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Das Erbe des Bösen - Teil 1
Dies ist eine zum größten Teil fiktive Geschichte. Es hat nie irgendwelche kriminellen Machenschaften im Bereich der Korruption und des bandenmäßigen Betrugs bei der Polizei gegeben. Philip Newton, Virgil, das IPLD, sowie alle weiteren Personen und viele dieser Ereignisse in dieser Geschichte sind frei erfunden.
Als Tommy an diesem kühlen Donnerstagvormittag vor dem Polizeirevier am Powwow Trail vorfährt, ahnt er, dass ihn dieser Fall einiges abverlangen wird. Er steigt aus und rückt sich sein indianisches Bolotie zurecht, dann betritt er das Gebäude der RCMP.
Tommy ist ein großer Mann von etwa einem Meter achtzig. Er hat langes Haar und trägt eine Sonnenbrille. Das Gebäude der RCMP ist kleiner als das in Idaho. Hier ist sowieso alles ein wenig anders, und Tommy muss erst einen der Beamten fragen, wo er hin muss, doch schließlich findet er den Weg. Es dauert nicht lange, da wird Tommy auch schon von einem Mann abgepasst, der ihm die Hand entgegenstreckt. „Mister Logan, da sind Sie ja“, begrüßt er ihn. Der Mann heißt Virgil Hamon, er ist groß gewachsen, hat schwarzes Haar und einen strengen Blick. Tommy muss sofort an einen Lehrer aus seiner Schulzeit denken. Mister Norris, ein selbstgerechtes Arschloch. „Lange Reise und viel Verkehr“, entgegnet er. Als Tommy jedoch auf dem Whiteboard die Fotos vom Tatort sieht, bleibt er abrupt stehen. Die Fotos zeigen eine Leiche, die ein Priestergewand trägt. „Alles in Ordnung?“, fragt ihn Virgil. Tommy tritt näher heran und entdeckt sofort das kleine Schwarz-Weiß-Foto, das am Whiteboard hängt. Es ist ein Gruppenfoto, auf dem mehrere Kinder zu sehen sind. Sie stehen mit einem halben Dutzend Priestern und Nonnen zusammen. Tommy erkennt das Gebäude im Hintergrund. Sein Vater hatte es ihm gezeigt, kurz bevor er sich vor zwölf Jahren das Leben nahm. Tommy schluckt. Er ist bei dem Thema sehr empfindlich. „Sie haben Kontakte hier und Sie kennen die Menschen. Das war der Grund, weshalb wir Sie hinzugezogen haben. Die Polizei in der Stadt hat den Fall für sich beansprucht, da der Tote auf deren Gebiet liegt. Aber hier liegt das Motiv. Deswegen teilen wir uns jetzt die Zuständigkeit“, sagt einer der ermittelnden Beamten.
Tommy sieht noch immer auf das Foto. Ein roter Kreis um den Kopf eines der Priester lässt ihn erahnen, dass es sich bei diesem Mann um den Toten handelt. Er spricht einen der Polizisten darauf an. „Ja, das glauben wir auch. Dass es ein Racheakt war, wissen wir, und wir wissen auch, wofür“, sagt der Beamte. Tommy steigt der Geruch von Rasierwasser in die Nase, der so streng ist, dass er sich am liebsten abwenden würde. Doch stattdessen fragt er: „Und wofür brauchen Sie mich?“ „Sie wissen bestimmt, dass es gewisse Spannungen gibt, und wir dachten, dass es uns einiges an Arbeit erleichtern würde, wenn Sie ein wenig für Ruhe sorgen könnten.“ „Okay“, erwidert Tommy. „Ich schau’s mir mal an.“ Und noch bevor der Beamte mit dem Rasierwasser etwas erwidern kann, ist Tommy schon zur Tür raus. Auf dem Weg ärgert er sich, dass sein Chef ihm verschwiegen hat, was genau er in Kamloops zu tun hat. Doch Tommy glaubt, es lag daran, dass sein Vorgesetzter weiß, wie aufbrausend er sein kann. Nicht nur, weil sein Vater einst als Junge in der Kamloops Indian Residential School gewesen ist, sondern auch, weil sich einige seiner Freunde und Bekannten deswegen das Leben genommen haben oder im Drogen- und Alkoholsumpf gelandet sind. Auf einmal klingelt sein iPhone. „Ja?“, meldet er sich. „Ich hatte gehofft, ich könnte Sie unserem Team vorstellen“, hört er Virgil am anderen Ende sagen. Tommy seufzt. „Jetzt bin ich unterwegs.“ „In Ordnung, wenn etwas ist, sagen Sie Bescheid“, erwidert der Chef der Sonderkommission und legt auf. Tommy konzentriert sich wieder auf die Straße. Doch bald schweifen seine Gedanken ab, wie sie es immer tun, wenn er alleine ist. Tommy soll als Vertrauensperson in einem Mordfall fungieren. Bei diesem Mord handelt es sich allerdings nicht um eine außer Kontrolle geratene Streitigkeit zwischen zwei Betrunkenen oder um zwei konkurrierenden Drogenbanden, wie er es bereits aus Idaho kennt. Es geht um die ehemalige Kamloops Indian Residential School, in der sein Vater gewesen ist und wegen derer dieser sich das Leben nahm. Tommy gehört väterlicherseits der Stammesgruppe der Secwepemc an. Mit Mitte dreißig wanderte sein Vater in die Vereinigten Staaten von Amerika aus, um ein neues Leben zu beginnen und seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Nach einiger Suche und dem erfolglosen Versuch, eine Arbeit zu finden, verschlug es ihn nach Idaho, und kurze Zeit später lernte er Judy kennen, die Frau, die er später heiratete und mit der er auch ein Kind bekam, Tommy. Doch sein Vater, Nicolas, schaffte es nicht, das Erlebte zu vergessen, und so trennte er sich von Judy, als Tommy gerade erst acht war. Ab und zu denkt er noch immer daran. Er denkt daran, wie sie auseinander gingen. Es war still und leise. Sie stritten nicht, sie schrieen sich nicht an, sie gingen einfach irgendwann eigene Wege. So, als hätten sie es bereits vor langer Zeit geahnt. Und wenn er früher nachts im Bett lag und nicht einschlafen konnte, dachte er: Wieso hast du’s nicht früher getan? Du hast uns bereits vor langer Zeit verlassen. Sein Weg führt über die Shuswap Road. Tommy kennt die Straße. Er ist schon einmal hier gewesen. Sein Vater kannte außerdem eine Frau, die ebenfalls auf der Indian Residential School gewesen ist. Sie möchte Tommy jetzt, wo er schon einmal hier ist, besuchen. Er erhofft sich Näheres zu erfahren und möchte sie vom Tod seines Vaters in Kenntnis setzen. Die karge Landschaft zieht sich meilenweit über die Shuswap Road. Tommy kommt an einer Siedlung vorbei, doch da möchte er nicht hin. Er will auf die andere Seite des Reservats. Tommy erinnert sich, dass er beim ersten Mal dachte, er würde träumen. Damals, als er das erste Mal durch dieses absurde Stück Land gefahren ist, in dem es mehr Wildnis als Zivilisation gibt. Er schaltet das Radio an, um auf andere Gedanken zu kommen, und wird sofort von einem Radioprediger in Empfang genommen: „Er wird dich durch die finstersten Stunden deines Lebens führen. Er hält seine schützende Hand über dich und …“ Tommy schaltet einen anderen Sender ein. „Halt dein frommes Maul“, grummelt er. „Wenn ich jemanden brauche, dann bist du ganz sicher der Letzte, zu dem ich gehen werde.“ Tommy sieht zu der hügeligen Landschaft. „Ich trete Ihnen, mit Verlaub, in Ihren heiligen Arsch“, grummelt er noch immer und schaltet das Radio ab. Tommy weiß, dass er sich in vielen Dingen zusammenreißen muss. In Idaho hatte ihm seine Art oft Schwierigkeiten bereitet, und es war nur seinen Kollegen zu verdanken gewesen, dass nichts Schlimmeres passiert ist. „‚Er wird dich führen durch die finstersten Stunden deines Lebens‘“, äfft er den Prediger nach, und so erreicht er leise fluchend den östlichsten Teil des Reservats. Linda bewohnt ein kleines Haus, das sich nicht viel von den anderen Häusern in diesem Teil des Reservats unterscheidet. Eine dreistufige Treppe führt zur Eingangstür. Tommy steigt die Stufen hinauf und klopft. Eine rundliche, ältere Frau öffnet ihm die Tür. Ihr Gesicht verrät Tommy, dass sie schon viel erlebt und gesehen hat. „Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, sagt Linda und bittet ihn herein. „Ja. Nur dass es weder ein Zeichen noch ein Wunder ist, Linda. Man hat mich herbestellt wegen des toten Priesters“, antwortet Tommy. „Dafür schicken sie dich her? Den ganzen Weg von Idaho?“ „Ja. Die Behörden hier erwarten Spannungen.“ Linda setzt sich auf das kleine Sofa. „Wie geht es dir? Wie geht es Nicolas?“, fragt sie. Tommy sieht sich um. „Er hat sich vor zwölf Jahren das Leben genommen“, sagt er. Und nach einer Weile fügt er hinzu: „Ich weiß von den Kindern, die gefunden wurden.“ Linda versucht, sich nichts anmerken zu lassen, doch ihre Hände krallen sich an das Sofa. „Wann hört das endlich auf?“ „Du weißt, dass es so schnell nicht enden wird“, erwidert Tommy.
„Hat Nicolas dir erzählt, was dort passiert ist? Ich nehme an, er hat es nicht. Hat er dir von Pater Gordon erzählt? Von seiner Vorliebe für Mädchen? Oder wie sie uns dort geschlagen haben?“, sagt sie und kommt auf ihn zu. „Wie der Pater zu mir kam. Und wenn er’s nicht war, dann gab es irgendjemand anders, der uns schlug oder bestrafte.“ Tommy geht an ihr vorbei. „Bist du noch in Behandlung?“, fragt er. Linda steckt sich eine Zigarette an. „Nein, nicht mehr. Als du das letzte Mal hier warst, da war ich es, stimmt.“ Dann fragt Tommy: „Was weißt du über den Mord?“, daraufhin ohrfeigt Linda ihn. „Mord. Gerechtigkeit, so heißt das.“ Und nach einer Weile nimmt sie ihn in den Arm. Tommy erwidert ihre Umarmung, dann lösen sie sich voneinander. „Wenn du es warst, dann sag es mir jetzt. Ansonsten werden wir nie wieder ein Wort darüber verlieren“, sagt er. „Ja. Ich war es. Bin ich verhaftet?“ Tommy schlägt gegen die Tür. „Scheiße, Linda! Du weißt, dass es Mord ist!“ „Dann geh“, entgegnet sie. „Niemand muss davon wissen.“ „Hat es sich wenigstens gelohnt?“, fragt Tommy. Linda sieht ihn einfach nur an. „Hat es sich gelohnt?“, wiederholt er. Doch Linda bekommt noch immer kein Wort heraus, zu groß ist ihre Angst, es Tommy gegenüber auszusprechen, den Mann, den sie damals nur einmal gesehen hat, den Mann, den sie eigentlich kaum kennt. Tommy seufzt und dreht sich zur Tür. Und nachdem er eine Weile so dagestanden hat, mit der Hand an der Klinke, tritt er ins Freie. Als er wieder in den Wagen steigen will, kommt Linda zu ihm. „Lass es gut sein. Bitte.“ Tommy dreht sich zu ihr um. Dann fährt er wortlos davon. Unterwegs muss er daran denken, was Linda ihm erzählt hatte. Aus seinen privaten Recherchen weiß er einiges über die Heime. Er kennt auch die Fotos. Als sein Vater als junger Mann in die Staaten ging, beschloss er, nie wieder darüber zu sprechen. Erst kurz vor seinem Selbstmord ließ er seinen Sohn an dessen Schicksal teilhaben. Zu diesem Zeitpunkt wusste Tommy bereits, dass Nicolas sich umbringen würde.
Wieder klingelt sein Handy. „Ja?“, meldet sich Tommy. „Waren Sie schon im Reservat?“ „Ich bin gerade auf dem Weg zurück“, sagt Tommy. Und dann kommt die Frage, vor der er sich gefürchtet hat: „Und? Konnten Sie etwas herausfinden?“ Tommy zögert und verneint. „Ist der Zeitpunkt gerade schlecht?“, fragt der Polizist. Tommy sagt, er sitze gerade im Auto und legt auf. Er hört erneut Lindas Worte: Ja. Ich war es. Hat Nicolas dir erzählt, was dort passiert ist? Allerdings hatte Tommy mehr über die Dinge erfahren, die sein Vater ihm nicht erzählt hat. Dinge, die zu schmerzhaft waren, als dass er sie hätte aussprechen können.
Tommy sieht auf seine Armbanduhr. Es ist Viertel nach eins, und er bekommt langsam Hunger. Wenn er in der Stadt ist, würde er sich ein Restaurant suchen. Zuerst jedoch fährt er in das Riverland Inn & Suites, nicht weit vom Polizeirevier entfernt, und sagt, seine Abteilung habe für ihn ein Zimmer unter dem Namen Logan reserviert. Dann zeigt er seinen Impfausweis vor und lässt sich die Zimmerkarte aushändigen. Im Zimmer legt er seine Taschen aufs Bett und setzt sich sofort an seinen Laptop. Er ruft Facebook auf. Tommy möchte sich über die Proteste informieren, die seit ein paar Tagen in Kanada wüten. Er hat ein paar Leute, mit denen er regelmäßig im Kontakt steht und die ihn über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Danach geht er in ein Restaurant. Und später fährt er in das Polizeirevier, um das Team kennenzulernen, mit dem er arbeiten wird.
Jahrelang versuchte Linda, mit dem zu leben, was ihr als Kind widerfahren ist. Sie sagte sich, dass sie nicht die Einzige sei und schaffte es irgendwann, mit ihrem Erlebten einigermaßen fertig zu werden. Es kostete sie eine Menge Therapiesitzungen, doch sie schaffte es. Aber sie war nie stark genug, ihre Vergangenheit vollständig hinter sich zu lassen. Wo immer sie hinging, was immer sie tat, ihre Träume und Erinnerungen folgten ihr. Doch sie hatte gelernt, mit ihnen zu leben. Als dann aber 215 Kinderleichen in der ehemaligen Residential School gefunden wurden, in der sie als Kind gewesen ist, kam alles wieder. Sie verbrachte fünf furchtbare Tage, in denen sie gegen ihre Erinnerungen anzukämpfen versuchte. Sie trank, sie schrie, sie weinte. Irgendwann hatte sie genug und betrat mit einer Pistole in der Hand die St. Andrew's Presbyterian Church und gab sieben Schüsse auf den Priester ab. Linda hatte durch einen Bekannten erfahren, dass er dort tätig war. Das Auto ließ sie an der Harper Ranch Pinantan Road stehen. Eine Straße, nicht weit von dem Sun Ridge Court entfernt, die durch ein Schild mit der Aufschrift „kein Durchgang - Tor geschlossen halten“ gekennzeichnet ist.
Die Sonne beginnt bereits, lange Schatten auf die Erde zu werfen, doch Linda ist dieses Mal nicht in der Stimmung, dieses Schauspiel auf sich wirken zu lassen. Sie ist bei Sam. Er ist zwar nicht auf einer Residential School gewesen, hatte aber viele Jahre ein Alkoholproblem - und ein Leben hinter sich, in dem er Dinge getan hatte, über die er später nie wieder sprach. 2018 fand er eine Anstellung als Lagerhelfer, welche er allerdings aufgrund eines Arbeitsunfalls an den Nagel hängen musste. Noch heute hat Sam Probleme beim Laufen.
Linda konnte Sam immer alles erzählen. Sie hatte ihm ihre Geschichte anvertraut und sie weiß, dass er auch diese verstehen wird. „Ich kann nicht sagen, ob es ein Fehler war, sich Tommy anzuvertrauen“, sagt sie. „Was ist mit dem Wagen? Man wird ihn finden“, entgegnet Sam. Linda ballt ihre Hand zu einer Faust und entspannt sie wieder. „Du hast dich gemacht. Es gab eine Zeit, in der du schlimmer dran warst. Jetzt sehe ich wenigstens Leben in deinem Blick“, sagt Sam. „Tut mir leid, dass ich nicht immer für dich da sein konnte, als du auch jemanden gebraucht hast. Und mach dir keine Sorgen um den Wagen, da sind keine Spuren zu finden“, erwidert Linda. Ihre Stimme ist vom Rauchen ganz rau und kratzig. Sam schenkt ihnen beiden ein Glas Wasser ein. Er schlingt es hinunter, als wäre es ein Glas Whiskey. Das ist eine Angewohnheit, die er nie ablegen konnte. „Ach, schon gut, du musstest dich um dich selbst kümmern“, sagt er und schlingt das nächste Glas hinunter. Linda sieht ihm lächelnd an und trinkt ihr Glas leer. Dann hält sie es ihm hin. Und nachdem Sam es wieder gefüllt hat, leert auch sie es in einem Zug. Dann nimmt Sam ein altes Blechschild, das er noch aus früheren Zeiten hat, und verlässt das kleine Haus. Er läuft die Shuswap Road entlang, bis er die Harper Ranch Pinantan Road erreicht und gelangt schließlich zu dem Pick-Up. Er steckt das Schild seitlich in die Ritze der Schraube, mit der das Nummernschild befestigt ist, und schraubt es an allen vier Seiten heraus. Auf der anderen Seite macht er genau das Gleiche. „Keine Spuren zu finden“, murmelt er. Im Haus versteckt er die Nummernschilder provisorisch unter seiner Matratze und geht zu Linda zurück. „Hattest du vorgehabt, die Nummernschilder dran zu lassen?“, fragt er und setzt sich an den kleinen Tisch in der Küche. „Danke“, erwidert sie. Sie sieht kurz zu ihm auf und lächelt. Es ist ein flüchtiges Lächeln, das Sam schon seit vielen Jahren von ihr kennt. Er hatte sie kurz nach ihren Therapien kennengelernt und sich um sie gekümmert. Er ist Anfang vierzig, sie Ende sechzig und damit eine der ältesten in diesem Teil des Reservats. „Ich weiß, dass du die Strecke ungern fährst, aber sollen wir trotzdem morgen in die Stadt?“, fragt Sam. Linda überlegt. Die Shuswap Road entlangzufahren bedeutet auch, an der Residential School vorbeizufahren oder zumindest in ihre Nähe zu kommen. „Können wir machen“, sagt sie. „Dich hat niemand gesehen, als du diesen Typen umgebracht hast?“, fragt Sam. „Jedenfalls hat mich niemand erkannt“, entgegnet Linda. Nach einer Weile sagt sie, sie wolle zurück in ihre eigenen vier Wände, da es allmählich dunkel wird. Sie verabreden, dass Sam sie um fünfzehn Uhr vor ihrem Haus abholt. Dann geht Linda in der Abenddämmerung zurück.
In ihrem Haus macht sie die kleine batteriebetriebene Lampe an, die auf dem Tisch vor dem Sofa steht. Sie wird sie selbst beim Schlafen anlassen. Zwar hat sie gelernt, mit der Dunkelheit zurechtzukommen, doch sie hat noch immer Schwierigkeiten, sich im Dunkeln wohlzufühlen.
Linda nimmt die Schachteln Zigaretten aus einem kleinen Schrank und steckt sich eine an. Dann setzt sie sich auf eine der Stufen und sieht in den Abendhimmel. Die Sonne taucht alles in ein rötliches Orange, und sie denkt daran, wie widersprüchlich dieses Leben sein kann. Es hat so schöne Momente, doch es kann auch so grausam und herzlos sein. Linda denkt daran, dass sie schon lange hätte weg sein können. Sie hätte einfach ihre Sachen packen und nie wieder zurückblicken können. Doch wohin sollte sie gehen? Sie hat nicht viel Geld und keine Verwandten oder Freunde, bei denen sie hätte unterkommen können.
Linda raucht ihre Zigarette zu Ende und geht wieder hinein. Es gab eine Zeit, in der sie Tabletten zum Schlafen brauchte. Mittlerweile kommt sie ganz gut ohne zurecht, doch es wird sehr lange dauern, bis sie endlich Schlaf findet.
Gegen dreizehn Uhr dreißig geht ein Anruf bei der Polizei ein. Auf der Harper Ranch Pinantan Road hat man die Überreste eines halb ausgebrannten Pick-Ups gefunden. Ein paar Stunden zuvor fand eines der Kinder eine Pistole im Gebüsch und hatte damit einen Mann leicht verletzt. Später sagte der Junge, er hätte sehen wollen, ob es eine echte sei.
In diesem Fall ermittelt selbstverständlich die Behörde, die sich auf dem Reservatsgelände befindet. Virgil steht mit den Kollegen aus der Stadt im ständigen Austausch, daher hat man sich darauf verständigt, möglichst einheitlich in dem Fall zu ermitteln.
Als Tommy mit ein paar Kollegen eintrifft, hat der Vorfall bereits die Runde gemacht. Leute laufen aufgeregt durcheinander, und Schaulustige haben sich am Absperrband versammelt. Die Leute von der Forensic Investigation sind schon da und untersuchen das Auto nach Spuren. Tommy erklärt den Beamten an der Absperrung, wer er ist, und zeigt seine Dienstmarke vor.
„Glauben Sie, wir werden erfahren, wem dieses Beweisstück gehört?“, fragt ihn ein Polizist, als sie in Richtung des ausgebrannten Autos laufen. Tommy sieht zu seinen Kollegen rüber.
„Nein, ich denke nicht“, antwortet er.
„Dann sehen wir doch mal“, sagt der Polizist, und sie verlassen den abgesperrten Bereich. Tommy soll sich weiter vorne umhören, während sich sein Kollege am Fundort umhört. Als er in sein Auto steigt und losfährt, hat er das ungute Gefühl, dass dieser Fall einer der schwersten seiner polizeilichen Karriere werden wird.
Als Tommy in den Sun Ridge Court einbiegt, sieht er ein paar Leute auf der Straße stehen. Sie unterhalten sich, und Tommy hebt zum Gruß die Hand. Er fährt ein Stück die Straße entlang, bis er zu Lindas Haus kommt. Diese sieht ihm von ihrem Fenster aus und öffnet ihm.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragt sie, kaum dass Tommy zur Tür herein ist.
„Sie wissen nichts. Es geht um den Pick-Up. Das war doch nicht deiner?“
„Natürlich nicht. Außerdem besitze ich seit Jahren kein eigenes Auto mehr. Die meisten Menschen, denen ich das erzähle, verstehen es nicht, aber immer diese Straße entlangzufahren, habe ich irgendwann nicht mehr ertragen können.“
Dann fragt sie: „Warum tust du das?“
„Was?“
„Du weißt schon.“
Tommy geht an ihr vorbei und setzt sich auf das Sofa.
„Ich möchte nur etwas Zeit gewinnen und mir über bestimmte Dinge klarwerden“, sagt er schließlich.
„Aha, na ja; ich werde ja erfahren, wie du dich entscheidest“, entgegnet Linda und steckt sich eine Zigarette an.
„Woher hast du eigentlich das Foto, das man am Tatort gefunden hat?“, fragt Tommy.
Linda atmet den Rauch ganz tief in ihre Lungen ein, dann stößt sie ihn wieder aus.
„Ein Freund hat es mir ausgedruckt“, erwidert sie.
„Warum jetzt?“, fragt Tommy.
„Wegen der Leichenfunde?“
„Ich habe versucht, es nicht zu tun. Aber ich konnte nicht nur hier herumsitzen, es hätte mich in den Wahnsinn getrieben“, sagt sie.
„Dann wusstest du länger schon, dass der Priester in dieser Kirche tätig war“, sagt Tommy.
Linda nickt.
„Was wirst du tun?“
Tommy fährt sich durch die langen Haare.
„Ich weiß es nicht. Aber je länger ich dicht halte, desto mehr stecke ich in Schwierigkeiten. Aber ich bin auch nur ein Mensch.“
Als Tommy wieder zurückfährt, sagt er, er habe nichts herausfinden können. Auf einmal wird Tommy von einem Kollegen beiseitegenommen.
„Kommen Sie mit“, zischt er. Tommy sieht sich um.
„Was ist denn?“
„Hören Sie zu: Wenn ich Ihnen eine Akte gebe, würden Sie sie sich anschauen?“
Tommy sieht seinen Gegenüber wieder an.
„Worum geht es denn?“, fragt er und begegnet dem Blick eines seiner Kollegen.
„Das erzähle ich Ihnen später. Würden Sie?“
Tommy ist perplex. Der Polizeibeamte fügt hinzu: „Sie können sich die Akte ganz unvoreingenommen anschauen und besser beurteilen, wie die Sache zu bewerten ist. Ich revanchiere mich dafür.“
Tommy versteht noch immer nichts, doch er willigt ein.
„Ich wohne im Riverland Inn & Suites. Kommen Sie heute Abend vorbei“, sagt er und geht wieder zu den anderen zurück.
„Brauchen Sie mich noch?“, fragt er einen Beamten an der Absperrung.
Der Mann unterhält sich kurz mit einem Kollegen und sagt Tommy, er könne gehen. Er solle sich aber darauf einstellen, vielleicht noch einmal gebraucht zu werden.
Auf dem Weg zurück plagt ihn sein Gewissen. Ist es richtig, Beweise zurückzuhalten und dadurch die Aufklärung eines Mordfalls zu verhindern? Tommy denkt daran, wie Linda ihn geohrfeigt hatte. Ein Polizist ist dafür da, um das Gesetz zu vertreten. Er sorgt für Recht und Ordnung. Ist es daher nicht gerecht, Linda laufen zu lassen? Oder soll er seinen Kollegen davon erzählen? Beides fühlt sich falsch an. Er weiß noch, wie er seinen Kollegen in Idaho gesagt hat, er wäre Polizist geworden, weil er für Sicherheit sorgen wolle. Damals ahnte er noch nicht, dass er irgendwann vor der persönlichsten Entscheidung seines Lebens stehen würde. Sonst hätte er wahrscheinlich an der ersten Kreuzung den Verkehr geregelt.
Als er an der Siedlung ist, biegt er nach einigem Zögern in den Yellowhead Highway ein und folgt ihm bis zum Mount Paul Way. Ihm folgt Tommy eine Weile und biegt in eine weitere Straße. Er hofft, irgendein Café zu finden oder wenigstens ein kleines Diner.
Doch alles, was er findet, sind Läden. Das letzte Mal, als er hier gewesen ist, war vor zwölf Jahren. Tommy dachte, es gäbe in der Zwischenzeit vielleicht einen Imbiss, doch die Gegend hier hatte sich in den Jahren kaum verändert. Er fährt ungefähr eine halbe Stunde durch die Gegend, und nachdem er sich vergewissert hat, dass es wirklich nichts gibt, fährt er den Highway weiter, bis er an eine Kreuzung kommt. Dort biegt er in die Halston Avenue ein. Sein Vater hatte ihn einmal in diese Gegend mitgenommen. Es war das erste Mal, dass sie gemeinsam irgendwo hingingen, Tommy musste bald erkennen, dass es auch das letzte Mal gewesen ist.
Er hält vor dem Spirituosengeschäft, in dem er mit seinem Vater gewesen ist, und zeigt seinen Impfausweis vor. Drinnen bestellt er ein Glas Whiskey, als eine Frau auf ihn zukommt.
„Tommy Logan. Es ist lange her“, sagt sie. Tommy sieht sie fragend an.
„Ich bin Patricia. Die mittlerweile Ex-Frau von Sam. Er lebt im …“
„Ja, jetzt weiß ich wieder“, erwidert Tommy.
Er kennt sie von früher. Als sein Vater mit ihm im Reservat gewesen ist, trafen sie Patricia beim Einkaufen in der Stadt. Später erfuhr Tommy von Sam, der zu dem Zeitpunkt bereits einige Monate trocken war, wo sie wohnte. Tommy ist mit seinem Vater nie zu der Adresse gefahren, doch er kann sich noch genau an den Straßennamen erinnern.
„Du alleine hier?“, fragt sie. Tommy weicht ihrem Blick aus und erzählt vom Selbstmord seines Vaters.
„Scheiße. Das tut mir leid“, sagt Patricia. Als der Whiskey kommt, schlingt Tommy ihn hinunter und bestellt einen neuen. Patricia sieht ihn erstaunt an.
„Schlechten Tag gehabt?“, fragt sie.
„Das willst du nicht wissen.“
„Bist du mit dem Wagen hier?“
„Ja.“
„Dann solltest du nicht so viel trinken“, sagt sie und legt ihre Hand auf seinen Arm.
Tommy legt seine Hand auf die ihre und drückt sie kurz. Es tut ihm gut, ihre Hand auf seinem Arm zu spüren.
„Ich wohne im Riverland Inn & Suites, wenn du willst, können wir uns mal treffen“, sagt er.
„Bist du wegen des toten Priesters hier?“, fragt Patricia.
„Ja, ich soll bei den Ermittlungen helfen“, antwortet Tommy. Zu gerne hätte er ihr von seinem Dilemma erzählt, doch je weniger Leute davon wissen, desto besser.
„In Ordnung. Ich komme die Tage mal vorbei. War schön, dich zu treffen“, sagt sie und legt zwanzig Dollar auf den Tisch, dann verlässt sie das Spirituosengeschäft. Tommy trinkt sein Glas leer, das die Frau hinter der Theke gerade auf den Tresen gestellt hat, und verlässt ebenfalls das Geschäft.
Auf dem Weg ins Polizeirevier denkt er wieder darüber nach, was er machen soll. Und wieder quält ihn die Frage, was richtig und was falsch ist. Er biegt in den Yellowhead Highway. Bei der Hinfahrt kam er zügig voran, doch jetzt scheint es nur langsam vorwärtszugehen. Tommy schaltet das Radio an.
Die Autoschlange erstreckt sich so weit Tommy gucken kann, und er vermutet, dass sie noch weiter reicht. Aber wenigstens steht er nicht im Stau. Und wieder kommt ihm der Gedanke, dass er immer mehr Schwierigkeiten bekommen wird, je länger er Linda deckt.
Abgesehen davon, würde er schon welche bekommen, weil er sich dazu entschieden hat.
„Scheiße!“, ruft er und schlägt auf das Lenkrad. Er möchte so schnell wie möglich ins Hotel zurück.
„Scheiße!“
Tommy ist den Tränen nahe. Er nimmt sein Handy und wählt die Nummer, die ihm sein Chef gegeben hat. Als sich endlich eine junge Beamtin meldet, erklärt Tommy, wer er ist und was er hier macht. Er sagt, er sei auf dem Weg in sein Hotel, und wenn etwas sei, könne man ihn unter dieser Nummer erreichen, und legt auf.
Vor ihm hupen ein paar Autos. Tommy schaltet das Radio wieder ab und legt eine seiner zahlreichen Creedence Clearwater Revival-Kassetten ein. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass Tommy am liebsten Kassetten hört. Deswegen hat er auch darauf bestanden, dass am Flughafen unbedingt ein altes Auto mit einem Kassettenspieler für ihn bereitstehen muss. Tommy setzt sich die Sonnenbrille auf und öffnet das Fenster. Die Gitarren beruhigen ihn, und Tommy singt laut mit. Er trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung, und nicht einmal der Verkehr stört ihn mehr. Und so erreicht er langsam und vor sich hin singend sein Hotel.
Um sechzehn Uhr fünfundvierzig sitzt er auf dem Bett seines Hotels. Er hatte vor fünfzehn Minuten mit einem Aktivisten gesprochen, den er über Facebook kennengelernt hatte, um sich über die neuesten Entwicklungen zu informieren. Tommy steht auf und geht an das Fenster. Der Aktivist hatte ihm erzählt, dass die Stimmung sehr angespannt sei, woraufhin Tommy erwiderte, dass es ihm bereits aufgefallen sei; er schrieb ihm, er sei selber ein wenig angespannt und wisse nicht, wann er sich das letzte Mal erholt habe. Der Mann, mit dem Tommy im Kontakt steht, kennt seine Familiengeschichte. Er weiß, dass er Polizist ist und weshalb er sich in Kanada aufhält.
Nach einer halben Stunde zieht er sich seine Lederjacke an und fährt zu der St. Andrew's Presbyterian Church. Tommy versucht, sich vorzustellen, wie der Mord stattgefunden haben könnte. Der Priester wurde siebenmal in die Brust getroffen. Tommy versucht, sich die kleine, rundliche Frau vorzustellen, die mit der Waffe in der Hand dasteht, und es überrascht ihn nicht, dass es ihm gelingt.
Als die Polizeiautos nicht mehr zu sehen waren, ging Sam in sein Schlafzimmer und hatte die Nummernschilder unter seiner Matratze hervorgeholt. Er ging damit ein Stück den Weg hinunter, an dem Linda den Pick-Up hatte stehen lassen, und verließ nach ein paar Meilen den Weg. Von dort aus betrat er das knöchelhohe Gras und vergrub die Nummernschilder. Jetzt steht er in der Küche und kocht die Reste von gestern, als es an die Tür klopft. Sam macht den Herd aus und öffnet. Vor ihm steht William Henning. Er hatte gesehen, dass Tommy da ist und wollte von Sam wissen, weshalb.
„Wegen des Priesters“, sagt Sam nur.
William setzt sich ungefragt an den Esstisch.
„Aha, ich war’s jedenfalls nicht“, erwidert er.
William ist ein älterer, freundlicher Mann, der sein ganzes Leben gearbeitet hat. Er ist ein guter Freund von Sam und hat ihm all die Jahre zur Seite gestanden. Auch als es ihm nicht so gut ging.
„Nein“, sagt Sam.
„Es war Linda.“
Er weiß, dass auch William auf einer Residential School gewesen ist und er sie daher verstehen würde.
„Woher hatte sie eigentlich die Pistole?“, fragt er und setzt sich zu William.
„Die habe ich viele Jahre lang bei mir zu Hause aufbewahrt. Als ich jung war, dachte ich, ich könnte sie gebrauchen. Heute weiß ich überhaupt nicht mehr, wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin“, entgegnet William.
„Sie sagte, irgendein Typ habe ihr erzählt, ich besäße eine Waffe.“
„Hat sie dir gesagt, was sie damit vorhatte?“
William lächelt.
„Das war nicht nötig. Ich wusste es auch so. Ich sagte ihr, sie solle für mich mit schießen, immerhin habe auch ich diese ganz besondere Gastfreundschaft genießen dürfen“, sagt William.
Sam fragt, ob er mitessen wolle, doch William lehnt ab.
„Marian kocht auch gerade“, meint er und fragt seinen Freund, ob dieser nicht rüber kommen wolle. „Du kaust bestimmt wieder an deinem Trockenfleisch herum.“
„In Ordnung, ich komme“, sagt Sam.
„Wusste ich’s doch“, erwidert William und erhebt sich.
Sie gehen zu einem Haus, das sich nur ein paar Straßen weiter befindet. Als sie eintreten, werden sie bereits erwartet. Marian, die Frau von William, ist ein wenig überrascht, als dieser nicht alleine kommt. Doch sie freut sich, Sam zu sehen. Schließlich kennen auch sie sich schon eine kleine Ewigkeit. Marian ist einer jener Personen, die dazu beitrug, dass der Fund der 215 Kinderleichen öffentlich wurde. Zusammen mit anderen untersuchte sie das Gelände der ehemaligen Kamloops Indian Residential School mit einem Radardetektor und brachte dadurch den Stein ins Rollen.
„Sam wird heute mit uns essen. Das erspart ihm Trockenfleisch und schlechte Laune“, sagt William und klopft seinen Freund auf die Schulter. Und als Sam am Tisch sitzt, ahnen die anderen zwei nicht, dass auch er ein Geheimnis verbirgt. Später wird er Tommy und den anderen sagen, die Verzweiflung habe ihn dazu getrieben.
Carl Van Hausen ist der Kopf eines internationalen Drogenkartells. Das Geschäft lief gut, bis Dick Morrison, ein enger Vertrauter von Carl und ehemaliger Polizeibeamter, mit der Polizei einen Deal aushandelte. Man hatte ihn geschnappt und als er die Identität seiner Komplizen nicht preisgeben wollte, drohte man ihm mit einer hohen Haftstrafe. Schließlich verriet Dick Morrison seine Komplizen Carl Van Hausen, Eric Laramy und Ben Houston. Dick bekam zwei Jahre auf Bewährung, doch die anderen verbüßten alle mehrjährige Gefängnisstrafen. Vier Jahre später verhaftete man Dick, doch dieser behauptete steif und fest nichts getan zu haben, obwohl man bei ihm Bargeld und eine größere Menge an Kokain fand. Als dann eine Pistole auftauchte, machte man ihm klar, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten stecke und obwohl keine weiteren Beweise gefunden wurden, wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Später fand man einen abgestellten Lieferwagen irgendwo am Stadtrand, mit einer blutverschmierten Plastikplane im Kofferraum. Die dazugehörige Leiche wurde zwei Tage später aus dem North Thompson River gefischt. In der Tasche des Toten fand man einen Zettel mit einer Telefonnummer und einem halb verblichenen Namen. Ohne einen handfesten Beweis, dass Morrison etwas damit zu tun gehabt haben könnte, verurteilte man ihn wegen Mordes.
„Ach, deshalb haben Sie mich gebeten, Ihnen zu helfen“, sagt Tommy und sieht von der Akte auf.
Der Polizist, Edwin Klein, sitzt auf dem Hotelbett und sieht aus dem Fenster.
„Ja. Ich weiß aber, dass es nicht Morrison gewesen ist.“
Tommy überlegt, dann fragt er:
„Gibt es denn irgendwelche Anhaltspunkte, dass er doch etwas getan haben könnte? Oder dass er vielleicht sogar diesen Mann getötet haben könnte.“
Edwin erhebt sich. Er läuft kurz auf und ab und setzt sich dann wieder auf das Bett.
„Nein. Er hat … Phillip Newton war damals der leitende Ermittler in dem Fall. Er musste zurücktreten, nachdem er in den Verdacht geraten ist, bei den Ermittlungen geschlampt zu haben.“
Tommy sieht erneut in die Akte. Dann fragt er Edwin, was genau er von ihm erwarte.
„Dick Morrison sitzt seitdem in Haft und ich denke, irgendjemand aus den Reihen der Polizei hatte die Finger im Spiel. Helfen Sie mir, seine Unschuld zu beweisen."
„Ich bin kein Anwalt“, erwidert Tommy.
„Wie stellen Sie sich das vor? Woher haben sie die Akte überhaupt?“
Edwin erhebt sich.
„Die habe ich über viele Monate hinweg kopiert. Natürlich weiß niemand davon“, sagt er und schlägt vor, im Chesters Chicken to go Tk’emlúps etwas essen zu gehen.
Als sie das Hotel verlassen und in Tommys Wagen steigen, schlägt ihnen ein kalter Wind ins Gesicht und es beginnt zu tröpfeln. Tommy denkt darüber nach, was Edwin ihm erzählt und wie er ihn um Hilfe gebeten hatte.
„Ich kann nicht an irgendwelche Informationen herankommen, ohne dass man Verdacht schöpft“, sagt er.
Edwin denkt kurz nach.
„Fragen Sie in der Kanzlei Wozniak and Walker nach, dort kennen sie den Fall Dick Morrison“, sagt er schließlich.
„Sie haben eine Kanzlei kontaktiert?“, fragt Tommy und lässt den Motor an.
„Ja, ich habe herausbekommen, dass die sich ebenfalls mit dem Fall befasst haben“, erwidert Edwin. Sie überqueren die Yellowhead Bridge und halten an der Petro-Canada, eine Tankstellenkette, die sich auch innerhalb des Reservates befindet. Dort betreten sie das Chesters Chicken to go Tk’emlúps, das sich nur ein paar Schritte hinter der Tankstelle befindet.
„Ich werde mehr brauchen als das, was Sie mir gegeben haben. Ich werde jede Information brauchen, die ich zu diesem Fall bekommen kann.“
„Ich habe gehört, Sie sind gut“, sagt Edwin.
„Wenn Sie sich einmal festbeißen, lassen Sie nicht mehr locker.“
Tommy lächelt.
„Das hat man mir schon oft vorgeworfen.“
Edwin betrachtet sein Bolo-Tie.
„Das habe ich mir kurz nach dem Tod meines Vaters gekauft“, sagt Tommy.
„Fehlt er Ihnen?“
„Nicht immer. Es gibt Dinge, die ich nie an ihm gemocht habe. Aber mir fehlen unsere Gespräche. Mir fehlt die Art, wie er bestimmte Dinge gesehen hat und seine kühle, nüchterne Art, mit der er die Welt betrachtet hat“, erwidert Tommy. Dann sagt er:
„Ich habe Angst.“
„Wieso?“, entgegnet klein.
Drinnen holen sie sich beide ein Chicken to go. Tommy bestellt außerdem noch eine Cola.
„Weil ich fürchte, in etwas hineinzugeraten, in das kein Polizist hineingeraten sollte. Sie sagten, Sie revanchieren sich.“
Edwin Klein erwidert, egal was es sei, er müsse erst darüber nachdenken und bezahlt. Später wird er Tommy sagen, dass er ihm den Rücken freihalten werde. Im Gegenzug verspricht Tommy, ihm im vollen Umfang zu helfen.
Sie verlassen das Chesters Chicken to go Tk’emlúps und gehen zu Tommys Auto zurück. Dieser besteht darauf, Edwin das Geld wiederzugeben, doch er winkt ab. Er meint, auf die paar Dollar käme es ihm nicht an.
Als sie am Hotel angekommen sind, verabschieden sie sich und Tommy geht auf sein Zimmer. Er legt sich auf das große Doppelbett. Tommy bestellt immer ein Zimmer mit Doppelbett, wenn er im Hotel ist. Er mag keine Einzelbetten. Irgendwann zieht er sich um und nachdem er sich die Zähne geputzt hat, geht er schlafen.
An diesen Nachmittag war Tommy bei Wozniak and Walker, um alles über den Fall Morrison in Erfahrung zu bringen. Er wollte auch wissen, ob es eine gute Idee sei, sich mit diesem Fall zu beschäftigen. Danach war er in seinem Hotelzimmer und hat sich ein wenig mit seinen Aktivisten-Freunden ausgetauscht. Jetzt sitzt er in einem Restaurant und holt sein Mittagessen nach, als er zufälligerweise Sam sieht, der an einem Tisch in der Ecke sitzt und aufgeregt mit jemandem am Telefonieren ist. Sam wirkt aufgebracht und verzweifelt.
„Nein, ich …“ sind die einzigen Worte, die er von seinem Bekannten mitbekommt, der nur ein paar Tische von ihm entfernt sitzt. Irgendwann legt er auf und haut auf den Tisch. Erst jetzt erhebt Tommy sich und geht zu ihm.
„Muss ja übel sein“, sagt er.
Sam antwortet nicht, stattdessen legt er fünfzig Dollar auf den Tisch und geht in Richtung Ausgang.
„Ich komm die Tage vorbei!“, ruft Tommy ihm nach und setzt sich wieder an seinen Platz. Was hat Sam? Wieso war er so aufgeregt und mit wem hat er gesprochen?
„Wissen Sie schon, was Sie essen wollen?“, reißt ihn ein Kellner aus seinen Gedanken. Tommy, der gerade zur Eingangstür geschaut hat, sieht den Mann an.
„Hähnchen, Salat und Kartoffeln. Und eine Cola, bitte“, erwidert er.
„Sie sind doch der Polizist. Was führt Sie her? Der Mord?“
Tommy weicht seinen Blick aus. Da ist es wieder. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, auf wessen Seite er stehen soll. Und doch weiß er, dass Linda keinen Mord begangen hat. Nun ja, wenn er gewusst hätte, dass er einen derartigen Fall bekommen würde, so hätte er an der ersten Straßenkreuzung den Verkehr geregelt.
„Ja, man hat mich hierher geschickt, weil ich die Gegend und die Leute hier kenne. Eigentlich soll ich nur vermitteln und als Berater fungieren“, antwortet Tommy. „Und mich zur Verfügung halten. Also, wenn mein Handy klingelt, dann …“
„Tut mir leid. Ihre Bestellung kommt sofort“, sagt der Kellner und macht auf dem Absatz kehrt. Tommy beginnt, mit seiner Armbanduhr herumzuspielen. Er nimmt sie ab und lässt sie von einer Hand in die andere fallen. Dann starrt er sie an. Es ist gleich siebzehn Uhr. Tommy lässt die Uhr erneut von einer Hand in die andere fallen. Er hält sie ein paar Sekunden und lässt sie dann in die andere Hand fallen, hält sie wieder ein paar Sekunden und lässt sie auch dieses Mal in die andere fallen. Dies wiederholt er so lange, bis der Kellner mit seiner Cola kommt.
„Alles in Ordnung?“, fragt er. Tommy hält inne.
„Ja, danke“, entgegnet er und legt seine Uhr wieder ans Handgelenk. Dann trinkt er einen Schluck und starrt auf das Glas. Hat Nicolas dir erzählt, was dort passiert ist? Hört Tommy Linda sagen. Hat er dir von Pater Gordon erzählt? Von seiner Vorliebe für Mädchen? Er denkt daran, wie sie ihm geohrfeigt hatte, als er sie fragte, was sie über den Mord an dem Priester wisse. Linda hat ein Leben genommen. Doch was ist ein Leben verglichen dem von 215? Tommy muss erkennen, dass die ganze Grübelei ihn nicht weiterbringt.
Irgendwo lacht eine Frau laut auf und reißt ihn aus seinen Gedanken. Tommy schreckt hoch und sieht in die Richtung, aus der das Lachen gekommen ist. Auf einmal fällt der jungen Frau ihre Gabel auf den Boden und sie hebt sie auf.
„Auf diese Seite bitte nicht mehr nachschenken“, lacht ein Mann und nimmt ihr scherzhaft das Weinglas weg. Doch die Frau nimmt es wieder an sich.
„Nein, nein, nein!“, lacht sie. Auf einmal klingelt Tommys Handy. Es ist Patricia, die Ex-Frau von Sam, der er kurz nach seinem Besuch bei Linda in dem Spirituosengeschäft im Reservat begegnet ist. Sie fragt, ob er Zeit habe, sie wolle mit ihm über alte Zeiten plaudern.
„Ja. Um zwanzig Uhr im Riverland?“ erwidert er.
„Das ist dein Hotel, richtig?“
„Ja.“
„Ja, ich weiß, wo es ist. Ich komm hin“, sagt sie. Tommy denkt, dass Patricia vielleicht wissen könne, was mit Sam los ist. Er wird sie heute Abend darauf ansprechen.
Gegen zwanzig vor sieben klopft Patricia an Tommys Zimmertür. Dieser öffnet nur Augenblicke später und Patricia kann ihm ansehen, dass er einen anstrengenden Tag hinter sich hat.
„Ich glaube, die hier ist jetzt genau das richtige“, sagt sie und holt die Weinflasche hinter ihren Rücken hervor. Tommy lächelt schwach und tritt zur Seite. Patricia, die in manchen Dingen ebenso unüberlegt handelt wie Tommy, geht sogleich an seinen Schreibtisch. Neugierig schaut sie in den Bildschirm des Laptops, doch Tommy klappt ihn sofort zu. Dann setzt er sich im Schneidersitz auf das Bett und starrt zu Boden.
„Tut mir leid“, sagt er.
„Muss es nicht“, erwidert Patricia und öffnet die Flasche, die einen Schraubverschluss hat. Nachdem sie einen Schluck getrunken hat, reicht sie sie an Tommy, der einen großen Schluck trinkt.
„Alles in Ordnung?“, fragt Patricia. Tommy sieht sie einfach nur an.
„Alles in Ordnung?“, wiederholt sie. Tommy trinkt einen weiteren Schluck und kommt direkt zur Sache.
„Ich bin Sam in einem Restaurant begegnet. Er hat mit jemandem telefoniert, ich konnte nicht viel verstehen, doch er schien unter Stress gestanden zu haben. Habt ihr euch mal getroffen? Hat er etwas gesagt?“
Patricia nimmt ihm die Flasche aus der Hand und trinkt einen Schluck.
„Nein. Seit damals haben wir uns nur selten gesehen. Was meinst du mit: ‚er schien unter Stress gestanden zu haben‘?“
Tommy erhebt sich und geht ans Fenster.
„Es kam mir vor, als wäre er am Telefon unter Druck gesetzt worden“, sagt er und nimmt den Wein wieder an sich. Doch statt zu trinken, sieht er einfach nur hinaus. Im Gedanken gesteht er Patricia, was Linda ihn offenbart hat.
„Ich weiß nicht, was Sam treibt. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass er nicht mehr trinkt“, entgegnet Patricia.
Hat Nicolas dir erzählt, was dort passiert ist? Hat er dir von Pater Gordon erzählt?
„Habt ihr keinen Kontakt mehr?“, fragt Tommy und trinkt einen Schluck. Patricia stellt sich neben ihn.
„Kaum. Wir rufen uns an, wenn der andere Geburtstag hat, oder an Weihnachten. Aber einen echten Kontakt pflegen wir nicht mehr, seit wir uns getrennt haben.“
Tommy denkt an die Ohrfeige. Er versucht, sich auf das Gespräch mit Patricia zu konzentrieren, doch seine Gedanken sind stärker.
Ich war es. Bin ich verhaftet?
Patricia sieht, dass etwas mit Tommy nicht stimmt und spricht ihm darauf an. Doch Tommy antwortet nur, es gehe ihm gut.
„Sicher?“
Tommy trinkt einen großen Schluck. Dann noch einen.
„Frag nicht, bitte. Nur so viel, es ist besser, wenn nur ich es weiß“, antwortet er. Patricia nimmt ihm die Flasche weg.
„Aber das hier hilft dir nicht.“
„Ich weiß.“
Tommy setzt sich wieder auf das Bett. Er will seine Gedanken aus seinem Kopf kriegen, er will einfach nur mit Patricia reden. Tommy kann sich nicht erklären, weshalb seine Gedanken ständig abschweifen.
„Soll ich gehen?“, fragt Patricia. Tommy ist kurz davor, ihr alles zu beichten. Er will gerade etwas sagen, überlegt es sich dann aber anders. Und setzt zu einem erneuten Versuch an. Aber auch dieses Mal verlässt ihn der Mut sofort wieder. Patricia seufzt. Sie drückt Tommy die Flasche in die Hand und geht zur Tür. Doch Tommy hält sie zurück.
„Warte. Du denkst, ich will nicht mit dir reden, aber das möchte ich. Am liebsten möchte ich dir alles sagen, was mir gerade durch den Kopf geht. Aber ich kann nicht. Du kennst mich nicht, Patricia. Damals haben wir uns nur flüchtig begrüßt. Was auch immer du von mir denkst, ich bin nicht so. Ich habe nur etwas erfahren, was einen kleinen Teil meines Lebens gerade völlig auf den Kopf gestellt hat.“
Patricia schenkt ihm ein warmes Lächeln. Es ist ein Lächeln, das ihn zu verstehen scheint und doch ist Tommy nicht sicher, was sie über ihn denkt.
„Wir holen das nach“, sagt sie und eilt davon. Tommy schließt die Tür und trinkt noch einen großen Schluck. Wieso holt er sie nicht wieder zurück? Doch als er die Tür aufmacht und auf den Parkplatz hinunterblickt, sieht er ihr Auto bereits wegfahren. Tommy geht auf sein Zimmer zurück und trinkt einen weiteren Schluck. Und wieder sieht er Linda vor sich, doch dieses Mal fühlt er sich entspannter.
Ich war es. Bin ich verhaftet?
Tommy trinkt noch einen Schluck aus der Flasche. Es gab oft Situationen, in denen ihn ein bestimmter Gedanke nicht losgelassen hat, doch Tommy kann sich nicht daran erinnern, so etwas Vergleichbares schon einmal erlebt zu haben wie jetzt. Wieder denkt er an die Ohrfeige. Sie ist fest gewesen. Tommy hört das Klatschen, als Lindas Hand auf seine Wange schlug. Was, wenn sie recht hatte?
Mord. Gerechtigkeit, so heißt das.
Vielleicht ist es wirklich Gerechtigkeit. Tommy trinkt noch einen großen Schluck aus der Flasche. Er denkt an Sam. Er denkt daran, wie dieser an ihm vorbeigelaufen ist. Immerhin ist es jetzt ein anderer Gedanke, denkt Tommy und leert den Rest aus der Flasche. Dann zieht er seine Klamotten aus, putzt sich die Zähne und legt sich ins Bett. Und morgen ist er wieder Polizist. Und Hüter eines Geheimnisses. Ja, das auch.
Als Sam vor seinem Haus hält und den Motor ausmacht, weiß er, dass es so schnell nicht enden wird. Er hatte sich auf den Teufel eingelassen und ist jetzt kurz davor, es wieder zu tun. Doch was bleibt ihm anderes übrig? Seine Pläne, sich irgendwo in den Staaten ein Haus zu kaufen, stehen auf dem Spiel. Davon träumt er schon seit sehr langer Zeit. Sam nimmt sein Handy und betätigt die Wahlwiederholung. Es klingelt am anderen Ende.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Dann nimmt endlich jemand ab.
„Ich tu’s“, sagt er.
„Komm morgen um Punkt siebzehn Uhr ins Dairy Queen Grill & Chill. Dort erfährst du mehr“, sagt der Mann am anderen Ende.
„Ich werde dort sein“, erwidert Sam und legt auf. Sein Atem geht schwer und sein Herz pocht in seiner Brust, als wolle es herausspringen. Sam versucht langsam zu atmen. Er schließt die Augen, doch ihm beginnt der Schädel zu dröhnen. Sam öffnet die Fahrertür und steigt aus. Er muss sich an der Karosserie festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Nach ein paar Minuten nimmt er die Hände vom Wagen und fängt sich allmählich wieder. Er sieht sich um. Niemand hat gesehen, wie er die Fassung verloren hat und Sam will es auch nicht riskieren, dass ihn jemand in diesem Zustand zu Gesicht bekommt. Darum nimmt er seinen Schlüssel und betritt das kleine Haus, dass er schon seit vielen Jahren sein Eigen nennen darf. Er setzt sich an den Tisch und sehnt sich nach einem Whiskey. Es ist lange her, dass er sich so sehr nach etwas zu trinken gesehnt hatte. Nur einen Whiskey. Oder vielleicht zwei. Sam denkt an die Zeit, in der er sich jeden Abend in den Bars der Stadt herumgetrieben hatte, immer auf der Suche nach dem Rausch und der Vollkommenheit des Seins. Doch wenn er ehrlich ist, kann er sich an nicht viel aus jener Zeit erinnern.
Nach einer Weile beruhigt sich Sam wieder. Der Gedanke an Whiskey und an die alte Zeit helfen ihm dabei. Sam weiß nicht, wie er diesen Teufelskreis durchbrechen kann. Doch er weiß, dass es das letzte Mal ist, dass er sich auf ein solches Unterfangen einlässt.
Als auf einem weiteren Gelände einer ehemaligen Indian Residential School die sterblichen Überreste von 751 weiteren Kindern gefunden wurden, lässt es die Welle der Wut erneut hochschlagen. Überall im Land gibt es Aktionen und Proteste der Solidarität.
Tommy hält sich zwar die meiste Zeit im Polizeirevier auf, doch er bekommt viel von den Dingen mit, die gerade in Kanada und in Kamloops vor sich gehen. Dementsprechend schwer fällt es ihmTäte, seine Gefühle im Zaum zu halten. Vor allem, wenn er mit seinen Kollegen zusammensitzt und sich mit ihnen über die Vorgänge unterhält. Viele seiner Kollegen kennen ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, wie er auf bestimmte Themen reagiert. Anderen ist es noch immer egal und treiben ihn mit bestimmten Bemerkungen oder Verhaltensweisen beinahe zur Weißglut.
Wegen der Spannungen und der Proteste kommt die Einheit um Virgil nicht so schnell voran, wie erwartet und auch Tommy hat Mühe, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Bei ihm hat das allerdings andere Gründe. Er hat schon überlegt, sich von dem Fall abziehen zu lassen, doch das würde bedeuten, wieder nach Hause zu müssen und das will er im jetzigen Augenblick am allerwenigsten. Immer wenn er Dienstschluss hat, schaltet er den Fernseher in seinem Hotelzimmer an und verfolgt gebannt die Nachrichten. Sogar im Polizeirevier schafft er es ab und an, sich zu informieren.
„Niemand hat gesagt, dass Sie auf diese Geschichte so versteift sind“, sagt ein Kollege, der zufälligerweise mitbekommt, dass Tommy sich im Dienstcomputer die aktuellen Nachrichten ansieht. Tommy sieht ihm an. Dann widmet er sich wieder den Nachrichten.
„Einen Moment“, sagt Tommy dann, ohne seinen Blick abzuwenden. Nach ein paar Minuten klickt er dann die Nachrichten weg.
„Sind die Herrschaften da hinten dann auch so weit?“, fragt Virgil und sieht zu Tommy und dem Mann, der neben ihm steht.
„Ja“, sagt der Beamte und Virgil geht ans Whiteboard.
„Also, wir haben einen toten Priester. Wir haben ein Foto mit einem roten Kreis, er zeigt uns vermutlich wer unser Opfer ist. Das Gebäude im Hintergrund ist die Kamloops Indian Residential school, die bis Ende der 60er Jahre ein katholisch geführtes Internat gewesen ist. Und bevor Sie sich wieder zu Wort melden, Logan, ich trage nur die Fakten zusammen. Die Spur führt uns in das Reservat. Dort fand man einen ausgebrannten Pick- Up und es wurde eine Waffe sichergestellt. Wir haben also eine Menge Indizien aber keinen echten Anhaltspunkt. Außerdem fehlen uns noch immer die Nummernschilder. Es ist zwar unwahrscheinlich, dennoch sollten wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sie noch dort sind, wo wir den Pick-Up gefunden haben. Will jemand etwas hinzufügen?“
„Ist Miss Shirley nicht dort gewesen?“, fragt jemand anderes und zeigt mit seinem Stift auf das Whiteboard. „Soweit ich weiß, war sie ein paar Jahre auf diesem Internat.“
„Wir sollten auf jeden Fall jeden, der dort gewesen ist, einzeln befragen“, sagt Virgil.
„Wie viele sind es denn im Reservat? Jeder? Die Hälfte?“ erwidert der Beamte.
„Wenn es sein muss, laden wir jeden einzelnen von dort vor.“
Tommy erhebt sich und geht in Richtung Ausgang. Doch Virgil hält ihn zurück. Und nachdem sich die beiden eine halbe Minute lang angesehen haben, lässt er ihm schließlich gewähren. Doch vor dem Gebäude bleibt er stehen. Er muss an seinen Vater denken, der ihn kurz vor seinem Selbstmord an dessen Schicksal teilhaben ließ. Er führte Tommy durch das verwahrloste Gemäuer, das damals das Internatsgebäude gewesen ist, das zu seinem persönlichen Albtraum wurde. Nicolas hatte sich tagelang auf diesen Moment vorbereitet. Er zeigte ihm sogar den Platz, auf dem er im Klassenzimmer gesessen hatte, die Stelle, an der er geschlafen hatte, und ließ ihm an dem teilhaben, was ihm widerfahren ist. Du siehst das Gebäude, das Klassenzimmer und die Gänge und du denkst, du könntest dir vorstellen, wie es gewesen ist, sagte er. Doch das kann kein Mensch. Ich sage das nicht, um dir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich bin froh, dass du es nicht weißt. Und mit diesen Worten im Ohr geht er wieder in das Polizeigebäude.
Als an diesen Tag sieben Polizeiautos die Shuswap Road entlangfahren, wird klar, dass dieser Einsatz für die weiteren Ermittlungen entscheidend sein wird. Als die etwa zwölf Männer aus ihren Wagen steigen, hat einer von ihnen einen Durchsuchungsbeschluss dabei.
„Ihr vier kümmert euch um diesen Bereich hier, ihr drei geht zurück zur Harper Ranch und der Rest kommt mit mir. Ich weiß, dass diese verdammten Nummernschilder hier irgendwo sind. Finden wir sie!“
Systematisch laufen sie jeden Winkel ab, durchkämmen jeden Vorgarten, suchen in jedem Gebüsch und befragen jeden einzelnen Bewohner. Tommy bleibt nichts anderes übrig, als dazustehen und zuzugucken, wie seine Kollegen jeden Zentimeter durchkämmen.
„Was soll das?“, fragt ihn ein Bewohner aufgeregt. Tommy sieht zu seinen Kollegen rüber.
„Früher oder später musste es dazu kommen“, erwidert er. Nach etwa einer halben Stunde meldet sich einer der Kollegen über Funk. Er und die beiden anderen Beamten haben die fehlenden Nummernschilder gefunden. Tommy trifft fast der Schlag. Er muss sich zusammenreißen, damit seine Kollegen nichts merken. Ich kriege einen Herzinfarkt. Hoffentlich hast du dich beim Besorgen des Wagens schlauer angestellt, Linda, denkt er.
„Wir sind unterwegs“, gibt der Kollege derweil über Funk durch und läuft zu seinem Wagen. Auch Tommy läuft zu seinem Auto und fährt los. Durch den Polizeifunk hört Tommy, wie sich der Beamte mit Virgil unterhält. Dann ist es still und Tommy folgt dem Auto in die Harper Ranch. Kurze Zeit später kommen auch die anderen Beamten. Dann gehen sie gemeinsam zu der Fundstelle.
„Ich weiß nicht, was hier läuft; aber eines weiß ich ganz genau: Unser Täter ist hier. Also grillen wir sie“, sagt Virgil und klopft dem Beamten, der den Fund gemeldet hat, auf die Schulter. Einer der Polizisten nimmt die Nummernschilder und macht über Funk eine Halterabfrage.
„Der Wagen ist auf einen Henry Morgan zugelassen. Aber bevor ihr euch die Mühe macht, er kann’s nicht gewesen sein. Er hat den Wagen vor einigen Tagen als gestohlen gemeldet“, kommt die Antwort wenige Minuten später über Funk.
„Okay, wir werden uns mal mit diesen Henry Morgan unterhalten“, antwortet Virgil.
Auf den Rückweg denkt Tommy darüber nach, Linda anzurufen und ihr von dem Fund zu erzählen. Er nimmt sein Handy und hält inne. Dann wählt er ihre Nummer. Und tippt auf Grün.
„Linda Shirley?“, meldet sie sich.
„Hey, ich bin’s Tommy.“
„Wie … woher?“, beginnt Linda. Doch Tommy kommt gleich zur Sache.
„Sie haben die Nummernschilder gefunden.“
„Oh, nein“, hört er Linda sagen. Doch Tommy beschwichtigt sie. Er sagt, dass alles gut werden wird und legt auf. Auf dem Weg zum Polizeirevier hört Tommy seine Kollegen über den Funk reden. Sie scherzen und unterhalten sich darüber, wer wohl der Täte sein könnte. Irgendwann sind sie am Powwow Trail. Die Wagen fahren auf den Parkplatz und Tommy kommt das erste Mal der Gedanke, dass es vielleicht doch an der Zeit ist, aus dem aktiven Polizeidienst auszusteigen.
Jerry Phillips, der Journalist einer großen Tageszeitung, hatte sich bereiterklärt, Tommy Informationen zu dem Kriminalfall um Dick Morrison zu geben. Tommy hatte sich unter falschem Namen als Journalist ausgegeben, der einen Artikel über Versäumnisse bei der Polizei schreiben will. Im Internet hatte er einen Artikel gefunden, in dem Phillips die Polizei Kamloops beschuldigt, bei ihren Ermittlungen wissentlich nicht richtig hingesehen zu haben. Die beiden treffen sich in Tommys Hotelzimmer und der Journalist schildert ihm ausführlich, was er über die Wochen, in denen die Ermittlungen liefen, herausbekommen hatte.
„Erst dachte ich, er würde nur versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen, so wie es jeder tun würde. Doch dann merkte ich, dass es immer mal wieder Zweifel an seiner Schuld gab. Es fiel immer wieder ein Name: Phillip Newton. Er hat damals die Ermittlungen geleitet“, sagt der Journalist.
„Ich weiß.“
Jerry Phillips zeigt Tommy ein Foto von Newton. Es ist ein Mann Ende fünfzig, mit angegrautem Haar und Brille.
„Er soll ein richtiges Ekel sein. Kompromisslos bis zum Tode und wenn ihn jemand reizt, konnte er sauer werden, dass die Milch schlecht wird“, sagt Phillips.
„Wohin kann ich mich wenden, um ein wenig mehr zu erfahren?“, fragt Tommy. Der Journalist schreibt eine Telefonnummer auf einen Zettel und gibt ihn Tommy.
„Wenden Sie sich am besten an das Kamloops Regional Correctional Centre, das ist das Gefängnis, in dem Morrison bis heute einsitzt. Sagen Sie, ich hätte Sie geschickt. Machen Sie mit der Gefängnisleitung einen Termin aus und reden Sie selber mit Morrison“, sagt der Journalist.
Nach dem Treffen ruft Tommy Edwin Klein an und bittet ihn, zum Chesters Chicken to go Tk’emlúps zu kommen. Dieser erwidert, er habe ebenfalls Informationen für ihn und sagt, er habe jedoch erst gegen Nachmittag Zeit. Tommy sieht aus dem Fenster seines Hotelzimmers. Es ist ein Samstagmorgen. Man hat ihm zugesichert, dass er sich am Wochenende freinehmen könne, er solle sich allerdings weiter zur Verfügung halten.
Tommy macht seinen Laptop an. Er will sehen, ob seine Freunde wieder etwas gepostet haben. Als Tommy sich anmeldet, hat er acht Benachrichtigungen. Er scrollt sich durch sein Newsfeed. Die Community ist wieder sehr aktiv gewesen und so findet er Bilder, Beiträge und Videos, die sich alle um dasselbe Thema drehen: die weiteren 751 gefundenen Kinderleichen. Einige Beiträge informieren darüber, wo man bis jetzt wie viele Gräber entdeckt hat: 215 Kamloops, BC 751 … zu gerne würde er mitmischen. Doch von seinem Account aus kann er sich so etwas nicht leisten. Und wenn er sich einen zweiten Account zulegt? Einen, der unter falschem Namen läuft. Doch Tommy verwirft diesen Gedanken sofort wieder.
Er sieht auf seine Armbanduhr. Es ist zwanzig vor zehn. Tommy erhebt sich und geht ins Bad. Dort dreht er den Hahn des Waschbeckens auf und hält sein Kopf unter das kühle Wasser. Er ist sehr früh aufgewacht. In den letzten Tagen wacht er häufiger früh am Morgen auf und liegt einfach nur da. Er liegt da und starrt an die Decke. Und wenn Tommy im Bett liegt und nicht weiß, was er tun soll, dann kommen ihm diese Gedanken. Er denkt an seinen Vater.
Er denkt an Linda.
Er denkt an Sam und er denkt an dieses riesenhafte Gebäude.
„Was zum Teufel wollt ihr von mir?“, fragt er, als ob ihm seine Gedanken antworten könnten. Tommy richtet sich wieder auf und trocknet sich die Haare. Dann dreht er den Hahn zu und verlässt sein Zimmer. Er fährt quer durch die Stadt in den Carlos O'Bryans Neighborhood Pub.
„Keine gute Nacht gehabt?“, begrüßt ihn die Frau hinter dem Tresen freundlich. Tommy stützt den Kopf in die Hand und gähnt. Dann bestellt er einen Kaffee.
„Stimmt, ich hab schon mal besser geschlafen“, erwidert er. Die Frau lächelt und entfernt sich. Und wieder beginnt sein Gehirn zu arbeiten. Manchmal weiß man, wenn es vorbei ist, hatte sein Vater gesagt. Damals, in diesem Restaurant. Die Sonne hatte geschienen, das weiß Tommy noch. Es ist ein fast perfekter Tag gewesen. Ich möchte nicht, dass du denkst, ich würde dir auf irgendeiner Weise wehtun wollen.
Auf einmal tippt ihn jemand an. Tommy schreckt hoch und sieht die junge Frau auf der anderen Seite der Theke.
„Ihr Kaffee“, sagt sie und stellt ihm die Tasse hin. „Wird Ihnen guttun.“ Tommy bedankt sich und trinkt einen Schluck.
„Ich habe … diese Gedanken und ich bekomme sie einfach nicht aus meinem Kopf“, erklärt er der Dame hinterm Tresen. Die Frau schenkt ihm ein warmes Lächeln.
„Wenn mir sowas passiert, gehe ich immer raus. Hier gibt es schöne Fleckchen, an denen man einfach abschalten kann“, sagt sie und geht wieder an die große Espressomaschine. Tommy beobachtet, wie sie einen Kaffee zubereitet. Es scheint, als müsse sie nicht darüber nachdenken, was sie tut. Tommy sieht sich im Pub um, der zu dieser frühen Stunde noch ziemlich leer ist.
„Die Leute kommen alle später“, sagt die Frau. Tommy trinkt einen großen Schluck.
„Ich bin sehr früh aufgestanden. In den letzten Tagen will mir ein bestimmter Gedanke einfach nicht aus dem Kopf gehen. Eigentlich sind es mehrere“, erwidert er und trinkt seinen Kaffee aus.
„Kenne ich“, sagt die Frau und lächelt. Dann bezahlt Tommy und verlässt den Carlos O'Bryans Neighborhood Pub
Um zehn vor vier betritt Tommy das Chesters Chicken to go Tk’emlúps. Edwin hatte gesagt, es könne dauern, bis er ebenfalls kommen könne. Tommy kauft eine Cola und tritt hinaus. Er lehnt sich gegen einen Mülleimer der benachbarten Tankstelle und beobachtet die Menschen. Ein älterer Mann ist gerade dabei, seinen Pick-Up aufzutanken. Tommy muss bei dem Anblick lächeln. Woanders unterhalten sich Zwei Frauen und eine Familie ist gerade abfahrbereit. Die beiden Kinder auf dem Rücksitz quengeln und versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich zu ziehen.
Um viertel nach vier gesellt Edwin sich zu ihm.
„Tut mir leid, ging nicht schneller“, sagt er. Dann sagt er, er habe den Mann gesehen, mit dem Tommy sich im Reservat unterhalten habe.
„Sam?“, fragt Tommy.
„Wenn er so heißt …“
„Und?“, fragt Tommy und sieht Edwin fragend an.
„Er hat sich mit zwei Typen unterhalten, was ja an sich nichts Außergewöhnliches ist, doch diese Kerle, ich sag dir, die sahen aus, als sollte man denen besser aus dem Weg gehen, wenn man keinen Ärger haben möchte“, sagt Edwin.
„Bist du sicher?“
Tommy muss an die Situation im Restaurant denken. Sam hatte auf ihn verzweifelt gewirkt. Tommy hat nicht verstanden, was mit seinen Bekannten los gewesen ist, doch jetzt sieht er einen Zusammenhang zwischen dem, was im Restaurant war und dem, was Edwin ihm gerade erzählt.
„Ja. Absolut“, antwortet dieser.
„Aber warum …? Nein, das ist ausgeschlossen. Solche Leute kennt Sam gar nicht“, sagt Tommy.
„Dieser Sam sah sehr verzweifelt aus. Die beiden Männer haben ihn dann ziemlich schnell stehen lassen und es hat ausgesehen, als hätte der eine ihm beim Weggehen gedroht. Auf jeden Fall bin ich dann zu ihm hin und habe gefragt, ob alles in Ordnung sei“, erzählt Edwin.
„Und?“, frag Tommy gebannt.
„Er meinte ja, es gehe ihm gut und hat fluchtartig das Weite gesucht.“
Tommy weicht Edwins Blick aus. Er muss erst darüber nachdenken.
„Und es besteht …? Ich meine …“
„Es besteht nicht den geringsten Zweifel, Tommy. Das war Sam. ich hab ihn doch gesehen“, sagt Edwin. Tommy sieht ihn an.
„Es tut mir leid“, fügt Edwin hinzu. Dann fragt er: „Was wirst du tun?“ Tommy überlegt lange und sagt, er werde bei der ersten Gelegenheit mit Sam reden.
„Wird er es dir sagen?“
„Wenn er so verzweifelt war, wird er froh sein, dass er es jemandem sagen kann. Und er wird noch erleichterter sein, es mir zu sagen und nicht jemanden, der ihn gleich abführt“, erwidert Tommy.
Linda sitzt draußen vor den Stufen und raucht. Auf einmal hört sie Fußschritte neben sich und fährt herum. Neben ihr steht Sam, der sie anlächelt.
„Das nächste Mal machst du dich bitte bemerkbar“, sagt sie mit kratziger Stimme und hustet. Sam runzelt die Stirn.
„Ich nehme an, das ist nicht deine erste“, sagt er und mustert die Zigarette in ihrer Hand.
„Und wenn’s so wäre?“
„Nichts, schon gut. Ich will dich nicht angreifen“, erwidert Sam und setzt sich zu ihr. Linda sieht zu den Wolken hinauf und zieht an ihrer Zigarette.
„Ich kann dich nicht davon überzeugen …“
„… aufzustehen und zu gehen? Nein, kannst du nicht.“
Linda sieht zu Sam. Sie weiß, dass er sie besser kennt, als ihr manchmal lieb ist. Das ist auch der Grund, weshalb er sie so oft weinend in den Arm hält, er trifft einfach immer den richtigen Nerv.
„Und? Was ist es dieses Mal?“, fragt Sam. Linda zieht erneut an ihrer Zigarette.
„Es kommt alles wieder“, sagt sie mit zitternder Stimme. Sam legt ihr seinen Arm um die Schulter und Linda schnieft. Dann rückt sie ein Stück von ihm ab.
„Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe mal vor sehr langer Zeit geholfen, Beweise zu fälschen und dafür zehntausend Dollar kassiert, ungefähr die Hälfte davon habe ich in den Kneipen versoffen, und ein unschuldiger Mensch ist dafür in den Knast gewandert. Jetzt haben die gleichen Männer sich erneut gemeldet“, sagt Sam mit einem Mal. Linda sieht ihren langjährigen Freund an.
„Wieso denn das?“, fragt sie. Sam sieht in die Richtung, in der sein Haus steht.
„Ich … Sie waren beeindruckt, wie ich … vorgegangen bin.“
„Wie du die Beweise gefälscht hast.“
„Ja. Kennst mich ja. Ich bin …“
„Was will man von dir?“, fragt Linda und zieht erneut an ihrer Zigarette.
„Sie wollen, dass ich einen Drogentransport mache. Für achttausend Dollar“, erwidert Sam. Linda zieht den letzten Zug und drückt die Zigarette an der Treppe aus.
„Wofür brauchst du das Geld?“, fragt sie.
„Ich will nach Amerika. Ich werde mir ein Häuschen mit eigenem Garten kaufen“, sagt Sam und lächelt. Dann wird er wieder ernst und sieht Linda fest in die Augen. „Aber ich fürchte, daraus wird nichts werden.“ Und dann bietet er Linda an, mit ihr in die Stadt zu fahren. Diese zögert, erhebt sich aber schließlich dann doch. Und nachdem sie sich die Jacke angezogen hat, folgt sie Sam zu seinem Wagen.
„Wo ist der Rest des Geldes?“, fragt sie, als sie eingestiegen sind.
„Der ist in einer kleinen Kiste in meinem Kleiderschrank versteckt“, erwidert Sam. Er steckt den Schlüssel in das Zündschloss, doch Linda bittet ihn, noch einen Augenblick zu warten.
„Mein Auto, meine Regeln“, sagt Sam und lässt den Motor an. Linda lehnt sich zurück und lächelt. Am Anfang hatte sie ihre Probleme mit Sams Art gehabt. Sie fand ihm ein wenig kalt und manchmal auch ein kleines bisschen überheblich, doch je besser sie ihn kennenlernte, umso mehr begriff sie, dass es ihr guttut, wenn er nicht ständig Rücksicht auf sie nimmt.
Sam biegt auf die Shuswap Road ein. Linda ist angespannt. Je näher sie der Stelle kommen, desto nervöser wird sie. Nur gut, dass Sam bei ihr ist und eine solche Ruhe ausstrahlt. Linda hatte ihr eigenes Auto schon vor langer Zeit verkauft. Sie sagte, sie wolle diese Strecke nicht alleine fahren. Sam hat es anfangs nicht verstehen können. Doch über die Jahre merkte er, dass sie ein echtes Problem mit dieser Strecke hat.
„Das ist die Route. Hier wurden wir abgeholt und zur Residential School gebracht“, sagt Linda mit einem Mal. Sam drückt ihr kurz die Hand.
„Meine Eltern hatten ebenfalls damit zu kämpfen gehabt. Sie tranken“, sagt Sam.
„Wie du früher. Als ich dich kennenlernte, hast du viel getrunken“, erwidert Linda. Sam sieht zu den Hügeln, die sich zu ihrer Rechten befinden.
„Vielleicht solltest du in die Stadt ziehen“, sagt er.
„Vielleicht. Ich habe schon oft überlegt, dass es einfacher wäre, wenn ich’s Täter. Doch so ein Umzug ist nicht billig. Die andren hier verdienen sich ihre Brötchen; doch ich lebe von dem bisschen, was ich habe und da ist ein Umzug nicht drin.“
Linda versucht sich auf einen bestimmten Fleck in der Landschaft zu konzentrieren, auf ein bestimmtes Detail. Sie sieht auf das Auto, dass vor ihnen auftaucht und überlegt sich, was dem Fahrer gerade durch den Kopf geht und wohin er will. Fährt er in die Stadt? Besucht er Verwandte? Oder arbeitet er dort? Vielleicht hat er einen Laden oder ein Lokal. Linda steckt sich eine Zigarette an und öffnet das Fenster.
„Wir sind bald da“, sagt Sam und wirft ihr einen flüchtigen Blick zu. Linda hustet und zieht an ihrer Zigarette.
„Seit ein paar Tagen habe ich das Gefühl, jeden Moment durchzudrehen. Ich hab noch nie so oft zur Kippe gegriffen“, sagt sie. Sam streckt seine Hand aus und Linda ergreift sie.
„Nicht durchdrehen, Mädchen“, sagt er. Dann erreichen sie den South Thompson River, der die Grenze zwischen der Stadt und dem Reservat kennzeichnet. Linda bittet Sam, vor dem ersten Tabakladen, den sie sehen, Halt zu machen.
„Schon wieder?“, fragt Sam. Linda wirft ihm einen finsteren Blick zu. Wie ein kleines Mädchen, das ihren Willen nicht bekommt, denkt Sam.
„Mein Vater ist schon lange tot“, kontert Linda. Doch dann entschuldigt sie sich bei Sam.
„Also zu einem Tabakladen“, sagt er, während sie über die Yellowhead Bridge fahren. Linda blickt aus dem Fenster.
„Es ist nicht leicht. Bitte sag mir, dass ich endlich damit aufhören soll.“
Sam nimmt die erste Ausfahrt und fährt in die Battle Street.
„Ich kann nicht“, sagt er. „Ich weiß selber zu gut, wie es sich anfühlt, die Kontrolle zu verlieren.“ Irgendwann biegt Sam in die Victoria Street ein. Es sind recht viele Autos auf der Straße und die beiden kommen nur langsam vorwärts.
„So etwas Ähnliches hätte ich an deiner Stelle wahrscheinlich auch gesagt“, erwidert Linda und sieht in die Zigarettenschachtel. Sie ist leer.
„Da vorne ist die Tankstelle“, sagt Sam und zeigt auf die Petro-Canada, die in einiger Entfernung vor ihnen auftaucht.
„Ich schlage vor, ich kaufe mir die Kippen und danach gehen wir etwas essen“, sagt Linda. Auch Sam knurrt der Magen. Er hatte zwar noch etwas Nudeln und eine schöne Haxe zu Hause, doch seine Kochkünste sind ebenso gut wie die von Linda. Das ist die zweite Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden. Er biegt an der Kreuzung in die 10th Avenue ein.
„Dairy Queen Grill & Chill?“, fragt Sam und grinst. Linda willigt ein und bald darauf erreichen sie die Tankstelle. Dort steigt sie aus und Sam nutzt die Gelegenheit, um seinen Wagen vollzutanken. Als das erledigt ist, geht er in den Tankstellenshop. Dort entdeckt er Linda, die an der Schlange vor der Kasse steht. Sam ertappt sich dabei, wie er nachsieht, wie viele Schachteln sie gekauft hat. Zwei. Als Linda an der Reihe ist bezahlt sie die Zigaretten und verlässt den Shop. Auch Sam bezahlt und begibt sich zum Wagen. Dann fahren sie zu Dairy Queen Grill & Chill.
Henry Morgan ist ein sportlicher Typ, Mitte zwanzig. Er trägt ein Nike T-Shirt und eine schwarze Jogginghose.
„Sie haben vor einigen Tagen ihr Fahrzeug als gestohlen gemeldet?“, fragt Maison. Der junge Mann mustert ihn.
„Ja. Leider habe ich nur noch das Auto wegfahren sehen, doch ich bin davon aufgewacht.“
An diesen Nachmittag sind Sarah und Maison bei Henry Morgan. Sarah bittet Mister Morgan darum, mit seinen Kollegen eintreten zu dürfen. Sie folgen dem jungen Mann ins Wohnzimmer und unterrichten ihn darüber, dass man den ausgebrannten Wagen im Reservat gefunden habe. Henry Morgan starrt die beiden Polizisten ungläubig an.
„Mein Pick-Up? Sind Sie sicher?“, fragt er.
„Ja“, erwidert Sarah. Der Mann setzt sich auf den einzigen Sessel, der im Raum steht.
„Und Sie haben nichts Außergewöhnliches beobachten können? Wie der Dieb aussah vielleicht?“, fragt Maison. Henry Morgan erhebt sich.
„Nein, aber hätte ich gewusst, dass der Wagen am Ende im Arsch sein würde, hätte ich ihm ganz bestimmt nach seiner Versicherung gefragt“, gibt Morgan zurück. Maison sieht seine Kollegin an.
„Es war ein Mann?“
„Ich sagte, ich habe meinen Wagen wegfahren sehen, okay? Ich weiß nicht, ob es ein Mann gewesen ist.“
Maison bedankt sich und verlässt mit Sarah die Wohnung. Draußen schlägt ihnen ein kühler Wind ins Gesicht.
„Und? Hilft uns das weiter?“, fragt Sarah. Maison geht zu einem der geparkten Autos. Er sieht sich nach allen Richtungen um.
„Vielleicht hat eine der Überwachungskameras unseren Dieb gefilmt“, antwortet er und steigt in den Streifenwaagen. Sie fahren zum Straßenverkehrsamt und lassen sich die Aufnahmen zeigen.
„Ist das alles?“, fragt Sarah. „Ich meine, mehr sieht man nicht?“
Der Mann vom Straßenverkehrsamt geht noch einmal die Aufnahmen durch. Maison bittet ihn, den Weg des Wagens bis zum Anfang zurückzuverfolgen. Und auf einer der Überwachungsbänder sehen die beiden, wie der Wagen abrupt abbremst.
„Was macht der da?“, fragt Maison. Er bittet den Mann vom Straßenverkehrsamt darum, ihn die Aufnahme noch einmal zu zeigen. Die beiden sehen genauer hin.
„Wo ist das?“, will Maison wissen. Der Mann sieht vom Monitor auf.
„In der Nähe von der Petro-Canada, an der Victoria Street“, erwidert er. Die beiden wollen schon gehen, als einer der anderen Männer sie zurückhält.
„Dort steht ein Blitzer. Vielleicht ist er zu schnell gefahren.“
Maison bittet den Mann, ihnen eine Kopie von der Aufnahme zukommen zu lassen. Dann fahren die beiden zu der Victoria Street. Unterwegs fragt er über Funk nach, ob es in dieser Gegend einen Blitzer gibt.
„Ja, gibt es.“
Maison erklärt dem Kollegen am anderen Ende, was sie herausgefunden haben. Er sagt, er werde inzwischen versuchen, mehr in Erfahrung zu bringen.
„Jemand stiehlt den Wagen und begeht dann den Mord?“, fragt Sarah. Maison sieht sie kurz an.
„Oder unser Täter hat den Wagen stehlen lassen.“
Sarah seufzt. Sie denkt darüber nach, weshalb der Mann in diesen Blitzer geraten ist und spricht ihren Kollegen darauf an.
„Unwissenheit?“, sagt dieser.
„Vielleicht ist er nicht von hier?“
„Woher soll er sonst sein?“
Maison sieht kurz zu Sarah rüber.
„Hier ist doch nichts. Dann müsste der Mann ja eine halbe Weltreise zurückgelegt haben, um sich hier blitzen zu lassen.“
Sarah lacht.
„Und selbst wenn er diese Gegend kennt, viele geraten ab und an mal in einen Blitzer. Ist mir auch schon passiert.“
„Aha?“, macht Maison und hupt ein Auto an, das in der zweiten Reihe geparkt hat.
„Dem Typ ist das scheißegal“,, sagt Sarah. Maison sieht in den Rückspiegel.
„Der hat Glück, dass ich gerade dienstlich unterwegs bin.“
Sie erreichen die Victoria Street und fahren zu der Tankstelle. Dort lassen sie sich von ihrem Kollegen über Funk erklären, wo genau der Blitzer sich befindet. Auf einmal meldet sich ein anderer Kollege über Funk. Er und ein weiterer Beamte seien in eine Kneipe an der Victoria Street gerufen worden. Ein Gast liefert sich mit weiteren Besuchern eine Schlägerei und sie bräuchten Verstärkung. Als die beiden am Ort des Geschehens eintreffen, hat sich die Lage zugespitzt. Der Betrunkene hat sich mit einem Barhocker bewaffnet und hält diesen wie einen Schild vor sich. Dann schleudert er ihn einem Mann entgegen.
„Glaubst du, ich hätte nicht gehört, wie du über mich lachst!?“, ruft er und trinkt das halb volle Bierglas, das auf der Theke steht, in einem Zug aus. Einer der Beamten kommt auf den betrunkenen Gast zu. Doch dieser wirft das Bierglas nach ihm.
„Bleib stehen!“
Der Betrunkene wäre beinahe gestürzt, hätte ihn nicht der Polizist, nach dem der Mann das Glas geworfen hat, in letzter Sekunde zu fassen gekriegt.
Auf der Wache bringen ihn zwei Polizisten in die Ausnüchterungszelle, während Maison sich mit den Kollegen aus der 6th Avenue unterhält. Er fragt, ob sie ein paar Informationen haben, die ihm und seinen Kollegen weiterhelfen könnten.
„Nur eine Menge Leute, die alle meinen, irgendetwas gesehen zu haben“, entgegnet der Beamte.
„Irgendetwas Hilfreiches darunter?“
In diesen Moment gesellt sich Sarah dazu. Sie hat sich ebenfalls mit einem Beamten unterhalten.
„Nein. Was allerdings auffällt, ist, eine Frau aus dem Reservat. Die Leute hier sagen, sie sei seit ein paar Wochen extrem nervös. Es ist allgemein bekannt, dass sie Probleme hat, doch so wie jetzt sei sie noch nie gewesen“, sagt der Polizist. Maison sieht zu Sarah.
„Danke“, erwidert sie und die beiden verlassen das Präsidium an der 6th Avenue.
Wie sich herausstellt, ist der Mann auf dem Blitzerfoto kein Unbekannter. Gegen ihn wurde bereits wegen mehrerer Straftaten ermittelt und er verbüßte auch eine mehrjährige Haftstrafe und so dauert es auch nicht lange, bis der Mann erneut ins Polizeirevier gebracht wird. Virgil hat mit den Kollegen an der 6th Avenue gesprochen und sich mit ihnen darauf geeinigt, beim Verhör anwesend zu sein.
„Sie wurden als Kind von Ihrem Vater misshandelt. Und Sie waren in einer Therapiegruppe mit Linda Shirley“, sagt der andere Beamte. Der Mann atmet schwer. Er sieht an den beiden Polizisten vorbei. Direkt in den Einwegspiegel hinein.
„Ja. Ich war gemeinsam mit ihr dort. Unsere Geschichten ähneln sich“, antwortet er. Der Beamte zeigt ihm die Aufnahme der Überwachungskamera.
„Dieser Wagen wurde halb verbrannt auf einer Seitenstraße gefunden. Es handelt sich bei dem Fundort um das Reservat. Und das am Steuer, das sind Sie. Können Sie mir verraten, was Sie am Steuer eines geklauten Pick-Ups machen, den man verbrannt im Reservat gefunden hat, Mister Hamilton?“
Der Mann schweigt.
„Miss Shirley war die einzige aus Ihrer Gruppe, die Verbindungen zur Kamloops Indian Residential school gehabt hat. Haben Sie ihr den Wagen besorgt? Vielleicht, um den Priester zu töten?“
Jetzt verschränkt der Verdächtige die Arme vor der Brust. Er sieht den beiden Männern ihm gegenüber in die Augen. Erst Virgil, dann dem anderen Beamten.
„Glaubt ihr, ich weiß nicht, wie das hier läuft?“, sagt er nach einer ganzen Weile. Virgil erhebt sich und verlässt den Verhörraum.
„Das reicht, um die beiden festzunehmen“, sagt er, als sich sein Kollege zu ihm in den Flur stellt. Der Priester-Fall fällt in die Zuständigkeit von Virgils Abteilung, und so erwirkt er eine Vorladung für Linda Shirley.
An diesem kalten Nachmittag sind zwei Polizeistreifen auf dem Weg nach Kamloops eins. Tommy sitzt mit zwei Kollegen im ersten Wagen. Im zweiten sitzen Clara, Mason, Leramy und Virgil. Die Wagen fahren über die Yellowhead Bridge und erreichen schließlich die Siedlung, die am Sun River Drive liegt. Dort parken sie an einer Straße, und Virgil erläutert noch einmal die Vorgehensweise.
„Wir klappern diese Namen ab. Wir fragen, wo die besagte Person zum Zeitpunkt der Tat gewesen ist und das war’s.“
Dann gehen sie los. Virgil geht voran. An der ersten Tür werden sie ziemlich schroff empfangen und Tommy muss eingreifen.
„Ich war hier“, sagt die Frau an der Tür.
„Allein?“, entgegnet Virgil. Die Frau sieht ihn fassungslos an.
„Ja, allein. Machen Sie mit dieser Aussage, was Sie wollen, aber lassen Sie mich in Frieden. Ich habe nichts getan“, antwortet sie. Tommy hat das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Ihm dreht sich der Magen um, doch stattdessen sagt er Virgil, er soll es gut sein lassen. Die Frau schließt die Tür und die Beamten gehen weiter. Am nächsten Haus sagt der Mann, der ihnen die Tür öffnet, er sei mit ein paar Freunden unterwegs gewesen und nennt Virgil die Namen und die Adressen. Ein weiterer Mann ruft seine Ehefrau zu sich und diese sagt, sie sei einkaufen gewesen.
„Es gibt ungefähr ein Dozent Leute, die mich gesehen haben“, sagt sie. An der nächsten Tür öffnet ein Junge. Er ist ungefähr zehn und fragt, ob sie echte Polizisten wären. Kurz darauf erscheint ein Mann an der Tür.
„Sie wollen sicher meine Mutter sprechen, aber wir haben zu dieser Zeit ferngesehen“, sagt er.
„Könnten wir Ihre Mutter trotzdem sprechen?“, fragt Virgil.
„Nein, können Sie nicht. Sie ist ziemlich aufgewühlt wegen der Sache mit den Leichen und ich denke nicht, dass sie Ihnen weiterhelfen kann.“
Doch dann erscheint eine Frau an der Tür. Sie ist ungefähr 75 und sagt:
„Wenn ich einen Mord hätte begehen wollen, hätte ich es schon vor langer Zeit getan. Ich weiß nicht, wer diesen Mann umgebracht hat, aber ich bin auch nicht schockiert darüber, das können Sie mir glauben. Wir haben ferngesehen, wie mein Sohn bereits sagte. Wir wollten sehen, ob sie etwas über diese furchtbare Sache in den Nachrichten bringen. Über die Leichen, meine ich.“
Tommy macht einen Schritt auf die Frau zu und bedankt sich bei ihr für die Auskunft.
„Ich weiß, es ist nicht leicht für Sie“, bringt er heraus, bevor ihm die Stimme bricht. Dann gehen sie weiter. Sie laufen systematisch die Straßen ab, klingeln bei jedem, dessen Name auf der Liste steht. Einmal ist Tommy kurz davor, zu gestehen, dass er die ganze Zeit weiß, wen sie suchen.
Nachdem sie die Siedlung abgeklappert haben, fahren sie auf die andere Seite. Dort setzen sie die Befragung fort. Tommy wird wieder dann gebraucht, wenn es heikel wird und die Situation zu eskalieren droht. „Es ist verständlich, so zu denken.“ Das ist alles, was Tommy dann einfällt, zu sagen. Manchmal sagt er auch: „Ich wurde hinzugezogen, um diese Reden zu führen. Es tut mir so leid." Doch es hilft den Leuten zu wissen, dass ein Gleichgesinnter hinzugezogen wurde. Als sie schließlich vor Lindas Haus stehen, bittet Tommy die Männer, allein hineinzugehen.
„Nur zehn Minuten. Bitte.“
„Fünf“, erwidert Virgil und Tommy betritt das Haus. Linda steht die Nervosität ins Gesicht geschrieben, doch Tommy besänftigt sie.
„Alles gut, sie wissen nichts“, sagt er. Linda steckt sich eine Zigarette an.
„Wie lange haben wir?“
„Fünf Minuten.“
Linda zieht lange an ihrer Zigarette. Dann stößt sie den Qualm aus und zieht erneut.
„Lass sie rein“, sagt sie schließlich.
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Tommy winkt seinen Kollegen herein und Linda wird befragt. Sie sagt aus, sie wäre bei Sam gewesen. Linda weiß, dass sie von ihm Rückendeckung bekommen wird. Dann befragen sie Sam und der bestätigt ihre Aussage.
„Wir haben geredet. Linda ging es nicht so gut wegen der Leichenfunde und da haben wir uns zusammen gesetzt.“
„Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, wir haben hier eine Leiche, aber niemand will dafür verantwortlich sein“, sagt Mason, doch Tommy stellt sich vor ihm.
„Hey, was tun Sie da?“
„Mein Cop-Ding“, erwidert er.
„Das, was wir Bullen eben so machen, wenn wir ermitteln.“
Tommy tritt zur Seite. Ihm kommt der Gedanke, dass er sich durch seine Art verraten könnte. Viele seiner Kollegen sind ihm gegenüber bereits misstrauisch und würden es begrüßen, wenn er in Zukunft nur noch im Büro säße. Es wurde in den vergangenen Tagen sogar schon darüber gesprochen, Tommy ganz vom Fall abzuziehen. Virgil hat sich immer dagegen ausgesprochen, doch langsam überlegt er, dem Wunsch seiner Kollegen nachzukommen. Tommy weiß, dass er irgendetwas tun muss, um hierbleiben zu können, und so beruft er im Polizeirevier eine Sitzung ein.
„Vielleicht haben einige meine Reaktionen und kleine Aussetzer in den letzten Tagen mitbekommen. Das ist ein hochemotionales Thema für mich und ich würde gerne eure Anregungen und Kritiken hören, bevor wir gemeinsam weiterarbeiten.“
Tommy steht vor dem Whiteboard. Er ist sehr nervös, denn er weiß, dass er ihnen nicht alles erzählen kann. Doch er wird in vielen Dingen offen und ehrlich zu seinen Kollegen sein. Mason meldet sich als erster zu Wort.
„Sind Sie befangen, Tommy?“
„Ja, bin ich. Doch ich habe über die Jahre recherchiert und mir ein beachtliches Wissen zugelegt und wenn ihr mir eine Chance gebt, würde ich gerne versuchen, euch die Gründe dafür zu erläutern“, antwortet Tommy.
„Hey, Tommy. Sie müssen sich nicht verteidigen. Okay? Noch reden wir nur“, sagt Mason. Tommy lächelt und Mason gibt das Wort an einen anderen Kollegen weiter.
„Wieso denken Sie, uns unter diesen Bedingungen helfen zu können?“
„Ich sagte bereits, ich habe mir über die Jahre ein beachtliches Wissen zugelegt.“
„Ich habe gefragt, wieso sie denken, dass sie uns trotz Ihrer Befangenheit helfen können“, beharrt der Polizist auf seiner Frage. Tommy atmet tief durch und sieht den Mann entschlossen in die Augen. Er möchte auf keinen Fall den Eindruck machen, unsicher zu sein.
„Ich wusste nicht genau, worum es sich handelt. Mein Chef in Idaho hat mir nur gesagt, ihr bräuchtet hier jemanden, der die Leute kennt. Er kennt mich und wusste, ich würde mir meine eigene Meinung bilden, und das wollte er nicht. Ich sollte absolut neutral sein“, sagt er schließlich.
„Na, das hat ja funktioniert“, entgegnet der Polizist. Das ganze geht noch eine Weile hin und her. Ein anderer Polizist fragt Tommy, ob man sich auf ihn verlassen könne. Tommy bejaht das und fügt dann hinzu, dass er am hilfreichsten wäre, wenn er bei seinen Leuten im Reservat ist. Irgendwann wird die spontane Sitzung von Virgil aufgelöst. Er sagt, sie hätten schließlich einen Mordfall zu klären und beruft für halb acht ein Briefing ein.
„Aber über Ihren Vorschlag reden wir noch“, sagt er dann an Tommy gewandt.
Die vier Männer, Virgil eingeschlossen, die vor Lindas Haus stehen und sie auffordern mitzukommen, sind nicht besonders groß, dennoch machen sie auf sie einen einschüchternden Eindruck. Sofort steigt Panik in ihr auf. Tommy steht im Hintergrund und versucht, auf die Männer einzureden. Er sagt, sie würden nicht verstehen und bittet darum, selbst mit Linda sprechen zu dürfen. Schließlich lässt man ihm gewähren.
„Ich kann das nicht“, sagt sie.
„Das wird wohl kaum einen Einfluss haben. Sie haben herausbekommen, dass du vom Priester missbraucht wurdest. Und sie wissen, dass du gemeinsam mit einem Mann namens Hamilton in einer Gruppentherapie warst.“
Linda funkelt Tommy an, doch dann beruhigt sie sich wieder.
„Was ist mit ihm?“, fragt sie. Tommy macht einen Schritt auf sie zu.
„Sie halten ihm fest. Linda, er wurde auf einem Blitzerfoto mit einem geklautem Wagen gesehen. Mit dem Wagen.“
„Logan!“, ruft Virgil. Tommy drängt sie, mit ihnen mitzukommen. Schließlich zieht Linda ihre Jacke an und steigt in das Polizeiauto. Auf dem Weg zum Revier wird Linda von ihren Erinnerungen gequält. Sie versucht angestrengt an etwas anderes zu denken, doch es gelingt ihr nicht. Schließlich sieht sie sich mit der Waffe in der Hand in die Kirche laufen. Es fand gerade eine Messe statt. Linda war vermummt. Sie öffnete die Tür, lief zum Altar und schoss. Der erste Schuss verletzte den Priester nur; doch als er am Boden lag, feuerte sie sechs weitere Male auf ihn. Niemand traute sich, einzugreifen, und als Linda aus der Kirche ging, hielt sie die Waffe in der Hand. Sie bedrohte niemanden, wäre aber bereit gewesen, zu schießen.
Auf einmal schaltet einer der Männer das Radio ein. Der Radiomoderator spricht gerade über die Proteste, die nun schon seit Wochen andauern. Linda hört gebannt zu. Sie kann die Wut verstehen, die die Menschen auf die Straße treibt. Sie selbst verspürt diesen Zorn. Doch Linda hatte für sich entschieden, ihren Ärger mit dem Mord, den sie beging, Luft zu machen und sie fragt sich, wie viele Menschen ebenfalls den Gedanken haben, zur Waffe zu greifen.
„Soll ich lauter machen?“, fragt der Polizist am Steuer.
„Bitte“, entgegnet Linda. Der Bericht erzählt von umgestürzten Statuen und brennenden Kirchen. Die beiden Polizisten wechseln ein paar Worte miteinander und Linda kann ihrer Körpersprache entnehmen, dass diese ihre Begeisterung darüber nicht teilen.
Sie kommen recht zügig vorwärts und je näher sie der Stelle kommen, an der der Fluss die Biegung macht, desto nervöser wird Linda. Dann biegen sie in den Powwow Trail ein und von dort aus erreichen sie die Polizeistation. Tommy eilt zu Linda hin und sagt den Beamten, er wolle sie gerne selbst in den Verhörraum bringen. Die Beamten stimmen zu, lassen ihn aber nicht aus den Augen.
„Auch wenn du mich nicht sehen kannst, ich bin da“, sagt er.
„Ich komme zurecht“, versichert ihm Linda, als sie durch die Gänge laufen. Dann halten sie an einer Tür und Tommy begleitet sie zu dem Tisch, der in der Mitte des Raumes steht.
„Ich muss gehen“, sagt er und mit einem Lächeln auf den Lippen verlässt er den Raum. Es ist ein Lächeln, das so warm und herzlich ist, dass es Linda die ganze Nervosität und Anspannung vergessen lässt. Selbst dann, als Virgil mit einem weiteren Beamten den Raum betritt und nachdem die ganzen Formalitäten geklärt sind, konfrontiert er Linda mit den Ermittlungsergebnissen.
„Sie wurden missbraucht. Das ist ein Tatmotiv“, sagt er. Linda ballt ihre Hände zu Fäusten.
„Wenn Sie jeden verhören würden, der von diesem Mann missbraucht wurde, hätten Sie eine Menge Arbeit.“
„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein“, entgegnet der Beamte.
Virgil legt das Schwarzweißfoto auf den Tisch.
„Das wurde bei der Leiche gefunden. Wollen Sie mir etwas sagen?“
„Ich will einen Anwalt“, sagt sie nach einer ganzen Weile. Virgil erhebt sich und verlässt den Verhörraum. Tommy, der im Nebenraum steht und das Verhör durch die Bildschirmmonitore genau verfolgt hat, atmet innerlich auf. Linda ist schlagfertiger, als er anfangs gedacht hat. In diesem Augenblick geht die Tür auf und Virgil stellt sich neben ihm.
„Kümmern Sie sich drum“, sagt er. Zögernd nimmt Tommy sein Handy aus der Tasche.
„Draußen“, sagt Virgil. Tommy geht auf den Flur hinaus und macht sich daran, für Linda einen Anwalt zu suchen.
„Das mit dem Anwalt läuft bereits“, beginnt Virgil das Gespräch. Dann sieht er Linda fest in die Augen.
„Es muss frustrierend sein, dass der Mann, der Ihnen das angetan hat, lediglich nur in eine andere Kirche versetzt wurde. Der Mann, der Ihnen alles genommen hat. Der Mann, der einem System angehörte, welches Sie und Ihre Leute gequält und verachtet haben.“
„Wir haben herausgefunden, dass Sie gemeinsam mit Lionel Hamilton in einer Gruppentherapie gewesen sind. Er fuhr das Fahrzeug, das wir im Reservat sichergestellt haben“, sagt der andere Polizist.
Linda schnappt nach Luft. Es dauert eine Weile, bis sie sich wieder fängt, dann sagt sie:
„Da haben Sie ja ganze Arbeit geleistet, aber ich sage Ihnen was: Beweisen Sie mir erst einmal, dass ich schuldig bin, dann können Sie tun, was immer Sie tun müssen.“ Doch sie bebt innerlich. Sie kann ihre Gefühle Virgil gegenüber verstecken, doch wie lange, weiß sie nicht.
„Ich brauche eine Pause“, sagt sie schließlich. Virgil erhebt sich und verlässt mit seinen Kollegen den Verhörraum.
Als Tommy endlich nach einiger Suche einen Anwalt ausfindig gemacht hat, erklärt er ihm die Situation, doch der Anwalt sagt, er könne sie spätestens morgen treffen.
„Ich habe einen Termin, den ich nicht auf morgen verschieben kann“, sagt er. Der Anwalt fügt aber hinzu, wenn er sich wirklich Zeit für sie nehmen solle, ginge das erst in zwei Wochen. Tommy entgegnet daraufhin, dass zwei Wochen zu spät wären und macht einen Termin für morgen aus. Dann geht er zu seinen Kollegen und fragt, ob diese Virgil irgendwo gesehen hätten.
„Dort hinten“, sagt eine Beamtin und Tommy sieht in die Richtung, in die die Frau zeigt. Virgil unterhält sich gerade mit dem Polizeibeamten.
„Ich habe mit dem Anwalt gesprochen. Er kommt morgen kurz vorbei und redet mit ihr.“
„Ich geb’s weiter“, erwidert Virgil und verschwindet wieder im Verhörzimmer. Tommy nimmt seinem Platz im Nebenraum ein und beobachtet mit zwei anderen Polizisten das Verhör. Linda ist sichtlich erleichtert über die Nachricht, die Virgil ihr überbringt.
„Was ist das eigentlich zwischen Ihnen beiden?“, fragt einer der Beamten. Ohne seinen Blick von Linda abzuwenden, antwortet Tommy:
„Mein Vater kannte sie gut. Vor seinem Suizid nahm er mich ins Reservat mit. Dort lernte ich sie kennen und habe sie sofort ins Herz geschlossen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden.“
Der Polizist widmet sich wieder dem Verhör.
„Sie haben ein Motiv, Miss Shirley“, sagt der andere Polizist, der gerade zusammen mit Virgil das Verhör leitet. Linda verschränkt die Arme vor der Brust und sagt, sie wolle sich erst mit ihrem Anwalt beraten, bevor sie sich weiter zu dem Fall äußert. Virgil seufzt und verlässt den Raum.
Tommy erhebt sich und geht auf die Toilette. Dort ist niemand und er kann ungestört telefonieren. Er ruft seine Kontakte von damals an. Leute, die ihm bei seiner dreijährigen Suche nach Antworten auf das Schicksal seines Vaters sehr geholfen haben.
„Tommy! Na, was ist es diesmal?“, meldet sich Eric, ein Typ mit Brille und Experte in Sachen Recherche. Tommy bittet ihm darum, alles über einen Fall in Erfahrung zu bringen, bei dem es um einen Dick Morrison geht.
„Ich schicke dir alles, was ich darüber finden kann, kein Problem. Bist du auf Arbeit?“ fragt Eric.
„Kann man so sagen“, erwidert Tommy. Eric kann seinem Tonfall entnehmen, dass dieser nicht darüber reden will.
„Falsches Thema?“
„Ja.“
„In Ordnung, wie gesagt, ich schicke dir die Infos.“
„Danke“, entgegnet Tommy und legt auf. Als Nächstes ruft er Francis an. Als ehemalige Journalistin pflegt sie noch gute Kontakte zu sämtlichen Zeitungsarchiven.
„Ich brauche alles, zu einem Fall Morrison, Dick Morrison“, sagt er.
„Na schön, aber nur, weil du es bist. Und weil du mir sympathisch bist“, erwidert Francis. Tommy lächelt. Auf einmal kommt ein Polizist rein. Tommy lässt den Beamten durch und sagt Francis, er müsse das Gespräch beenden. Er verspricht aber, dass sie etwas bei ihm guthabe. Der Polizist sieht Tommy eine ganze Weile an.
„Muss ja wichtig sein, wenn man sein Telefonat hierhin verlegt“, sagt er. Tommy lächelt höflich und begibt sich an seinen Schreibtisch.
Virgil geht noch einmal den Tag durch, an dem sie im Reservat die Alibiabfrage vorgenommen haben. Er geht die Aussagen noch einmal durch und fasst zusammen, wie der Stand der Ermittlungen ist. Er erwähnt die ältere Frau, die ihnen gegenüber eingeräumt hatte, sie sei nicht schockiert über den Mord gewesen.
„Toll, da können wir gleich jeden dort verhaften“, meldet sich jemand zu Wort. Virgil sieht ihm eindringlich an. Es heißt, wenn er den Verdacht hat, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht, hat er immer einen ganz bestimmten Blick. Und Tommy vermutet, dass er jetzt gerade diesen Blick in seinen Augen sieht.
„Ja! Könnten wir! Wir können aber auch endlich richtig unsere Arbeit machen und herausfinden, was wir hier die ganze Zeit übersehen!“
Ein weiterer Beamte meldet sich zu Wort. Er gehört zu der Sorte Polizisten, die sich rückhaltlos ihrem Beruf verschrieben haben.
„Ich möchte Tommy mal etwas fragen: Seit Sie hier sind, höre ich andauernd Ihren Namen im Zusammenhang mit diesen Vorkommnissen hier. Ist an den Gerüchten etwas dran? Wissen Sie wirklich mehr, als Sie zugeben wollen?“
Der Mann sieht Tommy direkt in die Augen. Dieser schluckt.
„Logan?“, sagt Virgil ungeduldig. „Fällt Ihnen dazu nichts ein?“
„Ich bin in der Vergangenheit oft im Reservat gewesen, okay. Aber ich lasse mir nicht unterstellen, ich würde irgendetwas zurückhalten“, sagt Tommy nach einer Weile.
„Also gut“, seufzt Virgil.
„Leramy, Sie überprüfen die Alibis der Personen aus dem Reservat. Sarah, Sie nehmen sich noch einmal Miss Shirley vor. Finden Sie alles über sie heraus; und Sie, Logan, halten sich zurück.“
Tommy widmet sich wieder seinen Schreibtisch. Er spürt, die wachsende Bedrohung und überlegt, ob es nicht vielleicht doch noch eine Möglichkeit gibt, sie abzuwenden. Doch Tommy muss erkennen, dass es jetzt nicht mehr in seiner Hand liegt. Er hatte damals vor gut zwei Wochen die Möglichkeit dazu gehabt und hatte sie nicht genutzt. Jetzt kann er nur noch dasitzen und hoffen, dass nichts Schlimmeres passiert.
Er ärgert sich, dass er nicht in der Lage gewesen ist, sich zusammenzureißen. Wenigstens dieses eine Mal. Er findet, sein Chef hätte ihm etwas sagen können, anstatt ihm einfach loszuschicken. Vielleicht hätte er sich dann besser auf die Situation hier einstellen können. Doch Tommy hat keine Wahl und so erledigt er die Aufgaben, die ihm zugeteilt werden. Gegen Nachmittag legt er mit ein paar Kollegen eine Mittagspause ein, wobei Tommy darauf achtet, nicht zu emotional zu werden.
„Stell dir vor, deine ganze Familie, deine Frau, deine Kinder, dein Hund, von mir aus auch, werden ermordet und du lebst damit. Und auf einmal, nach Jahren, triffst du den Mörder deiner Familie auf der Straße wieder. Was machst du dann?“ fragt Tommys gegenüber seinen Kollegen.
„Ich denke, ich würde Verstärkung rufen“, erwidert dieser schüchtern.
„Nein, ich fragte nicht, was der Polizist tun würde, sondern was du tun würdest.“
Tommy sieht ebenfalls zu ihm hin. Der Mann trinkt einen Schluck von seinem Bier.
„Ich würde ihm wahrscheinlich die Kugel geben“, sagt er.
„Aha! Und genau das ist der springende Punkt“, sagt Tommys gegenüber.
„Und du? Was würdest du tun?“ fragt er Tommy. „Rufst du die Bullen oder tust du’s selber?“ Tommy weiß, worauf sein Gegenüber hinaus will. Er trinkt einen Schluck von seiner Cola und sieht den Mann ebenso eindringlich an, wie er von ihm angesehen wird.
„Was denkst du?“, fragt Tommy.
„Ich glaube, du kennst die Lösung des Falles, oder du glaubst zumindest zu wissen, wer es war“, sagt der Polizist. Auf einmal unterbricht die Kellnerin die angespannte Stimmung.
„Die Rettung ist da“, sagt der Mann, der neben Tommy sitzt, als er die Teller sieht. Die Kellnerin stellt jeden seinen Teller vor die Nase, wünscht einen guten Appetit und entfernt sich. Doch die Spannung ist weiterhin greifbar. Tommy beschließt aufzuessen und so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen. Nur gut, dass seine Kollegen nichts außer Indizien haben und keinen echten Beweis. Tommy schlingt sein Burger hinunter und nimmt jedes Mal zwei Pommes auf einmal.
„Jetzt mal langsam, Herr Kollege“, sagt sein Gegenüber. Doch Tommy möchte nur noch weg. Ihm ist es egal, was seine Kollegen über ihn denken, ihm ist es auch egal, was die anderen Leute über ihn denken. Doch je länger er hier sitzt, desto unwohler fühlt er sich. Deshalb steht er nach der Hälfte auf.
„Guten Appetit noch“, sagt er und verlässt das Restaurant. Tommy mag es nicht, wenn man ihm auf die Schliche kommt. Und er mag es erst recht nicht, wenn man ihm für etwas belangen könnte, für das, wie er findet, jeder vernünftig denkende Mensch Verständnis haben sollte. Tommy erinnert sich, dass er sich einmal gefragt hatte, wie er so naiv sein konnte, Polizist geworden zu sein.
Auf einmal hört er hinter sich ein Geräusch und fährt herum. Die beiden Polizeibeamten stehen hinter ihm und wechseln einen langen Blick. Dann sagt der eine:
„Wir wollten uns entschuldigen. Ich weiß, wir sind alle nur Menschen und wir haben uns unterhalten. Dabei haben wir uns an einen Entführungsfall erinnert, der schon lange zurückliegt. Die Tochter einer unserer Jungs wurde gekidnappt und der Kollege wollte den Typ selber erwischen. Er wollte ihn erwischen und ihn töten. Eigentlich wusste er es besser, denn es war schließlich nicht sein erster Entführungsfall. Doch er hat durchgedreht. In solchen Fällen ist es besser, ganz auf den Kollegen zu verzichten.“
„Dann muss ich zurück“, erwidert Tommy.
„Wir können dir nicht helfen, Tommy. Aber entweder du machst mit, egal wie, oder du fährst zurück in die Staaten“, fügt der andere Polizist hinzu. Das ist der Moment, in dem Tommy klar wird, dass er sich selbst zurücknehmen kann, wenn er sich nur genug Mühe gibt. Doch er kennt sich. Er weiß, dass er bei der ersten falschen Bemerkung wieder in die Luft gehen wird.
Das Kamloops Regional Correctional Centre liegt außerhalb der Stadt, wo der Southern Yellowhead Highway und der Trans-Canada Highway parallel zueinander verlaufen. Tommy sagte, ein Journalist namens Jerry Phillips habe ihm gesagt, dass Dick Morrison hier einsäße. Auch dieses Mal gab sich Tommy als Reporter aus. Allerdings hatte er hier etwas mehr Mühe, ein Treffen zu organisieren. Schließlich gestattete man ihm, mit Dick zu sprechen, und als Tommy jetzt mit seinem Wagen vorfährt, wird er von einem Wärter freundlich in Empfang genommen.
„Ich bin nicht hier, um mir ein Urteil zu bilden, Mister Radcliffe. Als Wärter sieht man einiges und man hört noch viel mehr. Wissen Sie, da gewöhnt man es sich ab, Fragen zu stellen“, sagt der Mann als Tommy ihn fragt, was er von der Gefangenschaft von Dick Morrison halte.
„Aber Sie müssen doch eine Meinung dazu haben“, entgegnet Tommy. Der Mann schließt eine Tür auf und sieht seinen Gesprächspartner an.
„Ich bilde mir kein Urteil, Mister. Ich passe nur auf, dass es keinen Ärger gibt.“
Und dann erreichen sie den Besucherraum. Tommy hört die Gefangenen mit ihren Verwandten. Er sieht einen Gefangenen, der gerade aus dem Raum geführt wird und hört ihm fragen, ob das hier der richtige Puff wäre.
„Hört sich an, als würde Ihnen nie langweilig werden“, meint Tommy. Er sieht sich um. Morrison müsste hier nun schon seit Jahren einsitzen. Er beginnt sich zu fragen, ob es einen in den Wahnsinn treibt oder ob man irgendwann bereit ist, sein Schicksal anzunehmen. Und Tommy fragt sich, was er tun würde. Könnte diese Geschichte wirklich stimmen? Könnte die Polizei tatsächlich ihre Finger im Spiel gehabt haben und was hat Sam mit der ganzen Sache zu tun? Tommy hofft, all dies von Dick Morrison zu erfahren. Der lässt auch nicht lange auf sich warten. Ein Wärter bringt Dick herein und begleitet ihn zu dem Tisch, an dem Tommy sitzt. Dann lässt er die beiden alleine.
„Harris Radcliffe?“, sagt er. Tommy lächelt.
„Mein Name ist Tommy Logan, ich bin nicht ihretwegen hier, aber ein Kollege hat mich gebeten, Ihre Geschichte unter die Lupe zu nehmen und wenn ich erwischt werde, bekomme ich Ärger. Kommen wir also lieber gleich zur Sache“, erwidert Tommy. Dick staunt über diesen Vorstoß. Doch auch er möchte so schnell wie möglich zur Sache kommen.
„Ich weiß nicht, was Sie über diesen Fall wissen, Mister Logan.“
„Man sagt, Sie wären unschuldig. Ich möchte Ihre Version hören, bevor ich entscheide. Erzählen Sie mir bitte, was passiert ist? Und zwar in allen Einzelheiten.“
Dick sieht sich um. Er ist ein wenig perplex und weiß nicht recht, wo er anfangen soll. Dick setzt immer wieder an und unterbricht sich dann. Irgendwann schafft er es dann doch, sich zu fangen und erzählt Tommy, was damals passiert ist:
„Ich war unterwegs, wie man unterwegs ist, wenn man nicht weiß, was man aus seinem Tag machen soll. Okay, ich hatte eine Linie genommen. Auf einmal war da die Polizei, die mich angesprochen hatte. Die Beamten fragten mich, ob ich Dick Morrison sei. Ja, sagte ich, der wäre ich. Dann nahmen sie mich mit. Sie zeigten mir irgendwelche Sachen, die ich noch nie gesehen hatte, und fragten mich, ob ich etwas weiß. ‚Was ist mit der Waffe, die wir gefunden haben?‘ Ich sagte ihnen immer wieder, ich wisse nicht, wovon sie redeten, doch sie machten weiter. Irgendwann verlangte ich einen Anwalt, was man mir allerdings verweigerte.“
„Verweigerte?“
„Ja. Am Ende kam jemand, der sich als Anwalt vorgestellt hat, aber …“, sagt Dick. Die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben und er ist kurz davor in Tränen auszubrechen.
„Was war mit der Gerichtsverhandlung?“
„Der reinste Zirkus. Als der leitende Ermittler in den Zeugenstand trat, präsentierte er einen Bericht. Dieser Bericht sollte von der Aussage einer der Polizisten vor Ort stammen.“
„Was war das für eine Aussage?“
„Es ging darum, dass der Tote irgendetwas in seiner Tasche hatte. Irgendeinen Zettel. Fragen Sie mich nicht, ich weiß es nicht mehr! Das war sowieso alles so unwirklich damals.“
Die Besucher, die sich mit im Raum befinden, sehen zu ihnen rüber. Tommy erwidert den Blick eines Häftlings, der mit einem kleinen Jungen und einer jungen Frau an einem der Tische sitzt.
„In Ordnung“, sagt er und widmet seine Aufmerksamkeit wider seinem gegenüber.
„Gab es irgendjemanden, der in der ganzen Zeit zu Ihnen Gehhalten, oder der Ihnen geglaubt hat?“
Dick wischt sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Da war ein Polizist. Klein hieß er, glaub ich.“
„Edwin Klein. Seinetwegen bin ich hier“, entgegnet Tommy. Dick Morrison beugt sich vor und sieht Tommy fest in die Augen.
„Er hat mir versprochen, er würde niemals aufgeben. Er sagte, er würde die Wahrheit ans Licht bringen, koste es, was es wolle.“
Dann ruft er einen der Wärter zu sich und sagt ihm, er wolle in seine Zelle zurück. Tommy erhebt sich und reicht ihm die Hand. Und Dick nimmt sie kurz entgegen.
„Danke“, sagt er und lässt sich vom Wärter aus dem Besucherraum bringen. Tommy sieht ihm nach und verlässt ebenfalls den Raum. Einer der anderen Wärter bringt ihn nach draußen und Tommy verlässt das Gelände. Unterwegs denkt er über das Gespräch nach. Er muss irgendwie an die Akten, sollte es denn welche geben, herankommen. Er muss mit dem leitenden Ermittler sprechen, Phillip Newton. Und er muss die Geschworenen ausfindig machen, die damals im Gerichtssaal zugegen waren. Außerdem muss er noch den Beamten finden, der vor Gericht aussagte, er habe ein Beweisstück in der Tasche des Toten gefunden. Tommy ahnt, dass er das alles alleine nicht schaffen wird. Er ruft Edwin an und erzählt von seinem Besuch bei Dick Morrison.
„Ich will keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber es könnte sein, dass Sie recht haben“, sagt er. Am anderen Ende ist es lange still. Dann sagt Edwin, er könne nicht lange reden.
„Sie bekommen vielleicht eine Extrawurst, aber ich nicht. Wir treffen uns um zweiundzwanzig Uhr in Ihrem Hotel“, sagt er und legt auf.
Er macht im Arigato Sushi halt, eine Restaurant-Kette, in der man japanisch essen kann, und sich nur ein paar Meilen vom Gefängnis entfernt befindet. Es ist schon fast sechzehn Uhr, und er hat seit dem Frühstück nichts gegessen. Zu viele Gedanken, die ihm im Kopf herumschwirren und zu viele Dinge, die in den letzten Tagen dazugekommen sind. Tommy setzt sich an einen Tisch in der Nähe des Fensters und nimmt sein Handy. Er sucht nach Informationen zu Phillip Newton. Er studierte Jura, bevor er zur Polizei ging, ist hoch angesehen und respektiert. Doch Tommy interessiert sich nicht für den Werdegang dieses Mannes. Daher sucht er alles, was er zum Fall Dick Morrison herausfinden kann. Er stolpert über einen Artikel, der die Frage aufwirft, ob bei der Polizeiarbeit wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Tommy liest ihn sich durch und sucht weiter. Er ist so konzentriert, dass er den Kellner nicht sieht, der vor seinem Tisch steht. Dieser räuspert sich und Tommy schreckt hoch.
„Bringen Sie einfach die Empfehlung des Hauses, bitte“, sagt er. Als der Kellner sich entfernt, liest Tommy weiter. Einige Artikel verurteilen Morrison, andere bemängeln die Polizeiarbeit und wieder andere Artikel bezweifeln, ob man diese überhaupt so nennen dürfe. Je mehr Tommy liest, desto mehr Fragen stellt er sich: Wenn es tatsächlich so viele Zweifel gab, wieso hat man Morrison trotzdem verhaftet? Einer der ermittelnden Beamten nannte eine Zeitung gar sensationsfreudig. Er sagte, er gebe nichts auf derartige Artikel und dass alles korrekt verlaufe.
Als schließlich der Kellner mit dem Essen kommt, steckt Tommy sein Handy in die Hosentasche zurück. Doch der Fall begleitet ihn mit jedem Bissen. Kann das alles wahr sein? Tommy zweifelt mittlerweile nicht mehr daran. Auf einmal hat er das unbändige Verlangen, aufzuspringen und in die Stadt zu fahren. Er will Edwin erzählen, was er herausbekommen hat, und ihm sagen, dass er ihm nun auf jeden Fall helfen werde.
Um zweiundzwanzig Uhr klopft es an der Zimmertür. Tommy, der sich vor ein paar Minuten hingelegt und die Augen zugemacht hatte, geht zur Tür und öffnet sie.
„Pünktlich auf die Sekunde“, sagt er und lässt Edwin herein. Dieser geht sofort an Tommys Schreibtisch. Er weiß, dass Tommy wahrscheinlich die ganze Zeit vor seinem Laptop verbracht hat.
„Was konnten Sie herausfinden?“
Tommy erzählt ihm von Dick. Er erzählt von seinen Recherchen und er erzählt sogar von Jerry Phillips. Edwin setzt sich auf das Bett.
„Aber wieso sollte jemand ein Interesse daran haben, Morrison ins Gefängnis zu bringen?“
„Gute Frage. Sie sind Drogendealer. Was haben Sie für ein Interesse daran, dass ich im Gefängnis sitze?“, erwidert Tommy und setzt sich vor ihm auf den Boden. Edwin überlegt eine Weile.
„Sie sind ein Verräter“, sagt er schließlich.
„Und wieso bringen Sie mich nicht einfach um?“
„Tommy, ich komm nicht drauf“, sagt Edwin. Tommy sieht gedankenverloren zu den Vorhängen.
„Versuchen Sie alles über diejenigen herauszufinden, die an diesen Fall beteiligt waren. Ehemalige Kollegen, der Staatsanwalt, sogar Journalisten, die darüber geschrieben haben. Ich versuche, etwas über die Gerichtsverhandlung herauszubekommen. Sie wissen schon. Wer war der Richter? Wer waren die Geschworenen? Wer war der Anwalt von Dick Morrison? Diese Sachen“, sagt er.
„Wenn die Zeit es erlaubt, klemme ich mich dahinter“, entgegnet Edwin. Dann sagt er schüchtern: „Ich weiß noch gar nichts über Sie, Tommy. Sie reden nicht gerne über sich, stimmt’s? Sie sind lieber für sich.“ Tommy sieht zu seinem Laptop.
„Mein Vater wurde im Reservat geboren. Er war mit den anderen von dort auf der Kamloops Indian Residential School. Dort lernte er Linda kennen und sie freundeten sich an. Irgendwann, war er alt genug, um wieder nach Hause geschickt zu werden, na ja, wenn man das so nennen kann. Er verließ Kanada mit etwa dreißig und heiratete eine Frau. Sie führten eine Ehe voller Höhen und Tiefen und eines Tages war ich da.“
„Und dann?“
„Meine Eltern trennten sich, als ich acht war. Und mein Vater, er war so verstört, dass es ihm schwerfiel, Gefühle zu zeigen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, weshalb ich so bin, wie ich bin“, sagt Tommy.
„Fehlt Ihnen das?“, fragt Edwin. „Diese Nähe, meine ich.“ Tommy lächelt.
„Ich kenne es nicht anders. Nein, es fehlte mir nie. Doch was mir als Kind am meisten wehtat, war, dass ich ihn nicht verstand. Ich habe mich oft mit ihm gestritten. Er konnte aufbrausend und unberechenbar sein. Dafür hab ich ihn als Kind verachtet.“
Tommy stützt den Kopf in die Hände und beginnt zu weinen.
„Sie wussten es nicht besser. Sie waren ein Kind.“
Doch Tommy kann diese Bemerkung nicht trösten. Er hatte sie immer wieder von Leuten gehört, denen er diese Geschichte erzählt hat.
„Irgendwann allerdings, Jahre später, nahm er mich mit nach Kanada. Er nahm mich mit ins Reservat und er nahm mich auch mit in die Kamloops Indian Residential School. Ich denke, es war seine Art gewesen, mir seine Geschichte zu erzählen. Er wollte, dass ich sie verstehe und vielleicht nicht mehr böse auf ihn bin“, fährt er fort. Edwin überlegt kurz.
„Was ist passiert?“
„Er brachte sich um“, erwidert Tommy.
„Das ist passiert. Wir fuhren zurück und er brachte sich um.“
Dann verfallen sie in ein Schweigen. Weder Tommy noch Edwin wagen es, diese Stille zu unterbrechen. Edwin, weil er Angst hat, etwas Falsches zu sagen und Tommy, weil es nichts mehr gibt, was er noch hätte hinzufügen können. Irgendwann erhebt Edwin sich und geht zur Tür. Tommy sitzt einfach nur da und starrt auf den Boden.
„Ich will, dass Sie wissen, dass Sie immer mit mir reden können“, sagt er. Tommy sieht zu ihm auf.
„Danke“, erwidert Tommy. Dann verlässt Edwin das Zimmer.
In Sams Leben gab es nie ein „entweder oder“. Sein Vater war ein dominanter Mann, der, wenn er betrunken war, die ganze Welt spüren ließ, wie zornig er war. Und Sam musste mitziehen, ob er wollte oder nicht. Sein Vater bestimmte, wohin sie gingen, was sie aßen und wo die Sachen im Haus zu stehen hatten. Und im Grunde empfindet Sam noch immer, dass er dem Willen anderer ausgeliefert ist. Er weiß, dass er sich nie auf diesen Deal hätte einlassen dürfen, doch zu jener Zeit war er sich der Konsequenzen dessen, was es für Auswirkungen haben würde, nicht bewusst. Sam gilt trotz seiner Vergangenheit als Alkoholiker als penibel. Er erledigt seine Arbeit gewissenhaft, ist immer pünktlich und ist noch nie polizeilich aufgefallen. Noch nicht einmal damals. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er bestimmten Menschen im Gedächtnis geblieben ist. Man hatte ihn bereits vor einem halben Jahr angesprochen, doch Sam wollte mit dem Ganzen abschließen.
„Du hast leider keine Wahl, denn hier bestimmen Menschen, die die Macht besitzen, Dinge zu tun, die du dir nicht mal im Traum vorstellen kannst“, hatte man ihm gedroht. Man machte Sam klar, dass man ihn überall finden würde. Schließlich sagte er zu und die Männer sagten, man bereite die Sache vor und würde sich bei ihm melden. Danach hörte er lange Zeit nichts mehr von der Bande und Sam glaubte schon, der Spuk wäre vorbei; bis zu dem Moment, in dem er einen Anruf erhielt. Und zwar in dem Restaurant, in dem auch Tommy saß. Sam vermutete, dass diese Leute irgendwie Ärger bekommen haben. Die Presse schrieb zu jener Zeit über eine Razzia, bei der ein Verdächtiger verhaftet und eine beträchtliche Summe Bargeld sichergestellt wurde. Sam war sich sicher, dass dies der Grund für den Aufschub gewesen ist. Nun soll er erneut etwas für diese Männer erledigen. Die Männer sind noch nicht da, doch Sam fährt trotzdem mit dem Wagen, den man für ihn bereitgestellt hat, auf den Parkplatz an der Lorne Street.
Er bleibt im Wagen und hat ständig Angst, erwischt zu werden. Doch niemand scheint ihn zu bemerken. Sam schaltet das Radio ein und schließt die Augen. Um siebzehn Uhr beginnt Sam hungrig zu werden. Doch er bleibt trotzdem im Wagen, und um neunzehn Uhr hört er, wie ein Wagen auf den Parkplatz gefahren kommt. Sam öffnet die Fahrertür, um nachzusehen, ob es die Männer sind, mit denen er sich treffen soll. Und tatsächlich, drei große Kerle mit Tattoos steigen aus dem Wagen und kommen auf ihn zu. Sam steigt ebenfalls aus, doch die Männer sagen ihm, er solle sitzen bleiben.
„Und du hast die ganze Zeit hier gesessen?“, fragt einer der Kerle.
„Tut mir leid, ich bin ein bisschen sehr früh losgefahren“, erwidert Sam. Der Mann packt ihn.
„Geht es vielleicht noch ein bisschen auffälliger? Was, wenn dich jemand gesehen hat?“
Doch sein Kollege geht dazwischen.
„Hey, willst du dich wohl zusammenreißen? Du bist genauso auffällig wie er.“
Der Mann lässt von Sam ab. Sam steigt wieder in den Wagen, während die Männer damit beginnen, ein paar schwarze Taschen in den Kofferraum zu verstauen. Sam beobachtet das Treiben im Rückspiegel und sieht die drei Männer lachen und reden. Als sie schließlich die letzte Tasche in den Kofferraum gelegt haben, klopft einer von ihnen gegen das Fenster.
„Hier.“
Er und gibt Sam ein Handy. Dann fährt er die 3rd Avenue ein Stück zurück und biegt in die Columbia Street. Dort gelangt er auf den Glenfair Drive und legt die Sachen an der vereinbarten Stelle ab. Sam nimmt das Handy und wählt die einzige Nummer, die in dem Telefon eingespeichert ist.
„Komm morgen um fünfzehn Uhr dreißig zu dem Diner. Wenn du fertig gegessen hast, liegt die Kohle im Handschuhfach. Und vernichte das Handy“, sagt der Anrufer und legt auf.
Als Sam eine viertel Stunde später wieder über die Yellowhead Bridge fährt, ist er heilfroh, dass das Ganze für diesmal vorbei ist.
Die Zeugin, die sich an diesem Tag bei der Polizei meldet, sagt aus, die Person, die den Priester erschossen hat, sei nervös gewesen. Sie habe sekundenlang auf ihn gezielt und habe dann den ersten Schuss abgegeben; und sie sei rundlich gewesen.
„Das mit dem Zögern habe ich nicht für wichtig gehalten“, sagt sie dem Beamten.
„Aber Sie sagten im Fernsehen, dass jeder Hinweis wichtig sein könnte.“
Der Beamte, der die Aussage aufnimmt, ruft einen seiner Kollegen zu sich, ein kleinerer, stämmiger Mann mit einem freundlichen Gesicht.
„Sah diese Person in etwa so aus?“, fragt er. Die Frau sieht den stämmigen Polizisten an und denkt darüber nach.
„So in etwa, vielleicht ein wenig kleiner als Ihr Kollege“, sagt sie dann. Die Beschreibung passt auf Linda Shirley.
„Danke“, sagt der Beamte an die Zeugin gerichtet.
„Sie haben uns sehr geholfen.“
„Und?“, fragt der Beamte, nachdem die Frau gegangen war. Der rundliche Mann mit dem freundlichen Gesicht setzt sich ihm gegenüber.
„Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich rieche es“, erwidert er.
„Ganz genau, das spüre ich die ganze Zeit. Was, wenn dieser Logan mehr weiß als er zugeben will?“
Der rundliche Polizist sieht zu Tommy. Dieser erwidert seinen Blick.
„Gut, nur weil er sich mit den Leuten versteht, heißt das nicht … er ist doch kein Schwindler“, sagt er. Doch er zögert. Seit Logan da ist, erscheinen auch ihm gewisse Dinge seltsam.
„Er ist vielleicht etwas emotional, aber …“ setzt er zu einem erneuten Versuch an. Doch er gibt es bald auf. Er fragt seinen Kollegen, was sie tun sollen. Dieser will gerade antworten, als einer der Polizisten verkündet, die Tatwaffe gehöre einem gewissen William Henning.
„Er ist seit fünfundvierzig Jahren im Besitz einer Schusswaffe. Legal.“
Tommy, der das ganze von seinem Schreibtisch aus beobachtet, stockt der Atem. Er sieht, wie ihn vereinzelt ein Beamter ansieht.
„Euer Misstrauen ist nicht zu übersehen“, ist das einzige, was ihn einfällt, zu sagen. Dann fügt er hinzu: „Weist mir erst einmal juristisch nach, dass ich irgendeine Straftat begehe, ansonsten lasst mich in Ruhe.“
„Er hat recht“, geht Edwin dazwischen. „Wir wollen doch alle dasselbe. Also, lasst uns unsere Arbeit machen.“ Jetzt richten sich alle Blicke auf ihn.
„Aha?“, macht jemand. Und ein anderer meint, er hätte schon immer gewusst, dass die beiden mehr verbindet als nur ein kollegiales Verhältnis.
„Genug jetzt.“ unterbricht Virgil sie.
„Ich rede mit der Staatsanwaltschaft, vielleicht bekommen wir eine Vorladung. Sarah, Sie untersuchen das Umfeld vom Mister Henning. Wer wusste von der Waffe? Mit wem hatte er zuletzt Kontakt? Das volle Programm. Sie“ - er zeigt auf Edwin. - „Sie nehmen sich noch einmal die gesamte Geschichte aller im Reservat lebender Bewohner vor. Ich glaube, wir haben da etwas übersehen. Und Sie, Logan, kommen mit mir. In’s Büro.“ Tommy schluckt. Er ahnt, dass es nicht bei einer Standpauke bleiben wird. Widerwillig folgt er seinem Chef in dessen Büro.
„Ich …“, beginnt er. Doch Virgil lässt ihn nicht zu Wort kommen.
„Ich habe Respekt vor Ihrer Loyalität diesen Leuten gegenüber und ich bin mir sicher, unter anderen Umständen wären Sie der Mann, den man in seinem Team braucht. Ich habe auch zu Anfang unserer Zusammenarbeit mit Ihrem Vorgesetzten gesprochen, ein sehr netter Kerl. Er warnte mich allerdings vor Ihren Alleingängen. Was ist sagen will, ist, ich habe ein Problem: Ich kann Sie nicht behalten, Logan. Ich müsste sogar eine Untersuchung veranlassen“.
In diesem Moment ist Tommy klar, dass Virgil etwas ahnt. Das er es vielleicht sogar weiß. Eine lange Pause entsteht. Dan schlägt Tommy vor, wieder zurückzufahren. Im Gegenzug bittet er Virgil, nicht gegen ihn zu ermitteln.
„Was würde denn dabei herauskommen, wenn ich es täte?“, fragt dieser und sieht seinem Gegenüber fest in die Augen. Tommy wendet seinen Blick ab. Er sieht auf den Schreibtisch, auf dem einige Blätter herumliegen.
„Was würde herauskommen, wenn ich es täte?“, wiederholt Virgil seine Frage. Dann fügt er hinzu: „Sie machen ab jetzt das, wofür Sie hier sind. Und sollte ich mitbekommen, dass Sie wieder eigene Wege gehen, Logan, leite ich eine Untersuchung gegen Sie ein. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?“
„Nein“, gibt Tommy zurück. Virgil sieht ihm lange an, und Tommy sehnt sich nur danach, das Büro endlich wieder verlassen zu dürfen.
„War’s das?“, fragt er.
„Sicher, Logan. Sie können gehen.“
Tommy verlässt das Büro beinahe fluchtartig und geht an seinen Schreibtisch zurück. Er begegnet den Blick von Edwin, der ihm besorgt ansieht.
„Und?“, raunt er Tommy zu. Doch statt zu antworten, setzt dieser sich an den Schreibtisch und blättert die Papiere durch, die vor ihm liegen. Er sieht erneut auf das Whiteboard.
Tommy denkt an die Ohrfeige.
Tommy sieht, wie Linda die Hände an das Sofa krallt. Hat Nicolas dir von Pater Gordon erzählt? Und sie hatte noch etwas gesagt: Sie sagte, es sei Gerechtigkeit. Und Tommy will es ihr glauben.
Das Tim Hurtons, das sich nur ein paar Meter weiter des Chicken to go Tk’emlúps befindet, ist voll, als es Tommy und Edwin an diesem späten Nachmittag betreten. Sie holen sich an der Theke ihr Essen und suchen sich eine ruhige Ecke, um ungestört über die neuesten Entwicklungen im Fall Morrison reden zu können. Tommy hatte an diesen Morgen die E-Mails von seinen Freunden in Idaho erhalten und, weil sie wissen, wie ernst er seine Recherchen nimmt, zusätzlich die Telefonnummer des Kamloops RCMP City Detachment, wo Phillip Newton bis zuletzt tätig gewesen ist. Tommy hatte dort angerufen, aber keine wirklich hilfreiche Auskunft bekommen.
„Überrascht Sie das?“, fragt Edwin.
„Nein. Aber ich dachte, es könnte nicht schaden, trotzdem dort anzurufen.“
Edwin sieht, dass Tommy nicht bei der Sache ist. Er gibt sich Mühe, es zu verbergen, doch sein Blick schweift immer wieder ab. Edwin fragt sich, wie es sein muss, nie den Kopf freibekommen zu können. Und obwohl er weiß, dass es an Tommy liegt und er derjenige ist, der es sich unnötig schwer macht, fühlt Edwin mit ihm.
„Sie müssen das nicht tun“, sagt er. Tommy schreckt hoch.
„Was denn?“
„Sich auch noch um diesen Fall zu kümmern.“
Tommy lächelt. Doch es ist nicht dieses Lächeln, das er so oft an ihm gesehen hat, wenn er im Reservat ist. Es ist dieses lieb-von-Ihnen-Lächeln, das er noch öfter an ihn gesehen hat.
„Nein, ich habe gesagt, ich werde Ihnen helfen“, erwidert Tommy. Edwin betrachtet erneut sein Bolooti.
„Haben Sie dem, was man Ihnen geschickt hat, irgendetwas entnehmen können?“, fragt er schließlich.
„Nur Aussagen und die nicht mehr allzu überraschende Erkenntnis, dass die Ermittlungen nicht ganz sauber abgelaufen sind“, entgegnet Tommy.
„Üben Sie eine Religion aus?“, fragt Edwin mit einem Mal. Tommy ist erst leicht irritiert. Er hat mit dieser Frage nicht gerechnet.
„Nein“, sagt er schließlich, „das heißt, ich glaube an Schicksal. Ich glaube, dass nichts einfach so passiert. Allerdings ist dieser Glaube ziemlich ins Wanken gekommen.“
„Das glaube ich Ihnen gerne.“
„Und Sie?“
Edwin weicht Tommys Blick aus.
„Katholisch“, sagt er dann. Tommy sieht ihn einfach nur an, dann schlägt er vor, sich wieder auf den Fall Morrison zu konzentrieren. Edwin erzählt, dass er in alten Zeitungen herumgestöbert hat und auf einen Mann namens Billy Clayton gestoßen ist. Er war einer der ermittelnden Beamten.
„Es hat mich einiges an Recherche gekostet. Aber am Ende habe ich Mister Clayton ausfindig machen können. Er sprach von mangelndem Interesse seitens seines Chefs, konnte mir aber nicht mehr darüber sagen“, sagt Edwin.
„Vielleicht wollte er nicht ermitteln, weil er derjenige gewesen ist, der seine Finger im Spiel gehabt hat.“
„Aber wieso?“
Edwin zuckt die Achseln.
„Okay, ich habe mich mit dem Fall ganz allgemein beschäftigt. Ich habe mit den ersten Artikeln angefangen, die ich über E-Mail bekommen habe, danach begann ich im Internet zu recherchieren. Ich habe mir Videos von Fernsehberichten angesehen. Morrison wurde in dem Gerichtsgebäude an der 455 Columbia Street verurteilt. Vielleicht bekomme ich Einblicke in die Akten“, sagt Tommy.
„Wie wollen Sie denn die Informationen beschaffen? Niemand rückt einfach so Gerichtsakten heraus.“
Tommy nippt an seinem Bier. Ihm ist bewusst, dass es eine Herausforderung werden wird.
„Weiß ich noch nicht“, sagt er.
„Ich finde, wir sollten bei dem Auto anfangen, das am Stadtrand gefunden wurde. Es war ein alter, weißer Lieferwagen. Suchen wir also alle Lieferwagen ab und gucken, was wir so finden.“
„Und wie viele gibt es davon?“
Edwin denkt kurz nach. Dann sagt er:
„Ich kenne jemanden beim Straßenverkehrsamt. Sie wissen schon, Leute, mit denen man über Jahre in denselben Kneipen getrunken hat und so. Wir haben uns öfter Gefälligkeiten erwiesen und dann so getan, als ob nichts gewesen wäre. Ich könnte ihm um Videomaterial bitten.“
„Könnte? Ich dachte, wir wollen eine Straftat aufdecken. Sie müssen“, erwidert Tommy. Edwin trinkt einen weiteren Schluck von seinem Bier.
„Ich red mit ihm“, sagt er.
Nach dem Essen gehen sie noch in eine Bar. Dort unterhalten sie sich weiter über den Fall und darüber, wie sie vorgehen wollen, als Tommy auf einmal Patricia entdeckt, die am Tresen steht und sich mit einem Mann unterhält. Tommy geht zu ihr hin.
„Hey, was machst du denn hier?“ begrüßt sie ihm.
„Ich bin mit einem Kollegen hier. Und du?“
Patricia sieht zu ihrem Begleiter.
„Das ist Dave. Wir haben uns gestern das erste Mal gesehen“, sagt sie. Tommy schüttelt ihm die Hand und stellt sich vor. Auf einmal stößt Edwin dazu und fragt, ob Tommy vorgehabt hatte, ihn am Tresen stehenzulassen.
„Das ist Edwin“, sagt Tommy.
„Der Kollege“, erwidert Patricia.
„Ja.“
Dann entschuldigt Tommy sich und bestellt einen Whiskey.
„Also, wo waren wir?“, fragt er.
„Ich frage nach dem Videomaterial und Sie recherchieren weiter im Internet“, erwidert Edwin. Tommy trinkt seinen Whiskey leer und bestellt einen neuen.
„Was ist denn mit Ihnen los?“, fragt Edwin. Doch Tommy trinkt wortlos seinen Whiskey leer und bestellt ein Bier. Und nachdem er das Bier ausgetrunken hat, verlässt er die Bar. Draußen atmet er tief durch. Was ist mit dir, denkt er. Was ist los? Und nachdem er sich wieder gefangen hat, kehrt er zu Edwin in die Bar zurück.
Der Anwalt hatte den Beamten versichert, dass Linda im vollen Umfang kooperieren werde. Er warnte Linda jedoch, man würde ein Auge auf sie haben, doch sie war einfach nur froh, das ganze für eine Weile hinter sich zu haben und wäre dem Anwalt beinahe um den Hals gefallen, doch ihre Zurückhaltung gewann letztlich die Oberhand. Linda saß beinahe eine Stunde im Polizeirevier und wartete darauf, dass Sam sie abholen kam. Sie hatte ihn von dort aus angerufen. Linda wirkte müde und abgekämpft. Sam erschien irgendwann gegen Mittag im Präsidium. Sie war überglücklich, ihn zu sehen und sie verließen das Gebäude. Doch auf dem Weg ins Reservat merkte Sam, dass Linda irgendetwas bedrückte.
Linda hat den Kopf in die Hände gestützt und kämpft mit ihren Erinnerungen. Sie hatte gedacht, es müsse etwas passieren, was der Situation von damals sehr ähnlich ist, um sie aus der Fassung zu bringen. Doch dieses Verhör hat ausgereicht. Es muss frustrierend sein, dass der Mann, der Ihnen das angetan hat, lediglich nur in eine andere Kirche versetzt wurde, hatte der Polizist gesagt. Damit hätte er sie beinahe gekriegt. Es fehlte nicht mehr viel, und sie hätte sich verraten. Doch das tat sie nicht. Sie schwieg und zurück blieb dieselbe Wut, die sie empfunden hatte, als sie den Priester erschoss.
Linda sieht auf ihre Haustür. Mit einem Mal schießt ihr eine Erinnerung durch den Kopf: Der Mann, den sie getötet hat, packt sie und reißt ihr die Kleider vom Leib, er öffnet sich die Hose und vergewaltigt sie.
William Henning klingt aufgeregt, als er Tommy am Telefon mitteilt, dass Linda betrunken in ihrem Haus auf dem Sofa liegt.
„Wo bist du?“, fragt Tommy.
„Ich bin bei ihr. Sam hat mich benachrichtigt. Doch er wollte der vielen Whiskeyflashen wegen nicht bleiben. Einige waren noch halb voll. Ich habe ein wenig aufgeräumt“, sagt William.
„Tommy!“, ruft eine Stimme. „Ihre Privatgespräche können Sie in Ihrer Freizeit führen!“ Tommy sieht auf und sagt William, er komme, sobald er kann.
„Nur die Ruhe. Ich bin ja hier“, entgegnet William und legt auf. Tommys Gedanken laufen Sturm. Doch er versucht sie, so gut er kann, beiseite zu schieben. Irgendwann allerdings hält er es nicht mehr aus und läuft zu seinem Auto. Er schaltet den Motor an und fährt davon. Die Shuswap Road immer weiter den Fluss entlang.
Er kann sich vorstellen, was Virgil über ihn denkt.
Er weiß, dass seine Kollegen ihn sicherlich für einen unfähigen Polizisten halten. Doch Tommy fährt weiter. Es ist der Moment, in dem man merkt, dass man einen Fehler macht, doch man macht ihn trotzdem, so, als gehe man in eine Kneipe, obwohl man genau weiß, das man es nicht tun sollte. Oder als würde man die ganze Zeit ein Geheimnis mit sich herumtragen, obwohl man weiß, dass es einen Ärger einbringt. Tommy könnte zurückgeschickt werden. Er hat bis jetzt nichts dazu beigetragen, den Fall vorwärts zubringen und doch wollte man ihn behalten. Er hat einen sehr guten Draht zu den Leuten und sie haben einen guten Draht zu ihm.
Als Tommy an dem Sun Ridge Court kommt, biegt er in den kleinen Seitenweg und fährt zu Lindas Haus vor dem William steht und eine Zigarette raucht.
„Was ist passiert?“, fragt Tommy als er aus dem Wagen steigt.
„Was machst du hier? Nicht auf’m Revier?“ entgegnet William, ohne auf Tommys Frage zu antworten. Tommy läuft zu ihm hin.
„Was ist passiert?“
„Sam hat laute Geräusche gehört, die aus Lindas Haus kamen. Irgendetwas ging zu Bruch. Als er nachsah, stand die Tür offen und Linda lag halb in der Tür. Sie war kaum ansprechbar und dann entdeckte Sam die ganzen Flaschen im Inneren. Hauptsächlich Bierflaschen. Dann hat er mich benachrichtigt. Er meinte, in seiner jetzigen Lage wäre die Verlockung eine davon zu trinken zu groß.“
Tommy läuft zu Linda. Sie liegt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Doch William versichert ihm, sie sei bloß weggetreten. Tommy geht zu ihr und berührt ihre Wange. Linda gibt einen leisen Laut von sich.
„Ich kümmere mich um sie“, besänftigt William ihn. Doch Tommy beginnt behutsam auf Linda einzureden.
„Geh zurück, Tommy. Ich halte dich auf dem Laufenden. Tut mir leid, dass ich dich in Aufregung versetzt habe“, sagt William. Tommy erhebt sich.
„Ich komme später wieder“, entgegnet er und verlässt Lindas Haus. William folgt ihm nach draußen und die beiden bleiben vor Tommys Wagen stehen.
„Sam hat mir gesagt, ich solle dir nichts sagen. Jetzt weiß ich wieso. Fahr zurück, Tommy. Es gibt hier nicht viel, was du für sie tun kannst“, sagt William. Tommy steigt zögerlich in sein Auto.
„Sag mir Bescheid wenn …“
„Nein. Irgendwann wirst du ja wohl Feierabend haben. Dann kannst du kommen. Ich halte dich auf dem Laufenden“, fällt William ihn ins Wort.
„Danke“, erwidert Tommy. Er steigt in sein Auto und fährt wieder auf den Sun Ridge Court. Unterwegs denkt er darüber nach, was er tun wird, wenn er wieder am Powwow Trail ist. Nichts, denkt er. Du wirst nichts tun. Er legt eine seiner Kassetten ein und fährt bei offenem Fenster und dröhnender Musik ins Polizeipräsidium zurück.
Sam stellt Tommy ein Glas Wasser hin und setzt sich ihm gegenüber. Die beiden sitzen am kleinen Esstisch, während es allmählich dunkel zu werden beginnt. Zum Glück hat Tommy morgen frei und kann deshalb so lange bleiben, wie er möchte.
„Ich musste mich regelrecht losreißen. Ich war vollkommen gebannt“, erzählt Sam als Tommy ihn auf den Vorfall bei Linda anspricht. Tommy ist lange bei ihr gewesen. Er saß einfach nur neben ihr und beobachtete, wie sie dalag. Ab und zu wischte er ihr mit seinem Ärmel den Speichel vom Mundwinkel.
„Was hat sie dir erzählt? Habt ihr gesprochen?“, fragt Tommy. Sam trinkt sein Glas leer und geht an die Kaffeemaschine.
„Ja. Sie sagte, sie hat in den letzten Tagen an vieles Unschönes gedacht“, antwortet Sam und setzt einen Topf mit Wasser auf. Dann legt er einen Kaffeefilter in die Maschine und gibt das Pulver hinzu. Als das Wasser heiß ist, gibt er es in den Filter.
„Ich habe ihr noch angeboten, sie könne zu mir kommen“, fügt er dann hinzu und nimmt wieder Platz. Tommy sieht auf die Tischplatte.
„Langsam wird’s ernst“, meint er. „Der Ton verändert sich und ich darf nicht mehr so weiter machen wie jetzt. Wenn ich also mit meinen Kollegen komme, stell mir bitte keine Fragen. Weder über den Verlauf der Ermittlungen noch über sonst etwas. Wenn ich mit den anderen komme, bin ich dienstlich hier. Ansonsten ist es mir egal, worüber wir reden. Das werde ich auch Linda morgen sagen.“
„Geht klar“, erwidert Sam. Dann reden sie über die Proteste. Sam offenbart Tommy, er würde am liebsten auch hingehen.
„Wie ist das eigentlich für dich?“, fragt er. Tommy sieht zur Kaffeemaschine rüber. Der Kaffee ist fast durchgelaufen. Tommy stellt derweil zwei Tassen auf den Tisch. Als der Kaffee durchgelaufen ist, kommt er mit der Kanne und gießt jeden eine Tasse ein.
„Glaub mir, ich wäre auch lieber dort als hier in diesem Zwiespalt“, antwortet er. Sam trinkt einen Schluck von seinem Kaffee.
„Was passiert jetzt?“, fragt er. Tommy weiß, wovon Sam redet. Doch statt zu antworten, starrt er auf den schwarzen Inhalt, der sich in seiner Tasse befindet.
„Tommy?“
Doch dieser weiß, dass es, wenn er es jetzt ausspricht, endgültig sein wird. Deshalb nimmt er sich noch einen Augenblick.
„Alles okay?“
Und nach einer ganzen Weile sagt Tommy: „Nichts passiert. Alles wird bleiben, wie es ist.“
Sam sieht ihm ungläubig an. Doch Tommy wiederholt nur das Gesagte.
„Bist du sicher?“
„Ja. Absolut.“
Und damit ist alles gesagt. Weder Tommy noch Sam verlieren in der ganzen Zeit, in der Tommy in Kanada ist, jemals wieder ein Wort darüber.
Als Tommy wieder zu Linda geht, es ist bereits nachts, sie liegt noch immer auf dem Sofa. Tommy legt ihr eine Hand auf die Stirn.
„Linda?“
Sie murmelt etwas und öffnet die Augen. Dann sagt sie etwas, was für Tommy klingt, als würde sie ihn bei seinem Namen nennen.
„Ja“, sagt er leise.
“Was …?“
Tommy nimmt die Decke, mit der William sie zugedeckt hat, und rückt sie zurecht. Dann zieht er seine Jacke aus und legt sich auf den Boden neben dem Sofa. Er sieht in die Dunkelheit und hört Linda schnarchen. Dann schweifen seine Gedanken ab. Er denkt an seinen Vater. Er denkt an den Tag in Restaurant und hört dessen Worte: Du bist mein Sohn und ich liebe dich, Tommy. Ich möchte nicht, dass du denkst, ich würde dir auf irgendeiner Weise wehtun wollen, doch manchmal muss man erkennen, wann die Schlacht verloren ist. Tommy versucht, in diesen Worten einen Sinn zu finden. Versucht, in dem Handeln seines Vaters einen Sinn zu finden. Wieso teilte dieser seinem Sohn mit, er würde sich umbringen? Glaubte er, ehrlich sein zu müssen? Hatte sein Vater das Gefühl, Tommy irgendetwas erklären zu müssen? Wahrscheinlich ist ihm in seiner kalten, distanzierten Art überhaupt nicht bewusst gewesen, wie sehr er Tommy damit wehgetan hatte. Jedenfalls versucht er es sich einzureden. Aber irgendwie klingt diese Erklärung plausibel. Nicolas Logan hatte seinen Sohn oft ohne es zu wollen wehgetan. Damals hatte Tommy es nicht verstanden. Und später hatte er immer wieder den Zeitpunkt verpasst, sich dafür zu entschuldigen.
Irgendwann sieht Tommy auf seine Armbanduhr. Es ist fast zwei. Er nimmt sie ab und legt sie neben sich auf den Boden. Linda schnarcht noch immer auf dem Sofa und Tommy versucht, sich auf das gleichmäßige Geräusch ihres Atems zu konzentrieren. Er schließt die Augen und versucht, mit ihr zu atmen. Ein und aus, ein und aus. Und irgendwann schläft auch er.
Linda gehört zu den Menschen, die sich keine Schwäche eingestehen wollen. Als sie an diesen Nachmittag die Augen aufschlägt und sieht, dass Tommy lächelnd vor ihr steht, ahnt sie, weswegen er hier ist. Tommy nimmt einen Lappen und will ihn ihr auf die Stirn legen, doch Linde wehrt ihn ab.
„Nein. Mir geht es gut“, sagt sie leise und würgt. Dann übergibt sie sich.
„Ja, sehe ich“, lacht Tommy. Linda schließt die Augen und Tommy nutzt die Gelegenheit, um ihr den Lappen auf die Stirn zu legen.
„Blödmann“, flüstert sie. Tommy lächelt.
„Was ist passiert?“
Linda öffnet die Augen.
„Gestern? Ich weiß es nicht mehr“, gesteht sie. Tommy nimmt den Lappen wieder weg und taucht ihn erneut in das kalte Wasser. Dann legt er ihn ihr wieder auf die Stirn.
„Was hat dich bedrückt? Woran hasst du gedacht, dass du dich hast so volllaufen lassen?“
„An vieles. Kannst du hierbleiben, Tommy?“
„Natürlich. Ich habe heute frei“, erwidert er.
„Ich werde dir später erzählen, woran ich gedacht habe. Erst einmal möchte ich etwas vor die Tür.“
Tommy hilft ihr auf und sie gehen nach draußen. Dort übergibt Linda sich erneut. Sie setzen sich auf die Stufen und Linda legt ihren Kopf auf seine Schulter. Dann erzählt sie ihm von dem Priester.
„Er tat es nur einmal. Doch er hat mich nie geschlagen.“
Tränen laufen ihr übers Gesicht.
„Vor sieben Jahren habe ich herausbekommen, wo er tätig ist. Danach bin ich nicht mal in die Nähe dieser Gegend gegangen. Ich sagte mir, es sei vorbei. Und das war es auch, bis zu dem Moment, an dem man die Kinderleichen entdeckt hat. Jemand hat mir gesteckt, dass William eine Waffe besitzt. Den Rest kennst du.“
Tommy drückt Linda an sich.
„Leg dich etwas hin.“
„Es geht schon“, entgegnet Linda und löst sich aus seinem Griff.
„Eine Zigarette wäre mir jetzt lieber.“
Tommy steht auf und nimmt die Packung und das Feuerzeug aus ihrer Jackentasche.
„Du hast dich echt nicht verändert“, sagt er und reicht ihr die Sachen. Linda steckt sich die Zigarette an und lächelt.
„Doch. Nein, eigentlich nicht.“
Und nach einer Weile fügt sie hinzu: „Ich wollte gerade sagen: ‚ich weiß nicht, wie ich gewesen wäre, wenn das nicht passiert wäre‘. Ist das blöd?“ Tommy sieht zu den Häusern, die sich weiter vorne befinden.
„Nein. Ich weiß, was du meinst.“
Dann sitzen sie schweigend nebeneinander. Irgendwann erhebt Tommy sich und sagt, er wolle etwas zu Essen besorgen.
„Lass nur. Ich hab noch“, sagt Linda. Doch Tommy bleibt bei seinem Entschluss. Linda weiß, dass ihn ihre Kochkünste noch nie überzeugt haben und auch sie hat so ihre Probleme damit, ihr eigenes Gekochtes herunterzubekommen.
„Ich überlass dir meinen Herd“, schlägt sie schließlich vor. Tommy lächelt sie an. Dann läuft er an ihr vorbei und sieht in alle Schränke und in den kleinen Kühlschrank, der neben dem Sofa steht.
„Ich muss trotzdem noch ein paar Sachen besorgen. Ich frag William, ob er Wein für eine Sauce hat. Und ein paar Kräuter.“
„Das hört sich jetzt schon gut an“, erwidert Linda. Tommy läuft lächelnd an ihr vorbei. Sie sieht ihm nach, bis er hinter einem der Häuser verschwunden ist.
Als Tommy in den Parkplatz des Riverland Inn & Suites einbiegt und auf einen der letzten hinteren freien Parkplätze fährt, denkt er erneut daran, seinen Job an den Nagel zu hängen. Vielleicht lasse ich mich auch in den Innendienst versetzen, denkt er.
Tommy steigt aus und geht in Richtung Zimmer. Doch auf einmal hält er inne. Sein Blick fällt auf den Getränkeautomaten und er geht hin. Und nachdem er eine Pepsi geholt hat, geht er in sein Zimmer. Dort macht er den Laptop an und informiert sich über die neuesten Entwicklungen. Dann ruft er seine E-Mails auf. Er hat eine neue Nachricht von Francis, der Frau, die er von seinen vielen Recherchen her kennt.
Tommy, ich habe noch ein bisschen gestöbert und herumtelefoniert und bin auf die Telefonnummer von Phillip Newton gestoßen. Sie lautet: (250) 555-0199. Er hat sich zwar schon längst aus dem aktiven Dienst zurückgezogen, soll aber, wie du bestimmt schon weißt, noch immer seine Finger im Spiel haben. Ich hoffe, diese Informationen helfen dir weiter.
Liebe Grüße aus Idaho, Francis.
Vom McArthur Island Park aus blickt man direkt auf den Thompson River. Sam sitzt auf einer der Bänke, die am Wegrand stehen, und hat die Augen geschlossen. Früher wäre er in die nächste Bar gefahren und hätte sich betrunken. Doch das alles liegt lange zurück, jedenfalls versucht Sam es sich einzureden. Er wäre beinahe in eine Bar gegangen. Auf dem Weg zum McArthur Island Park kam er an einigen Bars vorbei. Er hörte beinahe die Leute, wie sie lachten und sich unterhielten. Schmeckte das Bier, den Gin und den Whiskey und spürte den Rausch. Es ist ihm schwergefallen, sich davon wieder loszureißen, doch er schaffte es. Noch immer denkt Sam an jene Bar, vor der er gestanden und durch das Fenster geblickt hatte. Was, wenn er alles aufgeben würde? Was, wenn er dieser Versuchung endlich erliegen und Ruhe finden würde? Ruhe vor diesem Verlangen nach dem süßen Rausch, Ruhe vor Sorgen und Ärger. Doch Sam weiß es besser. Er weiß, dass dieser Friede nicht lange anhalten wird und doch hat dieser Gedanke, in diese Bar zu gehen, eine geradezu magische Wirkung auf ihn. Sam erhebt sich und geht in Richtung Auto.
In der Stadt hält er gegenüber einer Bar. Sam schaltet den Motor aus und öffnet die Tür. Doch er zögert. Dann überquert er die Straße. Im Inneren der Bar ist es warm, wärmer als draußen, und Sam verspürt sofort dieses Gefühl von Geborgenheit. Er geht an die Theke, doch als die Frau hinterm Tresen fragt, was er gerne trinken würde, zögert er erneut.
„Ich kann keine Gedanken lesen“, lächelt sie. Sam sieht zu den Flaschen, die hinter ihr im Regal stehen.
„Wollen Sie einen Whiskey?“, fragt sie. Sam entschuldigt sich und stürmt aus der Kneipe. Er setzt sich in sein Auto und lässt den Motor an. Dann fährt er davon. Doch an der nächsten Kreuzung wird er von zwei Polizeibeamten heraus gewunken. Sam seufzt und fährt rechts ran. Dann öffnet er das Fenster.
„Na, Sie hatten es aber eilig“, sagt die Frau, die neben seinem Auto auftaucht.
„Ja. Ich habe die Geschwindigkeitsbegrenzung vergessen“, erwidert Sam.
„Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte.“
Sam händigt ihr die Papiere aus, bezahlt die Strafe und fährt weiter. In einem Laden, nicht weit von der Stelle entfernt, an der er angehalten wurde, kauft er sich eine Schachtel Zigaretten und eine Zeitung. Die Zeitung legt er auf den Rücksitz, doch die Schachtel legt er in das Handschuhfach. Für Notfälle denkt er. Doch es dauert nicht lange, bis er sie wieder an sich nimmt. Lange starrt er auf die Packung. Dann steckt er sich eine Zigarette an. Sam atmet den Rauch tief ein und stößt ihn nach ein paar Sekunden wieder aus. Dann fährt er weiter. Auf der Yellowhead Bridge denkt er auf einmal an Tommy. Er weiß, dass er im Riverland Inn & Suite wohnt. Wie lange hat er Tommy nicht besucht? Bei der ersten Gelegenheit wendet Sam und fährt auf den Parkplatz des Motels. Dort läuft er die Zimmer ab und erkundigt sich, in welchem Zimmer der langhaarige, junge Mann wohnt.
„Im Zimmer 4032“, erwidert ein Mann. Sam klopft an die Zimmertür. Als ihm geöffnet wird, blickt er in ein Gesicht, dass das eines alten, müden Mannes hätte sein können.
„Ich habe versucht, mehr über den Fall herauszubekommen, an dem ich mit Edwin dran bin. Ein ziemlich … verzwickter Fall, in dem es um eine Drogenbande geht“, begrüßt ihn Tommy. Sam fragt, ob er hereinkommen könne und Tommy tritt zur Seite.
„Ich bin eigentlich hier, um jemanden zu finden, den ich auf die Nerven gehen kann“, sagt Sam und lächelt schwach. Tommy bietet ihn an, sich auf das Bett zu setzen.
„So jemanden suche ich schon mein ganzes Leben lang“, lacht Tommy und Sam setzt sich. Doch mit einem Mal erhebt er sich und geht an das Fenster.
„Ich glaube, ich kenne die Leute, von denen Edwin redet. Ich habe mit ihnen zu tun“, sagt er. Tommy stellt sich neben ihm.
„Ich bin ganz Ohr.“
„Es begann vor sieben Jahren. Du weißt, dass ich schon immer in die USA wollte?“
„Ja.“
„Ich bin in einem Restaurant gewesen. Neben mir saßen drei Männer und unterhielten sich. Ich weiß nicht, was sie sagten, aber ich wusste, dass sie etwas zu verbergen hatten. So etwas spürt man sofort. Als ich ging, sagte ich ihnen, dass, egal was sie machten, ich interessiert wäre und gab ihnen meine Nummer …“
Tommy schlägt gegen die Scheibe. Nach einer Weile fährt Sam fort: „Eine ganze Weile passierte nichts. Ich dachte, sie hätten es nicht ernst genommen und widmete mich wieder dem, was ich jeden Tag tue, als mein Handy klingelte. Ein Typ zitierte mich in das Restaurant, in dem ich sie getroffen hatte. Also ging ich hin. Sie dachten wohl, ich wäre ein … Polizist, doch dann merkten sie, dass ich es ernst meinte und beauftragten mich damit, eine größere Ladung, später fand ich heraus, dass es sich um Drogen handelte, wohin zu transportieren.“
„Und du hast es getan.“
„Ja.“
„Erzähl mir etwas über die Gangster“, sagt Tommy.
„Carl Van Hausen hat Macht, doch er ist nicht der Boss“, - Sam geht zu dem Schreibtisch. Er schafft es nicht, Tommy in die Augen zu sehen. - „Der Chef ist Phillip Newton. Er ist Bulle und hat sich kaufen lassen.“
„Und Morrison?“, fragt Tommy.
„Der war auch dabei.“
„Weißt du was über ihn?“
„Nein. Wir sind uns nur ein paar male flüchtig begegnet. Er hatte wohl irgendwann Ärger mit der Polizei.“
Dann erzählt er ihm von der Bar und dass er im letzten Moment herausgerannt ist. Tommy legt ihm die Hand auf die Schulter.
„Es gibt einen Parkplatz. Dort sollte ich hin. Für einen weiteren Deal“, sagt Sam. Tommy öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Dann hält er inne. Nach einer Weile setzt er zu einem neuen Versuch an.
„Du … du wirst da nicht mehr herauskommen, Sam. Sie werden es nicht zulassen. Was um alles in der Welt hast du dir dabei nur gedacht?“
Sam rauft sich die Haare. Ihm ist nach einem Drink.
„Was machst du überhaupt hier? Wieso bist du nicht im Präsidium?“
Tommy geht erneut an das Fenster. Er versucht, über den Fall Morrison nachzudenken, doch er schafft es nicht.
„Wieso du?“, fragt er. „Wieso musstest du …?“, doch dann hält er erneut inne. Und anstatt seinen Satz zu Ende zu bringen, sagt Tommy, er hätte eine Auszeit gebraucht. Doch Sam ahnt, dass da mehr hinter steckt.
„Niemand nimmt sich einfach so eine Auszeit“, sagt er. Tommy seufzt und gesteht, er habe sich mit einem Kollegen angelegt.
„Er sagte, es wäre viel Wind um nichts. Er meinte den Priester-Fall. Auf meine Frage hin, was er damit meinte, sagte er nur, die Leute sollten aufhören, Gespenstern hinterherzujagen und sich auf das Hier und Jetzt fokussieren, das hat mich echt wütend gemacht.“
„Hat es Ärger gegeben?“
„Es wird wahrscheinlich eine Untersuchung eingeleitet. Der Boss hat mich aus dem Verkehr gezogen, bis er entschieden hat, wie er vorgehen will. Doch eine Ermittlung gilt als sehr wahrscheinlich.“
„Das ist übel“, meint Sam. Tommy lächelt und lädt Sam auf einen Softdrink ein.
Als Sam an die Stelle fährt, an der er immer parkt, sieht er Linda vor seinem Haus sitzen und rauchen. Seit Tommy hier ist, ist sie nicht mehr die, die sie mal war. Gut, sie ist immer von anderen Menschen abhängig gewesen, doch seit dem Mord und den Leichenfunden ist sehr viel in ihr hochgekommen.
„Linda!“, ruft Sam, als er aus seinem Wagen steigt.
„Auch keinen guten Tag gehabt?“, fragt sie mit ihrer gewohnt rauen Stimme. Sam geht an ihr vorbei und schließt die Tür auf. Lächelnd bittet er Linda herein.
„Frag nicht. Und? Deine wievielte ist es?“
Linda raucht ihre Zigarette auf und macht sie im Spülbecken aus. Dann wirft sie sie in den Mülleimer.
„Willst du es wirklich wissen? Es ist meine siebte“, erwidert sie. Sam fragt, ob sie einen Kaffee wolle. Linda bejaht und setzt sich an den kleinen, weißen Tisch.
„Vielleicht solltest du dir wieder Hilfe suchen“, sagt Sam, während er den Kaffeepulver aus einem der Schränke nimmt. Das Pulver ist fast vollständig aufgebraucht.
„Ich hab’s schon einmal versucht. Es war gut, aber …“ – Linda hustet. - „Es hat wenig gebracht.“ Sam legt einen Filter in die Maschine und nachdem er den Rest des Pulvers in den Filter gegeben hat, setzt er einen Topf mit Wasser auf den Herd. Dann setzt er sich zu Linda an den Tisch.
„Immer, wenn ich dich sehe, bist du am Rauchen. Sag mir, wie ich dir helfen kann.“
Linda sieht auf ihre Jeans hinab. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, doch sie möchte nicht, dass Sam sie sieht.
„Rede mit mir“, sagt er und ergreift ihre Hände. Linda zieht sie weg. Sie zögert, doch dann bricht es aus ihr heraus. Unter Tränen offenbart sie ihn, was sie ihr Leben lang mit sich herumträgt.
Roco ist ein Keeshond und damit die Lieblingshunderasse von Phillip Newton. Er rennt oft im großen Garten herum, während sein Herrchen auf einem Stuhl sitzt und sich in der Zeitung über das aktuelle Tagesgeschehen informiert. Vor ihm steht ein Glas mit einem guten Bourbon, den er sich gelegentlich aus Europa oder England mitbringen lässt. Ab und zu sieht er zu Roco, der auf dem Rasen herumtollt.
„Roco, aus!“, ruft er. Der Hund gehorcht und nimmt neben seinem Herrchen Platz. Plötzlich klingelt das Telefon. Newton seufzt. Er hatte sich auf einen ruhigen Tag gefreut. Wer zum Teufel will etwas von ihm?
Er geht in das riesige Haus, das er sich ohne die Zusammenarbeit einiger Leute nicht hätte leisten können.
„Newton, wer ist da?“ meldet er sich.
„Ich bin’s, Carl.“
Dieser niederländische Akzent ist unverkennbar. Philip Newton kennt sonst niemanden, der so spricht.
„Hallo, Carl“, sagt er, während Roco im Hintergrund bellt.
„Ist es gerade schlecht?“, fragt Carl. Philip Newton weist seinen Hund an, still zu sein.
„Nicht, wenn du mir in den nächsten zehn Sekunden sagst, was du willst. Ich wollte gerade mit dem Hund raus.“
Eine kleine Pause entsteht, dann sagt Carl:
„Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass jemand versucht, etwas herauszubekommen. Er soll ziemlich hartnäckig sein. Hast du alles im Griff?“
„Ich muss nichts mehr im Griff haben. Ich bin raus“, entgegnet Philip Newton. Der Hund bellt erneut.
„Solange du meine Nummer hast und wir jeden Abend ein Bier zusammen trinken, bist du nicht raus“, sagt Carl. Phillip Newton erwidert daraufhin, er werde über seine Kontakte versuchen, alles über den hartnäckigen Schnüffler herauszubekommen und legt auf. Dann verlässt er mit Roco das Haus. Doch dieses Mal begleitet ihn ein Gedanke: Es gibt jemanden, der über ihn und seine kriminelle Vergangenheit Bescheid weiß. Er ruft Eric Laramy an, einer der Männer, mit denen er damals zu tun hatte, und erkundigt sich bei ihm, ob dieser etwas weiß.
„Nein“, entgegnet er. Philip überlegt. Ihm ist überhaupt nicht danach, sich wieder in diese Kreise zu begeben. Doch hat er eine Wahl?
„Ich möchte wissen, wer das ist“, sagt er.
„Ich dachte, du bist raus.“
„In diesem Geschäft ist man nie raus“, antwortet Philip. Eric versichert ihm, er werde sich erkundigen und legt auf. Der Hund bellt erneut. Erst jetzt fällt Philip auf, dass er stehengeblieben ist. Er geht weiter. Doch dieser eine Gedanke lässt ihn nicht los. Man könnte mich zu Fall bringen. Man könnte alles, was ich mir aufgebaut habe, zerstören. Dieser Gedanke wird ihn den ganzen Tag lang begleiten. Und auch die Tage danach.
Patricia schnieft als sie Tommy die Türe öffnet.
„Na? Auch keinen guten Tag gehabt?“, fragt sie ein wenig überrascht.
„Lange Geschichte“, erwidert Tommy. Patricia geht in das kleine Wohnzimmer und setzt sich auf das Sofa, das vor einem runden Glastisch steht. Auf dem Glastisch steht eine Flasche Scotch und Tommy fragt, ob er auch einen bekommen könne. Patricia schenkt ihm ein.
„Mach niemals Bekanntschaften in einer Kneipe“, sagt sie.
„Das geht immer schief.“
Tommy sieht sie fragend an. Dann erzählt Patricia ihm, dass der Mann, den sie in der Bar kennengelernt hatte, in der auch Tommy und sein Kollege gewesen sind, sie am nächsten Morgen hatte sitzen lassen.
„Frauchen wartete bestimmt zu Hause. Er ließ einen Zettel da, dass es sehr schön gewesen sei aber wir könnten uns nicht mehr treffen.“
Patricia schenkt sich ein und trinkt das Glas in einem Zug leer. Auch Tommy trinkt einen Schluck. Dann erzählt er von Linda und Edwin und sagt, er hätte das Gefühl, er müsse sich zweiteilen, um alles erledigen zu können.
„Ich kenne eine Anwältin wegen einer Sache, die nichts hiermit zu tun hat. Nichts wildes, nur ein Missverständnis, das mir allerdings eine Menge Ärger eingebracht hat. Diese Anwältin hat auch sehr viel mit diesem Gericht zu schaffen und interessiert sich sehr für solche Fälle. Sie kann dir in deiner Edwin-Sache bestimmt weiterhelfen“, sagt sie.
„Nein, ich brauche Unterlagen, die ich einsehen kann.“
„Frag sie. Ihr Name ist Wynona Harris. Erzähl ihr, dass du auch an diesen Fall dran bist; sie ist sehr engagiert und auch durchaus bereit, über gewisse Regeln hinwegzusehen, wenn sie der Meinung ist, dass es das wert ist“, entgegnet Patricia und schreibt ihm ihre Nummer auf.
„Ich habe schon einmal eine Telefonnummer bekommen“, sagt Tommy. Mit einem Mal fällt sein Blick auf ein Bild, das auf einem Regal steht. Es zeigt sie und Sam auf einer Feier. Sam hebt die Hände in die Höhe und scheint etwas zu rufen. Er sitzt an einem langen Tisch und einige Personen prosten ihm zu.
„Wo ist das?“, fragt Tommy. Patricia folgt seinem Blick.
„Auf dem Geburtstag eines sehr engen Freundes von Sam. Die Feier ging bis zum nächsten Morgen. Damals dachte jeder, unsere Ehe würde für immer halten. ‚Ich weiß nicht wie du das schaffst‘ sagten sie. Ich weiß, dass Nicolas dich über alles auf dem Laufenden gehalten hat, was hier passiert.“
„Er hat es versucht, das stimmt“, erwidert Tommy.
„‚Er hat es versucht?‘“
„Ich bin damals oft mit ihm aneinander geraten. Ich fühlte mich von ihm … ich weiß nicht, ich fühlte mich schlecht behandelt.“
„Ich fürchte, das hier bringt keinen von uns weiter“, sagt sie schließlich. „Hören wir lieber auf damit. Hast du Hunger?“, Tommy hat Hunger, möchte ihr aber nicht auf die Nerven fallen. Doch Patricia sagt, sie könne im Moment ein wenig Abwechslung ganz gut vertragen.
„Dann mache ich uns mal was“, entgegnet sie und verschwindet in der Küche. Tommy sieht sich ein wenig um und bemerkt die vielen Fotos, die sie und Sam in einer Zeit zeigen, in der sie noch verheiratet gewesen sind. In der Küche hört er Töpfe klappern und fragt, ob Patricia Hilfe brauche.
„Es geht schon“, antwortet sie. „Sieh dich ruhig weiter um.“ Tommy sieht beschämt zu Boden. Ist er so vorhersehbar? Er schiebt diesen Gedanken beiseite. Auf einmal klingelt sein Handy.
„Ja?“, meldet er sich.
„Kannst du kommen?“
Lindas kratzige Stimme klingt fast flehend. Tommy überlegt einen Augenblick und sieht in Richtung Küche.
„Wo ist Sam?“
„Keine Ahnung. Ich habe ihn den ganzen Tag über nicht gesehen“, erwidert sie. Dann fügt sie hinzu: „Ich habe mit dem Anwalt gesprochen. Es ist noch nicht vorbei. Sie können mich jederzeit zur Befragung auf’s Präsidium holen.“
„Hast du etwas anderes erwartet?“
Linda fragt erneut, ob er kommen könne. Tommy sagt, er komme, sobald es ihm möglich sei und legt auf.
„Wer war das?“, ruft Patricia aus der Küche.
„Linda. Ich soll kommen. Aber jetzt bist du am Kochen“, antwortet Tommy.
„Mach dir keine Sorgen. Ich habe noch nicht angefangen“, gibt Patricia zurück. Tommy geht in die Küche und entschuldigt sich bei ihr. Dann verlässt er ihr Haus, dass in der Siedlung liegt, und biegt in die Shuswap Road. Linda sitzt vor ihrem Haus und raucht. Neben ihr steht ein Aschenbecher und eine Flasche Bier.
„Hab ich dich bei irgendetwas unterbrochen?“, ruft sie als Tommy aus seinem Auto steigt.
„Schon in Ordnung.“
Tommy geht zu ihr und Linda hält ihm die Flasche hin. Dieser trinkt einen Schluck und setzt sich neben sie.
„Schön zu wissen, dass man sich auf dich verlassen kann. Aber wenn ich dich von irgendetwas abgehalten habe, sag es mir“, sagt Linda und nimmt die Flasche wieder an sich.
„Ich bleib noch ein bisschen“, entgegnet Tommy und Linda reicht ihm erneut die Flasche. Dann fragt er, ob Sam inzwischen gekommen sei.
„Nein“, antwortet Linda. „Aber er zieht sich des öfter zurück, wenn er ein wenig für sich sein möchte. Er sagt niemandem, wo er sich herumtreibt und er geht auch nicht ans Telefon.“ Linda zieht an ihrer Zigarette und drückt sie aus. Dann geht sie in ihr Haus zurück und macht sich am Herd zu schaffen.
„Ich nehme an, du willst nicht mitessen?“, sagt sie. Tommy verneint. Er sagt, er werde irgendwo ein Restaurant aufsuchen. Linda dreht sich nach ihm um. Tommy steht an der Tür. Er hat die Sonnenbrille abgenommen und lächelt sie an. Dann geht er zu seinem Wagen.
„Wir holen das nach!“, ruft er ihr zu und fährt den gleichen Weg zurück, den er gekommen ist.
Im Hotelzimmer ruft Tommy Wynona Harris an und erzählt ihr von seinem Interesse am Fall Morrison.
„Eigentlich ist es vielmehr das meines Kollegen Edwin Klein“, fügt er hinzu. Er schildert ihr, wie er auf sie gestoßen ist und wie Klein ihn angesprochen hatte. Die Frau am anderen Ende hört zu und schlägt ein Treffen vor. Sie sagt, sie werde auch Akten mitbringen.
„Mir liegt auch viel daran, dass die Wahrheit endlich ans Licht kommt“, sagt sie. Tommy nennt ihr das Hotel, in dem er zurzeit wohnt, und sagt, sie könne jederzeit vorbeikommen und, falls er nicht da sein sollte, könne sie ihm eine Nachricht hinterlassen. Harris kommt zwei Tage später. Sie sagt, sie könne nicht lange bleiben, da sie noch einen Termin mit einem Mandanten hat. Doch sie hat wie versprochen die Akten mit, die sich mit dem Fall befassen. Tommy liest sie sich durch.
„Dieser Eugene Miller war einer der Männer, die als erste am Tatort gewesen sind“, sagt die Anwältin. Tommy sieht von den Akten auf.
„Woher haben Sie sie?“
„Ich habe immer gern eine Kopie von Akten, von denen ich weiß, dass diese unter Umständen verloren gehen könnten. Natürlich weiß niemand davon.“
„Und? Sind sie verloren gegangen?“
Die Frau sieht auf die Uhr.
„Teilweise. Hören Sie, ich muss los. Wenn ich Sie wäre, würde ich mich an diesen Eugene Miller heften“, sagt sie und nimmt die Blätter an sich. Tommy bedankt sich und begleitet die Frau zu ihrem Wagen.
„Wir bleiben in Kontakt?“, sagt er. Die Frau reicht ihm eine Karte, auf der auch ihre Geschäftszeiten stehen, und sagt, er könne sie innerhalb dieser Zeiten erreichen. Tommy nimmt die Visitenkarte entgegen. Er denkt, dass aus der ganzen Sache nun doch noch ein echter Fall geworden ist.
Timmons Hawking, Edwins Freund beim Straßenverkehrsamt, sitzt gerade in seiner Zentrale, als eine Frau auf ihm zukommt und sagt, draußen stünde ein Polizist.
„Er sagt, er sei ein Freund von Ihnen.“
Timmons verlässt den Raum mit den Monitoren, von dem aus die Verkehrssicherheit der gesamten Stadt koordiniert wird.
„Wir sind alte Freunde“, sagt Hawking nur.
Vor dem Gebäude wartet Edwin bereits auf ihm und Hawking ahnt, dass es sich um etwas Vertrauliches handeln muss. Es handelt sich immer um etwas Vertrauliches, wenn sein alter Freund vor der Tür steht.
„Hey. Ist es mal wieder so weit?“, begrüßt ihm Hawking. Dieser kommt sofort zur Sache und erzählt ihm von dem weißen Lieferwagen, den er für ihn finden soll. Hawking sieht sich verstohlen nach allen Richtungen um.
„Willst du wieder Kopien haben?“
„Ja.“
Hawking sagt, er tue, was er könne und eilt wieder in das Gebäude.
Timmons Hawking und Edwin haben sich in einer Kneipe durch einen Mann kennengelernt, den alle nur „den Bekannten“ nannten. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und sie teilten auch dieselben Interessen. Irgendwann, Edwin bearbeitete gerade einen Fall, der aussichtslos zu sein schien, gestand er seinen Freund, er komme nicht weiter, woraufhin Hawking erwiderte, er könne ihm weiterhelfen. Doch es dauerte eine weitere Woche, bis sich Edwin schließlich bereit erklärte, die Ermittlungen auf seine Weise zu beeinflussen und sie damit erheblich voranzutreiben.
Edwin steigt in seinen Wagen und lässt den Motor an. Er hat noch immer ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken, an dem Gesetz vorbei zu ermitteln, doch er sagt sich, dass es im Grunde ja gar keine Ermittlungen gibt und er auch nicht auf irgendwelche Anweisungen angewiesen ist. Edwin schaltet das Radio an und fährt los. Er lenkt seinen Wagen geschickt auf die Straße und fährt an der ersten Ecke nach rechts. Im Radio reden Leute über ein neues Konzept von irgendwelchen Jungunternehmern zur Reduzierung von Abfall. Edwin schaltet das Radio aus und konzentriert sich auf die Straße. Ja, es ist wahr, dass er nicht auf Anweisungen seines Chefs handelt und es sind auch keine Ermittlungen. Doch wenn er erwischt wird, könnte er Ärger bekommen.
Das Carlos O'Bryan's Neighborhood befindet sich auf der Victoria Street. Er sucht dieses Restaurant immer auf, wenn er bei Timmons gewesen ist, was allerdings nicht mehr so häufig vorkommt. Ab und zu treffen er und Timmons sich auf ein Bier oder eine Mahlzeit, doch in letzter Zeit hat Edwin so viel zu tun, dass es ihm unmöglich geworden ist, sich freizunehmen.
Die Frau hinterm Tresen begrüßt ihm, als Edwin zur Tür hereinkommt. Sie kennt ihm von sehen. Edwin grüßt zurück und setzt sich an den Tresen.
„Ein Bier bitte“, sagt er.
„Gerne“, erwidert die Frau und macht sich daran, das Bier zu zapfen. In den wenigen Gelegenheiten, in denen er freihat, genießt er es, ganz für sich zu sein. Edwin ist nicht kontaktscheu, dennoch meidet er die Nähe einiger Kollegen. Früher ist er selber immer bei allem dabei gewesen. Er war vorlaut und frech. Vieler seiner Kollegen hatten ihn deswegen gemieden, doch irgendwann kam der Punkt, an dem er bestimmte Dinge anders sah. Er wollte nicht mehr an vorderster Stelle stehen. Einige seiner Kollegen hatten es ihm übel genommen, doch Edwin blieb dabei.
„Hier“, sagt die Barfrau und stellt ihm sein Getränk hin. Edwin bedankt sich und trinkt einen Schluck. Auf einmal fällt ihm ein, dass er Tommy anrufen wollte, um ihm über die neusten Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, als sein Handy klingelt.
„Klein“, meldet Edwin sich.
„Edwin“, sagt Tommy am anderen Ende.
„Ich habe Neuigkeiten.“
„Ich auch. Ich habe mit meinem Freund vom Straßenverkehrsamt gesprochen. Ich sage dir Bescheid, sobald ich das Material habe.“
Am anderen Ende ist es lange still.
„Ich habe versucht, mich auf den Fall Morrison zu konzentrieren und ein wenig zu recherchieren. Es ist mir nicht sonderlich gut gelungen, doch ich habe diesen Eugene Miller ausfindig gemacht, den ermittelnden Beamten in dem Fall. Wir haben kurz telefoniert. Er meinte, wir sollen uns nächstes Wochenende mit ihm treffen. Er sagt, er hat Informationen, die er uns persönlich geben möchte. Und zwar nur uns. Er hat noch betont, dass wir mit niemandem darüber sprechen sollten“, sagt Tommy schließlich. Edwin trinkt noch einen Schluck von seinem Bier.
„In Ordnung, danke“, sagt er und legt auf.
Um viertel nach fünf betreten eine Frau und ein Mann das Lokal. Edwin hat sein Bier gerade ausgetrunken, als ihm die Frau anspricht.
„Ich kenne Sie“, sagt sie.
„Sie sind Polizist.“
Edwin sieht sie an und erkennt die Frau ebenfalls. Sie wurde zum Verhör vorgeladen und scheint sehr mit Tommy befreundet zu sein. Er spricht sie darauf an.
„Ja, das stimmt. Wir kennen uns durch Tommys Vater“, entgegnet sie und hustet.
„Wie heißen Sie?“
Die Frau steckt sich eine Zigarette an und bestellt einen Whiskey. Sie wirkt nervös. Der Mann neben ihr raunt ihr zu, sie solle sich beruhigen.
„Linda Shirley“, sagt sie. Edwin stellt sich ebenfalls vor.
„Was machen Sie hier?“, fragt er. Ein junger Mann hinter dem Tresen bringt den Whiskey. Linda trinkt ihn in einem Zug leer.
„Ich musste raus“, sagt die Frau und bestellt ein neues Glas.
„Aber wohnen Sie nicht auf der anderen Seite?“
Linda lacht. Dann drückt sie die Zigarette, die sie beinahe vollständig zu Ende geraucht hat, in einem Aschenbecher aus.
„Wir sind herumgefahren. Ich wollte weit weg“, sagt sie.
„Sie wissen, dass ich Bulle bin“, lächelt Edwin und zeigt auf den Aschenbecher, der noch immer auf der Theke steht.
„Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Sie sehen ja, was ich davon halte“, erwidert die rundliche Frau.
„Sie hat einen schlechten Tag“, sagt der Mann neben ihr.
„Wer hat den nicht ab und zu?“, erwidert Edwin. Der Mann kommt mit dem zweiten Whiskey und die Frau schlingt auch diesen hinunter.
„Linda.“
Linda sieht den Mann, der neben ihr steht, an. Dann scheint ihm etwas einzufallen und er sieht zu Edwin.
„Ich bin Sam. Ich kenne Linda seit sehr vielen Jahren. Früher wollte ich auch Polizist werden, doch es hat dann doch nur zum Monteur gereicht. Automonteur“, sagt er und legt ein paar Scheine auf die Theke. Linda beginnt zu protestieren, doch der Mann redet ruhig auf sie ein. Edwin beobachtet die beiden. Die Frau trägt ein rotes T-Shirt und eine Blue Jeans. Dazu eine dunkelbraune Jacke. Der Mann ein dunkles Hemd und eine hellblaue Jeans, dazu einen Gürtel mit silberner Schnalle. Irgendwann gibt die Frau ihren Protest auf und erhebt sich. Und als der Mann am Tresen ihnen das Wechselgeld zurückgegeben hat, verlassen sie das Carlos O'Bryan's Neighborhood. Edwin bestellt ein weiteres Bier. Er kann aus der Ferne die Frau hören, die sich mit ihrem Begleiter unterhält. Sie klingt besser gelaunt als zuvor. Er kann sie lachen hören. Dann gehen zwei Autotüren zu und Edwin hört, wie der Motor angelassen wird. Und nachdem Edwin sein Bier ausgetrunken hat, bezahlt er.
Obwohl der Chef der Mordkommission ihn aus dem Verkehr gezogen hat, ist Tommy über alles informiert, was sich im Polizeirevier ereignet. Er sitzt in seinem Zimmer im Riverland Inn & Suites und wartet darauf, dass Edwin ihn mit den neusten Informationen versorgt.
„Wird er verhört?“, fragt Tommy in einer der kurzen Momenten, in denen sie reden können.
„Ja. Und sie nehmen ihm ganz schön hart ran. Doch er ist ein zäher Bursche. Man merkt, dass er zu viel erlebt hat, als dass ihm noch irgendetwas erschüttern kann“, lacht Edwin.
„Aber sie dürfen ihn nicht festhalten“, entgegnet Tommy.
Nach einer kurzen Pause sagt Edwin: „Im Prinzip schon. Ihm …“- Edwin unterbricht sich kurz. Dann fährt er fort: - „Ihm gehört immerhin die …
„Edwin, keine Privatgespräche!“, hört Tommy eine Stimme.
„Virgil?“, fragt er.
„Ja“, antwortet Edwin und legt auf. Und dann ist Tommy wieder alleine mit seiner Ungewissheit. Er macht das, was er immer macht. Er informiert sich im Internet, spricht mit seinen Internet-Kontakten und wenn er es in seinem Zimmer nicht aushält, fährt er zum Chicken to go Tk’emlúps. Dort setzt er sich an einen der Tische neben dem Fenster und sieht hinaus. Nachdem er seinen Burger gegessen und seine Cola getrunken hat, nutzt er die Gelegenheit und kauft unterwegs irgendwo ein Bier. Zögernd steht er vor dem Kühlschrank. Und nimmt sich ein Zweites heraus. Dann fährt er zurück. Eigentlich hat Tommy sich vorgenommen, so wenig wie möglich über Linda und den toten Priester nachzudenken. Ein Glück, dass Virgil gerade so viel um die Ohren hat, dass er Tommy und die Entscheidung, eine Untersuchung gegen ihn einzuleiten, hinten anstellen muss. Außerdem ist da noch der Fall Dick Morrison. Tommy nimmt sein Handy und ruft Wynona Harris an, die Anwältin, auf die Patricia ihn gebracht hat. Tommy öffnet die Bierflasche mit den Zähnen und wartet darauf, dass Harris rangeht.
„Wynona Harris?“, meldet sich schließlich eine Frauenstimme. Tommy trinkt einen kleinen Schluck.
„Hallo, ich bin’s nochmal, Tommy Logan. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir vielleicht ein paar der Papiere, von denen Sie sich haben Kopien machen lassen, auch fotokopieren könnten. Ich habe letztes Mal total vergessen, Sie danach zu fragen“, sagt Tommy. Die Frau am anderen Ende entschuldigt sich. Tommy hört, wie eine Tür geschlossen wird. Er beginnt, im Zimmer auf und ab zu laufen. Nach einer Weile meldet sich Wynona Harris wieder.
„Muss ja nicht jeder mitbekommen“, sagt sie und fügt hinzu, sie werde versuchen, ihn die wichtigsten Unterlagen zukommen zu lassen.
„Okay, wo treffen wir uns?“, fragt er. Nach einer Pause erwidert Wynona Harris:
„Ich komme zu Ihnen. Ich weiß ja, wo Sie sind.“
Tommy beendet das Gespräch und ruft Edwin an. Als dieser allerdings nicht rangeht, setzt er sich vor seinen Laptop. Er gibt in Google „Dick Morrison“ ein und sofort erscheinen dutzende Suchergebnisse. Tommy klickt auf einen Artikel mit der Überschrift: Der Fall Morrison - schuldig, oder nicht? Wie ein Gerichtsprozess das System infrage stellt. Er liest sich den Artikel durch und öffnet den nächsten. Dieser beschäftigt sich mit dem Gerichtsprozess und wurde von einem Reporter namens Oliver Mayer verfasst. Er ist die erste Woche beim Gerichtsprozess zugegen gewesen. Mayer schreibt: Am ersten Prozesstag erwartete jeder, dass der Mörder nun endlich seine gerechte Strafe erhalten würde. Doch der Richter, Nelson McFreeman, schien sich nur für die Beweise zu interessieren, die gegen ihn sprachen. Es wirkte, als wolle er um jeden Preis, dass Dick Morrison schuldig gesprochen wird.
Auf einmal klingelt Tommys Handy.
„Ja“, meldet dieser sich. Es ist Edwin. Er hatte sein Handy auf lautlos gestellt. Außerdem sei er bis gerade mit dem Fall des getöteten Priesters beschäftigt gewesen. Tommy trinkt noch einen Schluck und geht wieder im Zimmer auf und ab.
„Wie läuft’s?“, fragt er.
„Tommy“, erwidert Edwin mit einem Seufzer.
„Ich weiß, du bist nervös aber du kannst hier nicht ständig anrufen.“
Tommy setzt sich auf das Bett. Er ist kurz davor, Edwin zu sagen, er solle tun, wofür er bezahlt wird und sich nicht noch mehr ins Unglück stürzen.
„Tommy?“
Doch er kann nicht. Edwin wird seine Gründe haben, ihn zu helfen. Und als ob Edwin seine Gedanken gehört hätte, sagt er:
„Wir sind Partner. Wir helfen einander, aber wenn … wenn das hier vorbei ist, wenn wir den …“ - wieder entsteht eine Pause. Dann fährt Edwin erneut fort: - „Wenn wir den Fall gelöst haben, beende ich es, okay?“
„Okay“, erwidert Tommy. Edwin fragt, ob Tommy mit zu ihm nach Hause kommen wolle, wenn seine Schicht zu Ende ist. Er habe ein schönes Haus und eine sehr nette Frau und Tommy fiele es sicher leichter, dort seine Gedanken besser zu ordnen. Und dann erwidert Tommy daraufhin das einzige, das ihm angemessen erscheint:
„Ist schon gut.“
Es ist nicht viel, doch für Tommy ist es ausreichend. Er will nicht, dass ihn Edwin sein Haus zur Verfügung stellt. Es erscheint ihm nicht richtig. Doch Edwin sagt, es sei eine Einladung.
„Ich lade einen guten Freund ein. Wir trinken, wir reden und wir essen. Meine Frau, Nora, ist eine hervorragende Köchin“, sagt er. Und Tommy sagt schließlich zu.
Zuvor erkundigt er sich allerdings noch einmal über Phillip Newton. Er stammt aus Montreal und hat drei Geschwister. Seine schulische Laufbahn verlief eher mittelmäßig, und er zog früh von Zuhause aus.
Tommy stößt auf einen Artikel, in dem es um eine größere Menge verschwundenes Kokain geht. Das Pulver verschwand, wie sich später herausstellte, auf dem Weg zum Polizeirevier. Genauer gesagt, auf dem Weg zur Asservatenkammer. Schnell kam man zu dem Schluss, dass es nicht ohne die Hilfe einiger bei der Polizei arbeitender Beamte entwendet werden konnte und so leitete man eine umfangreiche Untersuchung ein. Ohne Erfolg. Tommy fällt auf, dass alle Untersuchungen ins Leere liefen. Im Fall Morison gibt es keinen Mörder, nur einen Mann, den man des Mordes beschuldigt. Im Fall des verschwundenen Kokains konnten die Behörden ebenfalls nichts herausfinden. Tommy beschleicht das Gefühl, dass die ganze Sache viel größer ist, als er und Edwin anfangs gedacht haben. Er trinkt den Rest von seinem Bier aus und ruft Edwin an. Er erzählt ihm von seinem Verdacht und was er gerade herausgefunden hat.
„Vielleicht ist ja nicht nur die Polizei korrupt. Vielleicht haben wir es hier mit etwas sehr viel Größerem zu tun“, sagt Edwin. Tommy gibt den Namen Nelson McFreeman in die Suchmaschine ein und wird schnell fündig. Er findet ein paar Fotos, auf denen der Richter gemeinsam mit Phillip Newton zu sehen ist. Doch das ist natürlich noch kein Beweis.
„Phillip Newton kannte den Richter, der Dick Morrison verurteilt hat“, sagt er.
„Vielleicht haben die beiden gemeinsame Sache gemacht.“
„Recherchierst du gerade?“
Tommy klickt einen weiteren Artikel an.
„Ja. Und du? Stör ich dich bei irgendwelchen Ermittlungen?“
In dem Artikel geht es um die Versetzung des Richters. Er hat damals einen neuen Posten angenommen.
„Ich habe Feierabend. Bereitschaft.“
Tommy liest einen Teil des Artikels.
„Hör mal: ‚Heute wurde Richter McFreeman auf eigenen Wunsch hin nach Ontario versetzt, seiner Geburtsstadt. Er selbst begründet diese Entscheidung damit, die letzten Jahre seiner richterlichen Laufbahn in seiner Geburtsstadt verbringen zu wollen. Unbestätigte Quellen jedoch sehen einen Zusammenhang zwischen McFreemans Versetzung und dem Fall Dick Morrison, welcher wochenlang das beherrschende Thema in den Medien gewesen ist.'“
Tommy hört am anderen Ende eine Autotür zugehen. Dann wird ein Motor gestartet.
„Ich muss auflegen“, sagt Edwin. Doch dann fällt ihm noch etwas ein.
„Ach ja, sie wollen Linda observieren. Also, wenn ich du wäre, würde ich mich zurückhalten.“
Dann legt er auf. Kurze Zeit später meldet sich sein iPhone. Edwin hat ihm seine Adresse geschickt. Doch Tommy bleibt noch eine ganze Weile in seinem Zimmer. Er notiert sich die wichtigsten Sachen zum Fall Morrison und versucht zu überlegen, wie er am besten vorgehen soll. Doch was er gerade von Edwin erfahren hat, lässt seine Gedanken abschweifen. Wieder einmal. Tommy öffnet die zweite Flasche Bier und scrollt sich durch das Internet; doch er gibt es bald auf. Er trinkt sein Bier aus und fährt zu der Adresse, die Edwin ihm geschickt hat.
Das Haus, in dem Edwin mit seiner Familie wohnt, ist ein mittelgroßes Haus mit so etwas wie einem kleinen Vorgarten. Tommy läutet. Kurz darauf öffnet ihm eine junge Frau. Sie sagt, ihr Mann säße im Wohnzimmer und sehe gerade die Nachrichten. Tommy lächelt höflich und geht an ihr vorbei.
„Und ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr“, begrüßt Edwin ihn kaum, dass er das Wohnzimmer betreten hat. Tommy setzt sich dazu und Edwin stellt den Fernseher lauter. Gerade redet die Nachrichtensprecherin über den Fall des getöteten Priesters. Sie sagt, ein Mann würde aktuell von der Polizei vernommen werden. Er soll dem Täter die Waffe gegeben haben. Doch sie fügt hinzu, dass der Verdacht bestehe, dass es sich bei dem Täter auch um eine Frau handeln könnte und gibt an den Außenkorrespondenten weiter, der seit Beginn der Ermittlungen vom Ort des Geschehens aus berichtet.
„Ja, Susan. Es kursieren tatsächlich Gerüchte, dass es sich bei dem Täter tatsächlich um eine Frau handeln könnte. Sie soll im Reservat leben und ebenfalls auf die ehemalige Residential School gegangen sein, die sich nur ein paar Kilometer entfernt befindet.“
Dann erzählt der Korrespondent ein wenig über die Geschichte der Residential Schools und erläutert die Verbindungen, die die Frau zum Mordopfer gehabt haben soll. Er sagt auch, dass sie bereits ein paar Mal vorgeladen worden sei.
„Aber mehr wissen sie nicht?“, sagt Tommy. Edwin sieht ihn an.
„Was erwartest du? Natürlich wissen die das.“
Gerade sind Bilder von der Ermittlungsarbeit zu sehen. Es sind Bilder von vor ein paar Wochen. Dann wird wieder in das Studio geschaltet und die Nachrichtensprecherin sagt, sie werden wieder live vor Ort berichten, wenn im Fall des getöteten Priesters etwas Neues bekannt wird. Edwin stellt den Fernseher ab.
„Magst du ein Bier?“, fragt er. Tommy erhebt sich.
„Ich dachte, wenn ich nicht mehr an dem Fall beteiligt bin, wird es einfacher für mich.“
Doch ein paar Sekunden später bereut er, das gesagt zu haben.
„Bitte entschuldigt. Ja, ich nehme gerne ein Bier.“
Edwin geht an den Kühlschrank und holt eine Flasche. Er nimmt auch eine für sich heraus und geht wieder ins Wohnzimmer zurück.
Tommy hat keine Ahnung, weshalb er sich darauf eingelassen hat, gemeinsam mit Edwin im Fall Morrison private Ermittlungen anzustellen. Doch über die Wochen und Monate wurde die Sache so groß, dass er bald nicht mehr anders konnte, als sich damit zu beschäftigen. Tommy nimmt den Zettel mit der Telefonnummer von Phillip Newton, die Francis ihn per E-Mail geschickt hat. Das war, nach dem er bei Linda gewesen ist, als diese sich betrunken hatte. (250) 555-0199. Tommy überlegt, wie er es anstellen will. Er könnte sich erneut als Reporter ausgeben; doch Tommy fragt sich, ob es viel Sinn machen würde, zumal er ganz genau weiß, dass in diesen Kreisen nicht gerne mit Journalisten geredet wird. Tommy nimmt ein Stück Klopapier und einen Kugelschreiber, den er immer in der Innentasche seiner Jacke aufbewahrt, und überlegt, was genau er von Phillip Newton wissen möchte.
Inwieweit ist er in die Sache verwickelt?
Hat er den Mord in Auftrag gegeben?
Wer ist alles in den Fall verstrickt?
Tommy denkt an das Foto, dass den Richter gemeinsam mit Phillip Newton zeigt.
Steckt Richter McFreeman mit drin?
Und wieder klingelt sein Handy. Es ist Linda. Sie hat erfahren, dass sich ein Polizeiauto vor dem Reservat postiert hat.
„Sie observieren dich“, sagt Tommy.
„Bleib ruhig und verlass das Reservat nur, wenn du unbedingt musst. Gib ihnen nicht noch mehr Grund, misstrauisch zu werden.“
„Woher weißt du das?“
„Linda, bitte frag nicht. Ich weiß es.“
„Was passiert jetzt?“
Es entsteht eine Pause, die beiden wie eine Ewigkeit erscheint. Tommy kann Linda atmen hören. Es ist ein schweres Atmen und Tommy vermutet, dass sie erneut am Rauchen ist.
„Sie wollen sehen, was du machst. Sie haben dich im Visier. Sie wissen, dass es Williams Waffe gewesen ist, mit der geschossen wurde. Er ist auf dem Präsidium in Untersuchungshaft“, sagt er schließlich und ermahnt Linda erneut, ruhig zu bleiben. Dann beenden sie das Gespräch. Tommy versucht, sich wieder auf seine Notizen zu konzentrieren. Doch er muss bald erkennen, dass er vollkommen den Faden verloren hat und so beschließt er, ein wenig herauszugehen. Er ruft Patricia an und fragt, ob sie ihm ein wenig Gesellschaft leisten wolle. Sie sagt sofort zu.
Als er den Parkplatz verlässt und über die Yellowhead Bridge fährt, wundert er sich, dass um diese Uhrzeit so wenig Autos auf der Straße unterwegs sind. Wieder versucht er, über den Fall Morrison nachzudenken, und wieder will es ihm nicht gelingen. Tommy nimmt eine der Kassetten und legt sie in den Kassettenspieler. Als er auf der Höhe des Polizeireviers ist, fallen ihm die vielen Fußgänger auf, die auf dem Bürgersteig zu seiner linken und zu seiner rechten noch unterwegs sind. Er kommt an einem nachgebildeten Tipi vorbei und hält ein paar Meter weiter am Zebrastreifen. Eine ältere Dame und eine Familie überqueren ihn gerade. Tommy nutzt die Wartezeit und sieht zum Polizeirevier rüber. Dann sieht er zur Tankstelle, die sich direkt gegenüber befindet. Tommy fällt ein Mann mit einer Basecap auf. Er steht bei den Zapfsäulen und wirkt irgendwie nervös. Tommy hat ein geschultes Auge dafür. Der Mann sieht auf die Uhr. Mit einem Mal kommt ein schwarzer Pick-Up in die Tankstelle gefahren und hält vor dem Mann mit der Basecap. Tommy sieht, wie der Mann einsteigt und dem Fahrer, der ebenfalls eine Basecap und eine Sonnenbrille trägt, einen Umschlag übergibt. Er ist groß und quadratisch, soviel kann Tommy erkennen. Auf einmal hupt ein Auto hinter ihm und Tommy fährt weiter.
Er fährt in die Siedlung am Sun Rivers Drive. Dort hält er vor einem der vielen Häuser, die wie Soldaten in Reih und Glied zu beiden Seiten der Straße Spalier stehen. Tommy parkt seinen Wagen und steigt aus. Und Patricia öffnet ihm, noch bevor Tommy die Gelegenheit hat, zu läuten.
„Hast du mich vom Fenster aus beobachtet?“, fragt er.
„Nicht ganz“, erwidert sie und bittet Tommy herein. Als sie ins Wohnzimmer gehen, sieht Tommy das Hochzeitsfoto. Es steht neben dem Bild, das er bei seinem ersten Besuch im Regal hatte stehen sehen. Er spricht sie darauf an.
„Ach, das“, sagt sie.
„Alte Erinnerungen.“
„An Sam?“
Patricia setzt sich auf das Sofa.
„Nein. An eine Zeit, in der ich nicht alleine auf dem Sofa saß.“
Wieder in seinem Hotelzimmer angekommen, legt Tommy den Zettel mit der Telefonnummer von Phillip Newton auf das Bett. Er will irgendeinen Beweis finden, der das bestätigt, was er auf den Bildern gesehen hat. Er wählt die Nummer von Newton. Und hält inne. Dann drückt er auf Grün.
„Newton, wer ist da?“, meldet sich eine Stimme nach kurzer Zeit. Erst jetzt fragt Tommy sich, woher Francis die Telefonnummer hatte.
„Sie kennen mich nicht, aber ich habe private Ermittlungen gegen Sie angestellt und ich weiß Bescheid“, sagt er mit verstellter Stimme.
„Da müssen Sie sich verwählt haben, junger Mann.“
„Dick Morrison.“
Am anderen Ende entsteht eine Pause und Tommy weiß, dass er jetzt die volle Aufmerksamkeit des Mannes am anderen Ende hat.
„Ich weiß alles und wenn Sie nicht wollen, dass ich zur Polizei gehe, verlange ich eine halbe Million Dollar.“
Es dauert eine Weile, bis der Mann am anderen Ende seine Sprache wiedergefunden hat.
„Das kann ja jeder behaupten.“
„Sie und Ihre Behörde haben damals dafür gesorgt, dass Morrison für einen Mord hinter Gitter kommt, den er gar nicht begangen hat. Und Ihr Freund, Richter McFreeman, hat dann dafür gesorgt, dass er verurteilt wird. Ach ja, und nicht zu vergessen, die ganzen Unterlagen, die gefälscht wurden. Und die Beweise …“
Tommy weiß, dass er mit dieser Behauptung ein großes Risiko eingeht. Doch er fühlt sich sicher genug, einen Bluff zu riskieren.
„Wer sind Sie?“, fragt Phillip Newton.
„Ich sagte Ihnen doch, ich bin Geschäftsmann“, entgegnet Tommy.
„Hören Sie, am besten Sie legen jetzt auf, bevor es zu spät ist.“
„Wir können es ganz privat regeln. Unter uns, oder ich gehe zu den Bullen und zeige Ihnen, was ich über die Jahre gesammelt habe, denn eines ist sicher, Mister: Die heutige Polizei wird sehr viel genauer hinsehen als noch zu Ihren Zeiten. Ich kenne Leute und Wege, um mir meine Informationen zu beschaffen, Mister Newton und ich versichere Ihnen, ich bin schon lange genug dabei, um zu wissen, wie das läuft. Ich spaziere ins Polizeirevier und lege meine Unterlagen auf einen der Schreibtische. Niemand wird wissen, wer ich bin. Und wissen Sie, warum? Weil ich mich in Gegensatz zu Ihnen im Verborgenen aufhalte und andere das aufräumen lasse, was über die Jahre schiefgelaufen ist.“
Wieder eine Pause.
„Wo treffen wir uns?“
Tommy überlegt kurz. Es muss ein Ort sein, an dem er ihn beobachten kann, ohne selber aufzufliegen.
„Kennen Sie die Tankstelle an der Victoria Street?“
„Ja.“
„Kommen Sie übermorgen Punkt sechzehn Uhr dorthin. Und verspäten Sie sich nicht. Sonst gehe ich zur Polizei.“
Dann legt er auf. Tommy atmet tief durch. Er hofft, dass er seine Grenzen nicht überschritten hat. Er wird sicherheitshalber Edwin anrufen und ihn fragen, ob dieser Zeit hat, ihm zu begleiten. Tommy ist bewusst, dass dieses Unterfangen nicht ohne Risiko sein wird. Ihm ist auch bewusst, dass Newton nicht so töricht sein wird, darauf einzugehen. Entweder wird er mit seinen Männern dort auftauchen oder, was er auch für nicht ausgeschlossen hält, er wird nur seine Männer schicken. In jedem Fall muss Tommy vorsichtig sein. Doch er vertraut auf seiner jahrelangen Erfahrung bei der Polizei.
Draußen beginnt es allmählich dunkel zu werden und Tommy bekommt Hunger. Erst jetzt merkt er, dass er außer einem Kaffee am Morgen nichts zu sich genommen hat. Zu sehr ist er mit dem Fall Morrison beschäftigt gewesen und zu sehr kreisten seine Gedanken um Linda, die im Reservat unter Beobachtung steht. Tommy verlässt das Hotelzimmer und geht zu seinen Wagen. Eine leichte Brise schlägt ihm ins Gesicht. Und wieder ist er in Gedanken im Reservat. Er denkt das erste Mal seit Wochen wieder an die Ohrfeige.
Doch dieses Mal ist er mit sich im Reinen. Er biegt in den Yellowhead Highway ein und fährt in Richtung Stadt. Und während er durch die Straßen fährt, denkt er das erste Mal, seit er in Kamloops ist, dass er das Richtige tut.
Sie treffen Miller an der 6th Avenue vor der St. Andrew's Presbyterian Church.
„Das ist ja wie beim Geheimdienst“, sagt Edwin. Tommy muss lachen.
„Vielleicht gibt es ja gute Gründe dafür. Immerhin gibt es eine Leiche und einen Richter, der darin verwickelt ist“, erwidert er und erzählt Edwin von seinem Telefonat mit Newton.
„Du hast dich nicht wirklich als Erpresser ausgegeben.“
„Doch.“
Es ist ein Samstag und die Sonne scheint. Auf der Straße sind viele Menschen unterwegs, mehrheitlich Familien. Tommy und Edwin sitzen seit ungefähr zwanzig Minuten bei offenem Fenster und leiser Musik aus dem Kassettenspieler im Auto und warten. Miller hatte am Telefon gesagt, dass es sein könne, dass er noch nicht da wäre, wenn die beiden kämen.
„Und was hat er gesagt?“
Tommy sucht mit seinem Blick die Straße ab. Eugene Miller sagte, er trüge ein schwarzes T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans.
„Wir treffen uns an der Petro-Canada, an der Victoria Street. Ich könnte Verstärkung gebrauchen.“
Mit einem Mal fällt Edwins Blick auf einen Mann, der vom Aussehen her Eugene Miller sein könnte. Er steuert direkt auf die beiden zu. Tommy blinkt zweimal kurz mit dem Fernlicht und der Mann steigt ein.
„Fahren Sie los“, sagt er. Tommy fährt die Straße entlang, bis zur Victoria Street, dann folgt er ihr, bis diese in die Battle Street übergeht.
„Ich habe mir von einem Freund die Tatortfotos besorgen lassen. Ein Paar der Unterlagen sind auch dabei“, sagt Miller und übergibt Edwin ein Päckchen. Dieser lässt es im Handschuhfach verschwinden.
„Wissen Sie, wer alles in den Fall verwickelt ist?“, fragt Tommy.
„Nein, ich weiß nur, dass die ganze Sache viel größer ist, als ich anfangs angenommen hatte“, entgegnet Miller.
„Größer?“, fragt Edwin.
„Der Richter, der Morrison verurteilt hat, soll da auch mit drin stecken. Vielleicht steckt sogar mehr dahinter.“
„Woher haben Sie das?“, fragt Tommy.
„Von einer anonymen Quelle. Sie ist zuverlässig. Aber bitte fragen Sie nicht weiter.“
„Und wieso hat niemand etwas davon bemerkt?“
Irgendwann bittet Miller darum, herausgelassen zu werden. Tommy hält an und Eugene öffnet die Autotür. Doch er bleibt noch sitzen.
„Das sind sehr mächtige Leute. Sie belohnen Loyalität und zahlen sehr viel, wenn man den Mund hält“, sagt er und steigt aus. Tommy beobachtet Miller im Rückspiegel. Er sieht, wie er sich alle paar Meter umguckt und denkt darüber nach, ihn nach Hause zu fahren.
„Tommy.“
Tommy sieht seinen Beifahrer an. Miller ruft ein Taxi, das gerade die Straße entlanggefahren kommt und steigt ein. Dann fährt auch Tommy weiter.
„Was machen wir jetzt?“
„Beweise sammeln“, antwortet er.
„Willst du den Fall wieder aufrollen? Du weißt, ich würde es begrüßen.“
„Ja“, erwidert Tommy und fährt Edwin zum Polizeirevier.
Auf dem Parkplatz des Hotels kann Tommy seine Neugierde nicht mehr zurückhalten. Er greift in das Handschuhfach und holt das Päckchen heraus. Tommy lässt seinen Blick noch einmal über den Parkplatz schweifen. Es ist niemand zu sehen. Er öffnet es und nimmt den Inhalt heraus. Und wieder schweift sein Blick über den Parkplatz.
Eugene Miller hat, wie angekündigt, die Fotos und einige der Unterlagen aus der Ermittlung besorgt. Doch diese sind wenig aussagekräftig. Tommy selbst hat sehr oft Berichte schreiben müssen. Er weiß, was in einem solchen Bericht drinzustehen hat. Er weiß auch, was alles nötig ist, um jemanden mit einem solchen Bericht anzuklagen. Zum einen müssen gewisse Organe bei der Polizei in die Geschichte verstrickt sein. Es muss jemanden geben, der diesen Bericht schreibt und jemanden, der ihn absegnet. Und das kann nur die Staatsanwaltschaft. Eugene deutete an, dass die Sache vielleicht größer sein könnte. Aber wen müsste man alles kaufen, um so eine Sache durchzuziehen? Vielleicht war ja die gesamte Behörde auf die ein oder andere Weise darin verwickelt. Nicht, weil sie direkt mit den kriminellen Machenschaften von Phillip Newton in Verbindung standen. Vielleicht haben sie sich durch irgendetwas erpressbar gemacht. Tommy kann sich nicht vorstellen, dass alle auf die gleiche Weise etwas mit der Sache zu tun haben sollen.
Wieder sieht er auf den Parkplatz. Ein Pärchen überquert ihn gerade. Tommy legt die Fotos und die Berichte in das Päckchen zurück und versteckt es unter seiner Jacke. Dann geht er auf sein Zimmer. Dort verstaut er das Päckchen in einen seiner Koffer und setzt sich vor seinen Laptop. Er gibt den Namen „Nelson McFreeman“ in die Suchmaschine ein, als sein Handy klingelt. Es ist erneut Edwin. Er hat erfahren, dass man einen weiteren Teilnehmer aus der Gruppensitzung befragt hat. Dieser sagte aus, Linda habe in den Sitzungen mehrere Male erwähnt, sie würde verstehen, weshalb Menschen zu Mörder werden.
„Das bedeutet gar nichts“, sagt Tommy.
„Tommy, der Mann ist tot! Du bist Polizist. Du weißt …“ - Edwin unterbricht sich. Tommy kann ihn mit einem Kollegen reden hören. Dann raunt er ins Telefon: „Du weißt genauso gut wie ich, dass das ein Grund ist, Linda noch einmal zu befragen. Ein Team ist bereits zu ihr unterwegs.“
„Was weiß man noch?“
„Tut mir leid, ich muss Schluss machen. Wenn ich mehr weiß, wirst du es rechtzeitig erfahren“, sagt Edwin und legt auf. Tommy fragt sich, wie lange es wohl dauern mag. Wann kommt der Moment, der ihn und Linda in den Abgrund stürzen lässt?
wie ein renommierter Richter seine Karriere riskierte
Tommy hat sich wieder an den Fall gesetzt. Er findet andere Artikel, die von privaten Partys und Sexorgien berichten, an denen der Richter vor sehr vielen Jahren teilgenommen oder die er selber organisiert haben soll, um die Gunst bestimmter Menschen zu gewinnen und sie dazu zu bringen, nicht gegen ihn vorzugehen. Eine der Damen, die offenbar auf diesen Sexpartys gewesen ist, war Nicole Ryder. Tommy sucht nach „Nicole Ryder Sexparty“ und wird fündig. Der Richter, Nelson McFreeman, hat anscheinend wirklich Sexpartys organisiert und sich dadurch bestimmte Menschen zu Freunden gemacht. Das vermuten jedenfalls ein paar Zeitungen. Tommy denkt an die Fotos, auf denen Richter McFreeman gemeinsam mit Philip Newton zu sehen gewesen ist. Er sieht sich die Bilder noch einmal genauer an. Einige zeigen den Richter bei öffentlichen Veranstaltungen, andere wiederum in Robe und Richterhammer. Tommy scrollt sich durch die Bilder und stößt immer wieder auf die, einer jungen Frau, und er vermutet, dass es sich bei dieser Dame um diese Nicole Ryder handeln muss. Sie hat künstliche Lippen und einen großen, unnatürlichen Busen. Und unter einem ihrer Bilder steht tatsächlich ihr Name.
Erneut klingelt sein Handy. Tommy kommt der Gedanke, dass sein Handy in seinem ganzen Leben noch nie so häufig geklingelt hat.
„Ja.“
„Tommy? Hier ist Wynona Harris“, meldet sich die Frauenstimme am anderen Ende.
„Ich habe gerade Zeit. Ich kann vorbeikommen und Ihnen die Unterlagen bringen.“
Tommy erhebt sich und geht an seinen Koffer. Er nimmt das Päckchen heraus und breitet den Inhalt auf seinem Bett aus.
„Ja. Ich bin hier.“
Dann fragt er, ob Wynona Harris etwas über die Gerichtsverhandlung wisse, oder ob sie ihm zumindest ein paar Namen nennen könne.
„Was brauchen Sie?“
„Ich brauche die Namen der Geschworenen und des Anwalts von Morison. Und ich muss wissen, weshalb er keinen eigenen hatte. Außerdem muss ich wissen, wer alles in der Sache mit drin steckte“, erwidert er. Es entsteht eine Pause. Tommy nimmt einen der Berichte und überfliegt ihn.
„Sie klingen ja wie ein Detektiv“, sagt Harris schließlich und verspricht, sich darum zu kümmern. Nach dem Gespräch setzt Tommy sich wieder vor den Laptop. Er findet weitere Artikel, aber keinen, der ihn wirklich weiterbringt. Er hat sowieso genug erfahren. Tommy versucht sich einen Plan zurechtzulegen, wie er am besten vorgehen soll. Als Erstes muss er diese Nicole Ryder finden. Dann muss er unbedingt mit Oliver Mayer sprechen, dem Reporter, der über die Gerichtsverhandlung geschrieben hat. Und er muss wissen, wie weit das kriminelle Netzwerk um Philip Newton und Nelson McFreeman reicht. Tommy macht sich auf einem weiteren Stück Klopapier Notizen und steckt diese in seine Hosentasche. Dann fährt er seinen Laptop herunter und beschließt, in ein Restaurant zu gehen.
An diesen bewölktem Nachmittag machen sich zwei Beamte auf den Weg ins Reservat. Sie biegen in den Sun Ridge Court und halten unweit von Lindas Haus. Während einer der Beamten unten vor den Stufen wartet, klopft der andere an Lindas Tür.
„Ihr schon wieder?“, begrüßt sie den Beamten, der vor ihr steht. Der Polizist fragt, ob er hereinkommen könne und kommt direkt zur Sache.
„Sie haben damals mehrere Male erwähnt, sie würden verstehen, weshalb Menschen zu Mörder werden.“
Linda seufzt.
„Ja, das habe ich. Aber so haben viele gedacht.“
Der Beamte sieht sich im Haus um.
„Aber wir fragen Sie. Haben Sie den Priester ermordet?“
Der Beamte, der draußen steht, sieht seinen Kollegen mit einem mahnendem Blick an.
„Nein, ich bin die ganze Zeit hier gewesen.“
„Hier?“
„Ja. Hier.“
Die beiden Polizisten wechseln einen langen Blick miteinander.
„Sie haben doch ausgesagt, sie wären dort drüben gewesen. Weil Sie sich nicht wohlfühlten.“
Für ein paar Sekunden hat Linda das Gefühl, ihr Herz würde jeden Moment stehen bleiben. Es vergehen Sekunden. Sekunden, in denen sie wie vom Donner gerührt dasteht. Sekunden, die sie mit jeder weiteren, die vergeht, nur verdächtiger machen.
„Ja, das stimmt auch. Aber danach bin ich wieder hierhin gekommen“, sagt sie schließlich. Wieder wechseln die zwei Beamte einen langen Blick miteinander.
„Und wieso haben Sie das nicht genauso gesagt?“, fragt der Polizist. Linda steckt sich eine Zigarette an.
„Gehen Sie.“
„Miss Shirley. Glauben Sie nicht, es ist Zeit für die Wahrheit?“
„Sie sollen gehen.“
Mit einem letzten Blick auf Linda verlässt der Beamte das Haus wieder. Sein Kollege hatte draußen gewartet, doch er hat das Gespräch mitverfolgt.
„Jetzt brauchen wir nur noch den Beweis“, sagt er. Unterdessen raucht Linda die Zigarette zu Ende und steckt sich eine neue an. Sie atmet den Rauch ganz tief in ihre Lungen. Ihre Hände zittern leicht und sie geht an das kleine Fenster. Das Polizeiauto verlässt gerade ihr Grundstück. Linda raucht auch diese Zigarette zu Ende und greift nach der nächsten. Doch dieses Mal ist sie so nervös, dass sie nicht in der Lage ist, sie anzustecken. Nach dem zehnten Versuch gibt sie es auf und setzt sich auf das Sofa. Sie nimmt ihr Handy und sucht in ihren Kontakten den Namen „Tommy“. Doch sie zögert. Was soll sie ihm sagen? Und wie soll er ihr helfen? Linda steckt ihr Handy wieder weg und versucht erneut, die Zigarette anzuzünden. Dieses Mal klappt es.
Miss Shirley. Glauben Sie nicht, es ist Zeit für die Wahrheit?
Linda lehnt sich zurück und schließt die Augen.
Hat es sich wenigstens gelohnt?
Für sie persönlich hat es sich gelohnt, den Priester zu töten. Sie hatte die Angst in seinen Augen gesehen, als Linda mit der Waffe in der Hand über ihm gestanden hat. Sie wollte den Moment des Entsetzens dieses Mannes genießen. Wenigstens für ein paar Sekunden. Dann tötete sie ihn.
Es muss frustrierend sein, dass der Mann, der Ihnen das angetan hat, lediglich nur in eine andere Kirche versetzt wurde.
Und ging. Das war’s. Linda raucht die Zigarette bis auf den Orange-bräunlichen Filter zu Ende und entsorgt diese in ihrem Glasgefäß, den sie seit Jahren als Aschenbecher benutzt.
Hat er dir von Pater Gordon erzählt?
Linda hat es nie jemanden gesagt, nicht einmal in den Gruppensitzungen. Immer wenn sie früher im Bett gelegen hat und nicht schlafen konnte, oder auch ganz früher an diesen fremden Ort, da dachte sie: Was, wenn es eine normale Welt gäbe? Eine Welt, in der nicht so etwas passiert. Linda versucht, sich an jene Zeit zu erinnern; nicht, um sich zu quälen, sondern um diese Zeit aus ihrer heutigen Sichtweise zu betrachten. Es hat Dinge gegeben, die sie nie verstanden hat. Geheimnisse, die im Verborgenen blieben, und doch für sie alle sichtbar waren. Später erfuhr Linda von Babys, die im Brennofen lebendig verbrannt wurden und von anderen Grausamkeiten.
Linda steckt sich ihre dritte Zigarette an. Eigentlich hat sie sich am Vormittag schon zwei Kippen gegönnt, doch es ist ihre dritte in den letzten zwanzig Minuten. Linda atmet erneut den Rauch tief in ihre Lungen ein und stößt ihn langsam wieder aus. Sie sieht, wie er im Schein der Sonnenstrahlen schwer und träge in der Luft hängt und sie denkt an eine alte Bar, irgendwo in einer kleinen Stadt; so wie man alte Bars aus noch älteren Western kennt: Die Luft, gesäumt von Tabak und der Geruch von Whiskey liegt in der Luft. Auf einmal denkt sie an Sam. Es hat tatsächlich eine Zeit gegeben, in der er sich in den dunkelsten Ecken von solchen Bars herumgetrieben hat. Linda hat ihn oft von dort abholen müssen. Zu der Zeit ist sie noch im Besitz eines Autos gewesen. Sam hat einmal gesagt, Linda habe ihn nie verstanden. Er sagte, durch ihre Geschichte wäre es verständlich, dass sie nicht nachvollziehen könne, dass es manchmal nicht viel braucht, um den Halt zu verlieren und es stimmte, Linda hatte ihm insgeheim nie verstanden. Das gestand sie ihm allerdings erst, als Sam schon einige Jahre trocken war. Doch es ist dieser Gegensatz, der sie zu Freunden machte. Es ist aber auch die Tatsache, dass sie sich in einer Zeit begegneten, als sie beide Hilfe brauchten. Irgendjemand hatte mal gesagt, es hätten sich die zwei Richtigen gefunden. Es ist ein Scherz gewesen, doch Linda hat sich oft gefragt, wie ihre Leben wohl verlaufen wären, wenn sich ihre Wege nicht in dieser alles entscheidenden Zeit gekreuzt hätten.
Sam sieht sie ungläubig an.
„Du hast was?“
Linda rauft sich die Haare und setzt sich an den kleinen Tisch.
„Ich bringe alles durcheinander. Ich bin nicht gut in sowas“, sagt sie. Sam setzt sich auf den anderen Stuhl und versucht, Linda zu beschwichtigen; doch sie ist völlig aufgelöst.
„Wenn sie etwas Handfestes gegen dich in der Hand hätten, dann würdest du jetzt nicht hier sitzen. Das bedeutet aber auch, dass sie mit Nachdruck nach etwas Handfestem suchen werden.“
Linda schlägt vor, irgendwo eine Auszeit zu nehmen; doch Sam erwidert, das wäre etwas, dass sie sich jetzt auf keinen Fall erlauben dürfte.
„Bleib ruhig!“, sagt Sam.
„Wir machen nichts. Du machst nichts. Lass uns erst einmal überlegen, wie wir weiter vorgehen.“
Linda springt auf und läuft im kleinen Wohnzimmer auf und ab.
„Überlegen!? Ich habe mich verraten. Da gibt es nichts zu überlegen!“
Sam erhebt sich ebenfalls und dreht Linda zu sich. Diese wehrt ihm jedoch ab.
„Was würde der Gangster machen?“, fragt sie und sieht Sam fest in die Augen.
„Dinge, zu denen du und ich nicht in der Lage wären“, erwidert er. Linda atmet schwer.
„Was für Dinge?“
„Bestechung, Mord … solche Sachen. Linda, lass es. Wir schaffen das. Ich weiß nicht wie, aber wir schaffen das“, sagt Sam. Jetzt lässt sich Linda doch von ihm in die Arme nehmen. Es sind seltene Momente, die Sam aber zeigen, dass Linda verzweifelt ist. Er blickt sie eindringlich an. Dann berühren sich ihre Nasenspitzen. Linda öffnet den Mund, um zu protestieren, doch Sam drückt ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Dann halten sie sich einfach nur im Arm.
„Wir schaffen das“, flüstert er. Doch Linda schüttelt den Kopf und löst sich aus seiner Umarmung.
„Nein.“
Mit diesen Worten verlässt sie sein Haus und kehrt in ihr eigenes zurück.
Es sind viele Menschen unterwegs, als Tommy zwei Stunden vor der vereinbarten Zeit vor der Tankstelle, an der Sant Paul Street, hält. Er parkt seinen Wagen so, dass er sowohl die Tankstelle als auch die Telefonzelle, die direkt neben der Petro-Canada steht, gut im Blick hat. Dann wartet er. Tommy hat heute Morgen bei Edwin angerufen und gefragt, ob dieser mitwolle. Doch er hat so viel zu tun, dass er Tommy bat, ihn nicht mehr während des Tages anzurufen. Also ist Tommy alleine gefahren. Was er nicht ahnt: Er selbst steht schon eine ganze Weile unter Beobachtung. Denn ein paar Autos hinter ihm steht ein unscheinbarer blauer Opel. Und in diesem Opel sitzen zwei Männer. Einer von ihnen steigt aus und überquert die Straße, während der andere im Wagen bleibt. Der Mann steuert direkt auf Tommys altes Auto zu und setzt sich auf den Rücksitz. Tommy sieht ihn überrascht an.
„So, mein Freund“, sagt der Mann. „Jetzt hör mir genau zu: Wir wissen, wer du bist. Wir haben dich beobachtet und wir wissen, dass das hier nicht dein Fall ist. Also, solltest du uns noch einmal in die Quere kommen …“, - er zieht eine Waffe aus seiner Jacke und hält sie Tommy gut sichtbar hin - „… Wird unsere nächste Begegnung nicht so friedlich enden.“ Der Mann legt einen Umschlag auf den Beifahrersitz und steigt aus. Es sind Fotos. Diese Männer haben Tommy anscheinend über längere Zeit beobachtet. Mit einem Mal muss er an den Mann mit der Basecap denken. Tommy sieht sich den Umschlag genauer an. Auch dieser ist groß und quadratisch; aber er kann nicht sagen, ob es sich um einen und denselben Umschlag handelt. Doch Tommy fragt sich, wieso jemand das Risiko eingehen sollte, eine Übergabe gegenüber einer Polizeistation zu machen. Und in der nächsten Sekunde muss er über sich selber lachen. Er hat sich eine Kneipe als Übergabeort vorgestellt. Irgendeine dunkle Gegend, wo keiner hinschaut. Tommy lässt den Motor an und biegt in die 10th Avenue ein. Von dort aus fährt er auf die Columbia Street. Ihr folgt er eine Weile. Dann kommen noch ein paar Straßen und irgendwann steht er vor seinem Hotel. Doch statt auf den Parkplatz zu fahren, überquert er die Yellowhead Bridge und biegt erneut in den Sun Rivers Drive. Patricia öffnet ihm wieder kaum, dass er vor ihrer Tür steht. Doch dieses Mal bleibt Tommy länger. Erst spät am Abend fährt er ins Hotel zurück, und es wird noch länger dauern, bis er schlafen kann.
Virgil wird deutlich, als er Tommy in das Polizeirevier bestellt. Sie kämen mit den Ermittlungen besser voran als vorher. Daher habe er sich entschieden, eine Ermittlung gegen Tommy einzuleiten.
„Haben Sie dazu noch etwas zu sagen, Logan?“
Tommy sieht erneut auf den Schreibtisch. Als würde er dort eine Antwort finden.
„Ich werde Kanada verlassen. Im Gegenzug werden Sie nicht gegen mich ermitteln“, antwortet er. Virgil sieht ihm prüfend an.
„Tatsächlich?“
„Sie haben mein Wort.“
Virgil kommt auf ihm zu. Tommy redet sich ein, er habe diesen wissenden Blick. Virgil weiß, was Tommy verbirgt, oder wenigstens vermutet er es.
„Was würde herauskommen, wenn ich gegen Sie ermitteln würde?“, fragt er. Fast genauso wie er damals gefragt hat. Doch dieses Mal schafft Tommy es, seinem Gegenüber die ganze Zeit über in die Augen zu sehen. Virgil seufzt.
„Also gut, Logan. Sie haben einen Tag. Und sollte ich feststellen, dass Sie sich immer noch hier aufhalten, war’s das! Verstanden?“
„Danke“, erwidert Tommy und verlässt das Büro. Die anderen Polizeibeamten sehen ihn nur nach, als Tommy in Richtung Ausgang geht. Draußen wird er von Edwin abgepasst.
„Was hat er gesagt?“
„Was machst du hier?“
Doch Edwin sagt, er habe eigentlich keine Zeit, um sich zu unterhalten. Er wolle ihn nur kurz sprechen.
„Ich habe vorgeschlagen, Kanada zu verlassen. Er hat es akzeptiert“, sagt Tommy. Eine kurze Pause entsteht.
„Ist das dein Ernst?“
„Ich hole im Hotel meine Sachen. Aber wenn ich an diesen Fall weiter ermitteln soll, muss ich irgendwo unterkommen. Ich kann mir kein Hotel mehr nehmen.“
Edwin drückt Tommy seinen Haustürschlüssel in die Hand.
„Die Adresse kennst du ja“, sagt er und läuft ins Polizeirevier. Tommy steckt den Schlüssel ein und fährt ins Riverland Inn & Suites. Dort angekommen, holt er seinen Koffer und beginnt, seine paar Sachen zusammenzupacken. Tommy nimmt nie viel mit. Er hat seine paar Klamotten, deren Anzahl sich, je nach Dauer seines Aufenthaltes, mal mehr oder weniger verändert, er hat seinen Laptop, der immer dabei sein muss und er hat seine Kassetten, die auch auf keiner seiner Reisen fehlen dürfen, auch wenn er sie schon alle tausendmal gehört hat.
Tommy faltet seine Hemden, T-Shirts, Unterhosen und Socken mit einer solchen Geschwindigkeit, dass er in wenigen Minuten fertig ist. Er hat sich die meisten seiner Hemden selbst bedrucken lassen, wobei er das Design jedes Mal eigenhändig gestaltet. Jedes seiner Hemden ist ein Unikat. Bei ihm sind keine Traumfänger oder Federn abgebildet; Tommy hat Abbildungen von Büffeln auf seinen Hemden, Adler, die mit gespreizten Flügeln den Betrachter ansehen und Szenen aus Büffel jagten, inspiriert durch steinzeitliche Höhlenmalereien.
Als Tommy alles in seinen Koffer gepackt hat, gibt er die Zimmerkarte ab. Man fragt ihm, ob er schon abreisen wolle. Tommy hat absolut keine Lust, dem Mann die Gründe zu nennen und sagt deshalb nur, es habe ihm dennoch sehr gut gefallen. Er verstaut seinen Koffer im Kofferraum und verlässt den Parkplatz des Riverland Inn & Suites.
Nora sieht ihn überrascht an, als Tommy mit einem Mal in ihrer Küche steht. Sie ist gerade dabei, etwas zu kochen.
„Entschuldigen Sie diesen plötzlichen Überfall, aber es ist etwas passiert, wodurch ich kurzfristig umplanen musste.“
Nora, einen halben Kopf kleiner als Tommy, zierlich und die Haare hochgesteckt, weiß noch immer nicht, was sie sagen soll. Deshalb versucht Tommy es erneut. „Ihr Mann, Edwin, sagte, ich könne bei Ihnen unterkommen.“
„Hat er das?“, fragt die Frau. Tommy sieht zu Boden, wie ein Schuljunge, der von seinem Lehrer eine Standpauke bekommt.
„Nun ja, er hat es nicht gesagt. Er gab mir diesen hier. Ich bin also nicht eingebrochen“, sagt Tommy und legt den Hausschlüssel auf den Küchentisch. Nora verschränkt die Arme vor der Brust.
„Ich hielt es ebenfalls für eine gute Idee“, beeilt Tommy sich zu sagen. Die Frau schüttelt verständnislos den Kopf.
„Haben Sie irgendetwas dabei?“, fragt sie.
„Nein, nichts.“
Doch Nora kauft ihm das nicht ab.
„Sie sind ein grauenhafter Lügner“, sagt sie. Tommy entschuldigt sich und tritt einen Schritt zurück.
„Jetzt machen Sie mal halblang und stehen nicht da, wie ein geprügelter Hund, obwohl ich ein ernstes Wörtchen mit meinem Mann reden muss. Genauso hat sich unser Sohn benommen, als er achtzehn war. Sein Vater ist kein Stück besser“, erwidert Nora. Tommy bedankt sich und lächelt höflich.
„Sie haben einen Sohn?“
„Und eine Tochter. Sind beide aus dem Haus. Aber denken Sie bloß nicht, wir würden die zwei ab und zu mal zu Gesicht bekommen.“
„Ist sicher nicht leicht“, meint Tommy. Die Frau bietet ihm einen Stuhl an.
„Tja, mit so einem Mann …“, lächelt sie.
„Ich muss gestehen, ich bin auch nicht ganz unschuldig“, entgegnet Tommy und setzt sich. Die Frau bietet ihm ein Bier an. Tommy nimmt das Angebot an und sie unterhalten sich über Familie, den Fall des Priesters und über Dinge, die weder Tommy noch Nora besonders interessieren.
Das IPLD, die Indigenous People Land Defender, sind eine Gruppe junger Aktivisten, die sich 2021, kurz nach den Leichenfunden, gegründet haben. Es sind Männer und Frauen aus den unterschiedlichsten Teilen des Landes, die sich alle den berühmten AIM, dem American Indian Movement, zum Vorbild genommen haben. Diese Gruppe allerdings, hat es sich auf die Fahne geschrieben, vollkommen ohne die typischen Auseinandersetzungen des American Indian Movement auszukommen. Doch als die etwa achtzig Männer und Frauen des IPLD die Yelowhead Bridge überqueren, verwundert es kaum, dass sich viele, wie sie der Presse später mitteilten, an die Besetzung am Wounded knee erinnert fühlten.
An diesen Morgen, Tommy ist schon fast eine Woche bei Edwin und Virgil und seine Einheit haben bereits ein paar kleine Erfolge im Fall des getöteten Priesters zu vermelden, besetzen die Leute des IPLD das Gelände der ehemaligen Kamloops Indian Residential School. Sie bringen Essen, Getränke, Trommeln und die örtliche Presse mit und erklären, es sei eine Besetzung des Gedenkens.
Tommy verfolgt die Geschehnisse im Fernsehen. Er sieht, wie ein Convoy die Yellowhead Bridge überquert und an der ehemaligen Residential School halt macht. Diese Meldung ist einigen Nachrichtensendern sogar eine Sondersendung wert. Tommy sitzt seit Beginn der Sendung vor dem Fernseher und ist bereits bei seinem dritten Kaffee. Die Korrespondenten berichten von einer friedlichen Aktion.
„Die Teilnehmer sind gerade eingetroffen, hier auf dem Gelände der ehemaligen Kamloops Indian Residential School. Sie bauen ihre Tipis, Campingzelte und Schlafsäcke auf und bereiten sich auf mehrere Tage vor. Auch die Behörden sind im Einsatz. Dennoch ist davon auszugehen, dass sie erst einmal nur beobachten werden, um, sollte es zum Ernstfall kommen, rechtzeitig eingreifen zu können.“
Doch die Situation bleibt ruhig. Die Leute trommeln, es gibt wiederum andere, die Gitarren dabeihaben und Folk oder andere Lieder zum Besten geben. Es gibt Reden und Tänze und je später es wird, desto mehr Leute überqueren die Yellowhead Bridge.
Gegen sechzehn Uhr fünfundvierzig sind es bereits an die 200 Menschen. Die Polizeistation am Powvow Trail hat nicht genügend Kapazitäten, um der Menge Herr zu werden und ordert deswegen Verstärkung aus der Stadt an. Der Anblick der dazu gestoßenen Polizeibeamten veranlasst manch einen Teilnehmer dazu, die Nerven zu verlieren, doch allen in allem bleibt die Lage weites gehend friedlich. Im Hause Klein verfolgt man unterdessen die Geschehnisse noch immer mit großem Interesse. Tommy sitzt vor dem Fernseher und macht nebenbei ein paar Bemerkungen. Edwin wurde auf das ehemalige Gelände gerufen. Sie bräuchten dort jeden verfügbaren Mann.
„Haltet doch wenigstens einen Mindestabstand ein, Kollegen“, sagt Tommy gerade. Nora sieht ebenfalls fern und ist genauso interessiert wie Tommy. Dann wird die Liveschalte unterbrochen. Der Sprecher sagt, sie würden wieder an den Ort des Geschehens schalten, wenn es neue Bilder gäbe. Tommy schaltet den Fernseher ab und geht an den Kühlschrank. Er nimmt ein Bier heraus und setzt sich wieder zu Nora ins Wohnzimmer.
„Na ja. Dann halt nicht“, sagt er. Nora lehnt sich im Sessel zurück.
„Edwin hat mir ein bisschen was über Sie erzählt, Mister Logan.“
„Tommy.“
„Er sagte, Sie hätten eine merkwürdige Art an sich.“
Tommy lächelt. Es ist etwas, dass man ihn schon sehr oft zum Vorwurf gemacht hat. Doch inzwischen hat er sich damit abgefunden.
„Das hat er gesagt?“
„Ja.“
Tommy trinkt einen Schluck.
„Sie glauben gar nicht, wie oft ich mir schon vorgenommen habe, mich zu ändern. Ich denke, es steckt in mir drin und egal wie sehr ich auch versuche, es anders zu machen, ich falle immer wieder in dieselben Verhaltensmuster zurück“, erwidert er.
Nora sieht ihn an.
„Manchmal ist es das, was einen Menschen ausmacht.“
Tommy denkt darüber nach. Er hat seine Persönlichkeit nie als eine merkwürdige Eigenschaft betrachtet.
„Vielleicht.“
Am Abend kochen sie gemeinsam. Tommy macht eine schöne, deftige Fleischsauce und kümmert sich um die Beilagen, während Nora die Haxe noch einmal übergießt. Da sie beide nicht wissen, ob Edwin noch kommen wird, lassen sie die Reste auf den Herd stehen. Tommy fragt sich, was wohl gerade im Erinnerungscamp los ist. Und inwieweit sind die Ermittlungen im Fall des Priesters vorangekommen? Nora ahnt wohl, dass Tommy irgendetwas umtreibt, sagt aber nichts. Nach dem Essen räumen sie alles in die Spülmaschine und setzen sich ins Wohnzimmer. In den Nachrichten erwähnen sie die Vorgänge kaum noch; was wohl daran liegt, dass es bereits spät am Abend ist und sich selbst die Teilnehmer im Erinnerungscamp langsam zur Ruhe legen. Nur einmal erwähnt die Nachrichtensprecherin das Camp. Um zwölf Uhr Mitternacht gehen auch Nora und Tommy zu Bett und am nächsten Tag, es ist ein Samstag, kommt Edwin übers Wochenende.
An diesen Montagmorgen klingelt Tommys Handy. Verschlafen tastet er den kleinen Nachttisch ab.
„Ja“, meldet er sich.
„Mister Logan? Wynona Harris hier. Ich wollte Ihnen die Unterlagen vorbeibringen, aber man sagte mir, Sie seien abgereist“, sagt die Stimme am anderen Ende. Tommy ist auf einmal hellwach. Er hat total vergessen, Wynona Harris zu sagen, dass er nicht mehr im Hotel wohnt.
„Das tut mir leid“, sagt er und gibt ihr seine aktuelle Adresse. Harris wirkt etwas perplex, doch Tommy fügt hinzu, es sei eine lange Geschichte und er wolle eigentlich nicht näher darauf eingehen.
„In Ordnung. Dann komm ich so gegen fünfzehn Uhr, also, nur wenn es Ihnen passt.“
Tommy bejaht. Dann legt er auf und sieht auf seine Armbanduhr. Es ist zehn. Tommy lässt sich ins Kissen zurückfallen und schließt die Augen. Doch auf einmal muss er an Linda denken. Und an Sam. Er denkt, dass er sie schon lange nicht mehr besucht hat; doch dann fällt ihm ein, dass es nicht geht. Er darf sich offiziell nicht mehr hier aufhalten. Tommy kann nur hoffen, dass es ihnen beiden gut geht.
Aus dem unteren Stockwerk dringen Geräusche in sein Zimmer. Er hört die große Kaffeemaschine. Tommy zieht sich den Schlafanzug an und greift nach dem Morgenmantel, der hinter der Tür hängt. Dann steigt er die Treppe hinunter. In der Küche ist Nora gerade am Telefonieren.
„Okay, ich verstehe. Aber ihr hättet es auch ein bisschen früher entscheiden können“, sagt sie. Tommy geht an die Kaffeemaschine.
„Wollen Sie einen?“, flüstert er in Noras Richtung. Sie schüttelt den Kopf und verlässt die Küche.
„Nein, da kann ich nicht. Sag Margret, ich …“
Tommy widmet seine Aufmerksamkeit wieder der Kaffeemaschine und wirft den alten Kaffeesatz in den Mülleimer.
„Schaffen Sie sich niemals einen Freundinnenkreis an, Tommy. Immer wenn Sie denken, Sie hätten endlich einen Termin vereinbart, fällt der nächsten ein, dass sie an dem Tag schon was vorhat“, sagt Nora mit einem Mal. Tommy sieht sich zu ihr um.
„Ich werd’s mir merken.“
„Was haben Sie noch so vor heute?“, fragt sie. Tommy füllt den Siebträger mit Kaffeepulver.
„Och, nichts von Bedeutung“, entgegnet er und rastet ihn in die Kaffeemaschine. Dann nimmt er eine Tasse und macht die Maschine an. Tommy, der ohnehin nie der gesprächigste gewesen ist, abgesehen von den Momenten, in denen er im Reservat ist oder wenn er am Morrison-Fall dran ist, braucht seinen Morgenkaffee, um richtig in den Tag zu kommen.
„Sie sind gerade aufgestanden, bitte entschuldigen Sie. Edwin ist auch so, er braucht auch erstmal einen Kaffee, ich vergesse das immer“, sagt Nora und verlässt die Küche. Der Kaffee ist inzwischen fertig und Tommy nimmt die Tasse aus der Maschine. Stark muss er sein, weshalb Tommy seinen Kaffee am liebsten immer schwarz trinkt, ohne alles.
Eine halbe Stunde später sitzt er wieder vor seinem Laptop. Er will sich über das Erinnerungscamp informieren und in Erfahrung bringen, inwieweit es Virgil und seine Einheit bei den Ermittlungen behindert. Die Anzahl der Teilnehmer ist über die Nacht noch einmal gestiegen und obwohl es noch friedlich ist, ist eine gewisse Anspannung, sowohl unter den Teilnehmern als auch unter den anwesenden Polizeibeamten, spürbar. Tommy findet Fotos und Live Videos von Teilnehmern, die den Zuschauer auffordern, ebenfalls an den Ort des Geschehens zu kommen. Den Bildern nach zu urteilen, wird es wohl dauern, bis die Polizei ihre Ermittlungen wieder wie gewohnt aufnehmen kann. Nach ungefähr zehn Minuten schaltet Tommy den Laptop aus und macht sich einen zweiten Kaffee. Unterdessen sitzt Nora vor dem Fernseher. Die elf Uhr Nachrichten haben begonnen und die erste Meldung handelt vom Camp. Eigentlich hat Tommy sich schon informiert, doch er setzt sich trotzdem zu ihr.
„Was halten Sie eigentlich von dem Ganzen?“, fragt Nora. Tommy nippt an seinen Kaffee. Er fürchtet, er könne zu viel preisgeben, wenn er sich auf ein derartiges Gespräch einlässt.
„Es muss doch schwer für Sie sein, hier ruhig sitzenzubleiben“, fährt sie fort.
„Wie ist es für Sie, wenn Ihr Mann einen Einsatz hat und Sie nichts tun können? Sie nehmen es einfach hin“, entgegnet Tommy. Gerade beginnt eine Liveschalte. Der Außenkorrespondent steht inmitten der vielen Menschen und versucht, die Eindrücke vor Ort wieder zu spiegeln.
„Dafür, dass Sie es nur so hinnehmen, sehen Sie aber genau hin.“
Gerade wird einer der Teilnehmer von dem Korrespondenten interviewt. Er verkündet, solange bleiben zu wollen, wie nötig. Auf die Frage hin, weshalb er dort sei, antwortet der Mann, er sei aus demselben Grund gekommen, wie jeder andere auch und er werde erst gehen, wenn das Ganze vorbei sei.
„Wann wird das sein?“
„Wenn alle Welt gesehen hat, was hier vorgeht.“
Um fünfzehn Uhr kommt Wynona Harris mit den Unterlagen, den Namen der Geschworenen und dem von Dick Morrisons Anwalt. Sie hat einen schwarzen Koffer dabei, der Tommy erahnen lässt, dass dies ein langer Tag werden wird.
„Haben Sie das Gerichtsgebäude geplündert?“, fragt er. Wynona lacht.
„Nein, soweit musste ich nicht gehen. Es hat mich nur ein paar schlaflose Nächte und einige Telefonate gekostet.“
Tommy bedankt sich bei ihr und sie verabschieden sich voneinander. Als er die Haustür wieder zumacht, begegnet er Noras Blick, die die zwei die ganze Zeit über beobachtet hat.
„Sehr ominös.“
„Es ist alles ganz harmlos“, erwidert Tommy. Dann fügt er ein flüchtiges „fast“ hinzu. Nora räuspert sich zum Spaß und sagt, sie müsse noch ein paar Einkäufe erledigen. Tommy erwidert daraufhin, er werde ebenfalls weggehen. Nora wird ein wenig nervös.
„Was ist das für eine Sache, in die Sie da verstrickt sind?“
„Es ist nicht, was Sie denken. Mein Treffen hat private Gründe“, beeilt sich Tommy zu sagen. Nora ahnt, worauf er hinaus will und zieht sich ihre Jacke an. Dann nimmt sie ihre Einkaufstasche und läuft an ihm vorbei.
„Viel Vergnügen. Zweitschlüssel sind in dem Schälchen am Eingang“, ruft sie Tommy zu und steigt in ihren Wagen.
„Danke“, sagt dieser kaum hörbar und nimmt den Koffer. Er versteckt ihn unter seinem Bett, nimmt die Zweitschlüssel und verlässt das Haus. Dann ruft er Patricia an. Er hat sich damals, als er mit seinem Vater hier gewesen ist, von den meisten im Reservat die Nummer geben lassen, wohl auch weil er dachte, irgendwann wieder hierherzukommen. Tommy ahnte nicht, dass ihn ausgerechnet ein Mordfall wieder hierher führen würde.
„Was ist?“, meldet sich eine Stimme am anderen Ende. Sie klingt traurig und sie klingt wie die von jemandem, der betrunken ist.
„Hier ist Tommy. Ist der Zeitpunkt gerade schlecht?“
Eine Pause entsteht.
„Was willst du?“
Tommy kann sie schniefen hören.
„Ich frage besser nicht“, sagt er.
„Nein.“
„Ich wollte eigentlich fragen, ob wir uns treffen sollen. Aber es macht nicht den Anschein, als wärst du in der Lage, in die Stadt zu kommen.“
Eine weitere Pause entsteht. Und ein weiteres Mal kann Tommy sie schniefen hören.
„Nein, ich komme gerne.“
„Du …“
„Ich frage einen Nachbarn, ob er mich fahren kann.“
Dann legt sie auf. Und ein paar Minuten später klingelt sein Handy.
„Wo treffen wir uns?“
„Am Park an der Columbia Street? Da ist doch so ein kleiner Park …“
„Der Prince Charles Park“, erwidert Patricia.
„Ich komme dahin.“
Dann legt sie ein zweites Mal auf. Tommy steigt in seinen Wagen und lässt den Motor an. Er fährt zur Battle Street und biegt dort auf die 12th Avenue. Dort parkt er seinen Wagen und steigt aus. Er überquert den großen Rasen und setzt sich auf eine freie Bank. Dort wartet er. Patricia hörte sich unglücklich an. Tommy muss an den Tag denken, an dem er bei ihr gewesen ist. Sie hatte das Hochzeitsfoto auf dem Regal stehen und sagte, sie denke an eine Zeit, in der sie nicht alleine auf dem Sofa saß.
Mit einem mal spricht ihn irgendwo ein Kind an. Tommy sieht in die Richtung, aus der die Stimme gekommen ist, und begegnet dem Blick eines etwa zehnjährigen Jungen. Er trägt eine Basecap und eine Jeans. Statt eines T-Shirts trägt der Junge ein Baseball-Trikot. Der Junge lächelt ihn an und wirft ihm einen Baseball zu. Tommy kann den Ball in letzter Sekunde fangen und wirft ihm lächelnd zurück. Es kommt öfter vor, dass Kinder, besonders Jungen, auf ihn aufmerksam werden. Der Junge pariert den Ball mit seinem Baseballschläger und der Ball fliegt im hohen Bogen an Tommy vorbei.
„Jake!“, ruft eine Frauenstimme. Der Junge sieht sich um. Hinter ihm tauchen eine Frau und ein Mann auf. Dann blickt der Junge in die Richtung, in die der Ball geflogen ist. Tommy hebt ihn auf und wirft ihn zurück.
„Danke“, sagt der Junge und rennt zu seinen Eltern. Tommy muss lächeln. Er erinnert sich an eine Situation, als er mit seinem Vater in diesem Restaurant gewesen ist. An dem Tag hatte er ihm gesagt, dass er sich umbringen würde. Tommy, sensibel wie er ist, lief wie ein kleiner Junge aus dem Restaurant. Er lief durch die Straßen und war den Tränen nahe. Das wäre die Gelegenheit gewesen, in der Tommy sich hätte bei seinem Vater für die vielen Momente entschuldigen können, die er ihm missverstanden hat. Doch er war viel zu geschockt über seine Ankündigung und hatte es vergessen. Das verfolgte ihm noch Jahre später. Tommy lief also aus dem Restaurant und blieb an einer Ampel stehen. Er wusste nicht, ob er die Straße überqueren sollte, er wusste nicht, ob er zurückgehen sollte; am liebsten hätte er sich einfach irgendwo verkrochen. Tommy weiß noch, wie ein kleines Mädchen in einem weißen Kleidchen und mit einem Haarreif ihn fragte, weshalb er traurig sei.
„Weil Erwachsene manchmal traurig sind“, hatte er geantwortet und dann liefen ihm ein paar Tränen die Wange hinab. Dann hatte das Mädchen etwas gesagt, das Tommy überraschte:
„Aber du bist doch Indianer.“
Verwirrt schaute er sie an. Dann hatte er die Mutter der Kleinen angesehen.
„Indianer weinen doch nicht“, hatte das Mädchen hinzugefügt.
„Doch“, antwortete Tommy. „Manchmal weinen selbst die.“ Tommy hatte sehr lange an diesen Moment denken müssen. Er hatte lange an dieses Mädchen in dem weißen Kleid und dem Haarreif gedacht.
Mit einem Mal kann er zwei Personen lautstark miteinander streiten hören. Eine Frau und ein Mann. Tommy erkennt Patricias Stimme. Sie klingt sehr aufgeregt und fährt ihren Begleiter an.
„Ich bin dir sehr dankbar, dass du mich gefahren hast, Herr Nachbar, aber dies ist ein privates Treffen!“, ruft sie.
„Patricia. Was geht hier vor?“
„Ich habe ihr gesagt, sie solle lieber zu Hause bleiben, aber sie hat mich bedrängt; also fuhren wir her“, sagt ihr Begleiter. Patricia trinkt einen Schluck aus der Flasche, die sie in der Hand hält. Tommy greift danach.
„Patricia.“
Diese sieht ihm in die Augen. Dann fällt sie ihm bewusstlos in die Arme.
„Was ist passiert?“, fragt Tommy.
Der Mann zuckt nur mit den Achseln. Tommy nimmt Patricia und trägt sie zu seinem Auto. Der Mann hilft ihm, sie auf den Beifahrersitz zu setzen. Patricia regt sich.
„Brauchen Sie Hilfe?“, fragt der Mann. Tommy verneint und schnallt Patricia an. Dann steigt auch er ins Auto. Als er jedoch auf direktem Wege zur Yellowhead Bridge ist, fällt ihm ein, dass man ihn sehen könnte. Doch dieses Risiko muss er wohl oder übel eingehen. Er möchte Nora keinen Ärger bereiten und so hält er Kurs auf die Brücke. Als er sie erreicht und über den Fluss fährt, sieht er von Weiten, die vielen Menschen auf der Straße stehen. Einige von ihnen halten Kerzen in den Händen, andere Plakate. Tommy kann die Trommeln von Weitem hören, die im Takt schlagen. Er hört den Gesang, der rhythmisch im Klang der Schläge angestimmt wird. Es ist kein Gesang. Es sind Gebete.
Tommy sieht die vielen Polizeibeamten, die sich ebenfalls auf der Straße versammelt haben, und hält an. Hier kommt er nicht durch. Doch wohin soll er ausweichen? Der einzige Weg zum Sun Rivers Drive führt über diese Straße. Also fährt er weiter. Die Polizisten scheinen das heranfahrende Auto nicht zu bemerken und plötzlich ist er mitten in dieser Menschenmenge. Tommy wagt kaum zu atmen. Sein Herz rast und seine Hände krallen sich an das Lenkrad. Es vergeht eine gefühlte Ewigkeit, bis Tommy in die Shuswap Road und dann in den Sun Rivers Drive einbiegt. Er sieht in den Rückspiegel, doch keiner der Polizeibeamten ist auf ihn aufmerksam geworden. Patricia murmelt vor sich hin. Tommy streichelt ihr über das lange, schwarze Haar. Dann hält er vor ihrem Haus. Er nimmt den Haustürschlüssel aus ihrer Handtasche und trägt sie hinein. Drinnen legt er sie auf das große Bett, in dem sie früher mit Sam geschlafen hatte, zieht ihr die Schuhe aus und deckt sie zu. Dann geht er ins Wohnzimmer. Auf dem Glastisch steht die Flasche Scotch, die er schonmal bei ihr gesehen hatte. Tommy sieht sich das Hochzeitsfoto an. Hat Patricia es ebenfalls angesehen, während sie trank? Bereut sie, Sam verlassen zu haben? Oder danach nicht mehr zu ihm zurückgekehrt zu sein? Tommy legt sich auf die kleine Couch und starrt an die Decke. Er bleibt, bis die Sonne hoch am Himmel steht. Es ist der Tag, an dem Tommy erkennt, dass sie beide mehr verbindet, als nur eine flüchtige Bekanntschaft.
Die Unterlagen enthalten neben dem Gesprächsprotokoll des Gerichts auch vertrauliche polizeiliche Dokumente, die belegen, dass Morrison keine Chance gehabt hatte, seine Unschuld zu beweisen. Einer der beiden Polizisten, die beim Verhör anwesend waren, hatte das Gespräch ganz gezielt in eine Richtung gelenkt, um Morrison als Schuldigen hinzustellen. Damals, als Tommy Morrison im Gefängnis traf, sagte dieser, er habe einen Anwalt verlangt. Er sagte, man habe ihm aber den Anwalt verweigert. Im Verhörprotokoll taucht aber ein weiterer Name auf. Beim genaueren Durchlesen des Papiers könnte man denken, Dick Morrison habe doch einen Rechtsbeistand erhalten. Tommy blättert die Unterlagen durch und stößt auf die Gerichtsakten. Er findet auch die Aussage von Phillip Newton. Er sagte tatsächlich aus, sie hätten damals einen Gegenstand in der Tasche des Toten gefunden. Es handelte sich wirklich um einen Zettel. Darauf hatte jemand eine Telefonnummer geschrieben. Die Nummer selber war zwar verblichen, dennoch wollte jemand einen Namen auf dem Zettel erkannt haben.
„Tommy!?“, ruft Nora auf einmal aus der Küche. Tommy schreckt hoch.
„Haben Sie Hunger!?“
„Gleich!“, ruft er zurück. Er konzentriert sich erneut auf die Unterlagen. Der Zettel, den man in der Tasche des Toten fand, trug den Namen „Dick“. Mehr war nicht zu lesen. Das jedenfalls hatte einer der Beamten ausgesagt. Tommy macht den Laptop an und tippt den Namen „Oliver Mayer“ in die Suchmaschine. Der Name des Journalisten, der den Artikel über den Gerichtsprozess verfasst hatte. Es dauert nicht lange, bis Tommy seine Telefonnummer findet. Erneut gibt er sich als Journalist aus. Und wieder unter falschem Namen. Er vereinbart ein Treffen mit Mayer und bittet ihn um Verschwiegenheit. Da dieser aber gerade zu Recherchezwecke außer Landes ist, kann er frühestens in ein paar Monaten. Derweil sucht Tommy weiter in den Unterlagen. Sucht, nach irgendeiner Ungereimtheit, die beweist, dass bei den Ermittlungen gepfuscht wurde. Doch er findet nichts. Tommy begreift allmählich, weshalb es trotz aller Kritik seitens der Medien nie zu einem Wiederaufnahmeverfahren, oder wenigstens zu einem größeren Aufschrei in der Öffentlichkeit kam. Die Männer von Phillip Newton haben alles daran gesetzt, den Fall so normal wie möglich aussehen zu lassen. Tommy gibt es bald auf. Er legt die Papiere in seinen Koffer zu den anderen und verlässt das Zimmer. Unten wird er von einem jungen Mann in Empfang genommen. Er ist der Sohn der Kleins und heißt Brian. Tommy stellt sich ebenfalls vor.
„Aus den Staaten, ja? Wie ist es da so?“
„Nicht viel anders als hier, schätze ich“, erwidert Tommy und geht in die Küche. Nora hat ihm ein wenig Reis und etwas Sauce dagelassen. Tommy geht an den Kühlschrank und nimmt zwei Eier heraus. Dann nimmt er eine Pfanne, stellt sie auf den Herd und gibt etwas Öl hinein. Während er darauf wartet, dass das Öl heiß wird, nimmt er sich eine Cola aus dem Kühlschrank.
„Und was machst du so?“, fragt er. Brian nimmt sich ebenfalls eine Cola und setzt sich an den kleinen Küchentisch.
„Ich bin Staatsanwalt. Kennen Sie das Gericht an der 455 Columbia Street? Dort arbeite ich.“
Tommy setzt sich zu ihm.
„Dann kennst du auch den Fall Morrison“, sagt er.
„Nein, das war vor meiner Zeit. Wieso fragen Sie?“
Tommy erzählt von seinen Recherchen. Er erzählt, dass er gemeinsam mit dem Vater von Brian herausfinden möchte, was damals wirklich passiert ist.
„Hat er Sie dazu angestiftet?“, fragt der junge Mann. Tommy nickt und fügt hinzu, dass man es nicht angestiftet nennen könne.
„Bedrängt?“
Dann sagt Brian: „Das sieht ihm ähnlich. Er war aus welchen Gründen auch immer richtig versessen auf den Fall.“
Tommy erhebt sich und schlägt die Eier in die Pfanne.
„Weißt du etwas Genaueres über den Fall?“, fragt er. Brian trinkt einen großen Schluck von seiner Cola.
„Er hat Sie also angesteckt. Nein, das einzige, was ich weiß, ist, dass es Leute gibt, die nicht gerne über diesen Fall reden.“
„Was für Leute?“
Brian stellt sich neben Tommy an den Herd.
„Hören Sie. Glauben Sie im Ernst, ich wüsste, um wen es sich handelt? Jeder weiß, dass dieser Prozess nicht korrekt abgelaufen ist, aber keiner sagt was. In diesem Gebäude bekommt man so einiges mit, aber man schweigt.“
In diesen Moment kommt Nora in die Küche. Sie fragt, ob sie drei, wenn Tommy sich gestärkt hat, nicht irgendetwas unternehmen sollen.
„Wieso nicht?“, erwidert Brian.
„Ich bleibe“, sagt Tommy und eine viertel Stunde später brechen sie, ohne ihn, in Richtung Stadt auf.
Wegen des wachsenden Andrangs an der ehemaligen Kamloops Indian Residential School, hat die Polizei beschlossen, die Yellowhead Bridge vorübergehend zu sperren. Nur mit Mühe können die Beamten verhindern, dass sich die letzten Menschen durch die Absperrung zwängen. Linda verfolgt die Ereignisse von Sams Haus aus. Sam besitzt einen kleinen Fernseher und hat sie eingeladen, zu ihm rüber zu kommen. Auch er interessiert sich für die Ereignisse an der Kamloops Indian Residential School.
„Unglaublich“, sagt Linda. Sie ergreift Sams Hand und drückt sie kurz.
„Alles in Ordnung?“, fragt dieser. Linda nickt und lässt seine Hand wieder los. Er und sie verfolgen, wie die Polizisten die Absperrungen aufstellen und die Leute zurückzudrängen versuchen.
„Ich bin froh, dass das hier jetzt passiert“, sagt Sam. „So ist die Polizei wenigstens anderweitig beschäftigt.“ Linda steckt sich eine Zigarette an und geht vor die Tür.
„… Doch jetzt gibt es endgültig kein Durchkommen mehr. Die Menschen, die jetzt noch durch wollen, werden an den Absperrungen abgewiesen …“, hört Linda die Nachrichtensprecherin noch sagen. Draußen atmet sie tief durch. Von irgendwoher steigt ihr der Geruch von Grillkohle in die Nase. Auf einmal hört sie jemanden ihren Namen rufen. Linda grüßt zurück. Es ist eine Frau, die sie schon öfter gesehen hat, Linda kann sich aber nicht an ihren Namen erinnern. Sie zieht erneut an ihrer Zigarette und macht sie nach der Hälfte aus, dann geht sie zu Sam zurück.
„Dann werde ich uns jetzt was zu Essen kochen“, sagt dieser. Der Bericht ist gerade zu Ende und Sam schaltet den Fernseher ab.
„Nein, ich gehe zurück“, erwidert Linda. Sam seufzt.
„Ich kann dich wirklich nicht überzeugen, hier zu bleiben?“
Linda zögert. Eigentlich möchte sie nicht alleine in ihrem Haus sitzen, doch sie möchte auch nicht, dass Sam sich um sie kümmert. Am Ende lässt sie sich dennoch von Sam überzeugen, etwas mit ihm zu essen. Sie unterhalten sich über das Camp und auch sonst gibt es regen Gesprächsbedarf
Um kurz vor Mitternacht geht Linda. Sam hat ihr eine alte Taschenlampe ausgeliehen und gesagt, sie könne sie zurückbringen, wann immer sie wolle. Zuhause angekommen, raucht Linda noch zwei Zigaretten und legt sich schlafen.
Obwohl die örtlichen Behörden im Moment alle Hände voll zu tun haben, gelingt es Edwin dennoch, Zeit mit seiner Frau zu verbringen. Doch dieses Mal ist er gekommen, um Tommy mitzuteilen, er wisse, wo der weiße Lieferwagen gefunden worden sei.
„Es hat etwas gedauert. Timmons … mein Freund vom Verkehrsamt, hat es nicht eher geschafft, mir die Kopien zukommen zu lassen. Ja, und ich kann sie mir ja schlecht auf dem Revier ansehen.“
Tommy und Edwin haben sich im Arbeitszimmer zurückgezogen. Hier grübelt Edwin oft stundenlang, wenn er an einem schwierigen Fall dran ist.
„Ja, natürlich.“
Tommy trinkt seine Flasche leer und entnimmt dem Kühlschrank, der im Arbeitszimmer steht, eine neue. Dann fragt er, wo genau sich der Lieferwagen befand. Edwin nimmt ein Blatt Papier und zeichnet eine Skizze von Kamloops. An der nördlichsten Stelle zeichnet er den South Thompson River.
„Es gibt dort einen Parkplatz“, sagt er.
„Von dort aus könnte man eine Leiche problemlos in den Fluss werfen. Die Richtung, in die der Lieferwagen gefahren ist, stimmt.“
Tommy trinkt einen Schluck.
„Wir werden uns die Stelle die Tage mal ansehen.“
Dann erzählt er, was er herausgefunden hat und was er als Nächstes vorhat. Edwin nimmt ebenfalls ein Bier aus dem Kühlschrank.
„Konntest du etwas über die Geschworenen herausfinden?“
„Da setz ich mich noch dran. Erst einmal muss ich noch mit diesem Oliver Mayer sprechen.“
Mit einem Mal kommt Nora ins Zimmer. In den Händen hat sie ein Tablet mit selbst gebackenen Plätzchen.
„Was knobelt ihr schon jetzt wieder aus?“, fragt sie. Edwin sieht sie lächelnd an.
„Die sehen gut aus“, sagt Tommy und nimmt eines vom Tablet. Nora stellt das Tablet auf den Schreibtisch und verlässt mit einem letzten Blick auf Tommy und Edwin das große, geräumige Arbeitszimmer. Edwin greift ebenfalls nach einem der Plätzchen.
„Denkst du nicht mehr an … diese Dinge?“, fragt er. Tommy trinkt einen großen Schluck.
„Doch. Es ist sehr schwer, nicht daran zu denken; besonders jetzt.“
Eine lange Pause entsteht. Tommy sieht, dass Edwin etwas plagt. Er holt Luft, als wolle er etwas sagen, scheint es sich dann aber anders zu überlegen. Dann fragt er: „Wusstest … weißt du mehr, als du zugeben willst?“
„Ja.“
Es ist ein leises „Ja“, doch es ist laut genug, dass Edwin es hören kann. Er hätte Tommy gerne gefragt, wer es gewesen ist, doch es kommt ihm unangemessen vor. Tommy könnte denken, er wolle ihn ausfragen. Nach einer weiteren viertel Stunde erhebt Edwin sich und verlässt das Arbeitszimmer. Er vereinbart mit Tommy, ihm am nächsten Tag abzuholen und ihm die Stelle zu zeigen, an der man den Lieferwagen gefunden hatte.
„Doch wenn die Situation weiterhin so angespannt bleibt, kann es natürlich länger dauern“, fügt er hinzu. Doch die Lage entspannt sich allmählich. Die ersten Menschen verlassen das Camp noch am selben Abend. Tommy betrachtet das ganze mit gemischten Gefühlen, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass er die ganze Zeit auf der Seite der Initiatoren des Erinnerungscamps gestanden hatte. Aber vor allem sorgt er sich darum, dass die Behörden nun bald ihre Arbeit wieder wie gewohnt aufnehmen können. Und wieder kommt Tommy der Gedanke, bei der Polizei aufzuhören. Er ertappt sich dabei, dass er sich wünscht, man käme dahinter, dass er Linda deckt; doch Tommy weiß, dass es nicht nur für ihn Folgen haben würde. Man würde sie ebenso verurteilen.
Am nächsten Tag fordert die Polizei die etwa achtzig verbliebenen Besetzer auf, das Gelände der ehemaligen Residential School zu verlassen. Doch erst gegen Abend gelingt es den Behörden, die Belagerung vollständig zu beenden.
Linda zittert. Nervös zieht sie an ihrer Zigarette. Nein, ich bin die ganze Zeit hier gewesen, hört sie sich sagen. Hier? Hatte der Beamte erwidert. Es ist halb zwei in der Nacht. Linda hatte gehört, die Belagerung sei aufgegeben worden. Die Behörde hat vor einer halben Stunde die letzten Straßensperren weggeräumt. Sie haben doch ausgesagt, sie wären dort drüben gewesen. Weil Sie sich nicht wohlfühlten. Linda drückt den Zigarettenstummel, den sie beinahe komplett aufgeraucht hat, an der kleinen Spüle aus und steckt sich eine neue Zigarette an. Hatte sie geglaubt, sie würde den Priester töten und ohne eine Spur zu hinterlassen, einfach weitermachen können? Verzweifelt nimmt sie ihr Handy und sucht den Namen, den sie in ihren Kontakten gespeichert hat. Dann lässt sie es klingeln.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Viermal. Linda will schon auflegen, als Tommy sich meldet.
„Ich habe einen Fehler gemacht“, wimmert sie. Am anderen Ende ist ein Seufzen zu hören.
„Linda, es ist mitten in der Nacht.“
Linda zieht an ihrer Zigarette.
„Was ist denn?“, fragt Tommy schließlich. Linda erzählt ihm, von ihrem geplatztem Alibi. Am anderen Ende ist minutenlang nichts zu hören.
„Was mache ich jetzt?“
„Erst beruhigst du dich. Und mach die Kippe aus.“
Linda lächelt.
„Woher weißt du das?“
„Ich kenne dich ein wenig. Es war nicht schwer zu erraten, dass du wieder am Rauchen bist“, antwortet Tommy. Dann erzählt Linda in allen Einzelheiten, was passiert ist. Tommy hört geduldig zu. Ab und an tröstet er sie und wiederholt erneut seine Bitte, Linda solle die Zigarette ausmachen. Sie tut es und sie unterhalten sich eine halbe Stunde lang. Das heißt, die meiste Zeit redet keine von beiden. Aber es tut gut, Tommy am anderen Ende zu wissen.
„Weißt du“, sagt Linda nach einer Weile.
„Es ist schön zu wissen, dass man dich jederzeit anrufen kann.“
„Ja“, erwidert Tommy. Linda sieht auf ihre Hand. Sie zittert nun nicht mehr so stark.
„Was mache ich jetzt?“, wiederholt sie ihre Frage von vorhin. Tommy antwortet, es gäbe nichts, was sie tun könne. Dann erzählt er ihr, wie er aufgewachsen ist. Er sagt, es gäbe in der Nähe, in der er wohne, eine Indian Boarding School.
„Sie heißen Boarding Schools in den Staaten. Die Fort Hall Boarding School öffnete 1937. Kannst du dir das vorstellen?“
„Ja. Ich kann mir seit dieser Zeit alles vorstellen.“
Eine lange Pause entsteht.
„Du hast mich einmal gefragt, ob es sich gelohnt hat, diesen Mann zu töten“, sagt Linda schließlich.
„Und? Hat es sich gelohnt?“
„Ja. Dieser Moment, in dem ich über ihm stand. Das hat sich gelohnt.“
Eine weitere Pause entsteht.
„Kennst du das Gefühl?“, fragt sie. Tommy bejaht. Er sagt, er sei selbst einmal in Versuchung geraten, jemanden zu töten.
„Wen?“
„Einen Mann. Er hatte auch Kindern furchtbare Dinge angetan. Und als er dann grinsend vor mir stand und mich fragte, was meine heimlichen Fantasien seien, war ich kurz davor, nach meiner Waffe zu greifen und ihn umzulegen.“
Linda denkt darüber nach.
„Warst du mit deinen Kollegen dort?“
„Ja. Sie hielten mich davon ab. Im Nachhinein bin ich froh, dass sie dabei waren.“
Linda nimmt die Zigarettenpackung aus ihrer Jackentasche. Sie ist fast leer. Hatte sie wirklich in den vergangenen zwei Tagen so viel geraucht? Sie setzt sich wieder auf das kleine Sofa.
„Habe ich dich geweckt?“
„Nein. Seit ich hier bin, kriege ich kaum ein Auge zu. Es ist, als hätte mein Verstand sich gegen mich verschworen.“
„Kenne ich.“
Linda steckt sich die Zigarette an. Sie atmet den Rauch tief in ihre Lungen und stößt ihn langsam wieder aus. Und wieder hängt der Qualm schwer in der Luft.
„Deine wievielte ist es?“, fragt Tommy.
„Keine Ahnung. Ich habe nicht mitgezählt“, erwidert sie und zieht erneut an der Zigarette. Sie beobachtet, wie der Stängel langsam herunterbrennt. Linda kann Tommy am anderen Ende atmen hören. Es ist ein beruhigendes Geräusch.
Draußen fängt es an zu regnen. Linda hört, wie die Regentropfen leise gegen die Scheibe prasseln. Und wieder denkt sie an das kleine Mädchen. Doch dieses Mal ist es anders: Sie empfindet bei dem Gedanken weder Furcht noch Zorn.
„Woran denkst du?“, fragt Tommy.
„Ist schon gut“, antwortet sie und hält inne.
„Woran denkst du?“, wiederholt Tommy.
Das Mädchen dreht sich auf der Wiese im Kreis.
„Was passiert jetzt? Ich meine, können sie mich verhaften?“ fragt Linda.
Der Pater packt sie.
„Nein. Es gibt nur Indizien, normalerweise wird man deswegen nicht gleich verhaftet“, entgegnet Tommy.
Er keucht. Hilfesuchend sieht Linda zur Tür. Jemand hat ein Kreuz über diese Tür gehängt.
Der Regen draußen wird stärker. Aus dem anfänglich leisen Geräusch wird nun ein immer stärker werdender Regen.
„Danke“, sagt Linda und legt auf. Sie raucht die Zigarette zu Ende und legt sich hin. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie in die Dunkelheit. Dann greift sie nach der kleinen Campinglampe und macht sie an. Es war richtig, ihn umzubringen. Es war ein gutes Gefühl.