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Copywrite Brot für Ingeborg

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Brot für Ingeborg

Seniorenresidenz Waldesruhe, Kronberg im Taunus; Deutschland
13. April 2020: 13:22 Uhr GMT (Ortszeit 15:22 Uhr)

Ingeborg lacht. Ihre Augen sprühen vor Lebensfreude, wenn sie lacht. Die dicken Zöpfe setzen sich in Bewegung, tanzen um ihren Kopf, während sie die Lieder singt, die sie jeden Tag singt. Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen. Tanze mit mir in den Morgen. Rote Lippen soll man küssen. 17 Jahr, blondes Haar. Sie summt, sie grummelt, verschluckt die Worte zu einem Brei. Ingeborg ist alt, über 80. Ich hab’s mir nicht gemerkt, obwohl’s in den Akten steht. Der Schlag hat sie vor einigen Jahren getroffen. Bevor ich hier in der Einrichtung angefangen habe. Manche Leute sagen, welche wie Inge wären meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet, dement eben. Jeder drückt sich anders aus, wenn es um so was geht. Ich denke nicht so, ich nicht.

Seit fünf Jahren arbeite ich hier. Seither pflege ich Ingeborg. Ich habe zwischen dreißig Minuten und einer Stunde Zeit für sie, mehr nicht, muss mich um sieben andere Alte kümmern, Einlagen tauschen, waschen, eincremen, Verbände wechseln, Tabletten setzen, der ganze Wahnsinn der Station. Ich mag den Job trotz allem. Manche Patienten mag ich mehr, andere weniger. Der Hoffmann mit seinem Totenblick macht mir Angst. Die Müller schreit mich an, und heult, als ich lache.

Gestern hatte ich frei. Als es losging, habe ich Mehl besorgt, damit ich Brot backen kann. 405er. Das schmeckt besser. Ich hätte so gern Kinder gehabt. Aber das hat der liebe Gott oder wer auch immer nicht gewollt. Mit Peter hat’s nicht geklappt und mit Hans auch nicht. Obwohl Hans die ganze Nacht wollte. Vielleicht war’s auch zu viel. Wir haben auch eine Menge Wein getrunken. Keinen teuren, den konnten wir uns nicht leisten. Jetzt bin ich alleine und backe eben Brot. Riecht gut, schmeckt gut.

Was Inge in einer klaren Stunde erzählt hat, fällt mir ein. Ich glaube, sie wollte mir etwas mitgeben mit der Geschichte. Ihr Vater hieß Kurt und war im Krieg. Er hat oft vom Hunger erzählt. Immer wieder dieselben Geschichten. Wie er mit seinem besten Freund, seinem Kameraden Wilfried, das Brot geteilt hat. Dass der, der das Brot brach, dem anderen immer das größere Stück reichte: Dass er das Brot manchmal zu einem Kügelchen zerdrückte, das kaum dicker als die Spitze eines Kinderdaumens war.

Für Inge habe ich extra Brot gebacken. Ein kleines, ganz normales, schön knusprig und der Teig ganz weich. Und ein süßes Brot, mit Rosinen drin. Das kann sie dann in den Kaffee tunken.

Denn heute wird ein schwerer Tag. Wegen all dem, was gerade passiert, weil wir einen alten Herrn auf der 2C im anderen Gebäude haben, der sich die Seuche eingefangen hat, muss ich Mundschutz tragen und die doppelte Anzahl an Heimbewohnern betreuen. Was eigentlich unmöglich ist. Gestern große Versammlung: Chefin, das gesamte Pflegepersonal, die Heimleitung. Viel Bla Bla. Was für Heldinnen wir wären, dass wir Zulage bekommen, dass wir uns und die Bewohner schützen müssen, dass wir die Katastrophe unbedingt vermeiden müssten, niemand mehr raus darf, keine Besucher mehr rein. Und dass wir vom Haus, das nicht direkt betroffen ist, mehr Leute betreuen müssen. Nur die Grundpflege, aber eben doppelt so viel. Jenny hat dann was gesagt. Jenny sagt immer was. Wahrscheinlich will sie Heimleitung werden. Sie ist 29. Wie jung! Wir haben dann diskutiert, wie wir Zeit sparen könnten. Betten neu beziehen, duschen, fegen, reden, auch mal mit jemandem einen Kaffee trinken. Da geht was. Und beim Haarewaschen auch. Ich habe dann gesagt, dass ich allein bei Inge zwischen einer halben und einer Stunde dafür brauche. Einmal in der Woche. Wegen der Zöpfe. War nur ein Beispiel. Haben ja auch andere Frauen lange Haare. Ihr müsst sie abschneiden, die wachsen wieder nach, sagte Schwester Erika, die Chefin. Ich dachte: scheiße, scheiße, scheiße. Warum habe ich den Mund nicht gehalten? Inges Zöpfe wachsen niemals nach!

Ich klopfe an der Tür. Sie wartet schon, singt ein Lied, das ich nicht kenne, strahlt mich an, sieht den Kuchen, strahlt noch mehr, deutet auf den Mundschutz und schüttelt den Kopf. Die Schere bemerkt sie nicht. Ich reiche ihr das Brot und mache mich ans Werk.

 
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Der Text interpretiert @bernadette 's schöne Geschichte Gebrochenes Brot aus den Urzeiten dieses Forums.
Ich krieg das mit den Links nicht anders hin: Gebrochenes Brot
(Vom Konzept her ist der Text auch Teil einer kleinen Serie, die ich bei den Kurzgeschichten platziere.)

 
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Hallo @Isegrims ,
zuerst möchte ich dir sagen, dass deine Entscheidung, nur diese Geschichte für das CW zu verwenden, goldrichtig ist. Sie kann auf jeden Fall für sich alleinstehen, hat den Bezug zum Original und - auch wichtig - eine passende Länge. Lass dir mit der Serie Zeit, auf die kann man später eingehen, wenn der Hype um CW vorbei ist.

Ich hatte meine ganz persönlichen Gründe, sofort auf deinen Text einzugehen. :sealed: Also dann:

Ingeborg lacht. Ihre Augen sprühen vor Lebensfreude, wenn sie lacht.

Ingeborg ist alt, über 80.

Die Ärzte sagen, sie sei dement, meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet.

Eine sehr verdichtete Charakterisierung von Ingeborg. Ich sehe sie vor mir, sehe, dass Alter und Krankheit nicht immer zur Selbstaufgabe nötigen, und dass es ein Menschenrecht ist, fröhlich zu sein, solange man lebt.

Inge aber liebe ich. Sie kämmt das schwere Haar jeden Tag. Damit es glänzt, damit jeder sieht, wie schön sie ist. Und schön ist sie. Sagt jeder, der sie sieht. Wegen der Haare. Wegen der Augen.

Ebenso eindringlich charakterisierst du die Ich-Erzählerin. Eine schlichte ältere Frau, die ihren Beruf als Pflegerin empathisch ausübt, mit Gefühl, was für die Betreuten gut ist und was nicht. Sozusagen der Idealfall, den man sich wünscht für alle Heime.
Dass es nicht überall so ist, können wir den Nachrichten entnehmen und merken, hier brauchen die Pflegekräfte von außen Unterstützung, materiell und ideell, und zwar nachhaltig, wenn die "Krise" überwunden ist.

Denn heute wird ein schwerer Tag.

Ihr müsst sie abschneiden, die wachsen wieder nach, sagte Schwester Erika, die Chefin.

Ich dachte: scheiße, scheiße, scheiße. Warum habe ich den Mund nicht gehalten? Inges Zöpfe wachsen niemals nach!

Oh ja, Verstand und Gefühl werden auf eine harte Probe gestellt. Ehrlich gesagt, mir blutet das Herz. Aber gibt es da Alternativen?

Die Schere bemerkt sie nicht. Ich reiche ihr das Brot und mache mich ans Werk.

Brot reichen hat natürlich Symbolcharakter. Die Koppelung mit Haare schneiden ist schmerzhaft.

Noch einige Anmerkungen:

Chefin, alle Pfleger*Innen, die Heimleitung.

Vorschlag: das ganze Pflegepersonal oder alle von der Pflege

mit jemand

mit jemandem

Ein sehr aktueller Text, schnörkellos (:thumbsup:) geschrieben. Gefällt mir gut.

Liebe Grüße
wieselmaus

 
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Hallo Isegrims,
ich mag deine Geschichte.

Ich kenne bernadettes Original nicht oder nicht mehr, von daher kann ich nicht dazu sagen, ob die Geschichte jetzt sehr eng mit dem dem Original verbunden ist, ich nehme eher an, du hast eine recht freie Gestaltung gewählt. Aber wieso auch nicht.

Ingeborg ist eine interessante, schöne Figur, die permanent aus den Augen der Icherzählerin geschildert wird. Das finde ich oft einen schönen Effekt, wenn man eine Figur durch die Augen einer anderen kennenlernt. das ist, wie wenn man gleichzeitig über beide etwas "lernt". Diese dicken Zöpfe sind natürlich der Hammer, Ingeborg ist ja eine lebensfrohe Gestalt, auch wenn sie einen Schlaganfall hatte. Sie ist so kraftvoll mit ihrem Singen und den lebensstrotzenden Zöpfen.
Man fühlt sich natürlich sofort an Samson denken, dessen Kraft in den Haaren steckte, und dessen Macht verloren geht, wenn man die Haare abschneidet. Ich hoffe, die arme Ingeborg stirbt nicht ohne ihre Kraftzöpfe.

Ingeborg lacht. Ihre Augen sprühen vor Lebensfreude, wenn sie lacht. Die dicken Zöpfe setzen sich in Bewegung, tanzen um ihren Kopf, während sie die Lieder singt, die sie jeden Tag singt.
Guter Start

Die Ärzte sagen, sie sei dement, meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet. Jeder drückt sich anders aus, wenn es um so was geht.
Und keiner besonders nett.


Die Müller schreit mich an und heult KOMMA wenn ich sie auslache.

Als es losging KOMMA habe ich Mehl besorgt, damit ich Brot backen kann.

405er. Das schmeckt besser. Ich hätte so gern Kinder gehabt. Aber das hat der liebe Gott oder wer auch immer nicht gewollt. Mit Peter hat’s nicht geklappt und mit Hans auch nicht. Obwohl Hans die ganze Nacht wollte. Vielleicht war’s auch zu viel. Wir haben auch eine Menge Wein getrunken. Keinen teuren, den konnten wir uns nicht leisten. Jetzt bin ich alleine und backe eben Brot. Riecht gut, schmeckt gut. Der Großvater fällt mir ein. Er hieß Kurt und war im Krieg.
Das finde ich stark gemacht, wie sie so vor sich hin plappert, das ist sehr assoziativ, sie erzählt von einem sehr genügsamen Leben. Und auffällig ist, dass alles so auf einer Ebene zu stehen scheint. Das Mehl genauso wie die Ehegatten und der Wein.

Dass er das Brot manchmal zu einem Kügelchen zerdrückte, das kaum dicker als die Spitze eines Kinderdaumens war. Ich glaube, Opa Kurt wollte mir etwas mitgeben mit seinen Geschichten.
Schöne Details

Chefin, alle Pfleger*Innen, die Heimleitung.
Oh nee, das sieht echt scheiße aus. Warum muss man denn sogar in Geschichten so korrekt sein???? Bist du doch sonst auch nicht. :D
Das sollte jetzt als ein kleines und liebevolles Kompliment verstanden sein.

Ich dachte: scheiße, scheiße, scheiße. Warum habe ich den Mund nicht gehalten?
Das kannst du mal laut sagen. Nicht immerzu plappern, Frau Pflegerin. Immerhin hätte ihr noch einfallen können, dass es ja einen Unterschied macht, wem man die Haare schneidet.
Und die Krise kriege ich natürlich, weil nie nie nie einer auf die Idee kommt, was das für ein widerliches System ist, das nur an Einsparung der Kosten denkt. Schlecht bezahlte und viel zu wenige und hochbelastete Pflegerinnen. Da muss man natürlich selbst an der Schraube drehen, wo man Arbeit einsparen kann, statt auf den Tisch zu hauen und mehr Leute und mehr Lohn und geringere Arbeitszeit zu fordern.

Die Schere bemerkt sie nicht. Ich reiche ihr das Brot und mache mich ans Werk.
Ich ahne Schlimmes. Arme Ingeborg.
Schönes Copy, sprachlich mal ganz anders, und was ich toll fand und mir auffiel, du klagst nie direkt an, das geschieht so en passant allein durch den Monolog der Frau.

Bis die Tage, hab es gut da draußen im Taunus.
Novak

 
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Liebe @wieselmaus

schön dich unter dem Text zu lesen. Vielen Dank für deine Anmerkungen. Ich war mir ja gar nicht sicher, ob die Geschichte in der Kürze und Verdichtung funktioniert, die ich mir zum Ziel gesetzt habe.

zuerst möchte ich dir sagen, dass deine Entscheidung, nur diese Geschichte für das CW zu verwenden, goldrichtig ist.
Ja und nein, ich schwanke da schon, weil gerade jetzt so unfassbar viel gleichzeitig passiert, kleine Szenen, von denen ich lese, die ich in den Medien sehe und die mich wirklich zutiefst berühren.

Sie kann auf jeden Fall für sich alleinstehen, hat den Bezug zum Original und - auch wichtig - eine passende Länge.
:thumbsup:

Eine sehr verdichtete Charakterisierung von Ingeborg. Ich sehe sie vor mir, sehe, dass Alter und Krankheit nicht immer zur Selbstaufgabe nötigen, und dass es ein Menschenrecht ist, fröhlich zu sein, solange man lebt.
o ja: wenn wenig übrig bleibt, dann bleibt doch der Kern. Lachen, fröhlich sein, vielleicht sogar singen.

Ebenso eindringlich charakterisierst du die Ich-Erzählerin.
dankeschön: sie charakterisiert sich ja letztlich selbst mithilfe ihres Gedankenstroms.

Dass es nicht überall so ist, können wir den Nachrichten entnehmen und merken, hier brauchen die Pflegekräfte von außen Unterstützung, materiell und ideell, und zwar nachhaltig, wenn die "Krise" überwunden ist.
unbedingt: Menschen, die sich um andere kümmern, um Alte, Kranke..., brauchen in jeder Hinsicht mehr, vor allem mehr Anerkennung.

Ein sehr aktueller Text, schnörkellos (:thumbsup:) geschrieben.
der Inhalt sucht sich die passende Form. :Pfeif:

viele Grüße aus der waldesnahen Taunuslandschaft
Isegrims

 
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Liebe @Novak,

normalerweise gehe ich durch Kommentare in zwei Etappen durch: einmal, um Korrekturen durchzuführen und Textstellen zu überdenken, schließlich, um zu antworten. Bei diesem (kurzen) Text reicht ein Durchgang. Auch eine hübsche Erfahrung.
(Übrigens habe ich die genderkorrekte Pflegepersonalbezeichnung leser*innen :Dfreundlicher gestaltet.)

ich nehme eher an, du hast eine recht freie Gestaltung gewählt. Aber wieso auch nicht.
ja und nein, ich habe einzelne Elemente durchaus übernommen.

Ingeborg ist eine interessante, schöne Figur, die permanent aus den Augen der Icherzählerin geschildert wird. Das finde ich oft einen schönen Effekt, wenn man eine Figur durch die Augen einer anderen kennenlernt. das ist, wie wenn man gleichzeitig über beide etwas "lernt".
gut, dass es geklappt hat, war mir nicht sehr sicher, zumal ich der Ich-Perspektive und dem Rollenprosarausch eher misstraue

Diese dicken Zöpfe sind natürlich der Hammer, Ingeborg ist ja eine lebensfrohe Gestalt, auch wenn sie einen Schlaganfall hatte. Sie ist so kraftvoll mit ihrem Singen und den lebensstrotzenden Zöpfen.
mir gefällt das Bild auch deshalb, weil es zeigt, wieviel Schönheit sich versteckt.

Man fühlt sich natürlich sofort an Samson denken, dessen Kraft in den Haaren steckte, und dessen Macht verloren geht, wenn man die Haare abschneidet.
ja, ich habe daran gedacht, aus Samson einen Titel zu basteln, die Idee aber verworfen

Und auffällig ist, dass alles so auf einer Ebene zu stehen scheint. Das Mehl genauso wie die Ehegatten und der Wein.
stream-of-consciousness: die Gedanken laufen auf gleicher Ebene ab

Und die Krise kriege ich natürlich, weil nie nie nie einer auf die Idee kommt, was das für ein widerliches System ist, das nur an Einsparung der Kosten denkt. Schlecht bezahlte und viel zu wenige und hochbelastete Pflegerinnen.
ach, das Kostenproblem ist doch der Kern der inhumanen Gesinnung, die ein Wirtschaftsunternehmen an den Tag legt.

Schönes Copy, sprachlich mal ganz anders, und was ich toll fand und mir auffiel, du klagst nie direkt an, das geschieht so en passant allein durch den Monolog der Frau.
Sprachlich anders, oha, aber klar, es wäre gar nicht anders gegangen, dankeschön

viele Taunusgarten, Taunuswäldergrüße
(Ach lass mal das Eckhaus wieder öffnen)
Isegrims

 
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Hallo @Isegrims,

mir hat dein Text sehr gut gefallen, die ruhige Art, der schnörkellose Stil. Wirklich, wirklich gut.

Ich weiß jetzt nicht, ob das in Ordnung ist, etwas persönliches von sich zu sagen, aber der Ort, den du beschrieben hast - eine "Seniorenresidenz" - war mein Arbeitsplatz (bin jetzt ambulant, springe aber oft stationär ein). Daher lese ich deinen Text aus der Perspektive eigener Arbeitserfahrung.

Arbeitest du auch in dem Bereich? Wenn nicht, Respekt für die präzise Beschreibung des Heimalltags, für die Details.

Ein paar Stellen:

Ich habe zwischen dreißig Minuten und einer Stunde Zeit für Inge, mehr nicht, muss mich um sieben andere Alte kümmern, Windeln tauschen, waschen, eincremen, Verbände wechseln, nach den Tabletten schauen, der ganze Wahnsinn der Station.

Kleinigkeiten, aber: Man windelt Babys, bei erwachsenen Menschen spricht man vom "IKM", Inkontinenzmaterial, "man wechselt IKM" oder "macht neues IKM". Zumindest hier in Sachsen, vielleicht ist das in den alten Bundesländern anders. Eine erfahrene Pflegekraft wie deine Ich-Erzählerin wird eher IKM sagen, denke ich. Und würde eine Azubine auch scharf darauf hinweisen. IKM sieht nur im Text etwas blöd aus, vielleicht "Einlagen tauschen"?

Falls du es noch authentischer haben willst: Tabletten setzen, da hast du schönes Pflegedeutsch und statt Station kann man auch "Wohnbereich" sagen.

Aber das sind Kleinigkeiten.

Der Hoffmann mit seinem Totenblick macht mir Angst. Die Müller schreit mich an und heult wenn ich sie auslache.

Könnte so in der Kaffeepause erwähnt werden.

Inge aber liebe ich. Sie kämmt das schwere Haar jeden Tag. Damit es glänzt, damit jeder sieht, wie schön sie ist. Und schön ist sie. Sagt jeder, der sie sieht. Wegen der Haare. Wegen der Augen.

Das ist sehr intensiv geschrieben. Die Pflege der eigenen Schönheit im Alter. Nicht dieses "Pff, Parfüm, brauch'ste nicht".

Wegen all dem, was gerade passiert, weil wir einen alten Herrn auf der 2C im anderen Gebäude haben, der sich die Seuche gefangen hat, muss ich Mundschutz tragen und die doppelte Anzahl an Heimbewohnern betreuen.

Meinst du mit "Seuche" Corona? Oder ein allgemeiner Begriff für irgendeinen Virus oder Keim (Noro-Alarm ...)? Mich verwunderte die ruhige, routinierte Reaktion der Heimleitung und der Ich-Erzählerin auf Corona.

Gestern große Versammlung: Chefin, das gesamte Pflegepersonal, die Heimleitung.

Schon absurd, Corona-Krise und alle kommen zusammen, um über Abstandsregelungen informiert zu werden. Kenn' ich :rolleyes:. Falls der Kontrast beabsichtigt, meine Hochachtung dafür.

Ihr müsst sie abschneiden, die wachsen wieder nach, sagte Schwester Erika, die Chefin. Ich dachte: scheiße, scheiße, scheiße. Warum habe ich den Mund nicht gehalten? Inges Zöpfe wachsen niemals nach!

Schöne "Seniorenresidenz" (auch so ein Euphemismus, wie "Entsorgungspark" für Abfallanlagen), diese Einrichtung. Der Satz impliziert, dass die Ich-Erzählerin aus Zeitgründen die Zöpfe Ingeborgs abschneiden soll. So, denke ich, wird das auch vom Pflegeteam verstanden. Vielleicht einen Vorwand zum Erhalt des Berufsstolzes einbauen? "Ihr müsst sie abschneiden, Frau Schmidt nuckelt immer daran, die wachsen schon nach" oder "Ihr müsst sie abschneiden, aus Hygienegründen, die wachsen schon nach". Im Ergebnis dasselbe, aber auf die Begründung kommt es an.

***

In deinem Text spricht eine Pflegerin, die ihre Pflege, den Akt des Helfens, ernst nimmt und ihn als Teil ihrer Persönlichkeit begreift. Ich lese aus deinem Text das, was Pflege bedeutet und was pflegerische von ärztlicher Behandlung unterscheidet: Das Leben eines bedürftigen Menschen gestalten und diese Verantwortung annehmen. All solche Werte von sozialem Handeln, von "Da sein", von Hingabe und Respekt geleisteter Arbeit, zeigt dein Text. Er zeigt die "alte Pflege", nicht die der Case-Manager-Konzepte. Und wie "Wirtschaftlichkeit" als Totschlagargument dient. Jetzt interpretiere ich etwas zu viel, aber mit dieser Ich-Erzählerin Text würde ich gerne zusammenarbeiten.

So, das war's

kiroly

 
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Zwischen den beiden Geschichten ist das Brotbrechen als Symbol der Teilhabe am Leben,

Ach du lieber Henker

Ingeborg lacht
lacht noch, möcht' ich ergänzen, denn der Name lässt einen leichten Schauer über meinen Rücken laufen,

Isegrims,

denn eine „Schwester“ I. war die leitende (Lehr-)Schwester „Rabiata“ an der Krankenpflegeschule am Jupphotel, in dem ich 20 Jahre lang „diente“, davon zwölf als Vorsitzender der MAV („Mitarbeitervertretung“, wer in Kirchen sich nicht auskennt, ein Betriebsrat "mit gebremstem Schaum"). Ich weiß also um die Nöte des Personals und die verschlossenen Ohren der Direktorien (wobei die Verwaltung immer den Vorsitzenden stellt) und Vorstände, ob nun mit betenden Händen geführt oder von Geldsäcken und Heuschrecken als GmbH oder AG ausgenommen – was für die Pflege insgesamt gilt.

Keineswegs verblüffend, aber für mich wie bestellt wider aktuellster Bertelsmannstudie: allzu viele Betten vorgehalten sieht die in der Pflege (da fragt man sich automatisch nach der Interessenlage der Bertelsmannstifter). Natürlich wird die Profitquote gesteigert, je kleiner der Nenner (in den ja auch das Personal einfließt) ist und umso höher der Zähler ge„zählt“ wird. Da weiß man gar nicht, ob der Pflegetag nicht doch die bessere Berechnungsgrundlage als die nicht notwendige Hüftoperation ist. „Gesünder“ ist allemal, einen Tag länger ausschlafen können.

Zum alten Ritus des Brotbrechens hab ich gerade schon was gesagt im Original von Bernadette , und das ist dann auch die Verbindung zwischen Muttertext und Abschrift. Beide sehr einfühlsam, da wo ich das ganze Elend in Ironie ertränkt hätte wie mancher den „überflüssigen“ Welpen über die Brücke wirft. Darum schnell zur Flusenlese

Die Müller schreit mich an und heult[,] wenn ich sie auslache.
Gestern hatte ich frei. Als es losging[,] habe ich Mehl besorgt, damit ich Brot backen kann.

Wir haben dann diskutiert, wo wir Zeit sparen könnten.
Hm, statt "wo" würde ich das vieldeutigere "wie" empfehlen, denn es fragt nicht nur nach dem Ort und der Zeit, sondern Art und Weise aus.

Ein lange noch anhaltendes Problem, dem der geringe Organisationsgrad in den Pflegeberufen eigentlich in die Hände spielt. Dabei gründet doch "Nächstenliebe" in der Solidarität mit dem Fernsten!

Eine notwendige Geschichte, findet der

Friedel

 
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Guten Abend @kiroly

sehr wichtiger Kommentar: vielen Dank! Meine größte Befürchtung bestand darin, nicht den richtigen Ton zu treffen, nicht authentisch genug einzutauchen.
Einige deiner Änderungsvorschläge habe ich sofort übernommen, aber nicht alle.

mir hat dein Text sehr gut gefallen, die ruhige Art, der schnörkellose Stil. Wirklich, wirklich gut.
der Stimme geschuldet: ich habe mich schon gefragt, wie spricht, wie denkt die von mir geschilderte Pflegerin.

Arbeitest du auch in dem Bereich? Wenn nicht, Respekt für die präzise Beschreibung des Heimalltags, für die Details.
Nein, ich kenne diesen Bereich nur von außen, habe aber größten Respekt für das, was in Heimen und Einrichtungen geleistet wird, wenn die Arbeit ernstgenommen wird und Empathie hinzul kommt.

Man windelt Babys, bei erwachsenen Menschen spricht man vom "IKM", Inkontinenzmaterial, "man wechselt IKM" oder "macht neues IKM". Zumindest hier in Sachsen, vielleicht ist das in den alten Bundesländern anders. Eine erfahrene Pflegekraft wie deine Ich-Erzählerin wird eher IKM sagen, denke ich. Und würde eine Azubine auch scharf darauf hinweisen. IKM sieht nur im Text etwas blöd aus, vielleicht "Einlagen tauschen"?
Tabletten setzen,
Tabletten setzen, okay, nehme ich, Einlagen tauschen finde ich gut, aber IKM? Das würde doch keiner verstehen, der nicht in dem Bereich arbeitet.

Das ist sehr intensiv geschrieben. Die Pflege der eigenen Schönheit im Alter. Nicht dieses "Pff, Parfüm, brauch'ste nicht".
das hat was von Würde und das berührt mich dann.

Meinst du mit "Seuche" Corona?
ach, ich verwende dieses C-Wort nicht, weil's im Grunde wurschd ist, wie man die Gefährdung bezeichnet

Schon absurd, Corona-Krise und alle kommen zusammen, um über Abstandsregelungen informiert zu werden. Kenn' ich :rolleyes:. Falls der Kontrast beabsichtigt, meine Hochachtung dafür.
ist halt auch deutsch, dieses Haltung ;)

So, denke ich, wird das auch vom Pflegeteam verstanden. Vielleicht einen Vorwand zum Erhalt des Berufsstolzes einbauen? "Ihr müsst sie abschneiden, Frau Schmidt nuckelt immer daran, die wachsen schon nach" oder "Ihr müsst sie abschneiden, aus Hygienegründen, die wachsen schon nach". Im Ergebnis dasselbe, aber auf die Begründung kommt es an.
guter Hinweis, den ich mir für eine Überarbeitung merke.

Ich lese aus deinem Text das, was Pflege bedeutet und was pflegerische von ärztlicher Behandlung unterscheidet: Das Leben eines bedürftigen Menschen gestalten und diese Verantwortung annehmen. All solche Werte von sozialem Handeln, von "Da sein", von Hingabe und Respekt geleisteter Arbeit, zeigt dein Text.
:Pfeif:ach je, das freut mich sehr

Jetzt interpretiere ich etwas zu viel, aber mit dieser Ich-Erzählerin Text würde ich gerne zusammenarbeiten.
:thumbsup:

Ach, das war ermutigend!
viele Grüße
Isegrims

 
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Lieber Friedel,

wer hätte gedacht, dass du in ebenjenem Bereich gearbeitet hast... :D

denn eine „Schwester“ I. war die leitende (Lehr-)Schwester „Rabiata“ an der Krankenpflegeschule am Jupphotel, in dem ich 20 Jahre lang „diente“
Schwester Rabiata, hübscher, sprechender Beiname, die könnte in dem Text auch noch erwähnt werden.

Ich weiß also um die Nöte des Personals und die verschlossenen Ohren der Direktorien
Das Problem liegt mMn darin, dass messbar gemacht werden soll, was nicht messbar sein dürfte: sich um die Menschen kümmern.

Zum alten Ritus des Brotbrechens hab ich gerade schon was gesagt im Original von Bernadette , und das ist dann auch die Verbindung zwischen Muttertext und Abschrift.
neben dem Brotbrechen gibt es eine weitere Verbindung, nämlich die Erinnerung an Opa Kurt und seine Anekdoten.

Beide sehr einfühlsam, da wo ich das ganze Elend in Ironie ertränkt hätte wie mancher den „überflüssigen“ Welpen über die Brücke wirft.
Ironie kann auch auf Umstände aufmerksam machen, ist halt ein schmaler Grat.

Ein lange noch anhaltendes Problem, dem der geringe Organisationsgrad in den Pflegeberufen eigentlich in die Hände spielt.
Habe ich erst gestern von gelesen: jeder (oder ziemlich viele) will ja, dass Pflegepersonal besser bezahlt wird. Nur ein Tarifvertrag hilft nichts, weil zu wenige organisiert sind, man müsste eine Allgemeingültigkeit feststellen, dann geht's. Aber wer verhandelt den Tarif?

Dabei gründet doch "Nächstenliebe" in der Solidarität mit dem Fernsten!
schön gesagt:Pfeif:
Eine notwendige Geschichte, findet der
dankeschön, ja, ein wirklich relevantes Thema

viele Grüße aus dem Taunusrestapril
Isegrims

 
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Hallo Isegrims,

während sie die Lieder singt, die sie jeden Tag singt. Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen. Tanze mit mir in den Morgen. Rote Lippen soll man küssen. 17 Jahr blondes Haar.
Entfernte Verwandte von mir hatten eine sehr betagte alte Dame daheim bis zum Tod gepflegt. Sie war auch schwer dement und hat den ganzen Tag über Tanze mit mir in den Himmel hinein gesungen. (Anderes Lied, aber gleiches Intention).
Das ging drei oder vier Jahre so. :shy: Also da hast du richtig ins Schwarze getroffen :D

Bevor ich hier in der Einrichtung angefangen habe. Die Ärzte sagen, sie sei dement, meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet. Jeder drückt sich anders aus, wenn es um so was geht.
Da allerdings zielst du komplett daneben. Jedenfalls weiß ich von einer sehr guten Freundin, die über 30 Jahren in Altenheimen gearbeitet hat, dass man immer sehr respektvoll von den Heimbewohnern spricht, alles andere wäre auch würdelos.
Die Müller schreit mich an und heult, wenn ich sie auslache.
Ist das ein satirischer Text? :confused:
Pflegekräfte lachen die Bewohner nicht aus. Hast du recherchiert? Oder ist das so aus deinem Kopf entsprungen?

Hmm.
Ich kann die Intention deines Textes nicht richtig einschätzen. Überspitzt du absichtlich oder denkst du tatsächlich, dass es in Heimen so zugehen könnte? Ich sehe da vieles, was ich in Heimen nicht so real mir vorstellen kann, weil ich eben von meiner Freundin über Jahre viel über die Arbeit erfahren habe und bin deswegen sehr distanziert zum Inhalt.

Das Copywrite hast du meiner Ansicht nach eher an den Haaren herbeigezogen, oder es gibt inhaltliche Parallelen, die ich nicht entdecken konnte. Ob die Protagonistin nun Brot oder Kuchen gebacken hätte, wäre egal gewesen. Natürlich steht es jedem frei, aus einem CW zu machen, was er will. Da ich aber schon richtig geniale Umsetzungen gelesen habe, fällt deine dabei eher ab, weil du dich nicht vollumfänglich damit auseinandersetzen musstest, sondern deine Geschichte im Kopf hattest und das Brot irgendwie reingepfrimelt hast, so geht es jedenfalls mir damit.

Das als mein Eindruck zur Geschichte.

Liebe Grüße
bernadette

 
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Hallo ihr beiden, @bernadette und @Isegrims

und sorry, dass ich hier so reinschneie, ohne das Original oder Isegrims Version gelesen zu haben, aber ich bin beim Prokrastinieren in Bernadettes Komm geraten und fand ihn sehr spannend. Ohne also bez. der Geschichte / Umsetzung eine Seite einzunehmen, gebe ich mal ein Gegenbeispiel zu

Da allerdings zielst du komplett daneben. Jedenfalls weiß ich von einer sehr guten Freundin, die über 30 Jahren in Altenheimen gearbeitet hat, dass man immer sehr respektvoll von den Heimbewohnern spricht, alles andere wäre auch würdelos.
Pflegekräfte lachen die Bewohner nicht aus.
Der langjährige Hausarzt meiner Oma hat sie im Beisein meiner Mutter bei einer Routineuntersuchung in der Praxis gefragt: "Wollen Sie eigentlich ewig leben, Frau G.?" Das war absolut nicht als augenzwinkernde Kumpelhaftigkeit gemeint, denn der Arzt stand stramm rechts. Da war meine Oma noch keine 80, hat danach noch USA-Besuche unternommen und mit ihren letztlich 99 3/4 Jahren eventuell den Arzt überlebt.
Als meine knapp 80-jährige Tante vor nur wenigen Jahren nach einer Rücken-OP eine professionelle Pflegekraft zu Hause hatte, schrie diese sie an: "Du alte Drecksau!", als ihr was auf der Toilette danebenging. Nun ist meine Tante selbst nicht auf den Mund gefallen, aber unter "respektvoll" und "Würde" stelle ich mir doch was anderes vor.

Das sind nur zwei Beispiele und können ganz unmöglich die einzigen sein. Ich kenne nur Zahlen aus Finnland, hier wird von den Behörden geschätzt, dass ein Viertel alter Menschen in Pflegestellen zu Recht körperliche Gewalt fürchten müssen. Auch das wird in Deutschland nicht so viel anders aussehen. Dagegen nehmen sich die aus der Geschichte zitierten Stellen sogar recht harmlos aus.
Freut mich natürlich, dass es Ausnahmen wie die Arbeitsstellen deiner Freundin zu geben scheint.

Herzlichst, Katla

 
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Moin, @Isegrims , diese Studie aus dem Pflegeheim (wozu ist die Uhrzeit zu wissen notwendig? :confused:) erreicht mich nicht richtig, weil sie gehetzt klingt, aufgezählt und dann gekonnt verwoben. Du wirfst mir Brocken vor die Füße, du weißt, wie es geht: hier ein bisschen Vorgeschichte der Protagonistin, einige Eigenschaften, ein paar Erinnerungen Brot betreffend, dort ein paar Ticks der Heimbewohner, flugs Zeitkolorit in Form der Virusinfektion, Eindrücke des Sprachjargons der Ärzte und anstatt es mir behutsam vorzuführen, mir davon zu erzählen, überfällst du mich mit nackten Tatsachen, wie Kinderlosigkeit, Brotbacken und ... Liebe. :hmm:

Inge aber liebe ich. Sie kämmt das schwere Haar jeden Tag. Damit es glänzt, damit jeder sieht, wie schön sie ist. Und schön ist sie. Sagt jeder, der sie sieht. Wegen der Haare. Wegen der Augen.

Was ist an diesen Äußerlichkeiten liebenswert, warum muss sie geliebt werden, damit es mehr wehtut, den Zopf zu schneiden? Wofür steht das Brotbacken? Die Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen z.B. bei Coronafällen sind extrem vielfältiger, wenn es etwa um Quarantäne geht, da spielen Haare eine untergeordnete Rolle, die hier aber auch aufgrund der Reaktion

Ich dachte: scheiße, scheiße, scheiße. Warum habe ich den Mund nicht gehalten? Inges Zöpfe wachsen niemals nach!

so sehr in den Vordegrund treten, wo ich doch des Titels wegen und wegen des „Muttertextes“ von @bernadette mich irregeleitet fühle und nicht mal weiß, wieso. :confused: Ich kann der Intention des Textes nicht so richtig nachspüren, weil sich für mich viel Thematik überlagert, aufeinanderstapelt und am Ende schnell abfällt : Haare ab, Brot geteilt.
Ich denke, es fehlt Zeit zu erzählen, damit jeder Charakter und der tiefe Sinn des Brotteilens gewichtiger sein könnte.

Aber nur ein Leseeindruck und dafür ein freundlicher Gruß zum Sonntagabend,

Kanji

 
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Nur eine kurze Zwischenreaktion zu den letzten beiden Kommentaren (ich gehe noch detaillierter darauf ein): den Text hätte ich gern als Maskenball eingestellt. Zumal der Stil diesmal nicht so prall angelegt ist (oder sein konnte).
Zum Konzept: ich sehe die Story als Teil der Serie in der Rubrik Kurzgeschichten und die Texte sind alle recht dicht, stellen.eind Momentaufnahme dar.
Bald mehr und liebe Grüße und vielen Dank für die Zeit und die Anmerkungen
Isegrims

 
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Hey @Isegrims,

ich hab das Original nicht gelesen, mein Komm. bezieht sich auf deinen Text als alleinstehende KG.

Inge aber liebe ich. Sie kämmt das schwere Haar jeden Tag. Damit es glänzt, damit jeder sieht, wie schön sie ist. Und schön ist sie. Sagt jeder, der sie sieht. Wegen der Haare. Wegen der Augen.
Und deshalb ist es auch so tragisch, die abzuschneiden, weil in ihnen ein Teil der Restpersönlichkeit Ingeborgs schlummert, wie bei Rapunzel, die auch in einem Turm ( der Schlag und seine Folgen) eingesperrt lebt und der einzige Zugang führt nur über die Haare. Und deshalb können sie auch nicht lapidar nachwachsen, wenn die Verbindung einmal gekappt ist.

Zöpfe abschneiden ist ja eine Redensart für das Trennen von überkommenen, veralteten Vorstellungen, wie sie deine Prota offenbar hat, indem sie sich um die Menschen kümmert, statt sie im Pflegetakt abzufertigen. Doch genau dazu wird sie final durch den Virus gezwungen, quasi die realen und die sinnbildlichen Zöpfe abzuschneiden und damit schaffst du ein großes Bild, das viel sagt, auch über die Opfer an Selbstbestimmung, die wir aus vermeintlicher oder realer Notwendigkeit heraus bringen.

Das andere Bild ist das Brotbrechen und -teilen, eine biblische Geste. Jesus soll beim letzten Abendmahl das Brot gebrochen und gesagt haben: Das ist mein Leib für euch. Es geht also um das Einswerden mit der Gemeinschaft und dem anderen, der immer das größere Stück bekommt.
Die Prota hat die Bedeutung dieser einfachen Geste von ihrem Großvater erlernt als einfaches (und oft einzig verfügbares) Mittel gegen den Hunger und genauso setzt sie es ein, weil er ihr das so mitgegeben hat. Es ist also nicht nur ein Ausdruck der Fürsorge, sondern eine Ebene höher des Einswerden mit einem geliebten Menschen.

Ich hab das gerne gelesen, finde das auch sehr feinsinnig, wie schon den Woodstock-Text, der auch unter der Oberfläche viel transportiert.

Peace, linktofink

 
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Lieber @Isegrims,

Inge aber liebe ich. Sie kämmt das schwere Haar jeden Tag. Damit es glänzt, damit jeder sieht, wie schön sie ist. Und schön ist sie. Sagt jeder, der sie sieht. Wegen der Haare. Wegen der Augen.
Ingeborg lacht. Ihre Augen sprühen vor Lebensfreude, wenn sie lacht. Die dicken Zöpfe setzen sich in Bewegung, tanzen um ihren Kopf, während sie die Lieder singt, die sie jeden Tag singt. Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen. Tanze mit mir in den Morgen. Rote Lippen soll man küssen. 17 Jahr blondes Haar.
Ich finde, du bringst sie uns sehr nah, die Ingeborg. Und auch deine Protagonistin, die kein leichtes Leben hat und sich an Ingeborgs Lebensfreude wärmt.

Die Ärzte sagen, sie sei dement, meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet. Jeder drückt sich anders aus, wenn es um so was geht.
Hier ging es mir wie @bernadette. Das ist für mich einfach keine typische Ausdrucksweise von Ärzten. Es mag einzelne geben, die sich so ausdrücken, es gibt in allen Berufsgruppen Idioten, aber "Die Ärzte" klingt so, als sei das gängig und das glaube ich nicht und widerspricht auch meiner Erfahrung. "Die Leute" würde vielleicht besser passen.

Die Müller schreit mich an und heult, wenn ich sie auslache.
Harte Stelle. Ich lese das so, dass die Bewohnerin die Pflegerin anschreit, dass die Pflegerin dann anfängt zu lachen und dass die Bewohnerin daraufhin weint. Puh, ganz schön viel Gewalt in dem einen Satz, Machtkampf.

Die Schere bemerkt sie nicht. Ich reiche ihr das Brot und mache mich ans Werk.
Das erinnert mich noch an eine andere Bibelstelle, den Judaskuss. Denn sie lenkt Ingeborg ja mit dem Brot ab, um ihr die Haare zu schneiden, also ist es ein Verrat. Deine Protagonistin ist keine, die sich wehrt, gegen das, was man ihr zumutet. Sie versucht, es sich so leicht wie möglich zu machen und leidet still mit. Es ist eine bittere Szene, die du beschreibst, aber auch eben der bittere Alltag in der Pflege. Zu wissen, wie es richtig wäre und gezwungen zu sein, anders zu handeln.

Der Text von @bernadette hat eine große Wucht. Da bilden sich in der Geste des Brotbrechens Fragen von Moral und menschlichem Miteinander ab. Dass du aus diesen Themen diese vielen kleinen Szenen überall auf der Welt entwickelst, finde ich eine geniale Möglichkeit das Copywrite aufzufassen.

Liebe Grüße von Chutney

 
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Lieber @Isegrims,
ich fände es geschickter, wenn du einfach mit diesen schönen Sätzen beginnen würdest:

Ingeborg lacht. Ihre Augen sprühen vor Lebensfreude, wenn sie lacht.
anstatt dem Leser durch diesen (mir in seiner Exaktheit sowieso nicht nötig erscheinenden Eintrag) sofort zu verraten, wo wir uns befinden:
13. April, 15:22 Uhr: Seniorenresidenz Waldesruhe, Kronberg im Taunus
Es dauert ja nicht lange, dass der Leser das selbst herausfindet, und auch dass es jetzt, während der Corona-Zeit handelt, wird ja schnell deutlich.
[Edit: Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass das natürlich mit dem Konzept deiner Serie zusammenhängt, das ich übrigens sehr cool finde. Nur hier, so losgelöst beim Copywrite Text, kam es mir eben unnötig vor.]
Schön ist die Aufzählung all der Schlager. Sowohl Ingeborg als auch die Prota kommen liebenswert rüber.
Sie summt, sie grummelt, verschluckt die Worte zu einem Brei.
Den Brei mag ich nicht so, gerade im Zusammenhang mit „verschluckt“. Einen Brei kann man verschlucken - aber „etwas zu Brei verschlucken“?
Die Ärzte sagen, sie sei dement, meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet. Jeder drückt sich anders aus, wenn es um so was geht.
Da schließe ich mich meinen Vorkommentatorinnen an, hatte bereits für mich selbst diese Stelle als unstimmig angesehen. Gerade in einer Senioreneinrichtung, wo ja wahrscheinlich ein Großteil der Bewohner unter der einen oder anderen Form von Demenz leidet, glaube ich nicht, dass sich die Ärzte so unprofessionell ausdrücken. Dabei meine ich nicht, dass sie nicht einige auch respektlos und zynisch reden bzw. sich benehmen – aber diese Ausdrücke würde mMn trotzdem nur jemand benutzen, für den diese Altersleiden nicht alltäglich sind.
Ich mag den Job trotz allem. Manche Patienten mag ich mehr, andere weniger.
Das geht gar nicht anders, glaube ich, aber trotzdem scheint es eine empathische Pflegerin zu sein.
Der Hoffmann mit seinem Totenblick macht mir Angst. Die Müller schreit mich an und heult, wenn ich sie auslache.
Hier war ich zunächst etwas … entsetzt. Durch den Kommentar von @Chutney bin ich aber erst darauf gekommen, dass man es anders lesen kann als ich. Ich dachte nämlich, diese mir bis dahin sympathische Pflegerin lacht die Müller wegen diverser Gebrechen aus - und ich dachte mir, soll das wirklich so sein? :eek: Aber falls es so gemeint ist, dass die Müller zunächst die Prota anschreit, diese daraufhin lacht und dann erst die Müller heult, könnte ich es eher akzeptieren. ;) Fände es dann aber umformuliert besser.
Als es losging, habe ich Mehl besorgt, damit ich Brot backen kann. 405er. Das schmeckt besser. Ich hätte so gern Kinder gehabt. Aber das hat der liebe Gott oder wer auch immer nicht gewollt.
Den Gedankenstrom mag ich auch. (Noch schöner fände ich: Aber das hat der liebe Gott nicht gewollt. Oder wer auch immer.)
Mit Peter hat’s nicht geklappt und mit Hans auch nicht. Obwohl Hans die ganze Nacht wollte. Vielleicht war’s auch zu viel.
Auch möglich: zu viel ... :lol:
Jetzt bin ich alleine und backe eben Brot. Riecht gut, schmeckt gut.
Sehr schön! Da kann man jedenfalls nichts falsch machen.
Der Großvater fällt mir ein. Er hieß Kurt und war im Krieg. Er hat oft vom Hunger erzählt. Immer wieder dieselben Geschichten. Wie er mit seinem besten Freund, seinem Kameraden Wilfried, das Brot geteilt hat.
Nur so eine Idee: Die Verbindung von Ingeborg und Brot könnte noch stärker sein, etwas weniger beliebig, wenn Ingeborg der Pflegerin diese Geschichte erzählt, dass es eben Ingeborgs Großvater war (oder eher ihr Vater), der mit der Brotgeschichte aus dem Krieg. Und dass die Pflegerin erst daraufhin damit angefangen hat:
Für Inge habe ich extra Brot gebacken.
Ja, fände ich persönlich stärker, auch im Hinblick auf den Schluss und den „Verrat“.
Jenny hat dann was gesagt. Jenny sagt immer was. Wahrscheinlich will sie Heimleitung werden.
Feine Beobachtung.
Ihr müsst sie abschneiden, die wachsen wieder nach, sagte Schwester Erika, die Chefin. Ich dachte: scheiße, scheiße, scheiße. Warum habe ich den Mund nicht gehalten? Inges Zöpfe wachsen niemals nach!
Oh je, wahrscheinlich nicht ...
Sie wartet schon, singt ein Lied, das ich nicht kenne, strahlt mich an, sieht den Kuchen,
Ich fände es ohne den extra Kuchen direkter, der lenkt irgendwie ab. Belass es doch einfach bei einem sauleckeren, knusprigen Brot … (das kann Inge zur Not auch in den Kaffee tunken, falls es dir um diese Stelle geht)
Die Schere bemerkt sie nicht. Ich reiche ihr das Brot und mache mich ans Werk.
Starker Schluss. Den schlichten, nüchternen Tonfall deiner Geschichte mag ich und habe sie sehr gerne gelsesen.
Viele Grüße von Raindog

 
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Guten Abend @bernadette

hat bisschen gedauert, bis ich soweit war, deinen Kommentar zu beantworten. Ich musste über diese eine Stelle nachdenken, die mit den Ärzten, die du und auch andere angesprochen hast. Insgesamt fand ich deinen Kommentar ein wenig widersprüchlich, was aber nichts daran geändert hat, dass ich die von dir genannten Punkte ernst genommen und für den Text bewertet habe.

Sie war auch schwer dement und hat den ganzen Tag über Tanze mit mir in den Himmel hinein gesungen. (Anderes Lied, aber gleiches Intention).
Das ging drei oder vier Jahre so. :shy: Also da hast du richtig ins Schwarze getroffen :D
:Pfeif:

Da allerdings zielst du komplett daneben. Jedenfalls weiß ich von einer sehr guten Freundin, die über 30 Jahren in Altenheimen gearbeitet hat, dass man immer sehr respektvoll von den Heimbewohnern spricht, alles andere wäre auch würdelos.
sorry, aber das klingt schon ein bisschen naiv. Es gibt doch kein entweder oder, manche Heime werden sicher so geführt, wie du es aus den Beschreibungen deiner Freundin, gehört hast, aber: immer? siehe auch @Katla s und @kiroly s Kommentare.
Und dass es in Einrichtungen auch "würdelos" zugehen kann, ist gut dokumentiert.

Die Stelle habe ich wie folgt verändert:
Manche Leute sagen, welche wie Inge wären meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet, dement eben. Jeder drückt sich anders aus, wenn es um so was geht. Ich denke nicht so, ich nicht.

Pflegekräfte lachen die Bewohner nicht aus. Hast du recherchiert? Oder ist das so aus deinem Kopf entsprungen?
Ich habe recherchiert. Und wenn du die Szene genau liest, hat sie bei weitem nicht die von dir evtl vermutete Schärfe. Wichtig war mir allerdings schon, keine idealtypisch geformte Heimwirklichkeit zu zeigen, das würde ich für oberflächlich halten.

Ich kann die Intention deines Textes nicht richtig einschätzen. Überspitzt du absichtlich oder denkst du tatsächlich, dass es in Heimen so zugehen könnte? Ich sehe da vieles, was ich in Heimen nicht so real mir vorstellen kann, weil ich eben von meiner Freundin über Jahre viel über die Arbeit erfahren habe und bin deswegen sehr distanziert zum Inhalt.
na ja, ich kann mir gut vorstellen, dass du dir eine andere Wirklichkeit wünscht. Ich auch.

Das Copywrite hast du meiner Ansicht nach eher an den Haaren herbeigezogen, oder es gibt inhaltliche Parallelen, die ich nicht entdecken konnte.
bleibt dir unbenommen, diese Haltung. Dennoch: das Thema war's, das mich interessiert hat. Die Symbolkraft von Brot. Und die Erinnerungen. Eine reine Nacherzählung deiner Geschichte hätte mich tatsächlich nicht interessiert.

Ob die Protagonistin nun Brot oder Kuchen gebacken hätte, wäre egal gewesen.
ist es nicht!

sondern deine Geschichte im Kopf hattest und das Brot irgendwie reingepfrimelt hast, so geht es jedenfalls mir damit.
wie du weißt, wollte ich die anderen Texte der Brot-Serie dem Copy-Write anfügen.

Danke dir für deine Rückmeldung! Ich wünsche dir einen schönen Abend
Isegrims

Hi @Katla

schön, dass du ein paar Fakten ergänzt hast, dankeschön.

Der langjährige Hausarzt meiner Oma hat sie im Beisein meiner Mutter bei einer Routineuntersuchung in der Praxis gefragt: "Wollen Sie eigentlich ewig leben, Frau G.?" Das war absolut nicht als augenzwinkernde Kumpelhaftigkeit gemeint, denn der Arzt stand stramm rechts. Da war meine Oma noch keine 80, hat danach noch USA-Besuche unternommen und mit ihren letztlich 99 3/4 Jahren eventuell den Arzt überlebt.
interessante Story, schreib doch mal darüber.

Das sind nur zwei Beispiele und können ganz unmöglich die einzigen sein. Ich kenne nur Zahlen aus Finnland, hier wird von den Behörden geschätzt, dass ein Viertel alter Menschen in Pflegestellen zu Recht körperliche Gewalt fürchten müssen. Auch das wird in Deutschland nicht so viel anders aussehen. Dagegen nehmen sich die aus der Geschichte zitierten Stellen sogar recht harmlos aus.
Freut mich natürlich, dass es Ausnahmen wie die Arbeitsstellen deiner Freundin zu geben scheint.
meine Recherchen habe dasselbe ergeben.Und die jetzige Situation wird's nicht gerade verbessern. Zum Glück gibt es auch gutgeführte Einrichtungen

Ach je, vielleicht kannst du an irgendeinem finnischen See eisfischen, geht auch mit Abstand
viele Grüße
Isegrims

 
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Um die Fragen, die @Kanji an den Text hat, zu klären bzw. um für ein paar der verwendeten Bilder Deutungsmöglichkeiten zu liefern, verbinde ich die Beantwortung mit dem Kommentar von @linktofink.
Vielen Dank euch beiden. Jede Stellungnahme finde ich spannend gibt mir ein wertvolles Feedback.

diese Studie aus dem Pflegeheim (wozu ist die Uhrzeit zu wissen notwendig?
ich habe das an anderer Stelle bereits erwähnt: die Angabe der Uhrzeit bezieht sich auf die anderen Geschichten der Serie.

Du wirfst mir Brocken vor die Füße, du weißt, wie es geht:
na ja, so was nennt sich Verdichtung

Was ist an diesen Äußerlichkeiten liebenswert, warum muss sie geliebt werden, damit es mehr wehtut, den Zopf zu schneiden?
ehrlich jetzt: berührt dich das nicht: eine alte Frau, menschenverlassen, dement, deren einziger Stolz ihre schönen Haare sind? Mich berührt das Bild sehr.

Wofür steht das Brotbacken?
siehe @linktofink s Kommentar. Brot an sich ist ein großes Symbol in vielen Kulturen

Die Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen z.B. bei Coronafällen sind extrem vielfältiger, wenn es etwa um Quarantäne geht, da spielen Haare eine untergeordnete Rolle, die hier aber auch aufgrund der Reaktion
gebe ich dir recht, Ziel der Geschichte ist es allerdings nicht, die Quarantänemaßnahmen zu beschreiben. Außerdem: das Wort Corona fällt gar nicht.

Ich denke, es fehlt Zeit zu erzählen, damit jeder Charakter und der tiefe Sinn des Brotteilens gewichtiger sein könnte.
stimmt, man hätte eine viel längere Geschichte, vielleicht sogar einen Roman aus dem Stoff machen können.

Hier ein paar Antworten:

Und deshalb ist es auch so tragisch, die abzuschneiden, weil in ihnen ein Teil der Restpersönlichkeit Ingeborgs schlummert, wie bei Rapunzel, die auch in einem Turm ( der Schlag und seine Folgen) eingesperrt lebt und der einzige Zugang führt nur über die Haare.
Haare als Träger, Symbol des Lebens, findet man in Märchen, Sagen, selbst in der hippen Bartkultur jüngster Zeit

Doch genau dazu wird sie final durch den Virus gezwungen, quasi die realen und die sinnbildlichen Zöpfe abzuschneiden und damit schaffst du ein großes Bild, das viel sagt, auch über die Opfer an Selbstbestimmung, die wir aus vermeintlicher oder realer Notwendigkeit heraus bringen.
das ist das tragische Element, das ich beschreiben wollte

Das andere Bild ist das Brotbrechen und -teilen, eine biblische Geste. Jesus soll beim letzten Abendmahl das Brot gebrochen und gesagt haben: Das ist mein Leib für euch. Es geht also um das Einswerden mit der Gemeinschaft und dem anderen, der immer das größere Stück bekommt.
Brot ist Leben. Wer jemals Romane wie zum Beispiel die "Atemschaukel" von Herta Müller gelesen hat, weiß, wie stark das Brotbrechen wirkt. Sie bsschreibt eine Lagersituation in Sibirien. Da gibt es eine Frau, die fürs Brotteilen zuständig ist, damit jeder seinen gerechten Teil bekommt.

Es ist also nicht nur ein Ausdruck der Fürsorge, sondern eine Ebene höher des Einswerden mit einem geliebten Menschen.
:Pfeif:

Ich hab das gerne gelesen, finde das auch sehr feinsinnig, wie schon den Woodstock-Text, der auch unter der Oberfläche viel transportiert.
:Pfeif:

Liebe Grüße und aus dem Grauingrau, in Erwartung des süßen Kuchens, den es bald gibt
Isegrims

 
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Ich habe ein paar Stellen geändert. Insbesondere auch die von euch angesprochenen missverständlichen.Vielen Dank, genau das liebe ich an dem Forum: Ich muss dann zwar schlucken, denke mir, ne ne ne, das passt schon, enthält genau das, was ich sagen wollte, dann rumort's bisschen in mir und ich ändere die Einschätzung. :thumbsup:

Liebe @Chutney

ich mag den Kommentar, der hat mich gefreut.

Ich finde, du bringst sie uns sehr nah, die Ingeborg. Und auch deine Protagonistin, die kein leichtes Leben hat und sich an Ingeborgs Lebensfreude wärmt.
schöne Beschreibung der beiden

Hier ging es mir wie @bernadette. Das ist für mich einfach keine typische Ausdrucksweise von Ärzten. Es mag einzelne geben, die sich so ausdrücken, es gibt in allen Berufsgruppen Idioten, aber "Die Ärzte" klingt so, als sei das gängig und das glaube ich nicht und widerspricht auch meiner Erfahrung. "Die Leute" würde vielleicht besser passen.
stimmt schon, die Stelle lenkt ab, schließlich geht's (mir) ja gar nicht darum, Ärzte zu kritisieren.
Deshalb jetzt so:
Manche Leute sagen, welche wie Inge wären meschugge, ein bisschen übergeschnappt, verblödet, dement eben. Jeder drückt sich anders aus, wenn es um so was geht.

Harte Stelle. Ich lese das so, dass die Bewohnerin die Pflegerin anschreit, dass die Pflegerin dann anfängt zu lachen und dass die Bewohnerin daraufhin weint. Puh, ganz schön viel Gewalt in dem einen Satz, Machtkampf.
ja, schon, zumindest Frust, es gibt allerdings unterschiedliche Arten des Lachens

Das erinnert mich noch an eine andere Bibelstelle, den Judaskuss. Denn sie lenkt Ingeborg ja mit dem Brot ab, um ihr die Haare zu schneiden, also ist es ein Verrat.
sie weiß um ihren Verrat, zumindest unbewusst

Sie versucht, es sich so leicht wie möglich zu machen und leidet still mit. Es ist eine bittere Szene, die du beschreibst, aber auch eben der bittere Alltag in der Pflege. Zu wissen, wie es richtig wäre und gezwungen zu sein, anders zu handeln.
:Pfeif:ja, diese Ohnmacht kennen viele Menschen, die sich professionell um andere kümmern

Dass du aus diesen Themen diese vielen kleinen Szenen überall auf der Welt entwickelst, finde ich eine geniale Möglichkeit das Copywrite aufzufassen.
das freut mich

Liebe @Raindog,

super Kommentar, sehr konkrete Änderungsvorschläge, die ich größtenteils übernommen habe, danke!

anstatt dem Leser durch diesen (mir in seiner Exaktheit sowieso nicht nötig erscheinenden Eintrag) sofort zu verraten, wo wir uns befinden:
Es dauert ja nicht lange, dass der Leser das selbst herausfindet, und auch dass es jetzt, während der Corona-Zeit handelt, wird ja schnell deutlich.
[Edit: Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass das natürlich mit dem Konzept deiner Serie zusammenhängt, das ich übrigens sehr cool finde. Nur hier, so losgelöst beim Copywrite Text, kam es mir eben unnötig vor.]
die Serie könnte auch 13.April 13:22 GMT heißen.

Den Brei mag ich nicht so, gerade im Zusammenhang mit „verschluckt“. Einen Brei kann man verschlucken - aber „etwas zu Brei verschlucken“?
mir leuchtet das schon ein: du versuchst ein Wort zu bilden, es gelingt dir nicht...

Gerade in einer Senioreneinrichtung, wo ja wahrscheinlich ein Großteil der Bewohner unter der einen oder anderen Form von Demenz leidet, glaube ich nicht, dass sich die Ärzte so unprofessionell ausdrücken. Dabei meine ich nicht, dass sie nicht einige auch respektlos und zynisch reden bzw. sich benehmen – aber diese Ausdrücke würde mMn trotzdem nur jemand benutzen, für den diese Altersleiden nicht alltäglich sind.
siehe oben, ich habe die Stelle geändert

Aber falls es so gemeint ist, dass die Müller zunächst die Prota anschreit, diese daraufhin lacht und dann erst die Müller heult, könnte ich es eher akzeptieren. ;) Fände es dann aber umformuliert besser.
so ist es gemeint, ich habe ein bisschen angepasst:
Die Müller schreit mich an, und heult, als ich lache.

Den Gedankenstrom mag ich auch. (Noch schöner fände ich: Aber das hat der liebe Gott nicht gewollt. Oder wer auch immer.)
kommt auf die Liste

Die Verbindung von Ingeborg und Brot könnte noch stärker sein, etwas weniger beliebig, wenn Ingeborg der Pflegerin diese Geschichte erzählt, dass es eben Ingeborgs Großvater war (oder eher ihr Vater), der mit der Brotgeschichte aus dem Krieg. Und dass die Pflegerin erst daraufhin damit angefangen hat:
starke Idee, die ich umgesetzt habe:

Was Inge in einer klaren Stunde erzählt hat, fällt mir ein. Ich glaube, sie wollte mir etwas mitgeben mit der Geschichte. Ihr Vater hieß Kurt und war im Krieg. Er hat oft vom Hunger erzählt. Immer wieder dieselben Geschichten. Wie er mit seinem besten Freund, seinem Kameraden Wilfried, das Brot geteilt hat. Dass der, der das Brot brach, dem anderen immer das größere Stück reichte: Dass er das Brot manchmal zu einem Kügelchen zerdrückte, das kaum dicker als die Spitze eines Kinderdaumens war.

Ich fände es ohne den extra Kuchen direkter, der lenkt irgendwie ab. Belass es doch einfach bei einem sauleckeren, knusprigen Brot …
ja, das haben andere auch erwähnt, ich finde aber, dass der zusätzliche süße Kuchen eben auch eine Verbüßung des bitteren Endes bewirken soll.

Starker Schluss. Den schlichten, nüchternen Tonfall deiner Geschichte mag ich und habe sie sehr gerne gelsesen.
:Pfeif:

viele Grüße aus der Abenddämmerung
Isegrims

 

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