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Das Date

Seniors
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Das Date

Baumlange Männer beeindruckten sie.
Das Handy in der Hand kam er mit großen Schritten auf sie zu und sein Lächeln ließ Erleichterung spüren, dass sie ihn nicht versetzt hatte. Dann begann es verwickelt zu werden und wie bei einer Oper, deren Ouvertüre bereits das Thema in einem Zeitraffer vorwegnimmt, verlief der Abend in Wirbeln zwischen kraus und glatt.

Im Bahnhof war er zu schnell in Richtung Ausgang gegangen und ließ sie ein paar Schritte hinter sich. Abrupt stoppte er, drehte sich um, beugte sich vor und wollte sie zur Begrüßung umarmen.
Sie wich ihm aus. Zwei Tage zuvor hatte er im Chat geflachst, sie sei ein Aidsrisiko, deshalb würde er sie nicht anrühren.

Mit blitzgescheiten Augen, die seine Scheu und Verlegenheit nicht verleugnen konnten, schaute er sie lächelnd an. Es war ein offenes, ehrliches Lächeln.
Sie brauchte keine zwei Sekunden, um zu wissen, dass er ihr gefiel.

Noch auf dem Weg ins Bistro analysierte sie, dass all ihre innige Vertrautheit im Chat nichts gegen ihre jetzige Verlegenheit ausrichten konnte.
Erleichtert spürte sie, dass es ihm ebenso ging. Er versuchte, seine fahrigen Bewegungen zu unterdrücken, schob seine Hände tief in die Manteltaschen als suchte er etwas, zog sie wieder hervor, weil eine Windbö die Rockschöße hochflattern ließ und wischte sich ungelenk die auf die Stirn gewehten Haare fort.
Es war wie bei einem komplizierten Computerspiel. Man hat auf dem Basislevel alle erdenklichen Situationen durchgestanden und schlüpft nun durch die Tür in eine andere Ebene mit unbekannten Herausforderungen, fühlt sich bange und gleichzeitig aufgekratzt.

Im Bistro steuerte er, so wie sie es von ihm aus den Chats gewohnt war, das Gespräch mit seinen Fragen und seinen stetigen Themenwechseln. Wer fragt, der führt, dachte sie. Nach kurzer Zeit türmten sich in ihrem Kopf all die ungesagten Sätze, die sie wegen seiner rasanten Sprünge nicht mehr hatte sagen können.
Wenn sie sich angrinsten, und das taten sie oft an diesem Abend, war nicht nur Freude, sich endlich lebendig gegenüber zu sitzen, dabei. Es war auch das prickelnde Wissen aus den gemeinsamen Chats, die während der nie endenden Coronazeit ihren Fixpunkt darstellten. Und es lag ihre Scheu voreinander darin.

Während sich im Laufe des Abends seine Fahrigkeit mehr und mehr verlor, stieg ihre Nervosität. Sie konnte weder stillsitzen, noch ihr Hände ruhig halten. Und obwohl sie sich bewusst war, dass ihm vielleicht eine solche Vertrautheit in der Öffentlichkeit unangenehm war, gab sie ihrem starken Verlangen nach und reichte ihm ihre Hände. Den ganzen Abend hätte sie so dasitzen können, seine Hände ihre streichelnd. Als er augenzwinkernd bemerkte, dass ihre verschwitzt seien, zog sie sie zurück. Sie schämte sich.
So wie ihr Minuten davor peinlich war, in Tränen ausgebrochen zu sein. Sie fürchtete, er könnte sie für eine hysterische überzogen reagierende Dramatikerin halten. Aber die Flut der Tränen brach vorkehrungslos durch ihre Schutzmauer. Er hatte nur eine einzige, aber entscheidende Frage gestellt. Was sie denn suche und wieso sie unter ihren doch zahlreichen Begegnungen nichts finde. Sie wäre in der Lage gewesen, es ihm zu beantworten. Sie hätte gern über ihre unbändige Sehnsucht gesprochen, und ihre gleichzeitige Panik, damit bis an ihr Lebensende festgelegt zu sein. War es nicht besser, immerzu weiter zu driften? Aber während eines solchen Geständnisses hätte sie keine Kontrolle mehr über ihre Tränen gehabt.
Er wirkte überrascht, peinlich berührt, eine so heftige Reaktion bei ihr ausgelöst zu haben. Er wurde nun vorsichtiger in seinen Fragen, ruhiger. Das übertrug sich auf sie. Es gelang ihr, wieder neben sich zu treten und von außen zu betrachten. War er ihr wirklich mehr als nur sympathisch?

Sie dachte an die verschiedenen Ebenen der Sympathie. Es gibt Männer, die mit ihrem Charme im Chat wie Vulkane Sätze sprühen, aber am Telefon wie erloschen wirken. Steht man voreinander, dauert es nur ein paar Sekunden, um herauszufinden, ob die Chemie, die Wellenlänge stimmt. Aber es dauert manchmal Monate, bis der Verstand danach lebt. Oftmals ist er nicht in der Lage, Kontakt zum Unterbewusstsein mit seinen Informationen aufzunehmen. Dieses für eine Zehntelsekunde aufflackernde: „Lass es, das ist nicht dein Mister Right!“-Warnsignal, das sie so oft einfach unterdrückt hatte, weil ihr Wunsch nach Intimität alles überrollte, meldete sich hier nicht.

Auch wenn sie mit Männern ungeniert in körperlichen Kontakt treten mochte, so gab es, in der Nachschau betrachtet, zwei Gruppen, die sich wesentlich voneinander unterschieden. Die einen, deren Haut sie zu berühren, zu schmecken und zu riechen liebte, und die anderen, bei denen sie es nur tat, bis ihr Bewusstsein ihr dazwischen redete.
Jeder einzelne Mann lehrte sie, immer unvermittelter auf ihre Sinne zu achten.

Während sie ihm gegenüber saß, wuchs ihr Verlangen, neben ihm zu sitzen, ihren Kopf an seiner Schulter, damit er den Arm um sie legte. Ihr war, als hätten sie es immer so gemacht, sich geküsst, sich aneinandergeschmiegt. Wie gerne wäre sie im Bistro aufgestanden, um ihn wenigstens zu umarmen.
Später im Auto war ihr alles vertraut. Die Art, wie er sie berührte, küsste, die war gewiss neu für sie, aber dass er es tat, hatte nichts Fremdes. Erst da wurde ihr bewusst, dass er zu den Männern gehörte, deren Körper sie zu berühren, schmecken und riechen liebte.
Diese Erkenntnis ließ sie noch nervöser werden, denn jetzt lag ihr daran, ihn nicht durch eine unbedachte Aktion, durch dumme Worte zu verschrecken.

Die zweieinhalb Stunden waren so kurz. Als hätte man sie gleich nach der Vorspeise vom Tisch weggeholt, als hätte sie gerade erst angefangen, sich zur Musik zu bewegen, um dann nichts mehr zu hören.

Ihr Verstand lief mit der Stoppuhr neben ihr, gemahnte sie, nicht zu spät nach Hause zu fahren und jetzt nichts zu riskieren, was später alles verbauen könnte.
Ihre Lust verlangte nach Küssen, nach Händen, Atemlosigkeit und Herzklopfen. Verlangte den Stillstand der Zeit.

Als er anfing, mit seinen Händen ihr Gesicht zu bergen und sie sanft zu küssen, dachte sie: „So hat das noch keiner getan. Er küsst dich zärtlich und doch ohne Zurückhaltung, wird fordernder, steigert sich. Ob ich ihn erschrecke, wenn ich mit meiner Hand über seine Wölbung streife?“
Sie gab sich diese Antwort nicht, handelte einfach, die Neugierde versah alles mit ihrer Genehmigung. Ihre Hand berührte mehr, als sie erwartet hatte.
Mit jedem Darüberstreifen wuchs ihr Glücksgefühl.
„Er findet mich erotisch“, jubelte es in ihr, „er hat es nicht nur im Chat daher gesagt.“ Sie wagte, daran zu glauben, dass er nicht den Abend als nette Begegnung unter guten Chatbekannten beenden wollte. Und jetzt im Auto waren seine Küsse und seine Wölbung in der Hose wie eine zweite Unterschrift unter einen Vertrag. Ich mag ihn. Er mag mich.

 
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Was hältstu von "grinsen wie ein Honigkuchenpferd?", nicht bei mir bedanken, sondern bei den Brüdern Grimm ...

Schönes Wochenende

Dat Dante Friechen

 
Seniors
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Nix.

1.) Weil es inhaltlich nicht zutrifft. Die beiden Protagonisten grinsen sich an, weil sie verlegen sind und zugleich ist es dieses wissende Grinsen, das man macht, wenn man jemanden in bestimmten Punkten gut kennt, Insiderwissen hat sozusagen, es hat dann eine leicht verschwörerische Note und in so einem Grinsen kann auch einfach so etwas wie dieses Kindliche stecken, sich über das Date und sein Zustandekommen überhaupt zu freuen.
Erst bei dieser dritten Möglichkeit käme es einem Honigkuchenpferd nahe, aber nicht bei den anderen. Es würde sich damit also die Aussage gehörig verschieben.

2.) Ich definiere ja schon das Angrinsen im Text.

3.) Honigkuchenpferd löst sofort den Kindergeschichtenmodus bei mir aus. Das Wort ist richtig gut gewählt, wenn es um adventliche, weihnachtliche Dinge geht, weil es diese Stimmungen unterstreichen könnte, man hat sofort bei diesem Wort den Duft von Honig, Zimt und Punsch in der Nase. Und es riecht nach Harz und Tannennadeln (wobei die heutigen Tannen alle ihren Geruch verloren haben, die riechen erst, wenn man sie verfeuert).
Das Wort passt nicht zu meinen sonstigen Worten.

Aber hab lieben Dank dafür, dass du zum einen nicht aufgibst und zum anderen konstruktive Vorschläge machst.

Schönes Wochenende
und liebe Grüße

lakita

 
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Wenn sie sich angrinsten, und das taten sie oft an diesem Abend, war nicht nur Freude, sich endlich lebendig gegenüber zu sitzen, dabei. Es war auch das prickelnde Wissen aus den gemeinsamen Chats, die während der nie endenden Coronazeit ihren Fixpunkt darstellten. Und es lag ihre Scheu voreinander darin.
Hi @lakita

Schön Dich als Autorin zu lesen. Das freut mich auf jeden Fall erst einmal, denn so kannte ich Dich noch nicht.
Ich habe Das Zitat hin geklebt um dort in der Geschichte zu beginnen, obwohl ich, da ich sie schon vor deinem Verkürzen gelesen habe, auch mit einem anderen hätte anfangen können. Nämlich mit dem ersten und zweiten Satz. Deine Kürzung hat den Text zerschnitten und lässt deinen ersten Satz von dem zweiten abgeschnitten stehen (so empfinde ich das zumindest).
Doch nun zurück zu dem vorliegenden Teil. "an diesem Abend" würde ich streichen, dafür den Rest etwas anders formulieren.

Zitat:"die während der nie endenden Coronazeit ihren Fixpunkt darstellten. Und es lag ihre Scheu voreinander darin."

das ist für mich unverständlich, ein Bruch im Gedankengang. Oder "ihr Scheu voreinander"
in den nächsten Absatz einbauen.
Und da komme ich auf meine Frage:
"hat der Text nicht etwas durch das kürzen verloren?"

Auch wenn sie mit Männern ungeniert in körperlichen Kontakt treten mochte, so gab es, in der Nachschau betrachtet, zwei Gruppen, die sich wesentlich voneinander unterschieden. Die einen, deren Haut sie zu berühren, zu schmecken und zu riechen liebte, und die anderen, bei denen sie es nur tat, bis ihr Bewusstsein ihr dazwischen redete.
Ich bin kein Computer-Freund, also entschuldige ich mich für meinen Ausreißer aus der Chronologie deiner Geschichte.
Hier frage ich mich ob Du binär bleiben willst, nicht noch zumindest einen 3. Typus anführen willst?
Es würde mir gefallen wenn Du daraus aussteigst, denn ich habe das binäre satt. Doch das bleibt eine persönliche Meinung... ist keine Kritik.

Sie dachte an die verschiedenen Ebenen der Sympathie. Es gibt Männer, die mit ihrem Charme im Chat wie Vulkane Sätze sprühen, aber am Telefon wie erloschen wirken. Steht man voreinander, dauert es nur ein paar Sekunden, um herauszufinden, ob die Chemie, die Wellenlänge stimmt.

Sehr gelungene Stelle.

Während sie ihm gegenüber saß, wuchs ihr Verlangen, neben ihm zu sitzen, ihren Kopf an seiner Schulter, damit er den Arm um sie legte.

fände ich anders formuliert besser verständlich... vielleicht zwei Setze daraus machen... zu kompliziert (für mich) bringt mich ins stolpern...
Wie gerne wäre sie im Bistro aufgestanden, um ihn wenigstens zu umarmen.

Und da wiederholst Du dich... oder?
Erst da wurde ihr bewusst, dass er zu den Männern gehörte, deren Körper sie zu berühren, schmecken und riechen liebte.
Diese Erkenntnis ließ sie noch nervöser werden, denn jetzt lag ihr daran, ihn nicht durch eine unbedachte Aktion, durch dumme Worte zu verschrecken.
Könnte meiner Meinung nach anders Ausgedrückt sein... nicht einfach wiederholt... nur angedeutet...
Die zweieinhalb Stunden waren so kurz. Als hätte man sie gleich nach der Vorspeise vom Tisch weggeholt, als hätte sie gerade erst angefangen, sich zur Musik zu bewegen, um dann nichts mehr zu hören.

Ich störe mich an dem "um dann nichts mehr zu hören"... könntest Du das nicht anders ausdrücken... "um dann in der Stille zu erstarren"... zum Beispiel
Aber es ist auch mal wieder eine Geschmackssache, doch meinem Gefühl nach muss Du noch auf die Bewegung eingehen die unterbrochen wurde...

"hätte sie gerade erst angefangen, sich zur Musik zu bewegen"
denn dieses Bild gefällt mir...!!! Und es wäre schade es nicht geschickt zu ende zu führen...

Und jetzt im Auto waren seine Küsse und seine Wölbung in der Hose wie eine zweite Unterschrift unter einen Vertrag. Ich mag ihn. Er mag mich.
Lustiger Satz, er macht mir Angst... oder wenn jemand mir gegenüber so denken würde, würde ich Angst bekommen... was Du da alles bei mir auslöst, das kannst Du dir nicht vorstellen, doch ich würde aufspringen und aus dem Auto hüpfen...
Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht, keine Bürokratie, keine Unterschriften auf Verträgen, auch wenn sie nur Bilder sind...

Danke für deine Geschichte, es war schön von Dir zu lesen. Ich frage mich ob du nicht wieder etwas von der alten Fassung mit hereinholen solltest... weiter so, zurück zum Schreiben...

Mit Lieben Grüßen aus dem nassen Brüssel

G.

 
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Hallo @lakita =)

Schon viele Anmerkungen hat es zu Deiner kleinen Schilderung gegeben. Habe ich gerne gelesen! Irgendwo eine Mischung aus Erlebnis und Analyse des Erlebnisses, aber auch eine Analyse, die über das Erlebnis hinausgeht - scheinbar wird ja das Date in eine Reihe von "Date-Erfahrungen" eingeordnet, wenn die Protagonistin über Männern zu berichten weiß,

[...] die mit ihrem Charme im Chat wie Vulkane Sätze sprühen, aber am Telefon wie erloschen wirken.

Ein bisschen psychologisch, der Text. Ich finde diese deutlich sichtbare Erzählerstimme sehr gut. So wirken die Techniken, derer sie sich zur Analyse bedient, von außen aufgenommen, sei es, weil es ihr irgendwer empfohlen hat oder sei es, weil sie sich von außen betrachtet. Und was mir besonders gefällt, und ich nenne es jetzt einfach so, ist der Rhythmus deiner Sätze. Das wirkt stimmig. Zumindest auf mich^^.

Ohne Kritik, aber du verwendest oft "war + Adverb/Adjektiv + [...]" oder "gab", also alles Verben, die beschreiben, aber keine Handlung ausdrücken. Das sind sehr statische Verben, die wie ein Pinselstrich Farbe ins Bild setzen. Anders bei äußeren Bewegungen, da werden Hände gereicht und gestreichelt. Deine Protagonistin macht aber auf mich einen sehr reflektierten Eindruck, sie analysiert sich, sie ordnet die Erfahrung mit dem Date ein, sie denkt und überdenkt. Aus meiner Sicht ist da viel mehr Bewegung in ihrer Gefühls- und Gedankenwelt als deine Sprache es ausdrückt. Über den Satzrhythmus holst du das irgendwo auch auf, ich spüre, dass hier jemand denkt, stoppt, dass das Denken einen großen Bogen zieht und zum Ausgangspunkt zurückkehrt (ich hoffe, ich klinge jetzt nicht zu esoterisch^^). Aber schon am Anfang schreibst du von Wirbeln. Vielleicht kann man diese Wirbel, dieses Analysieren, dieses Ausbalancieren der Denkmuster in der Wortwahl stärker pointieren. Ich denke, die Verben könnten hier das Instrument der Wahl sein. Aber das nur als subjektiver Vorschlag. Verben wie "betrachten, bedenken, überdenken, durchschauen, nachspüren, nachfolgen, Gedanken aufnehmen, aufspüren, nachvollziehen, hineinversetzen, empathisch wirken, vergewissern, reflektieren, einordnen".

Ihre bisherigen Erfahrungen im Online-Dating und ihre Reflexion scheinen auf mich die stärksten Akzente ihres Charakters zu sein. Du schreibst von "Handy" und "Aidsrisiko im Chat", das klingt für mich nach einer Person über dreißig, die bereits ein paar richtig gute und ein paar ziemlich besch***** Erfahrungen im Liebes-Romantik-Techtelmechtel-Komplex gesammelt hat. Für mich war es nach dem Lesen etwas schwierig, das Individuelle der Protagonistin zu erkennen. Denn die von dir geschilderten Gedanken und Gefühle sind jetzt, sag ich mal offen, recht allgemeingültig. Ich denke, dass mit Sätzen wie

Steht man voreinander, dauert es nur ein paar Sekunden, um herauszufinden, ob die Chemie, die Wellenlänge stimmt.
dieser allgemeingültige Eindruck verstärkt wird. Die Chemie muss stimmen - ein Satz, den ich, behaupte ich mal bunt, einmal pro Woche höre, sei es auf Arbeit, im Freundeskreis oder beim Lauschen großer Weisheiten der Sitznachbarn in der Straßenbahn. Das ist keine Kritik @lakita , denn im Rahmen der Konstruktion wirkt das alles stimmig und passend auf mich. Aber ich denke, dass jede und jeder, der sich über eine Datingapp getroffen hat - und feststellen musste, oh, das Profilfoto wurde aber aus einer sehr sonnigen Perspektive aufgenommen^^ - eine ähnliche Hoffnung und vielleicht auch Erfahrung wie die Protagonistin gemacht hat.

Jetzt habe ich sehr, sehr kritisch geklungen, was ich nicht will. Es ist ja auch eher eine subjektive Perspektive auf deinen kleinen Text.

Lg aus Leipzig
kiroly

 
Monster-WG
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Liebe @lakita,

hab den Text schon vor einer Weile gelesen und wollte mal schauen, was du noch daraus machst. Nach ziggas Kommentar hast du viel Ballast abgeschnitten, gut so. Doch nach wie vor finde ich das Ende unbefriedigend.

Textiles:

Dann begann es verwickelt zu werden und wie bei einer Oper, deren Ouvertüre bereits das Thema in einem Zeitraffer vorwegnimmt, verlief der Abend in Wirbeln zwischen kraus und glatt.
Würde das und streichen und zwei Sätze machen. Ist auch die Frage, ob du diese Art der Einleitung brauchst, die das Kommende vorwegnimmt.
Im Bahnhof war er zu schnell in Richtung Ausgang gegangen und ließ sie ein paar Schritte hinter sich.
Rein aus dem Sprachgefühl würde ich sagen: beides im Perfekt erzählen, "ging er zu schnell Richtung Ausgang". Dann hast du auch den Bruch mit dem Folgenden nicht, den ich momentan so lese.
Zwei Tage zuvor hatte er im Chat geflachst, sie sei ein Aidsrisiko, deshalb würde er sie nicht anrühren.
Verstehe ich nicht, warum ist sie ein Aidsrisiko? So liest es sich wie schräger Humor, den ich mir nicht gefallen lassen würde.
Mit blitzgescheiten Augen
Huch, wie erkennt man so was? Supermanqualitäten, eine Etage tiefer geht nicht?
Es war wie bei einem komplizierten Computerspiel. Man hat auf dem Basislevel alle erdenklichen Situationen durchgestanden und schlüpft nun durch die Tür in eine andere Ebene mit unbekannten Herausforderungen, fühlt sich bange und gleichzeitig aufgekratzt.
Dating ist ja oft was für Ältere, so Ü30, wenn die nicht gerade beim Tindern sind. Das mit dem Game finde ich ein wenig out of character, ich kaufe das so schlecht, dass sie ein Adventuregame zockt.
Während sich im Laufe des Abends seine Fahrigkeit mehr und mehr verlor, stieg ihre Nervosität. Sie konnte weder stillsitzen, noch ihr Hände ruhig halten. Und obwohl sie sich bewusst war, dass ihm vielleicht eine solche Vertrautheit in der Öffentlichkeit unangenehm war, gab sie ihrem starken Verlangen nach und reichte ihm ihre Hände. Den ganzen Abend hätte sie so dasitzen können, seine Hände ihre streichelnd. Als er augenzwinkernd bemerkte, dass ihre verschwitzt seien, zog sie sie zurück. Sie schämte sich.
Finde ich gut, kann mir die Situation gut vorstellen, nur was der Trampel wieder von sich gibt, über ihre verschwitzten Hände, da frage ich mich schon: Mädel, warum nur der?
Es gelang ihr, wieder neben sich zu treten und von außen zu betrachten. War er ihr wirklich mehr als nur sympathisch?
Kann das verstehen, dieses Abchecken, diese Unsicherheit beim Daten, ob sie es richtig macht, ob sie sich was vormacht, ob sie ihren Gefühlen vertrauen kann, etc..
Dieses für eine Zehntelsekunde aufflackernde: „Lass es, das ist nicht dein Mister Right!“-Warnsignal, das sie so oft einfach unterdrückt hatte, weil ihr Wunsch nach Intimität alles überrollte, meldete sich hier nicht.
Kompliziertes Gebilde, würde entzerren: Dieses für eine Zehntelsekunde aufflackernde Warnsignal: „Lass es, das ist nicht dein Mister Right!“, meldete sich hier nicht. So oft schon hatte sie es einfach unterdrückt, weil ihr Wunsch nach Intimität alles überrollte.
bei denen sie es nur tat, bis ihr Bewusstsein ihr dazwischen redete.
bis ihr Bewusstsein einschritt?
Als er anfing, mit seinen Händen ihr Gesicht zu bergen
Ungewöhnliche Formulierung, die leicht missverstanden werden kann.
Ihre Hand berührte mehr, als sie erwartet hatte.
Klischee-Alarm, als wäre Mister Right gleich natürlich auch Mister Dick, würde ich nicht tun.
Und jetzt im Auto waren seine Küsse und seine Wölbung in der Hose wie eine zweite Unterschrift unter einen Vertrag. Ich mag ihn. Er mag mich.
Du baust auf, steigerst recht linear und gerade als ich mich frage, wohin das führt außer ins Bett, brichst du die Geschichte auf dem Peak der Spannungskurve ab. Das grundlegende Problem ist doch, dass sie sich fragt, ob es diesmal mehr ist, als reine körperliche Anziehung. Ob ihr Wunsch nach Intimität ihr Urteilsvermögen so trübt, dass sie sich selbst betrügt. Dabei scheint es auch zu bleiben, denn der Typ tut nichts, was ihn von seinem Stereotyp entfernt, wo ich sagen könnte, boah, das war mutig, geiler Typ, toller Mensch. Mein Problem ist, dass ich über ihn zu wenig erfahre, weil das zu sehr an der Oberfläche bleibt; er riecht gut, er löst keine Alarmsignale aus, er ist zärtlich und küsst gut, aber was ist er für ein Mensch? Was hat er für Ziele? Oder sie?
Er hatte nur eine einzige, aber entscheidende Frage gestellt. Was sie denn suche und wieso sie unter ihren doch zahlreichen Begegnungen nichts finde.
Da steckt die Anlage für den Bruch der linearen Entwicklung schon drin. Denn oft ist es ja so, dass vieles stimmt, vllt. auch überraschend vieles, und dann ist es doch diese eine Macke, dieser eine Aussetzer, der es zum Scheitern bringt. Es wird sich nichts mehr verziehen, denn das muss nicht mehr, vielleicht ist der Nächste der perfekte Partner, wo alles stimmt, oder der danach, oder dann ... Ich vermisse das klare Motiv, z.B. Die Verlorenheit der Generation Tinder in der Beliebigkeit. Da wäre so vieles möglich. So lese ich einen Text, der die Vorgänge in einer Frau bei einem online arrangiertem Date beschreibt, ihre Zweifel und Hoffnungen, die Anziehung des anderen Geschlechts und finde das nicht uninteressant. Doch zu einem großen Wurf fehlt für mich eine spezifische Erkenntnis, die z.B. durch den Bruch des Erwartbaren zustande kommt.

Liebe Grüße und peace, l2f

 
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Hallo
@G. Husch
@kiroly
@linktofink ,

ich muss mich bei euch Dreien entschuldigen, dass ich noch nicht auf eure konstruktiven Kritiken reagiert habe. Ich war und bin aus familiären Gründen etwas aus dem Ruder und melde mich, sobald ich wieder klar gucken kann. Tut mir leid, dass es so ist.

Liebe Grüße
lakita

 
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Hi @lakita

oft nimmt uns das Leben mit, spült uns davon... und das ist nur all zu verständlich... nimm Dir deine Zeit... uns (mir) eilt es nicht... wie oft geht es mir selbst so... wie könnte ich da erwarten...

Ich wünsche Dir alles Gute... und bis bald

Liebe Grüße aus der Nacht...

G.

 
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14.04.2018
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Liebe @lakita !
Ich muss vorweg schicken, dass ich wirklich noch nie in einem online-Dating-Portal mitgespielt hab und mir daher diese Welt (bis auf ein paar Erzählungen von Freundinnen) ziemlich fremd ist.
Du schaffst es aber sofort, mich mitzunehmen, als hätt`ich auch nie was anderes gemacht als online-daten:D

Besonders gelungene Stellen für mich:

Im Bahnhof war er zu schnell in Richtung Ausgang gegangen und ließ sie ein paar Schritte hinter sich. Abrupt stoppte er, drehte sich um, beugte sich vor und wollte sie zur Begrüßung umarmen.
Sie wich ihm aus.
Souveräne Tolpatschigkeit. Es ist mir fühlbar unangenehm. Aber halt nicht so schlimm unangenehm nur so aaaarrrh ...Toll.
Noch auf dem Weg ins Bistro analysierte sie, dass all ihre innige Vertrautheit im Chat nichts gegen ihre jetzige Verlegenheit ausrichten konnte.
Erleichtert spürte sie, dass es ihm ebenso ging. Er versuchte, seine fahrigen Bewegungen zu unterdrücken, schob seine Hände tief in die Manteltaschen als suchte er etwas, zog sie wieder hervor, weil eine Windbö die Rockschöße hochflattern ließ und wischte sich ungelenk die auf die Stirn gewehten Haare fort.
Auch das. Super nachvollziehbare Detailbilder. Du transportierst die Anspannung total.
Im Bistro steuerte er, so wie sie es von ihm aus den Chats gewohnt war, das Gespräch mit seinen Fragen und seinen stetigen Themenwechseln. Wer fragt, der führt, dachte sie. Nach kurzer Zeit türmten sich in ihrem Kopf all die ungesagten Sätze, die sie wegen seiner rasanten Sprünge nicht mehr hatte sagen können.
Auch das ein super starkes Bild. Ungesagte Sätze, die sich im Kopf stapeln. Richtig, richtig gut.


Es war auch das prickelnde Wissen aus den gemeinsamen Chats, die während der nie endenden Coronazeit ihren Fixpunkt darstellten
Ich glaube, ich hätte auch gern ein bißchen von dem prickeldem Wissen aus den Chats gewusst. Bei gut gegen Nordwind haben ja auch zu nicht Corona Zeiten die gegenseitigen Mails einen wesentlichen Teil des Tages der beiden beeinflusst.
Vielleicht könntest du da noch ein paar Einblicke geben, was das Prickeln ausgemacht hat.

So wie ihr Minuten davor peinlich war, in Tränen ausgebrochen zu sein. Sie fürchtete, er könnte sie für eine hysterische überzogen reagierende Dramatikerin halten. Aber die Flut der Tränen brach vorkehrungslos durch ihre Schutzmauer. Er hatte nur eine einzige, aber entscheidende Frage gestellt. Was sie denn suche und wieso sie unter ihren doch zahlreichen Begegnungen nichts finde. Sie wäre in der Lage gewesen, es ihm zu beantworten. Sie hätte gern über ihre unbändige Sehnsucht gesprochen, und ihre gleichzeitige Panik, damit bis an ihr Lebensende festgelegt zu sein. War es nicht besser, immerzu weiter zu driften? Aber während eines solchen Geständnisses hätte sie keine Kontrolle mehr über ihre Tränen gehabt.
Ich kann es nicht gut beschreiben, was es genau ist, entschuldige bitte den stümperhaften Versuch:
Ich war vorher so dicht dabei. Und jetzt plötzlich nicht mehr so. Weil du jetzt vor Minuten Vergangenes beschreibst? Weil da jetzt Konjunktiv ist? Weil du jetzt zuviel erklärst? Zu sehr vom Moment weg gehst? Vielleicht ahnst du, was ich meine.

Über das Ende kann man streiten. Mir gefallen viele Enden nicht. Meine eigenen ganz besonders oft nicht.
Einerseits mag ich es hier, dass die starke Analytikerin, am Ende doch der ersten Wölbung folgen muss. Trotz mitlaufender Stoppuhr.
Irgendwie hätte ich es aber auch spannend gefunden, wenn die zwei sich überhaupt gar nicht angefasst hätten und dieses Prickeln wieder mit an ihren Computer genommen hätten.
Vielleicht gehen jetzt aber auch die Pferde mit mir durch.:lol:

Hat jedenfalls Spaß gemacht zu lesen!
Liebe Grüße vom Lotterlieschen

P.S. Ich hab erst gelesen, dass es dir gerade nicht gut geht, nachdem ich den Beitrag losgeschickt hatte. Es sollte keine Ignoranz gegenüber deinem letzten Beitrag sein.

 

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