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Das Glas der schwarzen Sonne

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03.11.2025
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Das Glas der schwarzen Sonne

Aus den Annalen des Archivars (Anno 1887)
Betreff: Die Schilderung des flachen Abgrunds
Ich befragte den Fremdling nach den Wundern seiner Ära, und er sprach von einer Tafel, dünner als das Deckblatt einer Prachtbibel, gefertigt aus dunklem Glas und verzauberter Kohle. Er nannte es ein ‚O-LED‘, ein Wort, das wie ein Gebet in einer vergessenen Zunge klang.
Er beschrieb mir nicht etwa eine Laterna Magica, die Licht auf eine Wand wirft, nein – er behauptete, das Glas selbst sei lebendig. Er sprach von Millionen winziger Lichtgeister, organisch und flüchtig, von denen jeder sein eigenes Feuer trägt. Das Erstaunlichste aber war seine Rede über die Finsternis:
‚Wenn jene Geister schlafen‘, so sagte er mit bebender Stimme, ‚dann herrscht dort ein Schwarz, so absolut, wie es Gott nur vor der Erschaffung der Welt gekannt haben mag. Es ist nicht das Schwarz von Ruß oder Tinte, das im Kerzenschein doch nur grau erscheint. Es ist das Nichts. Ein Fenster in die Leere, aus dem im nächsten Augenblick die Farben einer fernen Sonne explodieren können.‘
Er nannte es das Ende der Illusion des Schattens. Wo unsere Maler mit Chiaroscuro ringen, um Tiefe zu heucheln, dort erschaffe diese Tafel die Tiefe selbst, indem sie das Licht an jenen Stellen einfach sterben lässt. Ein Bild, so scharf wie der Schliff eines Diamanten, und doch flüssig wie der Rhein bei Vollmond.
Ich hielt ihn für einen Phantasten, doch sein Blick war erfüllt von einer seltsamen Melancholie, als er auf meine flackernde Gaslaterne starrte und flüsterte: ‚Ihr wisst gar nicht, wie hell das Dunkel leuchten kann.‘“
Ich drängte den Fremdling, mir zu erklären, wie ein solch flaches Glas die Schwere der Welt fassen könne. Er lachte nur und hielt seine Hand flach gegen die Wand.
‚Es hat keinen Körper‘, sagte er. ‚Es ist eine Haut aus Licht, die man an die Wand heftet wie ein hauchzartes Insekt. Es gibt dort keine Zahnräder, keine Glaslinsen und keinen staubigen Projektor, der durch den Raum strahlt. Die Magie geschieht in einer Schicht, die dünner ist als der Flügelschlag einer Libelle.‘
Ich fragte ihn nach der Bewegung, denn ich dachte an die ruckelnden Daumenkinos und die groben Apparate des Herrn Muybridge. Doch der Reisende schüttelte das Haupt.
‚Es ist nicht wie das Flattern von Papier‘, erklärte er, während sein Blick ins Leere schweifte. ‚Wenn sich dort ein Vogel erhebt, so gleitet er nicht über das Glas – er ist das Glas. Es gibt kein Nachziehen, keine Trübung, kein Zögern. Die Zeit selbst scheint auf dieser Tafel flüssig zu werden. Ein Funke jagt den nächsten mit einer Geschwindigkeit, die unser Auge nicht mehr als Folge von Bildern, sondern als reines Werden begreift.‘
Er sprach von einhundertzwanzig Wechsel in einer einzigen Sekunde. Eine Zahl, die meinen Verstand beleidigte! Wie soll der menschliche Geist eine solche Flut an Augenblicken fassen? Er beschrieb es als einen ‚Strom der Zeit‘, eingefangen in einem Rahmen aus kühlem Metall.
Zuletzt fragte ich ihn, ob die Farben nicht verblassen würden, so wie die Pigmente in unseren Fresken. Er sah mich mitleidig an.
‚Die Farben werden nicht gemalt‘, flüsterte er. ‚Sie werden geboren. Jedes Mal aufs Neue, aus dem reinsten Weiß und dem tiefsten Schwarz. Es ist ein ewiger Sonnenaufgang, den man mit einem Fingerzeig herbeirufen kann.‘
Ich schloss mein Buch. Entweder sprach ich mit einem Propheten oder einem Wahnsinnigen.
Schließlich wagte ich die Frage nach dem Gold. Ich fragte den Fremden, in welchem Palast eines Kaisers oder Zaren ein solches Fenster zur Ewigkeit wohl seinen Platz fände und wie viele Generationen von Leibeigenen für dessen Erwerb wohl darben müssten.
Sein Lächeln war von einer Bitterkeit, die ich nicht deuten konnte.
‚In meiner Zeit‘, so sprach er, ‚thront dieses Wunderwerk in den Häusern der Krämer, der Handwerker und der Schreiber. Man tauscht dafür nicht den Ertrag einer Grafschaft ein, sondern lediglich den Lohn weniger Arbeitsmonate. Es ist ein Gut, das in Millionenauflage aus Fabriken quillt, die so groß sind wie ganze Städte.‘
Ich hielt inne. Ein Gegenstand, der das Licht selbst beherrscht, zugänglich für den gemeinen Mann? Er sah meine Verwirrung und fuhr fort:
‚Doch wisst wohl: Die Menschen meiner Ära behandeln es oft wie einen profanen Spiegel. Sie lassen es im Hintergrund flimmern, während sie speisen oder streiten. Sie schauen hindurch, ohne das Wunder des tiefen Schwarz noch zu preisen. Es ist ein Alltagsding geworden – eine Magie, die durch ihre Allgegenwart ihren Zauber eingebüßt hat.‘
Diese Worte trafen mich schwerer als die Kunde von der Technik selbst. Dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, das Licht der Schöpfung in einen Rahmen zu zwingen und es dann mit Gleichgültigkeit zu strafen!
Ich fragte ihn, ob man es wenigstens vererbe, als kostbares Kleinod der Familie. Er schüttelte das Haupt.
‚Nein. Nach zehn oder zwanzig Jahren gilt es als alt, als matt und überholt. Man wirft es fort, um Platz für ein noch helleres, noch flacheres Wunder zu schaffen.‘
Ich legte die Feder beiseite. Ich konnte nicht mehr weiterschreiben. Ein Zeitalter, das solche Schätze wie Abfall behandelt, erschien mir in diesem Moment weitaus dunkler als die schwärzeste Stelle auf seinem gläsernen Schirm. Ich entließ den Fremden in die Nacht. Er ging, ohne ein Geräusch zu hinterlassen, zurück in seine gleißende, undankbare Zukunft.“
Doch als ich später meine Gaslampe löschte und mich auf die Bettkante setzte, starrte ich lange auf die Wand und bildete mir ein, für einen Moment die gähnende Leere jenes vollkommenen Schwarz zu sehen, von dem der Fremdling so sehnsüchtig berichtet hatte.

 
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Hallo Alisan .C

Ich habe deinen Text gerne gelesen. Er ist weitgehend fehlerfrei verfasst und erzählt uns eine Geschichte über einen Fremdling, woher er auch immer kommen mag, jedenfalls aus der Zukunft, der dem neugierigen Zuhörer des späten 19. Jhdt das O-LED auf magisch/geheimnisvolle Weise präsentiert. Einer Technik, die bezogen auf den Erzähler, über hundert Jahre in der Zukunft liegt.
Gut gemacht. So kann man aus einem rein technischen Thema eine erzählenswerte Story fertigen.

Nur hier würde ich etwas ändern:

Die Magie geschieht in einer Schicht, die dünner ist als der Flügelschlag einer Libelle.‘

LG, Manuela :)

 

Hallo Manuela,
vielen Dank für dein Feedback! Es freut mich sehr, dass für dich die Brücke zwischen der Technik und der magischen Erzählweise funktioniert hat. Genau das war mein Ziel. Einen Gegenstand, den wir heute fast schon abgestumpft als alltäglich wahrnehmen, wieder durch die Augen des Staunens zu betrachten.
Dein Hinweis zu der Stelle Die Magie geschieht in einer Schicht...ist sehr wertvoll. Ich schaue mir den Satz noch einmal genau an. Und vielen Dank für deine Zeit.😊

Liebe Grüße,
Alisan

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Alisan .C ,

dein Text gefällt mir und hat mich gefangen gehalten, dennoch bleibt bei mir ein Gefühl zurück, dass der Text meiner Ansicht noch keine klare Form hat.

Kurz gesagt, beschreibst du eine Figur aus der Vergangenheit, die mit einem Menschen aus unserer Gegenwart spricht. Sie reden über den Fernseher. Eine spannende und ungewöhnliche Idee. Erst nach und nach hat sich entschlüsselt, worum es sich bei der technischen Errungenschaft handelt, bei ca. einem dreiviertel des Texts war es mir klar.

Davor war es ein Rätseln, was grundsätzlich spannend ist, jedoch gingen meine Gedanken in so viele verschiedene Richtungen, dass es für mich stellenweise eher verwirrend war. Du erwähnst zu Beginn, dass es sich um das Jahr 1887, jedoch habe ich die Zahl am Anfang nur überflogen, sodass ich sie während des Lesens nicht mehr Kopf hatte. Deswegen hatte ich auch über das Zeitalter gerätselt; kurz dachte ich, dass es einer der Philosophen aus der Antike sein könnte. Dieser Eindruck ist selbstverständlich auch durch meine mangelnde Aufmerksamkeit zu Beginn des Texts verschuldet, aber rührt auch daher:


Wo unsere Maler mit Chiaroscuro ringen, um Tiefe zu heucheln
Zuletzt fragte ich ihn, ob die Farben nicht verblassen würden, so wie die Pigmente in unseren Fresken
Ehrlicherweise habe ich keine Ahnung, wer dieser Maler ist, trotzdem gingen meine Gedanken eher in die Antiker.

Er beschrieb mir nicht etwa eine Laterna Magica,
Und wir verwendest du Latein, oder? --> meine Gedanken: Antike


Allgemein glaube ich, dass es mehr Struktur in deinen Text reinbringen könnte, wenn du deutlicher erwähnst, welche Lebensumstände im Jahr 1887 herrschten, was der aktuelle Stand der Technik zu diesem Zeitpunkt war. So hättest du einen klareren Vergleich. (Ich könnte dir ad hoc nicht sagen, wie die Umstände genau im Jahr 1887 waren).
Klar, du erwähnst Hinweise wie z.B.

keine Glaslinsen und keinen staubigen Projektor, der durch den Raum strahlt.

meine flackernde Gaslaterne starrte

dachte an die ruckelnden Daumenkinos und die groben Apparate des Herrn Muybridge.

Trotzdem haben diese Hinweise bei mir nicht gereicht, um ein klares Bild von dem Zeitalter zu schaffen (was natürlich auch an meinem mangelnden Wissen diesbezüglich liegen kann) Als ich verstanden habe, dass es sich um einen Fernseher handelt, dachte ich ursprünglich, dass es sich um Schwarz-Weiß-Fernseher dreht, was auch an Sätzen wie diesen lag...

Jedes Mal aufs Neue, aus dem reinsten Weiß und dem tiefsten Schwarz.

...bis ich immer wieder über Farben gestolpert bin.

Am Ende war es dann ein klares Bild, dennoch war ich zwischenzeitlich immer wieder verwirrt. Auch hier wäre es vielleicht sinnvoll klarer darzustellen, dass der Mann aus Zukunft aus dem "Heute" kommt und dass du weniger von Schwarz und Weiß sprichst, sondern in solche Sätze auch andere Farben mitreinpackst.


Das sind noch ein paar weitere Leseeindrücke:

Es ist das Nichts.

Beim mehrmaligen Lesen ist mir bewusst geworden, worum es sich bei dem Schwarz, von dem die Rede ist, handelt: Wenn der Fernseher ausgeschaltet ist. Solche Sätze wie "es ist das nichts" sind vielleicht jedoch ein wenig zu philosophisch, führen vielleicht eher noch mehr zu Verwirrung. Ich habe sofort an ein schwarzes Loch gedacht (auch weil du danach explodierende Sonnen erwähnst), was ja die vollkommen falsche Richtung ist.

Ein Fenster in die Leere, aus dem im nächsten Augenblick die Farben einer fernen Sonne explodieren können
Die Formulierung finde ich wiederum sehr passend, denn ein Fernseher ist ja quasi ein Fenster in eine andere Welt.

Er sprach von Millionen winziger Lichtgeister, organisch und flüchtig, von denen jeder sein eigenes Feuer trägt.
Hier deutest du zum erstem Mal an, dass es ein Farbfernseher ist, wobei mich vor allem das Wort "organisch" irritiert hat, denn ich bin davon ausgegangen, dass es sich um etwas lebendiges handelt, wie ein Mensch/ Tier. Wodurch meine ersten Gedanken sehr weit entfernt von einem Fernseher waren.

hielt seine Hand flach gegen die Wand
Warum hält er die Hand an die Wand? Wenn das symbolisieren soll, dass der Fernseher an der Wand ist, ist das etwas uneindeutig, denn unser Fernseher steht z.B. auf einer Kommode.

Ein Bild, so scharf wie der Schliff eines Diamanten, und doch flüssig wie der Rhein bei Vollmond.
Diesen Satz würde ich eher da platzieren; wenn du allgemein von dem Fernseher an sich sprichst und nicht, wenn er schwarz (also aus) ist.

Deckblatt einer Prachtbibel
Hier vergleichst du den Fernseher mit einem Deckblatt, wobei die meisten Fernsehers doch etwas dicker sind (wobei es hier wieder darauf ankommt, in welcher Zeit du den Fremdling verortest)


Allgemein beschreibst du den Fremdling, wie er melancholisch, sehnsüchtig von dem Fernseher erzählt, aber warum tut er es, wenn er ohnehin wieder in seine Zeit zurückkehrt?

Er ging, ohne ein Geräusch zu hinterlassen, zurück in seine gleißende, undankbare Zukunft.

Diese Art der Berichtserstattung würde nur Sinn machen, wenn er in der Vergangenheit "festsitzt"
von dem der Fremdling so sehnsüchtig berichtet hatte.

War es Absicht, dass sich diese Wörter reimen?
Sie lassen es im Hintergrund flimmern, während sie speisen oder streiten. Sie schauen hindurch, ohne das Wunder des tiefen Schwarz noch zu preisen

Nun habe ich viel angemerkt, hier kommen meine positiven Eindrücke. Der Abschnitt unten gefällt mir sehr gut. Hier beschreibst du sehr eindrücklich, für wie selbstverständlich wir solch technischen Fortschritt / Wunderwerk halten. Es ist eine faszinierende Technik, die die wenigstens von uns technisch nachvollziehen können (zumindest muss ich das von mir zugeben), von dem die Faszination aber vollkommen verschwunden ist.


Ich schloss mein Buch. Entweder sprach ich mit einem Propheten oder einem Wahnsinnigen.
Schließlich wagte ich die Frage nach dem Gold. Ich fragte den Fremden, in welchem Palast eines Kaisers oder Zaren ein solches Fenster zur Ewigkeit wohl seinen Platz fände und wie viele Generationen von Leibeigenen für dessen Erwerb wohl darben müssten.
Sein Lächeln war von einer Bitterkeit, die ich nicht deuten konnte.
‚In meiner Zeit‘, so sprach er, ‚thront dieses Wunderwerk in den Häusern der Krämer, der Handwerker und der Schreiber. Man tauscht dafür nicht den Ertrag einer Grafschaft ein, sondern lediglich den Lohn weniger Arbeitsmonate. Es ist ein Gut, das in Millionenauflage aus Fabriken quillt, die so groß sind wie ganze Städte.‘
Ich hielt inne. Ein Gegenstand, der das Licht selbst beherrscht, zugänglich für den gemeinen Mann? Er sah meine Verwirrung und fuhr fort:
‚Doch wisst wohl: Die Menschen meiner Ära behandeln es oft wie einen profanen Spiegel. Sie lassen es im Hintergrund flimmern, während sie speisen oder streiten. Sie schauen hindurch, ohne das Wunder des tiefen Schwarz noch zu preisen. Es ist ein Alltagsding geworden – eine Magie, die durch ihre Allgegenwart ihren Zauber eingebüßt hat.

Allgemein gefällt mir deine poetische Sprache sehr gut, du hast eine fantasievolle Stimme, die tolle Bilder erzeugen kann. Ich persönlich glaube, dass deinem Text noch ein wenig Struktur/ klarere Linien und weniger Uneinigkeiten gut tun würden. Das ist selbstverständlich nur meine subjektive Meinung; andere mögen die Verwirrung, die in meinem Kopf entstanden ist, nicht teilen /sich nicht daran stören. Aber vielleicht kannst du ja was mit meinen Gedanken anfangen.

Viele Grüße
Marielle

 

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