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Das bunteste Grau

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06.02.2026
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Das bunteste Grau

Ich liebe dich, wie man den Spatz auf dem Baum vor meinem Fenster liebt.
Ich wünschte es wäre anders, aber das ist es nicht.
Ich wünschte du würdest zu mir kommen, aber das Fenster ist zu.
Ich wünschte deine Lieder wären nur für mich, aber jeder kann sie hören. Auch ich höre sie, höre sie gerne. Doch durch das Fenster sind sie nur gedämpft zu hören.
Ich öffne das Fenster, um deine schönen Töne hereinzulassen und du fliegst weg. Böen tragen dich davon - dem Hof der Sonne entgegen.

Ich stehe auf einem Feld.
Großes Gras, weiter Wind, Schiefer-Himmel.
Hier ist eine Lichtung, da ist der Boden gekrümmt. Ich sehe ein Reh durch die Bäume schauen, ich sehe es. Ich sehe dich.
Ein Sturm kommt auf, ist schon längst da.
Eine Windhose taucht vor mir auf, vor dir, zwischen uns. Ich müsste weg hier, doch ich will nicht, kann nicht. Sie verschlingt mich, wirbelt mich herum. Zerreist mich. Wirbelt meinen Staub herum.

Ein großes Zimmer - ein Saal würden manche sagen.
Die linke Seite ist völlig blank, grau wie ein Sturmhimmel. Auf der rechten Seite stehen Fenster Schlange, hoch und schlank sind sie. Ihr eleganter weißer Rahmen ist schon ein wenig in die Jahre gekommen. Wie schön sie das Licht hereingeleiten. Wie Haare fallen ihnen die sanften Blenden ins Gesicht.
Auf meiner Seite steht ein wunderschönes Bett, ein rotes, wunderschönes Bett.
Die ganze Welt passt in diesen Raum. Angelaufene Goldornamente rahmen in ein, wie ein antikes Portrait. Ah, da ist ja das Bild.
Ein Spiegel lehnt an der Wand. Er ist zerbrochen, die eine Ecke schon herausgefallen und ich gucke mein Spiegelbild an. Wie ein scheues Reh schaut er zurück.
Wie schön das Rot auf meinen Wangen, so schön das Rot an meinen Augen. Diese Augen - sind sie nun Grün oder doch Blau?
Hundertmal das gleiche Auge schaut mich an, mit hundertfachem Mitleid. Sie sind überall.
Jäger und Beute starren sich durch die Seele.

Ich öffne die Tür und gehe hindurch.
Das Seegras wiegt ruhig in der Strömung, regt sich im Licht und wirklich, es sieht aus wie der Wald des Kaisers. Orange-rote Boten begegnen den einzelnen Lichtstrahlen, tanzen ihnen zur Begrüßung vor. Tanzen wunderbar leicht um die Lichtstrahlen herum.
Wie bunte Tücher auf orientalischen Märkten schlängeln die Anemonen sich am Boden über den Sand. Ein Ball zu dem wir nicht eingeladen wurden. Du hättest mich doch eingeladen, meine Liebe, nicht wahr?

Ich bin ein Künstler und male ein Bild in meinem Zimmer.
Ich liebe Grau. Es steht so viel im Grau. Alles endet schließlich in Grau, alles ist schon längst Grau.
Ich werde ein Bild malen, ein ganzes Bild nur in Grau.
Schließ das linke Auge.
Ich werde das bunteste Grau malen, das es je gesehen hat und ich wünschte du könntest es sehen.

 

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