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Das Erbe des Bösen - Teil 2

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18.09.2024
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Das Erbe des Bösen - Teil 2

Sommer, 1962

„Indian Children … in the Residential Schools … die in a much higher rate than in their villages. But this does not justify a change in the policy of this department, which is geared towards a final solution of our Indian problem.“

- Duncan Cmpbell Scott, Stellvertretender
Leiter für indianische Angelegenheiten, 1910


Die Sonne steht hoch am Himmel. Eine leichte Brise lässt die Gräser und Blätter an den Bäumen leicht hin und her wippen, und aus der Ferne ist das Geräusch von heranfahrenden Automobilen zu hören. Es ist ein schöner Tag, und Martha und Jay sehen durch das kleine Fenster ihrer Tochter Linda beim Spielen zu. Sie hat einen kleinen Stoffbären in der Hand und sitzt im Gras.
Die Geräusche der heranfahrenden Autos kommen näher und bald darauf biegen zwei Wagen in den kleinen Weg. Sie halten vor dem Grundstück. Fünf Männer steigen aus, zwei davon sind uniformierte Beamte. Martha ergreift die Hand ihres Ehemanns und drückt sie.
Sie weiß, was das bedeutet.
Sie weiß, dass die Männer ihre Tochter abholen werden.
Sie weiß, wohin sie Linda bringen. Martha tritt hinaus und sieht die Männer aus dem Wagen steigen, eilig geht sie zu ihrer Tochter.
„Sie wissen, weshalb wir hier sind“, sagt einer der Männer. Martha versteht die Sprache.
„Ja“, erwidert sie und geht zu ihrer Tochter. Sie flüstert ihr etwas ins Ohr, ihre Stimme zittert und Tränen laufen ihr über das Gesicht. Linda sieht zu den Männern.
„So schwer ist es nicht. Sie wollen Ihrer Tochter doch nicht die Chance verwehren, eines Tages ein gutes Leben zu führen.“
Jay steht am Fenster und sieht auf das Messer, das vor ihm auf der Ablage liegt. Es würde nichts bringen, diese Männer zu bedrohen. Es sind zwei Beamte der RCMP dabei und sie sind sicher jederzeit bereit, sich zu wehren. Stattdessen beobachtet er, wie seine Tochter aufsteht und zu den Männern hingeht. Jay möchte schreien, er möchte hinausrennen und sie zurückhalten, doch er tut es nicht. Er weiß, wozu diese Männer fähig sind. Er hat es oft genug von anderen gehört.
Das Mädchen steigt in den Wagen, auch ihr stehen die Tränen in den Augen. Martha, die aus eigener Erfahrung weiß, wohin diese Männer ihre Tochter bringen werden, versucht, zu ihr zu gehen; doch sie wird zurückgehalten. Schließlich gibt sie es auf und sieht einfach nur zu, wie die Autos wegfahren. Linda hat Angst, sie weiß nicht, wohin die Männer sie bringen. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die Linda nur zum Teil verstehen kann. Ihre Eltern hatten immer versucht, diese Sprache zu meiden, sie hatte nie verstanden, warum.
Sie fahren eine Straße entlang. Die Straße führt in die Stadt. Linda ist mit ihren Eltern schon oft dort gewesen und sie kennt diese Stadt gut. Fahren wir dort hin? Denkt sie. Was machen wir dort? Sie will einen der Männer fragen, wohin sie fahren, doch ihr fallen die Worte nicht ein. Der Fahrer scheint den Mann neben ihn etwas zu fragen, doch dieser scheint die Antwort nicht zu kennen. Dann sieht er Linda an und lächelt. Es ist ein vertrautes Lächeln. Eines, dass ihr sagt, dass alles gut werden wird. Allmählich beginnt Linda, sich zu entspannen. Der Mann sieht wieder zu dem Fahrer und dann sieht er geradeaus. Linda kann den Fahrer etwas sagen hören. Dann passiert etwas, womit Linda nicht gerechnet hat: Der Mann neben ihr spricht ihre Sprache. Er erklärt ihr, sie müsse keine Angst haben. Er sagt, sie würden nicht weit fahren und dass für sie nun ein neues Leben beginnen werde, später dachte sie noch sehr lange an diesen Satz.
Sie halten vor einem roten Haus, so hat Linda es immer insgeheim genannt. Eine große Treppe führt hinauf und die Männer bringen sie in das Innere des Gebäudes.

Im Inneren ist es still. Die Luft riecht nach Reinigungsmittel und etwas, das Linda nicht kennt. Die Männer sagen nichts, während sie durch einen langen, kahlen Flur gehen. Ihre Schritte hallen auf dem blanken Boden. Es fühlt sich an wie in einem Krankenhaus, aber irgendwie anders. Fremder. Kälter. An den Wänden hängen Bilder, aber Linda erkennt niemanden darauf. Es sind Erwachsene in Uniformen und Gruppen von Kindern, die alle gleich schauen – ernst, starr, ohne ein Lächeln.
Linda hält den Blick gesenkt. Sie klammert sich innerlich an den letzten Satz des Mannes, der ihre Sprache gesprochen hatte: Ein neues Leben beginnt. Doch ihre Beine zittern, und sie spürt, wie eine kühle Angst sich langsam ihren Rücken hinaufzieht.
Sie wird durch eine große, doppelflügelige Tür geführt. Dahinter öffnet sich eine hohe Halle mit grauen Wänden und einem Geruch nach altem Holz. Am anderen Ende des Raumes stehen zwei Frauen. Sie haben ernste Gesichter und tragen schwarz-weiße Gewänder, die Linda an Nonnen erinnern, obwohl sie gar nicht genau weiß, was das ist. Eine der Frauen nickt knapp den Männern zu, dann wendet sie sich wortlos Linda zu.
Linda blickt sich noch einmal um, aber die Männer haben sich bereits abgewendet. Der Mann, der ihre Sprache gesprochen hatte, sieht sie ein letztes Mal an – und obwohl er versucht zu lächeln, gelingt es ihm diesmal nicht. Dann gehen sie. Die Tür schließt sich hinter ihnen. Eine der Frauen packt sie am Arm und bringt sie in einen Duschraum. Linda wird geduscht und sauber geschrubbt, sie wird mit einer Flüssigkeit gewaschen, deren Geruch ihr in der Nase brennt und man nimmt ihr ihren Stoffbären ab. Dann wird sie in einen großen Essraum geführt. Sie sieht mehrere Kinder an einem großen Tisch sitzen. Die Frau führt Linda zu einem freien Platz und stellt ihr einen Teller hin. Es ist ein Essen, dass sie nie zuvor gesehen hat und ihr graut davor, es anzurühren. Ein Junge beobachtet unauffällig das Treiben und für eine kurze Zeit begegnet Linda seinen Blick. Als die Frau fort ist sagt er:
„Ich bin Nicolas.“
Linda weiß, was der Junge gesagt hat. Er ist etwa dreizehn Jahre alt und damit drei Jahre älter als sie selbst.
„Linda“, sagt sie. Der Junge raunt ihr noch etwas zu, doch Linda versteht nicht, was. Sie schüttelt den Kopf. Der Junge überlegt kurz, sieht sich verstohlen nach allen Richtungen um und zeigt kurz mit den Fingern eine zehn. Linda überlegt kurz, was er ihr wohl sagen will. Dann versteht sie.
„Zehn“, erwidert sie und fragt in ihrer Sprache, was das für ein Ort sei, an dem sie sich befänden, doch bevor sie ihre Frage zu Ende stellen kann, unterbricht sie der Junge und schüttelt energisch den Kopf.
„Nein“, flüstert er. Linda weiß nicht, ob sie zu einem erneuten Versuch ansetzen soll, doch der Junge hat so abrupt den Kopf geschüttelt, dass sie es nicht wagt. Sie starrt auf ihren Teller. Was soll sie hier? Sie denkt an zu Hause und Tränen laufen ihr über die Wangen.
„Wieso … wieso wir …?“, fragt sie. Von irgendwoher kommt eine Stimme, Linda sieht in die Richtung, aus der die Stimme kommt und begegnet dem Blick einer älteren Frau. Auch sie trägt dieses lange, schwarze Gewand. Sie kommt direkt auf Linda zu. Ihr Blick ist streng und Linda glaubt, sie habe etwas falsch gemacht. Dann zeigt die Frau auf den Teller, der noch immer unberührt vor Linda steht. Linda nimmt den Löffel und probiert eine kleine Portion, sofort verzieht sie das Gesicht. Doch Linda hat ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken, dass die Frau hinter ihr steht und nimmt noch einen Löffel. Dann entfernt sich die Frau in dem schwarzen Gewand wieder.
„Böse“, entgegnet der Junge neben ihr. Linda kichert. Mit einem Mal kommt die Frau auf sie zu, sie packt Linda am Kopf und schiebt ihr gewaltsam einen gehäuften Löffel in den Mund.
„Essen“, sagt sie und kaum, dass Linda begriffen hat, was jetzt gerade passiert, schiebt ihr die Frau die nächste Portion in den Mund. Der Junge neben ihr senkt den Kopf und ißt ebenfalls einen Löffel. Linda fühlt sich hilflos. Wieso sitzen alle nur da? Wieso hilft ihr niemand?
„Essen“, wiederholt die ältere Frau und lässt von ihr ab. Widerwillig nimmt Linda den Löffel in die Hand. Sie spürt, wie die Frau in dem Gewand sie beobachtet und sie weiß, dass sie sie erneut packen und ihr das Essen in den Mund schieben wird, sollte Linda ihren Teller nicht ganz leer essen. Im Raum hat sich eine erdrückende Stille ausgebreitet. Lindas Hand zittert, als sie sich eine Portion in den Mund schiebt. Sie spürt die Blicke der anderen Kinder. Die Frau packt sie erneut. Linda hat keine Wahl, sie muss das, was in ihrem Teller ist, aufessen.
„Essen.“
Und Linda ißt.

Diese Ereignisse beschäftigen sie selbst dann noch, als sie alle schon fertig gegessen hat, ihr wurde gesagt, sie solle mithelfen, sauberzumachen. Man drückte ihr einen Lappen in die Hand und machte ihr deutlich, dass sie den Tisch zu wischen hat. Auch hier spürt sie, wie die ältere Frau in dem Gewand sie beobachtet. Die anderen Kinder reden nicht und so denkt Linda, es wäre besser, es ihnen gleichzutun. Irgendwann darf sie mit den anderen raus. Der Junge, der sie beim Essen die ganze Zeit über unauffällig von der Seite beobachtet hat, Nicolas, gesellt sich zu ihr.
„Böse“, sagt Linda und lächelt. Da die zwei unbeobachtet sind, fragt Nicolas in ihrer Sprache, ob alles in Ordnung sei. Linda zögert und bejaht. Dann sagt er, dass es verboten sei, Secwepemctsín zu sprechen und schlägt vor, in Englisch weiterzusprechen. Linda schüttelt den Kopf.
„Ich … ich Secwepemctsín“, erwidert sie.
Am Abend darf Linda nach Hause gehen. Seit einigen Jahren durften wenige Kinder aus den umliegenden Gemeinden abends nach Hause zurückkehren – ein Zugeständnis, das nur für jene galt, deren Familien in unmittelbarer Nähe der Kamloops Indian Residential School lebten. Andere mussten weiterhin in den Schlafsälen bleiben.
Linda ist frustriert und geht sofort zum Fluss. Hier ist sie immer am liebsten, um nachzudenken, oder um mit Freunden zu spielen. Sie sieht auf das Wasser und beobachtet, wie es sich im Wind kräuselt. Nicolas, der im selben Reservat lebt wie Linda, gesellt sich zu ihr. Der Junge wirkt auf sie nicht wie elf. Linda hat das Gefühl, neben einem Erwachsenen zu sitzen. Sie fragt ihn, wie lange er schon dort sei, doch Nicolas sieht nur stumm auf den Fluss. Dann sagt er etwas, das Linda nicht versteht:
„Ein Jahr.“
Sie überlegt kurz. Nicolas wiederholt die Worte in Secwepemctsín. Linda möchte ihn fragen, wie das sei, doch sie hält es für besser, es nicht zu tun. Sie ist für ihr Alter erstaunlich reif.

Am nächsten Morgen sitzt Linda in einem Klassenzimmer. Die Fenster sind groß, doch die Vorhänge sind halb zugezogen, als wolle man verhindern, dass das Tageslicht zu viel Wärme hineinbringt. Die Wände sind kahl, nur über der Tafel hängt ein Kreuz und daneben ein Bild von einer Frau mit einem Kind auf dem Arm – Maria, hatte jemand einmal gesagt.
Linda sitzt an einem harten Holzpult in der zweiten Reihe. Die Bank ist viel zu groß für sie, ihre Füße baumeln in der Luft. Vor ihr liegt ein abgegriffenes Schulheft, daneben ein Stift, dessen Spitze schon fast abgenutzt ist. Neben ihr sitzt ein Mädchen mit streng geflochtenem Haar, das ununterbrochen geradeaus starrt. Niemand spricht. Man hört nur das Ticken einer alten Wanduhr und ab und zu das Knarzen des Bodens, wenn sich jemand bewegt.
Eine Lehrerin in einem langen, grauen Kleid geht langsam durch die Reihen. Sie hält ein Lineal in der Hand, das sie immer wieder bedrohlich auf die Pulte schlägt. Ihre Schritte sind ruhig, aber schwer. Sie spricht Englisch – langsam, deutlich und mit harter Stimme.
„Repeat after me“, sagt sie.
Die Kinder sprechen die Worte nach: „God … loves … you.“
Linda schweigt. Die Worte bleiben ihr im Hals stecken. Die Lehrerin bleibt vor ihr stehen. Ihre kalten Augen blicken auf Linda hinab.
„Repeat“, sagt sie noch einmal, diesmal lauter.
Linda senkt den Blick.
„Repeat!“
„God … loves … you“, sagt Linda leise, fast flüsternd. Die Lehrerin geht weiter. Linda spürt, wie sich in ihrem Bauch ein Knoten zusammenzieht.
Auf die Wiederholungen folgt ein Diktat. Die Lehrerin diktiert langsam einfache Sätze: The sun is shining. The girl is reading. The boy is quiet.
Linda kennt einige der Wörter, aber sie versteht nicht, wie sie zusammengehören. Sie schreibt langsam, jeder Buchstabe ist mühsam geformt. Als sie sich verschreibt, will sie das Wort ausstreichen, doch ihr Bleistift ist zu stumpf und hinterlässt nur graue Schlieren auf dem Papier.
Plötzlich schlägt das Lineal hart auf ihr Pult. Linda zuckt zusammen.
„No!“, sagt die Lehrerin.
„Neatly. Always neatly!“
Linda nickt, wagt aber nicht, die Lehrerin anzusehen. Ihre Finger zittern leicht, als sie versucht, den Fehler zu verbessern.
Die Stunde scheint ewig zu dauern. Der Unterricht ist kalt, mechanisch. Es geht nicht ums Verstehen, sondern ums Nachsprechen, um Gehorsam. Ein Kind wird zurechtgewiesen, weil es leise in seiner Muttersprache gesprochen hat – Linda hört das Wort „Secwepemctsín“ wie einen Schuss durch den Raum fliegen. Die Lehrerin hebt warnend den Finger, das Kind wird an die Tafel geholt und muss einen Satz auf Englisch dutzende Male abschreiben: I will speak English. I will speak English.
Linda sieht es stumm und mitfühlend an. Dann schaut sie wieder auf ihr Heft. Die Buchstaben tanzen vor ihren Augen. Sie versucht, sich zu konzentrieren, doch in ihrem Kopf ist es laut. Zu laut.
Nur die Uhr an der Wand tickt gleichmäßig weiter.

Martha ist gerade dabei, das Abendessen zu kochen. Es gibt ein bisschen Fleisch, dazu ein paar Kartoffeln und ein paar Bohnen, die sie von ihren Nachbarn hat. Ihre Tochter sitzt noch immer am Fluss und unterhält sich mit diesen Jungen. Er wohnt nicht weit weg und er wurde genauso abgeholt, wie ihre Tochter. Martha erinnert sich an diesen Tag. Sie weiß noch, wie der Junge geweint hat.
„Woran denkst du?“, fragt eine Stimme hinter ihr. Martha fährt herum, es ist Jay. Er stammt aus Ontario und hat dort ein kleines Lokal besessen. Durch einen Zufall landete er in British Columbia, mit dem Ziel, nur ein paar Wochen zu bleiben. Dann lernte er Martha kennen und lieben. Er ist ihretwegen in dieses Reservat gezogen und es, trotz der vielen Dinge, die er mit ansehen musste, nie bereut.
„An unsere Tochter“, entgegnet Martha.
„Ich weiß, was sie durchmacht.“
Martha wirft die Kartoffeln in die Pfanne.
„Ja, ich weiß. Das ist eine sehr schlimme Zeit für uns alle“, erwidert Jay
„Was, wenn wir uns verstecken? Wir packen unsere Sachen und sind weg.“
„Und wohin sollen wir gehen? Sollen wir auf der Straße leben?“
Martha funkelt ihren Mann an.
„Wir gehen nach Ontario, du kennst dort Leute, du könntest als Barkeeper arbeiten und Linda wäre glücklich. Sie könnte Freunde finden und …“
„Martha!“, Jay packt sie am Arm. „Es geht nicht! Wir haben kein Auto und kaum Geld. Ich weiß, dass du dort warst und ich verstehe, dass du deiner Tochter das ersparen möchtest, aber … es geht nicht.“ Bei den letzten Worten bricht ihm die Stimme.
„Du weißt nicht, wie es dort ist“, sagt Martha.
„Nein, aber ich weiß auch, dass wir hier bleiben müssen“, antwortet Jay. Martha rührt die Kartoffeln um.
„Wenn es einen Weg gäbe, würde ich es tun, doch ich muss Paul jedes Mal fragen, ob er mich in die Stadt fährt, weil wir keinen Wagen haben, außerdem habe ich immer Angst, dass diese alte Kiste vielleicht irgendwann explodiert.“
Martha nimmt das Fleisch und wirft es in eine andere Pfanne.
„Schon gut“, sagt sie.
„Tut mir leid.“
Jay nimmt sie in den Arm.
„Ist in Ordnung. Ich kann verstehen, wie du dich fühlst.“
Martha weiß, dass es keinen anderen Weg gibt; sie weiß aber auch, dass es, wenn ihre Tochter weiter dort hingeht, ihr Familienleben für immer verändern wird. Jay scheint sich auch Gedanken zu machen, er ist aber mehr der rationale Mensch. Er weiß, um die Probleme in den Gemeinschaften und er kennt viele Schicksale, doch auch er weiß, dass er nichts tun kann und Martha vermutet, dass auch ihm dieser Umstand zu schaffen macht.
Als es schon fast Abend ist, geht Martha zum Fluss, sie sagt, dass das Essen fertig sei und dass Linda sich verabschieden solle. Linda siegt ihre Mutter flehend an und erwidert, sie wolle noch bleiben. Doch irgendwann gibt sie ihren Protest auf, und folgt ihrer Mutter ins kleine Haus. Linda fragt, ob sie wieder zurück zu den bösen Leuten müsse und Martha schluckt. Sie hätte gerne etwas anderes gesagt, doch es geht nicht. Also bejaht sie diese Frage.
„Was ist los?“, fragt Jay und kommt auf die beiden zu. Martha erklärt es ihm und Jay nimmt Linda auf den Arm. Er spricht noch immer nicht gut Secwepemctsín.
„Wieso sprechen wir eigentlich noch immer Secwepemctsín mit ihr? Früher oder später wird sie diese Sprache verlernen.“
„Ich spreche sie noch“, antwortet Martha. Jay sieht zu Linda.
„Dann lassen wir sie eben zweisprachig aufwachsen. Du hast selber erzählt, wie sehr du gelitten hast, weil du kein Englisch konntest“, sagt Jay.
„Ja, du hast recht. Irgendwie habe ich immer gewusst, dass dieser Tag kommen wird, ich habe mich aber immer dagegen gewehrt.“
Dann setzen sie sich an den Esstisch. Linda greift gierig zu und verschlingt das Essen mit einer solchen Geschwindigkeit, dass es Martha schwerfällt, ihre Gefühle zu kontrollieren. Nach dem Abendessen putzt Linda sich die Zähne und geht zu Bett. Martha fällt es schwer, ihre Tochter alleine zu lassen. Sie weiß nicht, ob sie ihr sagen soll, dass es noch viel schlimmer werden wird. Warum ihre Eltern sie dort hinschicken, will Linda wissen. Martha antwortet, dass die bösen Menschen es so wollen und dass sie viele böse Dinge tun können. Was für böse Dinge, fragt Linda. Martha wünscht ihr eine gute Nacht und verlässt das Schlafzimmer ihrer Tochter. Sie geht zu Jay zurück und weint die ganze Nacht.


Von einer Sekunde auf die andere hat sich Lindas Welt verändert. Ihre Mutter kann oder will sie nicht beschützen und ihr Vater beugt sich ihren Willen. Linda fühlt sich alleine und der einzige Mensch, der sie zu verstehen scheint, ist Nicolas. Auch er weiß nicht, weshalb man ihn dort hingeschickt hat.
An diesen Nachmittag sitzen sie wieder am Fluss. Es beginnt zu regnen. Linda sieht, wie die Tropfen in den Fluss fallen; zuerst langsam und vereinzelt, dann immer schneller. Bald würde es so stark regnen, dass sie wieder hinein muss. Am liebsten würde sie weglaufen, doch wohin?
„Linda!“
Die Stimme ihrer Mutter klingt anders als sonst. Linda redet sich ein, eine Traurigkeit darin zu hören.
„Linda!“
Langsam erhebt sie sich und geht in das kleine Haus. Ihre Mutter sitzt am kleinen Tisch und hat den Blick gesenkt, sie schafft es nicht, ihrer Tochter in die Augen zu sehen. Jay steht hinter ihr und drückt ihr die Schulter. Er sieht Linda an. Er fragt, ob sie etwas essen wolle. Linda verneint und flüchtet in das Nebenzimmer, das kaum größer ist, als eine Abstellkammer. Sie setzt sich auf das Bett und starrt auf die Wand ihr gegenüber. Das ganze Haus besteht aus Brettern und ab und zu, wenn der Wind oder der Regen stark genug ist, zieht es hinein oder man spürt ein paar Regentropfen durch die Decke kommen.
Draußen kann Linda ihre Mutter etwas sagen hören. Jay scheint darüber verwundert zu sein, und fragt etwas. Auch wenn ihre Eltern gleich im Raum nebenan sind, sprechen sie sehr leise und Linda kann nicht verstehen, worum es in diesem Gespräch geht. Wieder redet Martha, sie unterbricht sich jedes Mal und beginnt zu weinen. Jay erwidert daraufhin etwas, er wirkt jetzt verärgert. Martha schreit ihn an. Sie sagt, sie könne es einfach nicht. Linda hält sich die Ohren zu. Es ist nicht das erste Mal, dass sich ihre Eltern streiten, doch seit Linda auf der Kamloops Indian residential School ist, hat sich die Stimmung spürbar verändert: wenn Linda fragt, was los ist, sehen die beiden sie einfach nur mit einer Mischung aus Mitgefühl und Trauer an. Aus diesem Grund hat Linda es sich angewöhnt, am Fluss zu bleiben. Manchmal bleibt sie so lange dort, bis es dunkel zu werden beginnt.
Im Raum nebenan geht etwas zu Bruch. Linda schreckt hoch. Sie hört Jay etwas sagen. Seine Stimme klingt aufgebracht. Martha erwidert daraufhin, er solle sich beruhigen, ihre Tochter sitze nebenan und könne jedes Wort hören. Dann sagt Jay etwas, das Linda nicht versteht. Und wieder brüllt Martha ihn an. Jay lacht auf und sagt, dass sie sich nicht einmal an ihre eigenen Regeln halten könne. Linda springt vom Bett auf und verlässt das Haus. Sie läuft durch das Reservat, bis sie an ein Haus kommt und klopft an die Tür. Als jemand öffnet, fragt Linda, ob Nicolas da wäre, dieser erscheint kurze Zeit später und Linda fällt ihm um den Hals. Was los sei, wollen die Eltern von Linda wissen. Doch Linda ist viel zu aufgebracht, als dass sie ihnen hätte antworten können. Nicolas drückt sie. Er streichelt ihr über den Kopf, das tröstet Linda ein wenig und sie schlägt vor, an den Fluss zu gehen. Nicolas sieht zu seinen Eltern und nachdem sie ihr Einverständnis gegeben haben, laufen die beiden Kinder aus dem Haus. Der Regen ist stärker geworden. Linda sieht in die Richtung, in der ihr Haus liegt. Weder Martha noch Jay sind ihr nachgelaufen. Auch das ist etwas, das sich verändert hat. Früher hätten sie es getan. Linda versteht nicht, weshalb sie es nicht tun, doch eigentlich ist sie sehr froh darüber. Am Fluss setzen sich die zwei ganz dicht ans Wasser. Sie machen Witze, dass sie wegschwimmen werden. Linda ist tatsächlich kurz davor. In Gedanken läuft sie in den Fluss. Und dann tut sie es. Was sie da mache, will Nicolas wissen und kriegt sofort eine Ladung Wasser ins Gesicht. Lachend läuft er ebenfalls ins Wasser. Die beiden schwimmen eine Weile im Fluss herum, doch Linda kann die Tatsache, dass sie morgen erneut dort hin muss, nicht vergessen. Sie schwimmt zurück und legt sich in das Gras. Tränen laufen ihr über die Wange. Nicolas gesellt sich zu ihr und legt ihr seine Hand auf das Gesicht. Sie hat lange nicht mehr gelacht und als sie es dann konnte, schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf.
Sie wünscht, sie könnte mit Nicolas weglaufen.
Sie wünscht, sie könnten wirklich in diesen Fluss steigen und los schwimmen, irgendwo würden sie schon ankommen. Linda hat von Kindern gehört, die versucht haben, aus anderen Residential Schools zu fliehen. Doch Weglaufen wäre keine Option, sie wüsste nicht, wohin. Sie kennt niemanden ein der Stadt und außerdem ist das Reservat das einzige Zuhause, das sie kennt und in dem sie sich immer wohlgefühlt hat.
Der Regen wird immer stärker. Linda erhebt sich und läuft in Richtung ihres Zuhauses. Nicolas ruft ihr hinterher, sie solle warten, doch Linda rennt weiter. Sie will aus dem Regen raus, doch gleichzeitig genießt sie es, ihn auf ihrer Haut zu spüren. Sie hört Nicolas rufen und bleibt stehen. Dann hört sie aus der Ferne die Stimme ihrer Mutter. Linda sieht sich noch einmal um und begegnet dem Blick von Nicolas, mit einem Lächeln auf den Lippen rennt sie weiter. Und fällt ihrer Mutter in die Arme.

Beim Abendessen ist Linda sehr schweigsam. Sie starrt auf ihren Teller oder stochert in ihrem Essen herum. Martha fragt, ob sie es nicht wenigstens probieren wolle.
„Lass sie“, erwidert Jay. Martha sieht ihn ungläubig an. Jay entgegnet daraufhin, es sei Marthas Idee gewesen, Englisch zu sprechen und dass er es bereits vor ein paar Jahren prophezeit hätte, dass es so weit kommen würde, doch sie hätte vor diesen Tag immer die Augen verschlossen.
„Und was ist mit dir? Ich habe dir gesagt, wir hätten umziehen sollen.“
„Ist das jetzt meine Schuld?“, fragt Jay und haut mit der Faust auf den Tisch.
„Du weißt, dass ich das nicht so gemeint habe“, antwortet Martha und fügt in Secwepemctsín hinzu, dass dies nicht eine Frage von Schuld sei, es ginge vielmehr darum, dass alles anders gekommen wäre, hätten sie damals die richtigen Entscheidungen getroffen. Jay versucht auch auf Secwepemctsín zu reden, doch er unterbricht sich in der Mitte. Dann sagt er in Englisch:
„Du hast doch damals nicht auf mich hören wollen! Ja, vielleicht ist es ein Fehler gewesen, hier zu bleiben, aber du wolltest dieses Gottverdammte …“ Linda springt auf. Weinend läuft sie in ihr Zimmer und wirft sich auf das Bett. Im Esszimmer ist es augenblicklich still. Jay geht zu ihr und entschuldigt sich. Er sagt, dass es nicht leicht wäre und geht zu seiner Frau zurück.
„Entschuldige, lass uns versuchen, diese Zeit irgendwie zu überstehen“, sagt er. Martha seufzt. Sie geht zu der kleinen Kochstelle und beginnt, die Kartoffeln aus dem Topf zu essen. Nach der dritten Kartoffel dreht sie sich allerdings wieder zu Jay.
„Wie lange?“
Jay sieht zur Schlafzimmertür, hinter der Linda vermutlich am Lauschen ist, das tut sie immer, sie hofft, irgendein Wort zu verstehen.
„Solange … solange, bis es vorbei ist“, sagt er. Jay beginnt darüber nachzudenken, ob seine Frau recht hatte. Vielleicht hätten sie wirklich ihre Sachen packen und die Stadt verlassen sollen. Vielleicht hätte er wieder einen Job in Ontario finden können.
„Wir müssen aufhören zu streiten, für Linda“, fügt Jay hinzu. Martha nimmt die Teller und legt sie in das kleine Spülbecken, dann nimmt sie den Wasserkrug, der unter der Spüle steht, und beginnt, sie sauberzumachen.
„Ich habe mir für unsere Tochter immer ein besseres Leben gewünscht. Ich habe immer gedacht, was für ein Glück ich habe, den wahrscheinlich einzigen Mann gefunden zu haben, der mich und meine Herkunft akzeptiert und der bereit ist, hierherzuziehen“, - Martha lächelt. - „Ich wollte immer, dass Linda es einmal besser hat als ich.“ Jetzt bricht sie in Tränen aus. In diesem Augenblick kommt Linda ins Zimmer. Sie fragt, weshalb ihre Mutter weine. Martha dreht sich zu ihr um und erwidert, sie könne verstehen, was Linda durchmache, sie sei selbst einmal dort gewesen. Linda sieht sie erstaunt an. Wieso sie sie trotzdem dorthin schicke, will sie wissen. Martha antwortet, sie habe keine andere Wahl gehabt, wenn sie es nicht getan hätten, hätten sie alle große Schwierigkeiten bekommen. Was für Schwierigkeiten, möchte Linda von ihrer Mutter wissen. In diesen Moment kommt Jay in das Zimmer.
„Ich mach das schon“, sagt er und setzt sich zu seiner Tochter. Martha geht in das Esszimmer zurück. Sie kann die beiden miteinander reden hören und lächelt. Jays Secwepemctsín ist nach der ganzen Zeit, in der sie zusammenleben, noch immer nicht gut, aber er bemüht sich. Und Linda bemüht sich ihrerseits, ihm noch ein paar Worte beizubringen. Martha erinnert sich, wie Linda und Jay sich das erste Mal begegneten. Sie war mit ihrer Tochter auf dem Weg zurück ins Reservat. Ein Bekannter hatte sie in die Stadt gefahren und sie wieder abgeholt, als mit einem Mal ein Reifen platzte und sie mitten auf der Straße liegenblieben. Es war abends und es fuhr zu diesem Zeitpunkt kaum ein einziger Wagen diese Straße entlang. Jay war mit einem Freund in Kamloops, er und sein Kumpel wollten sich selbständig machen und da Jay Hobbyfotograf war, planten sie, eine Fotostrecke über die Gegend und die Menschen vor Ort zu machen, um die Fotos anschließend an sämtliche Zeitungen der Gegend zu schicken. Ihr Weg führte sie auch über dieselbe Straße, auf der Martha und ihr Bekannter mit dem Wagen liegengeblieben sind. Jay und sein Freund Brian hatten glücklicherweise einen Ersatzreifen dabei und begleiteten Martha, ihre Tochter und ihren Bekannten in das Reservat. Jay war erstaunt über die Behausung, in der Mutter und Tochter wohnten, und er war noch erstaunter darüber, dass Martha versuchte, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Er machte ein paar Bilder und lud die beiden spontan zum Essen ein. Jay wusste, dass er irgendwann wieder zurück nach Ontario musste, ahnte aber nicht, dass er seine Heimatstadt nie wieder sehen würde. Er blieb. Inzwischen sind Jahre vergangen, seit sie sich das erste mal auf dieser Straße begegnet sind und Jay ist zu einem festen Bestandteil des Reservates geworden. Viele Leute akzeptieren ihn und schätzen, dass er alles hinter sich gelassen hat, um hier zu leben - auch wenn es noch einige Menschen gibt, die ihn noch immer misstrauisch gegenüber sind.

Es gibt Dinge, die im Verborgenen liegen und die bleiben auch dort: Dinge, die hinter verschlossenen Türen passieren, Dinge, über die niemand spricht. Doch manchmal sind einige dieser Geheimnisse offensichtlich, man muss nur genau hinschauen. Es gibt eine Tür mit einem Kreuz, durch die niemand hindurchgeht. Doch manchmal sieht man einen der Priester, wie er eben jenen Raum betritt. Die Kinder sagen, er würde manchmal mit einem anderen Kind hineingehen, andere sagen, er würde Gott für die Sünden, die er begeht, um Vergebung bitten. Doch was wirklich hinter dieser Tür ist, weiß niemand.
Es sind schon einige Tage vergangen, Tage, in denen Linda viel gesehen, gehört und manchmal sogar selbst erlebt hat. Doch zwischen Religion, Englisch, Hausarbeit und anderen, oftmals finsteren Dingen, gibt es nicht viel Abwechslungsreiches und Linda beginnt, eine Wut zu verspüren. Eine Wut auf ihre Eltern, dass sie sie hier hinschicken, eine Wut auf diesen Ort, eine Wut, auf die Menschen, die ihr und anderen das antun. Doch in diese Wut mischt sich noch ein anderes Gefühl: Neugier. Was ist wohl hinter dieser Tür? Die anderen Kinder machen Pläne, wie sie es herausfinden können, und Linda hat sich ihnen angeschlossen. Sie versteht zwar noch nicht viel von der Sprache, die sie lernen soll, doch sie kann immerhin schon ein paar Sätze. Die Kinder verabreden sich, zu treffen und einen Treffpunkt auszumachen, sobald es ihnen möglich ist.

Die erste Gelegenheit bietet sich ihnen im Klassenzimmer. Eines der Kinder hat etwas auf einen Zettel geschrieben und reicht diesen an seinen Tischnachbarn weiter. In einem unbeobachteten Moment reicht dieser den Zettel an die hintere Reihe weiter; jedes Kind liest ihn kurz und gibt ihn dann weiter. Der Mann vorne an der Tafel dreht sich schließlich zu seiner „Klasse“ um.
„Damals gab es Telegrafen, um Nachrichten zu übermitteln, heute sind wir da etwas weiter“, sagt er und geht zu einer der hinteren Stühle. Er packt eines der Mädchen und nimmt ihr den Zettel aus der Hand.
„Allerdings scheinen einige von euch zu glauben, dass dies die sicherste Methode sei. ‚Wir treffen uns draußen vor der Kapelle‘, na, wunderbar.“
Der Mann sieht in die Klasse und wird ernst.
„Wer war das?“, fragt er. Die Kinder schweigen. Der Mann geht nach vorne und nimmt seinen Zeigestock.
„Und antreten, die ganze Klasse!“
Noch immer herrscht bedrückendes Schweigen.
„Wird’s bald!“
Langsam erheben sich die Kinder und reihen sich vor dem Mann auf. Dann streckt ihm einer nach dem anderen die Hände entgegen und der Mann schlägt zehnmal zu, so fest er kann. Einige der Kinder schreien vor Schmerzen auf. Linda, die weiter hinten steht, schluckt. Sie sieht zu dem kleinen Kreuz, das an der Wand hängt. Wieder schreit der Junge auf. Linda versucht, an eine grüne Wiese zu denken. Eine Wiese, auf der sie herumspringt, sich im Kreis dreht und lacht. Wieder ein Schrei. Der wievielte ist das? Mit einem Mal ist de Wiese verschwunden, auch das Mädchen, das sich darauf im Kreis dreht und lacht, ist weg. Nach vier weiteren Schreien gehen alle einen Schritt vor. Auch dieses Mal wird geschrien, allerdings ist es jetzt ein Mädchen. Ihre Schreie mit dieser zierlichen Stimme schallen durch den ganzen Raum. Linda versucht sich angestrengt, an diese Wiese zu erinnern. Es ist nicht so lange her, als sie dort gestanden und gelacht hat. Wieder ein Schrei, und noch einer, und noch einer. Warum rennen wir nicht einfach weg, denkt sie. Linda sieht zur Tür, und rennt los. Der Mann mit dem Stock, Mister Morgan, lässt von dem Mädchen ab und rennt Linda hinterher. Er packt sie, ehe sie die Tür erreicht und schleift sie an den Haaren zurück. Dann schlägt er sie mit seiner Faust in den Bauch und schiebt sie wieder zu den anderen Kindern in die Reihe zurück. Linda laufen Tränen über das Gesicht und sie sieht zu Boden.
„Linda“, zischt ein Mädchen hinter ihr.
„Gut“, entgegnet sie, ohne ihren Blick vom Boden abzuwenden. Und einige Schreie später treten sie wieder alle einen Schritt nach vorne. Mit jedem Schritt nähert sie sich dem Pult. Linda sieht erneut zur Tür, doch sie wagt es nicht mehr, loszurennen. Wenn sie sich nur an diese Wiese erinnern könnte, nur noch dieses eine Mal. Oder an den Fluss, in dem sie oft geschwommen ist. Doch diese Dinge, die einmal für sie so selbstverständlich waren, sind jetzt nur noch Schatten, unwirkliche Erinnerungen, die so schön, aber auch so schrecklich zugleich sind.
Mit einem Mal schreit sie eine Stimme an, Linda sieht auf und sieht, dass sie das Pult erreicht hat. Dann wird sie erneut angeschrien. Linda zittert am ganzen Körper. Mister Morgan packt sie an den Haaren und schreit sie erneut an, erst jetzt streckt Linda zitternd ihre Hände aus. Die Schläge lassen auch sie aufschreien. Sie sind hart und Linda möchte die Hände am liebsten wegziehen. Nach dem zehnten Schlag läuft Linda an ihren Platz zurück. Sie vergräbt ihr Gesicht in den Händen und weint. Nicht einmal die anderen Kinder können sie trösten. Und irgendwann geht der „Unterricht“ weiter, so, als wäre nichts gewesen.

Für Linda ist es schwer, nachzuvollziehen, weshalb das alles geschieht.
Man sagt ihr, es sei falsch, wie sie lebt.
Man sagt ihr, ihre Sprache sei die Sprache des Teufels. Sie hat nie daran gedacht, dass es falsch sein könnte, sie zu sprechen oder so zu leben, wie man es ihr beigebracht hat. Linda empfindet Wut und Angst. Wut, auf die Leute, die ihr wehtun und Angst, noch einmal diese Schmerzen zu spüren. Ein kleiner Teil ihres Verstandes sagt ihr, sie müsse einfach die Sprache lernen und tun, was diese Leute von ihr wollen, doch ihr Herz wehrt sich gegen diese Gedanken. Linda weiß jedoch, dass sie dieses Leid weiterhin ertragen muss, sollte sie sich nicht anpassen. Doch sie ahnt nicht, dass es nicht nur bei Schlägen bleiben wird.

Der strikte Alltag an diesen Ort und die Tatsache, dass selbst das kleinste „Fehlverhalten“ ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen kann, ist nicht der einzige Grund, weshalb Nicolas, Linda und andere Kinder sich zusammengeschlossen haben, um dem Geheimnis, was wohl hinter dieser Tür liegen mag, auf den Grund zu gehen. Auch der ständige Wechsel zwischen ihrem Zuhause, das für sie alle Geborgenheit und Zuflucht bedeutet, und diesen fremden Ort, der für sie alles verkörpert, was böse und schlecht ist, trägt dazu bei, dass sich viele der Kinder auf dieses Unterfangen einlassen. Linda ist mittlerweile drei Wochen hier und ihr Wortschatz hat sich um ein Vielfaches vergrößert. Sie.versteht noch immer nicht alles, doch es reicht, um sich mit den anderen Kindern zu verständigen.
Auch wenn sie untereinander nicht reden dürfen, haben die Kinder dennoch eine Möglichkeit gefunden, sich das wichtigste mitzuteilen: sie schmuggeln handgeschriebene Zettel in die „Schule“ und nutzen die wenigen Augenblicke, in denen sie unbeobachtet sind, um sie sich gegenseitig zuzustecken. Auf diese Weise hat Linda vorgeschlagen, geheime Zeichen zu verwenden, um sich auch von weitem auszutauschen. Wenn sie sich auf dem Flur begegnen etwa, dann sehen sie sich kurz an, oder strecken unauffällig den Zeigefinger aus. Einmal hatte Nicolas einem anderen Jungen einen Zettel gegeben, auf dem draufstand, dass er glaube, Linda würde bald aussteigen. Dem hatte sie im Reservat allerdings widersprochen. Ein Mädchen teilte mit, sie würde den Priester im Auge behalten, der immer durch die Tür mit dem Kreuz gehe. In Ordnung, hatte jemand anders geantwortet. Lisa will auch mitmachen. Gut, aber sie soll vorsichtig sein. So vergehen die Stunden und immer mehr Kinder schließen sich ihnen an. Doch längst nicht alle trauen sich, manch bekommen sogar Angst und steigen wieder aus. Doch diejenigen, die bleiben, schließen einen Pakt: niemand wird den anderen jemals verraten, egal, was passiert.

Der Unterricht beginnt wie jeden Tag mit dem Vaterunser. In Englisch. Immer in Englisch. Linda spricht mit, aber ihre Gedanken sind woanders – bei dem kleinen Zettel, den sie heute Morgen in ihrer Strumpftasche versteckt hat. Es ist nur ein Symbol darauf, ein Kreis mit einem Strich – das Zeichen für „Achtung“. Lydia hatte es ihr gestern gegeben, als sie nebeneinander auf dem Gang liefen. Der Priester war wieder gesehen worden, als er durch die Tür mit dem Kreuz ging.
„Louder!“, ruft Pater Donnelly von vorne, seine Stimme scharf wie ein Peitschenhieb.
„God does not hear you when you mumble.“
Linda zwingt sich, die Worte deutlicher auszusprechen, obwohl sie ihr wie Steine im Mund liegen. Ihre eigene Sprache, Secwepemctsín, ist streng verboten. Vor drei Wochen flüsterte ihr Lydia ein einziges Wort zu – ein heimliches „weyt-kp“, ein einfaches „Hallo“ – und wurde dafür mit dem Lederriemen geschlagen. Die Striemen brannten tagelang, aber das Lächeln, das Lydia ihr schenkte, war es ihr wert.
Die Unterrichtsstunden ziehen sich. Linda schreibt mit, meldet sich nicht. Zwischen zwei Aufgaben schiebt ihr Lisa ein Stück Papier zu. Nur ein Punkt darauf, oben rechts: Es bedeutet „Ich bin bei dir“.
Im Stillen beginnt Linda zu hoffen, dass aus ihren Zeichen mehr werden als bloße Warnungen. Vielleicht eine Sprache, die ihnen niemand nehmen kann.
Nach der Schule schrubbt Linda im Waschraum die Böden. Ihre Finger sind aufgesprungen vom kalten Wasser. Schwester Bernadette steht mit verschränkten Armen im Türrahmen. Sie sagt nichts – das Schweigen droht mehr als jedes Wort.
Aber als Linda sich bückt, entdeckt sie unter dem Bottich einen gefalteten Zettel. Sie steckt ihn schnell ein. Erst später liest sie, was darauf steht:
„T̓exwíntem re skwen̓uk“ Sie schluckt. Vergiss deine Seele nicht.
Ein stilles Bündnis wächst. Und in diesem Bündnis, das niemand laut aussprechen darf, bleibt Linda lebendig.
Nicht nur eine Nummer. Nicht nur ein Schatten.
Sondern jemand, der noch da ist. Und wartet.

Jay hat seinen Nachbarn gebeten, ihn und Martha in die Stadt zu fahren, um die einsamen Stunden, die die zwei ohne ihre Tochter verbringen, erträglicher zu machen. Sie laufen durch die Straßen oder essen etwas. Irgendwann allerdings fahren Sie zurück. Paul Thunderbird hatte vorgeschlagen, ein wenig zu bleiben. Jetzt sitzen sie am Esstisch und reden. Auch Paul spricht Englisch. Er und Jay unterhalten sich über ihr Vorhaben, wegzugehen. Paul erwidert daraufhin, dass es das Beste sei, was die beiden machen könnten.
„Aber wie wollt ihr es anstellen?“
Martha bringt gerade den Kaffee, den sie für alle gekocht hat und setzt sich zu ihnen an den Tisch.
„Wir müssten nachts weg, aber wir bräuchten jemanden, der uns fährt“, sagt Jay. Paul nimmt die Tasse und nippt daran.
„Wohin wollt ihr denn?“
„Erst einmal raus aus der Stadt, wir suchen uns irgendwo einen Unterschlupf, wo wir schlafen können, dann gehen wir zu Fuß weiter.“
„Zu Fuß?“
Jay führt sich die Tasse an die Lippen, stellt sie aber wieder auf den Tisch zurück.
„Ja“, sagt er. Dann beeilt er sich zu sagen:
„Nur solange, bis wir weit genug weg sind.“
Paul schüttelt den Kopf.
„Nein, mein Freund. Ich könnte euch fahren. Ich bringe euch bis an die Grenze. Von dort aus könnt ihr dann alleine weiter.“
Martha bedankt sich bei Paul, sagt aber auch, dass sie und Jay ihn da nicht mit hineinziehen wollen.
„Wenn sie herausbekommen, dass du uns geholfen hast, hat das auch für dich Konsequenzen“, sagt sie. Paul lächelt.
„Mach dir um mich keine Sorgen, ich komm zurecht. Und sollte irgendjemand etwas herausbekommen, werde ist sagen, dass ich es jederzeit wieder tun würde.“
Martha seufzt.
„Na schön, du Starrkopf, wenn du es unbedingt möchtest.“
„Der Starrkopf hat dafür einen guten Grund, alle hier hätten ihn“, erwidert Paul. Martha hebt die Hände.
„Schon gut, schon gut. Ich habe nichts gesagt.“
Dann sagt eine lange Zeit keiner von ihnen etwas, sie sitzen einfach nur da und trinken ihren Kaffee. Das sind die schwersten Momente für Jay und Martha. Sie sehen einander an und wissen, was der andere fühlt.
„Soll ich bleiben, bis Linda zurückkommt?“, unterbricht Paul die Stille. Jay trinkt seinen Kaffee aus und erhebt sich. Er spült die Tasse an der Spüle aus und stellt sie in das kleine Regal zurück.
„Danke“, sagt er.
„Es tut gut zu wissen, dass jemand hier ist.“
Martha trinkt ebenfalls ihren Kaffee leer und gesellt sich zu ihren Mann. In dem Moment wird ihr bewusst, dass es vielleicht jetzt zu spät ist, die Stadt zu verlassen. Sie spricht Jay darauf an.
„Für Leute wie uns ist es immer der falsche Moment, um irgendwo anders hinzugehen“, sagt er und nimmt Martha in den Arm.
„Aus diesem Grund habe ich nie etwas gesagt, doch mir ist auch schon ein paar male der Gedanke gekommen, fortzugehen. Besonders dann, als du gesagt hast, dass … dass sie auch Linda holen könnten. Wenn du gehen willst, gehen wir.“
Martha sieht zu Paul.
„Es ist schon etwas verrückt, aber … ich kann auch verstehen, wenn ihr eure Tochter beschützen wollt“, entgegnet dieser. Martha setzt sich wieder an den Tisch.
„Denkst du, es ist eine gute Idee?“, fragt sie.
„Es ist vor allem eine riskante Idee. Ihr habt kein Geld, ihr habt kein Auto, ihr habt wahrscheinlich nicht einmal eine Idee, wie ihr dort hinkommen sollt, wo ihr hin wollt. Wisst ihr, wo ihr hin wollt?“, erwidert Paul.
„Ja.“
„Doch andererseits tut ihr es für eure Tochter. Ich würde genau dasselbe für meine Tochter tun, wenn ich eine hätte.“
„Was denn nun? Verrückte Idee oder nicht?“, fragt Jay. Paul sieht ihn an.
„Das ist ein waghalsiges Unterfangen, aber es geht um euer Kind. Ich habe das nicht zu entscheiden“, antwortet Paul. Martha beginnt zu weinen.
„Lass es uns doch versuchen. Wir fahren bis an die Grenze, von dort aus lassen wir uns von jedem Wagen mitnehmen, der anhält“, schluchzt sie.
„Aber du …“
„Ich weiß! Aber ich muss immer an Linda denken! Und ich denke daran, was für eine schlechte Mutter ich wäre, wenn ich es nicht riskieren würde!“
Jay seufzt und verlässt das Haus. Er ruft seiner Frau zu, wenn sie sich entschieden habe, solle sie sich bei ihm melden. Martha sieht ihm nach und schnieft. Wieso stiehlt er sich aus der Verantwortung? Wieso tut er so, als ob ihm das nichts angehe?
„Sie ist auch deine Tochter!“, ruft sie ihm nach. Doch Jay kann sie nicht mehr hören. hilfesuchend sieht sie zu Paul. Dieser sagt, er wolle mit Jay reden und tritt ebenfalls hinaus. Jay steht am Fluss und hat die Hände in die Hüften gestemmt.
„Mein Vater hatte mich unglaublich lieb, meine Mutter auch. Als sie mich und viele andere Kinder abholen kamen, überlegten sie auch, zu gehen. Rate mal, warum sie es nicht getan haben“, sagt Paul und stellt sich neben Jay. Das Wasser ist in Bewegung. Sie können sehen, wie es im leicht aufkommenden Wind hin und her plätschert.
„Weil ihr auch in derselben Situation wart wie wir, nehme ich an.“
„Genau. Nenn sie feige oder nenne sie schlau. Ich dachte damals, dass es gemein von Ihnen war, ich empfand, dass sie mich haben leiden lassen, nur um selber keine Schwierigkeiten zu bekommen. Heute denke ich, es war vielleicht sogar eine kluge Entscheidung von ihnen, zu bleiben. Linda wird euch verzeihen. Doch wenn ihr meint, es wäre besser für euch, zu gehen, dann geht.“
Jay lauscht in die Ferne, kein Laut ist zu hören, kein Hund, der in der Ferne bellt, kein Auto, das vorbeifährt, die einzigen Geräusche kommen vom Wind.
„Wenn ich gehe, dann wegen Martha. Es treibt sie in den Wahnsinn, hier zu bleiben, aber sie … sie will diese Entscheidung nicht ohne mich treffen, doch ich möchte ihr nicht wehtun“, sagt Jay. Paul sieht ihm fest in die Augen.
„Was willst du? Willst du gehen oder bleiben?“
Jay weicht dem Blick seines Freundes aus. Er muss an die Geschichten denken, die ihm seine Frau erzählt hat; Geschichten, die ihn erschüttert haben.
„Ich glaube, sie will, dass ich entscheide“, sagt er. Und nach einer Weile fügt er hinzu: „Aber soll ich meiner Frau wirklich sagen, unsere Tochter bleibt da? Soll ich sagen, wir versuchen, uns ohne Geld und ohne Auto durchzuschlagen?“
Paul steckt die Hände in die Hosentaschen.
„Ich habe Bekannte in Merritt, das ist nicht sehr weit von hier. Kommt doch zu mir rüber, wenn Linda wieder da ist, dann reden wir in Ruhe“, erwidert Paul.
Jay bedankt sich und geht ins Haus zurück. Martha sitzt, wie er es vorausgeahnt hat, am Tisch und trinkt noch eine Tasse Kaffee.
„Paul sagt, wir drei sollen zu ihm rüberkommen. Dann können wir alles in Ruhe besprechen.“

Paul erwartet sie bereits. Er hat für sie alle gekocht und hat sogar zwei Flaschen Bier.
„Die müssen wir uns aber teilen“, sagt er und schenkt Jay ein Glas ein. Für Linda holt er eine Cola.
„Merritt“, sagt Jay und trinkt einen kleinen Schluck. Paul bietet ihnen an, sich zu setzen und stellt das Essen auf den Tisch.
„Ja, ich weiß, dass einer meiner Bekannten noch dort wohnt, Cliff. Wenn ich ihm erzähle, worum es geht, wird er sicher bereit sein, euch zu helfen. Wir haben nach meiner Zeit … nach meiner Zeit dort Pläne gemacht, eine Bewegung zu gründen, um anderen Betroffenen zu helfen.“
Paul serviert jedem etwas Gemüse und ein bisschen Fleisch.
„Das ist ja wunderbar!“, ruft Martha aus.
„Ich werde morgen versuchen, Cliff zu erreichen“, erwidert Paul und schiebt sich etwas Fleisch in den Mund. Linda hört aufmerksam zu, sie fragt, wo Merritt genau liege, Martha antwortet, dass es eine Stadt sei, die sich ein Stück weiter von Kamloops entfernt befinde. Ob Nicolas mitkommen könne, fragt Linda. Wahrscheinlich nicht antwortet Martha.
„Von dort aus ist es nicht mehr weit nach Amerika, hab ich recht?“, fragt Jay.
„Nein“, antwortet Paul und trinkt einen Schluck aus der Flasche. „Cliff wird euch mit Geld und ein paar Lebensmitteln versorgen und dann folgt ihr einfach immer weiter dem Highway. Aber er wird es euch noch einmal erklären, ich bin mir da nicht sicher.“
„Womit sollen wir weiterfahren? Den Wagen brauchst du“, sagt Martha. Paul, der gerade einen Schluck trinken wollte, stellt die Flasche wieder auf den Tisch zurück.
„Ich frage Cliff, ob er mich zurückfährt“, antwortet er. Doch Jay legt Protest ein, er könne ihretwegen nicht auf sein Auto verzichten.
„Was erwartest du, was ich jetzt sage? ‚Ja, ihr habt recht, dann bleibt eben hier und alles bleibt, wie es ist‘? Nehmt den Pick-Up oder lasst es, es ist eure Entscheidung.“
Linda fragt erneut, ob Nicolas mitkönne, doch Martha weist sie an, still zu sein.
„Wir tun es“, sagt Jay. Für ihn ist es keine Option mehr, hier zu bleiben, er sieht seiner Frau in die Augen und weiß, dass auch sie sich bereits entschieden hat.


Die Indian residential Schools verzeichnen seit ihrer Gründung ab 1880 tausende von Todesfälle. Manche Kinder sterben an Krankheiten, doch es gibt auch jene, die sich dafür entscheiden, sterben zu wollen. An diesen Nachmittag finden ein paar Kinder draußen auf dem Gelände ein Mädchen, sie hatte eine Scheibe eingeschlagen, und sich die Pulsadern aufgeschnitten, man brachte sie fort, doch keiner wusste, wohin. Die Kinder erzählen sich Geschichten, sie sagen, die Nonnen hätten sie gegessen, andere sagen, man hätte sie in Gräber geworfen, doch was wirklich passiert ist, weis niemand. Doch Linda fürchtet sich vor diesen Ort. Sie fragt sich, ob auch sie irgendwann verzweifelt genug sein könnte, sich selbst das Leben zu nehmen. Sie fürchtet sich vor den Priestern, die Kinder sagen, sie würden böse Dinge tun, sie fürchtet sich vor den Nonnen, Linda hat Angst, etwas Falsches zu tun oder zu sagen, sie weiß nicht, was falsch ist, und was richtig. Sie hat Angst, nach Hause zu kommen, nicht, weil sie ihre Eltern fürchtet, sondern weil sie weiß, dass sie wieder an diesen furchtbaren Ort zurückmuss. Manchmal liegt sie zu hause wach und kann nicht schlafen. Sie hört ihre Eltern, wie sie sich unterhalten. Sie hört ihren Vater etwas sagen, sie hört ihre Mutter weinen, sie weiß, dass sie über sie reden. Ja, irgendwann wäre sie bestimmt verzweifelt genug, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch Nicolas ist bei ihr, er sagt, es werde alles gut werden, er sagt, er werde bei ihr sein und niemals fortgehen und Linda glaubt ihm. Gemeinsam würden sie diese Zeit überleben, Nicolas würde an ihrer Seite sein und sie an seiner.

Pater Gorden beobachtet das neue Mädchen. Er sieht sie im Klassenzimmer, bei der Hausarbeit, er sieht, wie sie versucht, alles richtigzumachen und sich Mühe gibt, die Sprache zu lernen, so wie es von ihr erwartet wird. Ihre reine Haut, nicht weiß, aber auch nicht so braun, wie bei manch anderen, ihre Kulleraugen, die sehnsüchtig eine Antwort auf eine Frage verlangen, die ihr niemand gibt und diese Unschuld, die nur ein Kind haben kann, faszinieren den Pater und er fleht Gott an, ihm diese sündigen Gedanken, die ihm manchmal heimsuchen, zu vergeben. Doch es wäre verkehrt zu glauben, dass er der einzige wäre, oder dass er nicht schon einmal der Versuchung erlegen wäre, eines der Mädchen mitzunehmen. Linda begegnet den Pater das erste Mal auf den Weg zum großen Esssaal und er scheint anders zu sein. Doch die anderen Kinder warnen sie, er sei genauso böse, wie viele andere hier. Doch der Pater nimmt sich Zeit für sie. Die zwei unterhalten sich ab und an, Linda fragt ihn, weshalb man ihr und den anderen Kindern wehtue und der Pater bemüht sich, ihr diese Frage zu beantworten, wobei seine Antworten für Linda nicht wirklich nachzuvollziehen sind. Allerdings geht ihr das kleine Mädchen nicht aus dem Kopf, dass man auf dem Gelände gefunden hat. Der Pater schlägt vor, in einen der Klassenräume zu gehen, um ungestört reden zu können. Linda fragt, ob das Mädchen böse sei.
„Warum? Weil sie das getan hat?“, fragt der Pater. „Weil sie sterben wollte?“
„Ja“, erwidert Linda. Der Pater rückt näher an sie heran.
„Weißt du noch, was ich über den Himmel gesagt habe?“
Linda sieht den Pater fragend an, doch dann versteht sie.
„Himmel gehen gute Leute.“
Der Pater rückt noch dichter an sie heran. Linda rückt ein Stück ab.
„Richtig. Und sich zu töten, ist böse.“
„Böse?“
„Ja.“
Dann packt er sie, Linda schreit auf, doch der Pater fällt ihr den Mund zu.
„Sei still!“, ruft er.
„Hier wird dir sowieso niemand helfen!“
Er öffnet sich die Hose und reißt Linda die Klamotten vom Leib, dann dringt er in sie ein. Linda versucht sich zu wehren, doch der Pater ist stärker. Sie liegen auf den Boden, der Pater liegt über ihr.
„Du böse!“, ruft sie. Doch der Pater macht weiter. Verzweifelt sieht Linda zur Tür, sie hört das Keuchen und Stöhnen des Paters und weiß, dass sie sich nicht wehren kann. Sie hofft, jemand würde hereinkommen und sie finden, doch es kommt niemand. Linda kommt das ganze wie eine Ewigkeit vor und sie denkt wieder an das Mädchen auf der Wiese. Es lacht und dreht sich im Kreis. Der Wind weht die Bäume hin und her und die Sonne scheint. Doch das Stöhnen des Paters reißt Linda aus ihren Gedanken. Und dann erhebt er sich. Er zieht sich die Hose hoch und geht. Linda bleibt weinend zurück. Zitternd tastet sie nach ihren Sachen und zieht sich wieder an. Linda hat Angst, er könne vielleicht wieder zurückkommen, sie fürchtet, irgendwer könne hereinkommen und sie so sehen. Linda schämt sich, doch gleichzeitig ist sie auch verärgert und traurig. Langsam erhebt sie sich, doch sie zittert so stark, dass sie sich setzen muss. Dann kommt ihr ein Gedanke: Sie muss weg. Wenn sie wieder Zuhause ist, wird sie gemeinsam mit Nicolas weglaufen. Linda beruhigt sich allmählich wieder und sieht erneut zur Tür. Sie werden warten, bis es dunkel ist, dann werden sie weglaufen, wenn es sein muss, werden sie den ganzen Weg durch den Fluss schwimmen. Linda geht zur Tür und öffnet sie. Draußen ist niemand, sie späht in alle Richtungen und als sie sicher ist, dass sich keiner im Flur aufhält, läuft sie los. Sie läuft so lange, bis ihr ein paar Nonnen entgegenkommen. Die Frauen führen sie zu den anderen zurück und Linda muss so tun, als wäre alles in Ordnung.

Nicolas sieht, dass mit Linda etwas nicht stimmt. Er wusste, dass sie nicht da war, doch er glaubte, Linda wäre in einem anderen Teil des Gebäudes. Am Abend spricht er sie darauf an, sie sitzen wieder am Fluss, doch Linda ist dieses Mal ruhiger. Sie sieht einfach nur in die Ferne und versucht, nicht in Tränen auszubrechen.
„Linda.“
Doch Linda antwortet nicht. Dann verirrt sich eine Träne in ihren Augenwinkeln.
„Was ist?“, setzt Nicolas zu einem erneuten Versuch an. Dieses Mal schafft es Linda, zu antworten.
„Pater Gorden“, flüstert sie.
„Wann?“
Linda sieht ihn an. Sie atmet schwer und nach ein paar Sekunden wendet sie ihren Blick wieder ab.
„Er böser Mann“, sagt sie. Und dann sitzen sie einfach nur da und starren auf den Fluss.

Martha ist besorgt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Linda nach ihrer Rückkehr den ganzen Tag am Fluss sitzt, doch dieses Mal ist etwas anders: Nicolas ist nicht bei ihr. Er war kurz da, doch Linda hat ihn vermutlich fortgeschickt. Martha verlässt das Haus und geht zu ihrer Tochter. Was los sei, will sie wissen. Linda antwortet nicht. Martha sagt, sie werden so bald wie möglich hier weg sein, Paul habe mit seinem Freund gesprochen und ihm alles erklärt. Linda reagiert noch immer nicht.
„Martha!“
Jay kommt auf die beiden zu. Er hatte vom Haus aus gesehen, wie Martha zu Linda gegangen ist.
„Was ist los?“
„Es ist etwas passiert“, erwidert sie. Jay sieht zu Linda. Sie sitzt einfach nur da und starrt auf das Wasser.
„Was hat sie denn?“, fragt Jay. Linda erhebt sich und läuft ins Haus. Martha und Jay wechseln einen langen und besorgten Blick miteinander.
„Was es auch sein mag, ich will sie einfach nur hier wegbringen.“
„In Ordnung“, entgegnet Jay und geht ebenfalls ins Haus, um die Sachen zu packen.

Um halb zwölf in der Nacht erwartet Paul sie vor ihrem Haus, sie laden die Sachen in den Pick-Up und fahren los, wobei Jay seinen Platz auf der Ladefläche eingenommen hat. Paul ist nervös, doch er fährt unbeirrt die Straße entlang. Wohin sie fahren, will Linda wissen. Weg von hier, erwidert Martha daraufhin. Und Nicolas?
„Bist du sicher, dass diese alte Kiste überhaupt so weit fährt?“, fragt Jay. Paul grinst.
„Die alte Lady ist mich schon sehr, sehr weit gefahren, dieses Stück wird sie auch noch schaffen“, erwidert er.
„Außerdem hoffen wir mal, dass sie euch noch ein ganzes Stück auf eurem Weg begleiten wird.“
Martha mag den Gedanken nicht, dass Paul ihnen seinen Wagen zur Verfügung stellt, sagt aber nichts.
„Danke“, sagt sie stattdessen.
Sie erreichen die Brücke und von dort aus die Stadt, dann biegt Paul auf den Highway. Es sind noch ein paar Autos unterwegs und Martha fragt sich, wo die Leute um diese Zeit noch hinfahren.
„Kannst du nicht schneller fahren?“, fragt sie.
„Geht nicht, das alte Baby hier würde etwas dagegen haben“, antwortet Paul. Jay sieht zu Martha, auch sie ist nervös. Linda sitzt auf ihren Sitz und sieht aus dem Fenster. Sie denkt daran, dass sie nun nicht mehr erfahren wird, was hinter dieser Tür ist. Doch um ehrlich zu sein, spielt es auch keine besonders große Rolle.
„Ich werde erst beruhigt sein, wenn wir die Landesgrenze überquert haben“, sagt Martha. Vor ihnen taucht ein LKW auf, Paul fährt auf die linke spur und zieht an ihm vorbei.
„Wir sind die letzte Provinz vor den Vereinigten Staaten, das wird keine lange Reise“, entgegnet Paul. Linda sagt, sie müsse mal auf Klo. Da wirst du wohl aushalten müssen, entgegnet Martha. Sie fragt sich, wie lange es wohl dauert, bis man nach ihnen suchen wird. Spätestens wenn Linda morgen nicht erscheint, wird irgendjemand Alarm schlagen.
„Glaubst du, wir sind bis morgen weit genug weg?“, fragt Martha.
„Ich denke …“, beginnt Paul.
„Wollen wir es …?“, sagt Jay durch das kleine Fenster, das die Ladefläche von der Fahrerkabine trennt. Martha lächelt.
„Ich denke schon“, sagt Paul und schaltet das Radio an. Es läuft gerade Musik, doch Martha ist im Moment nicht danach, aufgeheitert zu werden. Sie bittet Paul, das Radio wieder abzustellen.
„Beruhig dich, Schatz“, sagt Jay, doch auch er ist angespannt.
Irgendwann lassen sie Kamloops hinter sich. Es ist gut zu wissen, dass sie schon so weit gekommen sind, doch die drei werden erst aufatmen, wenn sie die USA erreichen. Paul fährt so schnell, wie es seine „alte Lady“ zulässt und da der Highway bis auf die wenigen Autos nicht sehr befahren ist, kommen sie recht zügig vorwärts. Einmal allerdings muss Paul an einer Tankstelle halten.
„Tut mir leid, die alte Lady säuft leider wie verrückt“, sagt er. Während Jay, Martha und Linda im Wagen warten, scheint es, als wollten die Minuten nicht verstreichen. Nach der zweiten Minute beginnt Martha, nervös zu werden, hektisch sieht sie sich nach allen Richtungen um.
„Ist fast voll“, sagt Paul und als er sieht, dass Martha es vor Anspannung nicht mehr aushält, hängt er den Zapfhahn wieder in die Tanksäule zurück und geht in den Tankstellenshop. Linda ist in Marthas Arm eingeschlafen, doch sie ist unruhig.
„Alles klar da drinnen?“, fragt Jay und sieht durch das Fenster. Martha streichelt ihrer Tochter über die Haare.
„Ich weiß es nicht.“
Nach ein paar weiteren Minuten kommt Paul endlich heraus.
„Da drinnen waren Leute, die anscheinend zu blöde zum Bezahlen waren, was soll ich sagen?“, sagt er und steigt ein. Dann fahren sie weiter.
„Was ist mit ihr?“, fragt Paul als er zu Linda sieht. Martha redet ruhig auf sie ein.
„Ich weiß es nicht“, wiederholt sie.
Draußen beginnt es allmählich heller zu werden, Martha ist so angespannt, dass ihr dieser kaum merklichen sofort auffällt. Jay hat sich auf die Ladefläche gelegt und sich zusammengerollt. Auf dem Highway sind jetzt mehr Autos unterwegs. Sie scheinen wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein und doch ist es ein Anzeichen dafür, dass es später geworden ist. Mit einem Mal schreckt Linda hoch. Paul sieht sie kurz an.
„Alles in Ordnung?“, fragt er. Doch Linda antwortet nicht. Martha fragt ihre Tochter auf Secwepemctsín. Noch immer keine Antwort.
„Linda.“
Erst jetzt reagiert sie, sie erwidert, dass es ihr gut gehe. Paul gähnt.
„Ich glaube, ich werde Jay fragen, ob er mich ablöst“, sagt er. Doch in der nächsten halben Stunde kommen sie an keinen Rastplatz vorbei, an dem sie kurz hätten halten können. Erst einige Zeit später sehen sie einen Platz. Paul lenkt seinen Pick-up vom Highway und hält inmitten einer freien Fläche, die von Bäumen umgeben ist. Er weckt Jay und bitten ihm, weiterzufahren. Er sagt, Jay müsse einfach immer nur dem Highway folgen. Irgendwann erreichen sie Merritt. Sie biegen in die Chapman Street ein und fahren in eine weitere Straße.
„Dort ist es“, sagt Paul. Jay parkt den Pick-Up unweit des Hauses und sie gehen hinein.

Cliff erwartet sie bereits und als die vier auf das Haus zugehen, öffnet er, noch bevor sie klingeln.
„Das müssen die sein, von denen du mir erzählt hast“, begrüßt er Paul.
„Ja, das sind sie. Sie brauchen etwas Geld und Verpflegung“, erwidert er und lacht. „Weißt du noch, wie wir uns damals gewünscht haben, dass mal so etwas passiert?“ Martha und Jay treten ein. Martha hat ihre Tochter im Arm und lächelt Cliff freundlich an.
„Wollt ihr euch ein wenig ausruhen?“, fragt dieser, doch Jay verneint. Dann gehen sie in die Küche. Cliff, der ungefähr im selben Alter ist wie Paul, nimmt ein Bündel Geldscheine und überreicht es Martha.
„Das ist meins“, sagt er, als er Jays skeptischen Blick sieht. Dann nimmt er eine Pistole und einen Satz Munition und hält Jay beides hin.
„Nein“, erwidert dieser. Doch Paul greift danach.
„Danke, Cliff“, sagt er und hält Jay beides hin. Widerwillig nimmt er die Sachen entgegen.
„Ich habe euch Proviant eingepackt, das reicht, bis ihr in den Staaten seid. Ich habe es vorgekocht“, sagt Cliff und entnimmt dem Kühlschrank ein paar Dosen, Nudeln, Reis, Obst, etwas Gemüse, einem Campingkocher, etwas Wasser, Cola, Limo und ein paar Flaschen Bier.
„Danke“, sagt Jay. Als sie alles in den Pick-Up verstauen, nimmt Jay seinen Nachbarn zur Seite.
„Woher hat er die Pistole?“
„Lange Geschichte. Er hat sich einer Bewegung angeschlossen, die zu etwas … anderen Mitteln gegriffen hat. Er war auch deshalb schon einmal im Knast. Jetzt steck endlich die Waffel weg.“
Erst jetzt fällt Jay auf, dass er die Pistole noch immer in der Hand hält. Blitzschnell steckt er sie unter seine Jacke. Der Rest geht sehr schnell und wenige Augenblicke später fahren Jay, Martha und Linda in Richtung Süden weiter.

Der Flur ist leer. Kein Kind läuft durch die Gänge, kein Priester kommt ihr entgegen, keine Nonne. Doch irgendetwas sagt ihr, dass da etwas ist. Es ist, als würde sie ein innerer Instinkt durch den leeren Flur führen, also läuft sie ihn entlang, er wirkt größer, als sie ihn in Erinnerung hat. Am Ende des langen Ganges sieht sie die Tür mit dem Kreuz, was ist dahinter? Linda hat Angst, sie möchte es nicht wissen, doch sie geht geradewegs auf diese Tür zu. Von der anderen Seite der Tür hört Linda eine Stimme.
„Bitte, ich habe nichts gemacht“, sagt sie. Es ist eine männliche Stimme. „Oh Gott, vergib mir!“ Jetzt hat Linda noch mehr Angst, sie möchte stehenbleiben, doch sie kann nicht. Dann hört sie noch etwas: ein Kinderlachen. Es klingt wie das, des Mädchens auf der Wiese, das sich im Kreis dreht. Kommt dieses Lachen auch von dort? Dann verstummt es. Panik steigt in ihr auf.
„Oh Gott.“
Linda ist nicht mehr weit von der Tür entfernt.
„Ich habe nichts gemacht.“
Nur noch ein paar Schritte, dann hat sie die Tür erreicht.
„Vergib mir!“
Die Tür öffnet sich. Linda wacht schreiend auf. Mit einem Mal ist auch Martha hellwach.
„Was ist denn los?“, fragt Jay erschrocken. Sie befinden sich hinter der Landesgrenze auf amerikanischer Seite. Sie haben den Pick-up am Rand der Straße geparkt und sich für eine halbe Stunde hingelegt, das jedenfalls war der Plan gewesen.
„Wir sind eingeschlafen, Jay, wir sind eingeschlafen!“, sagt Martha. Und dann sagt sie zu Linda, dass alles in Ordnung sei. Sie habe einen bösen Traum gehabt, erwidert Linda. Jay lässt sich mit einem Stöhnen in den Sitz zurückfallen.
„Wir müssen weiter“, sagt er. Draußen beginnt es hell zu werden, Jay lässt den Motor an und fährt wieder auf die Straße.
„Wir müssen irgendwo haltmachen“, erwidert Martha.
„Nein, ich möchte so weit wie möglich vorwärtskommen“, antwortet Jay. Wohin sie fahren, fragt Linda.
„Keine Ahnung“, antwortet Jay. Die Straße zieht sich endlos gen Süden. Eine steile Bergwand erstreckt sich zu ihrer linken. Jay fährt, soweit es ihm möglich ist und macht irgendwo Rast. Irgendwo zwischen ein paar Bäumen hält er an. Sie nehmen den Campingkocher und zwei Dosen aus dem Pick-Up und laufen weiter in die Wildnis hinein.
„Das ist ja abenteuerlich“, sagt Martha.
„Wäre es dir lieber, sie würden uns entdecken?“, entgegnet Jay.
„Nein, ich habe nur so etwas noch nie gemacht.“
Jay lächelt.
„Glaubst du, ich? Als Kind habe ich mir das immer gewünscht, doch ich habe den Wunsch irgendwann aufgegeben. Bis jetzt.“
Als sie bei den Bergen angekommen sind, machen sie halt. Jay stellt den Campingkocher an und stellt eine Dose darauf.
„Jetzt leben wir wie die Outlaws im Wilden Westen“, sagt er.
„Nur, dass die damals keinen Campingkocher hatten“, lacht Martha. Jay grinst, mit einem Mal wird Martha klar, dass sie jetzt ein neues Problem haben: wenn man sie erwischt, würden sie Ärger bekommen, sie sind illegal in den Staaten. Sie spricht Jay darauf an.
„Das Outlaw-Leben hat auch Nachteile“, grinst er. Martha findet das nicht besonders lustig.
„Ich denke dabei an uns“, sagt sie.
„Ja, aber wir müssen es riskieren, zurück können wir nicht. Außerdem hab ich eine Waffe, wir sind versteckt und es wird jemand rund um die Uhr Wache halten.“
„Kindskopf.“
Jay lächelt, Linda fragt, ob sie jetzt echte Verbrecher wären. Nein, erwidert Martha. Jay verschränkt die Arme vor der Brust.
„Das ist eine Beleidigung, natürlich sind wir das. Wir leben in den Wäldern, ich habe eine Waffe und wir sind auf der Flucht.“
Martha bricht in Gelächter aus. Jay ist manchmal ein richtiges Kind, doch das ist vermutlich der Grund, weshalb sie ihm geheirateten hat.
„Na schön, dann bin ich ja wohl Bonnie Parker“, erwidert sie. Jetzt lachen sie beide.
„Meins du, der Wagen ist gut versteckt?“, fragt Martha mit einem Mal.
„Ich denke schon“, gibt Jay zurück. Dann sitzen sie einfach nur da und lauschen in die Stille.

Great Falls ist eine Stadt unweit der Grenze. Jay schlägt vor, an einer Kneipe haltzumachen, sollte es denn eine geben. Er sagt, ein ordentliches Frühstück tue ihm jetzt gut, auch wenn es nur ein Kaffee sei. Auch Martha und Linda wollen nicht mehr weiter. Sie fahren von dem Highway ab und halten vor der ersten Bar, die sie sehen. Um diese Uhrzeit ist noch nicht besonders viel los, doch Jay bestellt trotzdem zwei Kaffees. Hinter dem Tresen steht ein Mann mittleren alters, er trägt einen Anzug und hat glatt gekämmte Haare. Jay findet, er passt nicht in diese Bar, dem Mann scheint aufzufallen, dass Jay ihn beobachtet.
„Ihr wirkt nicht, als wärt ihr auf der Durchreise“, sagt er, während er den Kaffee zubereitet. Jay sieht zu Martha und seiner Tochter.
„Sind wir aber“, erwidert er. Der Mann sieht durch die Glasscheibe auf den Pick-Up, der vor der Bar steht, er mustert die Ladefläche. Jay folgt seinem Blick.
„Wohin wollt ihr?“, fragt er.
„Nach Ontario“, erwidert Jay.
„Ich komme von dort.“
Wieder sieht der Mann zu dem Pick-Up.
„Mit dieser Kiste kommt ihr nicht weit. Habt ihr nichts anderes?“
Jay verneint. Dann fragt er, den Mann hinterm Tresen, was ihm das überhaupt angehe.
„Ach, schon gut“, sagt dieser und stellt die Kaffes auf die Theke. Mit einem Mal fällt sein Blick auf die Pistole, die aus Jays Jacke schaut.
„Die würde ich verdecken“, sagt er und deutet auf seine Jacke. Erschrocken macht Jay die Jacke zu, doch den Mann scheint das nicht sonderlich zu stören.
„Seid ihr auf der Flucht?“
Martha ergreift Jays Arm.
„Komm, wir gehen“, sagt sie, doch Jay ist neugierig geworden. Wer ist dieser Kerl?
„Weshalb sollte jemand wie Sie sich für Leute wie uns interessieren?“, fragt er. Dann fügt er hinzu: „Wir könnten eine Übernachtungsmöglichkeit brauchen.“
Der Mann lächelt und streckt Jay seine Hand hin.
„Ich bin Lewis.“
„Jay, und das ist meine Frau Martha und unsere Tochter Linda“, entgegnet er und schüttelt ihm die Hand.

Das Flying Bird gehört Lewis Ricocello und den Montana Gentlemen, eine Gangsterbande, die sich über die Jahre einen Namen im Drogenschmuggel gemacht hat.
Lewis führt die drei in ein kleines Apartment über der Bar.
„Hier könnt ihr euch ausruhen“, sagt er.
„Wieso tun Sie das?“, fragt Jay. Er ahnt, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmt, doch er nimmt das Angebot dankend an. Martha jedoch ist skeptisch, sie sagt, sie sollen lieber die Finger davon lassen und weiterfahren. Doch Jay entgegnet, es wäre nur für eine Nacht. Doch er ahnt nicht, dass es nicht bei dieser einen Nacht bleiben wird.

Jay, Martha und Linda werden durch einen lauten Knall geweckt. Mit einem Mal fällt ein Schuss und Stimmen rufen wild durcheinander, dann fallen weitere Schüsse.
„Was ist das!“, ruft Martha. Jay legt ihren Arm um sie.
„Klingt wie eine Schießerei.“
Der Lärm kommt aus der Bar, mit einem Mal reißt Lewis die Tür auf und rennt zum Fenster des kleinen Zimmers. Mit dem Griff einer Maschinenpistole schlägt er die Scheibe ein und feuert auf etwas, das draußen auf der Straße zu sein scheint.
„Was ist denn los?“, fragt Jay, doch Lewis achtet nicht auf ihn.
„Was ist los?“, fragt Jay erneut.
„Die Bullen“, sagt Lewis nur und gibt ein paar weitere Schüsse ab. Jay und Martha halten sich die Ohren zu, dann springt Jay auf und läuft zu Linda. Sie hat sich unter dem Bett versteckt und hält sich ebenfalls die Ohren zu. Jay schnappt sie und bringt sie in das Schlafzimmer, in dem er und Martha noch vor ein paar Minuten geschlafen haben. Lewis geht in Deckung, auch Martha hat sich auf den Boden geworfen.
„Unten bleiben!“, sagt Lewis und feuert erneut auf die Straße, sofort wird zurückgeschossen. Plötzlich kommt ein weiterer Mann in das Zimmer und sagt, sie müssten weg.
„Was!?“, fragt Jay. Lewis sieht ihm kurz an und rennt aus dem Zimmer. Währenddessen fallen weitere Schüsse. Sie zerbersten den Fensterrahmen und schlagen in die Zimmerdecke ein. Jay ergreift Marthas Hand und rennt mit ihr und Linda aus dem kleinen Zimmer. An der Treppe, die hinunter in die Bar führt, stoßen sie beinahe mit Lewis zusammen, der sich dort versteckt hält.
„Wir müssen weg!“, sagt er.
„W-w-w-wohin?“, fragt Jay.
„Aus der Stadt raus, es Werden noch mehr Bullen auftauchen, irgendwas ist schief gelaufen“, antwortet Lewis.
„Wir hätten weiterfahren sollen, wie ich es dir gesagt habe!“, ruft Martha.
„Zu spät“, entgegnet Lewis und nachdem eine ganze Weile kein Schuss mehr gefallen ist, geht er vorsichtig die Treppe hinunter. Er hält seine Waffe wie ein Jäger vor sich und sieht sich in alle Richtungen um.
„Ich glaube, wir haben sie alle erwischt“, sagt jemand anderes und geht zu Lewis.
„Gut, dann lasst uns abhauen“, erwidert er und sieht zu Jay. Dieser schüttelt den Kopf. Doch dann laufen sie blind los.
„Wartet“, sagt Lewis und läuft noch einmal in die Bar, eilig schnappt er sich ein paar Lebensmittel und etwas Wasser. Jay bittet darum, ebenfalls etwas aus dem Pick-Up holen zu dürfen und als auch er ein paar Sachen geholt hat, steigen sie in ein schwarzes Auto und Lewis lässt den Motor an.
„Was war das? Wer seid ihr?“, fragt Jay.
„ich bin der Chef einer kleineren Unterweltorganisation. Wir sind dabei, ein Netzwerk aufzubauen, das bereits Teile der Ostküste und einige Bezirke in Chicago abdeckt.“
„Da hast du dein Outlaw-Leben“, sagt Martha.
Sie fahren mit Höchstgeschwindigkeit durch die Straßen. John und Lewis unterhalten sich darüber, was sie mit Jay, Martha und Linda machen sollen, John ist der Meinung, sie müssten weg, doch Lewis sagt, sie könnten kein Kind töten.
„Dann ist das hier nicht mehr das richtige für dich, Lewis. Früher …“
„Früher wäre ich zu allen bereit gewesen, deshalb bin ich heute da, wo ich jetzt stehe. Aber die Zeiten haben sich geändert. Sie bleiben unter der Bedingung, dass sie es auch wirklich tun; sollten sie fliehen, überlasse ich dir die Entscheidung, was mit ihnen passieren soll.“
Jay legt Martha den Arm um die Schulter.
„Dann sind wir Gefangene?“, sagt er. Lewis sieht ihn kurz an.
„Ja“, antwortet er und konzentriert sich wieder auf die Straße.
„Und selbst wenn ihr kein Kind hättet, euch zu töten würde uns nur Schwierigkeiten machen, wir hätten zwei Leichen mehr und es würde uns kein Stück weiterbringen.“
„Wohin fahren wir?“, fragt Martha.
„Nach Havel, das ist eine ganze Ecke von hier aber wir haben dort auch Leute“, erwidert Lewis.
„Sie scheinen ganz schön viele Leute zu haben“, sagt Jay.
„Ja, einige.“
Nach einer Pause sagt Lewis: „Es gibt Leute, die meinen, ich wäre zu schwach geworden; diese Leute würden mich gerne loswerden. Es sind meine eigenen Männer und im Grunde haben sie recht. Aber ich bin zu weit gegangen, um aufzuhören. Aber vor allen Dingen hat dieses Leben auch gewisse Vorteile.“ Lewis lächelt. „Wenn ihr mich damals kennengelernt hättet, hätte ich anders gehandelt.“ Dann fragt er, woher sie kämmen.
„Ich bin Secwepemc, Jay ist aus Onterio“, erwidert Martha und erzählt von ihrer Flucht und weshalb sie geflüchtet sind.
„Wenn wir in Havel sind, fahren wir in unser Restaurant, uns gehört eine ganze Reihe von Lokalen, dort könnt ihr arbeiten. Schonmal gekellnert?“
„Das ist wirklich sehr großzügig, aber wieso tun Sie das?“, fragt Jay.
„Würde ich auch gern wissen“, entgegnet John. Lewis überholt ein Auto.
„Ihr habt keine Bleibe, wir können sie euch bieten, ihr habt kein Geld, wir können es euch geben. Wir besitzen nicht umsonst so viele Geschäfte und Lokale; was nicht bedeutet, dass wir alle aufkaufen, doch diese Methode ist mit einer der Gründe, weshalb wir ganz oben mitspielen“, sagt Lewis.
„Und der Rest wird eingeschüchtert“, erwidert Jay. Lewis übergeht diese Bemerkung.
„Wenn ihr darauf eingeht, habt ihr eine Zuflucht und die Möglichkeit, hier zu bleiben.“
„Und wenn nicht?“
Lewis fährt auf den Highway. Er beschleunigt das Tempo und weicht geschickt den anderen Autos aus.
„Wir machen es“, sagt Martha.
„Ach, was.“
Jay sieht sie überrascht an.
„Willst du dich etwa hier alleine durchschlagen?“
Jay seufzt.
„In Ordnung, aber unsere Tochter wird da nicht mit hineingezogen.“
„Wir machen die Regeln“, sagt Niel, doch Lewis bringt ihm abrupt zum Schweigen.
„Einverstanden“, sagt er. Nach einer Weile fragt Martha, wer Lewis’ Begleiter sind.
„John Mayer, Phil „Gunshot“ Roberts und Niel Baker, sie sind schon recht lange dabei. John ist meine rechte Hand und er war der erste, der sich mir angeschloßen hat“, antwortet Lewis.

Wie sich herausstellt, haben die Montana Gentlemen sehr viele Möglichkeiten, einen Unterschlupf zu finden. Fast jedes kleine Lokal und jede Bar hat auf die ein oder andere Weise etwas mit ihnen zu tun. In einem dieser Zufluchten ruft Lewis seine Komplizen John Mayer, Phil „Gunshot“ Roberts und Niel Baker zu sich. Er ist verärgert und will wissen, weshalb ihnen die Polizei auf die Schliche gekommen ist.
„Ich hör mich mal um“, sagt John. Doch das reicht Lewis nicht, er möchte denjenigen finden, der sie verraten hat. Jay sitzt mit Martha und Linda an einen der hinteren Tische und hört das Gespräch mit.
„Was ist mit Max? Er wusste, dass wir dort sind“, sagt Phil. Lewis bittet den Barmann, ihn einen Kaffee zu machen.
„Und Mo und Harris wussten es auch. John, ruf Officer Clark an, vielleicht hat es sich einer seiner Leute anders überlegt“, sagt er.
„Wir haben die volle …“, beginnt Phil.
„Ich weiß“, unterbricht ihn Lewis.
„Ich werde mir Mo und Harrison selbst vornehmen.“
Mit einem Mal kreuzen sich Lewis’ und Jays Blicke. Als der Barmann den Kaffee bringt, setzt sich Lewis zu Jay und Martha.
„Ihr müsst nicht alles verstehen, doch eines solltet ihr wissen: Wer in diesen Kreisen überleben will, der muss so handeln. Ihr werdet Dinge sehen, die euch abschrecken werden, es werden Dinge passieren, die euch verängstigen werden, doch das ist nicht mein Weg. Es gab eine Zeit, in der ich über Leichen gegangen bin, um meine Vormachtstellung zu sichern, jetzt ist es notwendig, um zu überleben“, sagt er. Dann dreht er sich zu seinen Männern um. „Ich will denjenigen finden, der uns verpfiffen hat.“ John erwidert, er werde sich darum kümmern und verschwindet in einem kleinen Raum neben den Tresen.
„Was passiert jetzt?“, fragt Jay. Lewis trinkt einen Schluck von seinem Kaffee.
„Wenn John wieder herauskommt, fahren wir weiter“, antwortet er.
„Was machen Sie mit ihm? Also, mit dem Mann, der Sie verraten hat. Töten Sie ihn?“, fragt Martha.
„Ich erwarte nicht, dass ihr das versteht. Es gibt zwar Dinge, die mir in diesem Geschäft längst zuwider geworden sind, doch wenn es um Verrat geht, lasse ich es nicht ungesühnt.“
Einige Augenblicke später kommt John wieder heraus und geht zu Lewis. Er sagt, er habe ein wenig herumtelefoniert und man würde ihn Bescheid geben, sobald man etwas wüsste.
„Gut“, erwidert Lewis und geht mit seinem Kaffee zum Tresen.
„Sind alle so weit?“
„Willst du die jetzt wirklich mitnehmen?“, fragt Phil und sieht zu Jay, Martha und Linda.
„Willst du sie lieber töten? Wenn du willst, setzen wir sie irgendwo ab“, entgegnet Lewis und trinkt seinen Kaffee aus.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust“, sagt Phil und verlässt die Bar, auch Lewis und die anderen gehen hinaus. Und nach einer Weile verlassen auch Jay, Martha und Linda das Lokal.

In den vielen Stunden, in denen sie gemeinsam im Auto sitzen, erfahren Martha und Jay sehr viel über Lewis, wie er angefangen hat und von seinem Aufstieg als Gangsterboss. Lewis ist froh, jemanden zu haben, mit dem er wieder normal reden kann und so offenbart er den beiden sein gesamtes Leben. Er sagt, er hätte ganz früher einmal eine Familie gehabt, die aber bei einem Feuer ums Leben kam.
„Ich lief panisch nach draußen, ohne sie, ich weiß nicht wieso. Als ich dann sah, dass sie nicht da waren, bin ich nochmal ins Haus zurück; doch es war zu spät. Meine Frau, Denise, und meine beiden Kinder waren noch an der Treppe, es gab kein Durchkommen mehr und so musste ich mit ansehen, wie sie von den Flammen verschluckt wurden. Es hat ewig gedauert, bis sie aufhörten zu schreien. Danach bin ich einfach stehengeblieben, ich hatte gehofft, das Feuer würde auch mich verschlingen.“
„Was passierte dann?“, fragt Martha.
„Die Feuerwehr und die Polizei kam und sie haben mich aus dem Haus gebracht, danach trieb ich mich in den Straßen der Gegend herum und dort lernte ich einen Mann namens Frank Jeffreys kennen. Er gehörte zu einer Gruppe von Alkoholschmuggler“, erzählt Lewis.
„Sie schlossen sich ihm an.“
„Ja. Er brachte mir bei, sich in diesen Kreisen zu behaupten und ich war ein Ende zwanzigjähriger Mann, der alles verloren hatte. Durch ihm lehrte ich auch viel über Abhängigkeiten und wie man Leute gewinnt, die am Rande des Abgrunds stehen oder die nichts mehr haben.“
„Oder nichts mehr zu verlieren haben“, sagt Jay.
„Als ich Lewis damals kennenlernte, war er ein Mann, mit dem man besser keinen Ärger anfängt“, sagt Niel. Lewis sieht aus dem Fenster, es beginnt gerade hell zu werden.
„Es gibt viele Leute, die mich weg haben wollen, weil sie der Meinung sind, ich wäre über die Jahre zu weich geworden und es stimmt, ich bin weich geworden, doch es gibt auch noch eine andere Seite: die des alten Lewis. Und wenn mich jemand anschwärzt, kommt diese Seite zum Vorschein. Aber das liegt auch daran, dass ich genau weiß, dass es Leute und Situationen gibt, bei denen man nicht lange fackeln darf, ein zu langes Zögern und du bist tot“, sagt Lewis. Martha hat einen Kloß im Hals, sie schluckt.
„Warum … warum steigen Sie nicht …“
„Weil es nicht mehr geht; wenn ich aussteige, bin ich tot, wenn die Bullen mich schnappen auch. Ich hatte sehr viele Gründe, sterben zu wollen, doch in einer Position, in der man sich alles kaufen kann und in der jeder weiß, was dein Name bedeutet und dass man sich besser nicht mit dir anlegt, habe ich bald vergessen, dass ich einmal sterben wollte. Ich bin Lewis Ricocello, mein Name ist schon recht groß in der Unterwelt und ich habe ein Netzwerk aufgebaut, dass es mir unmöglich macht, auszusteigen.“
Martha ist fasziniert von diesem Mann. Von seiner Ehrlichkeit und von der ruhigen Art, mit der er ihnen sein Leben offenbart. Lewis bemerkt, dass Martha ihn beobachtet, lässt sich aber nichts anmerken.
Sie fahren bis zum Mittag und biegen dann ein Stück vom Highway ab, um eine Rast zu machen. Lewis entfernt sich von den anderen und sieht auf den Missouri river, der sich überall um sie herum erstreckt.
„Alles in Ordnung?“, fragt Martha. Lewis dreht sich zu ihr um.
„Alles bestens“, erwidert er. Martha hat Linda dabei, sie sieht zu Lewis und weicht einen kleinen Schritt vor ihm zurück. Dieser geht vor ihr in die Hocke.
„Na, alles klar?“, fragt er sie.
„Ja“, antwortet Linda schüchtern. Lewis lächelt.
„Sie spricht fast nur Secwepemctsín“, sagt Martha. Auf Lewis’ Frage hin, weshalb sie noch kein Englisch könne, erwidert Martha, sie habe es ihrer Geschichte wegen nie gewollt. Lewis denkt darüber nach.
„Es ist noch nicht zu spät“, sagt er dann.
„Ja, ich weiß.“
Martha denkt an Lewis’ Geschichte.
„Stimmt es, was Sie uns im Auto über sich erzählt haben?“
Eine lange Pause entsteht. Die Sonne verschwindet gerade hinter ein paar Wolken.
„Es stimmt, jedes Wort“, sagt Lewis schließlich. Derweil sind John, Niel und Phil sich am Unterhalten. Jay steht etwas abseits. Er beobachtet Lewis und Martha. Sie scheinen sich gut zu verstehen, Jay ist schleierhaft, weshalb die zwei so gut miteinander auskommen. Mit einem Mal erblickt Jay die Pistole, die aus Lewis’ Jacke guckt und nimmt ihn zur Seite.
„Ich will nicht, dass Sie mit der Waffe in der Nähe meiner Tochter sind“, sagt er. Wortlos geht Lewis zu Phil und gibt ihm die Waffe.
„Danke“, sagt Jay.
„Jay!“, ruft Phil.
„Sieht aus, als hättest du Lewis gut im Griff!“
John bricht in Gelächter aus, doch Lewis bringt sie zum Schweigen.
„Man tut, was man kann“, erwidert Jay. Lewis lächelt.
„Nun, vielleicht kannst du diesen drei Halunken da auch mal Manieren beibringen“, sagt er. John steckt sich eine Zigarette an.
„Zu spät“, entgegnet Niel.
„Nicht mal unsere Mütter konnten das.“
Lewis sieht sich um.
„Fahren wir weiter.“
Er geht zu Phil und lässt sich von ihm seine Waffe aushändigen. Dann setzt er sich hinters Steuer. John zieht noch ein paar male an seiner Zigarette und wirft sie zu Boden. Mit einem Mal meldet Linda sich, sie sagt, sie müsste mal. Martha entschuldigt sich und geht mit ihr hinter einen Baum.
„Gute Idee“, sagt John und verschwindet hinter einem Gebüsch. Und als Martha mit Linda hinter den Baum hervorkommt und John seine Notdurft ebenfalls verrichtet hat, fahren sie weiter.

In dieser Nacht träumt Linda von Pater Gorden.
Er reißt sie an sich.
Linda sieht zu dem Kreuz.
Der Pater stöhnt.
Ein Mädchen lacht auf der Wiese. Linda erwacht. Es ist dunkel und der Wagen steht abseits vom Highway. Der Mann mit der Pistole, Lewis, ihre Mama, ihr Papa und die drei anderen Männer schlafen. Doch auch Lewis scheint nicht gut schlafen zu können. Er murmelt vor sich hin und bewegt sich leicht. Linda legt ihm die Hände auf die Schultern. Sie summt ein Lied, das sie von Zuhause her kennt. Allmählich beruhigt Lewis sich. Die Nacht ist klar und man kann die Sterne sehen. Mit einem Mal wird Lewis wach.
„Alles klar?“, fragt Linda leise. Lewis dreht sich überrascht zu dem Mädchen um.
„Ja, alles klar“, sagt er lächelnd.
„Du böse?“, fragt sie. Lewis überlegt, was er darauf antworten soll, er will Linda nicht verängstigen.
„Manchmal“, sagt er dann. Linda sieht ihm fragend an. Lewis lächelt und dreht sich wieder um. Er schließt die Augen und atmet tief durch. Dann sieht auch er zum Nachthimmel hinauf. Ein Auto fährt den Highway entlang, Lewis schreckt auf. Vorsichtig öffnet er die Tür, doch der Wagen fährt weiter. Lewis sieht seine Frau und seine Kinder vor sich, sie brennen, sie schreien. Ein verdammter Kurzschluss hatte das Feuer ausgelöst. Es überraschte sie bei Nacht. Sie sprangen aus den Betten und liefen die Treppe hinunter, da stand alles bereits in Flammen. Lewis denkt noch heute daran. Niemals wird er den Anblick seiner brennenden Familie vergessen, den Blick seiner Frau, kurz bevor die Flammen sie verschlangen. Erneut sieht Lewis zu Linda. Sie hat sich zurückgelehnt und guckt zu den Sternen. Auf einmal denkt er an jenen Moment, als die Polizei sie bei Nacht überraschte. Wer gab ihnen den Hinweis? Lewis glaubte, er hätte dafür gesorgt, dass man sie in Ruhe lässt. Er kennt den Chef des Polizeibezirks persönlich, er konnte es nicht angeordnet haben; doch andererseits wird alles, was bei der Polizei passiert, von ihm abgesegnet. Es hatte damals eine Streitigkeit zwischen ihn und den Montana Gentlemen gegeben. Es ging um Geld. Der Polizeichef hatte gesagt, er könne es sich unter Umständen anders überlegen, sollten sie ihn nicht für sein Schweigen besser bezahlen. Hatte er seine Drohung wehr gemacht? Lewis weckt John.
„Was ist?“, fragt dieser verschlafen.
„Komm mit raus“, erwidert Lewis.
„Was, jetzt?“
Doch er folgt Lewis nach draußen.
„Ich hoffe, es ist wichtig“, sagt er. Sie entfernen sich ein Stück vom Wagen, Lewis sieht, dass Linda die beiden Männer beobachtet.
„Was ist mit dem Polizeichef Carson?“, fragt er.
„Was soll mit dem sein?“
Lewis sieht wieder zu Linda. Sie ist kurz davor, auszusteigen, doch sie zögert.
„Er wollte doch mehr Geld. Er sagte, wenn wir ihm nicht mehr geben, würde er seine Meinung ändern.“
John steckt sich eine Zigarette an.
„Gut“, sagt er,

„Ich rufe unsere Jungs an, die sollen ihn nach Havre bringen. Wenn das wirklich stimmt, werden wir ihn zeigen, was wir mit Leuten machen, die zu gierig werden.“
Mit einem Mal sind mehrere Stimmen zu hören, Lewis und John sehen aus der Ferne das Flackern von Taschenlampen, John zieht seine Waffe, doch Lewis hält ihn zurück.
„Warte noch“, sagt er. Aus der Richtung, aus der die Stimmen kommen, ist jetzt Musik zu hören. Irgendjemand öffnet eine Bierdose.
„Da feiert wer“, sagt Lewis. John wirft die halb gerauchte Zigarette weg und steigt wieder in das Auto. Auch Lewis geht wieder zurück, doch bevor er einsteigt, sieht er sich noch einmal um. Er taucht in die Richtung, aus der die Musik und die Stimmen kommen. Wieder denkt Lewis an das Feuer. Er denkt an seinen Aufstieg zu einem der größten Bosse der Unterwelt. Es gibt Menschen wie ihn, die ihr ganzes Leben in diesem Milieu zubringen, ohne einen Anflug von Sympathie. Doch Lewis ist anders, er hat ungefähr achtzehn Jahre dafür gekämpft, um es so weit zu bringen und einen Haufen Morde später ist er nun dort angekommen. Aber wenn man so lange in diesem Geschäft ist und so viel Leid und Blut gesehen hat, sehnt man sich danach, einen Schlussstrich zu ziehen und alles hinter sich zu lassen. Doch für Lewis gibt es kein Zurück mehr, die Männer, die für ihn arbeiten, würden ihn töten. Einige warten nur auf eine solche Gelegenheit und so muss er Stärke zeigen. Und es gelingt ihm jedes Mal auf’s neue. Lewis schiebt diese Gedanken beiseite und steigt wieder in das Auto.

Das Lazy Horse ist eine beliebte Anlaufstelle in Havre. Es ist ein großes Restaurant, mit schweren roten Samtvorhängen an den Fenstern, die zur Dekoration dienen. Auf jedem der schwarzen Tische steht eine Kerze. Niemand ahnt, dass dieses Restaurant einem der größten Gangsterbosse der Gegend gehört. Als Lewis an diesen Abend zur Tür hereinkommt, wird er gleich von Ben Houston abgepasst, Ben arbeitet seit drei Jahren für ihn und hofft darauf, dass Lewis ihn zu seinem Stellvertreter ernennt.
„Er ist hier“, sagt Ben.
„Carson?“
„Ja. Wir haben ihn betäubt“
Lewis sieht sich im Laden um.
„Es geht aber gerade nicht“, sagt er. Ben sieht zu Jay, Martha und Linda.
„Wer ist das?“
Lewis erwidert, dass sie, solange sie nichts anderes haben, im Restaurant arbeiten werden. Ben sieht ihn fragend an.
„Nehmen wir jetzt auch Durchreisende auf, Lewis?“, fragt er. In diesem Moment gesellt sich Flint J. Williams zu ihnen, er ist einer der Männer, die hinter dem Tresen arbeiten.
„Alles klar?“, fragt er. Lewis geht an die Bar und bestellt ein Bier. Dann fragt er Martha erneut, ob sie kellnern könne.
„Ich habe sowas noch nie gemacht“, antwortet sie, doch Lewis beschwichtigt sie, er sagt, es wäre nicht besonders schwer und bittet Nicole, eine der Kellnerinnen, ihr zu zeigen, wie es geht. Doch Jay ist skeptisch, er sagt, er fühle sich nicht wohl dabei, bei einem derartigen Unterfangen mitzumachen.
„Ihr könnt nicht mehr gehen“, sagt Lewis und wendet sich an seine Männer:
„In zwei Stunden machen wir den Laden dicht, John, sieh nach, ob Carson ruhig ist.“
„Und die da?“, fragt Ben und deutet auf Jay, Martha und Linda.
„Sie bleiben hier oben“, erwidert Lewis.

Zwei Stunden später betritt Lewis mit seinen Männern, Ben und Flint eingeschlossen, den Lagerraum des Lazy Horse. Der Polizeichef sitzt gefesselt und weggetreten auf einem Stuhl. Lewis haut ihm auf die Wange.
„Walt.“
Walt Carson gibt einen Laut von sich. Lewis zieht seine Pistole und feuert fünfmal in die Luft. Der Polizeichef schreckt hoch. Benommen sieht er Lewis an.
„Was habt ihr mit ihm gemacht?“, fragt dieser.
„Er hat ein starkes Narkotikum bekommen, Mitch hat es besorgt“, antwortet Ben. Lewis packt Carson an den Haaren und zwingt ihn, ihm in die Augen zu schauen.
„Erinnerst du dich an unseren Streit?“, fragt er. Carson sieht ihn benommen an.
„Erinnerst du dich an unseren Streit?“, wiederholt Lewis und haut ihm wieder auf die Wange.
„Was willst du?“, fragt Carson. Lewis sieht zu Ben.
„Das bringt so nichts“, sagt er und geht mit den anderen nach oben.
„Was willst du jetzt machen?“, fragt John. Lewis geht hinter den Tresen und schenkt sich einen Bourbon ein.
„Wir warten, bis er wach wird, dann nehmen wir ihn uns nochmal vor“, erwidert Lewis und trinkt einen Schluck. Martha und Jay beobachten das Ganze von einem der Tische aus, Linda läuft im Restaurant herum und sieht sich alles an. Ab und zu geht sie zu ihren Eltern und redet mit ihnen. Sie fragt, was die Männer machen und worüber sie reden. Martha erwidert, Linda solle sich zu ihnen setzen und ruhig sein.
„Alles in Ordnung?“, fragt Lewis und sieht zu Martha.
„Ja“, antwortet sie.
„Wir sind nur etwas müde.“
Lewis kommt zu ihnen an den Tisch.
„Oben gibt es vier kleine Zimmer für die Angestellten, da könnt ihr euch ausruhen. Ich zeig euch, wo das ist“, sagt Lewis und begleitet die drei in den hinteren Teil des Restaurants, von dort aus führt eine Treppe zu einem kleinen Flur mit drei Türen.
„Es gibt leider keine Doppelbetten, aber die Zimmer sind mit allem ausgestattet, was ihr braucht.“
Martha bedankt sich und geht sofort in eines der Zimmer, Linda und Jay nehmen die beiden anderen Zimmer in Beschlag.
„Braucht ihr noch was?“, fragt Lewis. Jay bleibt in der Tür stehen und dreht sich zu Lewis um.
„Nein, wir kommen zurecht“, erwidert er und schließt die Tür hinter sich. Lewis bleibt noch eine Weile vor der Tür stehen, dann geht er wieder zu seinen Leuten.
Carson ist wach, als Lewis und die anderen wieder hinuntergehen, wütend sieht er ihn an.
„Was hat das zu bedeuten?“
„Damals vor nicht allzu langer Zeit, da hast du gedroht, wenn wir dich nicht besser bezahlen, würdest du uns hochgehen lassen, ist das richtig?“, sagt Lewis. Carson lächelt.
„Wieso? Ist etwas passiert?“
Lewis schlägt ihm mit seiner Waffe ins Gesicht.
„Ja oder nein?“
„Ja.“
„Und vor gut einer Woche wurden wir mitten in der Nacht von Polizisten geweckt. Wie kannst du uns das erklären?“
Carson lacht.
„Keine Ahnung, was du meinst“, sagt er. Lewis schlägt ihn erneut.
„Wir werden so lange weitermachen, bis du halb tot auf deinem Stuhl sitzt“, sagt Phil.
„Dann erledigt mich doch jetzt gleich“, erwidert Carson.
„Es stimmt“, sagt John.
„Du hattest recht, Lewis.“
Doch Lewis bringt ihn zum Schweigen.
„Nicht so schnell.“
Lewis packt ihm erneut an den Haaren.
„Hast du deinen Leuten gesagt, sie sollen unseren Laden hochnehmen?“, fragt er.
„Ich bin doch nicht lebensmüde“, entgegnet Carson. Lewis nimmt eine Weinflasche und wirft sie neben Carson auf den Boden.
„Deine Männer unterliegen dir, und zwar nur dir, wenn also so etwas passiert, dann nur, weil du es angeordnet hast“, sagt er. Carson sieht Lewis flehend an.
„Nein, bitte.“
„Dann hast du es angeordnet.“
„Ja.“
„Du wolltest dich rächen.“
Carson nickt, Lewis zieht seine Waffe und feuert zweimal auf ihn. Er weist seine Männer an, die Leiche zu entsorgen und geht in das Restaurant zurück. Dort setzt er sich an einen der Tische und sieht einfach nur aus dem Fenster. Die Stadt ist hell erleuchtet, und ab und zu fahren ein paar Automobile durch die Straße. Mit einem Mal hört Lewis Schritte hinter sich und dreht sich um. Es ist Martha. Sie setzt sich ihm gegenüber und fragt, ob alles in Ordnung sei.
„So jemanden wie mich sollte dich eigentlich überhaupt nicht interessieren“, gibt Lewis zurück. Martha sieht ebenfalls aus dem Fenster.
„Da haben Sie recht. Ich wollte nur wissen, ob alles gut ist“, erwidert sie. Lewis bittet sie, ihm ein Bier zu holen. Er sagt, sie hätten einen kleinen Kühlschrank, in dem sie das Bier für die Angestellten aufbewahren würden.
„Ich habe zwei Schüsse gehört“, sagt Martha, während sie zur Theke geht. Lewis sieht sie an.
„Ja“, sagt er nur. Nach einiger Suche findet Martha schließlich den Kühlschrank und nimmt sich ebenfalls eines heraus, dann öffnet sie die Flaschen und setzt sich wieder zu Lewis.
„Sie haben es getan“, sagt Martha.
„Sie haben ihn getötet.“
„Ja“, sagt Lewis wieder. Er nimmt eine der Flaschen und trinkt einen Schluck. Draußen hupt ein Auto, irgendwo beginnt ein Hund zu bellen, ein andere steigt in das Gebell mit ein. Die Geräusche dringen leise zu ihnen, gedämpft durch die Fensterscheibe, doch sie sind hörbar. Lewis trinkt noch einen Schluck.
„Von den Zimmern aus kann man die Schüsse kaum hören“, sagt er. Der Hund bellt nun weniger intensiv.
„Ich habe die Toilette gesucht und bin die Treppe hinuntergegangen, da hörte ich auf einmal die beiden Schüsse.“
Lewis führt sich die Flasche an die Lippen und hält inne, dann stellt er sie wieder auf den Tisch zurück.
„Achtzehn Jahre“, sagt er. Martha sieht ihn fragend an, dann fügt Lewis hinzu:
„Frank, der Mann, der mich aufgenommen und mich in diese Kreise eingeführt hat, hat mal gesagt: ‚das ist ein Geschäft, entweder du betreibst es, koste es was es wolle, oder du bist tot‘, manchmal wäre ich es lieber und doch weiß ich, dass Frank recht hatte. Und so war ich ehrgeizig, ich habe mich da reingekniet, habe jeden Auftrag erledigt, der mir aufgetragen wurde, und irgendwann kamen John, Phil und Niel. Männer, die verzweifelt genug waren, alles zu tun. Ich habe öfter in den Lauf einer Kanone geschaut als mir lieb ist, ich habe so oft einen Schlag abgekriegt, dass ich es nicht zählen kann, doch ich habe weiter gemacht. Aber irgendwann kommst du an einen Punkt, an dem du den Abzug drücken musst, das lässt sich nicht vermeiden, und ich tat es. Und jetzt, sieh, wo ich sitze, sieh, wo wir sitzen. Ich kann Menschen nicht mehr als Menschen sehen, das verlernt man irgendwann.“
Martha trinkt einen kleinen Schluck von ihrem Bier.
„Deshalb haben Sie uns mitgenommen, weil wir verzweifelt sind“, sagt sie.
„Nicht nur deshalb. Nein, Kinder nehmen wir eigentlich nicht auf. Ich habe euch drei mitgenommen, um wieder Normalität in mein Leben zu bringen. Ich dachte, wir können ewig so weitermachen, ich gehe meinen Geschäften nach und ihr arbeitet hier, Linda kann hier spielen und wir können alle halbwegs glücklich werden“, sagt Lewis.
Martha ergreift seine Hand.
„Sie sind sehr aufrichtig, Lewis.“
Es ist schön, dass jemand seine Hand hält, das letzte Mal, dass sie jemand gehalten hat, ist eine Ewigkeit her. Lewis drückt Marthas Hand.
„Komm“, sagt Lewis.
„Wir müssen früh aufstehen.“
Sie trinken ihr Bier zu Ende und gehen nach oben.
„Gute Nacht, Lewis“, sagt Martha.
„Gute Nacht, Martha“, erwidert Lewis und geht in sein Zimmer.

Es mag seltsam erscheinen, oder viel mehr, es ist seltsam, doch Martha hat in diesen Mann, der vor wenigen Minuten einen anderen tötete, sowas wie eine tiefe Aufrichtigkeit gesehen. Sie ist keineswegs erschrocken darüber, was er getan hat, sie ist nicht schockiert darüber, wer er ist, vielmehr verspürt sie Mitleid für ihn. Diesen Mann, Lewis, scheint eine tiefe Traurigkeit zu umgeben, die er vor seinen Leuten herunterzuspielen versucht. Doch ihr gegenüber hat Lewis sich geöffnet. Er kann Menschen nicht mehr als Menschen sehen, sagte er. Das verlernt man irgendwann, hatte Lewis gesagt und Martha glaubt es ihm. Sie vermutet, Lewis war in seinen ersten Leben ein liebevoller Ehemann und Familienvater. Könnte er dorthin wieder zurückfinden? Alles, was Lewis braucht, ist eine zweite Chance. Und da meldet sich auf einmal eine Stimme in ihrem Verstand. Sie sagt, dass Martha schon einen netten Ehemann habe und das Linda ihre Tochter ist. Sie sagt, Lewis sei ein Verbrecher, ein Mörder. Die Zweifel sind so laut, dass Martha sie nicht überhören kann. In ihrem Inneren ist ein Krieg ausgebrochen, eine Schlacht um ihre Seele. Dieser Krieg würde nicht nur jetzt toben, er würde auch die ganze Nacht andauern, bis in den Vormittag hinein.
Um elf Uhr ist es schon recht voll im Lazy Horse. Martha hat ab und zu Gelegenheit, mit Lewis zu sprechen. Sie fragt ihn, weshalb er in dieser kleinen Stadt war, in der ihre Nacht so abrupt beendet wurde.
„Weil das Flying Bird und das Lazy Horse mir gehören, ich war dort, um nach dem Rechten zu sehen“, erwidert er. Auf einmal wird Martha von einem Gast gerufen. Martha geht zu ihm hin.
„Mein Name ist Ted Norris, ich bin vom Department of Indian Affairs and Northern Development. Man bat mich herzukommen, um über einen unerfreulichen Zwischenfall bezüglich ihrer … wie wollen wir es nennen? Reise in die USA zu sprechen“, sagt der Mann. Martha stockt der Atem.
„Wie haben Sie uns gefunden?“, fragt sie. Ted Norris, ein Mann im schwarzen Anzug und mit einem schwarzen Hut auf dem Kopf, sieht ihr ruhig in die Augen.
„Wir wussten, dass Sie sich weit absetzen würden und da lag es nahe, dass sie irgendwo in Amerika sein würden. Und der erste Bundesstaat, der an der kanadisch-amerikanischen Grenze liegt, ist Montana, ich habe also meine Kollegen in Amerika gebeten, die Augen offenzuhalten und siehe da, der Zufall hat auch ein wenig mitgeholfen. Diese Bar gehört einer Gangsterbande, die dabei ist, weite Teile des Landes zu übernehmen“, sagt der Mann. In diesen Moment gesellt sich Lewis zu ihnen.
„Gibt es Probleme?“, fragt er. Martha steht noch immer da, wie vom Donner gerührt.
„Ah, Sie müssen“, - der Mann sieht auf sein Notizblock - „Lewis Ricocello sein, der Mann, dem bald ganz Montana gehört.“
„Der bin ich, Mister, und wenn Sie nicht gleich gehen, werde ich Sie vor den ganzen Gästen hier persönlich hinausschmeißen“, sagt Lewis und schiebt unauffällig seinen Anzug beiseite, sodass der Mann freie Sicht auf seine Pistole hat. Ted Norris hebt die Hände.
„Ist schon gut“, sagt er und erhebt sich langsam.
„Aber wir werden Sie zurückholen, Miss Shirley. Das verspreche ich Ihnen.“
Martha beobachtet, wie der Mann das Restaurant verlässt.
„Können Sie uns beschützen?“, fragt sie Lewis und erzählt ihm von ihrem Gespräch mit Ted Norris. Lewis steckt die Hände in die Hosentaschen.
„Was macht der überhaupt hier? Ist er Amerikaner?“
In diesen Moment kommt Linda an ihnen vorbeigelaufen, sie lacht und scheint irgendjemanden zu suchen. Martha bricht in Tränen aus.
„Sie dürfen uns nicht zurückschicken“, schluchzt sie.
„Das werden sie nicht“, erwidert Lewis.
„Dafür werde ich sorgen.“
Plötzlich hört Martha Phil, er kommt brüllend hinter der Theke hervor und rennt hinter ihr her, einige der Gäste bringt das zum Lachen.
„Wie haben Sie das den geschafft?“, lacht Martha. Lewis sieht Linda und Phil hinterher. Auf einmal fängt Martha wieder zu Weinen an.
„Bitte sorgen Sie dafür, dass wir hier bei Ihnen bleiben dürfen. Ich rede mit Jay, ich werde ihm sagen, dass wir alles tun werden, um hier zu bleiben.“
Lewis drückt Martha kurz an sich.
„Niemand wird euch etwas tun, solange wir hier sind, dafür garantiere ich“, sagt er.

In dieser Nacht träumt Linda wieder von Pater Gorden. Dieses Mal verwandelt er sich allerdings in eine furchtbare Kreatur mit Hörnern und roten Augen. Linda ist so verstört, dass sie sich seither weigert, im Dunkeln zu schlafen, aus Angst, das Ungeheuer könne eines Nachts tatsächlich vor ihrem Bett stehen. Martha ist verzweifelt, sie sagt, sie könne ihr nicht helfen, wenn sie nicht weiß, was damals passiert ist; doch sie ahnt, dass es irgendwas mit einem dem Pater zu tun gehabt haben muss. Und dann trifft es Martha wie einen heißen Peitschenhieb. Könnte ihre Tochter von einem Priester vergewaltigt worden sein? Sie selbst hatte oft genug von anderen Leidensgenossen gehört, denen das gleiche Schicksal widerfahren ist. Doch was kann sie tun? Wie kann sie ihrer Tochter helfen? Martha vertraut sich Lewis an, doch er sagt, er wäre der falsche Ansprechpartner für sie. Und Jay ist ebenso ratlos, wie es Martha ist.
Martha und Jay haben Lewis’ Angebot, bei ihm zu bleiben, akzeptiert; in Gegenzug verlangt dieser absolute Loyalität. Sie helfen im Restaurant, Martha kellnert, Jay arbeitet hinter dem Tresen. Ab und zu kommen Leute in schweren Anzügen und mit teuren Hüten, sie setzen sich an einen der hintersten Tische und unterhalten sich, manchmal reden sie auch mit Lewis. An einem dieser Tage, dieses Mal sind Männer da, die aussehen, wie aus alten Gangsterfilmen, fragt Jay, wer das sei.
„Das sind Leute aus Chicago“, erwidert Lewis.
„Und was wollen sie hier?“, fragt Jay. Lewis sieht zu den Männern rüber, einer von ihnen winkt ihm zu.
„Sie haben Verbindungen in weite Teile des Landes, wir möchten gerne mit ihnen in Kontakt treten“, sagt er.
„Und, funktioniert es?“
„Wir sind auf einem guten Weg“, entgegnet Lewis.
„Immerhin sind wir groß genug, um oben mitmischen zu können, und mein Name ist, bei den meisten jedenfalls, noch immer sehr angesehen.“
Plötzlich kommt einer der Männer an die Theke.
„Wer ist das? Eine Aushilfe?“, grinst er.
„Tom, das ist Jay, und Jay, das ist Tom „little nose“ Jackson. Er betreibt gemeinsam mit den anderen Jungs dahinten mehrere Casinos.“
„Freut mich, Jay“, sagt der Mann und reicht ihm die Hand, Jay nimmt sie entgegen.
„Habt ihr vor, ins Glücksspielgeschäft einzusteigen, Lewis?“
Tom „little nose“ Jackson stützt den Kopf auf die Hände, doch Lewis sagt ihm, dass Jay und seine Familie jetzt auch ein Teil der Montana Gentlemen wären und er sich gefälligst zurückhalten solle.
„Es geht uns nicht so sehr um das Gewerbe, sondern viel mehr darum, Kontakte zu knüpfen“, sagt Lewis dann. Eigentlich interessiert sich Jay nicht für die Geschäfte zwischen Lewis und irgendwelchen Gangstern, er will, dass seine Familie in Sicherheit ist.
„Martha hat mir erzählt, was passiert ist, und ich weiß, dass das Department of Indian Affairs ganz sicher die Einwanderungsbehörde und das FBI einschalten wird, dann ist alles aus“, sagt er. Lewis sagt Tom, er müsse etwas Wichtiges besprechen und dass er sich später zu ihnen setzen werde, doch Tom hat eine Idee.
„Wartet“, sagt er.
„Die Montana Gentlemen sind ein wenig kleiner als wir, das ist klar. Unsere Kontakte reichen weit bis in die öffentlichen Institutionen hinein. Wir kontrollieren Teile aus Politik, der Wirtschaft und der Polizei. Ein Anruf genügt, und ihr seid aus dem Schneider.“
„Und was verlangt ihr im Gegenzug?“, will Lewis wissen, doch Jay packt ihm am Kragen.
„Es geht hier um meine Familie! Und wenn es eine Möglichkeit gibt, wie wir hier sicher leben können, nehme ich sie gerne an und frage nicht nach irgendwelchen Gegenleistungen!“
„Lewis“, sagt Tom, „wir können das Problem für ihn und seine Familie lösen. Du hast damit gar nichts zu tun.“
„Was muss ich tun?“, fragt Jay. Tom bittet ihn, sich zu ihnen zu setzen.
„Schonmal in Chicago gewesen?“, fragt einer der anderen Männer. Jay verneint. Der Mann fährt fort, sie bräuchten jemanden, der „das Grobe“ erledige.
„Wir leben seit Jahren in einem Konkurrenzkampf mit einer anderen Chicagoer Bande. Der Chef von denen heißt Joe Cleveland, Joe hasst uns bis auf’s Blut, wir bräuchten einen Mann, der bereit ist, ein wenig über diese Bande nachzuforschen und uns zu informieren, was sie vorhaben“, sagt der Mann.
„Was ist mit meiner Familie?“, fragt Jay.
„Du kannst sie mitnehmen“, erwidert er. Jay sagt, er müsse es erst mit Martha besprechen und bittet um etwas Zeit.
„Wir sind bis zum Abend hier“, sagt Tom.

Martha sitzt auf dem Bett, ihr gefällt es überhaupt nicht, was ihr Mann da vorhat. Andererseits hat auch sie Angst, man könne sie, Linda und Jay wieder zurück nach Kanada schicken.
„Du könntest sterben, du hast so etwas noch nie gemacht“, sagt sie. Jay setzt sich neben sie.
„Es ist für unsere Tochter, es ist für uns“, entgegnet er.
„Trotzdem hast du das noch nie gemacht, Jay. Die erschießen dich, wenn sie herausfinden, dass du sie ausspionierst.“
„Aber Martha, diese Männer haben Kontakte, mehr als Lewis, Kontakte, die wahrscheinlich bis in die engsten Kreise der Polizei reichen, sie können uns beschützen“, sagt Jay. Martha sieht ihm fest in die Augen.
„Ist es dir wirklich wert?“, fragt sie.
„Und dir?“
Martha weicht seinem Blick aus. Natürlich ist es ihr wert, doch zwischen ihr und Lewis ist so etwas wie eine Freundschaft entstanden.
„Du weißt, dass es mir das wert ist“, sagt sie. Doch Jay ahnt, dass da noch mehr dahintersteckt.
„Es ist wegen Lewis, stimmt’s? Ihr versteht euch ziemlich gut.“
„Wir sind Freunde“, erwidert Martha. Auf einmal kommt Lewis ins Zimmer. Er hat erfahren, was die Männer, die bei ihm im Restaurant sitzen, von Jay wollen und ist geteilter Meinung; er sagt, die „Jungs“ seinen zwar vertrauenswürdig, Lewis kennt sie schon seit acht Jahren und fast genauso lange plagt er schon gute Geschäftsbeziehungen mit ihnen, dennoch schmerzt es ihm Linda, Martha und Jay gehen zu sehen.
„Wo ist sie?“, fragt Martha.
„Sie trinkt unten eine Cola“, antwortet Lewis. Er fragt, ob sie schon entschieden hätten.
„Noch nicht“, sagt Jay. Doch am selben Abend geht er zu den Männern ins Restaurant und sagt, sie würden mit ihnen mitkommen.
„Gut“, sagt Tom.
„Wir brechen in zwei Stunden auf.“

Als sie am Bahnhof ankommen, drängen sich bereits viele Reisende dicht an dicht in der Bahnhofshalle. Die insgesamt sechs Männer und zwei Frauen, wenn man Linda und Martha dazuzählt, bahnen sich ihren Weg durch die Menschenmenge.
„Jay, du holst die Fahrkarten“, sagt einer der anderen Männer, Lionel. Jay tut wie geheißen und geht zum Schalter, er kauft von dem Geld, das Tom ihm gegeben hat, acht Fahrkarten nach Chicago. Dann warten sie in der Bahnhofshalle. Jay ist ein wenig nervös, doch Tom beschwichtigt ihn.
„Wir bekommen keinen Ärger, verlass dich drauf“, sagt er.
„Wie bist du dir da so sicher?“
„Weil wir vor einer Polizeistation haltmachen können, ohne dass man uns Schwierigkeiten macht“, raunt ein weiterer Mann Jay zu. Er heißt Dave und ist der organisatorische Kopf der Bande. Jay sieht sich in der Bahnhofshalle um, überall laufen Menschen eilig mit Koffern hin und her, Ankömmlinge werden freudig von Verwandten begrüßt und andere werden verabschiedet. Sie umarmen sich oder küssen ihre Frauen oder Männer. Jay nimmt Linda auf die Schulter. Wohin sie fahren, will sie wissen, nach Chicago, antwortet Jay. Wo ist Chicago? Einer der Männer dreht sich zu Linda um.
„Was sprecht ihr da? Soll man das verstehen?“, fragt er.
„Das ist Secwepemctsín. Ich stamme aus dem Volk der Secwepemc“, antwortet Martha. Der Mann dreht sich wieder zu den anderen. Irgendwann hören sie eine Durchsage, dass ihr Zug in Kürze eintreffen wird. Jay, Martha und die anderen Männer nehmen ihre Koffer und laufen zu ihrem Gleis. Und als der Zug eingefahren ist, steigen sie ein.

Chicago. Eine Stadt, von der Jay und Martha zwar schon einmal gehört haben, in der sie aber noch nie gewesen sind. Als die Acht am Chicagoer Bahnhof aussteigen und in Richtung Ausgang gehen, muss Martha mit einem Mal an Lewis denken. Sicher hätte er ihnen vielleicht nicht denselben Schutz bieten können, den die „Jungs“ ihnen hätten bieten können, doch diese Männer scheinen weniger umgänglich zu sein, als Lewis es war.
Vor dem Bahnhof wartet ein unscheinbar anmutender Wagen, in dem zwei Männer sitzen. Einer der Männer, der Beifahrer, steigt aus und öffnet sofort den Kofferraum.
„Tom, wen habt ihr denn da mitgebracht?“, fragt er. Tom erklärt kurz, weshalb Jay, Martha und Linda da sind und fügt hinzu, er wisse ja, wie Lewis sei.
„Ach, dieser Kerl, er sollte eine Wohlfahrt aufmachen, er ist einfach nicht mehr der richtige“, sagt der Beifahrer, während er die Koffer im Kofferraum verstaut.
„Aber ihr scheint doch ein gutes Verhältnis zu haben, immerhin wart ihr in seinem Restaurant in Havre“, entgegnet Jay.
„Ja, wir arbeiten schon seit neunzehneinhab Jahren zusammen. In ein paar Wochen veranstaltet Lewis eine Feier für und mit seinen langjährige Wegbegleiter, er lädt uns alle ein mit Getränken, Tanz und einer kleinen Rede, die er vorbereitet hat, aber trotzdem bin ich der Ansicht, dass es Zeit für ihn ist, sich zurückzuziehen“, sagt der Mann, während er den letzten Koffer in den Kofferraum legt. Dann fahren sie los. Unterwegs unterhalten sich die Männer über ihre Geschäfte und darüber, was sie mit ihren drei neuen Mitfahrern machen sollen.
„Sie können doch im Appartement wohnen“, sagt einer. Dann dreht er sich zu Jay.
„Wir haben ein kleines Appartement über dem Casino, da ist genug Platz für euch. Es gibt dort einen Kühlschrank, einen Fernseher und wenn ihr wollt, könnt ihr jederzeit zu uns ins Casino kommen.“
„Danke“, erwidert Jay, doch Martha hat Zweifel, sie sagt, sie wollten eigentlich nur, dass es ihre Tochter besser hat. Auf die Frage hin, wo die drei herkommen, erzählt sie ihre Geschichte; sie erzählt von Paul Thunderbird und von ihrer Flucht in dessen alten Pick-Up. Martha erzählt, wie sie in einer Kleinstadt namens Great Falls Lewis und seinen Männern begegnet sind. Sie erzählt sogar von der Schießerei.
„Bei uns gibt es keine Schießereien“, sagt der Fahrer.
Sie fahren etwa eineinhalb Stunden und halten vor einem hell erleuchteten Casino. Überall blinken Lampen und der Eingang ist mit einem Personalleitsystem abgesperrt. Vor dem Eingang erstreckt sich eine Schlange an Menschen, die so weit reicht, wie Martha und Jay gucken können.
„Wow“, sagt Jay.
„Netter Laden.“
„Bringt auch ordentlich Geld ein, hier waschen wir das Geld von unseren Nebengeschäften“, erwidert einer der Männer.
„Wie heißt ihr überhaupt?“, will Jay wissen. Der Fahrer dreht sich zu ihm um.
„Ich bin Tom, mich kennst du ja schon, der hier neben mir ist Earl, und das sind Mike, George und Luke“, sagt Tom und steigt aus. Am Eingang des Casinos werden sie von einer Frau begrüßt. Sie heißt Samantha und ist die Türsteherin des Casinos. Drinnen gibt es einen Vorraum, in dem die Gäste ihre Hüte und Mäntel abgeben können, der Mann, der das koordiniert, heißt Ervin „Daddy“ McLaster. Sie gehen durch das gesamte Casino, in dem Männer mit schicken Anzügen sitzen und auf den großen Gewinn hoffen, ein Aufzug führt sie zu einem kleinen Flur. Tom schließt eine Tür auf und sie gehen hinein.
„Schick, von so etwas hab ich als kleiner Junge schon geträumt“, sagt Jay.
„Das merkt man, Schatz. Könntest du deine Begeisterung dennoch etwas zügeln“, erwidert Martha. Jay sieht zu den anderen Männern.
„Sie ist leicht skeptisch, sie ist schon immer der vorsichtigere Mensch gewesen.“
Die anderen lachen. Martha verschränkt die Arme vor der Brust. Luke bietet ihnen an, ihnen das Appartement zu zeigen. Es gibt eine kleine Küche, ein Wohnzimmer mit Fernsehen, Sofa und einem Esstisch, einen kleinen Balkon, ein Badezimmer mit Dusche und fünf Schlafzimmer.
„Ihr könnt euch ausruhen, morgen sagen wir dir, was du zu tun hast“, sagt Luke zu Jay. George fügt hinzu, er wolle für Martha, Jay und Linda etwas zu Essen und zum Trinken organisieren und fragt, ob sie einen bestimmten Wunsch hätten.
„Ja, bring eine Packung Kaffee hoch, zweimal Bier und etwas Leckeres zu essen, wir haben den ganzen Tag kaum was gegessen“, erwidert Jay.
„In Ordnung, ich guck mal, was ich auftreiben kann“, sagt Luke und verlässt mit den anderen das Appartement. Martha setzt sich auf das Sofa.
„Es tut mir leid“, sagt sie.
„Wofür?“
„Ich bin eben etwas nervös, ich weiß nicht, was wir hier machen. Aber ich weiß auch, dass es keinen anderen Weg gibt“, erwidert sie, dann fügt sie hinzu:
„Aber in ein normales Leben können wir auch nicht mehr.“
Jay setzt sich zu ihr.
„Wir machen das, um unsere Tochter nicht dorthin schicken zu müssen, abgesehen davon dürfen wir gar nicht hier sein. Wir sind der Situation ausgeliefert.“
Martha sieht sich im Wohnzimmer um.
„Wieso dürfen wir überhaupt hier sein?“, fragt sie. Jay seufzt.
„Ich weiß es nicht, vielleicht weil ich die Waffe von Pauls Freund bei mir habe, was weiß ich. Und weil ich ihnen gesagt habe, dass ich …“
„Ich weiß, und das macht mir Angst. Was, wenn du irgendwann nicht mehr wiederkommst? Was, wenn sie dich töten?“
Jay nimmt Martha in den Arm. Auch er hat Angst, will sich aber nichts anmerken lassen.
„Unsere Tochter braucht ihren Vater“, fügt Martha hinzu. Jay erhebt sich und geht in eines der Schlafzimmer.
„Ich bin müde, vielleicht solltest du dich auch mal hinlegen, Liebes“, ruft er Martha zu. Martha sieht, wie Jay im Schlafzimmer verschwindet und sich auf das Bett legt. Linda kommt zu ihr und setzt sich auf das Sofa. Ob Papa und sie sich streiten, fragt sie. Nein, Papa ist nur sehr müde, antwortet Martha. Ich habe Hunger. Ich weiß, ich auch, es gibt bald etwas zu essen.

„Im Fall der Schießerei, in der Kleinstadt Great Falls, nahe der kanadischen Grenze, fehlt von den Tätern nach wie vor noch jede Spur, es ist aber davon auszugehen, dass die Täter im Drogenmilieu zu finden sind, da die betreffende Bar, das Flying Bird, einem hochrangigen Kopf der Drogenszene gehört. Lewis Ricocello, der sich vor achtzehn Jahren während der Prohibition als Alkoholschmuggler einen Namen machte, gehört nun zu einem der einflussreichsten Drogenbosse in der kriminellen Szene …“

Eine halbe Stunde später ist Luke noch immer nicht zurück. Martha und Jay sitzen vor dem Fernsehen, während Linda sich in eines der Schlafzimmer zurückgezogen hat. Im Fernsehen zeigen sie gerade Bilder vom Ort des Geschehens und ein Aussenkorespondet berichtet gerade live vor Ort. Martha sieht zur Tür, sie ist ungeduldig und hat mittlerweile richtig Hunger.
„Er kommt schon“, sagt Jay.
„Vielleicht ist was passiert“, erwidert Martha. In diesen Moment klopft es an die Tür.
„Na also“, sagt Jay und öffnet. Draußen stehen Luke und George, jeder von ihnen hat zwei große Papptüten im Arm.
„Ah, die Rettung“, sagt Jay und lässt die Männer durch.
„Tut mir leid, wir hatten noch was zu klären?“, sagt Luke. In der Küche packen sie die Tüten aus, die zwei haben reichlich zu essen besorgt und Martha macht sich gleich daran, nach Pfannen und Töpfen zu suchen. Jay sucht derweil nach Tellern und macht sich daran, den Tisch zu decken. Der Bericht ist gerade zu Ende und Jay schaltet den Fernseher ab.
„Braucht ihr noch etwas?“, fragt George.
„Nein, alles gut, danke“, entgegnet Jay. In der Küche hat Martha derweil alles vorbereitet. Sie hat die Keulen provisorisch in einen Topf gelegt und sie gewürzt, dann hat sie die Keule in den Ofen geschoben und ihn auf 170° Celsius gestellt. Jetzt ist sie dabei, das Gemüse zu schneiden.
„Wir sehen uns morgen“, sagt George und verlässt mit Luke das Appartement. Linda kommt aus dem Zimmer gelaufen und fragt, ob es bald Essen gäbe. Ja, entgegnet Martha und sagt, Linda solle ihren Vater beim Tischdecken helfen, doch dieser ist bereits fertig. Also fragt Martha ihre Mutter, ob sie Hilfe in der Küche bräuchte. Ja, bräuchte sie, sagt Martha und gemeinsam waschen und schneiden sie das Gemüse. Als dies erledigt ist, werfen sie es in die Pfanne und geben ein wenig Öl hinzu, dann setzen sie sich alle zusammen ins Wohnzimmer. Martha fragt, ob irgendjemand in der residential School irgendetwas an ihr oder mit ihr gemacht habe. Linda schweigt, sie sieht auf den gedeckten Tisch. In der Küche hört Martha das Gemüse kochen, es ist dieses Geräusch, das entsteht, wenn man etwas auf dem Herd stehen lässt, sie rennt hin. Gerade noch rechtzeitig, Martha rührt das Gemüse um und dreht den Herd herunter.
„Was machen wir jetzt? Was sollen wir deiner Meinung nach tun?“, fragt Jay, als er zu Martha in die Küche kommt.
„Ich weiß es nicht“, antwortet sie. Martha dreht sich zu ihm um.
„Reden wir mit ihr darüber“, sagt sie.
„Aber wenn sie nicht will“, erwidert Jay. Martha konzentriert sich wieder darauf, das Gemüse zu rühren.
„Das hier ist nicht der richtige Umgang für sie“, sagt Martha. Jay erwidert daraufhin, dass er das auch wisse.
„Aber ihr könnt hier bleiben, das ist nur eine Sache zwischen denen und mir.“
„Ja, und genau das macht mir Sorge, ich will ihr nicht eines Tages sagen müssen, dass ihr Vater nicht mehr zurückkommt.“
Jay seufzt. Im Grunde hat Martha recht, doch sie haben keine Wahl. Steigen sie aus, sind sie vermutlich tot, und selbst wenn nicht, würden sie ohne Bleibe dastehen. Jay verzichtet darauf, es Martha zu erklären, das weiß sie ohnehin.
„Ich gucke etwas fern“, sagt er stattdessen und verlässt die Küche. Martha ist genervt, sie mag es nicht, überrumpelt zu werden. Im Wohnzimmer geht der Fernseher an, Jay schaltet durch die Programme und macht ihn wieder aus. Auch er weiß nicht, was noch alles auf sie zukommen wird. Doch eines wissen Martha und Jay mit Gewissheit: wenn sie nicht bleiben, müssen sie sich alleine durchschlagen, in einem fremden Land und ohne Geld; und wenn sie Pech haben, wird man sie jagen und töten, weil sie zu viel wissen.
Als das Gemüse fertig ist, tut sie es in einen Topf, den Topf stellt sie auf eine andere Herdplatte und schaltet sie auf Stufe zwei.
„Vielleicht sollten wir es einfach nehmen, wie es kommt“, sagt Martha. Jay geht in die Küche.
„Werden wir wohl tuen müssen“, sagt Jay leise. Auf Marthas verwunderten Blick hin fügt Jay hinzu, Linda sei auf dem Sofa eingeschlafen.
„Ich bin auch gleich so weit“, erwidert Martha.
„Einzuschlafen?“
„Ja.“
Jay schlägt vor, sich um das Essen zu kümmern.
„Dann kannst du dich auch aufs Sofa legen“, sagt er. Martha gibt ihm einen Kuss und geht ins Wohnzimmer. Die Keule ist noch nicht fertig und Jay erhöht die Temperatur. Er ist angespannt und beginnt, in der Küche auf und ab zu laufen, er möchte sich auch von seinem Hunger ablenken. Jay geht das Gespräch mit Paul noch einmal durch, zuhause am Fluss, und er denkt an den Moment, in dem sie in dieser Bar auf Lewis trafen. Was auch immer morgen passieren würde, es würde besser sein, als Zuhause in Kamloops zu sitzen und ihre Tochter leiden zu sehen.
Als die Keule fertig ist, stellt er drei Teller raus und serviert jedem eine ordentliche Portion mit dem Gemüse, das Martha gekocht hat. Dann weckt er sie und Linda und sie setzen sich an den Esstisch. Gierig greifen sie zu, das Essen schmeckt immer leckerer, wenn man hungrig ist. Nach dem Essen legen sie sich eine Weile hin. Linda schläft wieder unruhig, doch Martha und Jay schlafen wie Babys und als sie aufwachen, ist es später Nachmittag. Martha zieht sich ins Badezimmer zurück und duscht sich, Jay geht auf den Balkon und genießt die Sonnenstrahlen, und Linda sitzt in ihrem Zimmer und versucht, die Schrecken des Traumes loszuwerden. Dann kommt der Abend, und auf dem Abend folgt die Nacht, und auf die Nacht würde bald der nächste Morgen folgen.

Jay wird gesagt, er soll in den nächsten Stadtteil fahren, dort gäbe es ein Bordell, das überhaupt nicht zu verfehlen wäre. Jay soll an die Theke gehen und einen Drink bestellen, wobei er darauf achten soll, dass ein Stück seiner Waffe aus seiner Jacke guckt. Jay soll mit den Männern ins Gespräch kommen und sich die Damen anschauen, oder irgendetwas anderes tun, dass sie Männer glauben lässt, er gehöre zu ihnen.
„Es gibt ein Motel ganz in der Nähe“, sagte man ihm.
„Dort wirst du dir ein Zimmer auf unbestimmte Zeit nehmen, wir übernehmen die Kosten.“
Als Jay fortging, sah er das Flehen in Marthas Augen, es war ein Flehen, das zu sagen schien bitte geh nicht. Jetzt sitzt sie alleine in ihrem Appartement und sieht fern, sie weiß nicht, wie sie sich anders beschäftigen soll. Ins Casino will sie nicht, doch im Fernsehen kommt auch nichts und so geht Martha hinunter. Linda ist oben geblieben, sie ist reif genug, um nichts Dummes anzustellen.
„Martha, du hier?“, begrüßt sie der Mann hinterm Tresen.
„Ja, könnte ich einen Kaffee bekommen?“, gibt sie zurück. Der Mann verschwindet und während er ihr den Kaffee zubereitet, sieht Martha sich um. Es ist zwar noch nicht Abend, doch das Casino ist dennoch voll. Andere wiederum sitzen am Tresen und trinken Bier oder Whiskey. Einer der Männer sieht zu ihr rüber und prostet ihr zu, Martha sieht weg.
„Unsere Stammkunden.“
Martha sieht wieder zur Theke, vor ihr steht der nette, junge Mann, der ihre Bestellung aufgenommen hat und stellt ihr den Kaffee hin. Martha trinkt einen Schluck.
„Wieso passiert das alles?“, fragt sie. Der Mann lächelt.
„Ich weiß es nicht, aber du gewöhnst dich dran“, erwidert der Barmann. Doch Martha ist nicht sicher, ob sie sich überhaupt daran gewöhnen will, sie weiß nicht, ob sie diese Zeit, in der Jay nicht da ist, und sie ganz alleine im Appartement verbringt, ertragen kann. Der Barmann spürt, dass Martha dieser Umstand zu schaffen macht.
„Als ich hier anfing, hatte ich auch Zweifel“, sagt er.
„Ich hatte sogar Angst davor, hier zu sein. Schon komisch für einen kleinen Gauner zuzugeben, Angst zu haben, aber es stimmt. Ich habe nicht immer hier am Tresen gestanden, als ich hier anfing zu arbeiten, war ich nur der Laufbursche.“
Martha trinkt noch einen Schluck.
„Wieso glauben diese Männer, wir könnten bei ihnen bleiben?“, fragt sie.
„Nun, ich nehme an, weil ihr in Lewis’ Restaurant wart, diese Leute vertrauen Lewis. Sie pflegen ein inniges Verhältnis zu ihm, geschäftlich natürlich, und auch wenn einige hier nicht mehr ganz mit Lewis zufrieden sind, wissen sie dennoch, dass sie ihn brauchen“, antwortet der Mann hinter dem Tresen.
„Ich dachte, hier steht jeder für sich.“
„Meistens stimmt das auch, aber als sich Lewis von seinem Mentor losgesagt hatte, brauchte er Partner“, sagt der Mann. Dann fügt er hinzu: „Wir brauchen ihn, genauso, wie er uns braucht.“
Martha trinkt ihren Kaffee aus und bezahlt. Sie wirft noch einmal einen letzten Blick auf das Casino und geht wieder zurück in das Appartement.

Die Einsamkeit verbringt Martha damit, mit Linda zu spielen, auf dem Balkon zu sitzen oder fernzusehen. Ab und zu macht sie sich was zu Essen oder geht in das Casino um mit den Angestellten zu reden oder etwas zu trinken. Doch sie ist es leid, zwischen dem Casino und dem Appartement hin und her zu laufen und fragt, ob sie ein wenig spazieren gehen kann. Ja, könne sie, sagt man ihr, doch sie wird von einem Mann namens Harrison begleitet. Gemeinsam fahren sie durch die Stadt, Harrison zeigt ihr die Lokale und Gegenden, die von dem Kartell kontrolliert werden, wovon aber niemand wisse, wie er betont. Sie fahren in ein Café, das ebenfalls praktisch ihnen gehört und Harrison bestellt ein Kaffee.
„Schön, wieder rauszukommen“, sagt Martha. Harrison, der eigentlich mit Vornamen Gilbert heißt, von allen aber nur mit seinem Nachnamen angeredet wird, trinkt seinen Kaffee aus und bestellt einen neuen.
„Ich kann verstehen, dass das am Anfang sehr ungewohnt für dich sein muss“, sagt er.
„Danke, dass wir hier sein dürfen“, erwidert Martha. Harrison winkt ab.
„Die Freude von Lewis sind auch unsere Freunde.“
„Ich habe gehört, dass Sie sehr eng mit ihm zusammenarbeiten.“
Harrison gibt ihr zu verstehen, still zu sein, Martha versteht erst nicht, doch dann gehen drei Frauen an ihren Tisch vorbei. Sie unterhalten sich und lachen. Als sie an ihnen vorbeigegangen sind, sagt Harrison:
„Tja, sieht so aus, als dürften wir euch nicht mehr gehen lassen.“
Martha lacht laut auf.
„Ja, sieht ganz so aus.“
Dann werden beide wieder ernst.
„Du hast bei Lewis gekellnert.“
„Ja.“
„Traust du dir auch zu, bei uns im Casino hinter dem Tresen zu stehen?“
Martha denkt darüber nach. Beim Kellnern hatte sie ein paar Schwierigkeiten, doch hinterm Tresen stehen und Getränke ausschenken, könnte einfacher für sie sein. Sie sagt zu.
„In Ordnung, lass uns zurückfahren“, sagt Harrison und erhebt sich.
„Ich nehme an, wir können einfach gehen?“
Harrison grinst.
„Natürlich“, sagt er und sie verlassen das Café.

Der nette, junge Mann, der Martha bedient hatte, heißt Evans. Er ist es auch, der ihr zeigt, worauf es beim Getränke ausschenken ankommt. Die ersten Tage weicht Evans ihr nicht von der Seite, er zeigt Martha, wie man die Kaffeemaschine bedient, wo welches Getränk steht und wer zahlt und wer nicht. Zu Beginn ist die Arbeit hinterm Tresen noch schwer für Martha, doch mit der Zeit fällt es ihr von Tag zu Tag leichter und bald braucht sie niemanden mehr, der ihr zur Seite steht. Die Tage vergehen und Jay ist noch immer nicht zurück. Martha macht sich Sorgen, doch Earl sagt, es ist normal. Jay müsse erst mal Vertrauen aufbauen. Wann er zurückkäme, will Martha wissen, Earl erwidert daraufhin, dass er es nicht wisse, versichert Martha aber, dass nichts passiert sei. Nach ihrer Schicht bietet er ihr an, Martha im Appartement Gesellschaft zu leisten, was sie dankend annimmt, und während Earl sich mit Linda beschäftigt, kocht Martha eine Kleinigkeit für sie und Earl.
„Haben Sie Familie?“, fragt sie. Earl, der mit Linda gerade Räuber und Gendarmen gespielt hat, kommt in die Küche.
„Das ist lange her.“
„Was ist passiert?“, fragt Martha.
„Chicago ist passiert, hör mal, es gibt zwei Sorten von Jungs wie uns, die eine gehört zu den Männern, die verzweifelt sind, die anderen sind dumm. Ich war dumm, meine Frau ist daraufhin mit meinem Sohn nach New York gegangen“, entgegnet Earl. Martha ist überrascht, dieser Mann hatte bisher auf sie nicht den Eindruck gemacht, als würde er irgendetwas bereuen. Sie spricht ihn darauf an.
„Ich bereue nichts, sicher, ich vermisse manchmal noch, aber ich habe ein Leben, ich habe meine Jungs, sie halten zu mir und ich halte zu ihnen.“
„Und was ist mit dem Jungen?“
„Ich frage mich manchmal, was aus ihm wohl geworden ist“, sagt Earl.
Nach dem Essen verabschieden sie sich voneinander. Es war gut, den Tag über nicht ganz alleine zu verbringen, und auch wenn Martha noch ihre Tochter hat, muss Linda ja nicht alles wissen, was in diesem Umfeld passiert, obwohl Martha glaubt, dass sie es früher oder später sowieso mitbekommen wird.

Teresa Harrisburg recherchiert schon seit einiger Zeit zu der Chicagoer Unterwelt. Sie kennt beinahe jede Bande, die in dieser Stadt ihr Unwesen treibt, und so ist es nicht verwunderlich, dass sie auch das Casino kennt, das sich schon seit einiger Zeit in den Händen einer kriminellen Chicagoer Bande befindet. Als Teresa an diesem Abend in diesem Casino einen Burton bestellt, hofft sie, einiges über die Menschen zu erfahren, die sich bereitwillig in diese Milieus begeben. Teresa ist eine junge Frau mit hochgesteckten Haaren und einen Anzug. Sie bemerkt so gleich die Frau hinterm Tresen, sie scheint neu zu sein und ist ungefähr im selben Alter wie Teresa. Als die Frau mit dem Burton kommt, spricht Teresa sie an, sie fragt, wie es ihr geht und seit wie lange sie hier schon arbeitet. Die beiden Frauen kommen ins Gespräch und irgendwann erzählt Teresa ihr von ihrer Recherche.
„Meine Schicht endet in zwei Stunden, kommen Sie dann nochmal vorbei“, sagt die Barfrau und macht sich wieder daran, die anderen Gäste zu bedienen. Zwei Stunden später lädt die Frau, Martha, sie in das Appartement ein. Sie setzen sich auf den Balkon und Martha erzählt ihr, wie sie nach Chicago gekommen ist.
„Ich will nicht, dass Sie meinen Namen erwähnen“, fügt sie hinzu.
„Werde ich nicht, und ich interessiere mich auch nicht für die Strukturen innerhalb irgendwelcher kriminellen Organisationen“, antwortet Teresa. Martha bietet der Reporterin einen Kaffee an, doch sie lehnt ab.
„Dann sind Sie nur hier, um Ihrer Tochter etwas zu ersparen?“, fragt Teresa. In diesem Moment kommt Linda auf den Balkon, sie fragt, wer die Frau sei. Martha erwidert, sie solle wieder hineingehen und etwas fernsehen.
„Ja“,
sagt Martha, als Linda vor dem Fernseher sitzt,
„Glauben Sie mir, die residential Schools sind für Kinder ein noch viel schlimmerer Ort.“
Martha erzählt der Frau von ihren eigenen Erfahrungen dort, Teresa hört mit wachsender Entrüstung zu.
„Haben Sie vor, zu bleiben?“
„Ich weiß nicht, wo ich sonst hin kann, mein Mann soll für die Männer in einer andere Bande ausspähen, ich habe Angst, dass er eines Tages nicht mehr wiederkommt, aber alles ist besser, als der Horror, den meine Tochter Zuhause in Kanada hätte durchmachen müssen und auch schon durchgemacht hat“, sagt Martha. Teresa ist beeindruckt von Martha. Sie sagt ihr, sie habe schon viele Geschichten gehört, aber eine wie diese, so voller Mut und Stärke, höre sie das erste Mal.
„Tja, was hätten Sie an meiner Stelle getan?“, erwidert Martha.
„Ich denke, ich hätte genauso gehandelt“, antwortet Teresa. Die beiden Frauen verabreden, sich am nächsten Tag noch einmal zu treffen.
„Wäre es möglich, das Interview dann woanders fortzusetzen?“, fragt Teresa.
„Sicher, es gibt hier eine Menge Orte.“
Am nächsten Tag fragt Martha, ob sie sich freinehmen kann. Sie sagt, sie fühle sich nicht wohl, den ganzen Tag am Tresen zu stehen und würde dafür am darauffolgenden Tag länger arbeiten. Tom ist zwar erst skeptisch, willigt aber schließlich ein. Eine halbe Stunde später holt Teresa sie und Linda ab und sie fahren in ein Lokal, das, wie sie sagt, eines der wenigen Lokale in diesem Viertel sei, noch nicht von kriminellen Banden kontrolliert werde. Sie bestellen beide einen Kaffee, Martha bestellt zudem noch für sich eine Kleinigkeit zu essen und für Linda eine Cola.
„Sie sagten, Sie seien mit dem Pick-Up ihres Nachbarn hierher gekommen. Hat er sie über die Grenze gefahren?“, fragt Teresa.
„Nein“, entgegnet Martha-
„Wir fuhren zu einem Freund von ihm, sie hatten vor, eine Bewegung zu gründen, um anderen Betroffenen zu helfen, daraus wurde aber nichts. Er versorgte uns mit Lebensmitteln, dann sind wir alleine weitergefahren.“
„Ohne Ihren Nachbarn.“
„Genau, dieser Freund hat ihn dann zurückgefahren.“
Teresa notiert sich alles auf einem Notizblock. Dann fragt sie, wie es dazu kam, dass sie überhaupt in dieses Milieu hereinkommen konnten. Martha bittet die Frau, das Gesagte nicht mitzuschreiben, Teresa legt den Block und den Stift beiseite.
„Dieser Freund hat meinen Mann eine Waffe gegeben, er hat sicher gedacht, wir würden sie brauchen können.“
Teresa beugt sich über den Tisch.
„Das ist aber ein wichtiges Detail“, sagt sie.
„In Ordnung“, erwidert Martha. Teresa macht sich ein paar Notizen. Dann fährt Martha fort:
„In einer Stadt nahe an der Grenze trafen wir auf Lewis Ricocello, Sie wissen bestimmt über ihn Bescheid, er ließ uns bei sich schlafen.“
„War das das Lokal, in dem die Schießerei stattfand?“, fragt Teresa.
„Ja, wir sind dann nach Havre, dort besitzen er und seine Leute ein Restaurant. Und jetzt sind wir hier.“
„Ich weiß, dass die Montana Gentlemen eng mit Leuten aus Chicago zusammenarbeiten“, sagt Teresa.
Linda fragt, wovon sie da reden. Das erzähle ich dir später, erwidert Martha. Teresa sieht die beiden überrascht an.
„Das ist Secwepemctsín“, erklärt Martha.
„Meine Eltern sind Secwepemc.“
Teresa fragt, ob das der Grund sei, weshalb sie wegmussten, Martha bejaht.
„Sie wollen uns in die weiße Gesellschaft zwingen, sie verbieten uns in diesen Einrichtungen, unsere Sprache zu sprechen, sie vergehen sich an uns und bestrafen uns, deshalb sind wir mit unserer Tochter weg von Zuhause“, sagt Martha.
„Sie vergehen sich an … den Kindern?“
„Ja, sie müssen arbeiten, sie lernen Dinge, die nichts mit ihrer Kultur zu tun haben und vergessen allmählich ihre Wurzel und Sprache.“
Teresa macht sich Notizen. Sie fragt, ob Martha irgendeinen persönlichen Gegenstand von Zuhause mitgenommen hat.
„Nein, wir sind ja überstürzt aufgebrochen. Zu dieser Zeit war die Residential School so etwas aus Tagesschule und Internat in einem. Die Kinder durften teilweise abends nach Hause.“
„Wie haben Sie es geschafft, Ihre Sprache zu behalten?“, fragt Teresa. Martha trinkt einen Schluck Kaffee.
„Ich hatte das große Glück, nicht lange dort gewesen zu sein und was meine Sprache betrifft, meine Großeltern haben sie mir beigebracht, natürlich hatte auch ich den Willen, sie zu lernen“, entgegnet Martha. Teresa blättert die Seite ihres Notizblocks um.
„Eine letzte Frage, Martha. Wie sieht Ihr Plan für die Zukunft aus?“
Martha sieht aus dem Fenster, sie überlegt sehr lange. Am liebsten würde sie wieder zurück, doch das ist keine Option, jedenfalls in nächster Zeit nicht, deshalb sagt sie, sie wisse es nicht. Teresa bedankt sich bei Martha für die Zeit und die Aufrichtigkeit. Sie sagt noch einmal, dass sie eine Geschichte wie die von Martha noch nie gehört habe und verspricht ihr, sich für sie stark zu machen, wenn es ihr denn irgendwie möglich sei.
„Das weiß ich zu schätzen“, entgegnet Martha. Die beiden Frauen trinken ihren Kaffee zu Ende und unterhalten sich. Teresa erzählt Martha, dass sie zwar nur angestellt sei, aber die Erlaubnis erhalten habe, jede Woche eine neue Geschichte als Artikel zu veröffentlichen.
„Mein Chef war begeistert von der Idee, und die Artikel werden von der Öffentlichkeit auch recht gut angenommen. Die Leute interessieren sich dafür, auch wenn das Thema leider ein nicht besonders beachtetes ist, dennoch es gibt Leute, die diese Artikel lesen.“
Und dann fährt die Journalistin Martha wieder zurück. Als sie sich verabschieden, sagt sie ihr, sie solle die Augen offen halten und in einer Woche nach dem Artikel suchen. Sie nennt ihr die Zeitung, für die sie arbeitet und wünscht ihr viel Glück, Dann fährt sie davon.

Zwei Tage sind vergangen, seit Teresa mit Martha das Interview geführt hat und fast eine ganze Woche, seit Jay sich von ihr verabschiedet hat. Martha ist wie gewöhnlich im Casino und bedient die Gäste, als Jay mit einem Mal zur Tür hereinkommt. Er geht schnurstracks hinter die Theke und gibt Maria einen Kuss.
„Da bist du ja“, sagt sie überrascht, und fragt, ob er etwas trinken wolle. Doch Jay erwidert, er bleibe nicht lange.
„Und? Wie war’s?“, fragt einer der Männer, die gemeinsam mit Tom, Luke, Earl und George das Casino führt.
„Es war interessant“, gibt Jay zurück und bittet Martha, ihn doch ein Bier zu geben.
„Wie lange wirst du bleiben?“, fragt sie.
„Etwa eine halbe Stunde, einer dieser Typen braucht für eine Feier, eine Menge Drogen und ein paar Damen, ich sagte, ich würde die Drogen besorgen“, antwortet Jay.
„Was für eine Feier?“, fragt der Mann.
„Ein Geburtstag, der Mann ist dafür bekannt, dass er immer sehr ausschweifend feiert, deswegen hofft auch jeder Ganove, eingeladen zu werden.“
„Wie viel brauchst du?“, fragt der Mann. Jay überlegt.
„So viel, wie in den Kofferraum passt“, sagt er dann und fügt hinzu: „Ich habe gesagt, ich müsse etwas weiter fahren, weil die Leute, die ich kenne, nicht in der Nähe sind. So habe ich mehr Zeit, um bei Martha und Linda zu sein.“
„Und das haben sie dir erlaubt?“, fragt Martha.
„Ich hatte fast eine Woche Zeit, mich zu behaupten“, entgegnet Jay.
„Oh Gott, was hast du angestellt?“
Jay schweigt, doch dann sagt er, er habe eine Dame des Bordells beglücken müssen.
„Aber hätte ich es nicht gemacht, wäre ich da sicher nicht so schnell hereingekommen, sie meinten, es wäre eine Art Geschenk für mich. Wahrscheinlich ist das so eine Art Ritual für Neumitglieder, oder für Leute, die es werden wollen“, beeilt Jay sich zu sagen, als er Marthas Blick sieht. Eine bedrückende Stille entsteht, die einzigen Geräusche, die zu hören sind, kommen von den Gästen, die an Roulettetischen sitzen oder sich am Tresen unterhalten. Nach einer Weile unterbricht der Mann, der mit den anderen das Casino führt, die Stille.
„Ich besorg dir die Drogen. Irgendeinen besonderen Wunsch?“
„Nein, nur etwas, womit man ordentlich eiern kann“, entgegnet Jay. Martha stellt Jay das Bier hin. Sofort erkundigt dieser sich nach Linda.
„Sie ist im Appartement“, sagt Martha. Jay trinkt sein Bier zu Ende und geht direkt hoch. Als Linda Jay erblickt, fällt sie ihn um den Hals. Sie fragt, wo er gewesen sei und ob er bleibe. Nein, er bleibe nicht, antwortet Jay. Warum? Jay hätte ihr gerne eine Antwort gegeben, doch er kann nicht, stattdessen sagt er, sie werden bald wieder zusammen sein und geht wieder ins Casino. Der Mann, Melvin, hat inzwischen einen Koffer mit Drogen in Jays Kofferraum gelegt, er sagt, es würde reichen und ermahnt Jay, sich weiterhin unauffällig zu verhalten.
„Werde ich“, sagt Jay und geht zu Martha. Er sagt, er werde fast alles tun, was diese Männer von ihm verlangen würden, sonst wäre er ein toter Mann.
„Ich weiß“, erwidert Martha.
„Es ist nur … schwierig.“
Ein anderes Wort fällt ihr im Moment nicht ein, sie weiß, dass er seine Tarnung wahren muss. Jay küsst Martha noch einmal und sagt, er würde sich etwas einfallen lassen, um bald wieder zurück zu sein, dann steigt er in den Wagen und fährt davon. Martha versteht nicht, wofür das ganze gut sein soll, doch Tom erzählt ihr später, diese Männer seien Konkurrenten, die versuchen, sie zu verdrängen. Sie hätten schon ein paar Male Anschläge auf einige ihrer Lokale verübt und ein paar ihrer Männer getötet, was jedes Mal mit einem weiteren Mord beantwortet wurde. Und um dies in Zukunft zu verhindern, müssten sie über diese Bande Bescheid wissen. Martha weiß nicht, was sie davon halten soll, ihr ist diese ganze Welt fremd, doch sie sagt sich, dass diese besser ist als die, aus der sie gemeinsam mit Jay und Linda geflohen ist.
Die Stunden vergehen und je später der Abend wird, desto weniger mag Martha die Menschen, die zu ihr an den Tresen kommen. Einige versuchen sich beim Roulette oder beim Poker, trinken ein oder zwei Bier und gehen wieder, andere trinken mit Freunden Whiskey und lästern über ihren Chef oder ihre Frauen und wieder andere versaufen ihren Gewinn am Tresen und erzählen Martha oder den anderen Barkeepern ihr ganzes Leben. Einer wurde von seiner Frau verlassen, sie lebt jetzt in Florida. Sie hat durch einen Anwalt erreicht, dass er seinen Sohn nicht mehr sehen darf und seine Tochter ist eine sehr erfolgreiche Maklerin.
„Diese Fotze“, sagt er, während er seinen Whiskey trinkt.
„Glaubt wohl, sie kann alles haben.“
Ein anderer kommt jeden Tag hierher und steckt all sein Geld in Bier, Zigaretten und dem ein oder anderen Whiskey, er lebt alleine, hat einen Hund und hätte gerne eine Frau.
„Was soll ich denn machen? Soll ich etwa meinen Hund ficken?“
Wieder ein anderer sitzt den ganzen Tag Zuhause und sieht sich im Fernsehen „irgendwelche Filme“ an, der ihn gar nicht interessieren, seine Freundin hat irgendwann die Koffer gepackt und ist gegangen. Und der alte Ted, den sie alle „drunken Joe“ nennen? Der hat zwar eine Frau, sie ist aber schon seit langem „mit irgendeinem Arschloch zusammen und bläst ihm jede Nacht einen“.Martha lächelt höflich, serviert die Getränke und wimmelt ab und zu betrunkene ab, die sie gerne zu sich einladen möchten, um „ein bisschen zu reden“. Nach ihrer Schicht geht sie jedes Mal hoch in das Appartement und legt sich ins Bett. Ab und zu redet sie mit Luke oder George, die auf ein Bier vorbeikommen. Heute ist wieder einer dieser Tage, dieses Mal ist Luke bei ihr. Er schloss sich diesen Männern an, weil er keine andere Möglichkeit für sich sah.
„Die Nächte sind anstrengend. Soll ich Dick bitten, deine Schicht während der Nacht zu übernehmen? dann müsstest du nur bis zum Abend arbeiten“, sagt er. Martha antwortet, sie käme schon zurecht, außerdem mache sie sich Sorgen um Jay und ein wenig Ablenkung würde ihr guttun.
„Du bist eine mutige Frau, Martha“, sagt Luke. Martha lächelt.
„Findest du?“
„Ja, du fährst mit deiner Familie irgendwo ins Ungewisse, du flüchtest, und suchst Schutz bei Jungs wie uns.“
Martha sieht in die Nacht hinaus.
„Ich hatte keine andere Wahl, Luke. Jay und ich fingen an, zu streiten, Linda hat gelitten und da haben wir irgendwann die Reißleine gezogen“, sagt sie. Es entsteht eine lange Pause. Martha sieht einfach nur in die Dunkelheit, es ist angenehm warm und zum ersten Mal seit ihrer Flucht fühlt sie sich wieder wohl.
„Kannst du dir vorstellen, mit deiner Familie hierzubleiben?“, unterbricht Luke die Stille. Martha sieht ihn wieder an.
„Ich weiß es nicht“, gesteht sie und erhebt sich, sie sagt, sie wolle Linda ins Bett bringen. Luke erwidert daraufhin, er werde nach unten gehen und den anderen helfen, das Casino zu schließen. Doch Linda will noch nicht schlafen, sie sagt, sie fürchtet sich vor dem Ungeheuer mit den roten Augen. Martha sagt, sie werde ihre Zimmertür offen lassen, doch Linda beharrt darauf, nicht schlafen zu wollen. Also erlaubt Martha ihr, bei ihr im Bett zu schlafen, und nachdem Luke sich verabschiedet hat, machen sich Linda und Martha bettfertig.

An der Tür des Lazy Horse hängt ein Schild, geschlossene Gesellschaft. Nicht nur die Bande aus Chicago ist gekommen, sondern auch zahlreiche Freunde und Wegbegleiter, die Lewis in den letzten achtzehn Jahren zur Seite standen. Auch Martha ist da, sie ist mit Linda gekommen, Martha hat es allerdings zur Bedingung gemacht, dass Linda möglichst nichts von den kriminellen Aktivitäten der Männer mitkriegen soll. Lewis gab ihr sein Wort, dass sie nichts von all dem mitbekommen würde, und lud sie zu einer Cola und Martha zu einem Bier ein. Jetzt sitzen sie am Tresen und reden. Ab und an kommt jemand und möchte mit Lewis reden, doch dieser sagt ständig, wenn es nichts Wichtiges zu klären gäbe, würde er es gerne auf später verschieben.
„Schön, dass ihr es einrichten konntet“, sagt Lewis und bittet den Mann hinterm Tresen, ihm ein Bier zu geben.
„Schön wieder hier zu sein“, gibt Martha zurück.
„Nur schade, dass Jay nicht hier sein kann. Er wurde gebeten, irgendwelche Männer auszuhorchen.“
Der Mann hinterm Tresen stellt Lewis das Bier hin.
„Seid ihr jetzt auch dabei?“, fragt er.
„Es scheint so“, erwidert Martha. Lewis trinkt einen Schluck. Er wirkt noch immer leicht bedrückt, Martha fragt sich, ob das bei ihm immer so ist. Schon als sie sich das letzte Mal hier im Restaurant trafen, hatte er diesen Ausdruck in den Augen.
„Wie lange bleibt ihr?“, fragt Lewis.
„Bis nach Mitternacht.“
Mit einem Mal ist eine Stimme zu hören, Martha sieht sich um, um zu ergründen, wo sie herkommt. Vorne, direkt an der Tür steht ein Mann mit einem Mikrofon. Er ruft nach Lewis.
„Hier!“, ruft dieser und geht nach vorne.
„Wie ihr alle wisst, hat Lewis diese kleine Feier hier organisiert und bevor ich ihm jetzt das Wort erteile, möchte ich hinzufügen, dass ich diesen Mann schon seit fast achtzehn Jahren begleiten darf. Als ich ihm kennenlernte, war er noch nicht der, der er heute ist, doch ich habe miterlebt, wie er sich gemacht hat. Und bevor du gar nicht mehr zu Wort kommst, Lewis, überlasse ich dir die Bühne“, sagt der Mann. Die Männer, unter denen sich auch ein paar Frauen befinden, klatschen Beifall, Martha klatscht ebenfalls.
„Danke“, sagt Lewis.
„Einige von euch kenne ich schon sehr lange, einige sind neu dazugekommen, aber jeder einzelne von euch ist über die Jahre ein guter Freund geworden. Ich habe auch einige eingeladen, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeiten würde, viele sind meiner Einladung nachgekommen und denjenigen unter euch, die sie akzeptiert haben, möchte ich danken.“
Wieder klatschen die Leute Beifall.
„Diese Feier ist nicht nur ein Jubiläum, sie ist auch dazu gedacht, Kontakte zu knüpfen. Ich weiß, viele von euch haben so ihre Bedenken, was meine Person angeht, viele fragen sich, ob ich noch der richtige bin; doch all jene, die mich gut genug kennen, wissen, dass ich ein Mann bin, der auch zupacken kann und der, wenn’s drauf ankommt, die richtigen Entscheidungen trifft. Aber bevor ich mich jetzt um Kopf und Kragen rede, genießt das Fest, trinkt, esst und habt Spaß!“
Die Leute jubeln und einige steuern sofort die Theke an. Lewis wird von sämtlichen Leuten angesprochen und wird in lange Gespräche verwickelt; es dauert ewig, bis er sich wieder zu Martha an die Theke zurückgekämpft hat.
„Gute Rede“, sagt sie, als Lewis Platz genommen hat.
„Danke“, erwidert er und trinkt einen Schluck, dann erhebt er sich und fordert Martha zum Tanzen auf. Zögernd greift sie nach seiner ausgestreckten Hand und lässt sich von ihm auf die freigeräumte Tanzfläche führen. Lewis legt seine Hand um ihre Taille und zieht sie zu sich.
„Nicht so selbstbewusst, Lewis. Man verführt keine vergebene Damen“, lächelt Martha. Lewis lächelt zurück.
„Fühlst du dich verführt?“, fragt er. Martha weicht seinen Blick aus, sie schämt sich, zugegeben zu haben, dass er sie verführt und sie schämt sich, dass sie es zulässt.
„Wir feiern, wir tanzen und wir haben Spaß“, sagt Lewis. Martha glaubt zu sehen, dass diese bedrückte Ausdruck in seinen Augen verschwunden ist.
„Tanzen Sie gerne mit verheirateten Frauen, Mister Ricocello?“, fragt Martha, noch immer lächelnd.
„Wenn ich das Gefühl habe, dass es das wert ist …“
Mit einem Mal fällt Martha das Atmen schwer und ihre Knie beginnen leicht zu zittern. Dann geben ihre Beine nach, Lewis fängt sie auf und stellt sie wieder auf die Füße, doch Martha ist so unsicher auf den Beinen, das Lewis sie stützen muss.
„Geht’s?“, fragt er.
„Ich … ich … weiß nicht“, stammelt Martha, Lewis nimmt sie und trägt sie in das Appartement. Dann wird Martha schwummrig.
„Geht’s?“, fragt Lewis erneut und haut ihr auf die Wange. Doch Lewis ist angeturnt, er berührt Marthas Lippen, streichelt ihre Wange und küsst sie sanft. Martha schließt die Augen und bald darauf ist ihr Gehirn benebelt. Sie hört Lewis etwas sagen. Dann spürt sie, wie sie bewegt wird. Als sie wieder zurückkommt, liegt Lewis neben ihr, er lächelt sie an.
„Tu es endlich, Lewis“, sagt sie. Doch Lewis zögert, aber dann berühren sich ihre Lippen. Martha beginnt, ihm das Jackett auszuziehen.
„Martha“, sagt Lewis leise, doch dann entkleidet er sich. Von unten dringen Geräusche in das Zimmer, die Musik geht über in ein neues Lied, Leute Lachen und Lewis erhebt sich.
„Wir sollten wieder runtergehen.“
„Gute Idee“, entgegnet Martha. Lewis zieht sich wieder an und sie gehen die kleine Treppe wieder hinunter, unten wird Lewis von zwei Männern abgepasst, sie sagen, sie kämen aus New York und hätten gehört, dass er Kontakte sucht.
„Wann immer Sie was brauchen, sprechen Sie uns an“, sagt einer der Männer und gibt ihn eine Karte. Lewis bedankt sich und geht wieder zu den anderen. Dieses Mal tanzen sie nicht zusammen, Martha bestellt einen Rotwein und Lewis unterhält sich mit einer Gruppe ebenfalls gut gekleideter Leute. Doch ein paar Mal begegnen sich ihre Blicke. Als die Barfrau den Wein bringt, schlingt Martha ihn herunter und bestellt einen neuen.
„So schlimm!?“, ruft sie durch den Lärm hindurch. Martha sieht kurz zu Lewis und wiederholt ihre Bitte, nach noch einem Glas Wein, nachdem sie auch den zweiten ausgetrunken hat, stellt sie sich zu einer Gruppe junger Männer.
„Toller Abend, oder?“, sagt einer von ihnen. Martha sieht ihn an.
„Ja“, sagt sie nur.

Die Männer gehören ebenfalls zu dem Netzwerk um Tom, George, Luke, Earl und Mike. Sie nutzen die Feier, um mit Lewis persönlich zu sprechen und wollen ihn die Möglichkeit bieten, aus Montana herauszukommen.
„Wir kontrollieren Restaurants, haben Casinos und haben sehr gute Verbindungen zu öffentlichen Institutionen, also überleg es dir, Lewis“, sagt einer der Männer.
„Wir können dich weiter bringen, als es das Lazy Horse kann. Überlass Flint die Leitung, der wartet doch nur darauf, deinen Platz einzunehmen. Komm mit Phil, John und Niel“, fügt ein anderer hinzu. Lewis sieht in die Runde. Natürlich möchte er nach Chicago, doch er weiß auch, dass er nicht den Eindruck erwecken darf, käuflich zu sein.
„Wenn ich das tue, was würde für mich dabei herausspringen?“, fragt er. Einer der Männer trinkt einen Schluck von seinen Whiskey.
„Nun“, sagt er.
„Unsere Geschäfte laufen sehr gut und du bist so etwas wie eine Größe hier. Was hältst du von 55 Prozent?“
Lewis überlegt, doch dann stimmt er zu. Martha beobachtet die Männer aus der Ferne. Sie fragt sich, was sie wohl gerade besprechen und als Lewis auf sie zukommt, sagt er, er habe ein Angebot bekommen, nach Chicago zu kommen.
„Und?“, fragt Martha.
„Ich habe es angenommen. Auf diese Gelegenheit warte ich schon mein halbes Leben lang“, erwidert Lewis. Martha macht einen Schritt auf ihn zu.
„Wann wirst du kommen?“
„Wenn alles hier geregelt ist. Ich werde Flint bitten, das Lazy Horse zu übernehmen. Er kann kaum abwarten, meine Stelle hier einzunehmen, ich möchte mich erweitern.“
Lewis schlägt vor, es mit dem Tanzen noch einmal zu versuchen, und dieses Mal tanzen sie bis weit nach Mitternacht.

Zwei Monate späterEs geschah an einem sonnigen Donnerstagmittag, Frederic Morton kam gerade aus einem Restaurant, er war dort mit ein paar Freunden zum Mittagessen verabredet, als er von zwei Männern auf offener Straße erschoßen wurde. Frederic gehörte Lewis’ Leuten an und wurde, wie sich später herausstellte, von den Männern von Joe Cleveland getötet. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Lewis schwor, einen Gegenschlag vorzubereiten und Joes Bande endgültig zu zerschlagen.
„Es bringt nichts, einen Mord mit einem Mord zu beantworten“, sagte er, als sie in dem Hinterzimmer des Casinos saßen. „Wir müssen ein endgültiges Zeichen setzen, es soll ihnen wehtun.“ Und so besprachen sie, wie sie am besten vorgehen sollten.

Martha äußert Lewis gegenüber ihre Bedenken, sie sagt, Jay sei noch bei diesen Männern und sie müssten ihn erst einmal da rausholen. Sie fleht Lewis an, ihren Mann zu verschonen. Dieser verspricht, was auch immer er planen wird, dafür zu sorgen, dass Jay in Sicherheit gebracht wird.
Im Casino herrscht wieder der übliche Betrieb, die Roulettetische sind voll, das Bier und der Whiskey fließen in Strömen, doch Martha ist nicht imstande, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie hat Lewis mit den anderen Männern reden hören. Sie haben sich nicht nur über einen Gegenschlag gegen Joes Männer unterhalten, sie sagten auch, das FBI beginne nun zu ermitteln und auch wenn Tom sagte, er habe alles im Griff, ermahnte Lewis ihn, sich nicht zu sicher zu fühlen.
„Lewis weiß, was er tut“, sagt Jake, einer der Männer, die ebenfalls am Tresen arbeiten. Martha gießt einen Schluck Whiskey in ein Glas und stellt es einem Gast hin.
„Ich hoffe, du hast recht“, erwidert sie, als sie außer Hörweite ist.
„Sicher, er …“, - Jake wird von einem Gast gerufen, er bestellt ein Bier. Jake geht an den Zapfhahn und bereitet dem Gast sein Bier zu, ein paar Minuten später gesellt er sich wieder zu Martha. - „Er ist von allen hier der, der am meisten Ahnung hat, glaub mir. Den anderen ist mit der Zeit …“, - wieder wird er gerufen. Jake stellt dem Mann einen Longdrink hin und geht wieder zu Martha. - „… das Leben hier zu Kopf gestiegen. Lewis ist der Einzige, der noch den Überblick hat.“
„Aber die Polizei.“
„Lewis will sich noch die Tage mit einem hochrangigen Polizeibeamten treffen, er weiß aus zuverlässiger Quelle, dass er käuflich ist. Lewis will ihm ein Angebot unterbreiten, dass er nicht …“ - wieder wird er gerufen.
„Schon gut“, sagt Martha. In diesem Moment setzt sich Lewis an die Theke und bestellt ein Bier. Martha sieht ihn lächelnd an.
„Einen Moment“, sagt sie und stellt einem weiteren Gast ein Getränk hin, dann geht sie zu Lewis. Dieser sieht, dass Martha etwas bedrückt und sagt ihr, er wolle nach ihrer Schicht mit ihr reden, falls sie nicht zu müde sei.
„Schon in Ordnung“, erwidert sie und stellt ihm das Bier hin.

Sie gehen in eine Bar, die ebenfalls von der Chicagoer Bande kontrolliert wird. Lewis bestellt ihnen beiden ein Bier und setzt sich mit Martha in die hinterste Ecke, um ungestört reden zu können.
„Ich hörte, Linda ist bei Earl“, sagt Lewis.
„Ja, Earl oder jemand anders kümmern sich um sie.“
Lewis kommt gleich zur Sache.
„Ich kann nicht warten, Martha. Je länger ich warte, desto mehr wird passieren. Ich lasse mir etwas einfallen, aber es wird wohl so aussehen, dass wir Jay während dieser Aktion wieder zurückholen“, sagt er. Martha trinkt einen Schluck von ihrem Bier.
„Warum dauert da denn so lange? Er meldet sich nicht.“
„Er kann sich nicht melden.“
„Ja. Aber das macht es nicht besser.“
Lewis trinkt ebenfalls einen Schluck.
„Ich wollte sowieso noch mit dir reden“, sagt er.
„Mit mir?“
„Ja. Du weißt, Jay ist nicht hier und ich habe niemanden, den ich darum bitten kann“, sagt Lewis. Nach einer Weile fährt er fort: „Wenn man ständig die Anweisung gibt, zu töten, oder es selbst oft genug getan hat, stumpft man ab, ich brauch jemanden, der in gewissen Dingen die richtigen Entscheidungen trifft“, sagt Lewis. Dann fügt er hinzu:
„Auf der Feier habe ich gelogen, ich treffe nicht immer die richtigen Entscheidungen, nicht mehr. Ich brauche jemanden, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht, jemand der mir sagt, dass es vielleicht klüger ist, ihn nicht direkt zu töten.“
Martha ist erstaunt, es dauert lange, bis sie ihre Sprache wiederfindet.
„Ich habe von solchen Dingen keine Ahnung, Lewis“, sagt sie schließlich. Lewis lächelt, es ist wieder dieses Lächeln, dass ihr den wahren Lewis zeigt. Dieser Mann ist müde, diesen Mann ist, das, was er tut, zuwider geworden, er kann aber nicht mehr aussteigen. Lewis sieht an ihr vorbei.
„Ist schon gut, es war nur eine Bitte, vergiss es“, sagt er. Martha hätte ihn gerne gefragt, ob alles in Ordnung sei, doch sie fürchtet sich. Nicht, weil sie glaubt, Lewis könne ihr sagen, dass es nicht so sei, sondern, weil sie fürchtet, sich emotional zu sehr an ihn zu binden. Doch wenn sie ehrlich ist, hat sie es bereits getan.
„Du wunderst dich bestimmt über diese Bitte“, sagt Lewis. Martha trinkt einen kleinen Schluck von ihrem Bier.
„Um ehrlich zu sein, wundere ich mich schon darüber.“
In diesen Moment fällt Lewis’ Blick auf einen Mann, der zu Joes Leuten gehört. Er raunt Martha zu, sie solle unauffällig zur Tür gehen, er würde ihr folgen.
„Was ist denn los?“, fragt sie.
„Das erkläre ich dir draußen“, erwidert Lewis und Martha erhebt sich. Sie geht zur Tür und verlässt die Bar. Nur wenige Augenblicke später gesellt sich Lewis zu ihr. Die beiden laufen die Straße entlang, bis zu Lewis’ Wagen.
„In der Bar saß Floyd Jenkins, er gehört zu den Männern von Cleveland, er und seine Leute sind Rivalen dieser Chicagoer Bande, bei deinen wir jetzt sind“, entgegnet Lewis und hält Martha die Tür auf. Als sie eingestiegen sind, fahren sie los.
„Was hat Joe gegen diese Leute?“
„So weit ich weiß, kontrollieren auch sie einen Großteil der Stadt, sie würden gerne alles unter ihre Kontrolle bringen und deswegen sind sie ein Hindernis für die“, sagt Lewis und fügt hinzu:
„Ich frage mich nur, was der in dieser Bar zu suchen hatte.“
Während sie durch die Straßen fahren, denkt Martha an die Bitte, die Lewis an sie hatte. Sie erwischt sich dabei, wie sie sich wünscht, ihm helfen zu wollen, mit aller Macht schiebt sie diesen Gedanken beiseite, doch es gelingt ihr nicht.
„Geht es dir gut?“, fragt Lewis. Martha schreckt hoch, so wie jemand hochschreckt, der aus einem Alptraum erwacht.
„Ja“, lügt sie. Lewis sieht sie misstrauisch an.
„Sicher?“
Erst jetzt gesteht Martha ihm, dass sie ihm gerne helfen würde.
„Ich schäme mich dafür, aber es ist so“, fügt sie hinzu. Lewis konzentriert sich wieder auf die Straße.
„Ich war gerade einmal fünf Jahre dabei, da erfuhr ich, dass einer unserer Männer mit den Bullen zusammenarbeitet, wir schnappten ihm und Frank, mein Mentor und der Mann, der mich reingebracht hat, wollte, dass ich die Sache erledige, du weißt schon. Er meinte, es sei wichtig, um mich zu behaupten“, erzählt Lewis.
„Und du hast es erledigt.“
„Ja. Irgendein Typ von der Straße, aufgegabelt von einem der größten Gangster der Gegend, nimmt eine Waffe und erschießt einen anderen Mann. Vielleicht war ich nicht in derselben Situation, in der du bist, doch ich tat es.“
„Wieso?“
„Ich denke, ich wusste, dass mein altes Leben vorbei war und dass jetzt nichts mehr kommen würde. Ich habe meine Frau so geliebt und plötzlich hatte ich alles verloren. Es war mir am Ende egal“, sagt Lewis.
Als sie wieder am Casino sind, sind Luke und Jake dabei, sauberzumachen, die letzten Gäste sind vor etwa einer Stunde gegangen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Lewis geht zu Tom, der sich in das Hinterzimmer des Casinos zurückgezogen hatte und sagt, er müsse dringend mit ihm und den anderen Jungs reden. Martha ist unterdessen in das Appartement hochgegangen, um nach Linda zu sehen und um sich bettfertig zu machen.
„Was ist denn?“, fragt Tom und geht mit Lewis in das Casino zurück.
„Einer von Joes Männern ist in eine eurer Bars gewesen“, erwidert Lewis.
„Was? Ist das dein Ernst?“
„Sehe ich aus, als würde ich scherzen?“
Lewis läuft durch das Casino und sucht nach George, Earl, Mike und Luke. Einige von Toms Männern helfen auch aushilfsweise im Casino. Luke ist gerade dabei, die leeren Flaschen auszusortieren.
„Was ist los?“, fragt er.
„Hast du Earl, George und Mike irgendwo gesehen?“, fragt Lewis.
„Die sind draußen, glaube ich. Earl wollte noch eine rauchen.“
Lewis geht hinaus und sagt, er erwartet die drei im Hinterzimmer.
„Alles in Ordnung?“, fragt George. Lewis antwortet nur, dass sie sich beeilen sollen. Genervt wirft George seine Zigarette auf die Straße und geht mit den anderen hinein.

„Hat der Blödmann sich verlaufen?“, fragt Luke, als er die Tür zum Hinterzimmer hinter sich schließt. Die anderen lachen.
„Das sollten wir herausfinden“, entgegnet Tom. In diesem Moment kommt Mike mit ein paar Bier- und Whiskeyflaschen und einigen Gläsern herein, er hat alles in eine Kiste gelegt.
„Joes Männer sind vielleicht unsere Rivalen, aber sie sind nicht blöd. Wenn sich einer seiner Leute in unserer Bar herumgetrieben hat, dann hat das einen Grund“, sagt Earl. John, Phil und Niel, die ebenfalls am Treffen teilnehmen, nehmen sich ein Bier.
„Vielleicht wollte er sich ja ein bisschen umhören“, sagt Phil. Lewis gießt sich einen Whiskey ein.
„Ich kann mir denken, dass Jay mehr weiß.“
„Ich kümmere mich drum“, sagt Earl und gießt sich ebenfalls einen Whiskey ein. Dann reden sie über das Casino und die Geschäfte, Lewis sagt, sie hätten bisher, trotz der Widrigkeiten, ein erfolgreiches Jahr hinter sich. Phil fragt, was sie wegen der Polizei unternehmen sollen. Lewis erwidert daraufhin, er wolle zwei Polizeibeamte bestechen, von denen er weiß, dass sie das Geld annehmen werden.
„Da müsste mehr nötig sein, als zwei Beamte zu bestechen“, entgegnet Phil.
„Den Rest erledigen wir“, wirft George ein. „Wir wissen, dass die Behörden ein Zeichen setzen wollen und auf Abschreckung setzen und wir wissen, dass wir ihnen schon lange ein Dorn im Auge sind. Wir haben die örtliche Polizei im Griff, aber die zwei Beamte, von denen Lewis spricht, gehören zum FBI, sie haben einem Treffen zugestimmt, ist doch so, oder Lewis?“
„Ja, aber sie verlangen einen hohen Anteil unserer Gewinne.“
„Kann man ihnen vertrauen?“, fragt Luke. Lewis trinkt einen Schluck von seinem Whiskey.
„Ja, sie sind vertrauenswürdig, einer unserer Jungs hat dieses Treffen arrangiert“, erwidert er.
„Gut, ich hoffe, dass das keine Falle ist“, sagt Luke. Lewis erhebt sich und sagt, er wolle sich schlafen legen. Auch die anderen sind erschöpft, und nachdem sie ihre Getränke ausgetrunken haben, gehen sie zu Bett.Department of Indian Affairs – Regional Office, British Columbia
Date: July 3, 1962
To: Federal Bureau of Investigation (Chicago Field Office)
CC: U.S. Immigration and Naturalization Service – Montana District
Subject: Missing Indigenous Minor – Unauthorized Removal from Custody

BEGIN MESSAGE
We request urgent assistance in locating and recovering:

Linda Shirley, female, age 10, Secwepemctsín First Nations, assigned to Kamloops Indian Residential School, British Columbia.
Subject was removed from federal care without authorization on or about June 29, 1962, in the company of:
Martha Shirley (née Sky), mother, status Indian, 34 years of age.

Jay Shirley, father, U.S. citizen, 37 years of age, non-status, currently believed to be residing illegally in Canada at time of incident.

The family is believed to be en route to the United States, possibly via Montana, with intent to remain and avoid repatriation.

Classification:
This matter is considered an unauthorized parental abduction from federal custody under the Indian Act, and may constitute grounds for international child recovery action under relevant cross-border agreements.

Request:
We request that the FBI:
Issue a bulletin to local law enforcement in bordering states (Minnesota, Wisconsin, Illinois)

Alert U.S. Border authorities to watch for the above individuals

Advise on potential apprehension or detainment procedures upon contact

Child is considered at risk due to disruption of federal educational care and potential psychological distress.

Contact:
All communications should be directed to:
Mr. A. J. Mercer
Regional Superintendent
Indian Affairs Branch – Prairie Division
British Columbia, Kamloops
Telephone: ELgin 3-7621

END MESSAGE
[Stamped: URGENT / CONFIDENTIAL]
Floyd Jenkins taucht ein paar Wochen später im Casino auf. Er sagt, er hätte Neuigkeiten für Lewis und wolle nur mit ihm sprechen. Schließlich ließ man ihn zu ihm. Er sagt, Joe wolle Toms Männern die Hölle heiß machen und plane eine große Sache, mehr wisse er allerdings nicht. Lewis hat Toms Männern vor zwei Wochen seine Hilfe angeboten, da diese ihn die Möglichkeit gaben, in Chicago Fuss zu fassen. Er hat Zweifel, ob er dem Mann tatsächlich glauben kann und fragt, wieso er das tue.
„Weil Joe über die letzten Jahre immer wahnsinniger geworden ist. Er benimmt sich, als wäre er der König der Welt und beseitigt jeden, der nicht seiner Meinung ist“, antwortet Floyd. Lewis bedankt sich und bespricht mit seinen Männern noch am selben Abend, wie sie am besten vorgehen sollen.
„Kann man ihm trauen?“, fragt Niel.
„Ich weiß es nicht, doch er hat den Eindruck gemacht, als würde er es ernst meinen“, antwortet Lewis. Ihm ist bewusst, dass es riskant ist, jemandem von Joes Leuten zu vertrauen. Er weiß von Tom, dass Joe die Drogen, die er verkauft, in New York herstellen lässt; von dort aus gelangen sie über Toronto bis zum Lake Huron, der in den Lake Michigan mündet, nach Illinois. Diesen Transportweg müssen sie unterbrechen. Nur wie sollen sie es machen? Lewis überlegt, die Schiffe mithilfe von Sprengstoff zu versenken. John wiederum meint, man solle die Drogenlabore in New York zerstören, am Ende setzt sich John mit seinem Vorschlag durch und Lewis bereitet alles für eine Reise nach New York vor. Zuvor trifft er sich allerdings noch mit den beiden Polizeibeamten. Lewis gibt den beiden Männern einen Umschlag mit jeweils zehntausend Dollar, im Gegenzug versprechen sie, bei gewissen Details nicht hinzusehen und Hinweise nicht an den Section Chief weiterzugeben.
Eine Woche später brechen sie auf, neben John, Niel und Phil sind auch ein paar andere Männer aus Chicago mitgekommen. Sie mieten einen Leihwagen und checken in einem Hotel nahe des Time Square ein, von dort aus erreicht man in nur wenigen Autostunden das Drogenlabor. Zuvor bedarf es allerdings noch einiges an Vorbereitung, Lewis kennt ein paar Leute, die gegen eine „angemessene Bezahlung“ bereit sind, ihn zu helfen. Sie treffen sich in seinem Hotelzimmer, und Lewis erklärt ihnen, wie er vorgehen möchte.
„Dafür brauchst du einen Experten. Jackie Brown ist perfekt dafür, aber er wird eine Gegenleistung verlangen“, sagt einer der Männer. Lewis geht an das Fenster, da ist es wieder, dieses Gefühl, in der Lage, in der er sich befindet, gefangen zu sein. Lewis hat es satt, für alles bezahlen zu müssen, und doch weiß er, dass es ohne gewisse Gefälligkeiten nicht möglich ist, sich in diesen Kreisen zu bewegen.
„Wir haben Geld“, sagt er.
„Doch wir haben es uns erspart, mit zwei großen Koffern nach New York zu reisen. Wie viel?“
Der Mann überlegt.
„Jackie Brown legt nicht so viel Wert darauf, was er zu tun haben, solange die Bezahlung stimmt. Er kennt und sie respektiert dich und ich denke, dass du mit ihm verhandeln kannst.“
„Kennt er sich mit dieser Art von Job aus?“
„Absolut. Jackie Brown hat damals als Sprengstoffexperte für die Polizei gearbeitet und ist ein Meister seines Fachs. Wenn er etwas macht, kannst du dir sicher sein, dass es funktioniert.“
Vielleicht setze ich mich nach New York zur Ruhe.
„In Ordnung, ich möchte ihn sprechen.“
Lewis ahnt, dass ein Ausstieg nicht einfach sein wird, doch er denkt ernsthaft darüber nach, sich nach dieser Aktion endgültig aus dem Milieu zu verabschieden.
John kann mein Nachfolger werden.
„Wir arrangieren ein Treffen“, sagt der Mann und verlässt mit den anderen das Hotelzimmer.
„Woran denkst du?“, fragt Phil und stellt sich neben Lewis ans Fenster. Er weiß, dass dieser darüber nachdenkt, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen; er und Lewis haben sich oft bei ein paar Gläsern Bier oder Whiskey darüber unterhalten.
„Wenn wir zurück sind“, antwortet Lewis, „steige ich aus, solange ich noch kann.“
„Das wird einigen Leuten nicht erfreuen“, erwidert Phil. Lewis sieht zu John.
„Ich bin mir sicher, du bist ein guter Nachfolger für mich. Es wird einige Leute nicht erfreuen, doch andere werden froh sein.“
John gesellt sich ebenfalls zu Lewis.
„Deine Zeit ist noch nicht vorbei, das weiß ich“, sagt er. Lewis seufzt.
„Ich kann jemanden töten, ohne mit der Wimper zu zucken, doch für diese Art von Job braucht man Feinfühligkeit; die habe ich über die Jahre verloren und ich denke, es ist besser, wenn jemand anderes an meine Stelle tritt.“
„Wieso hast du da an mich gedacht? Ich mache das hier ebenso lange wie du“, erwidert John.
„Weil …“
Mit einem Mal klopft es an der Tür.
„Herein!“, ruft Lewis. Die drei Männer, die das Hotelzimmer betreten, tragen ebenfalls teure Anzüge. Einer von ihnen hat eine Haartolle, der andere trägt eine Brille mit einem dicken, schwarzen Rand. Der Dritte sieht aus, wie jeder gewöhnliche Mann; er trägt weder eine Haartolle noch hat er eine Brille an. Lewis sieht sie verwundert an.
„Wusste ich doch, dass wir euch hier treffen“, sagt der Mann mit der Haartolle.
„Wer seid ihr?“, fragt Lewis.
„Wir haben gehört, ihr seid hinter Cleveland her“, erwidert der Mann.
„Und?“, entgegnet Phil. Der Mann mit der Haartolle geht auf Lewis zu.
„Cleveland ist ein mieser Bastard, wir haben eine Weile für ihn und seine Jungs gearbeitet. Irgendwann allerdings hatten wir genug und stiegen aus“, sagt er.
„Was wollt ihr?“, fragt Lewis. Der Mann mit der Haartolle bleibt ihm gegenüber stehen.
„Wir sind hier, weil wir euch sagen können, wo ihr ihn am meisten treffen könnt.“
„Wo ihr ihn ausbluten lassen könnt“, fügt der Mann mit der Brille hinzu. Lewis sieht zu Niel.
„Wie heißt ihr?“, fragt dieser.
„Ich bin Walt. Und der mit der Brille heißt Lionel, der andere ist Mike“, antwortet der Mann. Lewis flüstert John etwas zu. Der Mann mit der Haartolle sieht ihn misstrauisch an.
„Gibt es irgendwelche Ungereimtheiten?“, fragt er.
„Woher wissen wir, dass wir euch trauen können?“, erwidert Lewis. Lionel und Mike beginnen zu grinsen.
„Uns ist zu Ohren gekommen, dass ihr schon Leute habt. Doch wir wissen, wo die Schwachstelle dieses Kartells ist“, antwortet Mike. Fran, einer der Männer, die neben Lewis, John, Niel und Phil ebenfalls mitgekommen sind, sagt, dass Lewis nur Männern traue, die er entweder persönlich kennt oder die ihm durch seine engsten Vertrauten empfohlen wurden. Spätestens jetzt scheint die Stimmung zu kippen, die ohnehin schon angespannte Situation spitzt sich nun weiter zu; doch auch Walt ist ein Mann, der in solchen Momenten weiß, wie er sich zu verhalten hat.
„Ihr seid dabei, hier in New York ein Netzwerk aufzubauen“, sagt er.
„Ich habe Lewis’ Namen schon mehr als einmal gehört und weiß deshalb auch, dass ihr euch hier eine Existenz aufbauen wollt. Meiner Meinung nach, werdet ihr mit uns kooperieren müssen. Auch wir gedenken, neu anzufangen, seit wir Joe den Rücken gekehrt haben.“
„Wir haben auch schon ein paar Leute, mit denen wir in Kontakt sind, doch wir streben nach größerem“, fügt Lionel hinzu.
„Ihr wollt euch uns anschließen?“, fragt Niel.
„Wir wollen euer Kontakt in New York werden. Wir kennen eine Menge Lokale und Clubs, die Leuten gehören, die die Macht und den Einfluss besitzen, euch an die Spitze der New Yorker Unterwelt zu bringen“, sagt Walt.
„Ich muss mich kurz mit John beraten“, sagt Lewis und geht mit seinem langjährigen Partner auf den Balkon des Hotelzimmers. Auf ihm steht ein kleiner runder Tisch mit einem Stuhl.
„Sehe ich Zweifel in deinem Gesicht?“, fragt John. Lewis setzt sich auf den Stuhl und sieht zu den drei Männern, sie unterhalten sich gerade mit Niel, Phil und einem anderen Mann namens Jerry.
„Ich bin müde, John“, sagt Lewis.
„Nach New York ziehe ich mich zurück. Ich habe lange darüber nachgedacht und ich denke, es ist die richtige Entscheidung.“
Die Stimmung scheint sich inzwischen aufgelockert zu haben, die fünf Männer lachen und scheinen sich zu verstehen. Doch Lewis hat die Erfahrung gemacht, dass man in diesen Kreisen fast niemandem trauen kann.
„Aber noch sind wir hier. Was also hast du vor?“
„Ich werde meine Kontakte bitten, Nachforschungen anzustellen“, sagt Lewis.
„Gut, aber was machen wir mit den Dreien da?“
„Wir sagen ihnen, dass wir darauf eingehen“, erwidert Lewis und betritt das Hotelzimmer. Die Männer sind erfreut über diese Nachricht und versichern Lewis, er könne sich auf sie verlassen.
„Wir hören bald voneinander?“, entgegnet John.
„Ja, wir bleiben in Kontakt“, erwidert Walt und verlässt mit seinen Mitstreitern das Zimmer. Lewis ruft sofort vom Telefon seines Hotelzimmers seine Kontaktpersonen an, die Männer, die er direkt nach seiner Ankunft getroffen hat, und bittet sie, etwas über einen Walt, einen Lionel und einen Mike herauszufinden. Danach essen sie etwas im Hotelrestaurant; sie unterhalten sich über ihr Vorhaben, wobei sie allerdings darauf achten, von keinem gehört zu werden. Lewis sagt, sie sollten abwarten, bis er mehr über die Männer wisse, die so urplötzlich vor ihrer Zimmertür standen, auch die anderen halten das für eine gute Idee.
„In drei Tagen wissen wir mehr.“

Martha ist wie üblich hinter dem Tresen und bedient die paar Gäste, die sich trotz der Unordnung hier eingefunden haben. Seit Joes Leute das Casino beschossen haben, ist es noch immer zu großen Teilen zerstört, zwar sind ein paar Spieltische, darunter ein Roulettetisch und ein Pokertisch, verschont geblieben, doch es reicht bei weitem nicht, um das Casino wiederzueröffnen; außerdem stehen sie jetzt stärker denn je unter behördlicher Beobachtung. Immerhin ist die Bar ebenfalls weitestgehend unversehrt geblieben, sodass dort noch immer Getränke ausgeschenkt werden können.
„Jetzt weiß es jeder“, hört Martha einen Gast sagen.
„Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb hier so viele Getränke verkauft werden, die Leute spülen ihr schlechtes Gewissen runter“, antwortet jemand anderes und lacht auf. Martha fragt die zwei, ob sie noch etwas trinken möchten, doch die beiden Männer lehnen dankend ab.
„Wir sind mit dem Wagen hier“, sagt der eine und bezahlt. Seit dem Vorfall kommen nicht mehr so viele Leute in das Casino. Die einzigen Menschen, die noch gelegentlich hierherkommen, setzen sich an den Tresen und bestellen ein Getränk nach dem anderen. Ab und an kommen auch Leute, die sich nicht besonders für die Drinks zu interessieren scheinen, sie reden mit George oder mit Luke und fragen, wie es so läuft. Sie sagen: „Ehrlich gesagt, habe ich mir auch schon überlegt, mein normales Leben aufzugeben; man muss auch manchmal etwas riskieren“, oder „ich bin immer gerne hierhergekommen, Und nachdem, was man so hört, reizt es mich umso mehr“. Manche werden auch konkreter und fragen, ob sie bei dem, was sie tun, Hilfe benötigen; George lehnt dann immer höflich ab und erwidert, sie wären kein Wohlfahrtsverein. Vor ein paar Tagen hat Martha sich mit ihm über diese Situation unterhalten. George sagte, es wäre bestimmt nur vorübergehend, „die Leute haben sich bald wieder beruhigt“, fügte er hinzu.

Die Tage, in denen Martha nicht hinter dem Tresen steht, verbringt sie in ihrem Zimmer im Appartement. Linda träumt weiterhin von Pater Gorden, sie hat inzwischen die Kraft aufgebracht, ihrer Mutter von dem Vorfall zu erzählen, sie erzählt sogar von der Tür und dass sie alle versucht haben, herauszufinden, was sich wohl dahinter verbergen mochte. Martha hatte mit Bestürzung auf die Nachricht über den Pater reagiert und geantwortet, ihr wären ebenfalls schlimme Dinge widerfahren. Was für Dinge? Wollte Linda wissen, Martha setzte sich zu ihr und sie redeten stundenlang. Linda erzählte ihr von der Tür, von dem toten Mädchen, das man auf dem Gelände gefunden hatte, und vor der Angst, die sie hatte, an diesen schrecklichen Ort zurückzukehren. Martha brach in Tränen aus, sie empfand Scham bei den Gedanken, nicht schon früher etwas unternommen zu haben. Doch in ihrem Gespräch mit Linda mischte sich noch ein zweites Gefühl: Ungewissheit. Ungewissheit darüber, ob sie Jay jemals wiedersehen würde. Auch Linda verspürt dieses quälende Gefühl, jeden Tag fragt sie, wann Papa wieder zurückkommt. Martha antwortet dann immer, dass sie es nicht wisse, sie sagt, sie vermisse ihn genauso sehr wie sie. Warum er fort ist, will Linda wissen. Martha hätte es ihr gerne gesagt, doch sie fürchtet, ihre Tochter würde sauer auf sie sein.
„Wir beginnen jetzt ein neues Leben und dazu gehört, keine Fragen zu stellen“, antwortete sie stattdessen und nahm ihre Tochter in den Arm.

Nur ein paar Blocks vom Casino entfernt befindet sich das night life, eine Bar, in der sich Joes Männer ab und zu auf ein oder zwei Bier treffen. Joe selber meidet diesen Ort, er geht lieber ins Gentleman playground, ein Bordell, das vor allem bei Männern aus der Unterwelt sehr beliebt ist. Im night life gibt es alles, was sich der durstige Gast wünscht, Bier, Whiskey, Tequila, aber es gibt dort auch Kaffee und andere Getränke. Heute ist es voll im night life und Martha sucht sich mit Linda einen freien Platz. Es dauert ein wenig, doch schließlich finden sie einen Tisch neben dem Tresen. Es ist siebzehn Uhr, doch Martha hat das Gefühl, als wäre es zehn: ungefähr zwanzig Männer stehen oder sitzen am Tresen, lachen und trinken Bier oder eines der anderen verheißungsvollen Getränke, die das night life zu bieten hat. Doch Martha ist nicht gekommen, um diese Eindrücke auf sich wirken zu lassen; sie und ihre Tochter warten auf Jay, der jeden Moment zur Tür hereinkommen wird. Floyd Jenkins hat das Treffen arrangiert.
„Wo ist er?“, fragt Linda in Englisch.
„Er wird bald hier sein“, antwortet Martha und sieht ebenfalls zur Eingangstür. Es hat zwei Wochen gedauert, bis dieses Treffen zustande kam. Martha bekam einen Anruf, dass sie sich mit Jay im night life treffen könne, allerdings nur kurz, denn Joe würde sofort merken, wenn etwas nicht stimmt; er traut seinen Männern ebenso wenig, wie seine Männer ihm. Linda fragt, ob sie nun wieder als Familie zusammenleben könnten. Nein, erwidert Martha und sagt, Linda solle aufhören zu fragen.
„Warum?“
Mit einem Mal setzt sich ein Mann zu ihnen an den Tisch.
„Sie gehören zu Lewis’ Leuten, stimmt’s?“, sagt er. Martha sieht ihn einfach nur an.
„Sie gehören doch zu Lewis’ Leuten.“
Martha erklärt, sie würde auf jemanden warten und bittet den Fremden freundlich, zu gehen. Doch der Mann kommt direkt zur Sache:
„Ich bin Richard Miller und arbeite für die Polizei. Sie wissen, dass Lewis und seine Männer einen sehr guten Draht zu den hiesigen Polizeibehörden haben?“
Martha sagt noch immer nichts.
„Wie ich hörte, ist er gerade nicht da. Ich habe Informationen, die ihn und seine Männer interessieren dürften“, sagt er. Martha weiß noch immer nicht, was sie sagen soll. Der Mann ihr gegenüber scheint es zu bemerken und fragt sie, ob die Kleine ihre Tochter sei.
„Ja“, antwortet Martha. Linda sieht den Fremden neugierig an.
„Wie heißt du, meine kleine?“, fragt der Polizeibeamte. Linda sieht zu ihrer Mutter.
„Das ist Linda“, erwidert Martha und gerade als sie hinzufügen will, sie seien mehr oder weniger aus Versehen hier hineingeraten, kommt Jay zur Tür rein. Suchend blickt er sich nach allen Richtungen um, doch dann entdeckt er Martha und Linda und steuert direkt auf die beiden zu. Der Mann erhebt sich und sagt, er werde später auf sie zukommen, Jay sieht ihn fragend an.
„Hab ich was verpasst?“, fragt er. Der Mann erklärt kurz, wer er ist und geht zum Tresen zurück.
„Ich habe nicht viel Zeit“, sagt Jay und setzt sich Martha gegenüber. Linda läuft sofort zu ihrem Vater und nimmt ihn in die Arme, Jay drückt sie fest an sich.
„Wie geht es dir?“, fragt Martha. Jay setzt Linda wieder ab und bestellt ihr eine Cola.
„Ich vermisse dich“, entgegnet er und fügt hinzu:
„Dieser Joe, der plant irgendwas. Ich habe ihn mit einem seiner Männer reden hören und es hörte sich an, als ob …“ - In diesem Moment setzen sich drei Männer an den freien Tisch neben ihnen. Sie tragen dunkelblaue Anzüge und elegante Hüte. Jay sieht zu ihnen rüber.
„Was ist?“, fragt Martha.
„Ich weiß nicht, doch diese Männer tauchen immer wieder bei Joe auf. Nicht, dass das ungewöhnlich wäre, aber ich glaube, die Montana Gentlemen müssen sich auf eine unangenehme Situation einstellen“, flüstert Jay. Martha sieht unauffällig zu den drei Männern. Sie unterhalten sich ebenfalls im Flüsterton. Martha sieht Jay besorgt an.
„Glaubst du, es war eine gute Idee, hierherzukommen?“
Jay sieht ebenfalls zu den drei Männern, sie wechseln noch ein paar Worte miteinander und verlassen die Bar.
„Wir hatten keine Wahl, Schatz. Wir mussten hierher, dass wir in eine solche Situation geraten würden, konnten wir beide nicht ahnen“, erwidert er. Martha streckt ihre Hand aus und Jay ergreift sie.
„Ich liebe dich“, sagt sie. Doch dieses Mal klingt es anders. Es ist nicht mehr dieses „ich liebe dich“ von früher, es ist viel mehr ein „ich liebe dich, weil es immer so gewesen ist“. Jay scheint die Zweifel in ihrer Stimme zu bemerken, sagt aber nichts.
„Ich muss los“, sagt er stattdessen und legt vierzig Dollar auf den Tisch. Martha sieht ihm nach, sie denkt an die Feier im Lazy Horse und wie sie beinahe mit Lewis getanzt hätte. Sie denkt daran, wie sie die Fassung verloren und wie er sie auf das Bett im Apartment gelegt hatte, sie denkt an den flüchtigen Kuss. Kurzum: sie denkt an Lewis. Es bringt nichts, sich einzureden, es wäre nur ein kleiner Moment der Schwäche. Dieser junge Mann mit seinen eleganten Anzügen und seinen perfekt frisierten Haaren fasziniert sie.
„Kommt ihr Begleiter noch mal wieder?“, reißt die Kellnerin sie aus ihren Gedanken. Martha schreckt hoch.
„Nein“, entgegnet sie und die Frau nimmt einen zwanzig Dollarscheine, dann gibt sie Martha das Wechselgeld und geht zum nächsten Tisch. Martha steckt den zwanzig Dollarschein ein, der noch auf dem Tisch liegt, und zieht ihre Jacke an. Sie verlässt die Bar und schlendert durch die Straßen Chicagos. Unterwegs denkt sie erneut an die Feier, am Ende hat sie doch mit Lewis getanzt; zu schneller, rhythmischer Musik, aber auch zu langsamen Balladen. Lewis hatte ihr Drinks spendiert und sie hatten geredet. Martha glaubt nicht, ihn in der kurzen Zeit kennengelernt zu haben, dennoch ist sie überzeugt davon, wenigstens einen großen Teil an Lewis besser zu verstehen. Er liebt das ganz normale Leben, er redet gerne, er lädt gute Freunde gerne auf ein Getränk ein und er hat eine Seite, die freundlich und gütig ist. Es gibt aber auch einen anderen Lewis: den kaltblütigen Killer. Martha versucht, diese beiden Persönlichkeiten ins Gleichgewicht zu bringen. Versucht, in den beiden Menschen ein und dieselbe Person zu erkennen.
Als Martha am Casino ankommt, wird sie von Samantha begrüßt, der Türsteherin. Martha grüßt zurück und geht an ihr vorbei, drinnen wird sie von George erwartet, der sie mit einer Mischung aus Überraschung und Verärgerung ansieht.
„Wann hattest du vor, zu sagen, dass du mit einer Tante von der Zeitung geredet hast?“, fragt er. Martha versteht erst nicht, doch dann weiß sie, was er meint.
„Du hast Glück, dass keine Namen genannt werden! Ist dir eigentlich klar, dass das Ganze auch hätte schiefgehen können!?“
Er knallt die Zeitung auf die Theke.
„Genug“, unterbricht Mike sie, der gerade aus der Richtung kommt, in der sich das Hinterzimmer befindet.
„Ich weiß nicht, ob ihr es schon wisst, aber die Bullen wollen uns hochnehmen.“
George bittet ihn, mit ihm zu kommen. Sie gehen in eine hinterste Ecke des Casinos
„Woher hast du das?“, fragt er.
„Ich habe gerade mit einem der Jungs von hier telefoniert, er sagte mir, sein Informant wäre bei der Polizei, sie beobachten uns bereits seit längerem“, erwidert Mike.
„Und warum erfahre ich das erst jetzt?“
George sagt, er werde sich etwas einfallen lassen und will gerade gehen, doch Mike hält ihn zurück.
„George“, sagt er.
„Wir haben keine Zeit. Die Bullen wollen bald zuschlagen und nicht erst, wenn du fertig bist mit Nachdenken.“
George rauft sich die Haare.
„In Ordnung, ruf die Jungs zusammen, wir werden besprechen, was zu tun ist. In einer halben Stunde.“
Martha beobachtet die zwei Männer, auf einmal muss sie an diesen Polizeibeamten denken, der sich zu ihr an den Tisch gesetzt hat, er sagte, er habe Informationen, die Lewis und seine Leute interessieren dürften. Ob er ihr sagen wollte, dass die Behörden bald zuschlagen werden? Sie vermutet es. Martha nimmt die Zeitung und geht in ihr Appartement, Oben erwartet sie Earl. Er hat Linda vor etwa einer Stunde ins Bett gebracht und macht sich jetzt in der Küche zu schaffen. Martha legt die Zeitung auf die Küchenzeile.
„Möchtest du mitessen?“, fragt Earl.
„Was gibt es denn?“
„Was so im Kühlschrank war“, lächelt Earl. Martha gesellt sich zu ihm und beginnt, die Zwiebeln zu schneiden. Earl gibt etwas Öl in die Pfanne, die bereits auf dem Herd steht. Mit einem Mal klopft es an die Tür, es ist George. Er sagt, Earl Sole zu ihm herunterkommen, sie hätten etwas zu besprechen. Mit einem Mal wird es unten unruhig und Stimmen rufen durcheinander.
„FBI“, hört Martha eine Stimme rufen. George und Martha gehen zum Treppenabsatz.
„Ist hier eine gewisse Martha Shirley?“
Martha stockt der Atem. Blitzschnell schnappt sie die Zeitung und ihre Tochter und läuft auf den Balkon, dort flüchtet sie mit ihr über die Feuerleiter. Martha hört gerade noch, wie die FBI-Beamten das obere Stockwerk erreicht haben, sie würden gleich hier sein. Linda fragt, wohin sie gehen, Martha erwidert knapp, sie müssten sich beeilen. Dann haben die Beamten das Zimmer erreicht, einer der Männer sieht aus dem Fenster.
„Stehen bleiben!“, ruft er, dann steigt auch er die Feuerleiter hinab. Marthas Puls rast, auch Linda hat Angst. Mit einem Mal muss sie an Jay denken, er ist noch immer bei diesen Männern; Martha würde ohne ihn gehen müssen.
Als sie am Ende der Feuerleiter angekommen sind, der FBI-Beamte ist ihnen bereits dicht auf den Fersen, laufen sie in Richtung Straße. Dort fahren um diese Uhrzeit noch recht viele Autos und Martha nimmt ihre Tochter in den Arm. Sie rennt über die befahrene Straße.
„Sind sie verrückt, Lady!?“, hört sie einen Autofahrer rufen. Doch Martha rennt weiter, am Ende der Straße setzt sie ihre Tochter ab und läuft mit ihr durch die Häuserblocks. Inzwischen werden sie von mehreren FBI-Beamten verfolgt. Irgendwo ertönt eine Sirene. Martha läuft in eine Seitenstraße, ängstlich sucht sie nach einem Unterschlupf, in dem sie und Linda für die Nacht sicher sind. Mit einem Mal fällt ihr Blick auf ein verwahrlostes Gebäude mit einem Hinterhof, es scheint, als wäre dort seit langer Zeit niemand mehr gewesen. Martha überquert die Straße und schlägt die Scheibe ein, das Gebäude ist groß, viel größer, als es von außen den Anschein hat. Sie läuft mit ihrer Tochter durch das Gemäuer und verschanzt sich in einem kleinen Raum, in dem früher einmal ein Bett gestanden hatte. Neben dem Bett, oder dem, was davon übrig ist, steht ein alter, staubiger Nachttisch. Martha legt sich auf den schmutzigen Boden und drückt Linda fest an sich. Tränen laufen ihr über das Gesicht, auch Linda weint. Verzweifelt klammert sie sich an ihre Mutter. Martha beginnt leise, ganz leise, ein Lied anzustimmen, das sie noch von ihrer Mutter kennt. Wie lange hatte sie es nicht mehr gesungen? Das Lied erfüllt den ganzen Raum. In der Ferne sind noch immer Sirenen zu hören und Martha singt ein wenig lauter. Sie erinnert sich, wie es ihre Mutter ihr immer vorgesungen hatte, als sie nicht schlafen konnte.
Der Mond scheint durch das Fenster, es ist im Laufe der vielen Jahre, in denen das Gebäude leer steht, durch Vandalismus zu Bruch gegangen. Linda vergräbt ihr Gesicht in den Händen, sie hat Angst; es ist dieselbe Angst, die sie empfand, als sie an diesem fremden Ort gewesen war, mit den bösen Leuten. Wann sie wieder gehen könnten, flüstert sie. Ich weiß es nicht, antwortet Martha und drückt Linda an sich. Ich suche morgen etwas zu essen. Und so liegen sie beide im Schein des Mondes in diesem halb verfallenen Haus und wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Ungefähr 2000 Meilen entfernt träumt Lewis von seiner toten Familie. Er sieht seine Frau und seine Kinder in Flamen stehen. Lewis versucht, sie zu retten, doch er schafft es nicht. Dann wacht er auf. Er dreht sich auf den Rücken und starrt in die Dunkelheit. Die Uhr sagt ihm, dass es zehn vor zwei Morgens ist, Lewis erhebt sich und geht auf den Balkon seines Hotelzimmers. Noch immer wütet das Feuer vor seinem geistigen Auge. Er hat so oft den Abzug gedrückt, dass er es kaum zählen kann, doch das Bild seiner brennenden Familie ist das, was ihn am meisten quält. Lewis seufzt, er hockt sich neben der Tür, die zum Balkon führt, auf den Boden. Eigentlich ist er es gewohnt, keine Schwäche zu zeigen, doch heute kann er seine Tränen nicht zurückhalten. Gestern noch war er der Gangster, der alles im Griff hat, und Lewis weiß, dass er es morgen wieder sein wird.
Es ist kühl und am Himmel scheint genau derselbe Mond, der Martha und Lind in einem verfallenem Gebäude in Chicago wachhält. Lewis denkt oft an die zwei, er vermutet, der Grund, weshalb er Martha gegenüber so offen gewesen ist, war der, dass er bei ihr das Gefühl hatte, geborgen zu sein. Lewis wischt sich die Tränen vom Gesicht und erhebt sich. Wenn es so still und so dunkel ist wie jetzt, hört Lewis die entsetzlichen Schreie seiner Familie, damals, als das Feuer sie verschlungen hatte. Lewis geht zum Lichtschalter und mit einem Mal wird es hell. Es kam öfter vor, dass er die Fassung verloren hatte, doch glücklicherweise hat es nie jemand mitbekommen. Er stützt die Hände auf die Knie und atmet schwer, im Grunde hasst Lewis die Stille; wieder sieht er die Flammen vor dem Inneren seines Auges lodern, doch dieses Mal ist es nicht ganz so schlimm. Manchmal wacht Lewis schweißgebadet auf und hat keine Ahnung, ob er selber geschrien hat. Er hofft jedes Mal, dass es nicht so ist. Lewis taumelt zu einem Sessel, der im Zimmer steht und lässt sich hineinfallen. Draußen fahren noch immer Automobile, irgendwo hupt ein Wagen so energisch, dass Lewis kurz davor ist, die Balkontür zu schließen. Jetzt steigt ein anderer Wagen in das Gehupe ein, Stimmen sind zu hören. Lewis geht auf den Balkon, um nachzusehen, was die Ursache für den Lärm draußen ist, doch es ist zu dunkel. Er kann aber sehen, wie nach und nach die Lichter in den Fenstern angehen. In der Ferne beginnt ein Hund zu bellen; zu den Stimmen mischen sich noch weitere hinzu und kurz darauf ist ein Streit ausgebrochen. Lewis sieht zu den erleuchteten Fenstern, er kann hinter einem dieser Fenster zwei Gestalten erkennen, sie sehen ebenso hinaus wie er selbst. Lewis geht wieder hinein und schließt die Balkontüre. Die Schreie in seinem Kopf sind verstummt, auch die Erinnerung an das Feuer bringt ihn nicht mehr aus der Fassung. Irgendwann hört Lewis Sirenen, der Streit scheint sich wohl doch nicht so problemlos aus der Welt räumen zu lassen. Lewis sieht erneut auf seine Armbanduhr, es ist viertel vor drei. Er gähnt, schaltet das Licht aus und geht wieder zu Bett. Draußen sind noch immer die Stimmen zu hören, nur dieses Mal leiser. Lewis dreht sich auf die Seite, erneut denkt er an Martha. Er versucht, sich einzureden, er wolle nur wissen, wie es ihr gehe doch wenn er ehrlich ist, steckt mehr dahinter. Sie hatte Lewis gezeigt, dass es einen Ausweg gibt; sie und ihre Tochter. Lewis denkt daran, wie Phil brüllend hinter der Theke hervorkam, das war kurz nachdem Ted Norris, der Mann vom Department of Indian Affairs and Northern Development, mit Martha gesprochen hatte. Wie haben Sie das den geschafft? hatte Martha ihn gefragt. Darauf hat Lewis bis jetzt noch keine Antwort.
Als es draußen hell zu werden beginnt, schläft Lewis ein, er träumt von Martha und Linda, von seiner Frau und seinen Kindern. In seinem Traum nimmt Martha den Platz seiner Frau ein; doch sie ist ihm nicht böse, sie freut sich, dass Lewis endlich wieder so etwas wie Frieden gefunden hat.

Lewis und seine Männer halten in einer Seitenstraße, von hier aus sind es noch etwa fünfzehn Minuten bis zum Drogenlabor von Joes Leuten. Lewis steigt aus und gähnt; die gestrige Nacht mach ihm zu schaffen.
„Alles klar?“, fragt John. Lewis schließt die Beifahrertür und antwortet, es gehe ihm gut, dann laufen sie los. Es ist vormittags und die Straßen sind recht belebt: Ehepaare, die Hand in Hand durch die Straßen laufen, Familien, die sich mit ihren Kindern die Schaufenster ansehen … Lewis knöpft den letzten Knopf seines Jackets zu. Eine leichte Brise schlägt ihm ins Gesicht. Er, Niel, Phil und John möchten sich im Vorfeld die Gegend und das Labor von Joes Männern ansehen, die anderen sind für den Fall, dass was wäre, im Hotel geblieben. Lewis hat von den Leuten, die er bei seiner Ankunft in New York getroffen hat, erfahren, wo genau Joe die Drogen herstellen lässt, die seine Männer im großen Stil verkaufen.
„Das ist eine recht belebte Gegend“, sagt Lewis.
„Dürfte schwer sein, hier was zu machen.“
Sie laufen bis zum Ende der Straße und biegen dann nach links, hier sind etwas weniger Menschen, dennoch würde eine Aktion wie diese sofort auffallen.
„Gibt es hier ein Motel in der Nähe?“, fragt Niel.
„Ich weiß nicht“, antwortet Lewis und beobachtet die Passanten. Irgendwo lacht ein Kind, anderswo unterhält sich eine Gruppe von Leuten, die am Rand des Bürgersteiges beisammenstehen.
„Dann hätte ich dort eingecheckt und …“ - Niel lässt ein Paar Passanten vorbei, - „… das Labor von dort aus beobachtet.“ Lewis gähnt erneut. John wirft ihn einen verwunderten Blick zu.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“
Lewis ist genervt, doch er lässt sich nichts anmerken.
„Ja“, erwidert er.
„Ich hatte nur keine besonders gute Nacht.“
Sie gehen ein Paar Blocks weiter und erreichen ein unscheinbares Haus, das sich nicht besonders von den anderen unterscheidet, die in Rhein und Glied zu beiden Seiten der Straße stehen. Das einzige, was auffällt, ist, das die Rollläden an den Fenstern heruntergelassen sind. Gerade als John etwas sagen will, kommt ein Mann aus dem Haus gelaufen, er eilt schnellen Schrittes die Straße hinunter.
„Eine Straße, die ziemlich belebt ist; ein Laden auf dieser Straßenseite und Häuser auf der anderen. Es dürfte ziemlich schwer werden, ohne dass jemand dabei zu Schaden kommt“, sagt Lewis und sieht zu dem kleinen Gebäude, das Joes Männer als Drogenlabor nutzen. John schlägt vor, einen Wagen mit Sprengstoff an dem Haus zu parken.
„Wir bräuchten natürlich eine Menge davon“, fügt er hinzu. Lewis sieht zu den heruntergelassen Rollläden.
„In Ordnung“, sagt er. Sie laufen bis zum Ende der Straße und biegen in die nächste ein. Drei Männer kreuzen ihren Weg und grüßen sie. Einer von ihnen bleibt mit einem Mal stehen.
„Ich kenne Sie, Mister“, sagt er.
„Ich habe Ihr Gesicht schonmal in der Zeitung gesehen.“
Lewis wird nervös.
„Und?“, antwortet er. Der junge Mann macht einen Schritt auf ihn zu, doch Lewis öffnet seinen Anzug und gibt den Blick auf seine Waffe frei, der Mann bleibt stehen.
„Ich will Ihnen keinen Ärger machen“, sagt er.
„Was wollt ihr dann?“
Der junge Mann erklärt, er und seine Freunde seien fasziniert von der Unterwelt und wollten gerne selbst dazugehören.
„Sie wissen gar nicht, wie viele Menschen davon träumen, wie Sie zu sein“, sagt ein anderer. Lewis knöpft seinen Anzug wieder zu und räuspert sich.
„Ich habe meine Frau verloren“, sagt er und geht einen Schritt auf seinen jungen gegenüber zu.
„Sie ist verbrannt. Als ich in dieses Geschäft einstieg, hatte ich das Gefühl, um nichts mehr kämpfen zu müssen. Ihr wollt euch in diesen Kreisen behaupten? Dann eines vorweg: es gibt zwei Gründe, weshalb man sich für ein solchen Leben entscheidet: der erste ist der, dass man ans schnelle Geld kommen will; man trägt teure Anzüge, fährt schicke Autos und wenn man etwas haben will, kauft man es; sogar ein Lokal, der zweite ist, man ist verzweifelt, man glaubt, alles hinter sich zu haben und es ist einem deswegen scheißegal. Ihr habt vielleicht den Mut, einzusteigen, doch habt ihr auch den Mut, abzudrücken, wenn’s drauf ankommt? Wenn von euch verlangt wird, jemanden zu töten, müsst ihr ohne zu zögern handeln. Nur verzweifelte Menschen sind dazu in der Lage.“
Der junge Mann schluckt.
„Was ist das für ein Gefühl?“, fragt er. Lewis seufzt.
„Das erste Mal ist es eine Mischung aus Angst, Schuldgefühlen und entsetzen. Du zitterst am ganzen Körper und dein Atem ist beschleunigt. Doch irgendwann vergeht es und du gewöhnst dich dran, es wird normal für dich. Du drückst ab und steigst über die Leiche, als wäre sie eine achtlos weggeworfene Flasche. Darf ich euch einen Rat geben? Geht nach Hause und denkt darüber nach“, antwortet Lewis und ist überrascht über seine Ehrlichkeit. Die drei Männer sehen ihn einfach nur an. Auch sie scheinen verwundert darüber zu sein, was Lewis gerade gesagt hat.
„Alles klar“, sagt der Mann und geht an ihm vorbei. Eine letztes Mal kreuzen sich ihre Blicke. John und Niel sehen sich an. Auch Phil weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Doch Lewis geht wortlos weiter, dann dreht er sich um.
„Kommt ihr? Ihr steht da, als stünde der Weltuntergang bevor.“
John sieht noch einmal zu den drei jungen Männern, dann setzt auch er sich in Bewegung. Phil ist der erste, der seine Sprache wiederfindet und fragt Lewis, was das gerade zu bedeuten hatte.
„Ich wollte nicht, dass die ein falsches Bild von mir haben“, entgegnet er.
„Scheint ja funktioniert zu haben“, sagt Phil und blickt noch einmal über die Schulter, einer der Männer sieht ihnen ebenfalls hinterher; dann biegen sie um die Ecke.

Lewis hat endlich eine Antwort von seinen Kontakten in New York erhalten. Er hatte sie gebeten, etwas über die Männer herauszubekommen, die kurz nach ihrer Ankunft vor ihrer Tür standen: Walt, Lionel, und Mike. Sie sagten, sie hätten für Joe Cleveland gearbeitet, wären dann aber ausgestiegen. Die Männer seien sauber, sagte einer von Lewis’ Kontakten, er müsse sich keine Sorgen machen. Ein paar Stunden später treffen sich John, Phil, Niel und Lewis mit den drei Männern im Hotelzimmer, als das Telefon klingelt.
„Wer ist da?“, fragt Lewis.
„Ich bin’s Richard. Das FBI ist im Laden gewesen, den ihr als Unterschlupf benutzt habt. Sie waren wohl hinter Martha her, ich kenne sie, weil ich ihr Informationen beschaffen wollte, die dich betreffen.“
Richard Miller ist einer der Polizeibeamten, die mit Earl, Mike, George, Luke und Tom zusammenarbeiten. Die Männer gaben Lewis dessen private Telefonnummer.
„Wo ist sie?“, fragt Lewis.
„Geflüchtet. Bis jetzt gibt es keine Spur von ihr.“
Lewis bedankt sich und legt auf. Niel sieht ihn fragend an.
„Das FBI ist in dem Laden gewesen, sie waren hinter Martha her. Sie und ihre Tochter konnten entkommen“, sagt Lewis und geht auf den Balkon.
„Aber wieso?“, fragt John.
„Das ist nicht wichtig, die Frage ist, ob wir an unseren Plan festhalten“, erwidert Lewis. Mike und Lionel wechseln ein paar Worte miteinander.
„Wenn ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es Lewis“, entgegnet John. Mike stellt sich zu Lewis auf den Balkon.
„Wir sind nicht hier, damit du die Sache ablässt, Lewis. Du wolltest unsere Hilfe. Wenn du jetzt einen Rückzieher machst, kannst du auf uns verzichten, egal wofür du uns das nächste Mal brauchst, wir sind nicht zum Urlaub hier“, sagt er.
„In Ordnung“, erwidert Lewis.
„Wir brechen in vier Tagen auf. John!“ - Lewis geht in das Zimmer. - „Ruf meine Kontakte an, die Männer, mit denen wir uns bei unserer Ankunft getroffen haben. Sie sollen diesen Sprengstoffexperten anrufen“
„Jackie Brown?“
„Ja, genau den, ich will ihn in vier Tagen hier im Hotel sehen. Die Nummer ist 212 555-0146.“
John geht zum Telefon. Er wählt die Nummer und wartet. Nach einer Weile meldet sich jemand am anderen Ende und John bittet den Mann, Jackie Brown anzurufen und ihm zu sagen, er solle sich sofort auf den Weg machen.
„Das ist mir egal“, sagt John nach einer Weile,
„Lewis will, dass die Sache in vier Tagen beginnt.“
Er wartet wieder. Dann sagt er, dass Lewis ihn erwartet und legt auf. In der Zwischenzeit geht Lewis mit den anderen Männern den Plan durch, den er bereits mit seinen eigenen Leuten besprochen hat.
„Wir werden auf jeden Fall auf einer fahrenden Bombe sitzen“, sagt Mike.
„Ist alles klar?“, fragt Lewis und sieht zu John. Dieser weiß, was Lewis meint.
„Ja, man sagte mir, Jackie Brown wird genug Sprengstoff mitbringen, um die ganze Straße zu verwüsten“, erwidert er.
„Ein guter Mann, auf ihn ist Verlass. Wie seid ihr auf ihn gekommen?“, fragt Walt.
„Über meine Kontakte hier. Er wurde uns empfohlen. Man hat mir gesagt, er sei der Richtige“, erwidert Lewis.
„Ja. Wenn es um Sprengstoff geht, ist Brown einer der wenigen wirklichen Experten.“
„Schonmal mit ihm gearbeitet?“, fragt Lewis.
„Nein, aber er hat einen gewissen Ruf“, entgegnet Walt. Mit einem Mal klopft es an der Tür.
„Polizei, machen Sie bitte die Tür auf.“
Lewis sieht zu Walt. Es klopft erneut.
„Polizei, aufmachen.“
John greift nach seine Waffe, doch Lewis schüttelt den Kopf. Es vergehen Sekunden, Minuten. Lewis tritt auf den Balkon hinaus und sieht hinunter, unten steht ein Polizeiauto. Jemand aus dem Hotel muss die Behörden alarmiert haben. Lewis wendet sich an seine Leute.
„Es werden wahrscheinlich mehr Bullen kommen, und wir lassen sie kommen“, sagt er. „Also, sie werden sich sicher in der Lobby versammeln; wenn sie kommen, gehen wir runter. Wenn uns irgendjemand Schwierigkeiten macht, schießen wir.“ John lädt seine Waffe.
„Der Plan gefällt mir.“
Doch Lewis ermahn ihn, nicht vorschnell zu handeln. Dann warten sie. Lewis geht wieder auf den Balkon hinaus und hält Ausschau nach weiteren Polizeiwagen. Walt setzt sich auf das Bett und kontrolliert seine Pistole. Mike und Niel unterhalten sich im Flüsterton. Auf einmal ist aus der Ferne eine Sirene zu hören, Walt erhebt sich und stellt sich neben Lewis auf den Balkon.
„Es geht los“, sagt er.
„Moment noch“, erwidert Lewis und zieht seine Waffe. Die beiden beobachten, wie das Polizeiauto vor dem Hotel hält. Vier Männer steigen aus; kurz darauf kommt ein weiterer Wagen. Dieses Mal steigen zwei Beamte aus.
„Gehen wir“, sagt Lewis. Vorsichtig öffnet er die Tür, mit gezückter Waffe geht er voran; danach folgen John, Niel, Phil und die anderen. Vom Ende des Fluren her hören sie ein Geräusch. Lewis bleibt stehen. Dann setzt er sich wieder in Bewegung. Plötzlich geht alles sehr schnell: Eine kleine Gruppe Beamter betritt den Flur und Lewis eröffnet das Feuer. Jetzt muss alles schnell gehen, er und die anderen laufen den Flur entlang und gelangen zu den Treppen. Von dort aus erreichen sie die Hotellobby. Aufgeschreckt von den Schüssen laufen Gäste panisch umher, Lewis erblickt zwei Beamte, eine Frau und ein Mann. Als der Mann ihn sieht, greift er nach seiner Waffe, doch Lewis richtet bereits seine Pistole auf ihn.
„Das würde ich lieber nicht wagen“, sagt er und kommt auf den Beamten zu. Der Mann hebt die Hände.
„Geben Sie auf, Mister Ricocello.“, sagt die Frau.
„Treten Sie zur Seite.“
John packt einen Hotelgast und hält ihm seine Waffe an den Kopf.
„Ihr habt ihm gehört!“, ruft er. Lewis sieht sich um. Erst jetzt treten die Beamten beiseite.
„Danke“, sagt Lewis und geht in Richtung Ausgang, unterwegs nimmt er noch eine junge Frau als Geisel und fährt mit den anderen weg.
„Wohin fahren wir?“, fragt die Frau. Lewis fährt bei der ersten Gelegenheit nach rechts ab. Hinter ihnen hören sie die sich nähernden Sirenen. Mike feuert aus dem Fenster auf die Polizeiautos.
„Nicht weit“, antwortet Lewis, „sobald wir die Bullen abgehängt haben, lassen wir euch raus.“
„Es werden sicher mehr kommen“, sagt John. Lewis beschleunigt das Tempo und biegt am Ende der Straße nach links. Dann folgt er ihr eine Weile und fährt erneut nach rechts ab. Mike hat das Schießen inzwischen aufgegeben, es hat keinen Zweck, mit Pistolen auf ein fahrendes Auto zu feuern. Lewis erhöht noch einmal die Geschwindigkeit, die Polizeiautos bleiben ihnen dennoch dicht auf den Fersen.
„Vorsicht!“, ruft John und deutet auf eine Rote Ampel. Lewis rast unbeirrt auf die Ampel zu, kurz bevor er sie erreicht hupt er. Erschrocken springen Fußgänger beiseite. An der nächsten Kurve allerdings verliert Lewis beinahe die Kontrolle über das Fahrzeug, doch er ist ein sehr guter Fahrer. In letzter Sekunde verhindert er, dass das Auto in eine Reihe geparkter Wagen rast. Die Frau hinten auf dem Rücksitz schreit auf.
„Wollen Sie uns umbringen!?“, fragt sie. Doch Lewis achtet nicht auf sie. Die Polizeiautos bleiben ihnen weiterhin auf den Fersen und Lewis riskiert ein weiteres gefährliches Manöver. Einer ihrer Verfolger verliert die Kontrolle und rast in ein entgegenkommendes Auto. Augenblicklich bleiben die anderen Polizeiwagen stehen. Lewis fährt noch ein Paar Blocks weiter, an der nächsten Kreuzung jedoch bremst er ab.
„Ihr könnt gehen“, sagt er.
„Aber beeilt euch.“
Der Mann steigt als erster aus, er ist wütend und sagt, er hoffe, die Polizei würde sie bald erwischen. Nachdem auch die Frau ausgestiegen ist, fährt Lewis weiter.
„Wohin fahren wir jetzt?“, fragt John. Lewis beschleunigt erneut, dieses Mal aber fährt er nicht so schnell. Aus der Ferne hören sie wieder Sirenen aufheulen.
„Es gibt zwei Brüder, die haben schon Jungs wie uns aus Ganz New York Unterschlupf verwehrt.“
John sieht aus dem Fenster, er will Lewis warnen, falls ein Polizeiauto kommt, doch er kennt ihn besser. Er weiß, dass Lewis seine Augen überall hat.
„Und wo sind die?“, fragt er.
„In der Bronx“, erwidert Lewis knapp. Doch zu allererst müssen sie den Wagen loswerden, Lewis fährt durch die Straßen und sucht nach einer Gelegenheit, irgendwo ein Auto zu klauen. Schließlich wird er fündig: in einer Seitenstraße ist ein Wagen gerade dabei, auszuparken. Lewis zögert keine Sekunde. Er versperrt dem Fahrer den Weg und zwingt ihm, auszusteigen. Aus der Ferne hören sie erneut eine Sirene, dieses Mal scheint sie näher zu kommen, Lewis packt den Fahrer und zerrt ihn unsanft beiseite. Dann fahren er, John, Phil, Niel, Walt und die anderen mit dem geklauten Wagen weg.

Dick und Laster McCoy bewohnen ein unscheinbar aussehendes, heruntergekommenes Haus mitten in der Bronx, niemand würde auf den Gedanken kommen, dass die zwei dort Gangstern einen Unterschlupf gewähren. Lewis hatte durch seine Kontakte von den Brüdern erfahren, kennt jedoch nur ihre Namen. Als er und die anderen das Haus betreten, sitzen bereits drei Männer in einem kleinen Wohnzimmer und sehen fern. Einer der Männer kommt auf Lewis zu.
„Harry Silverstein, wir haben aus den Nachrichten erfahren, was passiert ist“, sagt er und bietet ihm einen Sitzplatz an. Lewis nimmt das Angebot dankend an und fragt, ob es im Haus eine Flasche Whiskey gibt.
„Wir haben eine Höllenfahrt hinter uns“, fügt er hinzu. Harry erwidert, er werde sehen, was noch im Schrank ist.
„Dick und Laster sind einkaufen, die müssten aber gleich wiederkommen.“
Im Fernsehen beginnt gerade eine Sondersendung über den Vorfall im Hotel, es wird gesagt, man wisse nicht, wo sich die Gangsterbande um Lewis Ricocello derzeit aufhält; man ermittle aber auf Hochtouren.
„Wie lange wollt ihr bleiben?“, fragt der andere Mann. Lewis stellt den Fernseher leiser.
„Ein, zwei Tage“, sagt er. In diesem Moment kommt Harry mit einem Glas Whiskey ins Wohnzimmer zurück.
„Das ist Ted Gilbert, er hat im Alleingang eine Bank ausgeraubt und sucht nach Mitstreitern. Das Gute ist, dass sich hier nicht nur Gauner wie wir verstecken können, hier kann man auch sehr gut ins Gespräch kommen.“
Lewis nimmt das Glas entgegen, jetzt, da sie nicht mehr verfolgt werden, kehrt die Einsamkeit zurück. Es ist, als habe ein anderer Teil von ihm die Kontrolle übernommen. Lewis entschuldigt sich und zieht sich in ein Zimmer zurück. Es ist nicht viel größer als eine Abstellkammer, und er kann von hier aus die anderen miteinander reden hören. Lewis muss daran denken, was Richard Miller gesagt hat; er sagte, das FBI sei im Casino gewesen. Er hat außerdem noch gesagt, sie seien hinter Martha und ihrer Tochter her gewesen. Wo sind sie jetzt? Lewis weiß, dass er zurück muss, er muss sie finden. Und was ist mit Jay? Er ist noch immer bei Joe und seinen Leuten. Mit einem Mal geht die Tür auf, ein junger Mann steht im Türrahmen und lächelt Lewis an.
„Ich bin Dick, Dick McCoy“, stellt er sich vor.
„Lewis.“
„Ich weiß.“
Ein zweiter Mann kommt ins Zimmer, Laster. Er schüttelt Lewis die Hand und sagt, er freue sich, dass er den Weg zu ihnen gefunden habe. Lewis trinkt einen Schluck von seinem Whiskey.
„Wie ich sehe, haben Sie unser Heiligtum bereits gefunden“, sagt Laster. Lewis lächelt.
„Nein, euer Gast Harry Silverstein hat ihn mir gebracht.“
Im Nebenzimmer fragt jemand gerade, ob einer Lust hätte, Poker zu spielen. Lewis ist mit diesem Spiel zwar nicht vertraut, dennoch wollte er es immer einmal probieren. Er erhebt sich und geht zu den anderen; Harry ist gerade dabei, Karten auszuteilen.
„Willst du mitmachen?“, fragt er Lewis. Dieser bejaht und holt ein Bündel Geldscheine hervor.
„Wie spielt man das?“, fragt er.
„Also“, erwidert er,
„Zuerst bekommst du zwei Karten – verdeckt, nur für dich. Das sind deine Hole Cards. Alle anderen Spieler bekommen auch zwei Karten. Zwei Spieler müssen vorab einen Einsatz zahlen – den Small Blind und den Big Blind. Danach legt der Dealer drei offene Karten in die Mitte des Tisches, die nach und nach mehr werden. Diese Karten nennt man die Community Cards. Sie gehören allen. Zusammen mit deinen eigenen Karten versuchst du nun, die beste Pokerhand aus fünf Karten zu bilden.“
„Fünf Karten kommen in die Mitte?“, fragt Lewis.
„Ja“, antwortet Harry. Der Mann zu seiner linken, Rick, ist der Dealer. Später erfährt Lewis, dass er und Harry ebenfalls weitreichende Kontakte haben.

In dieser Nacht kann Lewis nicht schlafen. Ersten: er ist immer in Alarmbereitschaft und rechnet jeden Moment damit, dass die Polizei durch die Tür kommt und zweitens: Er macht sich Sorgen um Martha und Linda. Die zwei sind jetzt gerade irgendwo auf der Flucht, ohne Schutz und ohne einen Unterschlupf. Und Jay, er wartet wahrscheinlich darauf, dass man ihn holen kommt. Dass das FBI am Casino gewesen ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben und Jay hat sicher auch davon erfahren. Lewis weiß, dass er so schnell wie möglich zurückmuss, er weiß aber auch, dass es nicht einfach werden wird und es unter Umständen dauert, bis sie wieder in Chicago sind.
Draußen ist eine Sirene zu hören, Lewis schreckt hoch. Diesen Unterschlupf muss es bereits seit längerem geben, er hatte vor ein paar Jahren das erste Mal davon gehört, doch Lewis hat gelernt, wachsam zu sein. Wahrscheinlich hat er auch Angst, dass er wieder von seinen Träumen heimgesucht wird. Er träumt immer wieder von dieser Nacht.

Nachdem sich Lewis und Denise bettfertig gemacht und die Kinder ins Bett gebracht haben, sehen sie im Wohnzimmer noch ein wenig fern. Es läuft ein Krimi, den Lewis unbedingt sehen möchte, er sieht gerne Krimis und weil Denise auch noch nicht schlafen kann, sehen sie ihn sich gemeinsam an.
„Mach doch nicht so laut, Schatz. Die Kinder schlafen“, sagt sie. Widerwillig dreht Lewis den Fernseher leiser.
„Besser?“
„Ja.“
Es ist zehn Uhr abends und die Familie Ricocello hat gerade zu Abend gegessen, es gab Kalb mit Reis, zum Nachtisch servierte Lewis Äpfel, die er gesalzen in Butter gebraten hatte. Lewis liebt es, zu kochen und seine Frau und Kinder zu verwöhnen; er macht auch, laut Denise, die besten Menüs.
„Warum hat der den denn erschossen? Das hätte er doch gar nicht tun müssen“, sagt Denise in diesem Moment. Lewis weiß, dass seine Frau lieber andere Filme sieht.
„Weil er befürchtet, dass Glenn reden könnte“, erwidert er. Denise kauert sich auf dem Sofa zusammen und legt den Kopf auf Lewis’ Schoß.
„Trotzdem hätte er es nicht tun müssen“, sagt sie. Lewis streichelt ihren Kopf.
„Wenn du willst, kannst du schonmal ins Bett gehen“, entgegnet er.
Es geschieht um halb ein Uhr morgens, Lewis erwacht von einem beißenden Geruch. Erst weiß er nicht, was los ist, verschlafen steht er auf und tastet nach dem Lichtschalter. Die Glühbirne geht nicht an.
„Denise“, flüstert er, doch Denise schläft tief und fest. Lewis geht zum Bett zurück und rüttelt sie; erst jetzt wacht seine Frau auf.
„Riechst du das?“, fragt er. Unter der Tür quillt Rauch durch. Dann hört Lewis ein Geräusch: Es klingt, als würde etwas zu Boden fallen. Erst jetzt reißt er die Schlafzimmertür auf … und sieht, dass das komplette Haus, mit Ausnahme des kleinen Flures, der zu den Kinderzimmern führt, in Flammen steht.
„Schnapp dir die Kinder!“, ruft Lewis. Denise läuft zu den Kinderzimmern. Lewis wartet, dann tut er etwas, was ihn sein Leben lang verfolgen wird: Einem Instinkt folgend, rennt er die Treppe hinunter, von der aus man die Eingangstür erreicht. Sie ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht so stark von den Flammen befallen wie der Rest des Hauses.
„Lewis!“
Denise steht an der Treppe.
„Daddy!“
Lewis hört die Angst seiner Kinder.
Er bleibt vor der Tür stehen.
Er dreht sich um.
Er möchte wieder hineinlaufen, doch die Flammen haben bereits alles verschlungen, was sich ihnen in den Weg stellte. Dann hört er die Schreie. Es ist das entsetzlichste Geräusch, das Lewis jemals gehört hat. Ein zweiter Geruch breitet sich aus - so muss die Hölle riechen, denkt er. Der Geruch von verbranntem Fleisch steigt Lewis in die Nase und brennt sich in Hirn und Seele ein. Jahre später wird er sich noch an diesen Geruch erinnern. Unaufhaltsam bahnt sich das Feuer seinen Weg durch alles, was Lewis liebte und kannte. Irgendwann verstummen die Schreie. Lewis schließt die Augen und tritt einen Schritt vor, dann noch einen. Er spürt die Hitze des Feuers, hört das Knistern des verbrennenden Holzes. Und wieder tritt er einen Schritt vor, die Hitze ist unerträglich geworden - doch es ist ihm egal. Von irgendwoher ertönen Sirenen. Sie kommen schnell näher, dann sind sie da. Lewis spürt Hände, die ihn vom Feuer wegziehen, einer der Feuerwehrmänner spricht auf ihn ein.
„Was ist passiert?“, fragt er. Lewis hat keine Ahnung, woher die Männer gekommen sind.
„Hören Sie mich?“, fragt der Mann und sieht ihn direkt in die Augen. Von irgendwoher kommt ein zweiter Mann angelaufen, er ist kein Feuerwehrmann, sondern Sanitäter. Lewis braucht eine Weile, ums zu reagieren.
„Was machen Sie hier?“
„Eine Nachbarin hat uns alarmiert“, erwidert der Sanitäter. Dann verliert Lewis den Halt unter den Füßen. Der Rettungssanitäter begleitet ihn zu dem Krankenwagen.
„Meine Familie“, wimmert Lewis.
„Sind sie noch dort drinnen?“
„Sie sind alle tot.“
Jetzt laufen ihm Tränen über das Gesicht. Einer der Männer fragt, ob Lewis etwas zur Beruhigung haben wolle, doch dieser lehnt ab.
„Wie ist überhaupt ihr Name?“, fragt der Sanitäter.
„Lewis … Mein Name ist Lewis. Ich bin … die Treppe heruntergelaufen, wie ein Feigling. Ich habe sie … sterben gelassen.“
Der Rest des Tages besteht aus endlosen Fragen, Lewis muss die Ereignisse detailliert schildern, was ihn ab und an zur Verzweig bringt. Irgendwann bietet man Lewis an, dass er mit einem Psychologen sprechen könne, was dieser allerdings ablehnt. Der Rest der Geschichte besteht im Grunde darin, dass Lewis versucht, die Schrecken jenes Abends abzuschütteln. Tagelang, ja, sogar wochenlang irrt er umher. Tagsüber sitzt er irgendwo auf einer Bank und ruht sich aus, nachts läuft er ziellos durch die Gegend. Das ist der Abschnitt, in dem er seinem Mentor und langjährigen Weggefährten Frank Jeffreys begegnete.

An diesem Morgen hat Lewis mit seinen Leuten telefoniert, er bat sie, wiederum ihre Kontakte in Chicago anzurufen und sich nach Floyd Jankings zu erkunden. Jetzt sitzt er im kleinen Wohnzimmer und sieht die Nachrichten; zu seiner Erleichterung weiß man noch immer nicht, wo sie sich aufhalten.
„Es gibt aber einige Zeugenaussagen, wonach die Bande mit dem Wagen, den sie während ihrer Flucht gestohlen haben, nach Westen geflüchtet sein sollen. Die Polizei geht diesen Hinweisen nach und weitet ihre Suche nun aus“, verkündet der Nachrichtensprecher. Lewis stellt den Fernseher ab. Er geht in die Küche und sucht in den Schränken nach Kaffeepulver. Gerade als er ihn gefunden hat, gesellt sich Lester zu ihm und fragt, ob Lewis alles habe, was er bräuchte.
„Ja, danke“, erwidert dieser und öffnet eine Schublade.
„Was suchen Sie?“
„Filter.“
Laster bietet ihm an, den Kaffee für ihn zu kochen, im Gegenzug soll Lewis ihm erzählen, wo und wie er aufgewachsen ist.
„Einverstanden“, gibt Lewis zurück.
„Ich wurde 1910 als einer von fünf Geschwistern in Havre geboren. Mein Vater arbeitete bei der Eisenbahn und meine Mutter, naja. Sie kümmerte sich darum, dass der Haushalt lief. Ich wuchs in einer Zeit des Umbruchs auf, ich denke, die meisten in meinem Alter können das sagen. Erinnerst du dich an Max Linder oder Fatty Arbuckle? Das waren meine Helden.
Mein Vater war von der alten Schule, trotzdem hat er den Job bei der Eisenbahn angenommen, ganz einfach, weil wir das Geld brauchten, er sagte immer: ‚Ein Mann muss in der Lage sein, für sich und seine Familie sorgen zu können. Wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, frag nicht nach dem Grund; du tust, was das Beste für dich und deine Lieben ist’. Diese Einstellung hat auch mich bis zum Tod meiner eigenen Familie 1930 geprägt.“
„Bis zum Tod Ihrer Familie?“, fragt Laster. Lewis starrt ins Leere.
„Ja“, erwidert er.
„Das tut mir leid.“
Lewis fährt fort: „Als meine Geschwister 1917 an Typhus starben, war es genau diese Einstellung, die ihn am Leben hielt. Ebenfalls im Jahr 1930 bin ich das erste Mal weg von Zuhause, ich habe eine Weile als Minenarbeiter im Coeur d'Alene District gearbeitet und bin dann dem Beispiel meines Vaters gefolgt und habe bei der Great Northern Railway angefangen. Zu der Zeit lernte ich auch meine spätere Frau Denise kennen und lieben. Wir zogen in ein kleines Haus in Havre und bekamen zwei Kinder.“ Laster nimmt einen Kaffeefilter aus einer der Schubladen.
„Schlafen die anderen noch?“, fragt Lewis nach einer Weile.
„Ja“, antwortet Laster und legt den Filter in die Kaffeemaschine, dann guckt er in den Behälter und füllt Wasser hinein.
„Der Kaffeepulver steht hier in der Ecke, wenn man es nicht weiß, übersieht man es leicht“, sagt er und gibt das Pulver in den Filter. Lewis gähnt und geht ins Wohnzimmer zurück.
„Mit Milch oder ohne?“, fragt Laster.
„Ohne“, antwortet Lewis. Dann setzt er seine Erzählung fort: „Nachdem … Nach dieser tragischen Sache war mir klar, dass alles keinen Sinn mehr hat. In einer anderen Zeit hätte ich wohl die nächste Kneipe aufgesucht, doch es war Prohibition. Ich trieb mich dennoch auf den Straßen herum und manchmal bekam ich sogar ein Paar Dollar. Dann lernte ich einen Mann kennen, der sich später als Alkoholschmuggler entpuppte.“ Nachdem der Kaffe durchgelaufen ist, stellt Laster ihm den Kaffee und etwas Zucker hin.
„Er erwies sich bestimmt als Hilfsbereit und hat Sie, ohne dass Sie es wussten, in diese Kreise eingeführt.“
„Mehr oder weniger, er gab mir Geld und eine Unterkunft. Was also sollte ich machen? Nein, ich kam sehr früh dahinter, dass er krumme Geschäfte machte, die Einzige Frage, die sich mir stellte, war die, ob ich darauf eingehen sollte.“
„Und Sie sind darauf eingegangen.“
„Ja. Erst habe ich kleinere Dinge für sie erledigt, zum Beispiel musste ich auf die Schmuggelware aufpassen. Einmal musste ich ich eine Lieferung fahren, ich weiß bis heute nicht, was es war. Später durfte ich andere Dinge machen und irgendwann war ich Teil der Bande. John und die anderen kamen viel später dazu.“
In diesen Moment gesellt sich John zu ihnen. Er hat das Gespräch mitverfolgt und sagt, dass Lewis ein Meister darin sei, Männer aufzusammeln, die nicht wüssten, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte. Lewis geht ans Fenster.
„John war jung, unvernünftig und brauchte das Geld“, sagt er.
„He, erzähl es wenigstens richtig“, gibt John zurück. „Ich war als Aushilfe in einem kleinen Laden angestellt, es stimmt, zu der Zeit hatte ich wirklich wenig Geld und ich bin auch schon ein paar Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten, doch ich habe immer versucht, mein Bestes zu geben. Irgendwann kam Lewis in den Laden, in dem ich arbeitete; er unterhielt sich sehr lange mit dem Besitzer. Ich habe zufällig beobachtet, wie der Besitzer ihm einen Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt hat, und da habe ich Lewis angesprochen. Ich habe ihm gefragt, woher er den teuren Anzug habe, er wusste nicht, dass ich ihn im Laden beobachtet hatte. Lewis antwortete, er wäre Geschäftsmann und ich habe ihm gesagt, ich würde einsteigen, bei welcher Art von Geschäft es sich auch immer handeln würde.“ Laster mustert Lewis. Er überlegt, ob er seinen Namen schon einmal irgendwo gehört hat.
„Bei mir war’s ähnlich, ich wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nicht weit von meinem Elternhaus entfernt gab es ein Kino, und etwas weiter davon entfernt parkten immer teure Autos, aus denen Männer stiegen, die, ähnlich wie Sie, teure Anzüge trugen. Wir Kinder fragten uns oft, wer diese Männer waren und was sie wohl machten. eines Tages dachte ich, ich könnte mir ein paar Dollar verdienen und fing an, deren Autos zu waschen. Immer wenn sie wieder in ihre Wagen stiegen, glänzten sie. Irgendwann hat mich einer der Männer erwischt und gab mir zwei Dollar. Den Rest können Sie sich denken“, sagt er. Lewis sieht auf den Zucker, der noch immer unberührt vor ihm auf den Tisch liegt.
„Könnte ich bitte einen Löffel haben?“, fragt er. Mit einem Mal kommt Dick ins Wohnzimmer, er sagt, er wolle eine Zeitung kaufen.
„Sei aber vorsichtig, es sind überall Sirenen zu hören und im Fernsehen sagen sie, dass die Bullen ihre Suche ausgeweitet haben. Und wie man hört, sind sie auch jetzt schon hier“, erwidert Laster. Dick sieht zu Lewis.
„Brauchst du etwas aus der Stadt?“
Lewis erhebt sich und geht in die Küche.
„Nein, danke.“
„Du, John?“
John überlegt, er hat gesehen, dass es nur noch wenig Whiskey für heute Abend gibt, außerdem hat er fast keine Zigaretten mehr. Er spricht Dick darauf an.
„Besorge ich“, sagt dieser knapp und geht zur Tür. Er nimmt eine Einkaufstasche aus dem Schrank, der im Flur steht und verlässt das Haus.
„Ach, er könnte ein Bier mitbringen“, sagt Lewis als er mit dem Löffel ins Wohnzimmer kommt.
„Dann guck, ob er noch da ist“, entgegnet John, doch Dick ist schon weg. Lewis setzt sich wieder an den Tisch und schüttet den Zucker in den Kaffee. Den Rest des Morgens verbringen sie damit, über ihre Geschäfte zu reden, Lewis setzt John davon in Kenntnis, dass er seine Kontakte angerufen hat, um nach Floyd Jenkins zu fragen. Harry sagt, er müsse am nächsten Tag gehen, weil er sich mit „ein paar Jungs“ treffen würde, John fragt, was genau er mit diesen Jungs zu besprechen hätte, doch Harry sagt nur, es wäre zu heikel, andere Personen da mit hineinzuziehen.
„Wollt ihr den Präsidenten töten?“, lacht Lewis. Harry verneint und sagt, so heikel sei es auch wieder nicht, doch es gehe in der Tat darum, jemanden umzubringen.

Über die Jahre haben sich die McCoys ein beachtliches Netzwerk aufgebaut. Neben Kontaktmännern, die in den verschiedensten Teilen New Yorks operieren, pflegen sie auch gute Kontakte zu einer Gruppe von Autohändlern. An diesen Nachmittag gehen Dick und Lewis zu den Männern, denen in der Nähe des Oak Point Avenue und der Halleck Street eine riesige Lagerhalle gehört. In der Zeitung stand, die Suche nach den flüchtigen Männern laufe auf Hochtouren. Wenn irgendwo eine Sirene zu hören ist, achten sie genau darauf, wo das Geräusch herkommt. Sie überqueren die Bruckner Boulevard Bridge. Von hier aus ist es nicht mehr weit, doch Lewis kommt es trotzdem wie eine Ewigkeit vor.
„Was sind das für Männer? Erzähl mir was über sie“, sagt er. Plötzlich kommt eine Gruppe Passanten auf sie zu, sie sind mit Kameras bewaffnet und wirken nicht, als wären sie Amerikaner. Als Dick und Lewis ihren Weg kreuzen, erkennen sie, dass sie tatsächlich von woanders herkommen. Lewis versteht kein Wort, Dick ebenso wenig.
„Es sind Freunde, sie kennen sich aus der High School und haben vorher in ganz normalen Berufen gearbeitet“, entgegen Dick. Einer der Passanten sieht sie an, er ist stehengeblieben und sieht sie einfach nur an. Lewis stockt der Atem. Die Frau aus der Gruppe beginnt zu lachen, sie scheint ihn etwas zu fragen, woraufhin der Mann aufgeregt auf sie einredet. Er gestikuliert heftig und zeigt auf Lewis. Die Frau erwidert etwas und lacht erneut. Beleidigt fährt er die Frau an. Einer der anderen Männer erwidert etwas, doch der Mann scheint nichts davon hören zu wollen. Lewis sieht zu Dick. Jemand anderes aus der Gruppe meldet sich zu Wort. Es hört sich an, als würde er seine Freunde dazu auffordern, weiterzugehen. Allmählich setzen die anderen sich in Bewegung und irgendwann gehen sie weiter. Lewis sieht ihnen hinterher. Als die Gruppe fast nicht mehr zu sehen ist, setzen Lewis und Dick ihre Unterhaltung fort.
„Und den Männern kann man trauen.“
Dick sieht kurz zu Lewis. Er lässt sich nichts anmerken, doch dieser Satz beleidigt ihn.
„Lewis, ich kenne diese Männer seit vielen Jahren, wir haben oft ihre Dienste in Anspruch genommen, es sind die zuverlässigsten Menschen, denen Sie jemals begegnen werden, also ja, man kann ihnen trauen.“
Erneut sind aus der Ferne Sirenen zu hören.
„Ich frage nur, weil ich weder euch noch diese Männer kenne. Ich weiß nur, dass ich euren Namen und eure Adresse schon einmal irgendwo gehört habe, mehr nicht“, entgegnet Lewis. Der Weg führt sie teilweise durch ein Industriegebiet. Irgendwann sehen sie aus der Ferne eine Fabrikhalle in die Höhe ragen.
„Da ist es“, sagt Dick. Sie erreichen einen Stabgitterzaun. Dahinter befindet sich ein großes Gelände mit einem Rolltor, Dick und Lewis überqueren das verlassen anmutende Gelände und klingeln.
„Das ist der Mann, von dem ich euch erzählt habe“, sagt Dick, als ihnen nach einigen Minuten geöffnet wird. Vor ihnen steht eine dunkelhäutige Frau, sie trägt kurze Haare und ein dunkles, kurzärmliges T-Shirt.
„Lewis, stimmt’s?“, begrüßt sie ihn.
„Ich bin Liz. Dick hat deinen Besuch telefonisch angekündigt, kommt rein.“
Drinnen steht ein Mann, er ist ebenfalls dunkelhäutig, trägt lange Haare und eine Mütze auf den Kopf.
„Das ist Ben“, sagt die Frau. Lewis kommt gleich zur Sache. Er sagt, er wolle einen unscheinbaren, recht schnellen Wagen kaufen und fragt, ob sie etwas für ihn hätten. Die Frau, Liz, sieht sich kurz in der Halle um.
„Jason! Billy! Jack! Kundschaft!“, ruft sie. Einen Augenblick später erscheinen drei weiße Männer. Der eine trägt ein Unterhemd, auf seinem Oberarm ist das Wort „love“ tätowiert. Die anderen zwei tragen Hemden.
„Die drei sind für die Autos zuständig“, sagt Liz und bittet Dick und Lewis herein. Lewis’ Blick fällt sofort auf einen schwarzen Wagen, einen Chevrolet Impala; auf seine Frage hin, wie viel er bereits gefahren sei, antwortet der Mann im Unterhemd, er wäre so gut wie neu.
„Was soll der Kosten?“, fragt Lewis. Der Mann klopft kurz auf das Autodach.
„Neunhundert Dollar“, erwidert er. Vor ihrem Aufbruch hat Lewis alles Geld mitgenommen, das er mithat, doch es reicht nicht.
„Was ist los?“, fragt Dick. Lewis geht zu ihm hin.
„Ich habe nur fünfhundert Dollar mit, der da will aber neunhundert.“
Dick antwortet, er werde das regeln und geht zu dem Mann hin. Er erklärt ihm, Lewis sei dabei, sich ein Netzwerk aufzubauen und habe sich bereits in vielen Teilen New Yorks einen Namen gemacht. Doch der Mann bleibt unbeeindruckt.
„Das ist mir egal“, sagt er.
„Und wenn ihn die ganze Welt kennt. Es sind neunhundert. Wir sind nicht die Wohlfahrt.“
Auf einmal gesellt sich Liz zu ihnen, sie schlägt vor, den Wagen solange für Lewis zurückzuhalten, bis er das Geld zusammen hat. Nach einigem Überlegen willigt der Mann schließlich ein.
„Wir behalten die Kiste, mit Nummernschilder und allem. Aber, kein Zaster, keinen Wagen“, sagt er. Lewis weiß, dass, wenn er an seiner Stelle gewesen wäre, er genauso gehandelt hätte.
„Einverstanden, ihr bekommt das Geld noch“, sagt er. Dann rückt er von den anderen ab. Neugierig betrachtet er die Automobile, die aufgreift in der Halle stehen.
„Brauchst du noch einen?“, fragt eine Stimme hinter ihm. Lewis sieht sich um. Hinter ihm steht Ben, er nimmt seine Mütze ab und kratzt sich am Kopf
„Nein, ich wollte nur gucken, was ihr so an Autos habt“, erwidert Lewis und nimmt Ben beiseite.
„Woher hat Liz ihren Namen?“
„Sie heißt eigentlich Elisabeth, aber sie mag ihren Namen nicht, deswegen wird sie von allen ‚Liz‘ genannt.“
Ben nickt, schiebt sich die Mütze wieder über die Stirn und sieht zu Liz hinüber, die gerade mit Jack redet und dabei mit einem Schraubenschlüssel auf ein Brett zeigt, an dem verschiedene Nummernschilder hängen.
„Sie wirkt ziemlich entschlossen“, sagt Lewis.
„Ist sie auch. Liz lässt sich von niemandem reinreden – nicht mal von mir. Und ich kenn sie, seit wir zusammen auf die Welt kamen.“
Lewis betrachtet kurz den Impala. Die Nachmittagssonne fällt schräg durch die Fenster der Halle, Staubpartikel tanzen im Licht. Irgendwo im hinteren Teil läuft ein Kompressor an, kurz, vibrierend, dann wieder Stille.
Er nimmt die Hände aus den Taschen.
„Ich werd das Geld besorgen“, sagt er.
„Schneller, als ihr denkt.“
„Ist gut, aber hör zu: Du bist neu für uns. Ich geb dir ‘ne Chance, weil Dick für dich spricht - aber komm allein. Das hier ist keine offene Einladung.“
Er schaut ihm in die Augen.
„Einer kommt – einer zahlt. Sonst ist der Wagen morgen weg.“
Lewis hebt den Blick.
„Ich bin kein Idiot.“
„Hab ich auch nicht gesagt.“
Dick nähert sich ihnen.
„Alles geregelt?“
Lewis nickt.
„Ja. Der Wagen gehört mir. Bald jedenfalls.“
Draußen vor der Halle ist es inzwischen deutlich ruhiger. Keine Sirenen mehr. Nur das Rattern eines alten Lieferwagens, der irgendwo auf der Halleck Street vorbeifährt.
Als sie das Gelände verlassen, bleibt Lewis kurz stehen, dreht sich noch einmal um und sieht zur Halle zurück.
„Was ist?“, fragt Dick.
„Nichts“, sagt Lewis.
„Ich will nur sichergehen, dass ich mir das richtig gemerkt hab.“
Sie gehen weiter, zurück über den Hof, Richtung Zaun. Der Wind trägt den Geruch von Öl, Metall und warmer Luft mit sich.
Bevor sie durch das Tor treten, sagt Dick:
„Wenn du mit denen klarkommst, dann kommst du mit jedem klar.“
Lewis antwortet nicht gleich. Erst, als sie den Bruckner Boulevard überqueren, murmelt er:
„Ich hoffe, du hast recht.“
Dann verschwinden sie zwischen den Schatten der stillgelegten Lagerhäuser – und irgendwo in der Ferne ertönt wieder eine Sirene.

Am Abend ist Lewis wieder hingegangen - allein. Er hatte sich das fehlende Geld von John geliehen. Später hatte er mit Richard Miller gesprochen, er bat ihm, wenn es irgendwie möglich sei, mit Floyd zu sprechen. Von ihm hatte Lewis erfahren, dass Jay an einer Tankstelle arbeitet, in der Joes Männer Geld waschen, und die sie gelegentlich als Waffenlager nutzen. Lewis hatte Floyd gebeten, ihn da raus zu holen. Er sagte, er werde so schnell er könnte nach Chicago zurück fahren und Floyd versprach, es für Lewis zu regeln.

Fünf Tage später kommt Floyd in die Tankstelle, Jay ist zu diesem Zeitpunkt allein. Floyd nimmt ein Bier aus einem der Kühlschränke und bezahlt. Unter dem Geldschein ist ein Zettel mit einer Telefonnummer, darunter ist ein Name: „Lewis“. Bei der ersten Gelegenheit ruft Jay an. Lewis erklärt ihm, er habe einen Plan, ihn rauszuholen.
„Der Mann, der dir den Zettel gegeben hat, wird wiederkommen. Er beobachtet die Tankstelle rund um die Uhr. Du wirst tun, was er dir sagt, verstanden?“
„Ja.“
Dann legt Lewis auf.
Der Wagen, von dem aus Floyd die Tankstelle beobachtet, steht nur ein paar Meilen entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Von hier aus macht er sich Notizen, akribisch schreibt er alles auf, was sich vor der Tankstelle abspielt. Um halb ein Uhr Morgens ging jemand in den Tankstellenshop und kam erst um zwei Uhr wieder raus. Eine Familie hat ihren Wagen gestern um fünfzehn Uhr vollgetankt, eine Gruppe Jugendlicher hat um achtzehn Uhr ein paar Dosen Bier gekauft. Einmal hat Floyd gesehen, dass Jay die Tankstelle an einem Samstag verlassen hatte. Jay arbeitet nicht immer allein, und ab und zu wechselt er sich mit ein paar anderen Männern ab, dies geschieht nicht regelmäßig, doch Floyd glaubt, ein Muster darin zu erkennen. Er hatte seinen Männern gesagt, dass er Jay beobachten wolle, damit dieser nicht auf dumme Gedanken käme und man ließ ihm gewähren. Seit ungefähr einer Woche beobachtet er nun das Treiben an um Tankstelle; hin und wieder geht Floyd hinein, um ein paar Kleinigkeiten zu kaufen, und um sich zu erkundigen, wie es Jay geht. Floyd hatte ihn bereits am ersten Tag wissen lassen, dass er da sei, um ihn rauszuholen, sagte ihm aber, er müsse sich gedulden.

Eine Woche später kommt Floyd in die Tankstelle und kauft ein Bier und eine Packung Zigaretten. Erneut gibt er Jay das Geld mit einem Zettel. Darauf steht: „Komm am Samstag um acht Uhr Abends zur Maple Avenue“. Floyd weiß, dass Jay diesen Samstag freihat. Er hat es ihm gesagt.
Um Punkt acht Uhr wartet Floyd an der Maple Avenue. Zu diesem Zeitpunkt hält sich Jay noch in unmittelbarer Nähe der Tankstelle auf. Er läuft die Belmont Road entlang und biegt irgendwann in den Maple Avenue ein. Auf der Straße sind viele Autos geparkt, Jay läuft langsam und wirft immer einen Blick in jeden der Wagen. Plötzlich sieht er von Weiten kurz Scheinwerfer aufleuchten; es ist Floyd, der am Ende der Straße auf ihn wartet.
„Weiter entfernt ging’s nicht mehr, oder? Ich habe den ganzen Weg Todesängste ausstehen müssen“, sagt Jay, als er einsteigt. Floyd lässt den Motor an und fährt los.
„Tut mir leid, es ist schwer, hier einen Parkplatz zu finden.“
Er biegt am Ende der Maple Avenue nach rechts.
„Wohin fahren wir überhaupt?“, fragt Jay.
„Zu Lewis, er hat in einem Hotel eingecheckt. Ich lasse dich ein paar Blocks vorher raus“, erwidert Floyd. Jay erkundigt sich nach seiner Frau.
„Lewis’ Leute sind dran, wenn er mehr weiß, wird er es dich wissen lassen“, entgegnet Floyd. Eine lange Pause entsteht. Mit einem Mal muss Jay an den Tag denken, an dem er gemeinsam mit Martha, Linda, Lewis und dessen Leuten nach Havel gefahren ist. Lewis und Martha hatten sich damals sich sehr gut verstanden. Jay erinnert sich daran, wie er die zwei beobachtete, sie kamen ihm vor, als würden sie sich bereits seit vielen Jahren kennen.
„Grübelst du über irgendwas nach?“, fragt Floyd und reißt Jay aus seinen Gedanken. Dieser sieht aus dem Fenster.
„Nein“, sagt er.
„Eigentlich nicht.“
Doch dieser Gedanke will ihn nicht aus dem Kopf gehen. Er denkt an eine andere Situation: Er und Martha saßen in dieser Bar. Es ist das erste Treffen gewesen, seit Jay zu Joes Leuten gegangen ist. Noch heute kann er sich an diese Situation erinnern, hört das „ich liebe dich“ in Marthas Stimme, hört die Zweifel.
„Alles in Ordnung?“, fragt Floyd.
„Mir geht es gut!“, fährt Jay ihn an.
„Sicher?“
Jay überlegt, ob er es ihm sagen soll, doch er lässt es - erst einmal.
„Ja“, antwortet er stattdessen. Auf einmal knurrt sein Magen. Jay fällt auf, dass er seit dem Frühstück nichts mehr Anständiges zu sich genommen hat.
„Hast du überhaupt heute schon etwas gegessen?“
Er verneint. Floyd erwidert, sobald sie etwas vorangekommen sind, werden sie irgendwo an einem Drive-In haltmachen. Erst jetzt gesteht Jay, was ihn die ganze Zeit beschäftigt.
„Zum Glück bin ich nicht verheiratet“, gibt Floyd zurück. Jay lächelt. Sie passieren eine Kreuzung und biegen in eine weitere Straße.
„Ich glaube, ich verstehe jetzt, was Lewis meinte“, sagt Jay plötzlich. Floyd zieht fragend die Augenbraue hoch. Jay erzählt ihm von der Fahrt nach Havel, er erzählt, was Lewis ihnen offenbart hatte und dass er anfangs davon nicht überzeugt gewesen ist. Floyd hält an einer Ampel.
„Ich kenne ihn nicht gut genug, um irgendetwas über ihm oder seine Methoden sagen zu können. Ich weiß nur, dass er recht erfolgreich ist, in dem was er tut“, erwidert er. Jay überrascht das nicht. Hätte ihn damals an diesen Tag einer gesagt, dass er Lewis eines Tages verstehen würde, hätte er es nicht geglaubt.
„Trotzdem glaube ich, etwas in Marthas Blick gesehen zu haben, was ich noch nie bei ihr gesehen habe.“
Die Ampel springt auf Grün. Jay versucht, seine Gedanken beiseite zu schieben und sich stattdessen auf die Autofahrt zu konzentrieren, doch es gelingt ihm nur mit mäßigem Erfolg. Als sie an einer weiteren Kreuzung kommen, biegt Floyd nach rechts.
„Lewis hat eine gewisse Ausstrahlung, ich bin ihn mal begegnet“, sagt er. Jay seufzt.
„Danke, beruhigend zu wissen.“
Er kurbelt das Fenster herunter und genießt die kühle Abendluft. Irgendwo in weiter Ferne, ertönt eine Sirene. Dann, plötzlich, kommt der Verkehr zum Erliegen. Eine lange Autoschlange bildet sich, Jay streckt den Kopf aus dem Fenster, um zu sehen, was die Ursache dafür ist.
„Doch nicht um diese Uhrzeit“, murmelt Floyd. Doch es ist kein gewöhnlicher Stau; nach ein Paar Metern sehen die beiden ganz vorne, am anderen Ende der Straße Blaulichter aufleuchten. Je näher sie der Stelle kommen, desto mehr wird ihnen beiden klar: das ist kein Unfall. Als sie nur noch ein Paar Meter entfernt sind, können sie einen Polizeibeamten erkennen, der mit einer Taschenlampe stichprobenartig in die Fahrzeuge leuchtet.
„Wen suchen die?“, fragt Floyd. Er hat Sorge, die Polizeikontrolle könnte sich gezielt gegen sie richten. Jay bemerkt es und sieht kurz zu ihm.
„Einfach ruhig weiterfahren“, versucht er ihn zu beruhigen.
„Umdrehen können wir eh nicht mehr.“
Jetzt ist nur noch ein Wagen vor ihnen, der Polizist sieht sich das Auto genau an, während es langsam an ihn vorbeifährt. Floyds innere Anspannung wächst, doch er zwingt sich, ruhig zu bleiben, dann fährt auch an an den Polizisten vorbei. Der Beamte merkt anscheinend, dass er irgendwie nervös ist und winkt ihn heraus. Ein weiterer Beamte signalisiert Floyd, er solle rechts ran fahren. Dann tritt er ans Fenster, Floyd öffnet es.
„Guten Abend, Sir. Öffnen Sie bitte den Kofferraum.“
Floyd steigt aus und tut wie geheißen, Jay beobachtet das ganze vom inneren des Wagens aus.
„Was ist denn los, Officer?“, fragt Floyd. Der Beamte rückt seine Mütze zurecht.
„Wir suchen jemanden, Kindesentführung“, gibt er zurück und wirft einen Blick in den Kofferraum.
„Na, hoffentlich finden Sie den Kerl“, erwidert Floyd. Der Polizist antwortet, es handle sich um eine Familie, die illegal über die Grenze gekommen sei. Einer der Beamten geht zu Jay hin. Er sieht ihm eindringlich an, Jay stockt der Atem.
„He, Dave“, sagt der Polizist.
„Guck mal. Ist das nicht unser Mann?“
Der Polizist geht zu seinen Kollegen hin.
„Ich glaube, ja“, sagt er und bittet Jay um seinen Ausweis. Als Jay nicht reagiert, bittet der Polizist ihn erneut um seine Papiere, dieses Mal wird er deutlicher. Mit zitternden Händen händigt Jay ihm seinen Ausweis aus. Der Polizist wirft kurz einen Blick darauf, dann sieht er wieder zu Jay.
„Aussteigen“, sagt er. Jay steigt aus und wird sofort festgenommen. Auch Floyd legt man die Handschellen an. Als sie in den Polizeiwagen gebracht werden, denkt Jay: jetzt ist es aus. Und als er Floyd in die Augen sieht, weiß er, dass dieser dasselbe denkt.

Auf der Wache werden Jay und Floyd sofort in eine Zelle gebracht. Sie ist kalt und abweisend. Jay setzt sich auf die Pritsche und starrt an die Wand. Angst steigt in ihm auf, was passiert jetzt? Sind Martha und Linda in Sicherheit? Muss er nach Kanada zurück? Jay denkt an ihre Flucht, er denkt, an seine erste Begegnung mit Lewis. Die würde ich verdecken hatte er gesagt, als er die Waffe gesehen hatte, die aus Jays Jacke guckte. Jay ist neugierig gewesen, er wollte wissen, was das für ein Mann war. Martha hatte da mehr Bedenken gehabt. Seid ihr auf der Flucht?
„Woran denkst du?“, reißt Floyd ihn aus seinen Gedanken. Jay sieht ihn einfach nur an, dann erwidert er.
„An Ferien auf einer verdammten Insel.“
Die Sekunden werden zu Minuten, und die Minuten zu Stunden. Jay hört, wie Polizeibeamte auf dem Flur auf und ab laufen, er hört, wie jemand in eine Zelle gesteckt wird und manchmal kann er Gelächter und Gerede hören. Durch die Zellentür hört es sich dumpf an, leise, doch er kann die Beamten lachen und miteinander reden hören. Jay ist aufgestanden und läuft in seiner Zelle auf und ab, er fühlt sich nicht nur wie ein Gefangener, er kommt sich auch wie ein Dummkopf vor. Wie konnte er diesen Fehler begehen, zu glauben, es sei sicher, einfach so durch die Straßen zu fahren? Wie konnte Floyd das glauben? Jay ist wütend, sowohl auf sich selber, als auch auf ihn. Und was ist mit Lewis? Wird er in der Lage sein, ihn da herauszuholen? Würde er es wirklich tun? Lewis hatte ihn Instruktionen gegeben, was er tun sollte, doch Jay glaubt erst an seine Loyalität, wenn er es auch tatsächlich sieht. Er weiß nicht, weshalb er noch immer solche Vorbehalte Lewis gegenüber hat, doch er kann es nicht abstellen. Er fragt sich, was für einen Grund Lewis hätte, ihn zu befreien. Sein Kopf ist voller Fragen. Fragen, auf die er eine Antwort zu finden versucht. Er hofft dennoch, dass Lewis und seine Männer ihn herausholen, er hofft, dass es nicht bloß ein frommer Wunsch ist und er hofft auch, dass er seine Familie bald wiedersehen wird.

Der Raum ist klein, fast zu klein. Ein alter Ventilator surrt in der Ecke, dreht sich müde. Auf dem Tisch stehen halb geleerte Gläser und eine aufgeschlagene Zeitung.
Lewis sitzt im Sessel, die Ärmel hochgekrempelt. Die Stille ist fast greifbar.
Das Telefon an der Wand klingelt. Einmal.
Zweimal.
Laster, einer der Brüder, hebt ab. Kurze Worte, kaum hörbar. Dann ein Blick zu Lewis.
„Lewis … du musst das hören.“
Lewis steht langsam auf und nimmt den Hörer.
„Ja.“
Die Stimme am anderen Ende ist rau, hektisch.
„Sie haben sie. Jay. Und Floyd. Sie haben sie an der 12th Precinct erwischt.“
Lewis sagt nichts. Nur ein leises Knacken des Kabels, als er den Hörer fester greift.
„Wie lange?“
„Vor einer Stunde. Noch nichts in der Presse. Aber … das ändert sich.“
Ein kurzer Blick durchs Fenster. Draußen Sirenen, weit entfernt, kaum mehr als ein Echo in der feuchten Sommerluft.
„Halt dich bereit“, sagt Lewis knapp. Dann legt er auf.
Er geht nicht zurück in den Sessel, sondern bleibt stehen, starrt auf die Zeitung, als könnte er zwischen den Zeilen etwas lesen.
John tritt aus dem Nebenraum, noch halb verschlafen.
„Was ist los?“
„Jay. Floyd. Festgenommen.“
John blinzelt, sein Blick wird hart.
„Bullen?“
„Ja.“
„Und jetzt?“, fragt er.
„Ich rufe Richard an, er soll herausfinden, in welchem Gefängnis die zwei sind“, sagt er.
„Wann willst du aufbrechen?“
„Morgen früh.“
Lewis greift erneut nach dem Hörer und ruft Richard an.
„Ich glaube, ich muss einen Stundenlohn nehmen, so oft wie du mich um irgendwelche Gefallen bittest“, entgegnet Richard. Lewis lächelt.
„Ich mach’s wieder gut“, antwortet er und legt auf. Unterdessen ist John in Lewis’ Zimmer gegangen und packt seine Sachen.
„Wie spät ist es?“, fragt Lewis. Laster verschwindet in sein Zimmer und sieht auf seine Armbanduhr.
„Halb zehn“, entgegnet er. In diesen Augenblick kommt Dick ins Wohnzimmer. Was los sei, möchte er wissen. Lewis erzählt es ihm und geht in die Küche; dort nimmt er den letzten Kaffeefilter aus dem Schrank. Er legt ihn in die Kaffeemaschine und gibt das Kaffeepulver hinzu, dann füllt er Wasser in die Maschine und macht sie an. Während der Kaffee langsam in die Kanne läuft, geht Lewis zurück ins Wohnzimmer. Er fragt sich, weshalb man die zwei verhaftet hatte. War es eine Routinekontrolle? Wieso sollte die Polizei einen solchen Aufwand betreiben, jemanden wie Jay und seine Familie ausfindig zu machen? Lewis denkt kurz an ihre Flucht von Great Falls nach Havre. Sie haben an einem Ort Halt gemacht, der am Missouri River mündete. Er kann sich nicht vorstellen, dass dieser Mann von der Polizei gejagt wird, er kann sich auch nicht erklären, weshalb Martha und ihre Tochter gesucht werden. Sie schienen eine glückliche Familie zu sein, und Lewis weigert sich zu glauben, dass an dieser Behauptung irgendetwas dran sein könnte. Er weiß, dass da nichts dran ist. Lewis wirft einen Blick auf die Zeitung. Dick hatte sie gestern gekauft. Auf der Frontseite ist ein Bild zu sehen. Es zeigt Howard Steinberg, einen Politiker, der als nächster Gouverneur New Yorks kandidieren will. Lewis nimmt die Zeitung und setzt sich in den Sessel, er will nachsehen, ob irgendetwas neues drinsteht, was ihn oder den Zwischenfall im Hotel betrifft. Er stößt auf einen kurzen Artikel, dort heißt es, dass die gesuchten Täter noch immer auf freien Fuß seien und dass man nun noch stärker die Flughäfen, Highways und Fähren kontrolliere. Lewis wirft die Zeitung auf den Tisch zurück.
„Alles in Ordnung?“, fragt John und steckt sich eine Zigarette an. Lewis zeigt ihm die Zeitung.
„Nein.“
John zieht an seiner Zigarette und stößt den Rauch langsam aus.
„Wir müssen nicht den Highway nehmen“, sagt er.
„Wir können auch über die kleinen Straßen fahren. Es gibt bestimmt ein Paar Jungs, die uns weiterhelfen können, ich red mal mit Dick und Laster.“
„Gut“, erwidert Lewis und erhebt sich.

Am nächsten Morgen brechen sie auf, um sie herum sind noch immer vereinzelt Sirenen zu hören. Lewis fährt langsam und hält ständig nach Polizeiwagen Ausschau.
„Hast du mit den zwei Brüdern gesprochen?“, fragt Lewis.
„Ja“, antwortet John.
„Es gibt tatsächlich ein Paar Jungs, die Leuten wie uns helfen würden; es würde natürlich was kosten, doch dafür kämen wir dann hier raus. Diese Männer, von denen Dick und Laster sprachen, heißen Dave Evans, Cliff Barrow und irgendein Ted, oder Mad, ich weiß es nicht mehr genau. Sie haben eine Werft Nordwestlich von New Yorks. Früher haben sie da drin Alkohol geschmuggelt.“
Lewis fährt nach links.
„Haben sie auch gesagt, wo genau diese Werft ist?“
„Sie heißt Brooklyn Navy Yard. Diese Männer würden uns nach New York City bringen. Dort wird ein Wagen auf uns warten, der uns zu einer anderen Werft fährt. Auf diese Weise haben sie es auch während der Prohibition gemacht.“
John steckt sich eine Zigarette an und öffnet das Fenster.
„Hast du mit Richard gesprochen?“, fragt er.
„Ja, gestern Nacht. Jay und Floyd sind in der Town Hall Police Station“, erwidert Lewis.
Auf dem Weg zur Werft, überlegt Lewis, wie man die zwei befreien könnte. Erneut denkt er an die Rast am Missouri River. Aus irgendeinem Grund hat diese Situation eine ganz besondere Bedeutung für ihn. Oder ist es vielleicht die Tatsache, dass er dieser Familie begegnete? Oder Martha? Er hatte sich sehr oft mit ihr unterhalten und das Gefühl gehabt, er könnte ihr alles erzählen. Sie hörte zu, sie verurteilte ihn nicht für das, was er getan hatte. Vielleicht verkörpert sie für Lewis alles, was er in einem anderen Leben einst besessen hatte. Vielleicht verkörpert sie sogar die Normalität, die er in seinem Leben so sehr vermisst.
„Alles in Ordnung?“
Lewis schreckt hoch. Erst jetzt fällt ihm auf, dass die Ampel, an der sie angehalten haben, auf Grün gesprungen ist.
„Ja“, entgegnet er und fährt weiter.
„Bist du sicher?“
Lewis fragt sich, ob er noch immer der einzige ist, der dieses Leben satt hat. Vielleicht ist auch John müde und will es nur nicht zugeben. Noch vor ein paar Jahren hätte er sich einen feuchten Mist darum geschert, wie es Lewis geht.
„Ja“, wiederholt er. Sie kommen an eine Kreuzung, von dort aus fahren sie in eine weitere Straße und dann wieder in eine. Es scheint endlos lange zu dauern und Lewis muss zweimal wenden, da er sie verfahren hat. Doch schließlich gelangen sie an ihr Ziel. Lewis fragt nach einem Cliff Barrow.
„Dort drüben“, sagt der Mann und deutet auf einen älteren Herren.
„Wer will das wissen?“
Lewis stellt sich vor und erzählt, woher sie kommen und wie sie nach New York kamen. Der Mann, er ist in etwa im selben Alter wie Cliff, kratzt sich am Kopf.
„Nun ja, ich bin Mad. Ich habe von dieser Geschichte gehört, mich überrascht es, dass ihr so gut durchgekommen seid.“
Lewis ist eigentlich nicht nach Plaudern zumute. Mad bemerkt es und lässt ihn passieren. Als sie aussteigen, werden sie in ein kleines Büro geführt. Drinnen sitzt ein weiterer Mann, Dave Evans. Er kümmert sich um das geschäftliche und fragt sie auch gleich, ob sie genug Geld dabeihaben. Lewis holt seine letzten zweihundert Dollar aus der Jacke, John steuert auch noch was bei. Dave erklärt ihnen, die Überfahrt nach New York City würde genau zweihundert kosten und fragt, ob sie Geld für den Fahrer hätten, der am Anlegeplatz auf sie warten werde.
„Ich hab noch was“, sagt Phil und zieht einen Bündel Dollarscheine aus seiner Jacke.
„Gut, ich kläre das“, entgegnet Dave und nimmt die zweihundert Dollar entgegen.
„In der Zwischenzeit könnt ihr hier warten, wir haben noch ein bisschen Kaffee und etwas zu essen, falls ihr hungrig seid.“
Lewis lehnt dankend ab und geht stattdessen ans Telefon, er ruft einen Kontaktmann aus Chicago an und bittet ihn, sich darum zu kümmern, dass Jay und Floyd freikommen; dann verlässt er das Büro. Noch immer sind Sirenen zu hören. Drinnen ist es schön ruhig gewesen, doch jetzt, als er auf dem Weg nach draußen ist, wird das vereinzelte Gehäuse lauter. Es ist nicht jede Minute etwas zu hören, auch nicht alle fünf oder zehn Minuten, dennoch hat Lewis das Gefühl, als würden die Sirenen endlos durch die Straßen heulen. Gleich haben sie uns denkt er, als erneut eine Sirene aufheult. Gleich kommt eine Armee aus Polizeiwagen mit Blaulicht angefahren. Doch es kommen keine Polizeiautos.
Lewis kommt es vor, als stünde er seit einer Ewigkeit hier draußen. Der Wind weht ihm ins Gesicht. Und wieder denkt er an jenen Tag, an dem er mit Martha, Jay und Linda unterwegs war, doch dieses Mal erzählt er aus seiner Vergangenheit. Er hatte ihnen seine Geschichte anvertraut. Er hatte sie tief in seine Seele blicken lassen und es fühlte sich gut an. Ja, er liebt den Einfluss, doch ein ganz normales Leben ist das, wonach er sich am allermeisten sehnt.
Irgendwann kommt das Schiff. Lewis seufzt und geht wieder in das Büro.
„Es ist soweit“, sagt er. John und die anderen erheben sich. Sie verabschieden sich von Dave und treten ins Freie. Als das Schiff anlegt, steigen sie ein. Es wird sie erst nach New York City bringen und von dort aus ist es noch ein weiter Weg bis nach Chicago.

Clay lebt seit zehn Jahren in einem alten, verlassenen Haus. Früher hatte er ein Drogen- und Alkoholproblem, doch das hat er bereits überwunden. Er ist ungefähr dreißig und obwohl er jetzt so etwas wie eine Bleibe hat, ist die Straße noch immer sein Zuhause. Dort vertreibt er sich die Zeit, und wenn er nicht gerade mit seinen Freunden unterwegs ist, von denen ein paar ebenfalls entweder trocken oder drogenfrei sind, verdient er sich ein paar lausige Dollar in einer Bar. Wenn Alle Gäste fort sind, bleibt er und macht den Boden sauber. Eigentlich müsste er für diese Arbeit mehr Geld bekommen, doch er beschwert sich nicht. Jede Nacht nach getaner Arbeit, geht er zurück in das Haus, das über die Jahre vielen Obdachlosen als Zuflucht gedient hat. Eines Nachts begegnete er Martha und Linda. Sie hatten sich in einen Hauseingang zurückgezogen und hatten furchtbare Angst, erwischt zu werden. Erst war die junge Frau dem Mann gegenüber skeptisch, der ihr spontan seine Hilfe anbot, doch er erwies sich als freundlich und hilfsbereit, und so folgte sie ihm in das Haus. Nun lebt Martha bereits mehrere Wochen mit ihrer Tochter bei Clay. Er hat für sie sogar zwei Matratzen auftreiben können.
Tagsüber halten sie sich drinnen auf. Clay besitzt, neben seiner eigenen Matratze, auch einen Campingkocher und eine kleine Campinglampe. Früh am Morgen bricht Clay zu seiner Arbeit auf, um sich „seinen Sklavenlohn abzuholen“. Warum er nicht mehr verlangt, hat Martha ihn mal gefragt. Clay erwiderte daraufhin, dass Typen wie er nichts zu sagen hätten, außerdem sei sein Boss nicht der Mensch, mit dem man verhandeln könne.

Martha hätte nicht gedacht, dass sie sich irgendwann mal in einer solchen Lage befinden würden. Sie, Jay und Linda haben zwar nie ein anständiges Haus besessen, doch dieser Unterschlupf hier ist noch heruntergekommener, als es ihr Zuhause in Kanada je hätte sein können.
„Ich lebe schon seit zehn Jahren hier“, versucht Clay, sie zu beruhigen.
„Man gewöhnt sich dran.“
Martha sitzt ihm gegenüber. Da es keine Stühle gibt, sitzen sie auf ihren Matratzen.
„Wir haben in Kanada auch nicht viel besser gelebt. Wenn es sehr gestürmt oder geregnet hat, hat man drinnen das Unwetter mitbekommen“, erwidert Martha. Clay lächelt. Martha hatte ihm bereits nach der zweiten Woche erzählt, wo sie herkommt und was sie in die Staaten getrieben hat. Sie vermutet, dass Clay ihr nicht alles geglaubt hat. Es ist früh am Nachmittag und Martha und Clay sitzen bereits seit ungefähr einer Stunde beisammen. Clay hat ihr erzählt, wie er in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und wie er immer davon träumte, im Leben etwas zu erreichen.
„Manchmal kommt es nicht immer wie gehofft“, sagt Martha. Clay grinst.
„Stimmt“, antwortet er. Martha sieht zu dem Campingkocher rüber. Er steht auf einer kleinen Holzkiste, daneben steht die kleine Lampe.
„Die Sachen hat mir jemand geschenkt. Eine Frau, die ich während meiner Dogen- und Alkoholzeit kannte. Sie gab sie mir, weil sie sie nicht mehr brauchte, sagte sie. Einen Tag später war sie tot.“
Linda ist aufgestanden und betrachtet die Campinglampe.
„Komm her, bring die Lampe ruhig mit“, sagt Martha. Linda läuft zu ihr hin und Martha demonstriert ihr, wie sie angeht.
„Das ist kein Ort für sie“, sagt Clay. Martha lächelt.
„Sagt der junge Mann, der als … zwanzigjähriger …?“
„Fast. Als Siebzehnjähriger. Vorher habe ich ganz klassisch auf der Straße gelebt.“
Linda schaltet die Lampe ein und beginnt, mit ihr herumzuspielen. Sie richtet den Lichtkegel an die Wand, dann leuchtet sie Clay an. Dieser blinzelt, als Linda den Lichtstrahl auf seine Augen richtet.
„Nicht in die Augen“, sagt Martha. Linda nimmt die Lampe herunter.
„Bist du hungrig?“, fragt Clay auf einmal. Martha bejaht und Clay erwidert, er habe ein wenig Geld zusammengespart.
„Es ist nicht viel, aber ich frage die anderen, ob sie mir etwas dazugeben können.“
„Werden die es tun?“
Clay erhebt sich.
„Hier helfen wir uns alle gegenseitig. Wir werfen alle zusammen und gehen etwas zu essen holen, so war es auch früher. Nur dass das Geld damals für Drogen und für Alkohol ausgegeben wurde“, sagt Clay. Sie verlassen das Stockwerk und gehen über eine einfache Steintreppe hinunter. Unten sind zwei weitere Männer, die Martha ebenfalls kennt. Wo die anderen seien, will Clay wissen. Einer der Männer, Janosch, antwortet, sie seien etwas zu essen kaufen.
„Ich wollte gerade fragen, ob wir zusammenlegen sollen“, sagt Clay. Janosch will gerade etwas erwidern, als sich vier Männer zu ihnen gesellen. Martha kennt auch sie. Es sind Freunde von Clay, die er während seiner Zeit auf der Straße kennenlernte.
„Was habt ihr?“, fragt der Mann, der neben Janosch steht, Frank.
„Etwas Gemüse und ein paar Kartoffeln“, entgegnet einer der Männer.
„Ich denke, damit können wir etwas anfangen“, sagt Clay und sie gehen nach oben. Dort holt er einen alten Zinnbecher und ein einfaches Taschenmesser hervor und beginnt, das Gemüse und die Kartoffeln zu schneiden. Martha weiß bereits, dass hier nicht sehr anspruchsvoll gekocht wird, doch sie hat Hunger. Auch Linda knurrt der Magen und so geben sie sich mit dem zufrieden, was sie haben. Einer der Männer holt einen Salz- und einen Pfefferstreuer aus seiner Jackentasche. Er hat die Streuer von einem Tisch in einem Restaurant mitgenommen.
„Hier“, sagt er zu Clay.
„Kann man immer gebrauchen.“
Clay bedankt sich und holt aus einer Ecke eine Flasche, die voll mit Regenwasser ist. Er gibt das Wasser in den Zinnbecher und macht den Campingkocher an, dann gibt er das Salz hinzu.
„Tja, wir werden wohl mehrere Male kochen müssen“, sagt er. Janosch erhebt sich, und ein weiterer Mann, mit dem sich Linda gut versteht. Auch Martha hat ihn gerne. Er nennt sich „Big dad“ und ist jenseits der sechzig.
„Esst ihr alleine, wir müssen los“, sagt er. Nach dem Essen sitzen sie alle beisammen und reden. Obwohl Martha schon eine Zeit lang bei den Männern lebt, kannte sie noch nicht die Geschichte von allen. Sie sind sich vor ungefähr zehn Jahren begegnet. Damals lebten sie noch an einem Ort, der unter Obdachlosen sehr bekannt war, da man dort sehr leicht und günstig an Drogen kam.
„Vermisst du dein Zuhause?“, fragt Clay mit einem Mal. Martha sieht zu Linda, die in einer Ecke sitzt und sie aus der Ferne beobachtet.
„Ja und nein“, erwidert sie.
„Es gibt dort einen Fluss, an dem meine Tochter immer gerne gespielt hat, und manchmal war ich auch dort. Mir fehlt die Stille und die Abgeschiedenheit.“
Dann verfallen sie in ein Schweigen. Martha denkt an die Abende, an denen sie mit ihren Mann gestritten hat, sie haben sich damals oft gestritten. Sie denkt an Paul und an ihre Flucht in dessen alten Pick-Up. Sie muss daran denken, wie sie Lewis begegneten. Und sie denkt daran, wie sie gemeinsam getanzt haben.
„Nein, eigentlich vermisse ich gar nichts“, lügt Martha und denkt erneut an ihn. Dann erhebt sie sich und geht nach unten. Sie beobachtet die Autos, die an ihr vorbeifahren.
„Alles in Ordnung?“
Martha fährt herum. Clay hat sich neben sie gestellt und folgt ihren Blick.
„Mir geht es gut.“
„Sicher?“
Martha sieht ihm an.
„Ja, sicher.“
Doch sie weiß, dass es nicht stimmt.

Drei Tage später betritt ein Mann die kleine Chicagoer Polizeistation. Es riecht nach nassem Mantel und Zigarrenrauch. Ein junger Sergeant sitzt hinter einem abgegriffenen Schreibtisch, er hat einen Notizblock vor sich liegen; ab und zu schreibt er was rein, denkt nach und schreibt erneut etwas hinein. Der Mann kommt auf den Sergeant zu.
„Guten Abend“, sagt er freundlich.
„Ich bin hier für die Fälle Shirley und Jenkins - Ich habe eine Vollmacht. Ich würde die Herren kurz sehen wollen.“
Der Sergeant sieht zu dem Mann auf.
„Sind Sie Anwalt? Können Sie sich ausweisen?“
Der Anwalt legt eine Bar-Card auf den Tisch. Dann raunt er den Beamten zu:
„Hören Sie - es gibt Dinge, die man schneller regeln kann, wenn keiner fragt. Ein kleiner Gefallen. Nur damit das alles nicht größer wird als nötig.“
Der Sergeant schaut auf, der Anflug eines Lächelns huscht über sein Gesicht; doch es wirkt nicht ganz echt.
„Sie wissen, das ist nicht sauber. Je nachdem, wie ich das sehe, rufe ich die Boys oben an oder ich verrate nichts“, sagt er. Der Anwalt sieht auf den Notizblock des Beamten.
„Was ist das?“, fragt er.
„Ist noch nicht fertig“, antwortet der Sergeant. Und nach einer Weile fügt er hinzu:
„In Ordnung.“
„Ihre Diskretion bleibt unter uns“, entgegnet der Anwalt.
„Ich will keinen Ärger - nur Zeit für eine vernünftige Übergabe. Sie sind ein Mann, der darüber nachdenken kann.“
Dann schiebt der Anwalt dem Beamten einen prall gefüllten Umschlag rüber, der Sergeant lässt ihn in der Schublade verschwinden.
„Eine Stunde. Und Sie verschwinden dann. Kein Aufsehen.“
Der Anwalt nickt und betritt die Arrestzelle. Floyd sieht den Mann an, der in seinem schwarzen Anzug und mit Krawatte in der Zelle steht.
„Wer hat sich denn da so fein für uns herausgeputzt?“, fragt er. Der Anwalt setzt sich neben ihm auf die Pritsche.
„Ich bin Frank Timmons, ich bin Anwalt. Doch heute bin ich nicht beruflich hier; Lewis Ricocello hat mich aus New York City angerufen, er hat wohl durch irgendjemanden im Gangstermilieu von mir erfahren.“
Floyd sieht zu Jay. Dieser scheint auch nicht recht zu wissen, was er sagen soll.
„Wollen Sie uns vertreten?“, fragt Floyd. Der Anwalt erhebt sich wieder. Nach einer kurzen Pause sagt er:
„Ja, Mister Ricocello hat mir gesagt, weshalb Sie hier sind. Ich finde, wir sollten Zeit gewinnen, bis er wieder hier ist. Denken Sie nicht auch?“
Jay wird hellhörig. Kann es wirklich sein, dass Lewis diesen Mann engagiert hat, um ihnen zu helfen?
„Wie wollen Sie das anstellen?“, fragt er.
„Ich werde jeden legalen Weg nutzen, den es gibt, um das ganze hinauszuzögern. Zuallererst werde ich fordern, dass man Sie vor ein Gericht stellt. Mister Ricocello sagte mir, weshalb Sie hier sind, und haben Sie bitte keine Angst wegen möglicher Konsequenzen, die Kollegen da draußen werden eine ganze Weile mit mir beschäftigt sein.“
Floyd bedankt sich, auch Jay ist froh, dass sich endlich etwas zu tun scheint, auch wenn er es niemals für möglich gehalten hat. Der Anwalt geht zu dem Beamten zurück und fragt, ob er die Akten einsehen könnte.
„Moment mal, das war nicht Teil der Abmachung“, sagt der Sergeant. Der Anwalt tritt näher an ihm heran.
„Ich kenne Leute, die Ihnen eine Menge Ärger machen können. Sie wollen nicht kooperieren? Das ist nicht Teil des Deals? Na schön. Aber wenn ich jetzt hier herumspaziere, reicht ein Anruf und Sie haben ein richtiges Problem.“
Der Beamte schluckt, hastig geht er zu einem Schrank und sucht die Personalakte, den Haftbefehl, den Bericht, den Tatvorwurf und die anderen Papiere heraus. Der Anwalt ließt sich die Akten kurz durch.
„Wie lang halten Sie die beiden jetzt schon hier fest?“, fragt er.
„Ich … weiß nicht. Ich bin nur ein Schreibtisch-Bulle“, erwidert der Sergeant. Der Anwalt blickt erneut in die Akte.
„Wir warten auf das FBI“, fügt der Sergeant hinzu. In diesen Augenblick erscheint ein weiterer Beamte. Er sieht den Mann, der sich die Akten durchließt, misstrauisch an.
„Wer sind Sie“, fragt er. Der Sergeant erklärt seinen Kollegen, er sei Anwalt.
„Ein Anwalt, hm?“
Ja, ich vertrete Shirley und Jenkins. Wollen Sie etwa auch, das ich mich ausweise?“, fragt Timmons. Der Beamte sieht den Sergeant an.
„Nicht nötig, ich denke, mein Kollege hat sie bereits darum gekümmert.“
Timmons legt die Akte auf den Schreibtisch zurück und sagt fast Beiläufig:
„Ich möchte, dass meine Mandanten einen fairen Gerichtsprozess bekommen. Also fordere ich Sie hiermit auf, dafür zu sorgen, dass sie vor ein Gericht gestellt werden und ihr Fall dort verhandelt wird.“
Der Sergeant nimmt das Diensttagebuch und schreibt mit einem Bleistift etwas hinein, dann unterschreibt er..
„Ich kümmere mich drum“, sagt er. Timmons bedankt sich und verlässt die Polizeistation. Sein Wagen steht nicht weit vom Eingang entfernt, Timmons erreicht ihn und steigt ein. Mister Ricocello sagte ihm, es werde noch ein wenig dauern, bis er in Chicago ankommen würde und Timmons hatte ihm versprochen, die Sache solange hinauszuzögern, bis er und seine Leute eintreffen.
Wie es der Zufall will, ist kein Richter verfügbar und der Prozess muss auf den kommenden Montag verschoben werden. Dieses Zeitfenster nutzt Timmons, um zu überlegen, wie er vorgehen möchte. Sollte es tatsächlich zum Prozess kommen, würde dies bedeuten, dass es sehr schwer werden wird, Jay und Floyd zur Flucht zu verhelfen.

Von New York aus fahren Lewis und seine Leute über den Pier 19 nach Jersey City. Sie nehmen die erste Fähre nach Manhattan und erreichen die Penn Station. Von dort aus nehmen sie den PRR „Broadway Limited“ und erreichen schließlich Chicago. Dort erfahren sie, dass George und seine Männer geflohen seien.
„Nachdem das FBI dem Casino einen Besuch abgestattet hat, befürchteten George und seine Leute, dass die Bullen nun auf sie aufmerksam werden würden“, sagt ihnen jemand.
„Außerdem hat man bei den Bullen ganz schön aufgeräumt, man fand heraus, dass einige korrupt waren; gegen sie laufen wohl Ermittlungen und man hat sie vorläufig vom Dienst suspendiert.“
Doch wo genau sich die Chicagoer Bande aufhält, kann der Mann nicht sagen, er vermutet aber, sie könnten bei einer der anderen großen Gangsterorganisationen Unterschlupf gefunden haben. Lewis und die anderen checken in einem billigen Motel ein. Es ist nicht besonders komfortabel, aber immerhin können sie es sich von den paar Dollar, die ihnen noch bleiben, leisten. Dort überlegen sie, wie es weitergehen soll.

Über die ganze Zeit, in der sie bei George und seinen Leuten waren, haben sie nicht nur viel von dem mitbekommen, was sich im Casino abspielte, sie haben auch erfahren, in welchen Gegenden von Chicago welche Gangsterorganisationen was kontrollieren, und obwohl George und seine Männer nichts mit ihnen zu tun hatten, wussten sie trotzdem Bescheid. Eine dieser Gangsterbanden befindet sich nur einen Distrikt von ihnen entfernt. Lewis weiß, dass er nicht einfach bei ihnen an die Tür klopfen kann, er weiß aber auch, dass sein Name in der Unterwelt ziemlich bekannt ist. Zuerst jedoch muss er herausfinden, wo genau sich die Bande befindet. Er ruft den Anwalt an, dessen Nummer er in New York City bekommen hat, und sagt, dass er ein paar Jungs suche, die ein Casino in Chicago gehabt hätten. Der Anwalt erwidert daraufhin, er kenne die Männer, da er einige von ihnen vor Gericht vertreten hat, und verspricht, sich bei Lewis zu melden, falls er neue Informationen habe. In der Zwischenzeit ruft Lewis seine Kontaktleute an und bittet sie, nach Martha und Linda zu suchen. Zweieinhalb Stunden später erhält er eine Antwort. Man habe sie zuletzt in Crest Hill gesehen.
Unterdessen sind Agenten des FBI Chicago eingetroffen. Sie lassen sich die Protokolle von Jays Festnahme aushändigen und ihm werden seine Rechte vorgelesen. Jay hofft insgeheim, dass der Anwalt, wer er auch immer sein mag, in der Lage ist, ihn und Floyd da herauszuholen.
„Haben Sie Ihre Rechte verstanden?“, fragt der FBI-Agent.
„Ja“, antwortet Jay und fragt, was aus Floyd wird. Der FBI-Agent erwidert, es wäre nun Sache der Polizei, und führt Jay ab. Dann bringt man ihn in das FBI-Gebäude, in dem er sofort verhört wird.
„Wo ist das Kind?“, fragt einer der FBI-Agents.
„Ich weiß es nicht“, antwortet Jay. Der Beamte seufzt.
„Und wo die Mutter ist, wissen Sie auch nicht, nehme ich an.“
„Nein, wirklich nicht. Das müssen Sie mir glauben.“
Jay stützt den Kopf in die Hände. Er ist den Tränen nahe, schafft es aber, sich zusammenzureißen.
„Hat Ihnen irgendjemand bei der Flucht geholfen?“, fragt der Mann. Jay verneint.
„Wir haben den Pick-Up gefunden, mit dem Sie über die Grenze gekommen sind. Es ist nicht Ihrer“, sagt der andere Beamte. Jay stockt der Atem.
„Wer hat Ihnen geholfen?“
„In dem Reservat, in dem Sie und Ihre Frau gelebt haben, gibt es nur einen einzigen Menschen, der einen solchen Pick-Up fährt. Das wissen wir von unseren Kollegen in Kanada“, fügt der andere Beamte hinzu.
„Man hat auch ihm befragt, er war ebenso stur wie Sie.“
„Was passiert jetzt?“, fragt Jay. Die Beamten erheben sich.
„Wir stehen im ständigen Austausch mit den Kollegen in Kanada. Wenn es nach ihnen geht, wären Sie schon längst wieder dort“, sagt einer der Agents und verlässt den Verhörraum. Doch der andere dreht sich noch einmal zu Jay um.
„Die Polizei hat den Pick-Up vor dem Flying Bird gefunden. Ein paar Kollegen haben uns freundlicherweise erzählt, wen dieses Lokal gehört. Sieht aus, als wären Sie nicht nur illegal über die Grenze gekommen, Sie haben auch noch Zuflucht bei Verbrechern gefunden.“
Mit diesen Worten verlässt der Beamte den Verhörraum.

Doch nicht nur Jay gerät ins Visier der Fahnder, auch der Anwalt kommt den Ermittlern verdächtig vor. Der Polizeibeamte, der zufälligerweise mitbekommen hatte, wie der Mann die Akten eingesehen hatte, hatte bei seinen Kollegen Alarm geschlagen. Man fand zwar schnell heraus, dass Timmons tatsächlich Anwalt ist, doch es stellt sich den Beamten die Frage, wer ihn engagiert hat. Timmons ist dafür bekannt, die berüchtigten Verbrecher Chicagos zu vertreten und da man keine anderen Anhaltspunkte hatte, konzentrierte man sich darauf, im Gangstermilieu nach Hinweisen zu suchen. Es dauert auch nicht lange, bis der Verdacht aufkam, dass der junge, aufstrebende Gangsterboss Lewis Ricocello etwas damit zu tun haben könnte. Als man schließlich den Sergeant befragte und bei ihm Geld gefunden wurde, erhärtete sich der Verdacht, dass Timmons von Gangstern engagiert worden ist. Dieser dementierte natürlich die Vorwürfe, doch am Ende musste sich Timmons eingestehen, dass es nicht mehr viel brachte. Er handelte mit den ermittelnden Beamten einen Deal aus: Timmons packte alles aus, im Gegenzug wurde sein Strafmaß auf nur wenige Jahre mit Bewährung gesenkt.

Die Polizei weitet nun die Suche nach Martha und Linda aus. Im Fokus stehen Kirchen, indigene Gemeinschaften und Organisationen. Auch im letzten bekannten Aufenthaltsort der zwei, Crest Hill, fahren jetzt verstärkt Polizeiwagen. Nach und nach tauchen an Laternen und Wänden neue Steckbriefe auf: Child believed to be in the custody of the mother.
Eineinhalb Wochen sind vergangen, seit Lewis den Anwalt kontaktiert hat, und noch immer wartet er auf eine Antwort. In den Zeitungen steht, es werde vermutet, ein Anwalt aus Chicago sei in den Fall verwickelt. Lewis ahnt, dass es jetzt eng wird. Wenn er George und seine Leute finden möchte, wird er wohl auf den Anwalt verzichten müssen. Doch dann klingelt das Telefon im Hotelzimmer. Die Männer, die Lewis sucht, haben tatsächlich bei der Bande einen Unterschlupf gefunden. Sie besitzen eine Spielhalle und kontrollieren beinahe die komplette Unterwelt Chicagos; auch sie liefern sich mit Joes Leuten einen erbitterten Konkurrenzkampf. Timmons hat mit den Männern für viertel vor elf ein Treffen in einer Bar arrangiert und ausgemacht, dass Lewis alleine kommt. Als Lewis zu der genannten Uhrzeit in der Bar erscheint, waren die Männer bereits auf ihn. Lewis’ Leute sind zur Sicherheit mitgekommen. Sie warten in einer Seitenstraße und sind bereit, notfalls einzugreifen. Drinnen kommt einer der Männer auf Lewis zu. Er trägt ebenfalls einen teuren Anzug, ist aber mindestens zehn Jahre älter als Lewis.
„Schön, dass Sie gekommen sind“, sagt er und streckt Lewis die Hand entgegen.
„Ich freue mich über die Einladung“, erwidert Lewis und greift nach der ausgestreckten Hand. Georg sitzt derweil mit den anderen Männern an einem der Tische und beobachtet Lewis. Dieser fragt sein Gegenüber, wie er heiße.
„Ah ja, richtig. Wo sind meine Manieren? Ich bin Alfred Taylor. Mir und meinen Leuten gehört hier ein Großteil. Wie ich hörte, kennen Sie ein paar der Männer, die dort hinten an den Tisch sitzen?“
Der Mann zeigt auf den Tisch, der sich ganz hinten in der Bar befindet. Lewis bejaht und sie gehen gemeinsam zu den anderen.
„Lewis, du alter Gauner“, wird er von George begrüßt.
„Was machst du denn hier?“
Lewis erzählt kurz, was in der letzten Zeit alles geschehen ist. Er erzählt auch, dass er vorhabe, Martha, Linda und Jay zu finden.
„Das wird nicht einfach“, entgegnet Tom. Lewis gesteht auch, dass ihm und seinen Leuten beinahe das gesamte Geld ausgegangen sei.
„Willst du dir etwas leihen?“
„Ich wäre bereit, als Gegenleistung für euch zu arbeiten“, erwidert Lewis. Alfred bestellt ihm ein Bier.
„Ich mache einen von uns nicht gerne Vorschriften, am allerwenigsten, wenn sein Name überall bekannt ist, doch du weißt, dass, wenn du Geld von uns nimmst, du dann uns gehörst“, sagt er. Lewis trinkt einen Schluck von seinem Bier.
„Ja.“
„Würdest du dich uns anschließen?“
„Ja.“
Lewis sieht in die Runde. Luke, der deutlich jüngere unter den Männern, prostet ihm zu. Mike und Earl sehen zu Alfred. Dieser lächelt und schiebt Lewis ein paar Dollarscheine zu. Dieser nutzt das Schweigen und erkundigt sich nach der Türsteherin, die bei ihnen im Casino war.
„Ich weiß nicht, wo sie ist“, entgegnet Tom.
„Sie ist schon immer eine Einzelgängerin gewesen.“
Dann verfallen sie in ein erneutes Schweigen. Mit einem Mal fragt Alfred:
„Brauchst du mehr?“
Er legt weitere Scheine auf den Tisch. Lewis blickt sich verstohlen um und steckt das Geld ein. Erst jetzt erhebt er sein Glas. Doch Lewis ahnt, dass es das noch nicht gewesen ist.
„Uns gehört halb Chicago, doch wir haben es bisher nicht geschafft, anderswo Fuß zu fassen. Wenn du uns einen Zugang zu deinen Kontakten geben würdest, wäre das sehr viel Wert für uns“, sagt Alfred, als hätte er Lewis’ Zweifel geahnt. Doch dieser weiß, dass er eine gewisse Stellung behalten muss.
„Wenn ich euch Namen nenne, will ich nicht nur mitspielen. Wir könnten gemeinsam weitergehen; du, George, Luke, Earl, Mike, ich und die ganzen anderen Jungs. Klingt das gut?“
Alfred willigt ohne zu zögern ein. Er schätzt Lewis’ Zielstrebigkeit und die Art, wie er Dinge angeht. Doch es ist allgemein bekannt, dass Lewis nicht mehr der ist, der er einst gewesen ist. Nichtsdestotrotz scheint Alfred ihn zu mögen. Lewis vermutet, dass es vielleicht daran liegt, dass er auch dafür bekannt ist, Dinge bis zum bitteren Ende durchzuziehen.
„Wie ich dich kenne, wirst du nicht alle Namen auf einmal verraten“, sagt Alfred. Lewis trinkt einen weiteren Schluck von seinem Bier.
„Stimmt.“
Lewis erhebt sich und nennt den Männern das Motel, in dem er und seine Leute eingecheckt haben und sagt ihnen auch, unter welchem Namen er dort zu finden sei.
„Aber kommt nicht alle zusammen, nur einer. Das ist unauffälliger“, fügt er hinzu und bezahlt das Bier, dann verlässt er die Bar. Eigentlich hatte Lewis nicht vor, sich auf irgendwelche neue Verhandlungen einzulassen, doch er weiß, dass das zum Geschäft gehört. Wenn die Männer tatsächlich kommen sollten, würde Lewis ihnen sagen, wo seine Kontakte sind und welche Bereiche sie abdecken.

Unterdessen wird Jay weiter verhört. Man droht ihm mit Auslieferung und langen Haftstrafen, sollte er sich weigern, mit den Behörden zu kooperieren. Jay sagt immer wieder, er wisse nicht, wo seine Familie ist, selbst wenn sie ihn morgen nach Kanada abschieben würden. Schließlich kann er die Beamten davon überzeugen, dass er tatsächlich nichts weiß und wird, unter der Auflage, sich an jeden zweiten Tag bei den Behörden zu melden, vorläufig aus dem Gewahrsam entlassen. In der Zwischenzeit gleichen die Beamten Jays Fingerabdrücke mit den Dokumenten ab, die sie aus Kanada erhalten haben. Sie prüfen, mit wen Jay in letzter Zeit wie in Kontakt gestanden hat und überprüfen die Aussagen, die Jay den Beamten gegenüber gemacht hatte. Man bittet sogar die Kanadischen Behörden um weitere relevante Akten. Gleichzeitig wird auch in Kanada ermittelt, Beamte der Royal Canadian Mounted Police befragen Nonnen und Priester der Kamloops Indian Residential School und Personen, die zuletzt in Kontakt mit der Familie gestanden haben.

Die Organisation St. Vincent De Paul betreibt in der Halsted St. ehrenamtlich eine Suppenküche. Jeden Tag fährt Jay von der Jackson Station aus dorthin, um eine wahre Mahlzeit zu sich zu nehmen. Den Tipp hat er von einem Obdachlosen bekommen, der ebenfalls von dieser Bahnstation aus dorthin fährt. Nachts schläft Jay in der Jackson Station oder läuft durch die Straßen. Doch wenn ihn die Verzweiflung überkommt, trifft er sich mit einigen anderen Obdachlosen im Park. Und manchmal lassen sie eine Flasche billigen Schnaps herumgehen; es kommt nicht oft vor, doch für Jay ist jedes Mal einmal zu viel und er sehnt sich danach, endlich wieder mit seiner Familie vereint zu sein.
An seinen „freien Tagen“, an denen er nicht zum Gebäude des FBI muss, erkundet Jay die Gegend. Er läuft nicht sehr weit, doch weit genug, um einiges von der Stadt mitzubekommen. Dieses Mal läuft er ein bisschen weiter als sonst. Er hat sich bereits mit einem Großteil der Gegend hier vertraut gemacht, und möchte jetzt mehr sehen. Er kommt an eine Kreuzung und biegt nach rechts. Am Ende der Straße sieht er ein Lokal, doch beim genauen Hinsehen fällt Jay auf, dass es sich offenbar um einen Nachtclub handelt. Er hat noch geschlossen, doch Jay ist es leid, immer wieder dasselbe zu tun und zu sehen, und so beschließt er, am Abend noch einmal wiederzukommen.
Der Nachtclub hat von sieben bis drei Uhr morgens geöffnet. Als Jay um viertel vor neun am Club ankommt, hat sich bereits vor dem Eingang eine lange Schlange gebildet. Von drinnen ist Musik zu hören. Vor dem Eingang steht eine VIP-Absperrung, Leute stehen auf der Straße und reden, andere kommen gerade am Club an oder verlassen ihn. Jay stellt sich hinten an, er hat keine Ahnung, was er hier eigentlich macht, zumal er sowieso kein Geld hat. Doch er sagt sich auch, dass ihm ein wenig Ablenkung guttut. Auf einmal wird es unruhig, irgendjemand verliert die Beherrschung und kurz darauf wird ein Mann hinausgeschmissen. Nach einer kurzen Diskussion mit dem Personal, das vor dem Eingang steht, verlässt der Unruhestifter den Club. Jay überlegt, worum es in diesem Streit wohl gegangen ist. Nicht, dass das wichtig wäre, doch er will auf andere Gedanken kommen. Aber seine Sorgen um seine Familie und um ihn selbst sind stärker. Irgendwo hat Jay einen Steckbrief gesehen: Child believed to be in the custody of the mother. Zu gerne hätte er gewusst, wo die zwei sind. Doch in Jays Sorge mischt sich auch Erleichterung. Erleichterung darüber, dass man noch immer nicht weiß, wo sich seine Frau und seine Tochter aufhalten.
„He, Mann. Wird das heute noch was?“, hört Jay eine Stimme hinter sich. Erst jetzt fällt ihm auf, dass die Leute vor ihm in der Schlange weitergegangen sind. Jay entschuldigt sich und geht ebenfalls weiter. Doch seine Gedanken kreisen weiterhin um seine Familie.
Am Eingang steht eine Frau. Als Jay endlich an der Reihe ist, kommt es ihm vor, als würde er die Frau kennen. Jay braucht ein wenig, doch dann fällt ihm ein, wo er sie schonmal gesehen hat. Das ist die Türsteherin aus dem Casino. Auch sie scheint Jay erkannt zu haben und spricht ihn an. Was er hier mache, fragt sie. Jay antwortet, dass es besser sei, sie würden sich an einem anderen Tag treffen. Sie vereinbaren, in drei Tagen in ruhe über alles zu reden und machen eine Bar als Treffpunkt aus.

Drei Tage später treffen sich Jay und Samantha in einer kleinen Bar, nahe der Jackson Station. Warum er alleine sei, will Samantha wissen. Jay erzählt ihr, was in der ganzen Zeit passiert ist.
„Wir haben uns nicht mehr gesehen seit … Ich weiß nicht“, sagt Jay und stützt den Kopf in seine Hand. Erneut ist er den Tränen nahe, doch anders als auf der Wache des FBI, kann er sie jetzt nicht mehr zurückhalten. Samantha berührt seine Schulter. Es ist eine flüchtige Berührung, beinahe schüchtern, doch sie gibt Jay das Gefühl, verstanden zu werden.
„Und die anderen?“, fragt sie.
„Keine Ahnung. Ich habe bis jetzt keinen von ihnen wiedergesehen“, antwortet Jay. Als der Barmann kommt, bestellt Samantha einen Bourbon.
„Trinkst du nichts?“
„Von welchem Geld denn?“
Samantha erwidert, sie möchte ihm ein Getränk spendieren und Jay bestellt einen Wein. Was er jetzt vorhabe, fragt Samantha.
„Ich muss meine Familie finden“, erwidert Jay. Samantha nippt an ihren Bourbon.
„Einer der Männer, ich glaube, es war George, hat gesagt, sie würden vielleicht versuchen, etwas neues zu finden. Soweit ich weiß, gibt es nur eine Gangsterbande in unmittelbarer Nähe des Casinos“, sagt sie. Dann fügt sie hinzu:
„Nicht in unmittelbarer Nähe, aber es ist die einzige im Umkreis. Vielleicht sind sie dort.“
„Aber ich kann hier nicht weg.“
Samantha antwortet, sie wolle Jay helfen.
„Wieso tust du das?“, fragt dieser.
„Weil ich weiß, wie es ist, sich alleine durchschlagen zu müssen. Ich war sehr früh auf mich allein gestellt und hatte niemanden, der mir in irgendeiner Form zur Seite stand. George und seine Jungs waren so etwas wie Familie für mich“, erwidert sie. Auf Jays Frage, wieso sie ihnen nicht gefolgt sei, schüttelt Samantha nur den Kopf. Nach einer Weile sagt sie:
„Ich halte es bei keinem lange aus. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, sie würden mir nicht fehlen.“
Jay trinkt seinen Wein aus und bestellt einen neuen.
„Wo bist du untergekommen?“, fragt Samantha. Jay starrt auf die Flaschen, die hinter der Theke im Regal stehen. Eigentlich sieht er nicht die Flaschen an, er möchte Samantha nur nicht in die Augen blicken.
„Nirgendwo. Ich schlafe in der Jackson Station“, sagt er nach einer Weile.
„Das ist hart.“
„Allerdings.“
In diesen Moment wechselt die Musik auf „Love Me Do“. Jay trinkt einen Schluck von seinem Wein und stützt den Kopf in die Hände, die Stimmung des Liedes passt überhaupt nicht zu dem, was er gerade empfindet.
„Oh, nein“, sagt er. Nicht weit von ihnen fangen ein paar Leute an, mitzusingen. Jay sieht sich um, es sind sechs Männer. Sie haben Biergläser auf den Tischen stehen und singen ausgelassen mit. Jay bittet Samantha darum, woanders hinzugehen.
„In Ordnung“, entgegnet sie und bezahlt. Draußen erklärt ihr Jay, ihm sei nicht nach Musik und Kneipenstimmung. Samantha kann es verstehen und fragt, ob er noch irgendwo hingehen wolle.
„Nein, ich gehe zurück zu meinem Schlafplatz“, sagt Jay. Samantha bietet ihm an, ihn ein wenig zu begleiten. Sie sagt, sie würde ihn gerne bei sich wohnen lassen, doch sie wohnt ein ganzes Stück weg von hier.
„Ich komme zurecht“, versichert ihr Jay. Samantha sieht ihn zweifelnd an.
„Wenn du willst, suche ich Lewis“, gibt sie zurück.
„Ich komme zurecht“, wiederholt Jay und hofft, dass Samantha nicht die Zweifel in seiner Stimme hört.

Zur selben Zeit treffen sich Lewis und Alfred im Motel. Lewis hat seine Leute angewiesen, sie in der Zeit, in der er mit Alfred redet, allein zu lassen. Es gibt viel zu bereden, unter anderem, Lewis’ Einstieg in seine Bande.
„Ich kann euch den Zugang zu meinen Kontaktleuten ermöglichen. Doch ich will, dass alles über mich läuft. Diese Männer vertrauen mir und sie werden nur mit mir reden“, sagt Lewis. Alfred geht an das Fenster, er sieht in die Nacht hinaus.
„Gut, alles läuft über dich.“
Und nach einer Weile fügt er hinzu:
„Als ich deinen Namen das erste Mal hörte, besaßen wir noch nicht einmal eine Spielhalle. Wir hatten einfach nicht die Mittel.“
„Aber es scheint euch jetzt gut zu gehen. Ihr seid doch nicht auf mich angewiesen“, sagt Lewis. Alfred dreht sich um und zieht eine Waffe, doch dann lässt er sie wieder sinken.
„Meine Männer sind der Ansicht, dass du zu einer Gefahr geworden bist. Erstens, weil du zu groß geworden bist, und zweitens, weil sie befürchten, du würdest dich irgendwann auf einen Deal mit den Bullen einlassen und alles auspacken, was du über die Unterwelt Chicagos weißt.“
„Warum sollte ich das tun?“
Alfred sieht auf die Waffe, die er noch immer in der Hand hält.
„Ich habe ihnen gesagt, dass wir mit dir zusammenarbeiten sollen. Ich sagte, du könntest ein mächtiger Verbündeter sein und dass wir durch dich einen Zugang außerhalb von Chicago bekommen könnten“, erwidert Alfred, anstatt zu antworten. Lewis geht einen Schritt auf ihn zu. Er zieht ebenfalls seine Waffe und richtet sie auf seinen Gegenüber.
„Hör zu, alter Mann. Ich sag das nur einmal: Wenn ihr wirklich unsere Kontakte wollt, dann regel ich das. Aber das funktioniert nur, wenn wir uns gegenseitig vertrauen. Kurz gesagt: richtest du noch einmal deine Waffe auf mich, wirst du dieses Zimmer nicht mehr lebend verlassen.“
Alfred steckt seine Waffe wieder ein.
„Ja, ich weiß. Ich habe dich immer wegen deines Mutes bewundert. Deine Zielstrebigkeit und deine Bereitschaft, Dinge zu tun, die dir eigentlich missfallen, haben dich dahin gebracht, wo du jetzt stehst, und niemand kommt an dich ran. Ich bin bereit, dir zu vertrauen.“
Lewis steckt seine Waffe ebenfalls wieder ein.
„In Ordnung, ich rede mit meinen Leuten“, sagt er.
Nachdem die zwei sich verabschiedet haben, ruft Lewis seine Leute zusammen. Er äußert ihnen gegenüber seine Bedenken, die Männer könnten ein doppeltes Spiel spielen. Er erzählt von seinem Gespräch mit Alfred und sagt, dass er das Gefühl habe, dass dieser ihm nur schmeicheln wolle, um ihn hinters Licht zu führen.
„Vielleicht sollten wir mit den Jungs aus dem ehemaligen Casino reden. Bestimmt wissen die mehr“, schlägt John vor. Doch Lewis ist skeptisch, immerhin gehören sie jetzt Alfreds Männern an. Was, wenn sie die Seiten gewechselt haben? In dieser Position, in der Lewis sich mittlerweile befindet, muss man immer auf der Hut sein. Mit einem Mal denkt Lewis an das, was er John in New York gesagt hatte. Er gestand ihm, er wäre müde, und er ist es auch jetzt noch. Lewis geht zu dem Fenster. Dann dreht er sich zu den anderen um.
„Nein“, sagt er.
„Wir machen gar nichts. Ich werde aussteigen.“
John, Niel und Phil sehen sich an.
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Lewis holt ein kleines Buch, in das er seine ganzen Kontakte reingeschrieben hat, und sagt John, er solle ihm einen Wagen besorgen, dann verlässt er das Hotelzimmer.

Alfred und seine Leute staunen nicht schlecht, als Lewis das Buch vor ihnen auf den Tisch legt. Er ist in die Bar gegangen, in der sie sich das erste Mal getroffen haben und die sich nur etwa fünfzehn Minuten Fußweg vom Hotel entfernt befindet.
„Hast du dir das auch gut überlegt?“, fragt Alfred und blickt in das Buch.
„Das habe ich. Ihr könnt es haben, dort stehen alle Kontaktmänner und Nummern drinnen, die in den letzten Jahren zusammengekommen sind“, erwidert Lewis.
„Tja, ich bedaure, das zu hören“, entgegnet Alfred. Doch Lewis sieht, wie der alte Mann geradezu auf dieses Buch starrt. Er kann es kaum abwarten, es an sich zu nehmen.
„Moment“, sagt Lewis und greift langsam, ganz langsam in seinen Anzug. In Zeitlupentempo holt er seine Waffe heraus und legt auch diese auf den Tisch. Dann verlässt er wortlos die Bar.

Eineinhalb stunden später steht der Wagen vor dem Motel. Lewis hat die letzten Sachen zusammengepackt und ist bereit, aufzubrechen. Wohin sie jetzt gehen wollen, fragt John. Lewis dreht sich zu ihm um.
„Kommst du mit?“, fragt er. John bejaht.
„Wir haben gemeinsam angefangen und wir beenden es auch gemeinsam.“
Sie gehen zur Rezeption und checken aus.
„Wohin wollen wir?“, fragt John erneut, als sie in den Wagen steigen.
„Nach Crest Hill“, antwortet Lewis.
„Ich muss sie noch einmal sehen. Danach versuchen wir auf eine Fähre zu gelangen.“

Genau wie Lewis ist auch Teresa Harrisburg, die Journalistin, der Martha im Casino begegnete, auf der Suche nach ihr. Ihr ist Marthas Geschichte nicht aus dem Kopf gegangen. Sie hat beschlossen, sie zu finden und, mit ihrer und Jays Erlaubnis, einen Artikel zu schreiben.
Durch ihre Recherchen hat sie nicht nur Einblicke in diverse Akten erhalten, die ihr über die Residential Schools zur Verfügung standen, sie hat auch die Gegend eingrenzen können, in der Jay sich aufhalten muss. Doch es hat noch zwei Wochen gedauert, bis sie ihn tatsächlich ausfindig machen konnte. Bei einem Mittagessen in einem Restaurant erzählt die Journalistin, was sie vorhat. Jay hat Sorge, der Artikel könne dazu führen, dass man sie wieder nach Kanada abschieben könnte und Linda wieder in die Residential School muss, doch Harrisburg beschwichtigt ihn.
„Erst einmal müssen wir Ihre Frau finden“, sagt sie.
„Und was machen wir, wegen des FBI?“, fragt Jay. Teresa antwortet, alles würde erst einmal beim Alten bleiben, und gibt Jay Geld für ein Hotel.
„Es reicht, um eine Woche dort einzuchecken“, sagt sie und nennt ihm die Adresse. Es befindet sich unweit des FBI-Gebäudes und von dort aus kann man auch problemlos das St. Vincent De Paul erreichen.
„Wenn die Woche rum ist, bezahle ich für die nächste. Das werde ich so lange tun, bis ich Ihre Frau gefunden habe“, sagt die Journalistin.
„Und was passiert danach?“
„Haben Sie einen Anwalt?“
Jay schämt sich, zuzugeben, dass er einen Anwalt von Lewis in Anspruch genommen hat, zumal er nicht einmal weiß, ob dieser nicht schon längst festgenommen oder aufgeflogen ist.
„Nicht wirklich“, sagt Jay. Harrisburg verspricht, ihn einen zu besorgen.
Nach dem Essen fährt sie Jay zum Hotel und sie verabschieden sich. Vorher jedoch bittet er die Journalistin um ihre Telefonnummer, damit er sie, sollte etwas sein, anrufen kann.
„Hier ist meine Karte“, sagt sie.
Teresa Harrisburg ist bei der Wahl des Hotels nicht geizig gewesen. Das Zimmer ist geräumig, groß und hat sogar einen recht großen Balkon. Es hat ein schönes Bad und ein großes Bett. Da Jay keine Koffer dabei hat, geht er direkt auf den Balkon und starrt auf die gegenüberliegenden Häuser. Es gibt doch noch so etwas wie Hoffnung. Jay atmet tief durch. Für ihn scheint das Ganze gut auszugehen, doch er kann erst aufatmen, wenn er wieder mit seiner Familie vereint ist. Aber er hat Zweifel. Was, wenn Martha nicht mehr den Mann in ihm sieht, den sie damals in ihm gesehen hatte? Jay denkt an die Situation in der Bar. Damals war er noch bei den Leuten von diesem Joe Cleveland. Er sollte herausfinden, was er vorhatte. Jay schaffte es, Joes Leute davon zu überzeugen, dass er kurz weg müsse. Er und Martha trafen sich in einer Bar. Jay weiß noch, dass er dachte, dass irgendetwas an seiner Frau anders war. Sie hatte „Ich liebe dich“ gesagt, doch es klang anders, es klang, als wüsste sie nicht mehr ganz, ob es noch die Wahrheit war. Jay hofft, er würde sich das nur einbilden, doch irgendetwas sagt ihm, dass es jetzt Lewis ist, für den Marthas Herz schlägt. Eigentlich müsste Jay jetzt wütend sein, doch er ist es nicht. Lewis ist ein Gauner und, ob Martha nun für ihn schwärmt oder nicht, es kann nicht ewig so weitergehen. Martha ist klug genug um zu wissen, dass sie sich schuldig macht, sollte sie bei ihm bleiben. Doch sie ist nicht bei ihm. Das weiß Jay.
Am nächsten Tag ruft er bei Teresa Harrisburg an. Er möchte wissen, wie der aktuelle Stand ist. Teresa sagt, man habe einen Anwalt festgenommen, der von einem Lewis Ricocello angeheuert wurde, um mit ihm und einem gewissen Floyd zu sprechen.
„Haben Sie mir irgendetwas zu sagen Jay?“
Jay seufzt.
„Er kam in unsere Zelle. Er sagte, er werde jeden legalen Weg nutzen, um die Sache hinauszuzögern bis Lewis wieder da ist“, antwortet er.
„Lewis?“
„Mister Ricocello.“
Teresa ermahnt Jay, weder mit dem Anwalt, noch mit Lewis Ricocello in Kontakt zu treten. Von jetzt an müsse er sauber bleiben.
„Ich habe seit einer Ewigkeit keinen Kontakt mehr zu Ricocello“, erwidert Jay.
Nach dem Telefonat macht Jay sich auf dem Weg zum St. Vincent De Paul. Die Schlange ist lang und es dauert, bis er endlich an der Reihe ist. Der Geruch von altem Holz und Bohnenkaffee hängt schwer in der Luft. Jay steht in der Schlange, die sich nur langsam vorwärtsbewegt. Niemand redet. Nur das Scharren von Schuhen, das Klappern von Tellern.
Als er endlich vorn steht, bekommt er eine Schale Suppe und ein Stück Brot.
Er setzt sich ans Ende des Raumes. Niemand sieht zu ihm hin. Niemand fragt etwas. Für einen Moment denkt er an Lewis, und da ist es, dieses Gefühl, eine Mischung aus Eifersucht und Verständnis. Was hat er, Jay Shirley, einer Frau wie ihr schon zu bieten? Dann verwirft er den Gedanken wieder. Doch sein Verstand gibt keine Ruhe. Und was hat Lewis einer Frau wie ihr zu bieten? fragt er. Jay sieht sich um. Diese Menschen. Keiner von ihnen hat wohl das Glück, in einem Hotel untergebracht zu sein, das ihnen bezahlt wird. Die allermeisten von ihnen, vermutlich alle, leben auf der Straße. Vielleicht sind einige von ihnen irgendwo untergekommen.
„Ist hier noch frei?“, fragt eine Frau. Jay bejaht ihre Frage und sie setzt sich zu ihm.
„Das Leben ist hart“, sagt sie.
„Aber wenigstens bekommen wir hier eine Mahlzeit.“
Jay betrachtet ihre Kleidung. Alt, verschlissen. Er vermutet, dass sie seit längerer Zeit auf der Straße lebt.
„Wem sagen Sie das?“, antwortet er. Jay rührt in seiner Suppe herum. Doch dieses Mal hat er nicht so einen großen Hunger, obwohl er heute noch nichts gegessen hat. Als er hierher kam, dachte er, er würde hungrig sein, doch die Tatsache, dass ihre Flucht etwas mit Martha gemacht haben könnte, verdirbt ihm den Appetit. Er hat nicht nur seine Heimat verloren, er hat auch die Hoffnung verloren, jemals wieder in sein altes Leben, gewohntes Leben zurückzukehren.

Der einzige Weg, Martha zu finden, ist, direkt nach Crest Hill zu fahren. Da die Medien aktuell noch davon ausgehen, es würde sich um Kindesentführung handeln, berichten sie immer, wenn es neue Erkenntnisse gibt. Auf diese Weise hat Teresa Harrisburg herausgefunden, wo Martha sich aufhalten soll. Ausgestattet mit Geld und mit der Erlaubnis ihres Chefs, dem Teresas Akten ebenfalls bekannt sind, hat sie sich auf den Weg gemacht. Sie hat in einem Hotel eingecheckt und ist nun dabei, mit den Menschen vor Ort zu sprechen. Doch das ist angesichts der Vorwürfe, die gegen Martha erhoben werden, nicht einfach. „Wieso sind Sie denn auf der Suche nach der?“ ist die häufigste Frage. Andere fragen, ob Teresa sie selbst überführen will. Die Journalistin versucht dann zu erklären, was der wirkliche Grund für Marthas Flucht war, doch alles, was man ihr antwortet, ist, es seien doch nur Ablenkungsmanöver. Manch einer wirft ihr sogar vor, Marthas Komplizin zu sein. Doch längst nicht alle Menschen verweigern der Reporterin ihre Hilfe. Irgendjemand gab ihr den Tipp, in der Obdachlosenszene oder in Suppenküchen nachzufragen. Man nennt ihr sogar einen Ort, an dem sich oft obdachlose Menschen treffen, doch alle Obdachlosen, denen sie begegnet, wissen nicht, wo sich die Frau aufhält, nach der die Journalistin sucht. Am dritten Tag jedoch, trifft sie einen Wohnungslosen, der jemanden kennt, der erst kürzlich eine Frau bei sich aufgenommen hat. Dieser Mann heiße Clay und er wohne in einem abriss fälligen Gebäude.
„Es ist leicht zu erkennen“, sagt der Mann.
„Das Gebäude hat zwar keine Fenster mehr, doch eine große Decke dient als Sichtschutz.“
Der Mann nennt der Reporterin die Adresse und Teresa fährt hin. Und tatsächlich: Martha und Linda leben mit einem jungen Mann zusammen. Er trägt Ohrringe, ist tätowiert und hat einen leichten Bart.
„Sie sind doch die Reporterin aus dem Casino“, wird sie von Martha begrüßt. Sie ist abgemagerter als das erste Mal, als Teresa sie getroffen hat.
„Ja, die bin ich“, erwidert Teresa.
„Wie haben Sie uns gefunden?“
Teresa lächelt.
„Man gab mir den Tipp, in der Obdachlosenszene zu fragen“, sagt sie.
„Entschuldigung? Reporterin? Könnte mich vielleicht jemand aufklären?“
Teresa erklärt kurz, woher sie und Martha sich kennen. Und nach einer Weile, in der keiner von ihnen ein Wort gesagt hat, fragt Teresa, ob Martha mit ihr kommen wolle.
„Ich habe Jay gefunden“, fügt sie hinzu.
„Wo ist er?“
„In einem Hotel. Das FBI macht ganz schön Ärger, doch das sollten wir besser anderswo besprechen.“
Martha erhebt sich. Sie nimmt Linda an die Hand und verabschiedet sich von Clay. Doch bevor sie mit ihrer Tochter in Teresas Wagen steigt, bittet sie, Clay ein wenig Geld zu geben. Teresa gibt dem jungen Mann fünfzig Dollar. Dann fahren sie, Martha und Linda erst in ein Restaurant, und danach geht es nach Chicago zurück.
Das Wiedersehen mit Martha findet ganz unspektakulär statt. Sie sind wie zwei Liebende, die vergessen haben, dass sie sich einst geliebt haben. Martha setzt sich auf den bequemen Sessel, der vor dem Fernseher steht. Jay steht am Fenster. Sie haben gedacht, sie würden sich freuen, einander wiederzusehen, sie dachten, sie würden sich küssen, oder sich wenigstens in die Arme fallen. Doch alles, was sie zustande bringen, ist ein flüchtiges Lächeln.
„Und jetzt?“, fragt Martha. Diese Frage liegt schwer in der Luft. Jay hat sich nie getraut, sie sich zu stellen. Linda beobachtet die zwei. Auch sie scheint zu bemerken, dass irgendetwas anders ist.
„Nun“, entgegnet Jay.
„Diese Journalistin hat einen Anwalt engagiert. Mal sehen, ob er etwas für uns tun kann. Doch wenn das hier vorbei ist, müssen wir überlegen, wie es weitergehen soll.“
„Ja“, sagt Martha nur. Und dann stellt Jay die Frage, die ihm seit einiger Zeit zu schaffen macht.
„Liebst du mich noch?“
Martha entgegnet, sie könne es ihm jetzt noch nicht sagen.
„Es ist in der letzten Zeit so viel passiert, dass ich nicht weiß, ob wir einfach wieder da weitermachen können, wo wir aufgehört haben.“
Jay setzt sich vor sie auf den Boden.
„Liebst du ihn?“, fragt er. Martha vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Linda sieht zu den beiden hinüber, unsicher, ob sie zu ihrer Mutter gehen soll oder nicht.
„Bitte, Jay“, sagt Martha leise.
„Ich muss es wissen, das bist du mir schuldig“, entgegnet er. Martha erzählt von der Feier. Wie sie die Fassung verloren und Lewis kurz geküsst habe; sie sagt, es sei eigentlich kein richtiger Kuss gewesen, vielmehr hätten sich ihre Lippen nur flüchtig berührt. Doch für Jay macht es keinen Unterschied. Er ist wütend und fragt, was sie sich dabei nur gedacht habe.
„Es tut mir leid“, entgegnet Martha. Sie ist den Tränen nahe.
„Wir hätten uns niemals auf dieses hirnrissige Unterfangen einlassen und du hättest niemals zu diesen anderen Männern ge…“
Martha hält inne. Ihr fällt auf, dass die Waffe, die der Freund ihres Nachbarn Paul Thunderbird Jay gegeben und die er die ganze Zeit bei sich hatte, nicht mehr da ist. Sie spricht ihn darauf an. Jay antwortet, er habe sie in der Tankstelle gelassen, die Joes Männer zum Geld waschen und ab und an als Waffenlager benutzt haben.
„Ich habe sie zu den anderen Waffen gelegt.“
Am Abend ruft Jay erneut bei Teresa Harrisburg an. Von ihr erfährt er, dass neue Beweise aufgetaucht seien.
„Aber wir haben nicht getan!“, ruft Jay. Martha sieht ihn fragend an.
„Das spielt keine Rolle“, sagt Harrisburg.
„Außerdem muss die Staatsanwaltschaft erst einmal eine glaubwürdige Anklage vorlegen, vorher wird es keinen Prozess geben.“
„Was machen wir jetzt?“
Martha flüstert Jay ein kaum hörbaren „Was ist los?“ zu.
„Sie machen erst einmal gar nichts. Der Anwalt hat mir gesagt, dass die Bundesstaatsanwaltschaft erst prüfen muss, ob die neuen Beweise überhaupt für eine Anklage ausreichen.“
Und nach einer Pause:
„Außerdem hat der Anwalt beantragt, dass es eine richterliche Anhörung geben muss. Aber, da Sie Kanadier sind, entscheidet Kanada. Ich gebe Ihnen die Nummer des Anwalts, er heißt Leonard Brady. Er kann es Ihnen besser erklären. Haben Sie etwas zu schreiben?“
Jay verneint, sagt aber, er könne in der Rezeption fragen. Zehn Minuten später hat er sich die Nummer notiert, die ihm die Journalistin gegeben hat. Dann ruft er Brady an. Der Anwalt scheint jung zu sein und er ist Jay sofort sympathisch. Er erklärt, Kanada könne nichts machen, solange in den USA noch die Anträge bearbeitet und die Beweise geprüft werden.
„Also müssen wir sie beschäftigen?“, sagt Jay.
„Nicht ganz“, erwidert der Anwalt.
„In den USA hat jeder Mensch das Recht auf ein Verfahren, klar. Jetzt sind neue Beweise aufgetaucht, doch das Sie sollte das im Moment nicht beunruhigen. Die Bundesstaatsanwaltschaft muss erst einmal prüfen …“
„Das hat man mir schon gesagt.“
„Nun gut, hören Sie genau zu: Sollte der Richter einer Anhörung zustimmen, wird Anklage gegen Sie erhoben werden und solange darf das FBI Sie nicht abschieben, da es sich um ein eigenes US-Verfahren handelt. Sie sind nur sicher, solange das Verfahren läuft.“
„Also gibt es nichts zu befürchten.“
„Ja und Nein. Kanada wiederum kann einen Antrag auf Auslieferung stellen, da Sie der Kindesentführung beschuldigt werden. Doch wie gesagt, Sie können nicht ausgeliefert werden, solange in den USA ein Verfahren läuft. Erst nach dem Prozess muss ein Richter entscheiden, ob Sie ausgeliefert werden sollen.“
„Aber es gibt noch keine Anhörung.“
Jay setzt sich auf das Bett.
„Da spielt auch keine Rolle. Auch hier gilt dasselbe wie bei einem laufenden Verfahren.“
Jay bedankt sich und legt auf. Er erzählt Martha von seinem Gespräch mit der Journalistin und dem Anwalt. Martha setzt sich zu Jay auf das Bett und sie verfallen in ein Schweigen.

Der Richter hat einer Anhörung zugestimmt. Er hatte sie auf für fünf Tage angesetzt, doch der Anwalt der Familie äußerte dem Richter gegenüber Bedenken, ob ein solcher Fall in so kurzer Zeit behandelt werden konnte, zumal es Beweise und Zeugen gibt, die belegen können, dass es sich hierbei nicht um eine Straftat handelt. Letztlich ging der Richter auf die Forderung des Anwalts ein und setzte die Anhörung für drei Wochen an.

Der Saal ist groß, aber leerer, als man erwartet hätte. Nur ein Dutzend Menschen sitzt in den Reihen. Ganz vorne, auf der rechten Seite, Martha. Ihr Haar ist streng zurückgebunden, die Hände liegen ineinander verschränkt auf dem Tisch. Neben ihr sitzt Leonard Brady, der Anwalt, kaum älter als Mitte dreißig, Anzug, dünne Krawatte, die sich leicht verschoben hat. Er spricht leise mit ihr, während sie auf den Richter warten.
Linda darf nicht im Saal sein. Sie wartet mit einer Mitarbeiterin des Jugendamts auf dem Flur. Jay sitzt in einiger Entfernung hinter seiner Frau, weil sein eigener Status – freigelassen, aber noch nicht entlastet – rechtlich unklar ist. Er wirkt wach, doch seine Schultern sind angespannt.
Ein Gerichtsdiener öffnet die Tür: „All rise.“
Richter Henry C. Truman betritt den Saal. Graues Haar, ruhiger Blick.
„Bitte setzen Sie sich.“
Brady erhebt sich. „Euer Ehren, wir beantragen zu Beginn festzustellen, dass das Auslieferungsersuchen Kanadas nicht nur rechtlich fragwürdig ist, sondern auf einer Kette von Vorgängen beruht, die durch externe Interessen beeinflusst wurden.“
Der Richter hebt leicht eine Augenbraue.
„Sie spielen auf die jüngsten Entwicklungen rund um Mr. Timmons und Floyd Jankings an?“
„Ja, Sir.“
Ein leises Raunen im Saal.
„Zur Klarstellung“, fährt Brady fort.
„Mein Mandant wurde niemals von Mr. Timmons vertreten. Er hat kein Mandat erteilt, kein Honorar gezahlt, keinen Kontakt gesucht. Der Versuch, ihn mit kriminellen Strukturen in Verbindung zu bringen, ist haltlos. Und was den Abend angeht, als man meinen Mandanten mit diesem Jankings bei der Routinekontrolle verhaftet hat, so kann ich sagen, dass es keinerlei Verbindung zwischen Shirley und Jankings gegeben hat.“
Coleman erhebt sich sofort.
„Euer Ehren, das Justizministerium bestreitet nicht, dass Mr. Timmons korrupt war. Aber das ist für dieses Verfahren irrelevant. Wir sprechen über eine Flucht aus Kanada.“
Brady nickt ruhig.
„Genau darum geht es. Die Flucht. Und um die Frage, warum eine Familie überhaupt in eine Situation geraten ist, in der sie Hilfe annehmen musste – von wem auch immer.“
Der Richter lehnt sich zurück.
„Fahren Sie fort.“
„Wer auf der Flucht ist, sucht keinen moralisch einwandfreien Ort – sondern einen sicheren.“
Er blickt kurz zu Jay.
„Und noch einmal: Mein Mandant hatte keine Kenntnis davon, wer diese Hilfe organisiert hat.“
Coleman kontert sofort.
„Euer Ehren, die Familie hat bewusst Schutz bei bekannten Kriminellen gesucht. Das zeigt, dass sie sich dem Zugriff der Justiz entziehen wollte.“
Brady widerspricht sofort.
„Nein. Es zeigt Verzweiflung. Die Familie war verzweifelt, verängstigt und alleine. Diese Leute haben ihnen Schutz gewehrt. Wenn der Kontext ein anderer gewesen wäre, würde ich Ihnen in diesem Punkt zustimmen, Mr. Coleman, doch es ist nun mal nicht so.“
Der Richter macht sich Notizen. Später, in einer Pause, fragt Martha leise:
„Glauben Sie, sie werden versuchen, uns das alles anzuhängen?“
Brady schüttelt den Kopf.
„Nein. Dafür haben sie nichts. Und sie wissen es.“
Er senkt die Stimme noch ein wenig.
„Timmons hat geredet. Und Jankings …“
Er lässt den Satz offen, als habe er ihn selbst noch nicht zu Ende gedacht.
„Der wird niemandem mehr gefährlich.“.

Am nächsten Tag wird die Anhörung fortgesetzt. Der Regen hat über Nacht nicht aufgehört. Noch bevor die Anhörung beginnt, zieht sich ein grauer Schleier über die Glasfront des Gerichtsgebäudes. Draußen warten wieder Reporter, diesmal weniger. Drinnen riecht es nach nassem Stoff und Papier.
Der Saal ist derselbe, aber die Stimmung hat sich verändert. Weniger Neugier, mehr Anspannung. Martha sitzt wie gestern, ruhig, fast reglos. Jay diesmal eine Reihe weiter vorn, dicht hinter ihr. Brady blättert in seinen Unterlagen, eine markierte Kopie des Auslieferungsabkommens liegt offen vor ihm. Auf der anderen Seite der Vertreter des Justizministeriums, Mr. Coleman, penibel, ernst, mit einer Stimme, die jedes Wort betont, als müsse er es vor einem Gremium aus Stein sprechen.
„All rise.“
Der Richter tritt ein, grüßt knapp, setzt sich. Kein überflüssiges Wort.
„Wir setzen fort“, sagt er.
„Gestern haben wir über eine eventuelle Mittäterschaft von Jay Shirley gesprochen, und sind der Frage nachgegangen, ob er wusste, wer den Anwalt Frank Timmons beauftragt hat. Heute möchte ich beide Seiten hören – zur Frage der sogenannten beidseitigen Strafbarkeit.“
Brady erhebt sich zuerst. „Euer Ehren, der zentrale Punkt ist einfach: Nach amerikanischem Recht kann niemand wegen der Rückholung seines eigenen Kindes als Entführer gelten. §1201 des Federal Kidnapping Act von 1932 sieht ausdrücklich vor, dass es sich nur dann um Entführung handelt, wenn das Opfer gegen seinen Willen und ohne gesetzliche Berechtigung festgehalten wird. In diesem Fall aber“ – er hebt leicht die Hand, deutet auf Martha – „hatte die Mutter das Recht und die Pflicht, ihr Kind zu schützen. Es lag keine gerichtliche Verfügung vor, kein Sorgerechtsentzug, keine richterliche Anordnung. Kanada kann eine solche Tat nicht nachträglich zu einem Verbrechen erklären und darauf eine Auslieferung stützen.“
Er macht eine kurze Pause, tritt einen Schritt zurück.
„Mit Verlaub, Euer Ehren, hier wird das Auslieferungsabkommen zweckentfremdet. Es war nie dafür gedacht, politische oder moralische Entscheidungen eines anderen Landes nachzuvollziehen. Es ging immer um Straftaten – Diebstahl, Betrug, Mord, nicht um Mutterschaft.“
Der Richter notiert etwas. Der Klang des Bleistifts auf Papier ist das Einzige, was man hört.
Dann erhebt sich Coleman.
„Euer Ehren, das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada von 1908 besagt ausdrücklich, dass jede Person ausgeliefert werden kann, wenn die zugrundeliegende Tat in beiden Ländern strafbar ist. Es geht hier nicht um Mutterschaft. Es geht um Gesetzestreue.“
Er hebt ein Dokument.
„Nach kanadischem Recht stand das Kind unter staatlicher Aufsicht. Diese Aufsicht wurde durch Flucht verletzt. Die Eltern haben die Grenze überschritten, um der Justiz zu entgehen. Das ist kein familiärer Streit, das ist eine Umgehung staatlicher Anordnungen.“
Coleman tritt näher an das Rednerpult.
„Ob das amerikanische Recht eine Entführung kennt oder nicht, ist zweitrangig, solange die Tat – die Entziehung eines Minderjährigen aus öffentlicher Obhut – auch hier rechtswidrig wäre. Und das wäre sie, wenn sie gegen eine gültige Verfügung verstößt. Wir bitten das Gericht daher, den Auslieferungsantrag als zulässig zu bestätigen.“
Stille. Der Richter legt die Brille ab, betrachtet die beiden Anwälte.
„Mr. Brady – Sie sagen, die Unterbringung war unrechtmäßig. Mr. Coleman – Sie sagen, sie war staatlich verfügt. Haben wir Beweise dafür, wie diese Unterbringung zustande kam?“
Brady nickt. „Wir haben Kopien der Korrespondenz zwischen der Schule und dem Department of Indian Affairs. Keine gerichtliche Entscheidung, keine Zustimmung der Eltern. Wir werden das in den nächsten Sitzungen nachweisen.“
Coleman: „Das mag sein, aber faktisch befand sich das Kind in staatlicher Obhut. Das reicht aus, um die Zuständigkeit zu begründen.“
Der Richter lehnt sich zurück. „Das werden wir prüfen. Mrs. Shirley, können Sie dem Gericht schildern, was am 14. Juli des vergangenen Jahres geschah?“
Martha spricht leise, aber klar. „Wir sind vom Reservat aus geflohen. Die Schule ist seit Jahren eine Tagesschule, mein Nachbar hat uns bei der Flucht geholfen, er hat uns mit seinen Wagen in die nächste Stadt gefahren, von dort aus sind wir alleine weiter.“
„Und warum haben Sie Kanada verlassen?“, fragt Brady.
„Weil ich wusste, dass sie uns holen würden“, antwortet Martha.
„Mein Mann ist US-Bürger. Wir wollten einfach nur zusammenbleiben.“
Der Anwalt erhebt sich.
„Mrs. Shirley, wussten Sie, dass Sie damit gegen kanadisches Recht verstoßen?“
„Ich wusste, dass ich meine Tochter zurückhole.“
„Aber Sie waren sich bewusst, dass die Schule in staatlicher Obhut war?“
„Ich war mir bewusst, dass sie dort festgehalten wurde.“
„Sie haben also bewusst eine Einrichtung des Staates betreten und ein Kind entfernt.“
Brady will einwenden, doch der Richter hebt kurz die Hand: „Lassen Sie sie antworten.“
Martha: „Ich habe meine Tochter geholt, ja. Aber das ist kein Verbrechen. Nicht in meinem Land. Und nicht in meinem Herzen.“
Ein Raunen geht durch den Saal. Der Anwalt schließt kurz die Augen, als müsse er Geduld bewahren.
„Keine weiteren Fragen.“
Der Richter blickt auf die Uhr.
„Wir machen eine kurze Pause.“
Auf den Flur kommt Leonard Brady auf Martha zu.
„Sie machen das sehr gut“, sagt er. Martha atmet tief durch, sie sieht zu den Reportern hinüber, die unaufhörlich Fotos von ihr machen.
„Ich gebe mir Mühe“, erwidert sie.
„Aber es fällt mir schwer.“
Dann fragt sie:
„Wie stehen unsere Chancen?“
Brady sieht ebenfalls zu den Journalisten rüber, dann antwortet er:
„Das hängt davon ab, was der Richter über die Zuständigkeit sagt. Wenn er entscheidet, dass Kanada keinen rechtlichen Anspruch hat, sind Sie beide frei.“
Der nächste Zeuge ist ein Beamter des U.S. State Department, Mr. Alston.
Brady beginnt:
„Mr. Alston, ist Ihnen bekannt, dass das Auslieferungsabkommen zwischen den USA und Kanada von 1908 vorsieht, dass nur beidseitig strafbare Handlungen berücksichtigt werden?“
„Ja, das ist korrekt.“
„Würde die Entziehung eines Kindes durch einen leiblichen Elternteil in den Vereinigten Staaten als Entführung gelten?“
„Nicht ohne Gerichtsbeschluss. Wenn kein Gericht das Sorgerecht entzogen hat, nein.“
„Also keine beidseitige Strafbarkeit?“
„In diesem Fall, nach US-Recht, nein.“
Der Anwalt steht auf. „Aber die Tat fand auf kanadischem Boden statt, korrekt?“
„Ja.“
„Und dort liegt ein Haftbefehl vor.“
„Richtig.“
„Damit besteht die Zuständigkeit Kanadas.“
Brady hebt die Hand. „Nur, wenn die Tat auch hier strafbar wäre. Das ist der Kernpunkt, Euer Ehren.“
„Euer Ehren, ich beantrage, das Gericht möge anerkennen, dass die Unterbringung des Kindes in Kanada ein rechtmäßiger Verwaltungsakt war“, sagt Mr. Coleman.
„Das Kind befand sich somit in staatlicher Obhut. Die Entfernung des Kindes aus dieser Obhut erfüllt den Tatbestand einer ‚unlawful removal from custody‘ – unabhängig davon, ob ein Gericht beteiligt war oder nicht.“
Das ganze geht noch eine Weile hin und her. Martha wirkt während der gesamten Anhörung gefasst, doch in ihrem Kopf drehen sich die Gedanken. Wird der Richter zu ihrer beiden Gunsten entscheiden? Werden sie Kanada jemals wiedersehen? Und da ist noch ein Gedanke. Wird sie jemals wieder die Gelegenheit haben, sich von Lewis zu verabschieden? Sie glaubt nicht.
„Mrs. Shirley.“
Martha sieht auf.
„Treten Sie bitte kurz vor.“
Martha erhebt sich langsam, hält die Hände ruhig vor sich.
„Euer Ehren?“, sagt sie leise.
„Ich möchte verstehen, was genau Sie veranlasst hat, Kanada zu verlassen. Was ist dort passiert?“
Ein Moment des Zögerns. Dann:
„Meine Tochter war zwölf, Sir. Ich hatte das Gefühl, dass Dinge passiert sind, die nicht hätten passieren dürfen.“
„Was für Dinge?“, fragt der Richter. Martha zögert erneut, dann sagt sie:
„Meine Tochter, hat mir erzählt, dass sie ... vergewaltigt wurde.“
Im Saal wird es unruhig. Das gelegentliche Murmeln der Zuschauer hat sich in Empörung verwandelt. Einige schlagen entsetzt die Hände vor den Mund.
„Ruhe!“, ruft der Richter und schlägt mit dem Hammer auf das Holz. Martha dreht sich zu den Zuschauern um. Als sich alle wieder beruhigt haben, fragt der Richter:
„Mrs. Shirley, sind Sie sich der Schwere dieser Aussage bewusst?“
„Ja, Sir.“
„Hat Ihre Tochter Ihnen gesagt, wer das getan hat?“
„Er war Priester, mehr weiß ich nicht.“
Der Richter senkt kurz den Blick, blättert in seinen Unterlagen.
„Mr. Colman,“, sagt er an den Vertreter Kanadas gewandt.
„Ist Ihrer Regierung dieser Vorfall bekannt?“
Coleman steht auf, sichtbar unbehaglich.
„Euer Ehren, uns liegen keine gerichtlichen Aufzeichnungen dazu vor. Wir können die Anschuldigung nicht bestätigen.“
„Aber Sie bestreiten sie auch nicht?“
„Ich bin nicht befugt, dies zu tun, Sir. Ich kann lediglich die Auslieferung auf Grundlage des bestehenden Haftbefehls beantragen.“
Der Richter nickt knapp, dann wendet er sich an den Anwalt der Familie.
„Mr. Brady, Sie dürfen dazu Stellung nehmen.“
Brady tritt vor, die Stimme fest:
„Euer Ehren, genau deswegen haben wir heute diese Anhörung beantragt. Wenn die Anschuldigung auch nur im Ansatz stimmt, dann war Mrs. Shirleys Handlung keine Flucht vor dem Gesetz – sondern der Versuch, ihre Tochter zu retten. Und kein amerikanisches Gericht wird eine Mutter dafür bestrafen.“
Der Richter betrachtet Martha einen Moment lang, dann sagt er ruhig:
„Das Gericht wird diese Aussage prüfen. Ich erwarte, dass beide Seiten bis morgen alle verfügbaren Unterlagen oder Zeugenaussagen zu diesem Vorfall vorlegen. Die Anhörung wird vertagt.“
Er schlägt den Hammer nieder.
Der Saal bleibt still, während Martha langsam zu ihrem Platz zurückkehrt.


Meine Tochter wurde vergewaltigt
Martha Shirley erhebt schwere Vorwürfe gegen Residential School
Gestern wurde das ganze Land durch eine Aussage schockiert, die Mrs. Martha Shirley bei der Anhörung zu dem Auslieferungsverfahren gegen sie und ihre Familie gemacht hat. Sie erhob schwere Vorwürfe gegen die Residential School, in der ihre Tochter gewesen ist, und sagte, ihre Tochter sei durch einen Priester sexuell missbraucht worden. Wir haben um eine Stellungnahme des Vertreters des Justizministeriums, Mr. Coleman, gebeten. Doch dieser hat sich der Presse gegenüber zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert. Beobachter erwarten, dass es zu einer Wendung in dem Auslieferungsverfahren gegen die Familie kommen wird. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, würde es zu einem der größten Skandale werden, die Kanada erlebt hat. Schon jetzt rechnen Beobachter mit einem Urteil zugunsten der Familie. Die Familie selbst hat der Presse gegenüber bislang keine Interviews gegeben.

Der Artikel schlägt ein wie eine Bombe. Von jetzt an stehen Martha, Jay und Linda noch mehr im Fokus der Öffentlichkeit als vorher. In den Nachrichten wird immer wieder gezeigt, wie Linda vor laufenden Kameras in die Arme ihres Vaters läuft. Boulevardzeitungen wie die Chicago Daily News, oder der New York Daily Mirror berichten mit Aufmachern wie "Runaway Mom from Canada Fights for Her Child“ oder "Martha Shirley: The Woman Who Defied a Nation“. Das mediale Interesse ist sogar so groß, dass Martha Anfragen zu Talkshowauftritten bekommt. Sender wie CBS Reports, oder Issues and Answers vom Sender ABC rufen im Hotel oder beim Anwalt an. Martha findet, es wäre eine gute Möglichkeit, den Fall und ihre Geschichte, die stellvertretend für viele andere Geschichten steht, öffentlich zu machen, doch Leonard Brady ermahnt sie:
„Mrs. Shirley, wenn Sie jetzt ins Fernsehen gehen, geben Sie Kanada und der Staatsanwaltschaft neues Material gegen uns. Bitte warten Sie, bis die Anhörung vorbei ist. Die Aufmerksamkeit ist auch ohne einen Fernsehauftritt von Ihnen groß genug.“
Doch die Reporter geben nicht auf. Jedes Mal, wenn Martha mit Jay, Linda und ihrem Anwalt das Gerichtsgebäude betritt oder wieder verlässt, wird sie um eine Stellungnahme gebeten. In einem solchen Fall wimmelt der Anwalt die Journalisten immer ab.
„Wenn Sie Ihre Geschichte erzählen wollen, dann erst, wenn Sie frei sind“, erwidert er dann. Doch es dauert nicht lange, bis eine Journalistin auch hinter den Rest der Geschichte kommt.
„Mrs. Shirley, Chicago Tribune. Stimmt es, dass Sie Unterschlupf bei Lewis Ricocello gefunden haben?“, fragt sie am zehnten Tag der Anhörung. Martha bleibt abrupt stehen. Minutenlang sieht sie die Frau an, dann sagt sie:
„Sie haben gehört, was mein Anwalt gesagt hat.“

Trotz der medialen Aufmerksamkeit, kommen Martha die Stunden, die sie mit Jay und ihrer Tochter im Hotelzimmer verbringt, sehr einsam vor. Früher hätte sie sich darüber gefreut, Zeit mit ihrem Mann zu verbringen, doch heute weiß Martha nicht mehr, was sie empfinden soll. Leonard Brady hatte ihr geraten, als Paar aufzutreten, und irgendwie schafft sie dies auch. Doch wie soll es weitergehen, wenn das alles vorbei ist? Martha wünscht sich, sie und Jay könnten noch einmal ganz von vorne beginnen, doch angesichts dessen, was alles passiert ist, glaubt sie nicht, an einen Neuanfang.
Mit einem Mal klopft es an der Tür.
„Zimmerservice.“
Jay öffnet die Tür einen Spalt breit. Es ist tatsächlich der Roomservice. Er tritt zur Seite. Wegen der vielen Reporter, haben Jay und Martha beschlossen, sich das Essen nur noch auf ihr Zimmer bringen zu lassen, anstatt wie noch zu Beginn der Anhörung irgendwo hinzugehen. Es gibt Hühnchen, dazu Reis, grüne Bohnen und zwei Flaschen Bier. Für Linda steht ein Glas Milch auf dem Wagen. Jay räumt den Tisch frei und hilft dem jungen Mann, die Sachen daraufzustellen.
„Es geht schon“, sagt dieser, doch Jay besteht darauf. Martha zieht die Vorhänge vor dem Fenster zu.
„Kommt mir vor, als hätten wir den Premierminister persönlich hier“, sagt der junge Mann. Martha lächelt höflich.
„Wenn Sie wüssten.“
Jay fragt, ob er den Fernseher anmachen soll.
„Wir wissen doch alles“, erwidert Martha.
„Immerhin sind wir live dabei.“
„Ja, aber es könnte jetzt interessant werden. Weißt du noch, was dich die Journalisten gefragt hat, als wir in das Gerichtsgebäude gingen?“
Martha erinnert sich genau an die Frage. Sie schaltet den Fernseher an, der junge Mann wünscht ihnen einen guten Appetit und verlässt das Zimmer.
„… Haben herausgefunden, dass sich die Familie vor ihrem Aufgreifen bei dem jungen Gangsterboss Lewis Ricocello und dessen Leuten versteckt haben.“
„Oh, nein“, sagt Martha. Im Fernsehen werden erneut Bilder von ihnen gezeigt. Martha sieht sich mit Jay, Linda und ihren Anwalt in das Gerichtsgebäude gehen. Erneut fragt die Journalistin, ob es stimme, dass sie Unterschlupf bei Lewis Ricocello gefunden habe. Erneut bleibt Martha abrupt stehen.
„Mrs. Shirley wollte sich zu dieser Frage nicht äußern, doch wir wissen aus zuverlässiger Quelle, dass sie und ihre Familie Schutz bei einer Verbrecherorgaisation gefunden haben“, sagt die Stimme aus dem Off. Jay setzt sich an den Tisch. Er beginnt damit, das Essen zu servieren.
„Was für eine Quelle soll das gewesen sein?“, fragt er. Marta geht ans Fenster und schiebt den Vorhang einen Spalt breit zur Seite. Vor dem Hotel stehen unzählige Reporte. Einer von ihnen entdeckt Martha und schießt ein Foto.
„Komm da lieber weg“, sagt Jay. Martha stellt den Stuhl, der vor einem kleinen Schreibtisch steht, vor den Fernseher und setzt sich.
„Ich rufe den Anwalt an“, sagt Jay und geht an das Telefon. Nach ein paar Minuten meldet sich Leonard Brady. Jay fragt, ob er schon die Nachrichten gesehen habe.
„Ja, habe ich“, erwidere er am anderen Ende.
„Was sollen wir jetzt machen?“
„Wegen der Presse?“
„Ja.“
Leonard Brady rät ihm, ruhig zu bleiben und sich nicht auf irgendwelche Fragen einzulassen.
„Und der Richter?“, fragt Jay.
„Sie sind hier wegen eines Auslieferungsersuchen, das Kanada gestellt hat. Alles andere ist dem Richter egal“, erwidert Brady.
„Danke“, sagt Jay und legt auf. Er hat gedacht, Brady könnt ihn irgendetwas beruhigendes sagen. Doch wenn er ehrlich ist, weiß er nicht, warum er den Anwalt angerufen hat. Martha stellt den Fernseher ab.
„Vielleicht werten die das als etwas gutes“, sagt sie.
„Wir haben das für unsere Tochter getan.“
Jay sieht sie an.
„Und was ist mit diesem Joe?“
„Sie haben nicht gesagt, dass es etwas schlechtes sei.“
„Noch nicht.“
Martha sitzt noch immer an den kleinen Tisch. Auch sie hat Angst, die Stimmung könnte kippen. Linda geht zu Jay, sie sieht ihm an.
„Danke“, sagt sie. Es ist nicht viel, doch es reicht aus, um ihn die Gewissheit zu geben, dass alles, was passiert ist, richtig gewesen ist.

Der letzte Tag der Anhörung. Die Stimmung bei Martha ist deutlich angespannt. Auch Jay ist die Anspannung anzumerken, als der Wagen an diesem sonnigen Tag mit ihm, Martha, seiner Tochter und Leonard Brady vor das Gerichtsgebäude vorfährt. Die Reporter sind schon da, dieses Mal sind es mehr als an den ersten Tagen. Die Nachricht darüber, dass die Familie Unterschlupf bei Verbrechern gefunden hat, hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Doch viele Medien, besonders die Boulevardpresse, verurteilen sie nicht. Sie werten es als einen Akt der Verzweiflung. Manche Medien schreiben sogar, es wäre „die letzte Alternative gewesen, ihr Kind vor dem Leben auf der Straße zu retten“. Doch trotz der Artikel, die versuchen, das Verhalten der Familie zu erklären, gibt es auch kritische Stimmen, die die Frage in den Raum werfen, wieso sie das getan haben. Jay hätte zu gerne geantwortet, dass sie keine andere Wahl gehabt haben, doch Leonard Brady näht ihm nach wie vor davon ab.
Im Gerichtsgebäude ist es voll. Reporter rufen durcheinander, Kameras klicken, und sofort werden Jay und Martha belagert. Auch Leonard Brady will man Fragen stellen.
„Sie werden alles bei Zeiten erfahren“, antwortet er.
„Stimmt es, dass …“
„Eine Frage …“
„Mrs. Shirley …“
Mit einem Mal taucht ein Mann auf, der nicht ins Bild zu passen scheint. Er trägt einen Vollbart, eine Cappy und einen Hoodie. Dazu trägt er eine Jeans. Eindringlich sieht er Martha an. Er steht ein wenig abseits vom Gedränge und wird daher von den Reportern nicht wahrgenommen. Dann beginnt die Anhörung. Der Saal ist überfüllt. Reporter stehen an den Wänden, Stenografen beugen sich über ihre Blöcke. Das Licht der Fernsehkameras spiegelt sich auf der polierten Holzvertäfelung. Martha sitzt vorn, die Hände gefaltet, die Lippen fest aufeinandergepresst. Jay sitzt zwei Plätze hinter ihr. Leonard Brady sortiert seine Notizen. Der Richter, Henry C. Truman, sieht ernst aus, beinahe müde.
„Mr. Brady, Sie haben das Schlusswort“, sagt er.
Brady steht auf, räuspert sich leise.
„Euer Ehren, wir haben in den letzten drei Wochen eine Familie gesehen, die nicht aus Bosheit oder Berechnung handelte, sondern aus Angst. Eine Mutter, die ihr Kind vor einem Ort retten wollte, an dem es, nach allem, was wir gehört haben, misshandelt wurde. Kanada hat die Pflicht, sich diesen Vorwürfen zu stellen, bevor es ein Auslieferungsersuchen stellt – nicht danach.“
Er macht eine kurze Pause, sieht zu Martha, dann wieder zum Richter.
„Man kann Mrs. Shirley nicht vorwerfen, dass sie ihre Tochter in Sicherheit bringen wollte. Ja – sie ist mit ihr über die Grenze gegangen. Ja – sie hat Hilfe angenommen, wo sie fand. Aber was war die Alternative? Zurückgehen in ein System, das Kinder von ihren Familien trennt? Ein System, das, wie selbst kanadische Untersuchungen inzwischen andeuten, versagt hat?“
Coleman erhebt sich sofort. „Euer Ehren, das sind moralische Appelle, keine rechtlichen Argumente.“
Der Richter hebt die Hand. „Sie werden Gelegenheit zur Erwiderung haben, Mr. Coleman. Fahren Sie fort, Mr. Brady.“
„Danke, Sir.“
Brady wendet sich leicht in Richtung der Zuschauer, als wolle er sie mit einbeziehen.
„Meine Mandantin hat keine Straftat begangen, die nach US-Recht beidseitig strafbar wäre. Der einzige angebliche ‚Tatbestand‘ ist, dass sie ihr Kind mitnahm – ihr eigenes Kind. Und wenn sie sich dabei an Menschen wandte, die selbst nicht den besten Ruf hatten, dann war das kein Komplott, sondern Verzweiflung. Sie hatten kein Geld, kein Zuhause, niemanden, der ihnen glaubte.
Lewis Ricocello hat ihnen Unterschlupf gewährt, ja – aber es wurde kein Verbrechen dadurch verübt. Das Gesetz verlangt von uns, nicht nur die Tat, sondern auch die Umstände zu betrachten.“
Er legt die Hände auf den Tisch.
„Wir bitten dieses Gericht, festzustellen: Es liegt keine Grundlage vor, die eine Auslieferung rechtfertigt. Was vorliegt, ist die Geschichte einer Familie, die das Richtige tat – auf die falsche Weise vielleicht, aber aus den richtigen Gründen.“
Ein leises Murmeln geht durch den Saal. Dann erhebt sich Coleman.
„Euer Ehren, die Gegenseite spricht von Verzweiflung, von moralischem Handeln – doch das hier ist kein moralisches Tribunal. Es ist ein Gericht.“
Er geht ein paar Schritte vor, legt die Hände hinter den Rücken.
„Nach kanadischem Recht war das Kind in staatlicher Obhut. Ob man das System moralisch gutheißt oder nicht, ist hier nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Angeklagte diese Obhut gewaltsam unterlaufen hat, indem sie das Kind ohne Erlaubnis entfernte, mit Hilfe von Personen, die im Verdacht stehen, sich strafbarer Handlungen schuldig gemacht zu haben.“
Er wirft einen Blick auf Brady.
„Mr. Brady nennt es Verzweiflung. Ich nenne es Beihilfe zu einer Flucht – möglicherweise unterstützt durch organisierte Kriminalität.
Und es ist eben nicht belanglos, dass diese Familie Schutz bei jemandem wie Lewis Ricocello suchte – einem Mann, dessen Name mehrfach in FBI-Akten auftaucht. Wenn wir anfangen, zwischen ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Rechtsbrüchen zu unterscheiden, öffnen wir eine Tür, die kein Gericht öffnen darf.“
Er tritt näher an den Richtertisch.
„Das Auslieferungsabkommen von 1908 verlangt keine moralische Deckung, sondern rechtliche. Und nach Artikel II ist eine Auslieferung dann möglich, wenn die Handlung in beiden Staaten strafbar ist.
Das Entfernen eines Kindes aus staatlicher Obhut ist sowohl in Kanada als auch in den Vereinigten Staaten eine Straftat. Die persönliche Motivation mag das moralisch anders erscheinen lassen – juristisch jedoch bleibt es eine Entziehung aus rechtmäßiger Verwahrung.“
Er atmet tief ein, senkt die Stimme.
„Ich sage nicht, dass Mrs. Shirley eine schlechte Mutter ist. Ich sage nur: Sie hat gegen das Gesetz verstoßen. Und Gesetze gelten nicht nur, wenn sie uns gefallen.“
„Euer Ehren, Kanada kann kein moralisch unhaltbares System nutzen, um rechtliche Ansprüche daraus abzuleiten. Wenn die Unterbringung des Kindes selbst rechtswidrig oder verfassungswidrig war, dann darf kein Gericht, auch nicht dieses, helfen, diese Situation fortzusetzen. Wir reden hier nicht über eine Mutter, die das Gesetz missachtete, sondern über ein Gesetz, das die Menschlichkeit missachtete.“
Stille. Der Richter legt die Brille ab, sieht beide an.
„Ich habe genug gehört. Das Gericht wird sich zurückziehen und beraten.“
Ein dumpfes Rascheln geht durch die Reihen, die Reporter springen auf, Kameras klicken. Martha sitzt reglos da, den Blick auf den Tisch gerichtet. Jay legt ihr vorsichtig die Hand auf den Arm. Martha ergreift sie kurz, dann fragt sie Brady:
„Wie ist Ihr Gefühl?“
Der Anwalt beugt sich zu ihr rüber.
„Der Richter muss Sie freisprechen. Alles andere wäre ein Justizskandal von so großem Ausmaß, dass noch nicht einmal Coleman eine Rechtfertigung dafür finden könnte.“
Martha lächelt.
„Da wäre ich mir nicht so sicher“, erwidert sie. Jetzt muss auch Brady lächeln.
Eine Stunde vergeht. Der Saal ist leerer geworden, doch die, die geblieben sind, wirken, als hielten sie den Atem an. Draußen wartet die Presse, aber drinnen ist es still. Nur das Summen der Neonröhren an der Decke füllt die Luft.
Dann öffnet sich die Tür zur Richterkammer.
„All rise.“
Alle stehen. Richter Henry C. Truman tritt ein, gefolgt von einem Gerichtsdiener mit einem Aktenstapel. Er setzt sich, legt die Brille auf und blickt über den Saal.
„Bitte nehmen Sie Platz.“
Ein paar Sekunden lang sagt niemand etwas. Dann beginnt er mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme:
„Ich habe die Argumente beider Seiten sorgfältig geprüft. Es liegt mir fern, über Moral zu urteilen, doch in einem Fall wie diesem ist Moral unweigerlich Teil der Fakten. Die Frage, die dieses Gericht zu entscheiden hatte, ist keine einfache:
War Kanada rechtlich befugt, ein Auslieferungsersuchen zu stellen – und ist die angebliche Tat nach US-Recht als Straftat anzusehen?“
Er blättert eine Seite um, liest, während seine Stimme die Stille durchbricht.
„Das Gericht erkennt an, dass Kanada einen Haftbefehl erlassen hat. Ebenso erkennt es an, dass die Vereinigten Staaten verpflichtet sind, Auslieferungsersuchen zu prüfen, sofern eine beidseitige Strafbarkeit gegeben ist.
Doch in diesem Fall besteht berechtigter Zweifel daran, dass die Unterbringung des Kindes in Kanada auf einer rechtmäßigen Grundlage erfolgte. Es gibt Hinweise auf institutionelle Missstände, die, wenn sie sich bestätigen, gegen fundamentale Prinzipien von Recht und Menschlichkeit verstoßen.“
Er hebt den Blick, richtet ihn auf Martha.
„Mrs. Shirley, Sie haben Ihr Kind nicht entführt, um sich dem Gesetz zu entziehen. Sie haben gehandelt, weil Sie glaubten, dass das Gesetz versagt hat. Dieses Gericht erkennt den Unterschied.“
Ein leises Raunen geht durch den Saal.
„Es bleibt festzuhalten: Das Entfernen eines Kindes aus staatlicher Obhut kann unter bestimmten Umständen strafbar sein. Doch da dieses Gericht nicht feststellen kann, dass die Unterbringung rechtmäßig war, ist keine beidseitige Strafbarkeit gegeben. Das Auslieferungsersuchen Kanadas wird daher zurückgewiesen.“
Martha schließt die Augen, langsam, als müsse sie begreifen, was sie gerade gehört hat. Jay legt eine Hand auf ihren Rücken.
Der Richter setzt die Brille ab.
„Mrs. und Mr. Shirley, Sie bleiben in den Vereinigten Staaten frei, unter denselben Auflagen wie bisher. Kanada steht es frei, ein neues Ersuchen einzureichen, sofern neue Beweise vorliegen, doch bis dahin gilt dieser Beschluss als endgültig.“
Er macht eine Pause.
„Ich empfehle Ihnen, juristischen Rat in Anspruch zu nehmen, bevor Sie sich öffentlich äußern. Diese Entscheidung ist sensibel und wird ohne Zweifel öffentliches Interesse wecken.“
Dann, leise:
„Court is adjourned.“
Der Hammer fällt.
Ein Geräusch, das sich in der Stille wie ein Befreiungsschlag anfühlt. Als die Tür aufschwingt, prasseln die Fragen der Reporter sofort los.
„Mrs. Shirley, was sagen Sie zum Urteil?“
„Was werden Sie jetzt tun?“
„Fühlen Sie sich gerecht behandelt?“
„Ich will nur, dass meine Tochter endlich in Frieden leben kann“, antwortet Martha.
Dann führt Jay sie durch das Gedränge. Leonard Brady läuft neben ihnen, das Jackett geöffnet, die Akte unter dem Arm.
Hinter ihnen ruft jemand:
„Mrs. Shirley! Wird Kanada Berufung einlegen?“
Doch Martha achtet nicht auf die Frage. Der Mann mit der Cappy und dem Hoodie steht noch immer am selben Fleck. Martha entschuldigt sich und geht zu ihm hin.
„Hallo“, sagt er nur. Martha kennt die Stimme, doch sie braucht ein wenig, um zu begreifen, wer da vor ihr steht. Doch dann leuchten ihre Augen auf.
„Lewis.“
„John, Niel und Phil warten in einem alten Pick-Up, der ist unauffälliger“, erwidert er. Mit einem Schlag erlischt das Leuchten in ihren Augen. Doch sie versteht, dass Lewis weg muss.
„Wohin wollt ihr?“, fragt sie.
„Nach Europa. Ich meine, wenn wir es schaffen.“
„Martha!?“, ruft Jay. Martha sieht sich um. Einige Reporter beobachten sie.
„Ich glaube, du musst gehen“, sagt Lewis und wendet sich ab. Und bevor Martha noch etwas erwidern kann, ist Lewis weg. Sie sieht nur noch, wie er zwischen den vielen Reportern verschwindet.
„Kommst du?“
Martha spürt eine Trauer, die sich bleischwer über sie legt. Doch sie geht trotzdem zu Jay.
„Wer war das?“, fragt er. Martha antwortet nicht. Stattdessen atmet sie tief durch und ergreift Jays Hand. Dann verlassen sie das Gebäude. Doch Martha wird sich noch Jahre später an diese Zeit erinnern. An Lewis, an sein Restaurant und an die Gespräche mit ihm. Doch es gab zu viele Dinge zwischen ihnen, die ungesagt blieben.​

 

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