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Bobs Frühling

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23.11.2016
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Bobs Frühling

Bob sprang aus seinem Multifunktionssessel und lief zur Tür, mit einer Beweglichkeit, die er vor langer Zeit das letzte Mal gespürt hatte. Endlich war sie da. Cindy. Der neueste Gesellschaftsroboter.
Drei Wochen lang Prospekte analysieren, über die Vor- und Nachteile von langen Haaren nachdenken, sorgfältig den Umfang der Oberweite und die Proportionen der Beine abwägen, die Augenfarbe, Lippenform, Nasengröße, Schuhgröße und andere Parameter bedenken, die er inzwischen wieder vergessen hatte, das alles war in sein Projekt des Jahres, vielleicht sogar seines Lebens geflossen.
Bob war die Lust auf echte Frauen endgültig vergangen, nachdem seine Chatpartnerin Luisa ihr Bild geschickt hatte und nicht das ihres Avatars. Er könnte sich heute noch übergeben, wenn er daran dachte, an den Sex mit dieser Person, diesem Etwas, der natürlich nur virtuell über den Sensor-Vibrator-Anzug 2000 geschehen war, denn allein der Gedanke an den Austausch echter Körperflüssigkeiten führte zu einer Art Schockstarre, aus der er nur erwachte, wenn Malcom, sein aktueller Haushaltsroboter, ein Antitraumamittel spritzte.
Malcom war eine gute Investition, über die er sich fast täglich freute, und die ihm vor Kurzem wieder einmal das Leben gerettet hatte, nachdem Bobs Herzattacken in letzter Zeit häufiger wurden. Es war weise gewesen, Malcom mit der Medizinausstattung 5.0 zu kaufen, auch wenn er dafür sein Haus verkaufen musste und schweren Herzens in das altersgerechte Appartement Zen im Tower der kinderlosen über Achtzigjährigen gezogen war.
Die Wohnung war winzig, ohne Balkon, geschweige denn mit Garten, aber der integrierte Wandschrank mit der Ladefunktion für Haushaltsroboter und die maßgefertigte Küche überzeugten Bob damals. Seit dem Einzug war er kein einziges Mal an der frischen Luft gewesen. Und das war inzwischen über drei Jahre her.
Für ihn als Ingenieur, der praktisch sein ganzes Leben mit der Entwicklung von Robotern verbrachte, war das die ideale Umgebung. Das dachte Bob zumindest anfangs, aber seit einer Weile fühlte er sich einsam. Trotz des anhaltenden Ekelgefühls fehlten ihm die langen Gespräche mit Luisa, die Momente, in denen sie virtuell ihre Lieblingsserie gemeinsam ansahen. Das Lachen. Er konnte es noch hören. Es war zwar manchmal schrill, aber auch warm und herzlich.
Die einzigen Geräusche, die Bob jetzt umgaben, waren die von Malcom. Sein Kettenantrieb quietschte schon eine ganze Weile, aber Bob konnte sich nicht aufraffen, ihn zu ölen. Wozu auch? Im Labor hatte immer irgendetwas gequietscht. Es störte ihn nicht und außer ihm gab es niemanden hier.
Bob schlich um das Paket, das der Postbot mitten im Raum platziert hatte und sagte zu Malcom:
»Öffne das Paket.«
»Okay.« Malcom fuhr eine kleine Schere aus seinem Multifunktionsarm heraus und zerschnitt den Klebstreifen oben auf der Verpackung.
Bob stand neben Malcom, leicht nach vorne gebeugt, um sicherzugehen, dass Malcom nichts beschädigte. Er schüttelte den Kopf. »Alles Hightech, aber das verdammte Paketklebeband gibt es immer noch.«
»Okay«, tönte Malcom.
»Bist heut wieder super gesprächig, was?«
»Soll ich das neue Gesprächsprogramm laden?«
»Mach endlich die Kiste auf!«
»Kiste. Okay.«
Malcom fuhr die kleine Schere ein und rollte rückwärts in Richtung einer Holzkiste, in der Bob Erinnerungen aus seinem Haus aufbewahrte.
Bob hob die zittrigen Hände und fuchtelte mit ihnen, als ob er einen Schwarm Bienen verscheuchen wollte. »Das Paket sollst Du öffnen. Paket
Malcom drehte um und fuhr quietschend in Richtung Paket zurück, blieb aber an einem Hausschuh hängen, den Bob am Morgen nach Malcom geworfen hatte. Nach einem langwierigen Ausweichmanöver war Malcom am Paket angelangt, das ungefähr einen halben Meter hinter dem Schuh lag. Die Schere fuhr diesmal langsamer aus und kurz bevor sie ihre Endposition erreichte, fing auf Malcoms Oberseite ein kleines oranges Licht an zu blinken.
»Batterietest. Berechne Restenergie. Energie reicht nicht zum Öffnen des Pakets. Kehre in Ladestation zurück.«
Bob schnaufte, beugte sich nach unten, schnappte den Hausschuh und warf ihn mit aller Kraft hinter Malcom her, der allerdings im Wandschrank verschwunden war, bevor ihn der Schuh erwischen konnte.
Nach längerer Suche in der Holzkiste fand Bob schließlich das Schweizer Armeemesser seines Großvaters, mit dem dieser angeblich eine selbst gefangene Forelle zerlegt hatte. ›In einem Fluss? Kannst du dir das vorstellen?‹, hatte er Luisa ungläubig erzählt und Luisas Avatar, eine dunkelbraune, schlanke, asiatische Schönheit in den Zwanzigern, riss ihre Mandelaugen so weit auf, dass Bob für einen Moment glaubte, in ihre Seele blicken zu können. Bob musste über sich selbst lachen. Als ob ein Avatar eine Seele hätte.
Die Klinge des Messers war rostig, aber scharf genug für das Klebeband. Bob setzte sich mit knackenden Knien neben das Paket. Es kam ihm wie sein erster Schultag vor. Freudig erregt, aber doch ein wenig ängstlich, wie die Klassenkameraden sein werden.
Endlich. Das Paket war offen, die oberste Schicht Styropor entfernt, die Plastikfolie abgezogen. Er stand auf. Da lag seine Cindy. Die Mandelaugen offen, das braune Haar schulterlang. Glatte Haut, volle Lippen. Nur das Kinn, das gab es einfach nicht mit dieser neckischen Zuspitzung, wie es bei Luisas Avatar der Fall war. Bob strich mit seinen faltigen Fingern über Cindys Wangen und knetete die Brüste. Wow, was das wohl für ein Material ist? Da haben die echt Fortschritte gemacht.
Die Betriebsanleitung brauchte Bob nicht.
»Cindy! Aufwachen!«
Nichts passierte.
»Cindy! Aufwachen!«, rief Bob energisch.
Malcom piepste und fuhr aus der Ladestation: »Bob. Bitte hinsetzen. Der Blutdruck ist zu hoch.«
»Ich bin kein Kind.«
»Nein, Bob. Bitte hinsetzen. Der Blutdruck ist zu hoch.«
»Geh mir aus dem Weg.«
Bob schnappte die Betriebsanleitung und begann zu lesen, während Malcom zum Medizinschrank fuhr. Für die Inbetriebnahme las Bob, als er einen Schmerz im Hintern spürte und kurz aufschrie: »Verdammt! Malcom! Muss das sein?«
»Bob. Bitte setzen. Blutdruck zu hoch. Die Spritze sollte gleich helfen.«
Bob ließ sich mit einem Seufzer in den Multifunktionssessel fallen. Er blickte aus dem Panoramafenster und die Augen sprangen von einem Hochhaus zum nächsten, während er mitzählte und mit der rechten Hand an dem Medizinarmband spielte, das alle wichtigen Körperparameter überwachte. Als er bei dem zweiunddreißigsten angelangt war, sagte Bob: »Blutdruck wieder normal.«
»Na dann. Malcom, verbinde dich mit Cindy!«
»Verbindung nicht möglich. Benötige Update.«
»Dann mach das verdammte Update.«
»Update nicht möglich. Updateserver vorübergehend nicht erreichbar.«
Bob rollte die Augen und schnaufte tief durch: »Hauscom. Aktiviere Pairing mit neuem Gerät Cindy
»Benötige Retinascan.«
Aus dem Multifunktionssessel fuhr eine Scaneinheit heraus und schob sich langsam vor Bobs Auge. Er versuchte, still zu halten, hielt die Luft an, aber sein Lid zuckte.
»Bitte nicht blinzeln. Starte Retinascan erneut.«
Seine Finger trommelten auf der Armlehne, während er die Augen aufriss.
»Pairing erfolgreich. Soll ich den Lebensfaden synchronisieren?«
»Erlaubnis gewährt, aber ohne Thema Luisa
»Synchronisierung läuft. Restzeit fünf Minuten.«
Wow. Wie schnell. Bei Malcom hat das fast zwei Tage gedauert. Kaum ist man drei Jahre weg, verbessert jemand drastisch mein entwickeltes Interface. Bob gähnte, versank in seinen Erinnerungen und nickte ein.

»Hallo Bob!« Er schlug schlagartig die Augen auf und zuckte zusammen, als er in zwei dunkle Mandelaugen starrte. »Ich bin Cindy. Deine neue Freundin. Was möchtest du tun?«
»Äh ...«
»Willst du etwas essen? Es ist schon spät und Malcom hat das Abendessen zubereitet. Ich leiste dir gerne Gesellschaft.«
Bobs Mund stand offen. Er starrte in ihre Augen und suchte nach etwas Elektronischem, nach einer LED, einem Chip, irgendetwas Künstlichem, aber es war nichts zu sehen, nur dunkle Pupillen, dunkelbraune Iris und weiße Augäpfel, in denen sogar kleine rote Adern verliefen. Sein Blick wanderte abwärts, zu den rot geschminkten, vollen Lippen, glitt übers Kinn, stieg den Hals hinab, umrundete die Brüste und wogte kurz synchron mit dem atmenden Brustkorb, suchte den Bauchnabel unter dem enganliegenden Oberteil, folgte der Rockfalte zwischen den Oberschenkeln und tastete die schwarzbestrumpften Beine bis zu den Stöckelschuhen ab.
Ein Spuckefaden hing an Bobs Mundwinkel.
Malcom piepste. »Bob. Der Blutdruck ist zu hoch.«
»Lass ja die Spritze im Schrank! Wir haben eine Lady im Haus. Aber was für eine!«
»Das ist aber ein schönes Kompliment, Bob. Dein Blutzuckerspiegel ist niedrig und dein Herzschlag schnell. Du solltest etwas essen. Ich möchte dir Gesellschaft leisten.«
»Hast du gehört Malcom? So spricht man mit mir. Also. Essen. Was gibt es?«

Cindy saß auf einem Holzstuhl, den Bob direkt neben seinen Multifunktionssessel gestellt hatte, damit sie abends gemeinsam Filme ansehen konnten. Nach der anfänglichen Euphorie, in der Bob fast den ganzen Tag mit Cindy gesprochen und sich gefühlt hatte wie ein Teenager, waren die Gespräche immer wortkarger geworden. Bob starrte auf das Panoramafenster, das auch als Bildschirm für einen Kinofilm diente. Irgendeiner flog mit einem Minijet durch eine Stadt und jagte einen Bösewicht. Denen fällt nichts Neues mehr ein.
Bob drehte den Kopf zur Seite und ließ seinen Blick auf Cindys Oberschenkeln ruhen. Er hatte einen extra kurzen Rock liefern lassen und am Rocksaum blitzte die Spitze ihrer halterlosen Strümpfe hervor. Warum eigentlich nicht?
Er ging zur Holzkiste, kramte zwischen den Sachen herum und fand schließlich eine zerdrückte Papppackung für Medikamente, zog an dem Tablettenstreifen, drückte eine kleine, blaue Tablette heraus, schluckte sie gierig und setzte sich wieder in den Multifunktionssessel. Es dauerte nicht lange. Bob grinste, drehte den Kopf zu Cindy, die immer noch auf den Film starrte. Er legte seine Hand auf ihren Oberschenkel und streifte sanft die Innenseite.
»Komm!«
Cindy stakste ungelenk in den Stöckelschuhen hinter ihm her.
»Setz dich!«
Cindy setzte sich neben ihn. Bob zog die Hose aus und warf Cindy auf den Rücken. Ungeduldig riss er das teure bisschen Stoff zwischen ihren Beinen runter, legte sich auf sie und versuchte einzudringen. Es ging nicht.
»Für Geschlechtsverkehr wird das Gleitmittel B-23 benötigt«, sagte Cindy.
»Malcom! Bring das B-23-Zeug!«
Bob lag neben Cindy, lauschte dem Quietschen und schnaufte tief durch, als Malcom endlich näherkam.
Das Gleitmittel roch nach Desinfektionsmittel. Er legte sich wieder auf sie. Ganz schön weit. Sein Becken ging auf und ab, während Malcom zurück zur Ladestation quietschte. Cindy starrte an die Decke. Bob schwitzte und ihm wurde schwarz vor Augen. Schließlich rollte er sich auf den Rücken.
»Setz dich drauf!«
»Worauf soll ich mich setzen, Bob?«
Kopfschüttelnd zeigte Bob mit beiden Händen auf sein Glied, das tablettengestählt emporstand.
»Dafür ist das Standard-Geschlechtsverkehr-Programm nicht ausgelegt.«
»Dann eben von hinten.«
»Wie geht von hinten
»Du musst dich hinknien.«
Cindy kniete sich hin. Ihre Oberschenkel hatte er extra lang bestellt. Zu lang. Bob packte die Wut. Er hielt sich an Cindy fest, zog sich ein wenig hoch und stieß so kräftig er konnte. Sein Glied schmerzte und trotzdem drang er nicht ein.
»Mach dich ein wenig kleiner!«, ächzte Bob.
»Dies ist bei der gewählten Beinlänge nicht möglich«, sagte Cindy.
Bob schrie kurz auf und bekam plötzlich keine Luft mehr. Malcom fing an zu piepsen und fuhr schnell los.

Das erste, was Bob wahrnahm, als er wieder zu sich kam, war ein Medbot, der surrend in dem Gang vor dem Krankenhausbett entlangfuhr. Auf kurzer Distanz hing ein riesiger Monitor, der seinen Namen zeigte. Plötzlich erschien ein Livestream.
»Guten Tag, Bob Brandt! Schön, dass Sie aufgewacht sind. Sie hatten einen kleinen Herzinfarkt. Nichts Schlimmes. Wir haben das im Griff. Wie fühlen Sie sich?«
»Ganz gut, denke ich«, nuschelte Bob.
»Schön. Sie bekommen einen neuen Medikamentenplan. Den schicken wir an Ihren Hauscom. Außerdem sollten sie ein Fitnessprogramm durchführen.«
»Fitnessprogramm? Laufen? An der frischen Luft?«
»Nein, nein. Nur ein wenig Gymnastik. Drinnen.«
»Ach so. Mir tut es auch hier weh.« Bob zeigte auf sein Genital.
»Tut mir leid. Sie haben nur die Basisversicherung. Ich bin kein Arzt und das Medprogramm ist für solche Art von Beschwerden nicht ausgelegt. Auf Wiedersehen.«
Bob starrte noch eine Weile auf den Bildschirm, bevor er versuchte, sich in eine andere Sitzposition zu bringen, was ihm aber nicht gelang. Sein Hintern schmerzte. Es fühlte sich an, als ob Malcom ihm eine ganz Armada von Spritzen gegeben hatte. Er wollte gerade zu dem Glas mit Wasser greifen, als auf dem Monitor wieder der Mann auftauchte:
»Ihre Entlassungsuntersuchung hat gezeigt, dass Sie nach Hause können. Ein Transbot kommt gleich und fährt Sie zum Taxistand vor der Klinik. Vielen Dank für Ihren Aufenthalt.«

Es war ruhig, als Bob nach Hause kam. Cindy saß neben Malcom in ihrer Ladestation. Die Augen waren geschlossen. Malcom erwachte, nahm den kleinen Koffer, den Bob vor sich gestellt hatte, und zog ihn hinter sich her zum Schrank. Bob ließ seinen Mantel fallen, schlüpfte aus den Schuhen, schlurfte die fünf Schritte zu dem Multifunktionssessel, sank erschöpft hinein und stellt das Massageprogramm auf volle Leistung. Er starrte aus dem Fenster und zählte die Wolkenkratzer. Bei Nummer zweiundvierzig kam Malcom mit einem Glas Wasser und einem Schälchen Tabletten. Bob registrierte kurz, dass es nun doppelt so viele waren wie vor dem Herzinfarkt, nahm sie ein, erhob sich und ging zur Holzkiste.
Ganz unten am Boden fand er schließlich das alte Notizblatt. Vorsichtig entfaltete er es und starrte auf die von Kinderhand gemalten Figuren. Eine blonde Frau mit Rock, ein braunhaariger Mann und drum herum drei Kinder, die zwischen gelben Blumen standen, und alle lachten.
Das Bild stammte von Louis, dem Sohn seines ehemaligen Arbeitskollegen Manuel. Der hatte tatsächlich Kinder. Drei. Das muss man sich mal vorstellen. Was das kostete. Schließlich musste Manuel für jedes Kind Strafe zahlen. Eine hohe Strafe. Sie hatten ihn alle ausgelacht, wie er so blöd sein konnte, fast sein ganzes Gehalt für Kinder auszugeben. Bob war mal bei ihm zum Abendessen. Danach musste Hellen, Manuels Frau, doch tatsächlich das Geschirr abräumen und abspülen, weil kein Geld für eine Spülmaschine übrig war. Was für eine Zeitverschwendung. Nachdem alle in der Küche zum Aufräumen waren, hatte Bob auch mitgeholfen. Er erinnerte sich, wie die Kinder gelacht hatten, als er umständlich versuchte, ein Rotweinglas abzutrocknen und mit der Hand steckenblieb. Überhaupt war die ganze Familie sehr fröhlich gewesen. Manuel strahlte morgens immer, wenn er mit dem Fahrrad ins Labor kam, während Bob missmutig aus seinem autonom fahrenden Miniflitzer stieg. ›Was für ein schönes Wetter, ist das nicht herrlich?‹, sagte Manuel immer, egal ob es regnete oder die Sonne schien. Auf Louis’ Bild war auch Bob gemalt, ein wenig entfernt von der Familie. Wenn man genau hinsah, konnte man bei ihm eine Andeutung eines Lächelns erkennen. Bob starrte lange auf das Bild und es wurde ihm bewusst, dass ihn außer Manuels Familie nur Luisa zum Lächeln gebracht hatte.
»Zeit für deine Gymnastik, Bob«, sagte Cindy hinter ihm. Er drehte sich rum und starrte auf ihre Oberschenkel. Etwas Hautfarbenes lugte ein Stückchen unterm Rocksaum hervor.
»Was ist das?« Bob schob den Rock langsam nach oben.
»Das ist das Ergebnis einer Fehlfunktion im Reinigungsprogramm.«
»Was für ein Reinigungsprogramm?«
»Aus hygienischen Gründen ist nach jedem Geschlechtsverkehr eine Reinigung erforderlich. Malcom hat das Reinigungsprogramm durchgeführt. Aber Malcom hat einen Defekt.«
»Was für ein Defekt, Malcom?«
»Rohrreinigungsaufsatz defekt«, antwortete Malcom.
Bob erinnerte sich. Malcom hatte vor einiger Zeit den Duschablauf mit dem Rohrreinigungsaufsatz gereinigt. Er hätte diesen Aufsatz säubern müssen. Das war ihm aber zu eklig gewesen.
Er ahnte Schlimmes. Langsam schob er den Rock weiter hoch und zum Vorschein kam ein Gemisch aus Haaren, zerfetzten Hautimitaten und einer schmierigen, glibberigen Masse, die eindeutig aus dem Duschabfluss stammte und von der Stelle tropfte, an der einmal Cindys Vagina war. Es blitzten Teile von Cindys Becken hervor, das aus einer neuartigen und silbrig glänzenden Legierung gefertigt war. Bob atmete tief ein, doch der Gestank, den dieses haarige, schmierige Etwas verströmte, ließ die Tabletten wieder hochkommen und er übergab sich auf Cindys Schuhe.

Malcom hatte ganze Arbeit geleistet und alles wieder saubergemacht, sogar die Schuhe. Cindy saß fast nackt neben ihm. Rock und Strümpfe stanken so sehr, dass er sie wegwerfen musste. Die Hautimitate hatte Malcom mit seiner Multifunktionsschere sauber abgetrennt, sodass anstelle von Cindys Vagina ein faustgroßes Loch den Blick auf Drähte, Stäbe und Hydraulikelemente freigab. Cindy starrte auf den Panoramabildschirm, der den Wetterbericht zeigte. ›Morgen sonnig und Temperaturen um die 25 °C.‹
»Das wird echt schön morgen, Bob. Da können wir den ganzen Tag hier sitzen und nach draußen schauen.«
Bob sah auf den Boden. Aus dem Fenster starren. Wie Gregor, drei Wohnungen weiter. Der hatte auch nur noch aus dem Fenster gestarrt. Und dann? Dann hat er sich von seinem Haushaltsroboter die Spritze geben lassen. Diese verdammte Spritze, die jeder bekam, der über achtzig war, wenn er sie wollte. Von wegen wollen. Eigentlich wurde erwartet, dass man sich das Zeug spritzte, wenn man nicht mehr arbeitete und auch sonst nicht mehr nützlich war.
»Ich will lachen.«
»Soll ich einen Witz erzählen, Bob?«
»Nein. Bring mich zum Lachen!«
»Wie soll ich dich denn zum Lachen bringen?«
»Wie Luisa das gemacht hat.«
»Wer ist Luisa?«
Bob schüttelte den Kopf, knetete seine Hände und öffnete schließlich nach einer Weile sein Chatprogramm. Er klickte auf den einzigen Kontakt, den er hatte. Sofort prangte Luisas echtes Gesicht auf dem Panoramabildschirm und lächelte ihn an. Er sah lange in die blauen Augen und stellte erstaunt fest, dass ihm auf einmal die Falten in ihrem Gesicht sogar reizvoll vorkamen. Ihm gefiel diese faltige, lebendige Haut. Seine Augen folgten den Rundungen ihres Körpers und der Gedanke, sich daran zu schmiegen, sich in ihre Arme zu legen und Luisas Hände sanft auf seinem Körper zu spüren, brachte eine Sehnsucht hervor, die er nicht kannte, die er nie zugelassen, sondern wie in einem Tresor weggeschlossen hatte, damals, als er beschloss, keine Frau und keine Kinder zu haben, sondern sich der Arbeit zu widmen, wie es sich für einen guten Bürger gehörte.
Mit sehnsuchtsvollem Blick wählte er Luisa an.
Sofort erschien eine Art Durchfahrt-verboten-Schild und der Text: ›Dieser Nutzer hat Sie gesperrt. Eine Kontaktaufnahme ist nicht möglich.‹
Bob saß die ganze Nacht regungslos in seinem Multifunktionssessel neben Cindy. Am nächsten Morgen blinzelte er in den Sonnenaufgang, dessen Orangetöne einen warmen Frühlingstag ankündigten. Er sah nach links, aber der Stuhl war leer. Cindy war im Laufe der Nacht in ihre Ladestation zurückgekehrt.
»Hol mir die Spritze«, rief Bob.
Bob lauschte dem Quietschen von Malcom und beobachtete, wie die Sonne hinter einem Wolkenkratzer hervorkroch. Er spürte die Wärme der Sonnenstrahlen in seinem Gesicht, lächelte. Plötzlich sprang er auf, lief zur Kiste und holte das Armeemesser heraus.
Bob schnaufte, das Herz schlug schnell.
»Hauscom! Eine Angel bestellen. Zum Fischen!«
Im nächsten Moment stach ihn die Nadel einer Spritze.

 
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16.12.2020
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Hoi @Geschichtenwerker,

ein sehr unterhaltsames Lesestück, ohne Längen und mit einer guten Portion Humor. Die Beschreibung von Bobs Leben in der Zukunft ist Dir gut gelungen. Du hast einfach bestehende Konzepte einen Schritt weiter gedacht und in die Wirklichkeit geholt, das funktioniert und ist bei vielen Autoren gängige Praxis. Ich denke nicht, dass es es Deine Intention war, dem Leser neue Technologien vorzustellen und Ihn damit zu überraschen. Das musst Du auch nicht, denn Du zeigst schließlich eher die Auswirkung der Nutzung dieser technologischen Errungenschaften. Einerseits tust Du dies, dass Individuum betreffend, andererseits streifst Du gesellschaftliche Veränderungen. Die Kombination machts und sorgt für Unterhaltung. Eine genauere Beleuchtung dieser zukünftigen Veränderungen findet nicht statt und bringt den Leser dazu, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Das finde ich grundsätzlich nicht verkehrt, führt es in Deinem Fall doch dazu, dass dem Text eine gewisse Leichtigkeit erhalten bleibt.
Versuche ich nun das Thema der Geschichte zu ergründen, würde ich sagen, es geht um die Suche nach Wegen aus der Einsamkeit - gepaart mit einer Moral, die sich gegen Technologiegläubigkeit ausspricht. In etwa so: Ein erfülltes Leben durch Technologie ist nicht möglich. (Oder: Am Ende töten uns die Roboter.;))

Was mich gestört hat, war der Blick in Cindys Inneres. Bei einer so hochentwickelten Maschine, erwarte ich keine Zahnräder oder irgendwelches Gestänge zu sehen.

Die Sprizte die Bob am Ende von Malcom bekam, war mit einem einfachen Code zu erhalten, ohne dreimalige Rückfrage: Sind Sie sich sicher, dass Sie das wirklich tun wollen.
Das erschien mir zu unrealistisch.

Wie gesagt, für eine komische Geschichte funktioniert das alles ganz gut. Ich habe es gern gelesen.

Vielen Dank und schöne Grüße
Ebbe Flut

 
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23.11.2016
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Hallo @Ebbe Flut,

wir hatten noch nicht das Vergnügen und umso mehr freue ich mich über Deinen Kommentar, der nicht nur der erste unter meiner Geschichte ist, sondern auch von meinem bangen Warten erlöst:

ein sehr unterhaltsames Lesestück, ohne Längen und mit einer guten Portion Humor. Die Beschreibung von Bobs Leben in der Zukunft ist Dir gut gelungen.

Genau das war meine Absicht. Ein wenig unterhalten, ein wenig Humor, aber auch:

Das musst Du auch nicht, denn Du zeigst schließlich eher die Auswirkung der Nutzung dieser technologischen Errungenschaften. Einerseits tust Du dies, dass Individuum betreffend, andererseits streifst Du gesellschaftliche Veränderungen. Die Kombination machts und sorgt für Unterhaltung.

Mich freut es sehr, dass der Text bei Dir funktioniert hat. Das ist immer eine Gratwanderung. Gibt es zu viel Humor, dann nimmt man die Tragik nicht ernst und übertüncht das eigentliche Ziel, nämlich schon auch zum Denken anzuregen. Nimmt man den ganzen Humor raus, dann wird es sehr ernst und die Leichtigkeit geht verloren, die ich hier aber ganz bewusst haben wollte.

Bei Dir hat die Mischung wohl funktioniert:

Das finde ich grundsätzlich nicht verkehrt, führt es in Deinem Fall doch dazu, dass dem Text eine gewisse Leichtigkeit erhalten bleibt.

Hierüber muss ich noch ein wenig nachdenken:

Was mich gestört hat, war der Blick in Cindys Inneres. Bei einer so hochentwickelten Maschine, erwarte ich keine Zahnräder oder irgendwelches Gestänge zu sehen.

Das war schon Seitenhieb, in dem Sinne: Außen hui, innen pfui. Aber Du hast natürlich recht, dass zumindest Zahnräder eher anachronistisch sind. Beim Gestänge wäre ich mir nicht so sicher. Auch bei aktuellen Robotern sieht man "Gestänge".

Vielleicht bessere ich da noch ein wenig nach.

Auch hier muss ich vielleicht ein wenig nachbessern:

Die Sprizte die Bob am Ende von Malcom bekam, war mit einem einfachen Code zu erhalten, ohne dreimalige Rückfrage: Sind Sie sich sicher, dass Sie das wirklich tun wollen.
Das erschien mir zu unrealistisch.

Ich wollte bewusst in der Schwebe lassen, welche Spritze er jetzt eigentlich bekommen hat. Vielleicht ist das noch nicht ausgewogen genug. Ich sehe mir das nochmals an.

Jedenfalls vielen Dank für Deinen Kommentar.

Es hat mich sehr gefreut und Gruß
Geschichtenwerker

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Hallo @Geschichtenwerker

sehr unterhaltsam Deine Geschichte. Sehr tragisch, dennoch mit viel Humor erzählt. Ich mag den Schreibstil und das Tempo. Kann mir alles gut vorstellen. Das hast Du gut umgesetzt.

Hier ein paar Anmerkungen:

Die Wohnung war winzig. Es gab auch keinen Balkon, geschweige denn einen Garten. Bob war kein einziges Mal an der frischen Luft gewesen, seitdem er hier lebte. Und das waren inzwischen über drei Jahre.

Uff. Das ist echt krass.

Das dachte Bob zumindest anfangs, aber in letzter Zeit war er einsam gewesen.

Warum gewesen? Ist er ja immer noch oder?
... aber seit einer Weile fühlte er sich einsam

Bob schnaufte, beugte sich tief nach unten, schnappte den Hausschuh und warf ihn mit aller Kraft hinter Bob her, der allerdings im Wandschrank verschwunden war, bevor ihn der Schuh erwischte.

müsste das nicht Malcolm heißen?

Nach längere Suche in der Holzkiste fand Bob schließlich das Schweizer Armeemesser seines Großvaters, mit dem dieser angeblich, was Bob nie geglaubt hatte, eine Forelle zerlegt haben soll, die er eigenhändig in einem Fluss gefangen hatte.

Sehr langer Bandwurmsatz.
Vorschlag: Nach längerer Suche in der Holzkiste fand Bob schließlich das Schweizer Armeemesser seines Großvaters. Angeblich hatte dieser eine Forelle zerlegt, die er eigenhändig in einem Fluss gefangen hatte. Bob hatte das nie geglaubt.

Bei Malcom hat das noch fast zwei Tage gedauert.

Kann man streichen

»Für Geschlechtsverkehr wird das Gleitmittel B-23 benötigt«, sagte Cindy.
»Malcom! Bring das B-23 Zeug!«

Lol :) Da wäre ich fast vom Stuhl gefallen.

Bob war mal bei ihm zum Abendessen.

... zum Abendessen gewesen

Auf Louis Bild war auch Bob zu sehen, ein wenig entfernt von der Familie. Wenn man genau hinsah, konnte man auch bei ihm eine Andeutung eines Lächelns erkennen. Bob starrte lange auf das Bild und es wurde ihm bewusst, dass ihn außer Manuels Familie nur Luisa zum Lächeln gebracht hatte.

Wortwiederholung

Bob lauschte dem Quietschen von Malcom und beobachtete, wie die Sonne hinter einem Wolkenkratzer hervorkroch. Er spürte die Wärme der Sonnenstrahlen in seinem Gesicht, lächelte, ging zur Kiste und holte das Armeemesser heraus.
»Hauscom! Eine Angel bestellen. Zum Fischen!«
Im nächsten Moment spürte er die Nadel einer Spritze.

Sehr tragisch! Sehr traurig!
Hätte mir gewünscht, dass er sich überwindet und einfach mal raus geht.

Ganz liebe Grüße und einen schönen Wochenstart,
Silvita

 
Beitritt
23.11.2016
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sehr unterhaltsam Deine Geschichte. Sehr tragisch, dennoch mit viel Humor erzählt. Ich mag den Schreibstil und das Tempo. Kann mir alles gut vorstellen. Das hast Du gut umgesetzt.

Liebe Silvita,

so wünscht man sich die Reaktion auf den eigenen Text. Ja, der Humor, der geht immer mal wieder mit mir durch. Ich hatte auch eine ernsthafte Phase, aber - frei nach Newton - die Zeiten sind ernst genug, warum also nicht auch mal ein wenig Humor einbauen.

Da freut es mich besonders, wenn Du Dich trotz der Tragik auch gut unterhalten gefühlt hast. Das war mein Ziel.


Warum gewesen? Ist er ja immer noch oder?
... aber seit einer Weile fühlte er sich einsam

Habe ich geändert.

müsste das nicht Malcolm heißen?

Ja.

Sehr langer Bandwurmsatz.
Vorschlag: Nach längerer Suche in der Holzkiste fand Bob schließlich das Schweizer Armeemesser seines Großvaters. Angeblich hatte dieser eine Forelle zerlegt, die er eigenhändig in einem Fluss gefangen hatte. Bob hatte das nie geglaubt.

Auch geändert.

Kann man streichen

Getan.

»Für Geschlechtsverkehr wird das Gleitmittel B-23 benötigt«, sagte Cindy.
»Malcom! Bring das B-23 Zeug!«
Lol :) Da wäre ich fast vom Stuhl gefallen.

Ich hatte auch beim Schreiben Spaß.

... zum Abendessen gewesen

Hier habe ich mich gegen das PQP entschieden, denn der Absatz ist schon mit dem PQP eingeleitet, sodass der Leser eigentlich keiner zeitlichen Verwirrung unterliegen sollte.

Wortwiederholung

Getilgt.

Sehr tragisch! Sehr traurig!
Hätte mir gewünscht, dass er sich überwindet und einfach mal raus geht.

Ich habe den Schluss ein wenig geändert, um etwas stärker im Unklaren zu lassen, welche Spritze er eigentlich bekommt.

Vielen Dank für Deinen Kommentar! Und es freut mich wirklich, dass ich Dich gut unterhalten konnte.

Lieber Gruß und eine tolle Woche
Geschichtenwerker

 
Seniors
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01.10.2002
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779

Hallo Geschichtenwerker,

Angenehm erzählte Geschichte, die mich zwischendurch zum Nachdenken und Lachen brachte.

Nach längerer Suche in der Holzkiste fand Bob schließlich das Schweizer Armeemesser seines Großvaters, mit dem dieser angeblich eine Forelle zerlegt haben sollte, die er eigenhändig in einem Fluss gefangen hatte
sollte statt soll
Drei Wochen lang hatte er den Prospekt gewälzt, über die Vor- und Nachteile von langen Haaren nachgedacht, sorgfältig den Umfang der Oberweite und der Oberschenkel abgewogen, die Augenfarbe, Lippenform, Nasengröße, Schuhgröße und andere Parameter bedacht, die er inzwischen wieder vergessen hatte.
>> Das fand ich lustig, dass er ausgerechnet über Oberschenkel nachdenkt und die anderen Parameter schon wieder vergessen hatte.
Nachdem seine Chatpartnerin Luisa ihr Bild geschickt hatte und nicht das ihres Avatars, war seine Lust auf echte Frauen endgültig vergangen. Er könnte sich heute noch übergeben, wenn er daran dachte
>> Das fand ich (nachdem ich den Text komplett gelesen hatte) im Gesamtkontext der Geschichte eine Nummer zu hart und hätte fast dafür gesorgt, aus der Geschichte auszusteigen, weil der Prot mir unsympathisch wurde. Beim ersten Lesen dachte ich alternativ auch an eine verkniffen und gemein aussehende Mitsechzigerin mit Vierfach-Doppelkinn, fettigen Haaren, Schweinsäuglein, bekleckerter Kleidung... Aber Luisa wird am Ende doch sehr liebenswürdig beschrieben und an ihr ist gar nichts abstoßendes.
Nur das Kinn, das gab es einfach nicht mit dieser neckischen Zuspitzung, wie es bei Luisas Avatar der Fall war.
>> ;)
Er ahnte Schlimmes. Langsam schob er den Rock weiter hoch und zum Vorschein kam ein Gemisch aus Haaren, zerfetzten Hautimitaten und einer schmierigen, glibberigen Masse, die eindeutig aus dem Duschabfluss stammte und von der Stelle tropfte, an der einmal Cindys Vagina war. Es blitzten Teile von Cindys Becken hervor, das aus einer neuartigen und silbrig glänzenden Legierung gefertigt war. Bob atmete tief ein, doch der Gestank, den dieses haarige, schmierige Etwas verströmte, ließ die Tabletten wieder hochkommen und er übergab sich auf Cindys Schuhe.
>> Auch diese Stelle hat etwas Widerliches, was mir hier allerdings in seiner surrealen Abgefahrenheit gefällt. Sehr schräg!

Gesamtfazit: gut lesbare Geschichte, humorvoll, mit warmherzigem Unterton, recht professionell geschrieben.

Viele Grüße, Petdays

 
Beitritt
23.11.2016
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Hallo @petdays,

witzig, ich war gerade bei Deiner Geschichte. Gedankenübertragung?

Dein Resümee geht natürlich runter wie Öl:

Gesamtfazit: gut lesbare Geschichte, humorvoll, mit warmherzigem Unterton, recht professionell geschrieben.

Nach längerer Suche in der Holzkiste fand Bob schließlich das Schweizer Armeemesser seines Großvaters, mit dem dieser angeblich eine Forelle zerlegt haben sollte, die er eigenhändig in einem Fluss gefangen hatte
sollte statt soll

Da stimmt etwas nicht, aber bei "sollte" stolpere ich auch.
Ich habe es jetzt so gelöst "Nach längerer Suche in der Holzkiste fand Bob schließlich das Schweizer Armeemesser seines Großvaters, mit dem dieser angeblich eine selbst gefangene Forelle zerlegt hatte."

Die beiden "widerlichen" Stellen habe ich sehr bewusst eingesetzt. Einmal bei Luisa und einmal bei Cindy, wobei ich es bei Cindy bewusst unappetitlicher gestaltet habe. Für mich ist das ein Teil des "unterschwelligen Wandels", den Bob durchmacht, dass ihn die Technik plötzlich anwidert, sogar mehr also das Aussehen von Luisa, was er dann, nachdem er seiner unrealistischen Idealvorstellungen überwunden hat, gar nicht mehr schrecklich, sondern sogar verlockend fand.

Ich bin froh, dass ich da nicht als Leser(in?) verloren habe, sondern der Text spannend genug war, dass Du dran geblieben bist.

Vielen Dank für Deinen Kommentar, der mich sehr gefreut hat.

Gruß
Geschichtenwerker

 
Monster-WG
Seniors
Beitritt
18.06.2015
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1.209
Zuletzt bearbeitet:

Hey @Geschichtenwerker

Zunächst Kleinkram:

Bob sprang aus seinem Multifunktionssessel und lief zur Tür, mit einer Gelenkigkeit, die er vor langer Zeit das letzte Mal gespürt hatte.
Spürt man Gelenkigkeit? Ist das nicht etwas, das man z.B. an den Tag legt?
Endlich war er da.
Würde er Cindy nicht eher "sie" nennen? Ich fand den Begriff "Roboter" generell etwas gar oldscool, da stellt man sich klobige Metalleimer mit Rädern vor.
Endlich war er da. Der Gesellschaftsroboter Cindy. Das neueste Modell.
Lass doch die Leser*innen etwas zappeln. Die finden früh genug heraus, was er sich da bestellt hat. Ich finde es immer etwas schade, wenn alles auf Silbertablett und so.
Drei Wochen lang hatte er den Prospekt gewälzt
Dicker Prospekt. Vielleicht "hatte er Prospekte gewälzt"?
sorgfältig den Umfang der Oberweite und der Oberschenkel abgewogen
Wenig elegant. Vielleicht: "sorgfältig den Umfang von Schenkeln und Oberweite ..."
Nachdem seine Chatpartnerin Luisa ihr Bild geschickt hatte und nicht das ihres Avatars, war seine Lust auf echte Frauen endgültig vergangen.
Auch hier so explizit, damit ja alle mitkriegen, wer wer ist. Ich finde, das geht fast immer auf Kosten des organischen Erzählens.
Er könnte sich heute noch übergeben, wenn er daran dachte.
Fand ich zu krass, das macht den Prot sehr unsympathisch, was bei dieser Art von Text nicht so gut ist, finde ich.
Und mit dieser Person, diesem Etwas, hatte er Sex, natürlich nur über den Sensor-Vibrator-Anzug 2000, denn allein der Gedanke an den Austausch echter Körperflüssigkeiten führte zu einer Art Schockstarre, aus der er nur erwachte, wenn Malcom, sein aktueller Haushaltsroboter, ihm ein Antitraumamittel spritzte.
Wann genau hat er denn einen solchen Austausch, wenn er das Haus nie verlässt?
Es ist nicht lange her,
war
Es ist nicht lange her, da rettete Malcom wieder einmal sein Leben. Seine Herzattacken häuften sich in letzter Zeit.
Bezieht man möglicherweise ein Millisekunde lang auf Malcolm. Vielleicht: "Bobs"
Die Wohnung war winzig. Es gab auch keinen Balkon, geschweige denn einen Garten. Bob war kein einziges Mal an der frischen Luft gewesen, seitdem er hier lebte. Und das waren inzwischen über drei Jahre. Aber der integrierte Wandschrank mit der Ladefunktion für Haushaltsroboter und die Küche, die für Malcom maßgefertigt war, hatten den Ausschlag gegeben.
Das "aber" folgt etwas gar spät.
Das dachte Bob zumindest anfangs, aber seit einer Weile fühlte er sich einsam.
Holzhammer.
Die einzigen Geräusche, die Bob jetzt umgaben, waren die von Malcom, sein Kettenantrieb quietschte schon eine ganze Weile, aber Bob konnte sich nicht aufraffen, ihn zu ölen.
Ich würde einen Punkt setzen.
Und außer ihm gab es niemanden hier.
Auf "und" als Satzanfang sollte man verzichten, finde ich.
Bob hob die zittrigen Hände und fuchtelte wild mit ihnen in der Luft, als ob er einen Schwarm Bienen verscheuchen wollte.
Doppelt gemoppelt. Metapher + explizite Beschreibung. Eines davon würde ich kicken.
blieb aber an einem Hausschuh hängen, den Bob heute Morgen nach Malcom geworfen hatte.
am
Die Schere fuhr diesmal langsamer aus als vorher und kurz bevor sie ihre Endposition erreichte, fing ein kleines oranges Licht auf Malcoms Oberseite an zu blinken.
"als vorher" kann weg. Ich würde umstellen: "fing auf Malcoms Oberseite ein kleines oranges Licht an zu blinken." Das erscheint mir dynamischer und die Leser besser geführt.
Bob schnaufte, beugte sich tief nach unten, schnappte den Hausschuh und warf ihn mit aller Kraft
kann weg
er allerdings im Wandschrank verschwunden war, bevor ihn der Schuh erwischte.
Nein. Bevor ihn der Schuh erwischen konnte.
Als ob ein Avatar eine Seele hätte. So ein Blödsinn.
Überflüssig.
Er schlug schlagartig die Augen auf und zuckte zusammen, als er in zwei dunkle Mandelaugen starrte.
Kann weg.
Sein Blick wanderte abwärts, zu den rot geschminkten, vollen Lippen, glitt übers Kinn, stieg den Hals hinab, umrundete die Brüste und wogte kurz synchron mit dem atmenden Brustkorb, suchte den Bauchnabel unter dem enganliegenden Oberteil, folgte der Rockfalte zwischen den Oberschenkeln und wanderte die schwarzbestrumpften Beine herab zu den Stöckelschuhen.
hinab (vom Sprecher weg = hinab, zum Sprecher hin = herab)
Nach der anfänglichen Euphorie, in der Bob fast den ganzen Tag mit Cindy gesprochen hatte und sich fühlte wie ein Teenager, waren die Gespräche immer wortkarger geworden.
... gesprochen und sich gefühlt hatte wie ein Teenager ...
drückte eine kleine, blaue Tablette heraus, schluckte sie gierig herunter und setzte sich wieder in den Multifunktionssessel.
hinunter
Malcom erwachte, nahm den kleinen Koffer, den Bob vor sich gestellt hatte und zog ihn hinter sich her zum Schrank.
Komma nach Relativsatz
Bob ließ seinen Mantel fallen, zog die Schuhe aus, ging die fünf Schritte zu dem Multifunktionssessel und sank erschöpft in hinein.
Da fehlt was.
Bob registrierte kurz, dass es nun doppelt so viele waren wie vor dem Herzinfarkt, schluckte sie herunter, erhob sich und ging zur Holzkiste.
hinunter
schluckte sie herunter, erhob sich und ging zur Holzkiste.
hinunter
Eine blonde Frau mit Rock, ein braunhaariger Mann und drum herum drei Kinder, die zwischen gelben Blumen standen und alle lachten.
Komma nach Relativsatz
Er erinnerte sich, wie die Kinder gelacht haben, als er umständlich versuchte, ein Rotweinglas abzutrocknen und mit der Hand steckenblieb.
hatten
Überhaupt war die ganze Familie sehr fröhlich.
gewesen

Ich fand's unterhaltsam, aber insgesamt doch zu grobschlächtig, sowohl, was die Form, als auch, was den Inhalt anbelangt. Du verwendest häufig "sein" als Vollverb. X war so und so. Zudem hast du im Text viele Passagen im Plusquamperfekt. Ich denke, gerade bei einem Text, der auch Humor rüberbringen soll, müsste das sprachlich noch etwas gewitzter, raffinierter daherkommen. Inhhaltlich hätte ich mir das eine oder andere Element etwas subtiler gewünscht, vor allem die Einsichten rund um das Thema Einsamkeit. Auch wie Cindy da zerlegt wird, naja, da hätte ich mir mehr Komik gewünscht, die sich vielleicht gerade im Rahmen grösserer Zurückhaltung deinerseits hätte zeigen können.
Nichtsdestotrotz denke ich: Wenn man die Sache verfilmen würde, das könnte sehr gut funktionieren. Erklärungen, Figurenbenennungen usw. fielen automatisch weg, die Situationskomik und -tragik käme besser zum Tragen. Ja, wenn ich mir das so als grotesken Kurzfilm denke, vielleicht animiert: Das hat schon was.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Hallo @Geschichtenwerker

Da freut es mich besonders, wenn Du Dich trotz der Tragik auch gut unterhalten gefühlt hast. Das war mein Ziel.

Das ist schön :)
Ich finde, dass Du das sehr gut umgesetzt hast.

o wünscht man sich die Reaktion auf den eigenen Text. Ja, der Humor, der geht immer mal wieder mit mir durch. Ich hatte auch eine ernsthafte Phase, aber - frei nach Newton - die Zeiten sind ernst genug, warum also nicht auch mal ein wenig Humor einbauen.

Das finde ich toll mit dem Humor :thumbsup:

Ich hatte auch beim Schreiben Spaß.

So soll es sein :)

Hier habe ich mich gegen das PQP entschieden, denn der Absatz ist schon mit dem PQP eingeleitet, sodass der Leser eigentlich keiner zeitlichen Verwirrung unterliegen sollte.

Ok

Ich habe den Schluss ein wenig geändert, um etwas stärker im Unklaren zu lassen, welche Spritze er eigentlich bekommt.

Der Schluss ist jetzt besser :thumbsup:

Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag,
Silvita

 
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23.11.2016
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Hallo @Peeperkorn,

ich war ja schon fast in Schockstarre, als ich Deinen Namen unter meiner Geschichte erspähte, aber nur ein paar Sekunden, dann überwog sofort die Freude und natürlich die Neugierde, was Du zu sagen hast.

So wie ich Dich hier im Forum kennengelernt habe, gehe ich davon aus, dass das keine Art Text ist, die in Deinem Hauptfokus liegt. Umso schöner, dass Du Dich mit diesem Text überhaupt befasst hast. Das ist für mich extrem wertvoll, weil dieser Text in gewissem Sinne ein Sorgenkind ist.

Sorgenkind deshalb, weil ich die Geschichte einfach mal schnell runtergeschrieben habe und sich dann bei der Überarbeitung die Frage stellte, wohin dieser Text gehen soll. Den Humor komplett rausnehmen? Mir hat mal jemand unter einen Text geschrieben, dass ich die Tragik erster nehmen müsste. Die logische Konsequenz wäre dann, z. B. in die Ich-Perspektive zu wechseln und tief in die Gefühlswelt einzutauchen. Wahrscheinlich wäre diese Version "literarischer".

Aber ich habe mich ganz bewusst dagegen entschieden. Ich habe den Text lediglich ein wenig geglättet, eine paar Stellen rausgenommen, die ich beim zweiten Lesen als "drüber" empfand und testweise hier eingestellt, um die Reaktionen abzuwarten.

Die Kombination aus Humor und Tragik ist für mich eine schwierige Gratwanderung und ich weiß, dass hier im Forum Humor eher kritisch gesehen wird. Zumindest ist das mein Eindruck. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass Ernsthaftigkeit immer als hochwertiger angesehen wird als Komik bzw. Unterhaltung. In Deutschland ist das aus meiner Sicht ganz besonders stark ausgeprägt.

Dies ist also ein Experiment, um zu sehen, ob der Text diese Gratwanderung zwischen Humor und Tragik irgendwie meistert und auch das kritische Wortkrieger-Publikum positiv unterhalten kann oder ob das überhaupt nicht funktioniert (daher meine Schockstarre).

Nachdem ich Dich eher in der literarisch "ernsten" Ecke verorte, freut mich das natürlich umso mehr:

Ich fand's unterhaltsam
Nichtsdestotrotz denke ich: Wenn man die Sache verfilmen würde, das könnte sehr gut funktionieren. Erklärungen, Figurenbenennungen usw. fielen automatisch weg, die Situationskomik und -tragik käme besser zum Tragen. Ja, wenn ich mir das so als grotesken Kurzfilm denke, vielleicht animiert: Das hat schon was.

Aber hiermit hast Du mir eine Aufgabe gestellt, über die ich erst einmal lange nachdenken muss:

aber insgesamt doch zu grobschlächtig, sowohl, was die Form, als auch, was den Inhalt anbelangt. Du verwendest häufig "sein" als Vollverb. X war so und so. Zudem hast du im Text viele Passagen im Plusquamperfekt. Ich denke, gerade bei einem Text, der auch Humor rüberbringen soll, müsste das sprachlich noch etwas gewitzter, raffinierter daherkommen. Inhhaltlich hätte ich mir das eine oder andere Element etwas subtiler gewünscht, vor allem die Einsichten rund um das Thema Einsamkeit. Auch wie Cindy da zerlegt wird, naja, da hätte ich mir mehr Komik gewünscht, die sich vielleicht gerade im Rahmen grösserer Zurückhaltung deinerseits hätte zeigen können.

Du kritisierst das Plusquamperfekt, welches natürlich durch die Rückblenden entsteht. Hast Du eine Lösung für das Problem? Der Nachteil der Geschichte ist, dass ich keinen Gesprächspartner habe, sodass man auch solche Informationen nicht in Dialoge verpacken kann. Man müsste also den Text zeitlich umsortieren und stärker in die Länge ziehen. Dann funktioniert er aber so nicht mehr. Das ist also nicht so einfach zu lösen.

Das Ganze sprachlich noch gewitzter, raffinierter zu gestalten ist natürlich eine Herausforderung. Man kann Humor auch totoptimieren, sodass man da sehr bedacht herangehen muss.

Und dann mehr Subtilität und Zurückhaltung. Ich verstehe glaube ich sehr gut, was Du meinst, aber dazu muss der Text ebenfalls länger werden, denke ich, was ihn dann langsamer macht. Und ob dann der Humor noch funktioniert und die Leichtigkeit noch vorhanden ist kann ich nicht abschätzen, ohne es zu probieren.

Jedenfalls zeigt mir Dein Kommentar, dass der Text im Grunde funktioniert und es sich lohnt, weiter an ihm zu arbeiten. Die Richtung hast Du vorgegeben. Aber das umzusetzen kostet definitiv noch einiges an Arbeit.

Was ich natürlich gleich umgesetzt habe, sind Deine sprachlichen Anmerkungen, wobei ich im Folgenden nur die zitiere, bei denen mir mehr einfällt also nur "umgesetzt":


Bob sprang aus seinem Multifunktionssessel und lief zur Tür, mit einer Gelenkigkeit, die er vor langer Zeit das letzte Mal gespürt hatte.
Spürt man Gelenkigkeit? Ist das nicht etwas, das man z.B. an den Tag legt?

Ich glaube, man spürt wie gelenkig man ist. Aber ich habe die "Gelenkigkeit" in "Beweglichkeit" geändert, was auch ein wenig mehr Dynamik zum Ausdruck bringt.


Endlich war er da.
Würde er Cindy nicht eher "sie" nennen? Ich fand den Begriff "Roboter" generell etwas gar oldscool, da stellt man sich klobige Metalleimer mit Rädern vor.

Ja, aber er ist Ingenieur. Für ihn ist das schon erst noch ein technischer Gegenstand. Das ändert sich natürlich im Laufe der Geschichte.

Endlich war er da. Der Gesellschaftsroboter Cindy. Das neueste Modell.
Lass doch die Leser*innen etwas zappeln. Die finden früh genug heraus, was er sich da bestellt hat. Ich finde es immer etwas schade, wenn alles auf Silbertablett und so.

Hier muss ich erst noch nachdenken, ob und wie ich das herauszögere. Ich hatte in der Ursprungsversion tatsächlich noch einiges an Handlung dazwischen, was aber dem Kürzen zum Opfer gefallen ist. Mir war nämlich zu wenig Tempo im Text und ich hatte Bedenken, dass mir Leser gleich abspringen, wenn sich das gleich am Anfang zieht.

Drei Wochen lang hatte er den Prospekt gewälzt
Dicker Prospekt. Vielleicht "hatte er Prospekte gewälzt"?

sorgfältig den Umfang der Oberweite und der Oberschenkel abgewogen
Wenig elegant. Vielleicht: "sorgfältig den Umfang von Schenkeln und Oberweite ..."

Habe ich jetzt insgesamt abgeändert:

Drei Wochen lang hatte er den Prospekt analysiert, über die Vor- und Nachteile von langen Haaren nachgedacht, sorgfältig den Umfang der Oberweite und die Proportionen der Beine abgewogen, die Augenfarbe, Lippenform, Nasengröße, Schuhgröße und andere Parameter bedacht, die er inzwischen wieder vergessen hatte

Nachdem seine Chatpartnerin Luisa ihr Bild geschickt hatte und nicht das ihres Avatars, war seine Lust auf echte Frauen endgültig vergangen.
Auch hier so explizit, damit ja alle mitkriegen, wer wer ist. Ich finde, das geht fast immer auf Kosten des organischen Erzählens.

Da hast Du recht. Auch hier hatte ich ursprünglich mehr Text, dass sich der Leser auch erschließen konnte, wer sie ist, und habe es rausgekürzt, um das Tempo zu erhöhen.

Er könnte sich heute noch übergeben, wenn er daran dachte.
Fand ich zu krass, das macht den Prot sehr unsympathisch, was bei dieser Art von Text nicht so gut ist, finde ich.

Das "Übergeben" gibt es ja zweimal: einmal bei Luisa und einmal bei Cindy, aber bei letztere übergibt er sich tatsächlich.

Da steckt schon eine gewisse Symbolik dahinter. Ich hatte schon überlegt, das abzuschwächen, aber konnte mich noch nicht dazu durchringen.


Und mit dieser Person, diesem Etwas, hatte er Sex, natürlich nur über den Sensor-Vibrator-Anzug 2000, denn allein der Gedanke an den Austausch echter Körperflüssigkeiten führte zu einer Art Schockstarre, aus der er nur erwachte, wenn Malcom, sein aktueller Haushaltsroboter, ihm ein Antitraumamittel spritzte.
Wann genau hat er denn einen solchen Austausch, wenn er das Haus nie verlässt?

Dieser Sensor-Vibrator-Anzug ist natürlich ferngesteuert und echte Köperflüssigkeiten tauscht er nicht aus.


Die Wohnung war winzig. Es gab auch keinen Balkon, geschweige denn einen Garten. Bob war kein einziges Mal an der frischen Luft gewesen, seitdem er hier lebte. Und das waren inzwischen über drei Jahre. Aber der integrierte Wandschrank mit der Ladefunktion für Haushaltsroboter und die Küche, die für Malcom maßgefertigt war, hatten den Ausschlag gegeben.
Das "aber" folgt etwas gar spät.

Ja, das ist jetzt draußen:

"Es waren der integrierte Wandschrank mit der Ladefunktion für Haushaltsroboter und die maßgefertigte Küche, die den Ausschlag gegeben hatten."

Das dachte Bob zumindest anfangs, aber seit einer Weile fühlte er sich einsam.
Holzhammer.

Auch hier wieder Kürzung wegen Tempo. Ich weiß, dass man das eher zeigen sollte und nicht mit dem Holzhammer erzählen.


Sein Blick wanderte abwärts, zu den rot geschminkten, vollen Lippen, glitt übers Kinn, stieg den Hals hinab, umrundete die Brüste und wogte kurz synchron mit dem atmenden Brustkorb, suchte den Bauchnabel unter dem enganliegenden Oberteil, folgte der Rockfalte zwischen den Oberschenkeln und wanderte die schwarzbestrumpften Beine herab zu den Stöckelschuhen.
hinab (vom Sprecher weg = hinab, zum Sprecher hin = herab)

Ja, stimmt. Das war wahrscheinlich ein Automatismus, um das Wort "hinab" nicht noch einmal zu wiederholen, der allerdings bei "wanderte" versagte.

Entsprechend geändert:

Sein Blick wanderte abwärts, zu den rot geschminkten, vollen Lippen, glitt übers Kinn, stieg den Hals hinab, umrundete die Brüste und wogte kurz synchron mit dem atmenden Brustkorb, suchte den Bauchnabel unter dem enganliegenden Oberteil, folgte der Rockfalte zwischen den Oberschenkeln und tastete die schwarzbestrumpften Beine bis zu den Stöckelschuhen ab.

Bob ließ seinen Mantel fallen, zog die Schuhe aus, ging die fünf Schritte zu dem Multifunktionssessel und sank erschöpft in hinein.
Da fehlt was.

Eher ein "in" zu viel.

Und dann gab es einige Stellen mit "herab schlucken", die zu "hinunter schlucken" werden sollte. Ehrlich gesagte habe ich mich dann gefragt, wo er es dann sonst hinschlucken sollte als hinab? Deswegen habe ich das einfach gestrichen. Später nimmt er die Tablette auch, damit nicht gar so viel geschluckt wird.

Über tiefere Eingriffe muss ich erst noch nachdenken.

Herzlichen Dank für Deinen tollen Kommentar und die Auseinandersetzung mit meinem Text!

Lieber Gruß
Geschichtenwerker

 
Monster-WG
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18.06.2015
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Hey @Geschichtenwerker

Freut mich, dass du mit meinem Kommentar etwas anfangen konntest. Ja, ernste Ecke. Früher habe ich ab und zu Humor gelesen, David Sedaris, Max Goldt. Im Forum lese ich eh viel breiter als sonst.

Du kritisierst das Plusquamperfekt, welches natürlich durch die Rückblenden entsteht. Hast Du eine Lösung für das Problem? Der Nachteil der Geschichte ist, dass ich keinen Gesprächspartner habe, sodass man auch solche Informationen nicht in Dialoge verpacken kann. Man müsste also den Text zeitlich umsortieren und stärker in die Länge ziehen.
Das ist eine Frage, die mich elendiglich quält. Ich arbeite zurzeit an einem Roman, der mit viel Handlung beginnt, mittendrin und so. Dummerweise hängt da aber auch sehr viel Vorgeschichte dran. Dasselbe Problem wie bei dir also und noch nicht wirklich eine Lösung. @Chris Stone hat glaub mal geschrieben, dass gute Autorinnen und Autoren ihre Geschichten so konzipieren, dass Rückblenden minimiert oder ganz vermieden werden. Das finde ich einen wichtigen Rat. Aber manchmal lässt sich das eben nicht vermeiden, vor allem, wenn es um Lebensgeschichten geht, oder um Texte mit stark psychologischem Einschlag. Da muss fast notwendig das eine oder andere erinnert werden.

Ich denke aber auch, dass es Techniken gibt, um der Sache Herr zu werden, und achte in meiner Lektüre momentan auf diesen Aspekt. Gestern zum Beispiel habe ich folgende Passage gelesen:

"... da glaubten offenbar alle, ich erlebte gerade eine tolle Zeit.
Sieh einer an, was in diesem Land alles passieren kann, sagten sie. Da lebt ein Mädchen neuzehn Jahre lang in irgendeinem Städtchen und ist so arm, dass sie nicht mal eine Illustrierte leisten kann, dann bekommt sie eine Stipendium fürs College, gewinnt hier einen Preis und da einen Preis ..."
(Sylvia Plath, Die Glasglocke)

Danach wird die ganze Vorgeschichte der Hauptfigur im Präsens erzählt. Raffiniert, nicht? Auch wenn es in Bezug auf deinen Text wohl nicht viel helfen wird. Daher eher ein Metatipp: Ich stelle mir jeweils so ein paar Techniken zusammen, mit exemplarischen Sätzen aus grossen Texten. Wie gestaltet man Überleitungen? Wie zeigt man Ereignisse, indem man ihre Wirkungen beschreibt? Usw. Meine nächste Zusammenstellung wird wohl das Thema Rückblende betreffen. Viel mehr kann ich dazu aber noch nicht sagen.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Moin @Geschichtenwerker,

zum Glück für mich hast Du das Science-Fiction Label nicht gegen das Humor Label getauscht. Eine sehr interessante und lesenswerte Geschichte.

Du fragst Dich, ob deine Gratwanderung zwischen Humor und Tragik funktionierte? Nein, hat sie für mich nicht, und das ist ein Kompliment. Ich musste ein paarmal Schmunzeln, aber Deine Geschichte ist nicht humorvoll. Du greifst ein sehr komplexes Gesellschaftsthema auf und zeigst eine Dystopie, die nicht so weit weg ist, wie man heute vielleicht noch denkt. Mit den Schmunzelmomenten hast du dieses Thema in eine Leichtigkeit verpackt, die den Leser toll an die verschiedenen Aspekte Deiner Dystopie heranführt. Bin mir nicht nicht sicher, ob du dies bewusst gemacht hast. Schlussendlich schaue ich mir Deine Geschichte vermutlich unter einem ganz anderen Blickwinkel an als Du. Das ist nun keine Kritik an Deinen Fähigkeiten. Du weißt definitiv, wie man Geschichten schreibt und geschickt kleine Themen, Spitzen oder Anmerkungen einbaut.

Endlich war er da. Der Gesellschaftsroboter Cindy. Das neueste Modell. Drei Wochen lang hatte er den Prospekt analysiert, über die Vor- und Nachteile von langen Haaren nachgedacht, sorgfältig den Umfang der Oberweite und die Proportionen der Beine abgewogen, die Augenfarbe, Lippenform, Nasengröße, Schuhgröße und andere Parameter bedacht, die er inzwischen wieder vergessen hatte. Das war sein Projekt des Jahres, vielleicht sogar seines Lebens.

Ja, aber er ist Ingenieur. Für ihn ist das schon erst noch ein technischer Gegenstand. Das ändert sich natürlich im Laufe der Geschichte.

Sie, es ist eine sie :lol:. Die anderen Kommentare habe ich alle durchgelesen. Warum eine Sie? Weil er eine geile Frau bumsen möchte! Bob hat sich nicht um ihre mechanischen Eigenschaften gekümmert bzw. vermutlich ihre anderen "Parameter", die er schon wieder vergessen hat. Er will Sex mit einer geilen Frau, das Thema beschäftigt ihn die ganze Zeit, er malt es sich in seinem Kopf aus, er fragt sich, wie seine Traumfrau aussieht, denkt über ihre Brüste nach etc., klare Sache. Vorschlag: Endlich ist sie da, Cindy, das neueste Modell.

Die "widerlichen Stellen" sind völlig richtig eingesetzt.

Gerne gelesen :).

Beste Grüße
Kroko

 
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23.11.2016
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Lieber @Peeperkorn,

erst einmal ein frohes neues Jahr! Mögen Deine Projekte alle zum Selbstläufer mutieren und sollte das nicht eintreten, wünsche ich Dir die Kraft, sie bis zum Ende durchzuziehen.

dass gute Autorinnen und Autoren ihre Geschichten so konzipieren, dass Rückblenden minimiert oder ganz vermieden werden.

Das kenne ich auch aus einem der Schreibratgeber, die man so gelesen hat.

ch denke aber auch, dass es Techniken gibt, um der Sache Herr zu werden, und achte in meiner Lektüre momentan auf diesen Aspekt. Gestern zum Beispiel habe ich folgende Passage gelesen:

"... da glaubten offenbar alle, ich erlebte gerade eine tolle Zeit.
Sieh einer an, was in diesem Land alles passieren kann, sagten sie. Da lebt ein Mädchen neuzehn Jahre lang in irgendeinem Städtchen und ist so arm, dass sie nicht mal eine Illustrierte leisten kann, dann bekommt sie eine Stipendium fürs College, gewinnt hier einen Preis und da einen Preis ..."
(Sylvia Plath, Die Glasglocke)

Danach wird die ganze Vorgeschichte der Hauptfigur im Präsens erzählt. Raffiniert, nicht? Auch wenn es in Bezug auf deinen Text wohl nicht viel helfen wird. Daher eher ein Metatipp: Ich stelle mir jeweils so ein paar Techniken zusammen, mit exemplarischen Sätzen aus grossen Texten. Wie gestaltet man Überleitungen? Wie zeigt man Ereignisse, indem man ihre Wirkungen beschreibt? Usw. Meine nächste Zusammenstellung wird wohl das Thema Rückblende betreffen. Viel mehr kann ich dazu aber noch nicht sagen.


Das ist in der Tat raffiniert. Ich hatte das in der Tat auch mal vor, mir solche "Tricks" zu notieren. Dies ist aber leider der allgemeinen Arbeitsbelastung zum Opfer gefallen.

Vielen Dank noch einmal, ich finde diese Austausch extrem wichtig und auch spannend.

Lieber Gruß
Geschichtenwerker

Liebes @Kroko,

da denkt man erst, Du beißt und dann startest Du so:

zum Glück für mich hast Du das Science-Fiction Label nicht gegen das Humor Label getauscht. Eine sehr interessante und lesenswerte Geschichte.

Freut mich natürlich riesig, dass die Geschichte bei Dir gut ankam.

In der Tat habe ich den "Humor"-Tag nicht gesetzt, weil es für mich auch kein Humortext ist. Natürlich liegt unter der vielleicht manchmal humorigen Oberfläche eine tiefe Tragik.

Und das verstehst Du auch genau richtig:

Du fragst Dich, ob deine Gratwanderung zwischen Humor und Tragik funktionierte? Nein, hat sie für mich nicht, und das ist ein Kompliment. Ich musste ein paarmal Schmunzeln, aber Deine Geschichte ist nicht humorvoll.

Und hier legst Du den Punkt auf die Schwierigkeit:

Du greifst ein sehr komplexes Gesellschaftsthema auf und zeigst eine Dystopie, die nicht so weit weg ist, wie man heute vielleicht noch denkt. Mit den Schmunzelmomenten hast du dieses Thema in eine Leichtigkeit verpackt, die den Leser toll an die verschiedenen Aspekte Deiner Dystopie heranführt.

Denn das war hier mein großes Ziel, ein schweres Thema leicht zu verpacken, ober ohne in die Klamaukecke zu geraten. Das meinte ich mit der Gratwanderung zwischen Humor und Tragik.

Insofern habe ich das auch ganz bewusst so gemacht und bei dir ist das auch genau richtig angekommen.

Sie, es ist eine sie :lol:. Die anderen Kommentare habe ich alle durchgelesen. Warum eine Sie? Weil er eine geile Frau bumsen möchte! Bob hat sich nicht um ihre mechanischen Eigenschaften gekümmert bzw. vermutlich ihre anderen "Parameter", die er schon wieder vergessen hat. Er will Sex mit einer geilen Frau, das Thema beschäftigt ihn die ganze Zeit, er malt es sich in seinem Kopf aus, er fragt sich, wie seine Traumfrau aussieht, denkt über ihre Brüste nach etc., klare Sache. Vorschlag: Endlich ist sie da, Cindy, das neueste Modell.

Ja, das ist in der Tat ein Punkt und natürlich eine Triebfeder, warum er den Roboter anschafft. Es ist ein spannender Punkt, inwieweit man Roboter in der Zukunft vermenschlicht. Ich hadere immer noch, hier das "sie" einzusetzen. Ich spiele noch ein wenig mit dem Gedanken, Bobs Entwicklung unterschwellig stärker zu verarbeiten.
Anfangs ist es nur ein Roboter ein Roboter für ihn, dann Menschersatz und am Ende wieder ein Roboter, weil er merkt, dass Cindy ihm nicht das geben kann, was ihm wirklich fehlt. Nur als ihm das bewusst wird, ist es schon zu spät. Wie so oft im Leben.

Ich denke also noch ein wenig auf diesem "sie" herum.

Die "widerlichen Stellen" sind völlig richtig eingesetzt.

Danke, das zeigt mir, dass die Wirkung bei Dir wie gewünscht erzielt wurde.

Ich freue mich wirklich sehr über Deinen Kommentar - vielen Dank dafür. Nicht nur, weil Dir die Geschichte gefällt, sondern weil bei Dir Text so gewirkt hat, wie ich es geplant hatte.

Gruß
Geschichtenwerker

 
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26.08.2017
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Hi @Geschichtenwerker

ich fang einfach mal mit ein paar kleinen Anmerkungen an.

Er könnte sich heute noch übergeben, wenn er daran dachte. Und mit dieser Person, diesem Etwas, hatte er Sex, natürlich nur über den Sensor-Vibrator-Anzug 2000, denn allein der Gedanke an den Austausch echter Körperflüssigkeiten führte zu einer Art Schockstarre, aus der er nur erwachte, wenn Malcom, sein aktueller Haushaltsroboter, ihm ein Antitraumamittel spritzte.
Wurde ja schon von anderen erwähnt, aber das fand ich schon ziemlich heftig und die Reaktion macht den Protagonisten doch gleich mal unsympathisch. Vielleicht ist die starke Reaktion aber auch wichtig um der Einsicht am Ende der Geschichte das nötige Gewicht zu verleihen.

Sensor-Vibrator-Anzug 2000
Medizinausstattung 5.0
Niemand redet oder denkt auch nur mit Modellnummern, ich würde die wirklich einfach wegstreichen. Es reicht völlig zu sagen, dass Bob einen Sexanzug hat und eine medizinische Ausstattung für Malcolm gekauft hat.

Grundsätzlich hat mir der Text gut gefallen und ich hab ihn gerne bis zu Ende gelesen. Manche Umstände der Welt in der Bob lebt, muss man halt einfach akzeptieren. Für mich persönlich wäre es schön gewesen ein paar mehr Hintergrundinfos zu bekommen. Wieso gibt es z.B. Strafen auf Kinder? Industrieländer haben normalerweise sowieso eine schrumpfende Bevölkerung. Und wie konnte es sich durchsetzen, dass die Menschen anscheinend kaum mehr persönliche Kontakte haben? Das widerspricht ja eigentlich der menschlichen Natur. Es ist aber besser es bleiben manche Dinge im dunkeln, statt dass du die Geschichte mit lauter erklärenden Absätzen aufbläst.

Liebe Grüße,
Julian

 
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23.11.2016
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Hallo @JReichinger,

es freut mich sehr, dass Du Dich mit meinem Text beschäftigt hast und dass er Dir grundsätzlich gefallen hast.

Manche Umstände der Welt in der Bob lebt, muss man halt einfach akzeptieren.
Ja, das ist so. Die Kunst bei Kurzgeschichten, mit der ich auch immer wieder kämpfe, ist, die Geschichte aufs Wesentliche zu konzentrieren. Warum die Welt so ist, wie sie ist, tut hier eigentlich nichts zur Sache.

Für mich persönlich wäre es schön gewesen ein paar mehr Hintergrundinfos zu bekommen. Wieso gibt es z.B. Strafen auf Kinder?

Gibt es ja z. B. in China. Das ist also nicht völlig ungewöhnlich, weswegen ich auch keinen echten Grund sah, das zu erklären. Es gibt viele Gründe, warum eine zukünftige Gesellschaft, die Zahl der Kinder gering halten möchte, noch dazu, wenn die meisten Aufgaben von Maschinen erledigt werden, dann benötigt man nämlich die Menschen einfach nicht.

Und wie konnte es sich durchsetzen, dass die Menschen anscheinend kaum mehr persönliche Kontakte haben?

Dies ist ein Trend, den es in einigen Gesellschaften schon gibt. Zum Beispiel in Japan. Einen weiteren für Bob habe ich ja angeführt; er mag einfach keinen echten Kontakt, was sich an der Stelle ausdrückt:

Er könnte sich heute noch übergeben, wenn er daran dachte. Und mit dieser Person, diesem Etwas, hatte er Sex, natürlich nur über den Sensor-Vibrator-Anzug 2000, denn allein der Gedanke an den Austausch echter Körperflüssigkeiten führte zu einer Art Schockstarre, aus der er nur erwachte, wenn Malcom, sein aktueller Haushaltsroboter, ihm ein Antitraumamittel spritzte.
Wurde ja schon von anderen erwähnt, aber das fand ich schon ziemlich heftig und die Reaktion macht den Protagonisten doch gleich mal unsympathisch. Vielleicht ist die starke Reaktion aber auch wichtig um der Einsicht am Ende der Geschichte das nötige Gewicht zu verleihen.

Ich glaube einige haben das so gelesen wie Du, dass ihn das unsympathisch macht. Aber da steckt eben auch die andere Komponente drin, dass es gar nicht so sehr an "dieser Person" lag, sondern einfach daran, dass er ein generelles Problem mit Körperkontakt bzw. Natürlichkeit hat, weswegen er ja auch so lange in der Wohnung war, ohne sie zu verlassen.

Wie ich auch schon weiter oben erwähnte, kommt diese Übergeben ja zweimal, einmal an der von Dir zitierten Stelle und einmal später, wo er sich tatsächlich übergibt. Darin steckt für mich die Aussage, dass er am Ende seiner Entwicklung die Technik ekliger findet als die Realität. Mein Eindruck war, dass dies auch einige Leser verstanden haben.

Es ist aber besser es bleiben manche Dinge im dunkeln, statt dass du die Geschichte mit lauter erklärenden Absätzen aufbläst.

Ich glaube gerade bei Kurzgeschichten ist es selten gut, den Erklärbären zu spielen. Das hängt natürlich schon auch davon ab, welches Thema man in der Kurzgeschichte abhandelt. Bei Krimigeschichten ist es vielleicht eher unbefriedigend, wenn am Ende zu viele Frage unbeantwortet bleiben.

Hier ging es ja wirklich um Bob und die von Dir genannten Umstände waren für mich nicht so ungewöhnlich, dass ich die Notwendigkeit sah, sie zu erklären. Aber das kann man natürlich anders sehen.

Das ist ein spannender Punkt:

Sensor-Vibrator-Anzug 2000
Medizinausstattung 5.0
Niemand redet oder denkt auch nur mit Modellnummern, ich würde die wirklich einfach wegstreichen. Es reicht völlig zu sagen, dass Bob einen Sexanzug hat und eine medizinische Ausstattung für Malcolm gekauft hat.

Mein Ziel war es, Bob als Technikfreak darzustellen und diese Übergenauigkeit hier dient seiner Charakterisierung, um genau diesen Aspekt zu verdeutlichen. Dich hat es wohl eher gestört.

Das ist immer eine Gratwanderung, welche Details man einsetzt und wo man eher abstrahiert. Vielleicht denke ich da nochmals drüber nach, aber momentan bist Du auch der einzige, der darüber gestolpert ist.

Ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar. Immerhin hat Dir Text ja wohl trotz der genannten Punkte Spaß gemacht, was ja auch schon ein gewisser Erfolg ist.

Gruß Geschichtenwerker

 
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26.12.2014
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458

Hallo @Geschichtenwerker,

mir gefällt, wie du es schaffst, eine Art Dystopie (so würde ich den Text zumindest lesen) mit Humor zu verbinden. Das finde ich gar nicht so einfach, wie das Ergebnis dann aussieht. Stellenweise geht das ja sogar ins Schwarzhumorige, sehr schön.

Ich habe nur ein paar Sachen zu kritteln:

Endlich war er da.

Das finde ich etwas unelegant, vielleicht könnte man schreiben "Endlich war der neue Gesellschaftsroboter da"? Zunächst bezog ich das "Er" auf Bob.

Und mit dieser Person, diesem Etwas, hatte er Sex

Ich finde das an dieser Stelle nicht ideal, weil Bob kurz darauf wieder positiv über Louisa denkt, das ist sehr verwirrend. Vielleicht könntest du diese Auflösung, also dass Louisa in Wahrheit eine ältere Frau ist, ans Ende verschieben?

kinderlosen über Achtzigjährigen

ist grammatikalisch korrekt, klingt aber irgendwie nicht schön ..

»Das Paket sollst Du öffnen. Paket

Sehr schön zeigst du seine Gereiztheit, das passt wunderbar rein.

Aktiviere Pairing mit neuem Gerät Cindy. Code 2-4-3-5-A-1-C.«

Das fand ich etwas unrealistisch, dass er diese ganzen Codes so parat hat, vielleicht kann man das anders gestalten? Ich behaupte auch, bei den ganzen Fortschritten in der KI, dass der Roboter das vielleicht auch so hinkriegt?

Er ahnte Schlimmes. Langsam schob er den Rock weiter hoch

Coole Passage, sehr, sehr böse :)

Soviel nur von mir,
M.

 
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Hallo @Manlio,

vielen Dank für Deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe.

mir gefällt, wie du es schaffst, eine Art Dystopie (so würde ich den Text zumindest lesen) mit Humor zu verbinden. Das finde ich gar nicht so einfach, wie das Ergebnis dann aussieht. Stellenweise geht das ja sogar ins Schwarzhumorige, sehr schön.

Ja, der Text ist eine Dystopie mit einer gewissen Leichtigkeit. Ich selbst finde es gerade schwierig, immer nur diese tiefe Tragik zu lesen, die einen ja schon auch irgendwo runterzieht. Andererseits sind nicht tragische Text halt oftmals eher langweilig. Also dachte ich mir, probiere es mal, das zu verknüpfen, die Dystopie mit einer tragischen Schicht und andererseits aber mit einer unterhaltenden Schicht. Das ist in der Tat nicht so einfach. Ich wollte natürlich nicht in den Klamauk abrutschen, dazu war mir die dahinterliegende Botschaft doch zu wichtig, aber ich wollte auch keine normale Dystopie.

Das ist übrigens der Grund, weswegen ich den Text hier eingestellt habe. Ich wollte sehen, wie gut das funktioniert und deswegen freue ich mich natürlich über so ein Feedback.

Endlich war er da.
Das finde ich etwas unelegant, vielleicht könnte man schreiben "Endlich war der neue Gesellschaftsroboter da"? Zunächst bezog ich das "Er" auf Bob.

Die Eleganz ist noch eine Schwachstelle des Textes. Da muss ich insgesamt noch einmal ran und diese Stelle ist ein wenig symptomatisch dafür, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mehr die "Ingenieursseite" betonen möchte oder einfach nur die Mannseite zeigen möchte. Eigentlich stand für mich hier die Ingenieursseite im Vordergrund, aber ich überlege mittlerweile, ob das nicht eigentlich schon im Widerspruch zum Kauf des Roboters steht.

Warum ich also nicht einfach ändere? Vielleicht nenne ich den Gesellschaftsroboter hier gleich Cindy. Das zieht aber aus meiner Sicht eine ganze Reihe an kleinen Änderungen nach sich.

Ich grüble also noch ein wenig.

Und mit dieser Person, diesem Etwas, hatte er Sex
Ich finde das an dieser Stelle nicht ideal, weil Bob kurz darauf wieder positiv über Louisa denkt, das ist sehr verwirrend. Vielleicht könntest du diese Auflösung, also dass Louisa in Wahrheit eine ältere Frau ist, ans Ende verschieben?

Guter Punkt. Es gibt im Text ja diese äußerer Ebene und die innere. Bob ist am Anfang aufs Äußere fixiert und erkennt dann aber, dass Menschen im Gegensatz zu Maschinen eine innere Schönheit besitzen.

Das ist zumindest eine Botschaft, die in dem Text steckt. Insofern kann man es nicht so einfach verschieben, aber dieser Prozess müsste eventuell deutlicher sein. Ich hatte den Text übrigens auch stark gekürzt, damit er leichter wird. Vielleicht ist da auch ein wenig verlorengegangen von dieser Entwicklung.

kinderlosen über Achtzigjährigen
ist grammatikalisch korrekt, klingt aber irgendwie nicht schön ..

Ja, das zum Thema Eleganz. Auch hier muss ich noch einmal ran.

»Das Paket sollst Du öffnen. Paket
Sehr schön zeigst du seine Gereiztheit, das passt wunderbar rein.

Das wiederum freut mich. Ich experimentiere ja immer ein wenig mit solchen "Tricks" um zu sehen, ob das ankommt.

Aktiviere Pairing mit neuem Gerät Cindy. Code 2-4-3-5-A-1-C.«
Das fand ich etwas unrealistisch, dass er diese ganzen Codes so parat hat, vielleicht kann man das anders gestalten? Ich behaupte auch, bei den ganzen Fortschritten in der KI, dass der Roboter das vielleicht auch so hinkriegt?

Wenn ich das jetzt so lese, frage ich mich, ob diese Code überhaupt notwendig. Du hast recht, dass das Pairing natürlich einfach so funktionieren würde, aber ich wollte ausdrücken, dass er hier die Kontrolle über den Prozess haben möchte (Ingenieur, Pedant, Kontrollfreak), das ist also auch ein wenig Charakterisierung, die aber nicht unbedingt als solche wahrgenommen wird.

Er ahnte Schlimmes. Langsam schob er den Rock weiter hoch
Coole Passage, sehr, sehr böse :)

:D

Herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Das hat mich wirklich gefreut und vor allem hast Du noch eine neue Sicht auf einige Stellen eröffnet.

Gruß
Geschichtenwerker

 
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Hi @Geschichtenwerker

ein Text, der eine ganze Reihe von Themen, die uns in der Zukunft beschäftigen könnten, humoristisch anpackt und dadurch zum Nachdenken anregt. Eigentlich müsste einem das Lachen im Hals stecken bleiben. Keine Angst, das war bei mir nicht der Fall, im Gegenteil: das eine oder andere Mal wäre ich fast vom Sessel gekippt (vor Lachen).

Der Text schafft es sehr gut, mit Situationskomik und pointierter Ausdrucksweise, Humor zu erzeugen. Manchmal ist er fast schon ein bisschen rustikal.

Manuel strahlte morgens immer, wenn er mit dem Fahrrad ins Labor kam, während Bob missmutig aus seinem autonom fahrenden Miniflitzer stieg.

Bei dem Satz hab ich den Eindruck, passt die Perspektive nicht. Ist irgendwie schwer zu erklären: In den vorigen Sätzen erzählst du mehrheitlich aus Bobs Perspektive: Man „hört“ ihn sprechen. Bis zum zweiten Komma von dem Satz ist das für mich auch der Fall („immer“), da passt aber der zweite Teil nicht mehr richtig dazu: So würde Bob über sich selber ja nicht reden. Wäre aus meiner Sicht einfach zu lösen, indem man Bob nach dem zweiten Komma nochmal zu Wort kommen lässt:

Manuel strahlte morgens immer, wenn er mit dem Fahrrad ins Labor kam, wie sinnlos/wie lächerlich, … – so was in der Art.

Ich weiß, ist vielleicht eine Spitzfindigkeit. Tut dem ganzen auch keinen Abbruch. Wenn du nichts damit anfangen kannst ...

Bob blickte zur Seite und ließ seinen Blick auf Cindys Oberschenkeln ruhen.
Da hast du eine Wortwiederholung drinnen.
Seine Augen folgten den Runden ihres Körpers und der Gedanke, sich daran zu schmiegen, sich in ihre Arme zu legen und Luisas Hände sanft auf seinem Körper zu spüren, brachte eine Sehnsucht hervor, die er nicht kannte, die er nie zugelassen, sondern wie in einem Tresor weggeschlossen hatte, damals, als er beschloss, keine Frau und keine Kinder zu haben, sondern sich der Arbeit zu widmen, wie es sich für einen guten Bürger gehörte.
Was für ein Satz! Da geht ja ein ganzes Universum auf.
Müsste es nicht Rundungen heißen?

Schöne, sehr unterhaltsame Geschichte, die aber zum Nachdenken anregt. Gelesen und gelacht!

Servus,
Walterbalter

 
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Hallo @Geschichtenwerker,

gelungene Geschichte, schon deswegen, weil du den Mut besitzt, in die Zukunft zu schauen.

Seit dem Film „Her“ , in welchem sich der Protagonist ein besonderes Computerprogramm zulegt, das intelligent ist und die darin programmierte Frauenstimme ihm vom Klang und vor allem von dem, was sie miteinander reden, her so gut gefällt, dass er sich verliebt, bin ich an solchen Themen sehr interessiert.
Ich wage wie du zu behaupten, dass einiges rein Künstliches uns in Zukunft als Ersatz für unsere jetzigen realen Begegnungen ins Haus stehen und ich verfolge, soweit es mir überhaupt mit meinem wenigen Wissen möglich ist das, was die Roboterindustrie so herzustellen vermag.
Vermutlich werde ich diesen Robotern noch begegnen, auch wenn ich schon eine ziemlich alte Schachtel bin.
Aber der Gedanke, dass mir mal nicht ein echter Mensch, sondern ein Roboter den Po abputzt, finde ich fast sehr gut und fast schon beruhigend.

Von daher also hat mir nicht nur das Thema deiner Geschichte sehr gut gefallen, sondern auch ihre Umsetzung, denn Bob hat ja bereits akzeptiert, dass es nur noch Künstliches für ihn gibt.
Der damit verbundene Humor, der dadurch entsteht, dass Maschinen auch ihre Grenzen haben, gefällt mir irre gut. Sehr gut gemacht.

An manchen Stellen finde ich zwar, dass du ein wenig zu kräftig darauf hinweist, was fehlt, wenn keine echten Menschen mehr interagieren, aber es hat mich nicht so arg gestört, dass ich jetzt Verbesserungsvorschläge unterbreiten möchte.

Das ist halt deine Ansicht dazu, dass eine Entmenschlichung etwas Negatives ist. Ich kann dir darauf jetzt auch nicht mit vollem Widerspruch reagieren, dazu weíß ich viel zu wenig über all die technischen Möglichkeiten und ihre Vor- und Nachteile, aber in mir regt sich leise schon der Gedanke, dass es so schlecht nicht sein muss.
Immerhin bewegen sich die gesellschaftlichen Gepflogenheiten immer deutlicher in die Richtung, dass direkte menschliche Kontakte immer weiter zurück gedrängt werden.
Die Medien und das Internet haben in den letzten Jahrzehnten so viel an Zuwachs erfahren, dass man jetzt schon von einer deutlichen Veränderung in den zwischenmenschlichen Beziehungen sprechen kann.
Nimm nur als kleines prägnantes Beispiel die Zeit, die man täglich damit verbringt, auf das Handy zu schauen, um dort etwas zu lesen oder selbst einzugeben.
Solche Szenen, wie ich sie mittlerweile ganz oft beobachte, dass in Restaurants und Lokalen man sich gegenüber sitzt und nach der Bestellung sofort zum Handy greift, anstatt sich mit seinem Gegenüber zu unterhalten, hätte es vor 20 Jahren noch nicht gegeben.
Ich bin vielleicht noch die Generation, die es bemerkt und bemängelt, aber die Kinder derer, die bereits jetzt schon kaum noch ihre unmittelbaren Kommunikationsmöglichkeiten nutzen mögen, werden sich darüber garantiert nicht mehr echauffieren. Die kennen es nicht anders.
Ich will darauf hinaus, dass irgendwann in der Zukunft auch der Einsatz von Robotern nicht mehr diesen unmenschlichen Touch der Vereinsamung mit sich bringt. Sondern, dass dann da kaum einer den Mangel so sehen wird, wie wir ihn jetzt zu erkennen vermögen.

Auf all das weist deine gute Geschichte hin. Und auch darauf, dass ich froh bin, gerade jetzt zu leben.

Eine Sache möchte ich aber noch ansprechen, die mich gestört hat. Du hast Cindy ja technisch so ausgestattet, dass sie einiges, was sich Bob sexuell mit ihr vorgestellt hat, nicht geht. Zum einen, so habe ich es verstanden, weil es technisch nicht geht, zum anderen, weil Bob es nicht mitgekauft hat. Ich denke, dass er pfiffiger ist, ich nehme ihm das nicht ab, dass er nun erstaunt zur Kenntnis nehmen muss, dass wichtige Geschlechtsverkehrvarianten nicht funktionieren.
Ich glaube, dass er bei seiner Bestellung darauf bestimmt sehr geachtet haben wird.
Mein Verbesserungsvorschlag wäre der, dass du ihn hier durchaus auch humorig als einen Reingelegten umbauen könntest. Er hat zwar das alles bestellt, was er sich so in seiner sexuellen Phantasie mit Cindy vorgestellt hat, aber wegen vielleicht sehr versteckter Klauseln, die sie ihm aber benennen kann, hat er das Falsche angeklickt. Ich denke da grad an die Bestellung eines Autos, das meist mit diversen sog. Paketen angeboten wird. Wenn du eine Sitzheizung haben möchtest, dann musst du auch noch z.B. besonders ausgestattete Scheinwerfer mit dazu nehmen. Willst du die nicht, bekommst du auch die Sitzheizung nicht, weil es eben im Paket ist. Die Autofirmen haben meist diese Pakete so zusammen gestellt, dass man auch immer für einen selbst unnützen Kram mit kaufen muss.
Wie wäre es, wenn Bob da sich mehr oder weniger zwischen den Zusatzpaketen leider zu seinem Nachteil entschieden hat? Das könnte man urkomisch gestalten, jedenfalls traue ich dir das zu.
Auch dir teile ich mit, dass meine Verbesserungsvorschläge nur Ideen und Anregungen sind, keinesfalls Forderungen.

Sehr gut lesbare, angenehme humorige Geschichte mit innovativem Thema. Sehr gut gemacht! Bin gespannt auf deine weiteren Geschichten.

Lieben Gruß

lakita

 

EMR

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27.12.2020
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Zuletzt bearbeitet:

Hallo Geschichtenwerker

Feine Story, flottes Tempo, stringenter Schreibstil. Hat Spaß gemacht.

Du hast den Roman »1337: Game Over« von Ben Becker gelesen? Wenn nicht, unbedingt nachholen ;-)
ISBN: 9781092958608

Einzige Anmerkung: Wie jemand oben bereits geschrieben hat, ist für mich die Diskrepanz hinsichtlich Darstellung Luisa zu Beginn »könnte sich heute noch übergeben« und Darstellung Luisa am Ende »ihm gefiel diese faltige Haut« zu eklatant. Die Auflösung ist nicht schlüssig. Bob hat Potential, seine Enttäuschung beim Betrachten der echten Luisa reflektierter zu beschreiben. -> Erwartung, Desillusion, Demaskierung, anstelle von Ekel und Abscheu. Das gäbe dem Charakter noch mehr Tiefe. Die ist in der Rückblende an Manuel und dessen Familie bereits zu erkennen.

Grüße . EMR

 

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