Blödmann, komm da runter
Es war kurz vor Mitternacht. Draußen tobte ein Sturm und der Regenergoss sich wie aus Kübeln. Erneut ging ich zum Fenster und versuchte durch die nassen Scheiben etwas in der Dunkelheit zuerkennen. Django, mein roter Kater, war noch nicht vom Freigang zurückgekehrt. Vielleicht hat er sich in der Scheune vor dem Regen gerettet, versuchte ich mich zu beruhigen. Im Garten bogen und ächzten die großen Birken unter der Wucht der Windböen.
„Mist.“, murmelte ich halb besorgt halb ärgerlich, während ich meine Jacke anzog. Der Wind erfasste die Haustür und schleuderte mich fast wieder zurück in den Flur. Noch keinen Schritt draußen und schon halb durchnässt.
„Verdammtes Mistwetter! „Django … Djangooooo …!“ schrie ich gegen den Wind an. Der Bach war ums dreifache angestiegen. So fühlte sich vermutlich der Beginn der Sintflut an.
„Djangoooo…!“
Wie eine Irre rannte ich durch den Garten und schrie. Die Nachbarn werden denken – ach egal. Stopp. Was war das?
„Django? Wo steckst du, Junge?“ ich lauschte angestrengt. Ich hörte ihn,konnte ihn aber nicht orten.
MIAUUUUU.
Hektisch lief ich hin und her. Kein Kater zu sehen. Ich brauche einen Plan. Konzentriere dich Valerie. Der Kater schrie nun lauter. Nachdem ich über eine halbe Stunde erfolglos den Kater suchte, musste ich mir etwas einfallen lassen.
„Keine Sorge Django, ich hole Hilfe. Wolfgang muss her.“ ich sah zum Nachbarhaus. Alles dunkel. Natürlich. Die Leute schlafen Nachts um null Uhr.
Nachdem ich Sturm-geklingelt habe, hörte ich Schritte im Flur.
„Was zum Henker … wer ist da?“
„Du musst mir helfen!“
Die Tür ging abrupt auf: „Hast du mal auf die Uhr geschaut?“
„Keine Zeit. Komm jetzt.“
„Ich kann für dich nur hoffen, dass es irgendwo brennt.“ Wolfgang zog seinen Bademantel fester und folgte mir.
„Kannst du ihn hören?“
„Den Wind?“
„Den Kater.“
„Psst… da, da oben im Baum.“
„Oh,so weit oben.“
Django saß in sechs Meter Höhe auf einem dünnen Ast, der jeden Augenblick unter der Last zu brechen drohte.
„Djangooo,kooooomm, bitte, komm zu Mami...“, flötete ich mit ersterbender Stimme.
Wolfgang trat neben mich, legte den Kopf in den Nacken und kniff die Augengegen den Starkregen zusammen. „Hey, Blödmann!“, brüllte er in die Krone. „Was machst du da oben? Komm da runter, aber fix!“
„Das mag er nicht“, zischte ich und sah vorwurfsvoll zu Wolfgang hinüber. Sein karierter Bademantel klebte ihm bereits wie eine zweite, klatschnasse Haut am Körper.
„Ich mag auch nicht im Regen hier stehen“, knurrte er, während ihm der Regen von der Nasenspitzetropfte.
„Ich rufe die Feuerwehr.“
Kurze Zeit später rückte die Freiwillige Feuerwehr an. Natürlich mit Blaulicht. Aus Rücksicht vor der schlafenden Gemeinde wurde zumindest auf das Martinshorn verzichtet. Doch das Blaulicht blieb nicht unbemerkt.
„Wo ist er?“ einer der Männer trat auf mich zu, während sich die anderen beiden an der Leiter zu schaffen machten.
„Da oben“, ich zeigte auf die Baumkrone.
„Wir reden schon seit 'ner Stunde auf den Blödmann ein!“, beschwerte sich Wolfgang lauthals beim Einsatzleiter, während ihm das Wasser aus den Haaren in die Augen lief.
„Wolfgang, du übertreibst!“, zischte ich.
Am Zaun hatten sich, trotz Starkregen und später Stunde, bereits einige Schaulustige eingefunden … verdammtes Dorf!
„Na,noch nie eine Katze gesehen?“ Wolfgang war bereits sichtlich genervt.
„Katzen kommen normalerweise von selbst wieder runter.“
„Dieser nicht. Der ist doof.“
„Wolfgang!!“ zischte ich ihn an.
Der Einsatzleiter nickte professionell, als hätte er es jede Woche mit doofen Katzen zu tun. Er gab ein Zeichen, und die schwere Aluleiter wurde mit einem metallischen Klirren gegen den Stamm gefahren. Ein junger Feuerwehrmann, der sichtlich froh war, seinen Helm gegen denSturzregen aufzuhaben, begann behutsam den Aufstieg.
„Keine plötzlichen Bewegungen“, rief der Einsatzleiter nach oben. „Das Tier steht unter Schock.“
Gerade als die Hand des Feuerwehrmanns die Sprosse auf sechs Metern Höhe erreichte, tat Django das, was Katzen am besten können: Er ignorierte den Aufwand komplett. Mit der geschmeidigen Eleganz eines Raubtiers, das noch nie in seinem Leben Hilfe gebraucht hatte, drehte er sich um, balancierte über den Ast zum Hauptstamm und kletterte auf der Rückseite des Baumes seelenruhig nach unten.
Unten angekommen, schüttelte er sich kurz, lief schnurrend an Wolfgang im klatschnassem Bademantel vorbei und schlüpfte durch die Katzenklappe ins warme Trockene.
Am Zaun herrschte betretenes Schweigen.
Wolfgang starrte auf den leeren Ast, dann zur Haustür, und schließlich zumir. Er holte tief Luft, während ihm ein dicker Sturzbach von derStirn über die Nase lief.
„Ich hab's ja gesagt“, murmelte er mit kalter Stimme. „Der Kater ist nicht nur doof. Der Kater ist ein sadistisches Miststück.“
Er drehte sich schweigend um, klatschte in seinen nassen Hausschuhen durch den Schlamm davon und hinterließ mir eine Feuerwehr, eine amüsierte Nachbarschaft und die Gewissheit, dass mein Kater und ich im Dorf ab morgen ein ganz neues Gesprächsthema sein würden.
