Was ist neu

Dann ein Schatten

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05.07.2020
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Anmerkungen zum Text

Ich habe in diesem Text mit dem Wechsel in verschiedene Perspektiven experimentiert. Ich hatte auch überlegt, den Text in die Experimente-Rubrik zu stellen, war mir aber nach dem Lesen der Regularien für diese Rubrik nicht mehr sicher, ob er dafür dann nicht doch viel zu konventionell ist. Sollte er da reinpassen, kann er gerne nachträglich verschoben werden.
So oder so wollte ich ein paar Worte voranstellen, bevor es Diskussionen und Verwirrung gibt. Mein letzter Text Supercut war ja ebenso eher ein Versuch, etwas auszuprobieren. Hier nun eben der Versuch, Perspektivwechsel durchzuführen. Nichtsdestotrotz freue ich mich, neben einer Rückmeldung zum Perspektivwechsel natürlich auch über inhaltliche Anmerkungen und Kritik.

Dann ein Schatten

Nachmittags treibt er sich herum. Er schlendert über Gehwege, vorbei an einem Friseurgeschäft, an einem Imbiss. Auf dem Parkplatz des einzigen Supermarktes im Ort besieht er sich die Nummernschilder. Die Auswärtigen schreibt er mit einem Bleistift auf einen Zettel. Die Kennzeichen will er später auf eine Liste übertragen, die Städte ausformuliert daneben.
Er geht zum Bolzplatz neben der Gaskugel. Er überlegt, ob die nicht irgendwann in die Luft fliegen muss, seit er gehört hat, dass da wirklich Gas drinnen sein soll. Er mag, wie riesig sie ist, gehalten von vier stählernen Pfeilern, größer als ein Haus. Das sandige Feld daneben ist von einem hohen Maschendrahtzaun eingefasst. Ein paar Tannen werfen ihre Schatten auf die Spieler. Er sieht zu, wie sie mit dem Ball herumkicken, sich anschreien, manchmal auf der Erde miteinander ringen. Eine Weile drückt er sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite herum, beobachtet den Spielverlauf. Nur nahe genug, dass sie ihn bemerken oder zum Mitspielen auffordern könnten, geht er nicht.
Mit einem Stock schlägt er Schneisen durch Brennnesseln und Gräser in der Nähe eines Bachs. Mit einem Mal ist er umzingelt; muss sich mit der Waffe und seinem Wagemut den Weg freikämpfen. Er schreit, ringt den Feind Welle um Welle nieder. Am Ende gelingt es, die Schlacht ist geschlagen, doch viele seiner treuen Gefährten, die Krieger aus seinen Geschichten, liegen am Boden und rühren sich nicht mehr. Ein letzter Blick, ein Salut den Gefallenen, dann weiter. Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Ein Stückchen entfernt legt er sich hin und schaut in den Himmel. Er schließt die Augen, spürt die Sonne im Gesicht, ein Prickeln auf seiner Nase. Warme Luft, die er einatmet, irgendwo das entfernte Brummen eines Propellerflugzeugs über sich. Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt? Tim will sich aufrichten, da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe vor dem seinen; funkelnde, kleine Augen, Härchen auf den Wangen, im Atem etwas Saures. Sein Grundstück ist das, sagt er zu ihm. Sein Grundstück!
Tim weiß nichts davon. Woher auch, Unkraut und Gräser, kein Zaun, kein Beet, gar nichts. Er wohnt seit zwei Wochen in diesem Ort, kennt die Gegend nicht, und ihn, den Mann, den kennt er auch nicht. Loslassen, soll der ihn, er hat ja niemandem was getan! Nur sagt er nichts von alldem, bekommt nichts heraus, ist ganz erstarrt und der Mann hält ihn noch immer, so fest, dass es wehtut.
„Mach dich weg, du“, sagt er schließlich, und dann lässt er ihn endlich los. Er ruft ihm noch etwas hinterher, aber Tim hört nicht, er stolpert davon, ein Rauschen in den Ohren.

Im Bus sieht sie aus dem Fenster. Die Ampeln grün, Feierabendverkehr am Stadtrand. Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern. Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann. Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen. In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.
Ihrem Sohn hatte sie versprochen, dass sie nicht noch einmal würden umziehen müssen, aber sie konnte ihr Versprechen nicht halten. Jetzt wohnen sie im Untergeschoss, zwei Zimmer, Teppichboden, die Dusche im Flur, man trennt sie mit einem Vorhang ab. Einer der Nachbarn hat ihnen mit den schwersten der Kartons geholfen. Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt. Es ist nicht für immer, sagt sie sich. Aber weiß sie das? Was, wenn es das gewesen ist? In der Stadt putzen, in zwei Jobs, damit es reicht. Mit dem Bus nach Hause, in einen Keller, dem Sohn dabei zusehen, wie er wächst und älter wird. Am Ende hoffen, dass es werden wird, mit Schule und Freunden, mit einer Ausbildung. Sie selbst dann grau, die Knie kaputt, der Rücken auch.
Am Abend essen sie. Er ist so still, man hört das Schaben der Gabeln auf den Tellern, das Brummen des Kühlschranks. Wenn er einen Schluck aus seinem Glas nimmt, muss er danach Luft schnappen, so viel trinkt er auf einmal. Nur sagen tut er nichts.
„Wie war dein Tag?“, fragt sie. Er sieht sie an. Natürlich kennt sie ihn, ihren Sohn, wie sonst niemanden, aber doch, so ganz herauslesen, was da hinter dieser kleinen Stirn und dem Schopf brauner Haare vorgeht, kann sie nicht.
„Fußball“, sagt er schließlich. Sie hebt die Augenbrauen. Das ist neu.
Er nickt. Dann beginnt er zu erzählen, wie sie die Mannschaften aufgeteilt haben, wie sein Team hinten lag, wie er aber zwei Tore geschossen und ihnen schlussendlich den Sieg beschert hat. Er erzählt davon, dass sie ein Turnier planen. Sie wollen auch andere Mannschaften einladen. Ein Sommerturnier soll es werden. Vielleicht, so meint er, würden sie am Spielfeldrand etwas zu essen und zu trinken anbieten. Gegen eine Spende, denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für. Sie nickt und als sie fragt, ob sie denn auch vorbeikommen dürfe, schließlich wolle sie ihren Sohn beim Spiel anfeuern, legt er die Gabel beiseite. Da müsse er schauen, sagt er. Es stehe ja noch gar nicht fest, wann das Turnier stattfinden würde, und vielleicht müsste sie ja auch arbeiten? Außerdem könne es sein, dass sich seine Freunde dagegen entscheiden. Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
In der Nacht liegt sie wach. Wenn in den Wohnungen über ihnen jemand spült, rauscht das Abwasser hinter der Wand neben ihrem Kopf die Rohre herunter. Unter der Decke streicht sie sich über den Bauch. Sie umfasst ihre linke Brust, drückt sanft. Wann hat man sie das letzte Mal angefasst? Eine Erinnerung an einen Abend in einer Bar vor über einem Jahr. Jemand, mit dem sie sich lange unterhielt, worüber, weiß sie nicht mehr. Sie beugte sich dicht zu ihm, damit er sie verstehen konnte, ein Streicheln über den Oberschenkel, den Geruch von Bier und Zigaretten in der Nase. Zu Hause fielen sie übereinander her. Ihre Körper umschlungen, seine Hand unter ihrem Top, ihre Hand in seinem Nacken. Etwas fiel klirrend vom Nachttisch und zerbrach. Erst da bemerkte sie, dass Tim in der offenen Tür stand, sich nicht rührte, zu ihnen herübersah.

Er sitzt auf den Treppenstufen vor dem Haus und raucht, wie er es oft tut, wenn es das Wetter erlaubt. Gleich muss er zur Arbeit, Spätschicht im Kieswerk. Da sieht er den Jungen von unten, der da mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau, erst seit zwei Wochen oder was, den sieht er jetzt die Straße herunterkommen. Seinen Namen hat er vergessen, aber das Gesicht von dem, da liegt was drinnen, das erkennt er sofort. Als der ihn bemerkt, bleibt er stehen, wie angewurzelt, und jetzt sieht er, dass der Junge heult. Er zieht an seiner Zigarette und bläst Rauch aus. Ein kleines bisschen rutscht er zur Seite. Falls der Junge an ihm vorbei nach drinnen will, könnte er das jetzt. Doch der rührt sich nicht.
„Schlechter Tag?“, fragt er. Der Junge sagt nichts, steht nur da und zieht die Nase hoch. Er nimmt noch einen Zug. Er schaut zur Seite, will ja nicht die ganze Zeit dieses weinende Kind anstarren, und bläst den Rauch aus. Aber weil der Junge sich nicht rührt, muss er was tun. Also zwingt er sich ein Grinsen auf die Lippen und fragt: „Was heulst'n? So schlimm, oder wie?“ Dann steht er auf, macht einen Schritt in seine Richtung, will ihm vielleicht eine Hand auf die Schulter legen, so genau weiß er es nicht, da schreit der Junge ihn an, so laut und plötzlich, dass er zusammenzuckt, er kann gar nicht anders.
„Lasst mich alle in Ruhe!“, schreit der, das Gesicht rot, eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu.
„Arschloch!“, noch lauter, dass er ein zweites Mal zuckt. Dann drängt der Junge an ihm vorbei, rempelt ihn sogar ein klein wenig an und nimmt die wenigen Stufen zur Wohnungstür. Sie fällt ins Schloss, und er steht jetzt da, die Zigarette noch immer in der Hand, und versteht nicht, was er denn bitteschön falsch gemacht hat und warum dieses Kind ihn derart hat anschreien müssen. Verstohlen blickt er sich um, sieht hinauf zu den Fenstern, ob da eine Bewegung ist, ein Zurückziehen der Vorhänge, ein argwöhnischer Blick, und gleich noch ein Ruf, dass er gefälligst das Kind in Ruhe zu lassen habe! Er macht eine Geste, ein hilfloses Schulterzucken, falls doch einer guckt. Er lässt seine Zigarette fallen, auch wenn es der eigene Innenhof ist, tritt sie aus, nimmt seinen Rucksack mit dem Vesper, der Trinkflasche und seiner Zeitung und dann macht er sich auf den Weg zur Arbeit; ein heißkalter Schauer, der ihm nachhängt.

Am Abend, bevor seine Mutter nach Hause kommt, bereitet Tim das Essen vor. Mit einer Gabel pikst er Löcher in die Plastikabdeckungen, schiebt erst das eine, dann das andere Gericht in die Mikrowelle, sitzt am Küchentisch und sieht zu, wie sich der Teller dreht, die Maschine summt, der Timer herunterläuft. Die letzten Sekunden zählt er mit, leise, das Gesicht auf den verschränkten Armen.

 

hallo @Habentus ,

wie immer hast du einen schönen entspannten Schreibstil. Kommt mir ein wenig wie ein Experiment vor, wie du stellenweise diese kurzen Halbsätze aneinanderreihst.
Aber ich habe auch Stellen gesehen, die vielleicht nochmals angesehen werden sollten:

Nachmittags treibt er sich herum. Er schlendert über Gehwege
Da stellt sich mir sofort die Frage: Was hat er Vormittags gemacht? Oder ist die Zeit überhaupt wichtig?
Über Gehwege schlendern. Vielleicht würde mir "entlang schlendern" oder "Gehwegen folgen" besser gefallen.
Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Irgendwie finde ich den Satz holprig. Für mich sind das zu viele, eigentlich irrelevante, Informationen auf einmal. Zugegeben, für den Jungen mag es wichtig sein.
Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern.
Würde die Landmaschinen weglassen. Stören mich irgendwie und was soll die Felder sonst durchpflügt haben?
Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann. Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen. In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.
Die trostlose Stimmung ist hier sehr schön eingefangen. Gefällt mir.

Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt.
Technisch schwierig jemandem auf den Hintern zu gucken, während man sich mit der Person unterhält, die man eben trifft.
Nur sagen tut er nichts.
Er tut nichts sagen, ist kein schöner Satz. Und doch glaube ich nicht, dass er versehentlich dort steht. "Nur sagt er nichts" oder "Er sagt nur nichts" klingt in meinen Augen schöner.
Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
Womit ist sie einverstanden? Dass er nachfragt? Oder durchschaut sie ihn bereits? Verwirrte mich etwas.
Da sieht er den Jungen von unten, der da mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau, erst seit zwei Wochen oder was, den sieht er jetzt die Straße herunterkommen. Seinen Namen hat er vergessen, aber das Gesicht von dem, da liegt was drinnen, das erkennt er sofort.
Ich würde den ersten Satz etwas umstellen. So klingt es, als wäre sie erst seit zwei Wochen eine schöne Frau. "...der da unten seit grob zwei Wochen mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau..." vielleicht.
Ok, was erkennt er in dem Gesicht, das er sieht bevor er bemerkt, dass der Junge heult? Verstehe ich nicht ganz.

Ist an sich von der Thematik her kein mitreißendes Thema und doch ist es trotzdem interessant erzählt. Der Junge, der zu oft umzieht und deshalb keine Freunde hat. Seinen letzten Freunden symbolisch beim Sterben auf dem Schlachtfeld der Wiese zur Seite stand. Den anderen Kindern beim Fußball spielen zusieht und hin und hergerissen ist, ob er mitspielen oder in Ruhe gelassen werden will.
Die erschreckende Begegnung mit dem Besitzer der Wiese, der sauer ist, weil sein naturbelassenes Biotop verwüstet wurde, während der Junge einfach nur der Meinung ist, er habe etwas Unkraut umgehauen.
Die Mutter, die aufgegeben und zu wenig Zeit für ihren Sohn hat. Ich bin mir nicht so sicher, ob sie versteht, dass der Junge sie angeflunkert hat. Denkt sie, der Junge findet in dem Alter sicher schnell Freunde? Denkt auch der Nachbar das von ihr, dass sie als gutaussehende Frau eigentlich schnell jemanden finden würde? Nur die Personen selbst sehen es anders.
Herrlich wie der Nachbar einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist um den ganzen Frust des Jungen abzubekommen.
So kurz die Geschichte ist, sie bringt einen doch zum Nachdenken.
Gerne gelesen.

Schöne Grüße
Tsunami

 

Hallo Habentus,
Ich habe mal in deinen Text reingelesen und eine Sache bezüglich des Stils ist mir sehe aufgefallen: Du benutzt generell eher kurze Sätze, was auch erstmal etwas den Flow rausnimmt. Ich finde persönlich man muss die Satzlänge immer auf die Szene anpassen je nach dem wie schnell diese ist. Schnelle Szenen beispielsweise Rennszenen oder auch dramatische Szenen brauchen kurze Sätze, während ich bei Texten wie diesem eher längere Sätze bevorzuge. Sonst schaffe ich es nicht in die Szene einzutauchen.
Vielleicht war das auch deine Intention so zu schreiben, aber auf mich wirkt es generell der stockend und das tut dem Text nicht gut.

Ich hoffe, dass der Tipp dir etwas bringt :)
Kann man aber gut fixxen denke ich.

LG Fynn

 

Hallo @Habentus,

ich mache es eher recht kurz. Ich habe auch einen Blick in Deine Challengegeschichte gewagt, aber irgendwie ist der Stil nicht so meine Sache, deswegen halte ich mich zurück.

Trotzdem eine Frage: Probierst Du etwas aus mit diesen kurzen, strukturidentischen Sätzen? Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt hier grob zwei Gruppen von Lesern und Kommentatoren (das ist natürlich eine starke Vereinfachung):

i) Fokus auf Geschichte
ii) Fokus auf Handwerk

Zur Einordnung: Ich gehöre vom Interesse her zur zweiten Gruppe und lese auch mit dieser Brille auf der Nase. Es ist natürlich großartig, wenn jemand einen tolle Geschichte erzählt, sich einen neuen, überraschenden Plot ausgedacht hat, etc.

Aber eigentlich erwarte ich das gar nicht. Mich interessert im Forum das Handwerkliche (Stichwort "Textwerkstatt"). Dazu gehört für mich auch eine Variabilität der Sprache. Der erste Absatz enthält jedoch eine Aneinderreihung der folgenden Satzkonstruktionen: Er macht 1. Er macht 2. Er macht 3. Und auf den ersten Bllick zieht sich das durch den Text (ich habe ihn nicht komplett gelesen).

Ich persönlich kann damit wenig anfangen. Tut mir leid. Das ist mir viel zu repititiv, zu eintönig. Das kann natürlich so gewollt sein. Aber wie gesagt, das ist mit meiner Vorstellung von handwerklich gutem Schreiben so nicht vereinbar. Du magst aber vielleicht eine ganz andere Vorstellung von dem Schreibhandwerk haben und dann sind wir eben nicht kompatibel. Deswegen nerve ich hier auch nicht weiter, mit meinen Ausführungen.

Gruß
Geschichtenwerker

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Habentus,

wundervoller Text, stilistisch ein Guss. Dichte Atmosphäre, klare Sätze und viele tolle Bilder, die das Geschehen visualisieren. Sehr viel passiert unter den Zeilen (Subtext) und auch dazwischen. Die lapidar kurzen Sätze passen gut zu diesem schlaglichtartigen Zeigen von (eben kurzen) Sequenzen, nicht nur filmisch, sondern teils ‚fotografisch‘. Gelungen, finde ich, bin da gern über die ganze Distanz mitgegangen; dass dies ein Stillleben ist und daher keine aufsehenerregende Spannungskurve zu erwarten, war mir von Anfang an klar, deshalb fehlte mir auch nichts (keine dies betreffende Erwartung).

Ein paar Stellen, sprachliches Kleinvieh, hab ich rauskopiert mit Anmerkungen.


manchmal auf der Erde miteinander ringen
Da hab ich kein klares Bild. Sie ringen? Während eines Fußballspiels? Hat sich gesperrt.

Nur nahe genug, dass sie ihn bemerken oder zum Mitspielen auffordern könnten, geht er nicht.
Okay. Jetzt ist sein Alter klar. Vielleicht könntest du das vorher erledigen. Denn: Das mit dem Aufschreiben der Autonummern hat bei mir den Eindruck erweckt, das könnte ein alter Mann sein, ein Rentner. Jedenfalls war es etwas unklar.

Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Das ist vom Klang nicht so gut. Das 'doch grün vom Abschlagen der Pflanzen' als Einschub macht das Ding sperrig. Falls das Eschenholz nicht wichtig ist, könntest du das nach vorn ziehen: Seinen Stock, angenehm in der Hand und ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Evtl. kann man das 'angenehm in der Hand' noch rausnehmen.
Ein Stückchen entfernt legt er sich hin und schaut in den Himmel. Er schließt die Augen, spürt die Sonne im Gesicht, ein Prickeln auf seiner Nase. Warme Luft, die er einatmet, irgendwo das entfernte Brummen eines Propellerflugzeugs über sich. Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Sehr sinnlich beschrieben, daher stark: Kinästhetisch, auditiv, visuell.

Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt?
Und nun passiert was, auch gut an der Stelle! Bei 'ob er denn eigentlich spinnt' würde ich vom Klang her eins der beiden Wörter rausnehmen:
Ob er eigentlich spinnt? oder
Ob er denn spinnt?
Nr 2 ist Favorit.
da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe vor dem seinen
Klang: 'vor dem seinen' weg, Silbenüberfluss und brauchts auch nicht fürs Bild:
da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe
funkelnde, kleine Augen, Härchen auf den Wangen, im Atem etwas Saures. Sein Grundstück ist das, sagt er zu ihm. Sein Grundstück!
Schön plastisch, wieder 'sinnlich', neben dem Sehen auch noch das Riechen des Atems!

Loslassen, soll der ihn
Das Komma weg.

Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann.
Da ist die Klammer etwas weit, weil das Busfahren schon etwas her ist.
Wenn ich ganz blöd komme, sage ich, okay, die Pflanzen hängen kraftlos durch Dörfer herab? ;)
Vielleicht einfach mit dem noch nicht benutzten Verb:
Fährt durch Dörfer ... oder
Es geht durch Dörfer ...

Die Häuser dort direkt an der Straße
Ich mag das Wort direkt ... selten. Kann man hier auch streichen. Oder 'die Häuser dort nah an der Straße'.
(Wie stehen Häuser denn indirekt an der Straße?)

Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt.
Schwieriges Bild, würde ich eventuell separieren vom Gespräch als eigenen Satz.
2. Punkt, hier verlässt du auch das einzige Mal die Perspektive, die sonst pro Absatz klar an einer Person hängt. Daher müsste hier noch die Vermutung rein, dass das bei ihr bleibt:
... und denkt vermutlich, dass sie es nicht merkt.
Sie kann ja nicht wissen, dass er das denkt, jedenfalls gibt es keinen Hinweis darauf.
Am Abend essen sie. Er ist so still, man hört das Schaben der Gabeln auf den Tellern, das Brummen des Kühlschranks. Wenn er einen Schluck aus seinem Glas nimmt, muss er danach Luft schnappen, so viel trinkt er auf einmal. Nur sagen tut er nichts.
Wundervoll plastisch wieder.

Dann beginnt er zu erzählen, wie sie die Mannschaften aufgeteilt haben, wie sein Team hinten lag, wie er aber zwei Tore geschossen und ihnen schlussendlich den Sieg beschert hat. Er erzählt davon, dass sie ein Turnier planen. Sie wollen auch andere Mannschaften einladen. Ein Sommerturnier soll es werden. Vielleicht, so meint er, würden sie am Spielfeldrand etwas zu essen und zu trinken anbieten. Gegen eine Spende, denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für. Sie nickt und als sie fragt, ob sie denn auch vorbeikommen dürfe, schließlich wolle sie ihren Sohn beim Spiel anfeuern, legt er die Gabel beiseite. Da müsse er schauen, sagt er. Es stehe ja noch gar nicht fest, wann das Turnier stattfinden würde, und vielleicht müsste sie ja auch arbeiten? Außerdem könne es sein, dass sich seine Freunde dagegen entscheiden. Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
Wundervoll erzählt ;)

Sie umfasst ihre linke Brust, drückt sanft. Wann hat man sie das letzte Mal angefasst?
Nun, ich könnte sagen, sie hat sie das letzte Mal angefasst, und zwar gerade eben ;) falls mit 'sie' die Brust gemeint ist.
Ich würde dieses passive-allgemeine 'man' ersetzen mit 'jemand' oder 'einem Mann'.
Falls du mit 'sie' die Frau selbst meintest, ist leider der Bezug unklar.

Erst da bemerkte sie, dass Tim in der offenen Tür stand, sich nicht rührte, zu ihnen herübersah.

Stärker ohne den letzten Teil, wenn du den Satz mit 'sich nicht rührte' abschließt. (Dass er zu ihnen rübersieht, weiß man ohnehin, wohin sollte er sonst schauen?)

„Lasst mich alle in Ruhe!“, schreit der, das Gesicht rot, eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu.
„Arschloch!“, noch lauter, dass er ein zweites Mal zuckt.
Da gefällt mir die Anbindung nicht ganz. Ich würde ein Verbindungsstück nehmen und den Absatz rausnehmen:
„Lasst mich alle in Ruhe!“, schreit der, das Gesicht rot, eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu. Dann: „Arschloch!“, noch lauter, sodass der Mann ein zweites Mal zuckt.

>>><<<

dass da wirklich Gas drinnen sein soll -> Gas drin sein soll?

dass sie nicht noch einmal würden umziehen müssen -> umziehen würden müssen?

wie sein Team hinten lag -> hintenlag?

denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für -> bräuchte man Lizenzen?


Hoffe, du kannst damit etwas anfangen … Herzlichen Gruß
Flic

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Habentus ,

ein paar kurze Eindrücke (nebenher beim Nachtessen sozusagen), vielleicht kannst du damit was anfangen.

Solche slice of life Geschichten können schon spannend sein, aber für mich muss da etwas Eindringliches, Besonderes oder wenn (stilistisch) Poetisch-Sinnliches sein, sonst weckt es nicht mein Interesse. Ich meine damit nicht Dauer-Action oder irgendwas Krasses, sondern mehr als nur ein mir recht beliebig erscheindendes Schlaglicht auf ein kleines Leben von 8,3 Billionen anderen Menschenleben. Eben auch recht berichtend, entfernt, aufzählend. Pacing: Immer gleicher Takt.

Stilistisch: Der Text hat einen echten Overkill an Personalpronomen, v.a. er. Ich hab versucht, zählen zu lassen, aber word markiert -er- auch als Wortteil. Jedenfalls hat mich das ehrlich gesagt beim Lesen rausgekegelt und ziemlich auf die Palme gebracht, so sehr, dass ich fast Mühe hatte, im Text zu bleiben. Es ist extrem unsinnlich, zumal es mir scheint, als ob du manche Wortfolgen / Satzkonstruktionen nur so hast, damit er auch mal woanders als am Anfang steht, nicht aus einem organischen Fluss heraus.
Dast ist aber nicht Teil deines Tests, oder?
Den Hauptgrund sehe ich bei einem unbedingten Fokus auf Figuren (im Gegensatz zu Setting, Atmo, allgemeinen / rausgezoomten Betrachtungen etc.) Auch etwas, das ich nicht gern lese, sorry. Die häufigere Nennung von Eigennamen würde schon mal helfen. Und wenn du ohnehin einen etwas spröden, leicht abgehackten Sound willst, wären viele Personalpronomen mit Ellipsen zu umgehen. Das würde eben dein Problem aus der Welt schaffen, ohne dass sich etwas vom Gesamteindruck ändert.
(Ob nicht auch eine Modulation wünschenswert sein könnte, die an die jeweiligen Szenen angepasst wäre, ist eine andere Frage.)

Im Titel fehlt mir ein Prädikat. Oder eine Ortsangabe etc. Der raunt und murmelt mir bissl viel, ohne eigentlich seine Aufgabe zu erfüllen und auf die Geschichte hinzuweisen.

Bezogen auf deine Hauptfrage: Perspektivwechsel.
Einen Moment lang hatte ich mich am Ende gefragt, ob das alles sein kann, weil ich keinen bemerkt hab. Zweites Mal überflogen und einen Fokuswechsel gefunden. Das ist nicht dasselbe. Es ist keine Änderung der Perspektive, weil alles mit der selben Stimme, im selben Stil, mit dem selben Vokabular und derselben Haltung / Position heraus erzählt wird. (Besonders fällt es auf bei Wörten wie 'drinnen', was recht kindich klingt und evt. was Regionales ist, betrifft aber auch alles andere; Wortwahl, Satzbau, Sicht auf das Erzählte.)

Was hier vorliegt, ist ein auktorialer Erzähler, der sich wechselnd verschiedenen Figuren zuwendet, sich auf sie konzentriert. Abwechselnd in ihre Köpfe sehen kann (ich meine aber, nur eingeschränkt). Also eine ganz reguläre, kontinuierliche Erzählhaltung. Perspektivwechsel wäre es, wenn du auch aus der Sicht der jeweiligen Figuren erzählen würdest. Das geht mit einem auktorial-personalen oder rein personalen Erzählern (oder natürlich verschiedenen Icherzählern). Und dann benötigst du auch bei jeder Person eine andere Haltung, Sicht und einen anderen Sprachduktus. Solltest du den Text probeweise mit wechselnden Perspektiven umschreiben mögen: Zu mehr als zweien würde ich hier auf der kurzen Strecke nicht raten, sonst kriegst du headhopping.

Ein paar Details nebenher, ohne groß einzsteigen zu wollen:

Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht,
nachschaut. (Jemandem etwas) nachsehen bedeutet verzeihen.

Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Apropos 'Ellipsen': Auch, wenn es kein Anschluss an den zweiten, sondern den ersten Satzteil wäre, und damit eine zweite Ellipse, die im unpassenden Fall stünde: Das bedeutet so eigentlich insgesamt rein grammatikalisch betrachtet: Er hört den Wind (...) und dann eine(n) Schatten.

Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt?
Konjunktiv vielleicht?

Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen
Falsches Wort, weil grün vom Pflanzensaft in keinem Widerspruch zu den anderen Eigenschaften steht, sondern nur ein weiterer Punkt in der Aufzählung ist.
(Prota war mir sofort mal mega unsympathisch hier.)

Ganz herzliche Grüße,
Katla

 

Hallo @Habentus

Mit meiner eigenen Story komme ich gerade nicht weiter wie gewünscht, deshalb schreibe ich paar Kommentare, um meinen Fokus zu schärfen. Ich hatte deine Geschichte schon direkt nach dem Einstellen gelesen und bin jetzt zurückgekommen um zu sehen, was andere kommentiert haben und ob sich das mit meinen initialen Eindrücken deckt. Ich muss sagen, dass auch ich etwas Mühe hatte, in den Text zu finden, was hauptsächlich am Schreibstil liegt. Dieser ist spröde, unrhythmisch und ziemlich monoton, das ist die Wirkung, die bei mir erzeugt wird, gleichzeitig würde ich ihn aber auch als kontrolliert, funktional und nüchtern bezeichnen, und auch wenn meine Wirkungsbeschreibung vielleicht eher negativ klingt, ist zumindest aus zweitem Aspekt zu bemerken, dass Du genau zu wissen scheinst, was Du tust. Inhaltlich konnte ich dem Text gut folgen, da hatte ich kein Problem mit. Ich habe paar Dinge beim (Zweit-)Lesen mitgeschrieben, die ich Dir nun liste.

Er überlegt, ob die nicht irgendwann in die Luft fliegen muss, seit er gehört hat, dass da wirklich Gas drinnen sein soll.
Anstelle 'drinnen' vielleicht die Kurzform 'drin'? Bin da bisschen gestolpert. Jemand hatte angemerkt, das Wort klingt ein wenig niedlich, da gehe ich mit, aber ich denke, Du hast das extra so gewählt, damit klar(er) wird, um wen es sich beim Prota handelt? Jedenfalls glaube ich beim Kommentarelesen eine Amerkung gesehen zu haben, wo es dem Leser oder der Leserin unklar war, wie alt der Prota ist. Für mich hat sich das eigentlich gut ergeben, ich schwankte zwischen: Entweder noch ein Kind oder dann allenfalls eine erwachsene Person, die aber vielleicht ein geistiges Defizit hat. Ich machte das bspw. an der Faszination des Protas für diese Gaskugel fest oder eben auch an der teilweise etwas kindlichen Wortwahl. Also für mich hat das funktioniert.

Das sandige Feld daneben ist von einem hohen Maschendrahtzaun eingefasst. Ein paar Tannen werfen ihre Schatten auf die Spieler. Er sieht zu, wie sie mit dem Ball herumkicken, sich anschreien, manchmal auf der Erde miteinander ringen.
Das hier geht für mich etwas durcheinander. Also von der Blickführung her. Ich glaube, das liegt vor allem am mittleren Satz, wo die Schatten der Tannen und die Spieler gleichzeitig eingeführt werden. Ich gebe zu: Erst habe ich es so gelesen, dass die Schatten der Tannen den Ball herumkicken und sich anschreien, auf der Erde ringen. Das ist natürlich Quatsch (also meine Lesart). Dennoch finde ich, könntest Du die Stelle klarer machen.

Seinen Stock, gutes, festes Eschenholz, angenehm in der Hand, doch ganz grün vom Abschlagen der Pflanzen, versteckt er in der Nähe.
Die Stelle wurde auch bereits zitiert, der Satz will zu viel, denke ich. Vor allem weil da viel Information zwischengeschoben ist, verkürzt lautet der Satz: Seinen Stock versteckt er in der Nähe. Vielleicht kannst Du das anders formulieren, weniger gestückelt, oder Info rausnehmen, die nicht unbedingt relevant ist.

Ein Stückchen entfernt legt er sich hin und schaut in den Himmel. Er schließt die Augen, spürt die Sonne im Gesicht, ein Prickeln auf seiner Nase. Warme Luft, die er einatmet, irgendwo das entfernte Brummen eines Propellerflugzeugs über sich. Er hört den Wind, das Rascheln der Blätter in den Bäumen, döst vor sich hin. Dann ein Schatten.
Das mit dem Schatten ist gut gemacht, der da in die Idylle einbricht. Aber es liest sich für mich zu abgehackt. Vielleicht was in die Richtung: Dann legt sich ein Schatten über ihn. So könnte ich besser folgen.

„Mach dich weg, du“, sagt er schließlich, und dann lässt er ihn endlich los.
Hier fand ich es ein wenig schade, dass die anderen Stellen, die Auseinandersetzung mit dem Eigentümer des Schattens, nicht auch in Dialogform ausformuliert waren. Das würde die Distanz etwas reduzieren, denke ich, weil durch den sonstigen Stil eben kaum Nähe hergestellt wird, für mich erzeugt der Text allgemein ein Gefühl von Beobachtung, nicht von Anteilnahme. Aber ich denke, das ist durchaus gewollt von Dir.

Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern.
Hier habe ich mich gefragt: Auch die Wege sind von Landmaschinen zerpflügt? Die Bauern da müssen aber nachlässig sein, bzw. sich nicht achten, dass sie die Wege gleich mit umpflügen!

Im Bus sieht sie aus dem Fenster. Die Ampeln grün, Feierabendverkehr am Stadtrand. Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern. Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann.
Ich glaube, das hier wurde auch bereits genannt, die Stelle ist zu sprunghaft: Frau im Bus => Verkehr => Landschaftsbeschreibungen => Frau im Bus. Die Klammer 'Im Bus sieht sie aus dem Fenster' hin zu 'Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann' ist zu weit gefasst, denke ich und hatte deshalb Mühe, beim (Schnell-)Lesen hier direkt zu folgen.

Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen.
Das liest sich für mich eher wie ein Stadtbild, wo täglich die Blechlawinen durchrollen. Sowas habe ich vielleicht schon in Grossstädten beobachtet (schmutzige Fassaden von den Abgasen), aber nicht auf dem Land, zumindest nicht da, wo ich herkomme.

In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.
Hier: Wer ist aus der Zeit gefallen? Die Frau? Der Besen? Es ist unklar, finde ich.

Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt.
Auch eine Stelle, die schon genannt wurde: Das ist perspektivisch schwierig, jemandem während einem Gespräch auf den Hintern zu gaffen. Vielleicht starrt er auf ihre Brüste? Nur so als Idee, das hätte den gleichen Effekt.

Gegen eine Spende, denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für.
Das hat mich bisschen rausgehauen, ich habe den Jungen bisher recht jung eingeschätzt (klingt doof, sorry! :D), dass er hier aber so reflektiert ist mit Lizenzen etc. hat ihn für mich dann schlagartig älter werden lassen, aber ich gebe zu, ich kann das nicht so gut einschätzen (Kindheit schon länger her, selbst keine Kinder).

Außerdem könne es sein, dass sich seine Freunde dagegen entscheiden. Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
Seine Argumentation erschliesst sich mir nicht recht bzw. finde ich die Reaktion der Mutter irgendwie zu schwach. Ist das nicht normal, dass die Eltern zu einem solchen Turnier erscheinen, um ihre Sprösslinge anzufeuern? Mir als Mutter wäre es zudem egal, was die Freunde sagen. Zumindest müsste sie meiner Meinung nach sowas fragen wie: Was, deine Freunde bringen ihre Eltern nicht mit? Ich hoffe, Du verstehst, was ich hier sagen will.

Etwas fiel klirrend vom Nachttisch und zerbrach. Erst da bemerkte sie, dass Tim in der offenen Tür stand, sich nicht rührte, zu ihnen herübersah.
Die Stelle fände ich stärker, wenn Du vorher abbrichst. Der Rest wirkt zu übererklärend.

Da sieht er den Jungen von unten, der da mit seiner Mama lebt, einer schönen Frau, erst seit zwei Wochen oder was, den sieht er jetzt die Straße herunterkommen.
Auch hier ist mir die Klammer zu weit gefasst. Da sieht er den Jungen von unten die Straße herunterkommen, das ist die Beobachtung, aber die wird aufgerissen durch die Infos von der Mama, die eine schöne Frau ist, die mit ihrem Sohn seit zwei Wochen unter ihm lebt. Das (unter)bricht den Flow des Satzes zu stark, imho.

Der Junge sagt nichts, steht nur da und zieht die Nase hoch. Er nimmt noch einen Zug.
Auch hier für mich zu sprunghaft. Erst habe ich den zweiten Satz auf den Jungen bezogen, aber es ist ja der rauchende Nachbar, der noch einen Zug nimmt. Nun ja, vielleicht bin ich zu kleinlich, aber wenn man das schnell liest, fällt man raus, finde ich.

Sie fällt ins Schloss, und er steht jetzt da, die Zigarette noch immer in der Hand, und versteht nicht, was er denn bitteschön falsch gemacht hat und warum dieses Kind ihn derart hat anschreien müssen.
Wieso fragt der Nachbar sich das? Er ist ja vorher eher unbeteiligt, so lese ich es zumindest, auch bisschen herablassend ('eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu'), das ist mir dann schon fast zu empathisch bzw. selbstreflektiert vom Nachbarn.

Verstohlen blickt er sich um, sieht hinauf zu den Fenstern, ob da eine Bewegung ist, ein Zurückziehen der Vorhänge, ein argwöhnischer Blick, und gleich noch ein Ruf, dass er gefälligst das Kind in Ruhe zu lassen habe!
Achsoo, er will nicht, dass die Mutter was Schlechtes über ihn denkt! Der Junge ist ihm im Grunde egal.

ein heißkalter Schauer, der ihm nachhängt
Verstehe ich nicht. Wieso hat diese Begegnung einen heisskalten Schauer bei ihm erzeugt, der ihm zudem noch nachhängt? Also ich hoffe mal, seine Kollegen im Kieswerk sind umgänglicher, sonst käme der ja wegen jeder Kleinigkeit nicht mehr klar, oder?

sitzt am Küchentisch und sieht zu, wie sich der Teller dreht, die Maschine summt, der Timer herunterläuft
Auch hier stocke ich leicht, weil der Junge zusieht, wie sich der Teller dreht, er sieht, wie der Timer herunterläuft, aber das Summen der Mikrowelle, das sieht er nicht, das ist ein akustisches Signal, dass da zwischengeschoben wird. Ich würde das Summen vielleicht in einem eigenen Satz hintenanstellen.

In deiner Geschichte geht es um einen Jungen, der in einer ihm (noch) fremden Umgebung lernt, sich innerlich zurückzuziehen. Die aussenstehenden Personen, die überforderte Mutter und der sozial etwas unbeholfen wirkende Nachbar, bleiben unfähig, diesen Riss wahrzunehmen oder aufzufangen. Der Text bleibt gesamthaft sehr beobachtend, liefert keine Empathie vor, sondern fordert diese vom Leser ein. Die Geschehnisse in der Geschichte lese ich mehr als Zustandsbeschreibung als aktive Entwicklung. Es braucht keine wirkliche psychologische Vertiefung oder emotionale Auflösung, aber so lässt mich der Text auch etwas schulterzuckend zurück, weil er für mich doch insgesamt ein wenig zu distanziert bleibt.

Beste Grüsse,
d-m

 
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Hey Habentus, ich habe widersprüchliche Gedanken und Gefühle zu Deinem Text. Wahrscheinlich werde ich Dir damit nichts Neues sagen, aber vielleicht hilft es Dir ja, das so von einer anderen Person zu hören. @Katla hat ja schon was zum Thema Slice of Life – Geschichten geschrieben. Und ich möchte da etwas nachhaken, zumal mir das bei Deiner Challenge-Geschichte auch so gegangen ist.

In dieser Geschichte geschieht Alltägliches, es gibt keine drastischen Konflikte, keine großen Emotionen, Ereignisse, Wendungen. Das Setting ist nicht außergewöhnlich. Es passiert absolut nichts, das nicht wirklich jeder von uns so oder mit geringen Nuancen bei Freunden, Bekannten beobachtet oder selbst erlebt hat. Henry hatte zum Thema „Ist das überhaupt eine Geschichte?“ Dir gegnüber ja schon mal angemerkt bzw. gefragt, warum man etwas lesen sollte, das anekdotisch und trivial ist, einer x-beliebigen Person passiert und man daraus wenig bis gar nichts Neues entnehmen kann.

Und so geht es mir auch mir dieser Art von Texten. Ich meine, da ist mein eigenes Leben ja spannender. Die Leute aus Deiner Geschichte könnten eine Begebenheit aus meinem realen Leben lesen und würden sagen: Wow, was dem Achillus alles so passiert! Irre!

Und das kann doch wohl nicht sein. Ein Buchhalter liest die Story von einem Weltentdecker, einem Frauenhelden, einem Krieger, einer Agentin in gefährlicher Mission – nicht umgekehrt, oder doch?

Was ich damit sagen will ist, dass diese Art von Geschichten dem typischen Leser nur sehr wenig bieten. Ich behaupte, dass das (also dieses Alltagsgenre) ein Nischensegment für nur sehr wenige Leser ist. Du darfst nicht vergessen, dass Du hier in einem Literaturforum schreibst. Das sind nicht die normalen Leser. Es trifft nicht nur für @Geschichtenwerker zu, wenn er schreibt: Es ist natürlich großartig, wenn jemand eine tolle Geschichte erzählt, sich einen neuen, überraschenden Plot ausgedacht hat, etc. Aber eigentlich erwarte ich das gar nicht. Mich interessert im Forum das Handwerkliche.

Du wirst hier im Forum ne Menge Beifall kriegen von Leuten, die sich mit Literatur und Schreiben befassen, weil sie sehen, wie gut Du das handwerkliche gemacht hast. Aber draußen, in der Welt der Leute, die selbst nicht schreiben, werden 9 von 10 Leser fragen: Und? Das soll jetzt ne interessante Geschichte sein? Dafür soll ich Geld ausgeben oder Zeit zum Lesen aufwenden? Warum?

Und obwohl Geschichtenwerker das Handwerkliche ein bisschen anders einschätzt als ich oder nach anderen Kriterien bewertet, finde ich das Handwerkliche bei Dir sehr gut. Ich finde, Du hast eine gute Sprache, machst sehr genaue Beobachtungen. Aber wenn ich nicht daran interessiert bin, Einblicke in Psyche, Fantasie und Wahrnehmung von Figuren zu gewinnen, die zwar authentisch aber eben komplett durchschnittlich wirken, dann bleibt unter dem Strich sehr wenig übrig, wofür das Lesen lohnt.

Du bist souverän, Du machst Dein Ding so oder so. Aber ich als Leser von Dir würde mir wünschen, eine wirklich spannende, ungewöhnliche Geschichte von Dir zu lesen. Mit besonderen Menschen, mit Leuten, die was besonderes drauf haben oder erleben. Das kann lustig sein oder traurig oder ernst oder spannend. Aber ein Kind, das mit nem Stock nach Brennesseln schlägt und sich dabei vorstellt, ein Krieger zu sein – naja, das war ich mit acht Jahren. Warum zeigst du mir nicht etwas das ich nicht erleben kann, das ich nicht sein oder erreichen kann. Etwas das mich inspiriert oder verstört.

Zum Schluss: Schaut man mal aus ökonomischer Perspektive drauf (ist Dir sicher nicht so wichtig, denn Du schreibst ja nicht für den Broterwerb, nehme ich an), ist so eine Geschichte eine Fehlinvestition der Arbeitsleistung. Was wollen die Leute mehrheitlich lesen? Geschichten mit krassen Konflikten, Katastrophen, Verbrechen, Liebesdramen oder großen Wendungen verkaufen sich natürlich wesentlich besser, finden viel mehr Leser.

Literarisch gesehen finde ich Deine Geschichte stark: Sie zeigt die Innenwelt von Tim und seiner Mutter präzise, reflektiert über Isolation, Anpassung, Verantwortung und kleine Alltagsmomente. Solche Szenen haben einen kulturellen Wert, wenn man so sagen will und erzeugen eine emotionale Resonanz. Aber geht nicht beides? Könntest Du nicht außergewöhnliche Geschichten erfinden (muss ja nicht gleich Mord und Totschlag sein) und dennoch bei dieser klugen, ruhigen Erzählsprache, den präzisen Beobachtungen usw. bleiben?

Soviel dazu erst mal von mir, Habentus!

Gruß Achillus

 

Hallo zusammen,

nachdem ich von @Achillus zitiert wurde, möchte ich Stellung beziehen, um einem womöglich falschen Eindruck entgegenzuwirken:

Ich habe nicht gesagt, dass Habentus sein Handwerk nicht beherrscht, deswegen habe ich auch nachgefragt, ob er etwas ausprobiert, bevor ich mehr dazu sage.

Mein Hauptkritikpunkt ist die Variabilität der Sprache und in dieses Horn hat auch @Katla gestoßen, wenn sie schreibt:

Stilistisch: Der Text hat einen echten Overkill an Personalpronomen, v.a. er.

Jetzt kann man natürlich sagen, dass das sehr gut gemacht ist, die Monotonie oder Besonderheit der Wahrnehmung des Kindes, so verstand ich zumindest den Anfang, auch durch diese Monotonie in der Sprache abzubilden.

An der Stelle gebe ich Achillus recht, dass ich vielleicht einen anderen Fokus oder Schwerpunkt sehe, was das Handwerk, um bei diesem Begriff zu bleiben, anbelangt. Wenn das so gewollt ist - was ich unterstellt hatte und durch meine Frage nur bestätigt wissen wollte - dann ist es handwerklich natürlich gekonnt umgesetzt. Aber mich stößt es lesetechnisch trotzdem ab, weil es den Lesefluss nach meinem Empfinden massiv stört und das ist ein Aspekt, der für mich auch zum Handwerk gehört.

Ich bin hier sicherlich nicht der Nabel der Welt und schon gar nicht die Handwerksreferenz im Forum, was ich auch in meinem Kommentar schon angedeutet hatte, dass wir womöglich von der Vorstellung des Schreibhandwerks her nicht kompatibel sind. Damit war auch keine Wertung verbunden. Deswegen hatte ich mich in meinem ersten Kommentar auch so stark zurückgehalten.

Ich glaube, wir können alle sehr gut damit leben, wenn es dem einen sehr gut gefällt und dem anderen eben nicht.

Gruß

Geschichtenwerker

 
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Hallo @Habentus,

ich bin vorbelastet in die Story eingestiegen, da ich die Kommentare bereits quergelesen habe. Sprachlich sitzt das alles sehr gut, finde ich. Ich empfinde den Stoff prinzipiell auch nicht als zu banal – ich denke, da wäre schon ein erzählenswerter Kern drin. Strukturell und in Hinblick auf die Erzählperspektive habe ich indes meine Probleme.

Fangen wir mal hinten an: Bei den letzten zwei Absätzen hast du mich verloren. So spät eine dritte Figur einzuführen, halte ich nicht für klug; das ist dann bereits der zweite Perspektivwechsel. Und was die Szene vor dem Haus überhaupt erzählt, habe ich ehrlich gesagt nicht gerafft.

(Kleiner Einschub zu deinem Vorhaben, hier wie im letzten Text zu experimentieren: Ich persönlich denke, dass es schwierig ist, einen Text "als Experiment" zu schreiben und sich dann nach Kritik darauf zu berufen. Beim letzten Text schriebst du:

man hätte sie meiner Meinung nach auch mit der Ich-Form mischen können, denn es ist schon etwas seltsam in meinen Augen
Stimmt, hätte man. Dann wäre aber das Formexperiment (Infobox) ja nicht gegeben und der Text hätte für mich keine Berechtigung. Der Sinn des Ganzen war ja eben die Form.

Sorry, aber diese Antwort ist irgendwie zu billig, denn die eigentliche, relevante Frage ist doch allein, ob ein Experiment gelungen ist. Und wenn man ehrlich ist, muss man doch sagen: Es ist nur dann gelungen, wenn ein Text ohne den Hinweis, dass es ein Experiment ist, funktioniert, oder? So verstehe ich jedenfalls Experimente: Man probiert aus, ob etwas gelingt. Nicht: Man stellt sich selbst einen Freifahrtsschein aus, indem man das Label "Experiment" dranhängt. Vielleicht hatte ich dich damals aber auch falsch verstanden. Ich denke jedenfalls, dass ein Experiment kein Selbstzweck ist – siehe "Free Jazz" ... unerträglich fürs Publikum, mag es dem Klimpernden selbst auch Spaß machen.)

Das vor Augen zurück zum Text: Das "Experiment" Perspektivwechsel funktioniert hier in meinen Augen nicht. Der Text ist kurz, man steigt ein an den Hacken des Jungen, springt dann zur Mutter. Schon da habe ich den Eindruck, dass du den Text verrätst, indem du den sinnlichen, beschreibenden Einstieg nun wegerklärst mit einem relativ platten psychologisch-soziologischen Diskurs – symbolisiert durch eine tragische Single-Mom, die leider wie ein Abziehbild wirkt. Immerhin ist man hier noch im intimen Kreis der Familie als Leser und fragt sich, was die beiden nun zusammen noch erleben werden. Aber Pustekuchen: Es taucht eine rätstelhafte dritte Figur auf, dann ist Ende.

Schon vorher fand ich den Text nicht stringent: Erst will der Junge nicht Fußballspielen, dann erzählt er vom Fußball? War da ein Zeitsprung?

Ich habe auch den Mann am Ende nicht als den Nachbarn von vorher identifiziert bzw. nicht mehr vor Augen gehabt, dass er von Anfang an scharf auf die Mutter war. (Ist aber eigentlich auch egal als Kontext.) Ich denke, du solltest mit dem klaren Label "Der Nachbar von oben (sitzt auf den Treppenstufen vor dem Haus und raucht, wie er es oft tut, wenn es das Wetter erlaubt. Gleich muss er zur Arbeit, Spätschicht im Kieswerk)" auf ihn zurückkommen. Das hat auch psychologische Gründe:

Wenn ein Text eine Figur immer nur als "er" oder "sie" adressiert, lesen wir diese Figur ironischerweise trotz der Anonymisierung als Hauptfigur, denn wir sehen die literarische Welt offensichtlich durch ihre Augen und man selbst gibt sich ja keinen Namen. Wenn du nun eine zweite Figur mit "er" adressierst, schaffst du Konkurrenz für deinen Protagonisten und verwirrst den Leser. Der Nachbar ist ganz klar eine Nebenfigur und sollte mit dem funktionalen Label "Nachbar" auch auf seinen Platz verwiesen werden.

Sorry, ich springe im Kommentar sehr hin und her – ich denke, das alte, leidige Lied "Show, don't tell!" muss hier in der Kritik wieder angestimmt werden. Lass mich das erläutern: Wenn der Text hier ...

Was er hier macht, will der Mann von ihm wissen. Ob er derjenige ist, der seine Pflanzen zerschlagen hat? Ob er denn eigentlich spinnt? Tim will sich aufrichten, da hat ihn der Mann schon am Arm und reißt ihn hoch, das Gesicht ganz nahe vor dem seinen; funkelnde, kleine Augen, Härchen auf den Wangen, im Atem etwas Saures. Sein Grundstück ist das, sagt er zu ihm. Sein Grundstück!
Tim weiß nichts davon. Woher auch, Unkraut und Gräser, kein Zaun, kein Beet, gar nichts. Er wohnt seit zwei Wochen in diesem Ort, kennt die Gegend nicht, und ihn, den Mann, den kennt er auch nicht. Loslassen, soll der ihn, er hat ja niemandem was getan! Nur sagt er nichts von alldem, bekommt nichts heraus, ist ganz erstarrt und der Mann hält ihn noch immer, so fest, dass es wehtut.
„Mach dich weg, du“, sagt er schließlich, und dann lässt er ihn endlich los. Er ruft ihm noch etwas hinterher, aber Tim hört nicht, er stolpert davon, ein Rauschen in den Ohren.

... so abgebogen wäre, wie ich es mir erhofft hatte, nämlich klassisch (Exposition – Konfrontation – Auflösung) wärst du mit deinem Erzähler durchgekommen: Dann hätte er seine schon hier etwas beflissenen Einordnungen treffen können, während sich eine dynamische Handlung entspinnt, die für die wahre Spannung sorgt: Was macht der Mann mit dem Jungen? Wie kommt er aus dieser Situation wieder heraus?

In meinen Augen leider biegt dein Text aber mit dem ersten Perspektivwechsel ab und vernachlässigt das Erzählen nun viel zu sehr zugunsten von aufklärenden Erläuterungen. Und darüber hinaus drückst du nicht gerade subtil auf die Tränendrüse (immerhin mit Symbolen, die allerdings sehr vierschrötig wirken):

Im Bus sieht sie aus dem Fenster. Die Ampeln grün, Feierabendverkehr am Stadtrand. Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern. Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann. Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen. In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.

Wie trist willst du es haben? – Ja!

(Weitere Beispiele zu markieren schenke ich mir, aber es geht ja so weiter.)

Ihrem Sohn hatte sie versprochen, dass sie nicht noch einmal würden umziehen müssen, aber sie konnte ihr Versprechen nicht halten. Jetzt wohnen sie im Untergeschoss, zwei Zimmer, Teppichboden, die Dusche im Flur, man trennt sie mit einem Vorhang ab. Einer der Nachbarn hat ihnen mit den schwersten der Kartons geholfen. Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt. Es ist nicht für immer, sagt sie sich. Aber weiß sie das? Was, wenn es das gewesen ist? In der Stadt putzen, in zwei Jobs, damit es reicht. Mit dem Bus nach Hause, in einen Keller, dem Sohn dabei zusehen, wie er wächst und älter wird. Am Ende hoffen, dass es werden wird, mit Schule und Freunden, mit einer Ausbildung. Sie selbst dann grau, die Knie kaputt, der Rücken auch.
Am Abend essen sie. Er ist so still, man hört das Schaben der Gabeln auf den Tellern, das Brummen des Kühlschranks. Wenn er einen Schluck aus seinem Glas nimmt, muss er danach Luft schnappen, so viel trinkt er auf einmal. Nur sagen tut er nichts.
„Wie war dein Tag?“, fragt sie. Er sieht sie an. Natürlich kennt sie ihn, ihren Sohn, wie sonst niemanden, aber doch, so ganz herauslesen, was da hinter dieser kleinen Stirn und dem Schopf brauner Haare vorgeht, kann sie nicht.
„Fußball“, sagt er schließlich. Sie hebt die Augenbrauen. Das ist neu.
Er nickt. Dann beginnt er zu erzählen, wie sie die Mannschaften aufgeteilt haben, wie sein Team hinten lag, wie er aber zwei Tore geschossen und ihnen schlussendlich den Sieg beschert hat. Er erzählt davon, dass sie ein Turnier planen. Sie wollen auch andere Mannschaften einladen. Ein Sommerturnier soll es werden. Vielleicht, so meint er, würden sie am Spielfeldrand etwas zu essen und zu trinken anbieten. Gegen eine Spende, denn verkaufen dürfte man ja nicht einfach etwas, da brauche man Lizenzen für. Sie nickt und als sie fragt, ob sie denn auch vorbeikommen dürfe, schließlich wolle sie ihren Sohn beim Spiel anfeuern, legt er die Gabel beiseite. Da müsse er schauen, sagt er. Es stehe ja noch gar nicht fest, wann das Turnier stattfinden würde, und vielleicht müsste sie ja auch arbeiten? Außerdem könne es sein, dass sich seine Freunde dagegen entscheiden. Aber er würde nachfragen. Sie ist einverstanden.
In der Nacht liegt sie wach. Wenn in den Wohnungen über ihnen jemand spült, rauscht das Abwasser hinter der Wand neben ihrem Kopf die Rohre herunter. Unter der Decke streicht sie sich über den Bauch. Sie umfasst ihre linke Brust, drückt sanft. Wann hat man sie das letzte Mal angefasst? Eine Erinnerung an einen Abend in einer Bar vor über einem Jahr. Jemand, mit dem sie sich lange unterhielt, worüber, weiß sie nicht mehr. Sie beugte sich dicht zu ihm, damit er sie verstehen konnte, ein Streicheln über den Oberschenkel, den Geruch von Bier und Zigaretten in der Nase. Zu Hause fielen sie übereinander her. Ihre Körper umschlungen, seine Hand unter ihrem Top, ihre Hand in seinem Nacken. Etwas fiel klirrend vom Nachttisch und zerbrach. Erst da bemerkte sie, dass Tim in der offenen Tür stand, sich nicht rührte, zu ihnen herübersah.

Die fettmarkierten Stellen sind alles Beispiele für Dinge, die man meiner Meinung nach auserzählen oder zwischen den Zeilen rüberbringen müsste, damit die Story fein wird. Du vertraust hier dem Leser überhaupt nicht, sondern drückst ihn mit der Schnauze direkt in deinen Text hinein :-) Ich bin mir diesbezüglich zwar noch nicht abschließend sicher, aber ich glaube "Gedankenfragen" sind wirklich zu umschiffen, wo es nur geht. Das ist irgendwie wirklich ein billiges rhetorisches Mittel, das einen Text direkt entwertet, weil es dem Leser in den Block diktiert, wie er mitzuempfinden hat. Ich kann mich auch nicht dagegen wehren, da direkt eine Persiflage von altbackener Literatur im Kopf zu haben à la: Sie fühlte, wie ihr die Glut in die Wangen stieg. Wie sollte sie sich ihrer Lust nur erwehren? Konnte sie ihm einfach sagen, dass sie ihn liebte? Was, wenn er sie zurückwies?

Zurück noch mal zu den Symbolen bzw. zum World Building und wie man es subtiler, weniger grob ausgetaltet. Ich glaube, ich bin da @jimmysalaryman auf die Schliche gekommen :-) Ich denke, diese Kleinstadt aus deiner Story könnte auch in einer Story von ihm vorkommen. Und ich bin mir sicher, da würde die vermittelte Stimmung gleich sein, aber der Eindruck wäre nicht, dass es klischiert oder überdeutlich ist, sondern vielmehr, dass es genau beobachtet und authentisch ist.

In meinen Augen liegt der Schlüssel in Konkretheit (übrigens ist das auch oft der Schlüssel zu Humor). Und darin, ruhig mal ein wenig ins scheinbar "Belanglose" hineinzuschreiben. Nehmen wir mal den Anfang des Absatzes über die Mutter:

Im Bus sieht sie aus dem Fenster. Die Ampeln grün, Feierabendverkehr am Stadtrand. Ein kurzes Stück über die Schnellstraße, vorbei an durch Landmaschinen zerpflügten Wegen und Feldern. Die Pflanzen hängen kraftlos herab, der Wind hat ihre Mittelrippen brechen lassen. Durch Dörfer, deren Namen sie sich nicht merken kann. Die Häuser dort direkt an der Straße, die Fassaden schmutzig von jahrelangen Abgasen. In einer Einfahrt eine alte Frau, die dem Bus nachsieht, der Blick verhärmt, die Lippen ein dünner Strich in einem furchigen Gesicht, einen Besen in ihrer Hand, aus der Zeit gefallen.

Praktisch alle Elemente in deinem Text sind "allgemein" gehalten, darum wirkt es holzschnitzartig bzw. wie eine Skizze. Ich habe mal ein wenig für mich damit herumgespielt und versucht, diese beiden Dinge – Konkretheit und kleinere Drifts nach links und rechts – einzubauen:

Wie jeden Abend ist der 104er leer. Auf dem Land fährt praktisch niemand Bus. Wer auch nur ein bisschen Geld hat, kauft sich ein Auto. Sie setzt sich an die hintere Türe und sieht aus dem Fenster. Der Mais ist schon abgeerntet. Wo vor einer Woche üppige Pflanzen in den Himmel ragten, sind nur noch braune Stoppeln übrig, die Wege zu den Feldern zerfurcht von den grobstolligen Reifen der Landmaschinen. Obwohl die meisten Haltestellen im Nirgendwo stehen und zwei Kilometer im Voraus zu sehen sind, geht der Fahrer jedes Mal voll in die Eisen um anzuhalten. Es wirft sie nach vorne und sie denkt sich, dass er sie damit quälen will. Eigentlich hatte sie ihrem Sohn versprochen, nicht mehr umzuziehen. Das war ein Fehler. In Zukunft wird sie ihm nichts mehr versprechen.

Hier ist, was ich nun anders darin lesen würde:

  • Der Bus hat nun eine Nummer, was signalisiert, dass die Frau ihn regelmäßig nimmt. Durch die scheinbar allgemeine Aussage zu Bussen auf dem Land erfahren, wir, dass sie nicht freiwillig Bus fährt, sondern weil sie arm und mittellos ist. Scheinbar ist sie auch nicht sozial eingebunden, denn es nimmt sie auch niemand in einer Fahrgemeinschaft mit.
  • Sie setzt sich im leeren Bus nach hinten, geht also den Menschen (dem Fahrer) auch aktiv aus dem Weg. Vielleicht ist sie misstrauisch, vielleicht ein Einzelgänger, vielleicht wurde sie früher von wem verletzt.
  • Statt "zerpflügte Wege und Felder" abgeernteter Mais. Als Stadtkind kenne ich mich nicht aus mit Landwirtschaft und das war das erste Bild, was ich vor Augen hatte. Auf den Mais an sich kommt es nicht an, sondern darauf, dass irgendwas Bestimmtes geernet wurde, was nun weg ist. Ernte = Spätsommer/Herbst = Spätsommer, Herbst des Lebens der Frau, überreife Reize, letzte Momente!? Das drängt sich nun hier deutlicher auf, finde ich.
  • Anstatt der Landmaschinen agieren nun die grobstolligen Reifen der Landmaschinen. Zumindest ich habe bei deiner Variante eine Totale vor Augen und sehe einige Mähdrescher über ein Feld zirkeln. Das wirkt neutral, technisch. Aber grobsstollige Reifen von Landmaschinen, das sehe ich schwarze Profile, die sich durch braunen Acker graben – dieses Brutale, Zerstörende ist doch der Subtext, den die Story braucht (denke ich).
  • Dann der sadistische (?) Fahrer. Sie vermutet, dass er ihr schaden will. Zweiter Hinweis auf ihr Verhältnis zu Männern. Sie misstraut ihnen. Gleichzeitig "passiert" ihr das Leben, es wirft sie herum und sie kann nur versuchen, sitzen zu bleiben.
  • Von dieser Symbolik wechseln wir zum Sohn und zu den näheren Umständen. Anstatt nur zu erklären, dass sie ein Versprechen nicht halten konnte, reden wir nun von den Konsequenzen ihres Handeln – und die sind ungeschönt: Sie sagt sich nicht, dass sie von nun an konstant leben wird, sondern sie "macht sich ehrlich" (diese Formulierung wurde einfach mal von Markus Lanz erfunden und setzt sich immer mehr durch, scheint mir) und nimmt sich vor, nichts mehr zu versprechen. (Das ist überhaupt nicht die Richtung, die die Mutter als Figur nehmen muss. Es geht mir nur darum, zu veranschaulichen, dass du mehr Charakter- und Storyinfos um ein, zwei Ecken herum geben kannst.)
... Soweit fürs Erste mein Kommentar, muss mal frühstücken. Ich hoffe, es wird klar, wie ich mir die Story wünschen würde: Konkreter, in gewisser Weise ausführlicher, mit feinerer Zeichnung, mehr Subtext und mit Fokus auf Mutter und Sohn in einem Duett, das von Handlung getragen wird.

Eine sprachliche Sache nur noch:

Manchmal trifft sie ihn, dann reden sie miteinander. Dabei schaut der ihr auf den Arsch und meint, dass sie es nicht merkt.

Das wirkt als Situation unstimmig: Man steht sich beim Reden ja gegenüber – wie guckt man jemandem da auf den Arsch? :-)

Freundliche Grüße
Henry

 

Hallo @Tsunami @Fynn201 @Geschichtenwerker @FlicFlac @Katla @deserted-monkey @Achillus

Zunächst: Vielen Dank für eure teilweise sehr ausführlichen und ehrlichen Kommentare, die mir in jedem Fall weiterhelfen und mich sicherlich auch über diesen Text hinaus begleiten werden. Da ja doch viel zusammenkam und ihr ja auch teilweise aufeinander eingegangen seid, werde ich nicht auf jede einzelne Anmerkungen reagieren können, werde aber Einzelnes herausgreifen und die wesentlichen Punkte in meiner Antwort thematisch zusammenfassen. Weiter unten habe ich dann noch einzelne Punkte aufgelistet.

Einen Moment lang hatte ich mich am Ende gefragt, ob das alles sein kann, weil ich keinen bemerkt hab. Zweites Mal überflogen und einen Fokuswechsel gefunden. Das ist nicht dasselbe. Es ist keine Änderung der Perspektive, weil alles mit der selben Stimme, im selben Stil, mit dem selben Vokabular und derselben Haltung / Position heraus erzählt wird. (Besonders fällt es auf bei Wörten wie 'drinnen', was recht kindich klingt und evt. was Regionales ist, betrifft aber auch alles andere; Wortwahl, Satzbau, Sicht auf das Erzählte.)
Zunächst hierzu, da das ja auch in der Infobox stand. Du hast recht @Katla da habe ich mich getäuscht und Fokus mit Perspektive verwechselt.
Beim zweiten Punkt muss ich dir leicht widersprechen: Der Stil, vor allem die Haltung, unterscheiden sich schon. Ist zB bei der Mutter nachdenklicher als beim Jungen. Aber ich möchte dir insoweit zustimmen, dass die Unterschiede nicht allzu sehr ins Gewicht fallen und es wohl auch überlesen werden kann - da muss ich nachbessern. Danke fürs Aufzeigen!

Nun zu den einzelnen Schwerpunkten in euren Anmerkungen.

Handwerk:

Du benutzt generell eher kurze Sätze, was auch erstmal etwas den Flow rausnimmt.
Vielleicht war das auch deine Intention so zu schreiben, aber auf mich wirkt es generell der stockend und das tut dem Text nicht gut.
aber irgendwie ist der Stil nicht so meine Sache
Probierst Du etwas aus mit diesen kurzen, strukturidentischen Sätzen?
Das ist mir viel zu repititiv, zu eintönig.
Pacing: Immer gleicher Takt.
Der Text hat einen echten Overkill an Personalpronomen, v.a. er.
edenfalls hat mich das ehrlich gesagt beim Lesen rausgekegelt und ziemlich auf die Palme gebracht, so sehr, dass ich fast Mühe hatte, im Text zu bleiben. Es ist extrem unsinnlich,
Dieser ist spröde, unrhythmisch und ziemlich monoton,
Ich habe mal die Kritikpunkte, die sich ähneln, zusammengefasst (wahrscheinlich habe ich auch welche übersehen). Ich kann sie inhaltlich absolut nachvollziehen. Es stimmt, dass ich hier schon eigenwillig schreibe. Weil ihr @Geschichtenwerker und @Katla ja fragtet: Die Sprache war nicht unbedingt der Schwerpunkt meines Experiments (einfach, weil ich gar nicht davon ausgegangen bin, dass die so vor den Kopf stößt - so kann man sich eben täuschen), aber es ist definitiv so, dass mir schon auch bewusst ist, dass dieser Text sich anders liest, dass viele Parataxen hintereinander kommen, dass der Fluss relativ gleichförmig bleibt, dass ich da was zumute. So oder so: Es ist jetzt noch viel wertvoller, weil ich sehe, wie unterschiedlich der Text auf Leser wirkt. Neben ein paar positiven Rückmeldungen scheinen die negativen Stimmen hier außerdem zu überwiegen, was ich mir deshalb unbedingt noch mal anschauen muss. Zur Einordnung: Ich habe das natürlich bewusst so geschrieben, weil es für mich einerseits zur Stimmung passte, andererseits, weil ich damit auch ein Stück weit die Gleichförmigkeit in dem Beschriebenen einfangen wollte. Zumindest das scheint mir ja gelungen zu sein, würde ich sagen.
Dass das bei euch jetzt trotz aller Intentionen so komplett durchgefallen ist, schmerzt natürlich immer erst mal. Aber es ist eben auch eine sehr wichtige Rückmeldung für mich. Von daher kann ich mich (trotz der harten Worte) nur bei euch bedanken.

Der Sinn einer Geschichte:

Dichte Atmosphäre, klare Sätze und viele tolle Bilder, die das Geschehen visualisieren. Sehr viel passiert unter den Zeilen (Subtext) und auch dazwischen. Die lapidar kurzen Sätze passen gut zu diesem schlaglichtartigen Zeigen von (eben kurzen) Sequenzen, nicht nur filmisch, sondern teils ‚fotografisch‘.
Solche slice of life Geschichten können schon spannend sein, aber für mich muss da etwas Eindringliches, Besonderes oder wenn (stilistisch) Poetisch-Sinnliches sein, sonst weckt es nicht mein Interesse. Ich meine damit nicht Dauer-Action oder irgendwas Krasses, sondern mehr als nur ein mir recht beliebig erscheindendes Schlaglicht auf ein kleines Leben von 8,3 Billionen anderen Menschenleben.
In dieser Geschichte geschieht Alltägliches, es gibt keine drastischen Konflikte, keine großen Emotionen, Ereignisse, Wendungen. Das Setting ist nicht außergewöhnlich. Es passiert absolut nichts, das nicht wirklich jeder von uns so oder mit geringen Nuancen bei Freunden, Bekannten beobachtet oder selbst erlebt hat. Henry hatte zum Thema „Ist das überhaupt eine Geschichte?“ Dir gegnüber ja schon mal angemerkt bzw. gefragt, warum man etwas lesen sollte, das anekdotisch und trivial ist, einer x-beliebigen Person passiert und man daraus wenig bis gar nichts Neues entnehmen kann.
Und so geht es mir auch mir dieser Art von Texten. Ich meine, da ist mein eigenes Leben ja spannender. Die Leute aus Deiner Geschichte könnten eine Begebenheit aus meinem realen Leben lesen und würden sagen: Wow, was dem Achillus alles so passiert! Irre!
Auch in Bezug hierauf haben mir eure Anmerkungen sehr viel gegeben (ohne dass ich es jetzt alles wiedergeben kann - die Zitate sprechen ja für sich selbst). Das werde ich mir sicher in den kommenden Wochen noch öfter durch den Kopf gehen lassen. Aber verteidigen möchte ich mich trotzdem: Ich will mal behaupten, dass dieser Text im Prinzip das macht, was der Tag: Alltag suggeriert. Wie gelungen, wie sprachlich gut umgesetzt, wie belanglos oder banal, sei mal dahingestellt. Aber er stellt Alltäglichkeiten dar. Das will er. Er will nicht eine spannungsgeladene Geschichte erzählen, er will nichts historisch umreißen, surreal brechen oder satirisch verarbeiten. Dieser Text (vielleicht wirklich eher Text als Geschichte?) will Alltäglichkeiten darstellen, sprachlich aufgreifen (Gleichförmigkeit) und darüber hinaus Regungen, kleinere Konflikte (Sehnsucht, Angst, Überforderung) darstellen. Ich würde sagen, dass der Text das einlöst. Aber: Will man den Text jetzt deswegen lesen? Vermutlich (und nach @Achillus Kommentar, der ja ins selbe Horn bläst, wie unter anderen Texten auch schon @H. Kopper wird mir das immer klarer!) nicht. Vermutlich ist das der Knackpunkt. Ich könnte mich jetzt hier rausreden und behaupten: Jaja, alles Schreibübung und Sprache und Fokusexperiment, den großen, spannenden Plot, den liefere ich dann schon irgendwann mal noch, das könnt ihr glauben. Aber ich fürchte, das wäre unehrlich.
Also, ich mache es kurz: Ich hab mich vielleicht zu lange mit solchen sprachlichen Versuchen aufgehalten und hab den Grund, warum man gerne Geschichten liest (Spannung, Wendungen, zugespitzte Konflikte, Entwicklung) zu sehr aus dem Blick verloren. Die Rückmeldungen hierzu sind (auch wenn sie im Prinzip offensichtlich sind und auch schon anderer Stelle geäußert wurden) für mich Gold wert. Denn ich denke, dass sich mein Fokus in Zukunft ein wenig hierhin verschieben wird (zumindest werde ich es versuchen):
Aber geht nicht beides? Könntest Du nicht außergewöhnliche Geschichten erfinden (muss ja nicht gleich Mord und Totschlag sein) und dennoch bei dieser klugen, ruhigen Erzählsprache, den präzisen Beobachtungen usw. bleiben?

Einzelnes:
Da stellt sich mir sofort die Frage: Was hat er Vormittags gemacht? Oder ist die Zeit überhaupt wichtig?
In meinem Kopf war der natürlich vormittags in der Schule. Aber es stimmt, da fehlt was (zumal es eigentlich auch sehr viel Nachmittagsbetreuung gibt und es auch so nicht richtig stimmig ist).

rgendwie finde ich den Satz holprig.
Stimmt! Ich ändere es um.

Würde die Landmaschinen weglassen. Stören mich irgendwie und was soll die Felder sonst durchpflügt haben?
Gekauft!

Technisch schwierig jemandem auf den Hintern zu gucken, während man sich mit der Person unterhält, die man eben trifft.
Ja, wurde auch von anderen angemerkt. Andererseits steht man ja auch nicht immer so voreinander, sondern bewegt sich, zeigt auf etwas, läuft irgendwann auseinander. Aber stimmt: unsauber!

Er tut nichts sagen, ist kein schöner Satz.
Tja, das ist eben die Frage :) Ich finde ja, dass der Satz hier sehr gut passt, eben weil er nicht so formschön ist. Aber das scheint ja ein generelles Thema dieses Textes zu sein: Wie kommt die Gestaltung beim Leser an? Was wirkt handwerklich sauber, was misslungen?

Womit ist sie einverstanden? Dass er nachfragt? Oder durchschaut sie ihn bereits?
Ja, so eine Mischung würde ich sagen. Sie ist einverstanden, dass er nachfragt, ahnt aber zumindest, dass es wohl nicht dazu kommen wird.

Sie ringen? Während eines Fußballspiels? Hat sich gesperrt.
Ja, so auf dem Boden, dachte ich. Also Kids die nach einem Fouls os halb im Spaß, halb im Ernst raufen. Vielleicht ist das auch das bessere Wort?

Das ist vom Klang nicht so gut.
Ja, stimmt. Ich sehe es mir an und werde die kommenden Tage überarbeiten.

Schwieriges Bild, würde ich eventuell separieren vom Gespräch als eigenen Satz.
Ja, stimmt! Danke fürs Aufzeigen!

Nun, ich könnte sagen, sie hat sie das letzte Mal angefasst, und zwar gerade eben ;) falls mit 'sie' die Brust gemeint ist.
Nee, sie als Frau ist gemeint. Aber muss ich klarer herausstellen, stimmt!

Solltest du den Text probeweise mit wechselnden Perspektiven umschreiben mögen: Zu mehr als zweien würde ich hier auf der kurzen Strecke nicht raten, sonst kriegst du headhopping
Ich glaube, so komplett werde ich den Text nicht umschreiben, aber ich werde versuchen, den Ton je nach Fokus anzupassen. Danke fürs Aufzeigen

nachschaut. (Jemandem etwas) nachsehen bedeutet verzeihen.
Ja, verstehe, was du meinst. Ist vielleicht was Regionales. Hier kenne ich es eben auch als hinterhersehen. Ich überlege mir was Passenderes beim Überarbeiten.

drinnen' vielleicht die Kurzform 'drin'? Bin da bisschen gestolpert. Jemand hatte angemerkt, das Wort klingt ein wenig niedlich, da gehe ich mit, aber ich denke, Du hast das extra so gewählt, damit klar(er) wird, um wen es sich beim Prota handelt?
Ja, wollte das Kindliche herausstellen. Ich muss mir das hier noch mal anschauen.

Das ist natürlich Quatsch (also meine Lesart). Dennoch finde ich, könntest Du die Stelle klarer machen.
Absolut! Ich muss da noch mal drüber

Aber es liest sich für mich zu abgehackt. Vielleicht was in die Richtung: Dann legt sich ein Schatten über ihn. So könnte ich besser folgen.
Wirklich? Ist ja für mich die beste Stelle im Text, haha! Ich behalte es mal. Aber vielleicht kommt in ein paar Tagen auch die Erkenntnis, dass du hier recht hast.

für mich erzeugt der Text allgemein ein Gefühl von Beobachtung, nicht von Anteilnahme
Absolut! Das ist gewollt!

Hier habe ich mich gefragt: Auch die Wege sind von Landmaschinen zerpflügt? Die Bauern da müssen aber nachlässig sein, bzw. sich nicht achten, dass sie die Wege gleich mit umpflügen!
Hmm, dachte an Maschinen, die, um zu den Feldern zu kommen, eben über die Wege fahren und dabei die Wege kaputt machen. Ist aber vielleicht auch Quatsch.

beobachtet (schmutzige Fassaden von den Abgasen), aber nicht auf dem Land, zumindest nicht da, wo ich herkomme.
Also hier in meiner Nähe gibt es das in Dörfern ganz massiv! Da fahren aber halt auch viele Autos durch.

Wer ist aus der Zeit gefallen? Die Frau? Der Besen? Es ist unklar, finde ich.
Mmh, so alles. Die alte Frau mit ihrem Besen in der Hand, wie sie dem Bus hinterhersieht.

dass er hier aber so reflektiert ist mit Lizenzen etc. hat ihn für mich dann schlagartig älter werden lassen, aber ich gebe zu, ich kann das nicht so gut einschätzen
Ja, ich kenn Kinder, die manchmal echt verblüffen, was die so alles wissen. Aber ich schau hier noch mal drüber. Vielleicht ist es auch too much.

Auch hier für mich zu sprunghaft. Erst habe ich den zweiten Satz auf den Jungen bezogen, aber es ist ja der rauchende Nachbar, der noch einen Zug nimmt. Nun ja, vielleicht bin ich zu kleinlich, aber wenn man das schnell liest, fällt man raus, finde ich.
Stimmt! Ich sehe es mir an

Wieso fragt der Nachbar sich das? Er ist ja vorher eher unbeteiligt, so lese ich es zumindest, auch bisschen herablassend ('eine Wut im Blick, die traut man so einem gar nicht zu'), das ist mir dann schon fast zu empathisch bzw. selbstreflektiert vom Nachbarn.
Naja, er ist eben überrascht von der Reaktion und hat diese Wut (die er ja gar nicht einordnen kann) eben nicht kommen sehen.

Achsoo, er will nicht, dass die Mutter was Schlechtes über ihn denkt! Der Junge ist ihm im Grunde egal.
Joa, oder eben allgemein. Der Gedanke, dass bei einem schreienden Kind die Leute vlt. immer erst mal denken: Was macht der Mann denn mit dem Kind da. -> deswegen auch der heißkalte Schauer. Dieses dezente schlechte Gewissen (hab ich doch was falsch gemacht?)


Nachtrag: Ich sehe gerade deinen Kommentar @H. Kopper den ich in meiner Antwort nicht berücksichtigt habe. Ich antworte dir die kommenden Tage!

Beste Grüße
Habentus

 

Hallo @Habentus,

nur ganz kurz, weil schon ausreichend Feedback da ist, zu diesem Statement vielleicht so etwas wie eine positive Rückmeldung:

Dass das bei euch jetzt trotz aller Intentionen so komplett durchgefallen ist, schmerzt natürlich immer erst mal. Aber es ist eben auch eine sehr wichtige Rückmeldung für mich. Von daher kann ich mich (trotz der harten Worte) nur bei euch bedanken.

1) Man macht es nie allen recht und das ist auch gut so.
2) Dafür ist das Forum da, dass man etwas ausprobiert und seinen Fokus auf bestimmte Themen richtet. Deswegen fällt Dein Text nicht komplett durch. Das ist aus meiner Sicht die falsche Kategorie für ein Fazit. Mach Dein Ding und ziehe aus den Kommentaren das, was Dich weiterbringt, aber ringe nicht wegen (m)eines Kommentars mit Schmerzen, sondern mit Deinem Text, so wie DU es für richtig hältst.

Zu den anderen Themen äußere ich mich nicht mehr, dazu ist hinreichend Kluges gesagt worden. :D

Gruß
Geschichtenwerker

 

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