus wurde schneller - eindringlicher. Woher kam dieses Klopfen?
“Woher kommt dieses Klopfen?”
Ihr Blick wanderte an ihm herunter - und er folgte ihrem. Und dann sah er es. Es waren seine Finger! <<korrekt>> Nein, das konnte nicht korrekt sein. Diese Finger waren nicht seine. <<fehler>> Aber wie? Sie waren aus Metall - künstlich. Er spürte sie nicht. <<fehler>> Nein - kein Fehler. Das waren seine Hände, aber auch irgendwie nicht. Das ergab keinen Sinn. <<fehler>>
“Warum kann ich meine Hände nicht spüren?”
“Alles wird gut, Papa. Wir sind hier, um dir zu helfen!”
Sie weinte. Das tat ihm leid. Er wollte sein kleines Mädchen nicht zum Weinen bringen. Das war falsch! <<fehler>> Aber etwas stimmte nicht. Er konnte nichts spüren. Keine Finger, keine Hände, keine Beine. Alles war stumm. <<fehler>>
“Ich spüre meine Beine nicht. Ich spüre meine Finger nicht. Katherina! Was passiert hier? FEHLER!”
“Alles wird gut, Papa. Wir finden einen Weg. Es wird funktionieren. Wir waren so nah dran!”
“Katherina! Ich hab Angst. FEHLER! Warum spüre ich meinen Körper nicht. FEHLER! Warum …”
Dunkelheit. Die Hände sind verschwunden. Kein Körper, kein Gefühl. So hat alles wieder gepasst. So sollte es sein. So war es richtig. <<korrekt>>

#
Es dauerte einige Stunden, bis Katherina sich gesammelt hatte. Sie musste erst bei einem Spaziergang ihre Gedanken ordnen, bevor sie weitermachen konnte. Der Park in der Nähe verbreitete dieses ruhige warme Gefühl, dass ihr die spartanisch eingerichteten Innenräume des Forschungsinstitutes nicht geben konnten. Sie wäre vermutlich den ganzen Tag dortgeblieben, aber die Geschehnisse der letzten Befragung hatten eine außerplanmäßige Besprechung notwendig gemacht. Und so fand sich Katherina pünktlich im Besprechungsraum ein, der die allzu bekannte kalte und sterile Atmosphäre versprühte.
Joseph, der Projektleiter begann zu referieren:
“Ich denke, wir haben heute einen enormen Erfolg zu verzeichnen. Projekt KNK ist endlich an einem Punkt angelangt, wo wir die klare Persönlichkeit von Proband Alpha identifizieren konnten!”
Erfolg, Proband - Katherina wurde bei diesen Begrifflichkeiten schlecht. So sprachen sie über ihren Vater? Sie hatten komplett vergessen, warum sie all das taten. KNK stand für Kybernethisch-Neuronale-Kopplung. Es war einst der Traum ihres Vaters und ihrer Mutter, das Bewusstsein eines Menschen in eine künstliche Hülle zu transferieren. Das würde ewiges Leben bedeuten. Es wäre revolutionär. Die größte Errungenschaft der Menschheit, ein Milliardenpatent für ‘Friedmann Technologies’.
“Katherina! Könntest du uns noch mal erzählen, welche Erinnerung dein Vater beschrieben hat?”
“Seinen Tod!”
Eine gespenstische Stille lag im Raum. Die Antwort war direkt - sicherlich - aber Katherina hatte keine Lust mehr auf schonende Worte. Sie war wütend!
“Ja. Er hat seinen Tod beschrieben. Er starb an einem Herzinfarkt. Wir waren gerade auf dem Jahrmarkt. Er kaufte mir einen Luftballon in Form eines Teddybären. Dann kippte er einfach um. Meine Mutter hat nach Hilfe gerufen. Die anderen Passanten haben nur zusehen können. Als der Notarzt eintraf, war er fast tot. Ein Spenderorgan kam für ihn nie in Frage. Stattdessen spendete er wiederum sein Hirn seiner eigenen Firma.”
Für einen kurzen Moment konnte sie einen schamvollen Blick in ihren Gesichtern erkennen. Dann setzte Joseph wieder an:
“Ich denke, hier liegt der Unterschied zu unseren bisherigen Versuchen. Bei den, durch deine Mutter durchgeführten Befragungen, konnten wir nie solche Erfolge vorweisen. Aber dein Gesicht, ist vermutlich das Letzte, das er vor Verlust des Bewusstseins wahrgenommen hatte. Deswegen fiel es ihm jetzt leichter, sich zu erinnern. Das ist wirklich ein immenser Erfolg!”
Katherina hielt es nicht mehr aus. Jetzt auch noch ihre Mutter. Seit dem Tod von Katherinas Vater, hatte ihre Mutter jeden Cent aus dem Gewinn der Firma abgezweigt, um das Projekt KNK am Leben zu halten. Jede Woche wurde eine Sitzung durchgeführt. Die Ergebnisse waren nicht nennenswert. Aber vor einem Monat war auch sie gestorben. Ein unentdecktes Aneurysma - und somit keine Chance für Projekt KNK. Katherina übernahm die Leitung der Firma und die Befragungen. Sie hatte sich nicht ein Mal die Zeit für das Trauern nehmen können. Es ging einfach alles viel zu schnell.
Katherina wurde zunehmend unwohl. Krampfhaft drückte sie mit ihrer Hand einen Kugelschreiber zusammen. Joseph schien das nicht zu bemerken, oder ignorierte es.
“Wir sind dennoch erst am Anfang. Die heftigen körperlichen Reaktionen von Karl deuten daraufhin, dass wir hier noch einen internen Fehler haben. Offensichtlich blockiert hier etwas. Thomas, vielleicht kannst du das kurz erläutern.”
Thomas war der Chef-Ingenieur des Projektes. Sehr intelligent - nur leider besaß er keinerlei Empathie.
“Natürlich. Danke, Joseph. Also, wir gehen davon aus, dass das Problem im zentralen Vermittler liegt. Der dort enthaltene Kern sollte normalerweise das Hirn und die Sensorik miteinander verbinden. Damit dies in der gewünschten Geschwindigkeit funktioniert, haben wir mit Hilfe eines neuronalen Netzes eine Art Vermittlungs-KI gebaut. Jetzt die Theorie: KI und menschliches Bewusstsein konkurrieren über die Deutungshoheit der Sensorik. Wenn das stimmt, müssten wir den Lernmechanismus …”
“ES REICHT!”
Katherina konnte sich das nicht mehr antun. Neuronen, Sensorik, Vermittler. Hinter all dem steckte noch immer ihr Vater. Mag sein, dass es früher sein Traum war, dieses Projekt zu unterstützen. Aber nun, in diesem Zustand - tief in den mechanischen Eingeweiden seines neuen Körpers hatte er gelitten. Das konnte sie sehen. Sie konnte es spüren. Mag sein, dass ihre Mutter trotz der vielen Fehlversuche am Projekt festhielt. Aber nun hatte sie die Leitung übernommen. Und es musste ein Ende her.
Sie konnte sehen, dass Joseph wusste, was folgen würde:
“Was schlagen Sie vor, Frau Friedmann?”
“Gar nichts. Ich beende das.”

#​

“Starte KNK-Befragung Nummer 1. Wir haben den 14. Juli 2043.”
Ihr Blick wanderte zur Uhr. Katherina vermied es ihren Vater anzusehen. Oder das, was aus ihm nun geworden war. Ein Gerüst aus runden metallenen Zylindern und Stäben, die einen vollständigen Körper samt Kopf, Armen, Händen, Beinen und Füßen nachbildeten. Sowie die darunter liegenden, offen sichtbaren Kabelstränge.
“Es ist 16:21 Uhr.”
Der Körper ihres Vaters fuhr hoch. Das leise Surren von Servomotoren begleitete seine Bewegungen.
“Wo bin ich?”
“Alles wird gut, Herr Friedmann. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.”
Sie hielt sich zunächst an das Protokoll, damit er nicht zu früh unruhig wurde. Das war wichtig - nein - ihr war es wichtig. Es sollte ein letzter Abschied werden. Sie wollte nicht, dass es ihn zu sehr unter Stress setzt.
“Ich vertraue Ihnen … Ich kann mich nur nicht erinnern, wie ich herkam.”
Sein Blick wanderte wirr durch den Raum.
“Es tut mir leid, Papa.”
Für einen kurzen Moment wirkte es, als ob die Servomotoren stoppten. Tränen sammelten sich in Katherinas Gesicht. Es war schwer, aber sie musste es zu einem Ende bringen. Das war sie ihm schuldig.
“Es tut mir leid, dass ich nicht mehr für dich tun konnte. Ich weiß du hast dieses Projekt geliebt. Ich weiß du und Mama, ihr habt so viel Zeit hier rein gesteckt. Aber ich sehe, dass du leidest. Und …”
Ihre Stimme brach ab. Mit einem Wisch versuchte Katherina sich die Tränen aus dem Gesicht zu schieben. Keine Chance - es kamen einfach zu viele. Die Servomotoren blieben stumm.
“Und ich weiß, dass es dir besser gehen wird, wenn ich dich endlich gehen lasse.”
Absolute Stille im Raum. Katherina traute sich nicht, ihren Vater anzusehen.
“Und daher werde ich das hier beenden.”
Ein kurzes Surren der Motoren durchbrach die Stille.
“Es ist ok meine Kleine. Ich bin stolz auf dich.”
Da war er wieder. Karl Friedmann, ihr Vater. Ein kurzes Aufblitzen seines Wesens. Dann begann wieder das Klopfen. Das Surren der Servomotoren entbrannte in einer metallenen Kakophonie.
“Ich … FEHLER! Klopfen … FEHLER!”
Unter Tränen betätigte Katherina den Schalter unter dem Tisch. So schnell wie das Klopfen kam, war es wieder verschwunden und mit ihm die letzten Regungen des metallenen Körpers. Katherina protokollierte die letzten Sekunden von Projekt KNK. Es war beendet, und ihr Vater fand endlich seinen Frieden.
 
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08.01.2018
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Hi @Ben Camp und willkommen bei den Wortkriegern!
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Erst einmal legt dein Profil nahe, dass dir eine gewisse Bescheidenheit innewohnt. Das finde ich sehr sympathisch, die ist aber vielleicht gar nicht angebracht. Deine Geschichte vermag nämlich in den Bann zu ziehen und das ist doch schon mal eine Wertschätzung vorab wert.

Bemerkenswert finde ich zuallererst, dass wir offenbar die gleiche Idee hatten. Unfall (im weitesten Sinne), "Wiedergeburt" als künstliche Intelligenz, Selbsterfahrung, Unsterblichkeit.
Da hätte ich jetzt spontan eingestanden, dass die Schlacht um die Umsetzung der Idee eindeutig an dich geht, wenn auch mein Ende ein anderes wäre.
Ich sehe bei dir dasselbe Dilemma, dem auch ich mich ausgesetzt sah. Eine körperlose Gestalt lässt sich nicht körperlich vermitteln. Das hast du sehr geschickt gelöst, indem du das Drumherum ständig um eine Entwicklung bereichert hast. So lässt sich etwas erleben, ohne dem Protagonisten näher zu kommen. Das hast du gut gemacht!

Das Dilemma an sich besteht natürlich fort.

Es gab hier kürzlich eine Geschichte mit ähnlichem Bezug, dein Aufgriff des Robocop-Themas ist es aus meiner Sicht wert, mal etwas tiefer einzutauchen,. Ein Mensch hat nach unserem Dafürhalten ein Bewusstsein. Ließe sich das post mortem festhalten, konservieren, in eine hinlänglich funktionierende Maschine transferieren, hieße das Unsterblichkeit unter geradezu perfekten Umständen. Kein Schmerz, kein Ermüden, stetes Fortbestehen, unermüdliches Streben nach mehr Wissen oder gar Perfektion. Für mich ist das erst mal keine Dystopie.

Die Umsetzung einer solchen Fantasie bringt zwei Herausforderungen mit sich: Eine technische, weil du erklären musst, wie das vonstattengehen soll, und eine zweite, die beschreibt, was das Bewusstsein ausmacht.
Du hast beides ausgespart. Legitim, legal allemal, aber nicht sehr konsequent. Okay, es ist eine Kurzgeschichte, daher kannst du diesen Einwand getrost ignorieren. Aber insgeheim fragst du dich das auch. Warum dann nicht darüber philosophieren? Du könntest also auch eine ausschweifende Version angehen. Das wäre mein Ansatz gewesen. Kann aber auch schiefgehen. Da müsstest du für mehr als ein paar Minuten oder Absätze vom Protagonisten ablenken. Wert wäre es den Versuch allemal.

Zusammengefasst: Deine Geschichte hat mir als Idee und deren Ausformung sehr gefallen. Das ist zu hundert Prozent mein Ding.
Jetzt zum Salz in der Suppe: Die Zeichensetzung in deinem Text bedarf noch einiger Aufmerksamkeit. Da wird der Lesefluss von Beginn an auf eine harte Probe gestellt. Da musst du noch mal ran.

Ich will dir aber nicht verheimlichen, dass ich deine Geschichte gern gelesen habe.
Gespannt auf mehr grüßt
Joyce
 
Wortkrieger-Team
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07.01.2018
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1.210
Hi @Ben Camp

Und willkommen bei den Wortkriegern! :herz: @joycec hat es schon angesprochen: Deine Geschichte enthält ziemlich viele Zeichensetzungs- und andere Grammatik- und Rechtschreibfehler. Ich bin die ersten zwei Abschnitte einmal mit der Lupe durchgegangen und werde die gefundenen Fehler gleich hier ausschütten. Vielleicht hilft Dir meine Fehlersuche auch dabei, den restlichen Text zu korrigieren.

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass mir die Geschichte vom Aufbau her sehr gut gefällt. Besonders in der Perspektive des Vaters finde ich herausragend, wie Du das assoziative Wiedererinnern mit der Funktionsweise eines Computers kombinierst. Wie er seine Tochter erkennt, die Bewertungen durch die Maschine, die Anfälle – das finde ich extrem stark.

Tatsächlich bin ich fast ein bisschen traurig, dass Du diese Perspektive nach der Hälfte der Geschichte verlassen hast. Klar, aus der Perspektive der Tochter wird dann alles "erklärt". Ich wäre mir aber gar nicht sicher, ob die Geschichte das nötig hat und ob sie nicht stärker wäre, Du würdest bei Karl und der Maschine bleiben, ihn diese Geschichte durchleben und deuten zu lassen. Vielleicht ist das ein Gedanke, dem Du eine Chance geben möchtest. Nur so eine Idee von mir als Leserin ...

Zwei inhaltliche Schwierigkeiten habe ich dann nämlich, sobald Du in die Perspektive der Tochter gehst. Sind nur Leseeindrücke von mir: Vielleicht kannst Du etwas damit anfangen, vielleicht auch nicht. Es ist mir aber aufgefallen, und ich halte mich da einmal nicht zurück. Erstens: Katherinas Rolle im Unternehmen der Eltern.

Mir wird nicht klar, welche Rolle sie im Unternehmen spielt oder welche Qualifikation sie hat. Wenn ich an die Zukunft denke, dann hoffe ich, dass wir uns nicht in einer Welt befinden, in der ein Job einfach von der Mutter auf die Tochter übergeht, ohne dass es dafür einen anderen Grund gäbe, als dass sie die Tochter ist. Ein bisschen so klingt das hier für mich aber:

Katherina übernahm die Leitung der Firma und die Befragungen. Sie hatte sich nicht ein Mal die Zeit für das Trauern nehmen können. Es ging einfach alles viel zu schnell.
Gut möglich, dass die Tochter das Familienunternehmen erbt, oder so. Aber dann ist sie doch die Chefin und müsste entscheiden können, wann die Forschung in einem nicht sehr hoffnungsvollen Nebenprojekt, das die letzten Jahre sowieso nur so nebenher lief, weitergeht. Außerdem: Wenn sie qualifiziert ist, diese Befragungen durchzuführen, dann muss ihre Mutter sie da doch herangeführt haben. Hat sie aber anscheinend nicht. Das ist doch ... komisch. Mehr noch: Vielleicht könnten andere Leute die Befragung durchführen, die gerade nicht in Trauer sind und denen das gerade "alles viel zu schnell geht". Und die vorher schon einmal dabei waren, wenn die Mutter das gemacht hat. Dieser Absatz liest sich für mich so, als MÜSSTE Katherina den Posten ihrer Mutter direkt nach ihrem Tod übernehmen. Obwohl sie diese Aufgabe vorher nie ausgeführt hat, obwohl das Projekt sowieso feststeckt und es deshalb keinen Zeitdruck geben dürfte. Und obwohl es so wirkt, als wäre Katherina die Chefin. Für mich ergibt das an vielen, vielen Ecken keinen Sinn, wenn ich ehrlich bin.

Der zweite Punkt betrifft die Motivation des Vaters:

Es war einst der Traum ihres Vaters und ihrer Mutter. Das Bewusstsein eines Menschen in eine künstliche Hülle zu transferieren. Das würde ewiges Leben bedeuten. Es wäre revolutionär. Die größte Errungenschaft der Menschheit, ein Milliardenpatent für ‘Friedmann Technologies’.
Okay, ich halte fest: Das menschliche Bewusstsein nach seinem Tod in eine künstliche Hülle zu übertragen und damit praktisch wiederzuerwecken, ist der Lebenstraum der Eltern. Das, wofür sie arbeiten. Dafür haben sie sich abgerackert, davon haben sie geträumt. Wenn diese Entdeckung gelingt, hat die Familie ausgesorgt. Und Karl wäre unsterblich. Und dann:

“Es ist ok meine Kleine. Ich bin stolz auf dich.”
Da war er wieder. Karl Friedmann, ihr Vater. Ein kurzes Aufblitzen seines Wesens.
Nachdem er Mühe hat, sein Bewusstsein zusammenzukriegen, ist Karl plötzlich ganz klar. Ganz der Alte. Der mit dem Lebenstraum und dem Familienunternehmen, wir erinnern uns. Und der schmeißt, ohne jeden Widerstand, diese einmalige Chance, diese wissenschaftliche Sensation über Bord.

Sorry, aber das macht mich als Leserin ein bisschen wütend. Ich finde das inkonsistent und viel zu einfach, als wolltest Du zügig zum Ende kommen. Klar, Du sagst, er leidet, aber eigentlich leidet er doch darunter, nicht ganz klar zu sein. Und dann IST er klar und kann in einer Sekunde entscheiden, dass sein Lebenstraum es nicht wert ist. Er zögert nicht einmal einen Moment. Gar nicht. Dabei geht es ja nicht nur um ihn und seine Unsterblichkeit und sein Lebenswerk, sondern auch um das Vermögen seiner Tochter. Also, ich finde, er hat sich echt nicht genug angestrengt.

Und ich fände es spannender, wenn er an dieser Stelle wirklich strugglen würde. Wenn beiden diese Entscheidung schwerfallen würde. Ich meine, auch Katherina wirft einen Lebenstraum weg und tötet praktisch ihren Vater, wirft alle Hoffnung weg, dass er weiterleben kann. Ich finde, bei beiden könnte der Kampf stärker sein. Ich sage nicht, dass sie sich nicht so entscheiden sollen. Aber ich sehe keinen Grund, aus dem ihnen das so leichtfallen sollte.

Wie gesagt, das sind so meine Hauptstolperer beim Lesen des Textes, die beiden Stellen, an denen ich dachte: Glaube ich nicht. Da knirschen die Zahnräder der Geschichte, wenn Du verstehst, was ich meine. Irgendetwas klopft da, ist nicht ganz richtig. Kriegst Du bestimmt glattgezogen.

So, nun die versprochene Fehlersuche:

“Starte KNK-Befragung Nr.1.
Generell habe ich ein Problem damit, in der wörtlichen Rede Wörter abzukürzen. Wie soll das gehen? Aber auch sonst würde nach "Nr." ein Leerzeichen kommen. Also, wenn ich es schreiben müsste, würde ich es so schreiben: "Starte KNK-Befragung Nummer 1." Meinetwegen geht auch: "Starte KNK-Befragung Nr. 1." Aber das Leerzeichen vor der Zahl ist notwendig. Kannst Du direkt im gesamten Text korrigieren.

“Karl…”
Noch etwas, das Du im gesamten Text korrigieren solltest, sind die drei Punkte. Wenn nicht das Wor... sondern der Satz abgebrochen wird ..., dann kommt ein Leerzeichen vor die drei Punkte. Kannst Du überall korrigieren.

Der weiße Raum in dem er saß, wirkte kalt und steril.
Komma vor "in".

Es dauerte eine Weile bis er verstand, was die junge Frau, die vor ihm saß, von ihm erwartete, aber er bemühte sich die Fragen ehrlich zu beantworten.
Komma vor "bis" und vor "die Fragen".

Es dauerte eine Weile bis er verstand, was die junge Frau, die vor ihm saß, von ihm erwartete, aber er bemühte sich die Fragen ehrlich zu beantworten. Die erste Frage zumindest schien seltsam einfach zu sein.
Hier bin ich gestolpert: Katherina hat erst eine Frage gestellt, trotzdem beschließt Karl, sich zu bemühen, "die Fragen" (Plural) ehrlich zu beantworten. Da stimmt doch was nicht.

Er konnte nicht sagen warum, aber es wirkte[]… <<korrekt>>.
Später im Text schließt Du den Satz vor den <<>>-Einschüben und packst dahinter keine Punkte mehr. Das fände ich definitiv ansprechender und würde vorschlagen, dass Du das durchziehst.

Ich denke es sollte ein Bär sein, aber er ist zu klein.
Mir ist aufgefallen, dass Du sehr oft "Ich denke" schreibst, und weil da auch jedes Mal ein Zeichensetzungsfehler mitkommt, habe ich jedes einzelne "Ich denke" aus den ersten beiden Textabschnitten aufgesammelt:

“Ja, ich denke der Ballon hat die Form eines Teddybären.”
Ich denke das reicht für heute.
“Ich denke Sie haben da einen Fehler gemacht.”
Ich denke sie ruft um Hilfe.
Aber ich denke wir machen jetzt lieber eine kleine Pause.
Huh, sechsmal in zwei Abschnitten wird "Ich denke" verwendet. Ich habe jetzt zwar wegen des wiederholten Zeichensetzungsfehlers verstärkt drauf geachtet, aber ich behaupte trotzdem, dass das echt oft ist. Außerdem müsste nach jedem "Ich denke" ein Komma folgen. Danach kommt nämlich immer ein weiterer Hauptsatz, z.B. "Der Ballon hat die Form eines Teddybären." Beides, "Ich denke" und "Der Ballon hat die Form eines Teddybären" sind einwandfreie Hauptsätze (sie enthalten Subjekt und Prädikat, und das Prädikat steht jeweils an zweiter Stelle des Satzes), deshalb müssen sie voneinander mit einem Komma getrennt werden.

Das gleiche gilt hier:

Aber ich glaube es kommt niemand.
Komma vor "es".

“Die Proportionen. Ich denke, es sollte ein Bär sein, aber er ist zu klein.”
“Ein Teddybär?”
Noch ein inhaltlicher Stolperer: Ein kleiner Bär ist also ein Teddybär? Das stimmt meiner Ansicht nach nicht. Wenn der Ballon die Form eines realistischen Grizzly-Bären hätte, wäre es ja kein Teddybär, nur weil er nicht drei Meter hoch ist. Die Proportionen unterscheiden nach meinem Empfinden einen Bären von einem Teddybären, nicht die Größe. (Andersherum: Wenn ich einen drei Meter hohen Teddybär habe, wird daraus kein Grizzly. Ich muss es wissen, ich bin schließlich selbst eine Teddybärin.)

Es tut mir Leid.
Das kommt von "leidtun", und deshalb wird "leid" hier klein geschrieben.

Es klang rhythmisch, aber er konnte nicht zuordnen wo es herkam.
Komma vor "wo".

Sie saßen doch schon Mal in diesem Raum.
"schon mal" ist verkürzt von "schon einmal". Ich würde das definitiv ausschreiben. Wir sind hier ja nicht bei 1 Umgangssprache.

Was sagte Sie damals?
"sie" klein.

“Ich denke, sie haben da einen Fehler gemacht.”
"Sie" groß. (Eben war's noch sie, das Mädchen, also dritte Person Singular, nun ist es Sie, die Person, die gerade höflich angesprochen wird, also eine Höflichkeitsanrede.) Hier die anderen Stellen aus den ersten zwei Absätzen, wo "Sie" groß geschrieben werden muss:

Beantworten sie meine Frage.
Hören sie das?
Wenn wir das Bild erweitern, was ist da noch in ihrer Erinnerung?
"Ihrer" groß.

Und sie hatte etwas vertrautes.
"Vertrautes" groß. Das ist eine Nominalisierung, das heißt, dass ein Wort, das eigentlich kein Nomen ist, hier das Adjektiv "vertrautes", zu einem Nomen wird. Das erkennst Du an Signalwörtern wie z.B. "etwas".

Das ich sie korrigiert habe?
"Dass" statt "Das".

Irgendetwas - Ein Schrei!
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Bindestrich - und dem Gedankenstrich –. Ein Gedankenstrich ist das, was hier richtig wäre. Gilt auch hier:

Aber jetzt - nein das war nicht richtig - sein Verhalten.
Ihr all das Leid abnehmen, dass sie mit diesem Schrei offenbarte.
"das" statt "dass". Das bezieht sich auf "das Leid", ein Relativpronomen also.

Aber das Klopfen war nun mal so laut.
Hier hast Du das verkürzte "einmal" klein geschrieben. Das finde ich gelungener als groß. Würd's aber trotzdem ausschreiben.

Nein warten Sie.
Komma vor "warten".

So, ich hoffe, die Korrekturhinweise helfen Dir weiter, auch den restlichen Text auf Zack zu bringen. Vielleicht kannst Du mit meinen Ideen zum Inhalt sowie dem Knirschen, das ich da zu hören meine, etwas anfangen. Vergiss nicht: Das ist nur mein Leseeindruck. ;) Ich denke aber, Du kannst etwas Tolles daraus machen. Wenn ich die Zeit finde, komme ich vielleicht wieder und sage noch etwas zum Stil. Aber das will ich nicht versprechen.

Bis dahin: Make it work!

Cheers,
eine Teddybärin
 
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29.06.2020
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Wow! Vielen Dank schon mal für das ausführliche Feedback. Ich muss die beiden ersten Posts jetzt erst mal gut durchgehen. Da fang ich jetzt mit @joycec an, und arbeite mich dann später zu @TeddyMaria 's Kommentar vor.

Hi @Ben Camp und willkommen bei den Wortkriegern!
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Erst einmal legt dein Profil nahe, dass dir eine gewisse Bescheidenheit innewohnt. Das finde ich sehr sympathisch, die ist aber vielleicht gar nicht angebracht. Deine Geschichte vermag nämlich in den Bann zu ziehen und das ist doch schon mal eine Wertschätzung vorab wert.

Bemerkenswert finde ich zuallererst, dass wir offenbar die gleiche Idee hatten. Unfall (im weitesten Sinne), "Wiedergeburt" als künstliche Intelligenz, Selbsterfahrung, Unsterblichkeit.
Da hätte ich jetzt spontan eingestanden, dass die Schlacht um die Umsetzung der Idee eindeutig an dich geht, wenn auch mein Ende ein anderes wäre.
Vielen Dank. Das Lob weiß ich sehr zu schätzen. Vor allem weil ich beim Schlendern durch das Forum auch auf deine Geschichten gestoßen bin, und deinen Schreibstil sehr mag.

Ich sehe bei dir dasselbe Dilemma, dem auch ich mich ausgesetzt sah. Eine körperlose Gestalt lässt sich nicht körperlich vermitteln. Das hast du sehr geschickt gelöst, indem du das Drumherum ständig um eine Entwicklung bereichert hast. So lässt sich etwas erleben, ohne dem Protagonisten näher zu kommen. Das hast du gut gemacht!
Ja, das war der Plan. Ich hatte hier unabhängig vom letztlichen Setting ein Konzept vor Augen. Es ging darum, dass ich mir immer wieder Gedanken mache, wie ich einen geeigneten Einstieg in die Geschichten finde. Gerade in der Science-Fiction oder der Fantasy, weiß der Leser am Anfang quasi nichts über die Regeln der Welt, in die er hineintaucht. Und da stellt sich mir schon die Frage, wie bringe ich die gröbsten Informationen möglichst geschmeidig und schnell an ihn heran. So, dass der Leser sich möglichst Flott auf die Geschichte einlassen kann. In diesem Text habe ich das auf die Spitze treiben wollen. Nicht nur der Leser, auch der Protagonist weiß nahezu nichts über die Welt und (spezieller) sich selbst. Als Resultat musste er sich quasi erst mal einpendeln, und da fängt man logisch mit der Umgebung an.

Das Dilemma an sich besteht natürlich fort.

Es gab hier kürzlich eine Geschichte mit ähnlichem Bezug, dein Aufgriff des Robocop-Themas ist es aus meiner Sicht wert, mal etwas tiefer einzutauchen,. Ein Mensch hat nach unserem Dafürhalten ein Bewusstsein. Ließe sich das post mortem festhalten, konservieren, in eine hinlänglich funktionierende Maschine transferieren, hieße das Unsterblichkeit unter geradezu perfekten Umständen. Kein Schmerz, kein Ermüden, stetes Fortbestehen, unermüdliches Streben nach mehr Wissen oder gar Perfektion. Für mich ist das erst mal keine Dystopie.
Sehe ich auch so. Es gibt da eine Folge der Serie Black Mirror, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Es ging darum, wie die Menschheit einen Weg gefunden hat, das Bewusstsein vor dem Tod in eine virtuelle Realität zu überführen. Der Gedanke fasziniert mich, eröffnet er doch eine quasi neue Form der Unsterblichkeit, die aber ebenso mit Grenzen behaftet ist. Später hat Amazon mit "Upload" das Ganze mit den klassischen Gefahren des Kapitalismus verknüpft und komödiantisch hinterfragt. Auch sehenswert.

Die Umsetzung einer solchen Fantasie bringt zwei Herausforderungen mit sich: Eine technische, weil du erklären musst, wie das vonstattengehen soll, und eine zweite, die beschreibt, was das Bewusstsein ausmacht.
Du hast beides ausgespart. Legitim, legal allemal, aber nicht sehr konsequent. Okay, es ist eine Kurzgeschichte, daher kannst du diesen Einwand getrost ignorieren. Aber insgeheim fragst du dich das auch. Warum dann nicht darüber philosophieren? Du könntest also auch eine ausschweifende Version angehen. Das wäre mein Ansatz gewesen. Kann aber auch schiefgehen. Da müsstest du für mehr als ein paar Minuten oder Absätze vom Protagonisten ablenken. Wert wäre es den Versuch allemal.
Da ich neben meiner Leidenschaft für das Schreiben in erster Linie Ingenieur bin, hast du absolut Recht: Die Fragen stelle ich mir wirklich. Und ja, dass ich sie hier nicht beleuchtet hab, liegt in der Natur der Kurzgeschichte. Mein Fokus bei diesem Text lag bei der Erkundung eines beschränkten Bewusstseins. Wie erkundet es seine neue Realität und sich selbst. Wann kommt es an die Grenzen, wann beginnt ein Prozess der Abstoßung. Ich denke nicht, dass ich in dieser Geschichte diese Fragen erkunden werde. Aber vielleicht ist das ein guter Startpunkt für eine Fortsetzung oder eines größeren Projektes. Mal schauen, wie da meine Motivation aussieht.

Zusammengefasst: Deine Geschichte hat mir als Idee und deren Ausformung sehr gefallen. Das ist zu hundert Prozent mein Ding.
Jetzt zum Salz in der Suppe: Die Zeichensetzung in deinem Text bedarf noch einiger Aufmerksamkeit. Da wird der Lesefluss von Beginn an auf eine harte Probe gestellt. Da musst du noch mal ran.
Erneut ein großes Danke in deine Richtung. Es freut mich, dass ich da deinen Geschmack getroffen habe. Was die Satzzeichen angeht, muss ich eingestehen, dass hier wohl noch mein größtes Verbesserungspotenzial liegt. Ich muss mir da noch mal ein paar Grundlagen anlesen. Vielleicht hilft da der Post von @TeddyMaria ein wenig. Der kommt direkt als nächstes.

Viele Grüße,
Ben

Danke @TeddyMaria für die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Text. Ich hab gerade mit der Korrekt (also dem zweiten Teil deines Kommentares) angefangen. Daher nehme ich den mal vorweg:

Generell habe ich ein Problem damit, in der wörtlichen Rede Wörter abzukürzen. Wie soll das gehen? Aber auch sonst würde nach "Nr." ein Leerzeichen kommen. Also, wenn ich es schreiben müsste, würde ich es so schreiben: "Starte KNK-Befragung Nummer 1." Meinetwegen geht auch: "Starte KNK-Befragung Nr. 1." Aber das Leerzeichen vor der Zahl ist notwendig. Kannst Du direkt im gesamten Text korrigieren.
Ja, ein Punkt bei dem ich mir auch unsicher war. Ich finde deine Lösung aber gut, und würde diesem Weg folgen.

Noch etwas, das Du im gesamten Text korrigieren solltest, sind die drei Punkte. Wenn nicht das Wor... sondern der Satz abgebrochen wird ..., dann kommt ein Leerzeichen vor die drei Punkte. Kannst Du überall korrigieren.
Danke für den Hinweis, ist angepasst.

Hier bin ich gestolpert: Katherina hat erst eine Frage gestellt, trotzdem beschließt Karl, sich zu bemühen, "die Fragen" (Plural) ehrlich zu beantworten. Da stimmt doch was nicht.
Jetzt könnte man argumentieren, dass Katherina mit dem Begriff "Befragung" anfing, aber das wäre tatsächlich kleingeistig. Denke auch, dass Karl noch nicht genau sagen konnte, worauf all das hinauslief. Hab daher deine Empfehlung übernommen und das Plural raus genommen.

Huh, sechsmal in zwei Abschnitten wird "Ich denke" verwendet. Ich habe jetzt zwar wegen des wiederholten Zeichensetzungsfehlers verstärkt drauf geachtet, aber ich behaupte trotzdem, dass das echt oft ist. Außerdem müsste nach jedem "Ich denke" ein Komma folgen. Danach kommt nämlich immer ein weiterer Hauptsatz, z.B. "Der Ballon hat die Form eines Teddybären." Beides, "Ich denke" und "Der Ballon hat die Form eines Teddybären" sind einwandfreie Hauptsätze (sie enthalten Subjekt und Prädikat, und das Prädikat steht jeweils an zweiter Stelle des Satzes), deshalb müssen sie voneinander mit einem Komma getrennt werden.
Argh ... Das sind natürlich genau die Fehler, die weh tun. Ich habe die Wiederholung ein wenig entschärft. Das sollte auch die Lesbarkeit erhöhen.


Noch ein inhaltlicher Stolperer: Ein kleiner Bär ist also ein Teddybär? Das stimmt meiner Ansicht nach nicht. Wenn der Ballon die Form eines realistischen Grizzly-Bären hätte, wäre es ja kein Teddybär, nur weil er nicht drei Meter hoch ist. Die Proportionen unterscheiden nach meinem Empfinden einen Bären von einem Teddybären, nicht die Größe. (Andersherum: Wenn ich einen drei Meter hohen Teddybär habe, wird daraus kein Grizzly. Ich muss es wissen, ich bin schließlich selbst eine Teddybärin.)
Richtig ist, dass Katherina natürlich nicht ohne weiteres wissen kann, dass ihr Vater hier einen Teddybären sieht. Aber sie hat instinktiv bereits eine Vorahnung. Später in der Geschichte erfährt man ja, dass es sich hier um ihren Teddybären gehandelt hat. Ich bin hier bewusst mit dem Gedanken reingegangen, dass Katherina ebenso ein Trauma aus dem Tod ihres Vaters mitgenommen hat, wie dieser selbst. Sie ahnte also schon, welche Erinnerung ihr da gerade genannt wird. Daher kam instinktiv die Frage nach dem "Teddybären", an den sie sich selbst noch allzu gut erinnert.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Bindestrich - und dem Gedankenstrich –. Ein Gedankenstrich ist das, was hier richtig wäre.
Ok, habe ich jetzt angepasst. Für die Zukunft muss ich mir auf der Tastatur aber die Kombination für den Gedankenstrich raussuchen. Die wüsste ich jetzt nicht spontan.

So, ich hoffe, die Korrekturhinweise helfen Dir weiter, auch den restlichen Text auf Zack zu bringen.
Ich bin dir massiv dankbar für deine Korrekturen. Ich habe direkt zwei, drei gute Ratschläge mitgenommen. Deine Korrekturen wurden direkt eingearbeitet. Und ich merke: Kommasetzung ist nach wie vor mein Feind. Obwohl ich dachte, ich wäre ihn los ...

Gut, jetzt zur inhaltlichen Auseinandersetzung:

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass mir die Geschichte vom Aufbau her sehr gut gefällt. Besonders in der Perspektive des Vaters finde ich herausragend, wie Du das assoziative Wiedererinnern mit der Funktionsweise eines Computers kombinierst. Wie er seine Tochter erkennt, die Bewertungen durch die Maschine, die Anfälle – das finde ich extrem stark.
Danke. Ich hatte auch Spaß an der Idee, dass Karl hier über die Geschichte hinweg langsam einen Dialog mit der "Vermittlungs-KI" beginnt. Es sollte ein schleichender Prozess sein, daher habe ich das "<<korrekt>>" und "<<fehler>>" langsam eskalieren lassen. Bis hin zu dem Punkt, wo es sogar in seine Aussprache eingreift.

Tatsächlich bin ich fast ein bisschen traurig, dass Du diese Perspektive nach der Hälfte der Geschichte verlassen hast. Klar, aus der Perspektive der Tochter wird dann alles "erklärt". Ich wäre mir aber gar nicht sicher, ob die Geschichte das nötig hat und ob sie nicht stärker wäre, Du würdest bei Karl und der Maschine bleiben, ihn diese Geschichte durchleben und deuten zu lassen. Vielleicht ist das ein Gedanke, dem Du eine Chance geben möchtest. Nur so eine Idee von mir als Leserin ...
Die Diskussion hatte ich auch schon mit meiner Frau. Ja es hätte seinen Charme die Perspektive von Karl nicht zu verlassen, aber die stetige Eskalation hat aus meiner Sicht keine andere Wahl gelassen. Wenn ich die Kurzgeschichte zu einem größeren Projekt ausbauen würde, könnte ich den Prozess der Eskalation weiter herauszögern, und dadurch mehr mit der Perspektive von Karl experimentieren. Aber das ist ein sehr großes "wenn".

Zwei inhaltliche Schwierigkeiten habe ich dann nämlich, sobald Du in die Perspektive der Tochter gehst. Sind nur Leseeindrücke von mir: Vielleicht kannst Du etwas damit anfangen, vielleicht auch nicht. Es ist mir aber aufgefallen, und ich halte mich da einmal nicht zurück. Erstens: Katherinas Rolle im Unternehmen der Eltern.

Mir wird nicht klar, welche Rolle sie im Unternehmen spielt oder welche Qualifikation sie hat. Wenn ich an die Zukunft denke, dann hoffe ich, dass wir uns nicht in einer Welt befinden, in der ein Job einfach von der Mutter auf die Tochter übergeht, ohne dass es dafür einen anderen Grund gäbe, als dass sie die Tochter ist. Ein bisschen so klingt das hier für mich aber:

Katherina übernahm die Leitung der Firma und die Befragungen. Sie hatte sich nicht ein Mal die Zeit für das Trauern nehmen können. Es ging einfach alles viel zu schnell.
Gut möglich, dass die Tochter das Familienunternehmen erbt, oder so. Aber dann ist sie doch die Chefin und müsste entscheiden können, wann die Forschung in einem nicht sehr hoffnungsvollen Nebenprojekt, das die letzten Jahre sowieso nur so nebenher lief, weitergeht.
Der Gedanke war tatsächlich, dass Katherina hier ein erfolgreiches Familienunternehmen geerbt hat. Sie hat also durchaus die Kompetenzen die Forschung abzubrechen, und das macht sie am Ende ja auch. Das sie so lange für diese Entscheidung benötigt, hat aus meiner Sicht mehrere Gründe: Zum einen, brauchte sie eine Weile um sich erst mal einen Überblick zu verschaffen. Zum anderen, ist dieses Projekt der Herzenswunsch ihrer Eltern gewesen. Sie müsste also ihren Vater und dessen Vermächtnis zu Grabe tragen. Eine harte Entscheidung. Vielleicht könnte ich das mit dem Erbe und ihren inneren Konflikt klarer herausbringen. Da muss ich noch mal drüber nachdenken.

Außerdem: Wenn sie qualifiziert ist, diese Befragungen durchzuführen, dann muss ihre Mutter sie da doch herangeführt haben. Hat sie aber anscheinend nicht. Das ist doch ... komisch. Mehr noch: Vielleicht könnten andere Leute die Befragung durchführen, die gerade nicht in Trauer sind und denen das gerade "alles viel zu schnell geht". Und die vorher schon einmal dabei waren, wenn die Mutter das gemacht hat. Dieser Absatz liest sich für mich so, als MÜSSTE Katherina den Posten ihrer Mutter direkt nach ihrem Tod übernehmen. Obwohl sie diese Aufgabe vorher nie ausgeführt hat, obwohl das Projekt sowieso feststeckt und es deshalb keinen Zeitdruck geben dürfte. Und obwohl es so wirkt, als wäre Katherina die Chefin. Für mich ergibt das an vielen, vielen Ecken keinen Sinn, wenn ich ehrlich bin.
Ich gestehe ein, dass Katherinas Rolle vor dem Tod ihrer Mutter nicht klar ist. Es ergibt Sinn, dass sie damals bereits von dieser eingearbeitet wurde. Das Projekt KNK wäre dann aber allein in der Verantwortung der Mutter gewesen. Da hätte sie Katherina wohl nicht herangelassen. Der Grundgedanke war: Die Befragung muss durch eine Person vollzogen werden, der Karl nahe stand. Schlicht, um überhaupt eine Reaktion seines Bewusstseins hervorzubringen. Vermutlich muss ich auch hier noch den einen oder anderen Absatz als Erläuterung spendieren.

Der zweite Punkt betrifft die Motivation des Vaters:

Es war einst der Traum ihres Vaters und ihrer Mutter. Das Bewusstsein eines Menschen in eine künstliche Hülle zu transferieren. Das würde ewiges Leben bedeuten. Es wäre revolutionär. Die größte Errungenschaft der Menschheit, ein Milliardenpatent für ‘Friedmann Technologies’.
Okay, ich halte fest: Das menschliche Bewusstsein nach seinem Tod in eine künstliche Hülle zu übertragen und damit praktisch wiederzuerwecken, ist der Lebenstraum der Eltern. Das, wofür sie arbeiten. Dafür haben sie sich abgerackert, davon haben sie geträumt. Wenn diese Entdeckung gelingt, hat die Familie ausgesorgt. Und Karl wäre unsterblich. Und dann:

“Es ist ok meine Kleine. Ich bin stolz auf dich.”
Da war er wieder. Karl Friedmann, ihr Vater. Ein kurzes Aufblitzen seines Wesens.
Nachdem er Mühe hat, sein Bewusstsein zusammenzukriegen, ist Karl plötzlich ganz klar. Ganz der Alte. Der mit dem Lebenstraum und dem Familienunternehmen, wir erinnern uns. Und der schmeißt, ohne jeden Widerstand, diese einmalige Chance, diese wissenschaftliche Sensation über Bord.

Sorry, aber das macht mich als Leserin ein bisschen wütend. Ich finde das inkonsistent und viel zu einfach, als wolltest Du zügig zum Ende kommen. Klar, Du sagst, er leidet, aber eigentlich leidet er doch darunter, nicht ganz klar zu sein. Und dann IST er klar und kann in einer Sekunde entscheiden, dass sein Lebenstraum es nicht wert ist. Er zögert nicht einmal einen Moment. Gar nicht. Dabei geht es ja nicht nur um ihn und seine Unsterblichkeit und sein Lebenswerk, sondern auch um das Vermögen seiner Tochter. Also, ich finde, er hat sich echt nicht genug angestrengt.

Und ich fände es spannender, wenn er an dieser Stelle wirklich strugglen würde. Wenn beiden diese Entscheidung schwerfallen würde. Ich meine, auch Katherina wirft einen Lebenstraum weg und tötet praktisch ihren Vater, wirft alle Hoffnung weg, dass er weiterleben kann. Ich finde, bei beiden könnte der Kampf stärker sein. Ich sage nicht, dass sie sich nicht so entscheiden sollen. Aber ich sehe keinen Grund, aus dem ihnen das so leichtfallen sollte.
Ich gestehe, dass ich mit dem Ende auch selber nicht zu 100% zufrieden bin. Ich empfinde es auch als "zu flott", aber aus leicht anderen Gründen. Aber gehen wir das kurz mal durch:
Katherina fällt es massiv schwer das Projekt zu beenden. Genau diesen inneren Konflikt bekomme ich vermutlich noch stärker herausgebildet. Vor allem, weil sie natürlich auch quasi ihren Vater zusammen mit dem Projekt zu Grabe tragen muss.

Was Karls Bewusstsein angeht: Ja, es war sein Traum, dieses Projekt zu einem Erfolg zu bringen. Aber die ersten drei Sitzungen zeigen bereits das Problem. Karl selber fällt es immens schwierig seinem "Geist" wieder eine freie Entfaltung zu geben. Es ist ein Kampf, und obwohl ihm das vielleicht nicht voll bewusst ist, einer, den er immer wieder über Jahre führen musste. Erst durch die Befragung seiner Tochter, konnten erste Ergebnisse erzielt werden, aber auch diese scheitern an einem Punkt: Der Verstand möchte nicht begreifen, in welcher neuen Realität er sich befindet. Der eigene Körper ist weg. Wo vorher Fleisch, Muskeln und Nervenbahnen den Takt angegeben haben, befinden sich jetzt nur noch Sensoren, Aktoren und Leiterbahnen. Der Stress aus diesem Kampf mit der neuen Realität erzeugt die gezeigten Fehlerzustände.
Ja, Karl bekommt für einen kurzen Moment wieder die Oberhand. Kann sich quasi zusammenreißen, um seiner Tochter das ok zu geben. Ihm wird klar, eben auch durch seine Tortur, dass sein alter Traum einen Fehler beinhaltet hat: Der menschliche Geist lässt sich nicht durch die Technik bannen oder beschränken. Er sucht einen Ausweg - tobt gar - und quält sich. Der Tod ist hier der Frieden, den er sucht.

Ja - all das könnte ich deutlicher herausbringen. Aber dann müsste ich vermutlich eine ganze verfluchte Menge anpassen. Ich denke, ich werde über Katherinas Konflikt noch mal nachdenken, und hier etwas anpassen. Bzgl. Karls Innenleben bin ich aber skeptisch. Das wäre dann eher etwas, für die XXL-Fassung dieser Geschichte.

Alles in allem, aber ein großes Danke für dein Feedback. Du hast dir wirklich viel Mühe gegeben, das ehrt mich. Muss direkt sagen, dass ich mich dadurch im Forum sehr willkommen fühle. Ich werde meine nächste Geschichte erst mal nach hinten schieben. Zum einen gibt es hier noch ein paar mögliche Überarbeitungen und zum anderen, will ich mir ein Beispiel an euch nehmen und mein Feedback für andere Geschichten ausbauen. Vielleicht kann ich dann ähnlich hilfreich werden. :)

Vielen Grüße,
Ben
 
Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
253
Hi @Ben Camp ,

ich habe deine Geschichte schon vor einigen Tagen gelesen, hier also noch ein Feedback:

Die Idee wird für mich dadurch sehr interessant, da es bei dem "Wiederbelebungsversuch" um den Vater von Katherina geht. Das hat dann emotional natürlich eine ganz andere Wirkung als wenn es ein anonymer Proband wäre.

Und sehr gut und teilweise gruselig sind die Interviewszenen! Neben der Grundidee ein guter Einfall, diese Handlung zu erzählen.

Auch für mich hätte die Geschichte noch deutlich mehr Wirkung, wenn du den gesamten Inhalt auf diese Art erzählst, als Dialog zwischen Tochter und "Vater". Es ist m.E. möglich, sämtliche relevante Inhalte daraus hervorgehen zu lassen, macht das ganze m.E. spannender, als wenn die Interviews unterbrochen werden durch den doch sehr allgemein erklärenden Teil.

Aber auch hiermit gut gelungen, der Text hat mich von Anfang an mitgenommen.

Viele Grüße,
Rob
 

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