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Das Tier

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08.07.2012
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Das Tier

Im letzten Licht des Tages entdeckte ich Wollgras, Fieberklee und Moosbeeren. Juli - der Moderdunst der Sümpfe lag über der Bruchlandschaft. Ich kniete gerade vor den weißen, trichterförmigen Blüten einer Schlangenkrautpflanze, um sie näher zu betrachten, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Ich fuhr herum und erstarrte.
Ich hätte nicht mit Gewissheit sagen können, was für eine Kreatur da vor mir stand, allein die Vernunft legte nahe, dass es ein von Räude oder Tollwut befallener Hund sein musste. Das Tier war riesig. Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, auf mich gerichtet, näherte es sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf. An einigen Stellen seines Körpers hing der Pelz in langen, verklebten Fetzen herab, doch das meiste Fell hatte die Bestie bereits verloren.
Ich erhob mich, zog mein Jagdmesser aus dem Gürtelholster und erwartete den Angriff. So standen wir uns eine Weile gegenüber. Schon bei dieser ersten Begegnung beunruhigte mich etwas an dem Geschöpf, das über den Horror seiner äußeren Erscheinung hinausging. Es war, als sähe mich diese Kreatur, als lese sie meine Gedanken. Mehr noch: Mir schien, das Auftauchen des Monsters in den finnischen Wäldern bei diesem Abendspaziergang gelte ganz konkret mir. Wie es da stand, mich mit stumpfen Augen beobachtend, den ausgemergelten Körper angespannt, – ich konnte nicht anders, als eine Botschaft darin zu sehen.
Ich rechnete bereits damit, die Nacht im Moor zu verbringen. Doch so lautlos, wie das Wesen einige Minuten zuvor hinter mir aus dem Wald getreten war, verschwand es jetzt zwischen Erlen und Birken.


Im Haus hatte ich es nicht ausgehalten, doch hier auf der Terrasse war die Kühle des Flusses zu spüren. Ich trank, rauchte, betrachtete die Reflexionen des Mondlichts im Wodkaglas. Jenseits der Sümpfe dämmerte bereits ein neuer Tag. Ich ging eine Weile auf und ab, setzte mich auf die gepolsterte Bank, lauschte dem Flüstern des Tornionjoki, dem beständigen Wellenschlag, dem Saugen und Schmatzen, mit dem sich sein dunkles Wasser in den Uferkies grub.
Der Alkohol machte mir zu schaffen, rumorte in meinen Eingeweiden. Ich überlegte, ob ich hineingehen oder mich gleich hier übergeben sollte. Zitternd stemmte ich mich hoch. Ein paar Minuten stand ich schwankend so da, beobachtete das Glitzern auf dem schwarzen Rücken des Flusses. Ich trank noch einen Schluck, stellte das Glas auf den Tisch und ging ins Haus. Während ich die Treppe hinabstieg, knöpfte ich mein Hemd auf, zog es aus und ließ es fallen. Ich öffnete die Haustür, durchquerte den Garten, ging den schmalen Weg zum Fluss hinunter.
Meine Jeans landete im Gestrüpp der Böschung. Ich weiß nicht, weshalb ich die Unterhose auszog. Als das Wasser meine Waden umspülte, fuhr die Gewissheit eines baldigen Verhängnisses wie Frost in meine Knochen. Ich machte ein paar Schritte hinein in den Fluss, breitete die Arme aus. So stand ich da, bis in der Stadt die Kirchglocke schlug. Dann kippte ich vornüber in die Dunkelheit.


Ich saß in meinem Versteck und beobachtete das Verblassen der Farben des Sumpfwaldes. Auf meinen Knien lag das Sako 85, ein Jagdgewehr im Kaliber .308 Winchester. Seit Wochen wanderte ich durchs Moor auf der Suche nach dem Tier. Ich hatte mehrere provisorische Ansitze errichtet, an Orten, die mir einen guten Überblick boten. Bei Anbruch der Dämmerung hockte ich nun Tag für Tag in einem dieser Unterstände und wartete auf die unheimliche Kreatur.
Nach meiner Abreise aus Berlin hatte ich mir vorgenommen, unter dem Radar zu fliegen. Ohne Nachtjagdlizenz mit der Sako durch die Dunkelheit zu streifen, war riskant. Ich dachte nicht viel darüber nach, weshalb ich gegen meine Sicherheitsregeln verstieß und es darauf ankommen ließ. Ich hatte einen Hausken-Schalldämpfer an die Waffe montiert und hoffte, meine Exkursionen in der menschenleeren Gegend würden keine Aufmerksamkeit erregen.
Während ich in der Finsternis auf der Lauer lag und durch meinen Nachtsicht-Feldstecher das öde Grüngrau der Sümpfe betrachtete, kehrten meine Gedanken immer häufiger nach Berlin zurück. Ich erreichte schließlich einen Punkt, an dem es mir schien, als wäre dies überhaupt der Zweck der Jagd. Als ginge es dabei um eine schonungslose Rekapitulation der Ereignisse, die zu Klaras Tod und zu meiner vollständigen Niederlage geführt hatten.
Immer wieder erlebte ich Momente äußerster Anspannung, wenn es im Bruchwald knisterte und ein Tier aus dem Schwarz des Unterholzes auf die sumpfige Lichtung trat. Das Wild starrte mit glühenden Augen in die Linse meines Feldstechers. Hirsche, Rehe und Füchse huschten wie Fabelwesen durch die fluoreszierende Landschaft. Eine Rotte Schwarzwild wühlte grunzend den schwammigen Boden durch.
Ab und an wechselte ich vom Feldstecher zur Sako und beobachtete die Tiere durch das Nachtsicht-Vorsatzgerät meines Zielfernrohrs. Häufig entsichterte ich dann die Waffe und suchte den Druckpunkt des Abzugs. Vielleicht erhoffte ich mir von einem Schuss Erlösung, ein Nachlassen der Anspannung. Ich sehnte mich danach, den krampfhaften Zusammenbruch zu beobachten, das Zucken, das Strampeln der Hinterläufe in der Nachtluft. Aber ich schoss nicht, denn ich befürchtete, meine Chance zu verpassen, den Riesenhund zu erwischen.
Drei oder vier Mal pro Woche unternahm ich tagsüber ausgedehnte Pirschgänge durch die Wälder. Ich hoffte, so Informationen zu sammeln, die mir bei meinen nächtlichen Jagden helfen würden. Während ich auf Fährtensuche durch die morastige Bruchlandschaft strich, übte ich mich im Blick des Rehs. Vor Jahrzehnten erwähnte ein Fährtensucher der Emberá in Kolumbien mir gegenüber, dass ein Jäger im Urwald stets den Blick des Rehs anwende, um das Wild nicht zu verschrecken. Jäger, die mit dem Blick des Adlers unterwegs seien, hätten deutlich weniger Erfolg. Ich lernte damals schnell und gründlich. Noch Jahre später, wenn ich auf der Schönhauser Allee jemandem folgte, tarnte ich meine Absichten, indem ich diese Jagdtechnik einsetzte. Und selbst, wenn ich einer Zielperson im Gedränge der U-Bahnstation am Kottbusser Platz ein Stilett in die Nieren stieß, schaute ich mit dem Blick des Rehs in die Welt und wirkte wie einer, der ganz und gar harmlos sein musste.
Auf meinen Pirschgängen entdeckte ich die Fährten der Kreatur. Sie ähnelten den Trittsiegeln von Wölfen, waren allerdings deutlich breiter. Ich fand auch andere Spuren, zottige Fellbüschel im Brombeergestrüpp und Kadaverreste, die von einem Riss stammen mochten.
Ich dachte darüber nach, was Klara von meinen Exkursionen gehalten hätte. Vermutlich hätte sie so etwas gesagt wie: »Ich verstehe zwar nicht, weshalb dir das so wichtig ist, aber wenn es dir so viel bedeutet, unterstütze ich dich gern. Wie kann ich dir helfen?« Anfangs hatte ich mich über ihren unerschütterlichen Wunsch, die Motive anderer Menschen zu respektieren lustig gemacht. Erst nach und nach begriff ich, welche Stärke darin lag.
Als ich sie in der Nacht vor meiner Abreise aus Berlin tot in ihrer Wohnung fand, überraschte es mich kaum. Nicht, dass ich vorher etwas geahnt hätte. Sasha, die Frau, für die ich damals arbeitete, hatte mir einige Tage zuvor mit einem Lächeln erklärt, dass man mich zwar vermissen werde, aber jeder in der Führungsriege der Organisation wünsche mir Glück und einen guten Start in meinem neuen Leben. Zweifellos war die Reaktion der Bruderschaft zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossene Sache gewesen. Klara in dieser Nacht so auzufinden, vergewaltigt, gefoltert und schließlich mit einem Kopfschuss hingerichtet, überraschte mich nicht, weil es mir als folgerichtige Konsequenz meiner verworfenen Taten erschien. Ein Mann wie ich beendete nicht einfach ein Leben des Krieges und Kämpfens, des Tötens und der Zerstörung, der Manipulation und Einschüchterung, indem er mit seiner Geliebten nach Finnland auswanderte.
Hier in der Dunkelheit zu sitzen mit der Sako auf den Knien, fühlte sich in paradoxer Weise richtig an. Ich umschloss den Handgriff des Gewehrs, spürte die Schwere der Waffe. Ich genoss das Gefühl, aktiv zu sein, einen Plan zu haben, eine Strategie. Ich war aus der Lähmung erwacht, die mich seit meiner Ankunft hier in Finnland niedergedrückt hatte.


Der Mann stellte sich als Mikko Lehtinen vor. »Kriminalpolizei Rovaniemi«, sagte er auf Englisch und sein Ausweis schwebte eine Weile vor mir in der Morgenluft. Ich nickte, ohne genauer hinzuschauen. Mit einer knappen Bewegung des Kopfes stellte Lehtinen seinen Assistenten Sami Rautio, Kriminalbeamter aus Tornio, vor. Wir drei standen einen Moment lang schweigend in der Tür meines Hauses, bis ich begriff, dass die beiden hereinkommen wollten. Lehtinen bedankte sich höflich, als ich die Polizisten auf die Terrasse bat. Er nahm mir gegenüber am Holztisch Platz, während Rautio ein paar Meter entfernt stehenblieb, ein ledergebundenes Notizbuch aus dem Jackett zog und aufschlug. Nachdem Lehtinen eine Bemerkung zum Ausblick auf den Tornionjoki gemacht hatte, räusperte er sich und sagte: »Wir sind nicht hier, um Ihnen die Zeit zu stehlen. Ich mache es daher kurz.«
Er sagte, ein Interpol-Kollege habe ihn auf mich aufmerksam gemacht. »Es liegt mir fern, Ihre Vergangenheit diskutieren zu wollen. Aber wenn ein Mann, der in Deutschland mehr als zwanzig Jahre lang für Sasha Rutkina tätig war, hierher nach Finnland kommt, ein Haus bezieht, um sich, wie es scheint, dauerhaft einzurichten, dann weckt das einiges Interesse.«
»Ich verstehe«, sagte ich.
»Wie ich höre, haben Sie vor einigen Wochen in Rovaniemi eine Langwaffe erworben.«
»Das stimmt. Ich bin Jäger.«
Lehtinen nickte. »Gewiss. Ich weiß, dass Sie eine deutsche Jagdlizenz besitzen und deshalb hatte die Waffenzulassungsstelle auch keine Einwände. Es ist nur …«
Ich wartete. Es gab keinen Grund, ihm die Sache zu erleichtern. Wenn er Klartext reden wollte, musste er den ersten Schritt machen.
»Hören Sie«, sagte er. »Ich habe ein paar Quellen in Deutschland angezapft und mich ein bisschen in Ihren Fall eingearbeitet.«
Ich fischte mir eine Zigarette aus der Packung, die auf dem Tisch lag und sagte: »Ich wusste nicht, dass ich für Sie einen Fall darstelle.«
Lehtinen zuckte die Schultern: »Ich halte Sie für einen Profi. Sie wissen, dass niemand Sasha Rutkina den Rücken zuwendet.«
Ich rauchte und dachte über seine Bemerkung nach. »Was wollen Sie von mir?«, fragte ich schließlich.
»Ich möchte Ihnen ein Angebot machen. Nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft gäbe es Möglichkeiten, Sie zu schützen – vorausgesetzt, Sie kooperieren.«
Ich stutzte. Ich verstand nicht, worüber der Mann sprach. Lehtinen beobachtete mich. Als er meine Verblüffung bemerkte, sagte er: »Ihnen ist sicher klar, dass Sasha jemanden hierher geschickt hat.«
Ich blies langsam den Rauch aus und dachte angestrengt nach.
»Deshalb haben Sie sich doch die Waffe zugelegt, nehme ich an«, fuhr Lehtinen fort.
Eine Weile sagte niemand ein Wort. Der Fluss rauschte in meinem Kopf und ich hatte Mühe, die Maske der Gelassenheit zu wahren.
»Wie gesagt, ich bin Jäger«, sagte ich schließlich mit brüchiger Stimme, wie mir schien. Lehtinen erhob sich, zog eine Visitenkarte aus der Innentasche seines Jacketts und legte sie auf den Tisch. »Denken Sie in Ruhe über mein Angebot nach. Rufen Sie mich jederzeit an.«
Ich begleitete die beiden Beamten zur Tür und schaute ihnen nach, als sie in einen grauen Volvo stiegen. Rautio fuhr. Ich hatte den Eindruck, dass er lächelte.


Als ich die Kreatur erneut entdeckte, war es bereits August. Den ganzen Tag über hatte ich in der Hitze über meinen Jagdplänen gebrütet, darüber nachgedacht, ob ich das Gebiet meiner Pirsch ausdehnen sollte. Wurde es Zeit, die Strategie zu ändern? Wie wäre es, das Tier mit Ködern anzulocken? Während ich mit verklebtem Hemd auf der Terrasse hinter meinem Haus saß, mir den Schweiß von der Stirn wischte und hinunter zum Fluss sah, der stillzustehen schien, fragte ich mich immer wieder, was das Ganze eigentlich bezwecken sollte. Weshalb wollte ich dieses Tier töten? Ich sagte mir, dass eine Gefahr von dem Geschöpf ausging. Für mich und andere Menschen, die in den Sümpfen spazieren oder wandern gingen, so wenige es auch sein mochten. Natürlich wusste ich, dass das nicht der wahre Grund sein konnte. Der Tag dehnte sich endlos, die Zeit schien erstarrt. Endlich dämmerte es und ich brach auf. Ich bezog mein Versteck und wartete. Mücken und Stechfliegen umschwirrten mich, die Hitze des Tages lastete noch immer auf dem Moor. Ich lauschte dem eigenartigen Grollen von Erdkröten, dem Flöten eines Schilfrohrsängers und all den anderen Geräuschen im abendlichen Sumpf, dem Plätschern, Tropfen und Rascheln. Aus weiter Ferne waren die Rufe von Kranichen zu hören und über dem Schilf flatterten jagende Fledermäuse.
Die Kreatur betrat die Lichtung in geduckter Haltung, bereit, jederzeit zurück ins Unterholz zu springen. Etwas Lauerndes, Verschlagenes lag in der Art, wie sie durch die Dunkelheit schlich. Ich justierte mein Nachtglas, zoomte das Tier heran und betrachtete jede Einzelheit. In der digitalen Optik des Feldstechers wirkte es noch irrealer, als bei unserer ersten Begegnung. Inmitten der flimmernden Grüntöne setzten sich die leuchtenden Konturen seiner Gestalt deutlich vor dem dunklen Schleier des Sumpfwaldes ab. Ich betrachtete den ausgemergelten Körper, das verklebte, struppige Fell, das nervöse Zucken der Lefzen. Ich ließ das Glas sinken und ergriff mein Gewehr. Ich bettete es auf meinen Jagdrucksack und visierte durch das Zielfernrohr. Bleich und geisterhaft huschte das Tier über die Freifläche, hielt einen Moment lang inne und blickte sich wie suchend um. Etwas durchzuckte mich, als es in meine Richtung starrte. Ein Zittern erfasste den Leib der Kreatur. Die Bestie öffnete den Rachen, warf den Kopf ein paar Mal hin und her und würgte schließlich etwas hervor, das im glühenden Weiß der Nachtsichtoptik wie der Rest eines kleinen Tiers aussah. Dann hielt das Geschöpf erneut inne und richtete seine Augen wieder auf mich, zumindest erschien es mir in dem Moment genau so. Eine Zeitlang geschah nichts. Das Wesen starrte in meine Richtung, und ich beobachtete es mit stockendem Atem. Als ich den Finger an den Abzug legte, ging ein Ruck durch den schimmernden Leib der Kreatur und sie begann, über das Erbrochene zu lecken und es schließlich zu verschlingen.
Ich beobachtete dieses seltsame Verhalten eine Weile, doch dann drängte mich etwas, endlich den befreienden Schuss abzufeuern. Als das Tier seitlich zu mir stand, zielte ich auf seinen Brustkorb. Das Geschoss würde beide Lungen durchschlagen und dann wäre der Spuk endgültig vorbei. Ich drückte den Kolben der Waffe in die Schulter, atmete aus und schoss. Der Knall jagte trocken über den Sumpf, das Untier sprang buckelnd in die Höhe. Ein eindeutiger Treffer. Im Nachtsichtglas der Sako sah ich, wie es eine große Menge Blut verspritzte, auf die Seite fiel und ein paar Sekunden lang in Krämpfen mit den Läufen ruderte. Dann bewegte sich das Tier nicht mehr.
Ich setzte das Gewehr ab, knipste die Rotlichtstirnlampe an und zog den Klappspaten aus dem Rucksack. Ich nahm meine Ausrüstung und ging im Schein der Stirnlampe über die Lichtung bis zu der Stelle, wo ich das Tier erlegt hatte.
Ich fand den Anschuss ohne Probleme. Da war viel schaumiges Blut, zweifellos ein Lungenschuss. Doch das Tier war fort. Zunächst nahm ich an, die Kreatur hätte sich ein letztes Mal aufgerappelt und ein paar Meter weiter geschleppt. Ich suchte eine halbe Stunde lang den Boden ab, doch es gab keine Spuren, die vom Anschuss wegführten. Kein Trittsiegel, kein Blut. Nichts. Das Wesen war fort. Ich stand in der Dunkelheit und zitterte.


Klara hasste es, wenn ich mich verspätete. Sie schmollte dann eine Weile und ließ mich durch bissige Bemerkungen wissen, was sie von meiner Unpünktlichkeit hielt. Nach und nach begriff ich, dass diese Eigenart keine Marotte war. Alles in Klaras Universum war aufrecht, geradeaus und verbindlich. Eine Verabredung war für sie eine Vereinbarung, ja ein Versprechen.
Umso seltsamer erschien mir, dass sie sich auf mich eingelassen hatte – einen Mann der Lüge, der Täuschung und des Verrats. Im Auftrag von Sasha und der Bruderschaft infiltrierte ich Organisationen und Institutionen, sammelte Informationen, spähte Feinde und Konkurrenten aus. Die Kunst der List, die ich für Sasha einsetzte, wandte ich zunächst auch bei Klara an.
Zwei Jahre lang hielt sie mich für einen Sicherheitsberater, den Firmen zur Abwehr von Wirtschaftsspionage und Sabotage konsultierten. Der Vorwand, die Regeln meines Berufs verpflichteten mich zu Vertraulichkeit und Diskretion, eignete sich ideal zur Tarnung meiner wirklichen Tätigkeiten. Ich ließ zu, dass dieses Bild allmählich Risse bekam. Irgendwann ahnte Klara, dass hinter meinen nächtlichen Einsätzen mehr steckte, als ich vorgab.
Tatsächlich wünschte ich mir schließlich, sie einzuweihen. Ich wollte diese Beichte. Ich wollte wissen, ob in den Augen meiner Geliebten, die letztlich jedem Menschen gute Absichten unterstellte, auch für mich Hoffnung bestand. Doch statt eines offenen Gesprächs führten wir Stellvertreterdiskussionen.
»All die Leute, die man hier über die Klinge springen lässt«, sagte sie eines Abends, als wir beim Italiener in der Nähe des Kollwitzplatzes saßen, »das ist im Grunde doppelt tragisch.« Sie sprach von einem Bekannten, der mit dem beruflichen Druck als Pfleger im Krankenhaus Friedrichshain nicht zurechtkam, seinen Dienst quittierte und nun ausgelaugt und depressiv zu Hause auf der Couch saß. »Schadet den Menschen und schadet der Gesellschaft.«
»Schätze, einige könnten auch anfangen, sich selbst aus der Scheiße zu ziehen«, sagte ich. Es war das übliche Vorspiel zu unserer Generaldebatte.
»Das hier«, sie machte eine Geste, die die ganze Welt zu umfassen schien, »ist die Wurzel des Übels. Das System. Der Kapitalismus. Oder glaubst du, die Menschen stehen morgens auf und sagen sich: Heute will ich mal so richtig mies, faul und destruktiv sein?«
Ich nahm einen Schluck Wein, stieß meine Gabel in die Makkaroni und sagte: »Glaub mir, Süße, es gibt eine Menge Arschlöcher in dieser Welt, die dein Mitgefühl nicht verdienen.«
»Gerade die verdienen es«, erwiderte sie ernst und sah mich erwartungsvoll an. »Oder meinst du, sie waren von Anfang an Arschlöcher?«
Ich zuckte die Schultern. »Kann ich nicht beurteilen. Einige bekommen, was sie verdienen, andere nicht. So sehe ich das.«
In diesen Diskussionen schien Klara etwas abzuklopfen, schien sie herausfinden zu wollen, wie weit unsere ethischen Grundsätze voneinander entfernt waren. Nur mein Narzissmus ließ mich glauben, sie wäre bei mir geblieben, hätte sie die Wahrheit gekannt.


Etwas hatte sich geändert. Ich hockte im Unterholz und schaute im schwindenden Licht des letzten Augusttages auf das Moor. Mit dem Glas suchte ich den Waldrand ab, beobachtete zwei Elche, die äsend im morastigen Wasser standen. Der Sumpf wirkte seltsam still und leer. Allmählich versank die Bruchlandschaft in tiefer Dunkelheit. Ich wechselte zu meiner Nachtsichtoptik und spähte durch das Okular des Feldstechers in die grün verrauschte Welt. Mir fiel auf, dass jetzt ein tiefes Schweigen über dem Moor lag. Selbst das permanente Tropfen, Glucksen und Plätschern des Wassers war zur Ruhe gekommen.
In diesem Moment trat das Tier aus dem Dickicht. Es war, als träte es aus der Schwärze eines fernen, außerweltlichen Raumes in meine Realität. Die Kreatur bewegte sich auf mich zu, langsam aber zielgerichtet. Und wieder hatte ich den Eindruck, von dem Wesen durchschaut zu werden. Ich spürte, dass dieses Untier mich sah. Ich setzte den Feldstecher ab, nahm die Sako, prüfte die Visiereinstellung des Zielfernrohrs. Die Entfernung stimmte. Ich visierte durch die Optik. Das Fadenkreuz bewegte sich im Rhythmus meines Atems über dem Brustkorb des Riesenhundes. Ein Treffer würde die Arterien, die Lungen und mit etwas Glück das Herz des Monsters durchschlagen. Ich entsicherte, atmete aus und legte den Finger an den Abzug. In diesem Augenblick hielt das Tier inne. Es blieb stehen und schaute mich mit seinen milchigen Augen an. Sekunden vergingen.
Ich setzte die Waffe ab. Einen Moment lang hockte ich in der Schwärze, dann sicherte ich das Gewehr und schaltete die Nachtsichtoptik ab. Ich packte meine Ausrüstung zusammen und verließ mein Versteck. Ohne die Stirnlampe einzuschalten ging ich durch die Finsternis. Der morastige Boden schmatzte unter meinen Stiefeln. Im Morgengrauen erreichte ich den Tornionjoki, ging an seinem Ufer entlang bis zu meinem Haus. Ich durchquerte den Garten, legte auf dem Tisch der Terrasse das Gewehr und meinen Rucksack ab. Ich setzte mich auf die Bank und wartete auf den Sonnenaufgang.


Der Zeitpunkt war nicht ideal. Der Auftrag, der vor mir lag, bereitete mir Kopfschmerzen. Einer von Sashas wichtigsten Männern hatte die Seiten gewechselt. Niemand wusste, ob er ahnte, dass die Chefin von seinem Verrat Wind bekommen hatte, aber ich hielt es für möglich. Ich machte mich darauf gefasst, beim Betreten seiner Wohnung im Brunnenviertelkiez der Mündung einer Schrotflinte gegenüber zustehen. Ich hätte es an diesem Morgen deshalb vorgezogen, allein in meinem Bett aufzuwachen, aber Klara war mitten in der Nacht bei mir aufgetaucht und sagte, dass sie mir eine wichtige Neuigkeit mitteilen wollte. Wir tranken Wodka, liebten uns zum Sound von Dopes to Infinity und ich nahm an, Klaras wichtige Neuigkeit wäre nur der Vorwand für einen spontanen Besuch gewesen.
Doch als ich an diesem Morgen die Küche betrat, lag neben dem dampfenden Kaffeebecher die Kopie eines Ultraschallbildes. Klara lehnte am offenen Fenster und sah hinaus zum Park, wo in Nebelschwaden still die Kastanien standen. Ich betrachtete das Bild und begriff nicht sofort, was ich da sah.
»Achte Woche«, sagte Klara. Sie schaute unverwandt auf die Bäume im Park. »Wenn du heute Abend nach der Arbeit Zeit hast, sollten wir reden.«


Sashas Mann erschien an einem Sonntag gegen zwanzig Uhr. Auch er beherrschte den Blick des Rehs. Freundlich, zurückhaltend, gut gekleidet stand er in meiner Haustür. Ein Mann um die sechzig, die Andeutung eines Lächelns lag auf seinen Lippen. Er stellte sich als William Ashborn vor und ich bat ihn herein. Kurz darauf saßen wir auf der Terrasse hinter dem Haus bei einem Glas Wodka und schauten hinunter zum Fluss.
»Ich habe eine Weile gebraucht, um Sie zu finden«, sagte er und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Er hatte aufmerksam beobachtet, wie ich eine neue Flasche angebrochen, unsere Gläser gefüllt und zuerst getrunken hatte.
Ich nickte.
»Dennoch schien mir, dass Sie nicht viel Mühe darauf verwandt haben, Ihre Spuren zu verwischen.«
Ich trank, nahm mir eine Zigarette und zündete sie an.
»Ich dachte nicht, dass das notwendig wäre.«
Ashborn sah mich erstaunt an. »Offen gesprochen, das verstehe ich nicht.« Nach einer Weile setzte er hinzu: »Dachten Sie, sie lässt Sie einfach gehen?«
Ich rauchte, blies den Rauch aus und sagte: »Ja, das hatte ich angenommen.«
Ashborn betrachtete mich mit unverholener Neugier. »Ihr ganzes Leben lang waren Sie Profi. Und dann vermasseln Sie es wie ein blutiger Amateur. Was ist passiert?«
Eine Weile schwiegen wir. Ich sah Klara vor mir. Ich sah, wie sie eine Locke ihres Haars um den Finger wickelte, wenn sie abends von ihrem Tag erzählte.
»Zwanzig Jahre«, sagte ich schließlich. »Ich habe zwanzig Jahre lang einen guten Job gemacht.«
Ashborn nickte. »Ich weiß.«
»Wenn man so lange mit einer Bestie zu tun hat, sieht man sie nicht mehr als Bestie.«
Ashborn schien zu zweifeln. »Ich weiß nicht. Ist es nicht eher so, dass diese Frau, Klara, Ihren Blick auf die Welt getrübt hat?«
Wie sollte ich ihm erklären, dass er falsch lag? Wie sollte ich diesem Mann klarmachen, dass es Klara war, die mich befreit hatte?
»Wie auch immer, ich möchte Ihnen folgenden Vorschlag unterbreiten. Kommen Sie zurück. Die Bruderschaft wäre bereit, das Ganze als einmaligen Fehler zu betrachten. Ihre Kompetenzen sind einmalig. Sasha hätte Sie gern zurück. Kommen Sie nach Hause.«
Ich rauchte und beobachtete, wie sich die Gräser an den Ufern des Flusses im Wind bogen.
»Sie kennen die Alternative«, fuhr Ashborn fort. »Offen gesagt tut mir es mir sehr leid, was Klara zugestoßen ist. Ich habe es erst hinterher erfahren. Wenn es nach mir gegangen wäre … Ich hätte eine andere Lösung gefunden.«
»Darf ich Sie etwas fragen?«
»Selbstverständlich.«
»Wie lange arbeiten Sie in dem Job. Ich meine nicht für Sasha, sondern ganz allgemein.«
Ashborn schabte mit den Fingern über das Kinn. »Ich schätze, das sind so vierzig Jahre, alles in allem.«
»Und haben Sie es jemals für möglich gehalten, dass wir die Bösen sind?«
Ich kannte seine Antwort. Ich kannte sie auswendig.
»Gut und böse«, sagte Ashborn. »Das sind doch nur Worte. Erfindungen. Konzepte. Man bringt sie Menschen bei, um sie zu kontrollieren. Es sind Vokabeln eines Amateurs. Nicht meine. Und nicht Ihre.«
Eine Minute oder länger saßen wir da und lauschten dem Geräusch des Wassers. Es war ein schöner Moment.
»Sollten Sie sich gegen meinen Vorschlag entscheiden«, sagte Ashborn schließlich, »wäre das sehr bedauerlich. Sie wissen, dass die Bruderschaft in diesem Fall von einem feindlichen Akt ausgehen würde.«
Ich nickte. Einen Augenblick lang faszinierte es mich, dass ich zum ersten Mal auf der anderen Seite der Feuerline stand. Ich wusste, dass kein Mensch der Rache der Bruderschaft auf Dauer entgehen konnte. Mit viel Glück wehrte man einen ihrer Mörder ab. Ich hätte es jetzt sofort bei Ashborn versuchen könne, aber ich bezweifelte, dass ich erfolgreich gewesen wäre. Ich besaß nicht mehr, was es dazu brauchte. Doch selbst, wenn es mir gelänge, ihm mit einer schnellen Bewegung die Wodkaflasche auf dem Schädel zu zerschmettern, wenn es mir gelänge, ihn mit einem Schlag auf den Kehlkopf zu paralysieren, um ihm dann mit dem Löwentötergriff die Halswirbel zu brechen – selbst dann wäre es kein endgültiger Sieg. Auf Ashborn würden weitere folgen. Unmöglich, sie alle zu töten.
Ich begleitete Ashborn zur Tür und wir schüttelten uns wie Freunde die Hände.
»Treffen Sie die richtige Wahl«, sagte er. »Sasha braucht Ihre Entscheidung innerhalb von zwei Tagen.«
Ich nickte, winkte ihm zu Abschied und schloss die Tür.
Ich ging zurück auf die Terrasse, goss mein Glas voll und trank. Ich setzte mich an den Tisch, schaute in die untergehende Sonne und wartete auf das Krachen des Schusses.

 

Hallo @Achillus ,

ich habe deine Geschichte gern durchgelesen, was gut in einem Rutsch ging, du hast eine angenehm klare Sprache und ich hatte bei dieser Geschichte auch null Fragezeichen in Bezug auf Verständnis des Plots, der Figuren und der Idee, die dahintersteckt.
Und während ich so las, dachte ich, dass dies hier ein typischer Achillestext ist, einsamer Wolf, sprich Mann, auf jeden Fall bewaffnet, zieht seine Bahnen und man begleitet ihn als Leser.
Für mich ist klar, dass das "Tier" letztendlich die Verkörperung des Mannes ist, der auf eine sehr spezielle Art mit seiner Trennung und seiner Trauer umgeht. Mir hat das gefallen, wie du das verarbeitest.
Ich bin mir fast sicher, dass sich @Katla über die Schilderungen der finnischen Sumpf- oder Moorlandschaft freuen wird, mir hat es ebenfalls gut gefallen, obgleich ich noch nie in Finnland war, habe es aber als sehr stimmig empfunden. Übrigens habe ich zunächst die Landschaft der Hochmoore in Schottland dazu vor Augen gehabt, aber das nur am Rande.

Dieser Wunsch, nicht mehr leben zu wollen, der sich in der Handlung verkörpert, dass er das Tier tötet, ist für mich das tragende Thema dieser Geschichte und ich finde gut, dass du an keiner Stelle den Faden verlierst und ich finde auch gut, dass die Geschichte insgesamt in einem gleichbleibenden Rhythmus verbleibt. Gut gemacht. Ich habe auch total wenig zu wünschen übrig, wie du gleich sehen wirst.

Die erste Begegnung mit dem Tier hätte ich mir noch mystischer, gefährlicher, bedrohlicher, irritierender gewünscht, such dir eine dieser Eigenschaften aus, die dich am ehesten anspringt. Denn diese Begegnung ist ja der Kern und die Interaktion geht mir etwas zu rasch voran.
Später ist ja stets eine gehörige Distanz zwischen ihm und dem Tier, da kommen kaum Emotionen auf und insoweit ergibt sich auch kaum die Möglichkeit diese besondere Atmosphäre zwischen den beiden zu intensivieren. Eben, weil Distanz dazwischen liegt.

Mir ist auch das Auffinden des Tieres, vielmehr das Verschwinden des Tieres etwas zu kurz gekommen. Wie empfindet der Protagonist das? Das lässt du aus, aber genau das wäre hier interessant zu erfahren, wie es ihm damit ergeht. Da ist er mir zu gelassen. Er fragt sich zu wenig.
Vielleicht wolltest du ihn so anlegen, dass er hier absolut sich schon in sein Schicksal ergeben hat, einfach, weil ihm alles egal geworden ist. Das könnte ich mir vorstellen. Aber jemand, der vielleicht noch sehr am Leben hängt, würde hier mehr Fragen stellen, was da passiert sein könnte, viel intensiver suchen.
Also Fazit: Hier fehlt mir noch eine Ecke Darstellung dazu, wie es im Inneren des Protagonisten aussieht, egal wohin.

Ich trank noch einen Schluck, stellte das Glas auf den Tisch und ging ins Haus. Während ich die Treppe hinabstieg, knöpfte ich mein Hemd auf, zog es aus und ließ es fallen. Ich öffnete die Haustür, durchquerte den Garten, ging den schmalen Weg zum Fluss hinunter.
Hier stutzte ich, weil er ins Haus ging, ob nun Treppe rauf oder ohne, also Parterre war anfänglich für mich nicht von Interesse. Aber gleich im nächsten Satz geht er die Treppe hinab, ergo muss er sie vorher hochgegangen sein. Hier kommt also die zweite Info zu spät.

Anfangs hatte ich mich über ihren unerschütterlichen Wunsch, die Motive anderer Menschen zu respektieren lustig gemacht.
Mein Gefühl sagt mir, aber ich bin nicht sattelfest bei Interpunktion, dass vor "lustig gemacht" ein Komma müsste.
. Klara in dieser Nacht so auzufinden,
aufzufinden
Hier in der Dunkelheit zu sitzen mit der Sako auf den Knien, fühlte sich in paradoxer Weise richtig an.
Auch hier bin ich unsicher, würde gefühlt "mit der Sako auf den Knien" auf beiden Seiten mit Komma versehen.
Ich begleitete die beiden Beamten zur Tür und schaute ihnen nach
Am Ende wirst du etwas wortreicher, aber nicht unbedingt informationsreicher. Ich würde diesen Satz streichen. Und jetzt kommen gleich noch ein paar.
Niemand wusste, ob er ahnte, dass die Chefin von seinem Verrat Wind bekommen hatte,
Ups, erst jetzt erfahre ich, dass Sascha eine Frau ist und ich überlege, ob es mich stört, dass es erst hier passiert. Bin da unentschieden, sorry.

mich mit unverholener Neugier. »
verhohlener, weil das Adjektiv ja hohl ist
»Sollten Sie sich gegen meinen Vorschlag entscheiden«, sagte Ashborn schließlich, »wäre das sehr bedauerlich. Sie wissen, dass die Bruderschaft in diesem Fall von einem feindlichen Akt ausgehen würde.«
Könntest du komplett streichen, ohne dass dem Leser etwas fehlt.
Mit viel Glück wehrte man einen ihrer Mörder ab. Ich hätte es jetzt sofort bei Ashborn versuchen könne, aber ich bezweifelte, dass ich erfolgreich gewesen wäre. Ich besaß nicht mehr, was es dazu brauchte.
Ich würde hier kürzen: Mit viel Glück wehrte man einen ihrer Mörder ab. Aber ich besaß nicht mehr, was es dazu brauchte.
mit dem Löwentötergriff die Halswirbel zu brechen –
Entweder oder, also mit dem Löwentötergriff oder nur die Halswirbel, zusammen genommen ist es etwas übererklärend.
Auf Ashborn würden weitere folgen.
Das weiß man als Leser bereits.
Unmöglich, sie alle zu töten.
dito
und wartete auf das Krachen des Schusses.
Eine Frage an den Ballistiker: Kann man als Betroffener, als Getroffener den Schuss noch hören oder ist er zeitgleich mit dem Tod, soweit dieser Schuss tödlich ist?


Lieben Gruß

lakita

 
Zuletzt bearbeitet:

Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, auf mich gerichtet, näherte es sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf.
Starke Story, @Achillus, hat mir gefallen, atmosphärisch sehr dicht und spannend erzählt, auch wenn der obige Satz nochmal überarbeitet werden sollte.
lauschte dem Flüstern des Tornionjoki, dem beständigen Wellenschlag, dem Saugen und Schmatzen, mit dem sich sein dunkles Wasser in den Uferkies grub.
Gefällt mir gut, schön eingefangen, ich kann es mir vorstellen und höre es!
Ich trank noch einen Schluck, stellte das Glas auf den Tisch und ging ins Haus. Während ich die Treppe hinabstieg, knöpfte ich mein Hemd auf, zog es aus und ließ es fallen. Ich öffnete die Haustür, durchquerte den Garten, ging den schmalen Weg zum Fluss hinunter.
An dieser Stelle hätte ich vermutet, dass er die Treppe zunächst hinaufsteigen müsste von der Terrasse aus, hat mich etwas verwirrt.
Anfangs hatte ich mich über ihren unerschütterlichen Wunsch, die Motive anderer Menschen zu respektieren lustig gemacht.
Würde ein zweites Komma setzen.
wünsche mir Glück und einen guten Start in meinem neuen Leben.
Besser klingen würde m.E. "einen guten Start ins neue Leben", vielleicht Geschmackssache.
Der Sumpf wirkte seltsam still und leer. Allmählich versank die Bruchlandschaft in tiefer Dunkelheit. Ich wechselte zu meiner Nachtsichtoptik und spähte durch das Okular des Feldstechers in die grün verrauschte Welt. Mir fiel auf, dass jetzt ein tiefes Schweigen über dem Moor lag.
Ein bisschen übererzählt, klingt gedoppelt.

schaute in die untergehende Sonne und wartete auf das Krachen des Schusses.
Bin nicht sicher, ob man den Schuss hören würde, oder ob die Kugel vor der akustischen Wahrnehmung trifft.

Ansonsten hat mich die Geschichte sehr angesprochen, nicht nur, weil ich mich in letzter Zeit viel in der Gegend Schönhauser Allee und Kollwitzplatz bewegt habe. Ich muss nicht wissen, wer oder was die Bruderschaft ist. Ich kann mich mit Leerstellen arrangieren. Die Geschichte mit Klara fand ich etwas drüber (erhöhter Schockeffekt mit Schwangerschaft, Vergewaltigung usw.) und es war mir auch nicht klar, warum das passieren musste. Das fand ich nicht so ganz glaubwürdig, hab ich nicht gekauft.
Alles andere, vor allem deine dichten Beschreibungen, schon.

Gern gelesen und schönen Gruß in den Prenzlauer Berg von

Jaylow

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Achillus!

Starke Geschichte, hat mir gut gefallen. Der Einstieg ist gelungen und spannend, zieht mich sofort rein. Gekonnt erzählt und dichte Atmosphäre. Unter der Oberfläche der Handlung … eine zweite Ebene, und, obwohl du – im Nachhinein betrachtet – vielleicht einen Hinweis zu viel eingebaut hast, erlebte ich das Ende dann schließlich dennoch nicht nur als schlüssig, sondern überraschend.

Ein paar Stellen:

Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, auf mich gerichtet, näherte es sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf.
Der Satz ist n bissl verschachtelt, der könnt eleganter gehen, evtl. aufteilen:
Aus den Augen, die es auf mich richtete, tropfte milchiges Sekret. Es näherte sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf.

Es war, als sähe mich diese Kreatur, als lese sie meine Gedanken.
Ich denke, ich weiß, wie das gemeint ist, aber dennoch hatte ich den Gedanken: Natürlich sieht es dich, wenn es die Augen auf dich gerichtet hat ... 'als sähe diese Kreatur in mein Inneres' oder so was. Oder vlt reicht auch 'als kenne sie meine Gedanken'.
(Das ist übrigens der erste der beiden Hinweise auf den Schluss, weshalb es womöglich besser wäre, das kurz und beiläufig zu beschreiben).

in den finnischen Wäldern bei diesem Abendspaziergang gelte ganz konkret mir.
'ganz konkret' gefällt mir sprachlich nicht, passt nach meinem Gefühl nicht zum Duktus.
vorschlag: so was wie 'gelte allein mir'.


Ich rechnete bereits damit, die Nacht im Moor zu verbringen.
Den verstehe ich nicht? Und dann:
Im Haus hatte ich es nicht ausgehalten, doch hier auf der Terrasse war die Kühle des Flusses zu spüren. Ich trank, rauchte, betrachtete die Reflexionen des Mondlichts im Wodkaglas.
Und nun war ich überrascht, weil ich bis dahin dachte, der sei im Wald unterwegs (mitten in der Wildnis). Dass er eigentlich in der Nähe seines Hauses/zuhause ist, sollte als Ortsbestimmung mMn viel früher klar gemacht werden.


übte ich mich im Blick des Rehs. Vor Jahrzehnten erwähnte ein Fährtensucher der Emberá in Kolumbien mir gegenüber, dass ein Jäger im Urwald stets den Blick des Rehs anwende, um das Wild nicht zu verschrecken. Jäger, die mit dem Blick des Adlers unterwegs seien
Stark, das mit den verschiedenen 'Blicken' (und auch gut, dass du das nicht näher erklärst).


Zweifellos war die Reaktion der Bruderschaft zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossene Sache gewesen. Klara in dieser Nacht so auzufinden, vergewaltigt, gefoltert und schließlich mit einem Kopfschuss hingerichtet, überraschte mich nicht, weil es mir als folgerichtige Konsequenz meiner verworfenen Taten erschien. Ein Mann wie ich beendete nicht einfach ein Leben des Krieges und Kämpfens, des Tötens und der Zerstörung, der Manipulation und Einschüchterung, indem er mit seiner Geliebten nach Finnland auswanderte.
Oha, da gehst du wirklich ich die Vollen. (Und dann meinen die von der Bruderschaft, sie könnten ihn – nach so einer Brutalität – zurückgewinnen? - wie ist diese Brutalität überhaupt motiviert?) –

Ich nahm einen Schluck Wein, stieß meine Gabel in die Makkaroni und sagte: »Glaub mir, Süße, es gibt eine Menge Arschlöcher in dieser Welt, die dein Mitgefühl nicht verdienen.«
»Gerade die verdienen es«, erwiderte sie ernst und sah mich erwartungsvoll an. »Oder meinst du, sie waren von Anfang an Arschlöcher?«
Starke Stelle. Noch stärker wäre es, den letzten Gedanken nicht hinzuzzfügen. Also nur:
»Gerade die verdienen es«, erwiderte sie ernst und sah mich erwartungsvoll an.
Doch selbst, wenn es mir gelänge, ihm mit einer schnellen Bewegung die Wodkaflasche auf dem Schädel zu zerschmettern, wenn es mir gelänge, ihn mit einem Schlag auf den Kehlkopf zu paralysieren, um ihm dann mit dem Löwentötergriff die Halswirbel zu brechen – selbst dann wäre es kein endgültiger Sieg. Auf Ashborn würden weitere folgen. Unmöglich, sie alle zu töten.
Siehe Strich: der genaue Griff ist an der Stelle unwichtig (und klingt wie eine Info aus dem Nahkampf-Lexikon). Der letzte Satz ist unnötig und schwächt nur, stärker ohne ihn, eh klar.

Ich ging zurück auf die Terrasse, goss mein Glas voll und trank. Ich setzte mich an den Tisch, schaute in die untergehende Sonne und wartete auf das Krachen des Schusses.
Exzellentes Ende!

Gruß
Flic

 

Hallo @Achillus,

auch ich habe deinen Text wirklich gerne gelesen. Ich fand zwar dass der Anfang etwas holprig war (dazu später mehr), aber der Text hat mich immer mehr gefesselt, bis ich wirklich gefangen war.

Zunächst einmal zu dem allgemeinen Eindruck:
Du hast direkt in den ersten Absätzen sehr viele Türen aufgemacht, von denen man nicht genau wusste, wo sie hinführen. Das ganze hat sich am Anfang etwas überwältigend angefühlt. Für mich war der größte Hook und der Grund, warum ich weitergelesen habe die persönliche Ebene, auf der er dem Tier begegnet. Das Gefühl, dass der Hund ihn persönlich sucht, war genau das Fragezeichen, das mich gefesselt hat. Und das war auch der Teil, der die doch etwas verbrauchte Storyline von einem Auftragskiller/Mafiamitglied, der sich verliebt und dessen Frau ermordet wird, wieder spannend gemacht hat. Ich fand es wirklich sehr schön, was du daraus gemacht hast.
Auch die Art, wie du die Jagd beschreibst, mit Details zu der Waffe und der Natur hat sich sehr authentisch gelesen.

Jetzt kommt der Grund, warum ich den Anfang trotzdem etwas holprig fand:
Das war hauptsächlich der zweite Absatz. Mir hat zum einen ein zeitlicher Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Absatz gefehlt. Zu dem Zeitpunkt war ich als Leser noch nicht so tief in der Geschichte drin, dass ich mit dieser Lücke einfach leben konnte. Außerdem weiß ich nicht genau, was dieser Absatz bewirken soll, außer zu zeigen, dass es ihm nicht gut geht und bald etwas Schlimmes passieren wird. Das ahnt man, meiner Meinung nach, sowieso.
Allgemein bin ich von diesem Absatz hin und her gerissen. Auf der einen Seite finde ich, dass du es geschafft hast, diese Szene wirklich gut darzustellen. Das gesamte Setting mit der Terrasse, dem Fluss und dem Wodka ist sehr gut gelungen. Auf der anderen Seite hat es mich überrascht, nach einigen Sätzen herauszufinden, dass er betrunken ist.

Ich ging eine Weile auf und ab, setzte mich auf die gepolsterte Bank, lauschte dem Flüstern des Tornionjoki, dem beständigen Wellenschlag, dem Saugen und Schmatzen, mit dem sich sein dunkles Wasser in den Uferkies grub.
Der Alkohol machte mir zu schaffen, rumorte in meinen Eingeweiden. Ich überlegte, ob ich hineingehen oder mich gleich hier übergeben sollte.
Dem Fluss zu lauschen und ihn in solchen Details wahrzunehmen ist für mich nicht mit Übelkeit kompatibel. Wenn es mit schlecht geht, und ich so weit bin, dass ich mich vielleicht übergeben muss, lausche ich nicht auf die Natur. Dann ist alles andere nur Lärm. So geht es zumindest mir.

Jetzt zu ein paar textlichen Einzelheiten und Fragen:

Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, auf mich gerichtet, näherte es sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf.
Daraus hätte ich zwei Sätze gemacht, denn so ließt es sich etwas holprig:
Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, waren auf mich gerichtet. Es näherte sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf.
Das Tier war riesig.
Wie groß ungefähr? Du beschreibst das Tier an sich sehr genau, aber die Größe ist dann so schwammig? Ging es ihm bis zur Hüfte, oder sogar bis zur Schulter? Was genau bedeutet für dich riesig?
Doch so lautlos, wie das Wesen einige Minuten zuvor hinter mir aus dem Wald getreten war, verschwand es jetzt zwischen Erlen und Birken.
Da hätte ich mir auch noch eine Beschreibung der Gangart gewünscht. Denn für mich macht es einen Unterschied, ob es schlendert, pirscht oder rennt. Ob es etwas anderes entdeckt hat, oder einfach das Interesse verloren hat.
baldigen Verhängnisses
Das klingt holprig. Sowohl wenn man es laut vorlesen möchte, als auch inhaltlich. Du hast bereits ein sehr spannendes Bild gemalt, die Ankündigung von einem Verhängnis klingt dann jedoch wieder wie der Beginn einer Kindergeschichte, in der man erklären muss, dass etwas Schlimmes passieren wird. Das würde in meinen Augen nur funktionieren, wenn du genau diese Wortwahl im weiteren Text mit einfließen lässt, oder das sonst eine tiefere Bedeutung hat, die ich jedoch nicht finden konnte (aber vielleicht habe ich sie auch übersehen).
nächtlichen Jagden
Auch hier: das mag grammatikalisch richtig sein, aber ich würde das nicht laut vorlesen wollen. Vorschlag: nächtlichen Jagdausflügen (oder ein anderes Wort, was im plural nicht so sperrig klingt, an die Jagd anhängen)
räusperte er sich und sagte: »Wir sind nicht hier, um Ihnen die Zeit zu stehlen. Ich mache es daher kurz.«
Er sagte, ein Interpol-Kollege habe ihn auf mich aufmerksam gemacht. »Es liegt mir fern, Ihre Vergangenheit diskutieren zu wollen. Aber wenn ein Mann, der in Deutschland mehr als zwanzig Jahre lang für Sasha Rutkina tätig war, hierher nach Finnland kommt, ein Haus bezieht, um sich, wie es scheint, dauerhaft einzurichten, dann weckt das einiges Interesse.«
»Ich verstehe«, sagte ich.
Vielleicht ist das deine Art zu schreiben, dann möchte ich dir nicht zu nahe treten, aber es gibt wunderbare Synonyme für das Verb: "sagen". Wenn du hier das mittlere "sagte" austauschst, würde das schon viel ändern. "Er erklärte, ein Interpol-Kollege ..."
Ich stutzte. Ich verstand nicht, worüber der Mann sprach. Lehtinen beobachtete mich. Als er meine Verblüffung bemerkte, sagte er:
Es scheint mir, dass zwischen dem Stutzen und dem bemerken der Verblüffung eine zu lange Zeit verstreicht. Wenn ich stutze, ist das eine spontane Reaktion, die sofort auffallen sollte. Da muss ich nicht erst jemanden beobachten, bis ich das Stutzen bemerke.
Vorschlag: Entweder änderst du das Wort: "stutzte"
Oder du lässt den Satz mit dem Beobachten weg: "Lehtinen bemerkte meine Verblüffung:"
Dann kannst du dir auch das "sagte" danach sparen.

Klara lehnte am offenen Fenster und sah hinaus zum Park, wo in Nebelschwaden still die Kastanien standen. Ich betrachtete das Bild und begriff nicht sofort, was ich da sah.
Eine schöne Beschreibung des Parks, aber in meinen Augen irrelevant für die Geschichte. Außerdem finde ich, dass es ein Klischee ist, dass der Mann ein Ultraschallbild nicht sofort erkennt und seine Rückschlüsse daraus zieht.
und wartete auf das Krachen des Schusses.
Ich dachte, dass er zwei Tage Zeit hat, um eine Entscheidung zu fällen? Oder sollte das ausdrücken, dass er die Entscheidung bereits getroffen hat und darauf wartete, bis irgendwann jemand von Sasha geschickt würde, der ihn erschießt? So klingt es ein wenig so, dass sich dieser Ashborn direkt wieder um das Haus schleichen würde und ihn sofort erschießt.

Alles in Allem bin ich sehr beeindruckt, dass du das Material, mit dem du ein Buch füllen könntest, in eine so kurze Geschichte bekommen hast, ohne dass große Lücken oder Logikfehler auftauchen. Diese Geschichte hat wirklich Potential und ich finde, dass du bereits sehr viel von diesem Potential auf das Papier gebracht hast.

Grüße
DripsDrops

 

Hallo @Achillus

Ich habe bewusst keine anderen Kommentare gelesen und stelle direkt mein Fazit vorneweg, weil meine Anmerkungen unten ziemlich kleinteilig geworden sind.

Fand die Geschichte insgesamt sehr bildlich und anschaulich geschrieben. Schöner Stil. Einige, kleine und übererklärende Stellen haben mich aus dem ansonsten guten Sog gezogen. Der Text ist nicht mein präferiertes Genre, aber ich fand, er hat von Anfang an eine Spannung entwickelt, die ihren Bogen gut halten konnte. Schlussendlich geht es in der Geschichte für mich um einen Mann, der an seiner Arbeit zerbricht, am Töten, und der somit auch sein Umfeld mit in den Abgrund reisst. Die Bestie steht in meiner Lesart für sein eigenes Aufgeben, er erschiesst sie nicht, weil er sich entschlossen hat, es einfach geschehen zu lassen, sozusagen doch die vollen Konsequenzen seiner Flucht nach Finnland und schlussendlich auch seines Lebensstils zu tragen. Er hat nichts mehr, was ihn hält. Da war Klara, aber die ist geschändet und umgebracht worden, die Schuld daran trägt am Ende er. Gerade was sie anbelangt, hätte der Text meiner Meinung nach noch etwas an zusätzlichem Gehalt verdient, damit gewisse Stellen sich heftiger reinkrallen. Klara ist allgemein etwas zu distanziert, sie ist wichtig, aber bleibt eher abstrakt, sie ist mehr Funktion als Figur. Schwierig, aber so mein Eindruck. Auch das ihre Tötung ca. in der Mitte (oder im ersten Drittel) der Story enthüllt wird, finde ich im Nachhinein nicht ganz optimal, etwas später wäre allenfalls (dramaturgisch) besser.

Nun noch meine Gedanken, direkt während dem Lesen aufgeschrieben. Es kann deshalb sein, dass sich gewisse Dinge, die ich anspreche, im Nachhinein relativieren. Alles optional, Du weisst ja.

Ich kniete gerade vor den weißen, trichterförmigen Blüten einer Schlangenkrautpflanze, um sie näher zu betrachten, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm.
Ist das an der Stelle wichtig, warum er das genau macht? Ich frage mich: Wieso sonst sollte er sich zu der Pflanze niederknien? Um sie zu pflücken, ja, aber das passiert ja nicht. Ich finde, es bremst den Satz aus.

Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, auf mich gerichtet, näherte es sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf.
In dem Satz fehlt etwas oder ist sonst ein wenig verquer. Vielleicht auch besser zwei draus machen: Die trüben Augen, aus denen milchiges Sekret tropfte, waren auf mich gerichtet. Es näherte sich, blieb stehen und hob witternd den Kopf.

Mir fallen im ersten Abschnitt auch die Bezeichnungen für das wohl u.a. titelgebende Tier auf: Du hast Hund, Bestie, Monster, Wesen, Kreatur, Geschöpf. Ich würde mich für zwei davon entschliessen und das dann durchziehen, ich finde, es wirkt sonst ein wenig bemüht und es bekommt schnell eine Beliebigkeit, die dazu führt, dass ich den räudigen Hund weniger ernstnehme.

Im Haus hatte ich es nicht ausgehalten, doch hier auf der Terrasse war die Kühle des Flusses zu spüren. Ich trank, rauchte, betrachtete die Reflexionen des Mondlichts im Wodkaglas. Jenseits der Sümpfe dämmerte bereits ein neuer Tag. Ich ging eine Weile auf und ab, setzte mich auf die gepolsterte Bank, lauschte dem Flüstern des Tornionjoki, dem beständigen Wellenschlag, dem Saugen und Schmatzen, mit dem sich sein dunkles Wasser in den Uferkies grub.
Das ist hervorragend geschrieben, finde ich. Die Stimmung kommt super bei mir an.

Als das Wasser meine Waden umspülte, fuhr die Gewissheit eines baldigen Verhängnisses wie Frost in meine Knochen.
Ich weiss nicht, ob dieses Foreshadowing (baldiges Verhängnis) für mich so gut funktioniert. Das ist so unkonkret/bisschen unmotiviert, ich würde ihn einfach die Kälte des Wassers spüren lassen, das reicht. Dass irgendetwas mit ihm (oder diesem Hund) passieren wird, davon gehe ich nach dem Lesen des ersten Abschnitts aus, und mehr sagt der Satz ja nicht.

Bei Anbruch der Dämmerung hockte ich nun Tag für Tag in einem dieser Unterstände und wartete auf die unheimliche Kreatur.
Ich würde generell raten, auf Adjektive wie 'unheimlich' zu verzichten, denn meist haben sie, zumindest bei mir, den gegenteiligen Effekt von dem, was sie eigentlich erreichen wollen. Ich finde, bisher ist der Hund schön mysteriös und eben auch bisschen abgefuckt und unheimlich rübergekommen, da schwächt eine zustätzliche Bekräftigung des Erzählers nur ab.

Nach meiner Abreise aus Berlin hatte ich mir vorgenommen, unter dem Radar zu fliegen.
'Unter dem Radar fliegen' ist eine verbrauchte Formulierung, Alltagssprache. Es mag zu deinem Prot passen, aber an solchen Stellen sehe ich die Möglichkeit, durch eine Eigenformulierung (oder einer zumindest weniger verbrauchten) dem Prot zusätzlich Gesicht zu geben.

Hirsche, Rehe und Füchse huschten wie Fabelwesen durch die fluoreszierende Landschaft. Eine Rotte Schwarzwild wühlte grunzend den schwammigen Boden durch.
Zweiter Satz: Richtig bildhaft, schön. Beim ersten beisse ich mich etwas an den 'Fabelwesen', es gibt dem Text an der Stelle einen Anstrich, der nicht recht zu diesem kargen, abgeschlagenen Mann passt.

Bei der Backstory mit Klara und der vollständigen Niederlage des Prots beginne ich mich zu fragen, wie das verzahnt ist, ob seine Jagd nach dem Hund vielleicht dafür steht, er muss es töten, um selbst seine inneren Dämonen zu besiegen. Ja, dass der Hund vielleicht erst durch sie bedingt wird. Auch das hier deutet für mich darauf hin:

Vielleicht erhoffte ich mir von einem Schuss Erlösung, ein Nachlassen der Anspannung.

übte ich mich im Blick des Rehs. Vor Jahrzehnten erwähnte ein Fährtensucher der Emberá in Kolumbien mir gegenüber, dass ein Jäger im Urwald stets den Blick des Rehs anwende, um das Wild nicht zu verschrecken. Jäger, die mit dem Blick des Adlers unterwegs seien, hätten deutlich weniger Erfolg. Ich lernte damals schnell und gründlich. Noch Jahre später, wenn ich auf der Schönhauser Allee jemandem folgte, tarnte ich meine Absichten, indem ich diese Jagdtechnik einsetzte.
Das ist schön und bildhaft beschrieben, gefällt mir gut. Der eine (tellige) Satz ist aber überflüssig, weil der darauffolgende es viel besser zeigt.

Und selbst[,] wenn ich einer Zielperson im Gedränge der U-Bahnstation am Kottbusser Platz ein Stilett in die Nieren stieß,
Erstes Komma steht im Weg.

Ich fand auch andere Spuren, zottige Fellbüschel im Brombeergestrüpp und Kadaverreste, die von einem Riss stammen mochten.
Auch das finde ich sehr naheliegend und deshalb könnte es meiner Meinung nach weg.

Klara in dieser Nacht so auzufinden, vergewaltigt, gefoltert und schließlich mit einem Kopfschuss hingerichtet, überraschte mich nicht, weil es mir als folgerichtige Konsequenz meiner verworfenen Taten erschien.
Härter und klarer fände ich besser: Klara in dieser Nacht so aufzufinden, vergewaltigt, gefoltert und schließlich mit einem Kopfschuss hingerichtet, war die folgerichtige Konsequenz meiner verworfenen Taten. Das es ihn nicht überraschte hattest Du bereits. Bei 'aufzufinden' fehlt ein 'f'.

Ein Mann wie ich beendete nicht einfach ein Leben des Krieges und Kämpfens, des Tötens und der Zerstörung, der Manipulation und Einschüchterung, indem er mit seiner Geliebten nach Finnland auswanderte.
Bei der Schilderung seiner früheren Tätigkeit, wie er mit der Waffe umgeht, wie zielgerichtet er durch die Wälder streift, da kommt das Unterstrichene bei mir von selbst an. Es wirkt hier wie ein Sicherungsnetz des Autors, damit der Leser ja kapiert, was für ein Typ er ist. Ein Mann wie ich ließ nicht einfach sein Leben hinter sich, indem er mit seiner Geliebten nach Finnland auswanderte. würde mir komplett ausreichen.

Den nächsten Absatz, wo die beiden Polizisten den Prot besuchen, fand ich spannend und gut geschrieben, er untermauert den 'Status' des Charakters, sein Tun, sein Wirken.

Während ich mit verklebtem Hemd auf der Terrasse hinter meinem Haus saß, mir den Schweiß von der Stirn wischte und hinunter zum Fluss sah, der stillzustehen schien, fragte ich mich immer wieder, was das Ganze eigentlich bezwecken sollte.
Das sind zwei verschiedene Beschreibungen, aber sie sagen beide dasselbe aus: Dem Prot ist warm. Ich würde mich für eine davon entscheiden.

Natürlich wusste ich, dass das nicht der wahre Grund sein konnte.
Wenn ich es zuvor richtig interpretiert habe, mit der Backstory, dann wäre ich als Leser dem Erzähler hier voraus, was Absicht (bspw. bei Klamauk) sein kann, in diesem Fall aber eher suboptimal ist.

Sie schmollte dann eine Weile und ließ mich durch bissige Bemerkungen wissen, was sie von meiner Unpünktlichkeit hielt.
Da hier recht umständlich und mit einigem Tell in die Rückblende eingestiegen wird, anstelle lebhafter Beispiele, entfernt mich das etwas vom Charakter von Klara. Ich dachte erst, sie würde absichtlich ein wenig im Schatten gelassen, aber wie ich weiterlese, spürt der Prot dann doch eine tiefere Verbindung zu ihr.

Alles in Klaras Universum war aufrecht, geradeaus und verbindlich. Eine Verabredung war für sie eine Vereinbarung, ja ein Versprechen.
Umso seltsamer erschien mir, dass sie sich auf mich eingelassen hatte – einen Mann der Lüge, der Täuschung und des Verrats. Im Auftrag von Sasha und der Bruderschaft infiltrierte ich Organisationen und Institutionen, sammelte Informationen, spähte Feinde und Konkurrenten aus. Die Kunst der List, die ich für Sasha einsetzte, wandte ich zunächst auch bei Klara an.
Auch hier das Unterstrichene: Klingt gut, aber braucht's das? Es ist hier der Vergleich zwischen Klara und ihm, da werden schön die Gegensätze betont, aber für mich als Leser ist es reine Wiederholung. Dasselbe Gefühl habe ich auch beim danachfolgenden Satz: Im Auftrag von Sasha und der Bruderschaft infiltrierte ich Organisationen und Institutionen, sammelte Informationen, spähte Feinde und Konkurrenten aus. Hier wird es konrektisiert, aber was ähnliches konnte ich mir bereits vorher vorstellen, es stand weniger deutlich ausformuliert schon zuvor im Text.

Dass er die Kunst der List bei ihr angewendet hat, ist schön fies.

Tatsächlich wünschte ich mir schließlich, sie einzuweihen. Ich wollte diese Beichte. Ich wollte wissen, ob in den Augen meiner Geliebten, die letztlich jedem Menschen gute Absichten unterstellte, auch für mich Hoffnung bestand. Doch statt eines offenen Gesprächs führten wir Stellvertreterdiskussionen.
Der letzte Satz klingt schon gut, aber ich bin mir sicher, der Dialog gleich zeigt das viel besser. Weil das hier vorweggenommen wird, lässt es die Spannung erlahmen, es erklärt mir sozusagen im Voraus, was ich danach zu lesen kriege.

Etwas hatte sich geändert. Ich hockte im Unterholz und schaute im schwindenden Licht des letzten Augusttages auf das Moor. Mit dem Glas suchte ich den Waldrand ab, beobachtete zwei Elche, die äsend im morastigen Wasser standen.
Ich wechselte zu meiner Nachtsichtoptik und spähte durch das Okular des Feldstechers in die grün verrauschte Welt.
Spätestens hier beginnt sich die Bildwelt zu wiederholen. Sein Spähen in das dämmernde Licht, die grün verrauschte Umgebung im Feldstecher. Gerade zweiteres kommt praktisch identisch in einem vorherigen Abschnitt vor. Ich verstehe, dass wohl nicht zu viel variiert werden kann, weil der Schauplatz nicht ändert, aber vielleicht sorgsam kürzen an so Stellen?

In diesem Moment trat das Tier aus dem Dickicht. Es war, als träte es aus der Schwärze eines fernen, außerweltlichen Raumes in meine Realität.
'Die Schwärze eines fernen, ausserweltlichen Raumes' hat mich ein wenig aus dem Text gerissen, weil sowas (Abstraktes) vorher nie vorgekommen ist. Der Hund ist gruselig, ja, aber er wird für mich eindeutig als 'irdischen Ursprungs' beschrieben.

Ein Treffer würde die Arterien, die Lungen und mit etwas Glück das Herz des Monsters durchschlagen.
An solchen Stellen verstehe ich, dass er sehr genau weiss, was er tut. Das er hier den Hund nicht erschiesst, steigert die Spannung, weil ich wissen will warum.

Ich hätte es an diesem Morgen deshalb vorgezogen, allein in meinem Bett aufzuwachen, aber Klara war mitten in der Nacht bei mir aufgetaucht und sagte, dass sie mir eine wichtige Neuigkeit mitteilen wollte.
Ehrlich gesagt, ich verstand sofort, worum es sich bei der wichtigen Neuigkeit handelte, dass sie sich direkt im folgenden Satz lieben, unterstreicht es und schliesslich muss ja die Fallhöhe erhöht werden. Ich würde die Neuigkeit weglassen, lass Klara einfach auftauchen, sie haben Sex und am Morgen legt sie das Ultraschallbild neben den Kaffee. Das wäre stärker, überraschender finde ich.

Offen gesagt tut mir es mir sehr leid
Ein 'mir' zuviel.

»Darf ich Sie etwas fragen?«
»Selbstverständlich.«
»Wie lange arbeiten Sie in dem Job. Ich meine nicht für Sasha, sondern ganz allgemein.«
Vielleicht der Frage 'Wie lange arbeiten Sie in dem Job' ein dazugehöriges Zeichen gönnen?

dass ich zum ersten Mal auf der anderen Seite der Feuerline stand
Feuerlinie

Ich hätte es jetzt sofort bei Ashborn versuchen könne, aber ich bezweifelte
können

Ansonsten bleibt mir noch zu sagen, dass ich deine Geschichte gerne gelesen und kommentiert habe.

Beste Grüsse,
d-m

 

Deine Geschichte hat mich in gewisser Weise an Jagdgeschichten von Herrman Löns erinnert, dessen genaue Naturbeschreibungen sehr lebendig waren. Und weil du das so gut machst, sind Worte wie "Horror" unnötig, finde ich, oder stören sogar, denn im Vergleich zu einer detaillierten Beschreibung sind sie eher stumpf.

und erwartete den Angriff
Das finde ich redundant, wenn er schon das Messer zieht, und unerwartet, denn bisher droht das Tier in keiner Weise, und ein erfahrener Jäger wird das sehen.

Mir ist nicht klar, warum er eine Nacht im Moor erwartet. Um es zu jagen? Mir ist auch später nicht klar, warum er im Fluss badet, und es relevant ist, wie er es tut.

Der Mangel an Reaktion auf den übertrieben gewalttätigen Mord an seiner Geliebten ist seltsam. Vielleicht ist er abgestumpft, aber auch das würde sich irgendwie äußern. Hier fehlt irgendwie was. Die übertriebene Gewalt ist in sich ein stumpfes Klischee, besonders, wenn sie mangels Reaktion des Manns und ohne den Leser durch Details zu schockieren, passiert und schon wieder vorbei ist.

Ist die Marke des Gewehrs wichtig, weil sie so oft erwähnt wird? Du beschreibst die sensorische Erfahrung beim Halten der Waffe gut, aber die Marke zu erwähnen, ist irgendwie auch klischeehaft.

Etwas durchzuckte mich, als es in meine Richtung starrte.
Der Mann ist ein Profi und wird nicht zucken. Es gibt sicher eine Gefühlsregung. Vielleicht fühlt er sich ertappt oder bloßgestellt?

Eine etwas provokante Frage: Muss er auf es schießen? Es ist direkt klar, dass er keinen Körper finden wird und die Erwartung wird dann auch erfüllt. Wenn er den Schuss beim ersten Mal unterließe, oder vielleicht zu lange zögern würde, wäre das ein Anlass für ein Feuerwerk an Gedanken und Gründen, und dennoch könnte er die Stelle später untersuchen und die abbrechende Fährte entdecken.

Natürlich wusste ich, dass das nicht der wahre Grund sein konnte.
Magnum P.I. sagt: "Ich weiß, was Sie jetzt denken, und Sie haben Recht." So kommt mir die Stelle vor. Der Satz ist an der Stelle ein Fremdkörper.

All das ist Kleinkram. Ich habe es wirklich gerne gelesen. Das Lesen der Fährte, das Nachvollziehen, was es mit jedem Schritt tat, oder das Rätseln darüber, würde erlauben, noch tiefer in seine Gedanken einzutauchen. Daran siehst Du, wie der Leser mit durch den Wald schleicht. :)

Michael

 

Hallo @Achillus,

schon nach wenigen Zeilen wusste ich, das ist ein typischer Achillustext und wie bei deinen anderen Texten ist das Leseerlebnis ein ambivalentes für mich. Dieser Killertopos, angereichert mit dem Waffenlastigen bis ins Detail ist absolut nicht meins, da nehme ich nichts von mit. Dass er neben seinem Waffenfetisch auch raucht und Wodka trinkt, fügt dem Topos weitere Klischees hinzu, die ich innerlich abhake. Warum ist er nicht mehrdimensionaler?
Andererseits hast du Beschreibungen im Text, die ich zum Niederknien gut finde. Wo ich denke: verdammt, warum fällt dir sowas Gutes nicht ein. Das ist extrem stark und zieht in den Text. Auf den Punkt gebracht: Für mich wäre der Text vom literarischen Standpunkt aus wesentlich stärker, wenn du diese Killer-Rahmenhandlung zusammenstreichen würdest. Diese plakativen Schnippsel der berliner Vergangenheit verwischen das Duell von Bestie und Mensch und auch, was damit zusammenhängt. Warum ist er nicht vorwiegend ein lonesome stranger in der Wildnis? Klar hat die Vergangenheit ihr Gewicht und prägt. Auch klar, dass ihn das verfolgt, aber warum walzt du das so aus? Es geht doch letztlich um die Veränderung von einem schlechten zu einem besserern Menschen, der das Tier scheinbar verschont. Das ist für mich der Kern, dem ich mehr Platz einräumen würde.

Textkram:

Schon bei dieser ersten Begegnung beunruhigte mich etwas an dem Geschöpf, das über den Horror seiner äußeren Erscheinung hinausging
zu viel, wenn das unklarer bleibt, ist es viel stärker.
Mir schien, das Auftauchen des Monsters (Wesens)in den finnischen Wäldern
auch hier: weniger krass wäre für mich stärker.
Ich rechnete bereits damit, die Nacht im Moor zu verbringen. Doch so lautlos, wie das Wesen einige Minuten zuvor hinter mir aus dem Wald getreten war, verschwand es jetzt zwischen Erlen und Birken.
Solche Stellen glänzen, ganz viele gibt es davon, diese nur exemplarisch. Da tritt für mich die Essenz des Textes hervor, befreit vom lauten Waffenradau.
Als das Wasser meine Waden umspülte, fuhr die Gewissheit eines baldigen Verhängnisses wie Frost in meine Knochen. Ich machte ein paar Schritte hinein in den Fluss, breitete die Arme aus. So stand ich da, bis in der Stadt die Kirchglocke schlug. Dann kippte ich vornüber in die Dunkelheit.
sehr starke Stelle.
Ich erreichte schließlich einen Punkt, an dem es mir schien, als wäre dies überhaupt der Zweck der Jagd. Als ginge es dabei um eine schonungslose Rekapitulation der Ereignisse, die zu Klaras Tod und zu meiner vollständigen Niederlage geführt hatten.
Da benennst du den Kern, den Sinn dieser Jagd.
Während ich auf Fährtensuche durch die morastige Bruchlandschaft strich, übte ich mich im Blick des Rehs. Vor Jahrzehnten erwähnte ein Fährtensucher der Emberá in Kolumbien mir gegenüber, dass ein Jäger im Urwald stets den Blick des Rehs anwende, um das Wild nicht zu verschrecken. Jäger, die mit dem Blick des Adlers unterwegs seien, hätten deutlich weniger Erfolg. Ich lernte damals schnell und gründlich.
Sehr gut, fast mystisch.
Als ich sie in der Nacht vor meiner Abreise aus Berlin tot in ihrer Wohnung fand, überraschte es mich kaum.
Klara in dieser Nacht so auzufinden, vergewaltigt, gefoltert und schließlich mit einem Kopfschuss hingerichtet, überraschte mich nicht
Doppelung, zwei Sätze, die beinahe dasselbe sagen. Schreit nach Überarbeitung.
Ein Mann wie ich beendete nicht einfach ein Leben des Krieges und Kämpfens, des Tötens und der Zerstörung, der Manipulation und Einschüchterung, indem er mit seiner Geliebten nach Finnland auswanderte.
Spätestens an der Stelle frage ich mich, ob der Text ohne diesen Killer-Kontext nicht viel stärker wäre. Da ist es nicht mehr weit zu bekannten James-Bond-Mustern der jüngeren Vergangenheit. Später, als er Besuch bekommt von den finnischen Behörden, wäre immer noch Gelegenheit, seine Vergangenheit aufzublättern. Das wäre für mich dann nicht so ausgestellt, wie es derzeit ist, iwie organischer im Text, dezenter als mit diesen plakativen Rückblenden, die zu früh zu viel verraten.
Während ich mit verklebtem Hemd
Diese Satzeröffnung mit Während finde ich persönlich eine Notlösung. Hast du schon vorher irgendwo im Text.
Ich lauschte dem eigenartigen Grollen von Erdkröten, dem Flöten eines Schilfrohrsängers und all den anderen Geräuschen im abendlichen Sumpf, dem Plätschern, Tropfen und Rascheln. Aus weiter Ferne waren die Rufe von Kranichen zu hören und über dem Schilf flatterten jagende Fledermäuse.
Sehr gute Beschreibung, die sehr in den Text hineinzieht.
In der digitalen Optik des Feldstechers wirkte es noch irrealer
Warum nicht unwirklicher?
Bleich und geisterhaft huschte das Tier über die Freifläche, hielt einen Moment lang inne und blickte sich wie suchend um. Etwas durchzuckte mich, als es in meine Richtung starrte. Ein Zittern erfasste den Leib der Kreatur. Die Bestie öffnete den Rachen, warf den Kopf ein paar Mal hin und her und würgte schließlich etwas hervor, das im glühenden Weiß der Nachtsichtoptik wie der Rest eines kleinen Tiers aussah. Dann hielt das Geschöpf erneut inne und richtete seine Augen wieder auf mich, zumindest erschien es mir in dem Moment genau so. Eine Zeitlang geschah nichts. Das Wesen starrte in meine Richtung, und ich beobachtete es mit stockendem Atem. Als ich den Finger an den Abzug legte, ging ein Ruck durch den schimmernden Leib der Kreatur und sie begann, über das Erbrochene zu lecken und es schließlich zu verschlingen.
Das ist eine der faszinierenden Stellen, die den Text tragen, wo ich deinem Prota sehr nah bin. Das hier:
Ich drückte den Kolben der Waffe in die Schulter, atmete aus und schoss.
geht mit dann zu schnell. Das beendet Faszination und Zauber. Warum lässt er das Tier nicht (dieses Mal) ziehen? Gut gelöst hingegen finde ich, dass er das Tier danach nicht findet, dass es vllt. davongekommen ist, wie auch immer das plausibel dargestellt wird. Bin gespannt.
Ich ließ zu, dass dieses Bild allmählich Risse bekam. Irgendwann ahnte Klara, dass hinter meinen nächtlichen Einsätzen mehr steckte, als ich vorgab.
Ich verstehe, dass du diese Konstruktion so brauchst. Leider liest sich der Absatz genau so.
Etwas hatte sich geändert. Ich hockte im Unterholz und schaute im schwindenden Licht des letzten Augusttages auf das Moor. Mit dem Glas suchte ich den Waldrand ab, beobachtete zwei Elche, die äsend im morastigen Wasser standen. Der Sumpf wirkte seltsam still und leer. Allmählich versank die Bruchlandschaft in tiefer Dunkelheit.
Deine Beschreibungen variieren sehr gut, das ist eine große Stärke des Textes.
Selbst das permanente Tropfen, Glucksen und Plätschern des Wassers war zur Ruhe gekommen.
Lese ich hier als Wiederholung.
In diesem Moment trat das Tier aus dem Dickicht. Es war, als träte es aus der Schwärze eines fernen, außerweltlichen Raumes in meine Realität. Die Kreatur bewegte sich auf mich zu, langsam aber zielgerichtet. Und wieder hatte ich den Eindruck, von dem Wesen durchschaut zu werden. Ich spürte, dass dieses Untier mich sah.
Die Realitätsferne verleiht diesem Auftritt etwas Mystisches. Was für ein Wesen mag das sein, das einen Lungenschuss überlebt? Es kann nur eine Projektion aus seinem Inneren sein, eine Spiegelung seiner selbst?
Ein Treffer würde die Arterien, die Lungen und mit etwas Glück das Herz des Monsters durchschlagen.
Würde ich nicht brauchen, finde das zu erklärend, den Lungentreffer gab es schon, Monster ist zu plakativ, könntest du mMn komplett weglassen.
der Mündung einer Schrotflinte gegenüber zustehen.
zu stehen.
lag neben dem dampfenden Kaffeebecher die Kopie eines Ultraschallbildes.
sorry, denke nur: schwanger ist sie auch noch. Mir persönlich ist das viel zu fett.
»Und haben Sie es jemals für möglich gehalten, dass wir die Bösen sind?«
Ich kannte seine Antwort. Ich kannte sie auswendig.
»Gut und böse«, sagte Ashborn. »Das sind doch nur Worte. Erfindungen. Konzepte. Man bringt sie Menschen bei, um sie zu kontrollieren. Es sind Vokabeln eines Amateurs. Nicht meine. Und nicht Ihre.«
Da lese ich 100% Topos, fast schon naiv angehaucht und mir persönlich somit too much.
Ich ging zurück auf die Terrasse, goss mein Glas voll und trank. Ich setzte mich an den Tisch, schaute in die untergehende Sonne und wartete auf das Krachen des Schusses.
In der Logik des Textes ist das konsequent. Der Wandel vom Saulus zum Paulus hat ihn friedfertig und somit verletzlich gemacht. Konsequent ist auch, dass er im zweiten Anlauf das Tier verschont.

Ich stelle mir vor, wie der Prota ohne unnötiges Waffengedöns nur mit einem Messer bewaffnet durch die Wildnis streift, die Auseinandersetzung mit der Bestie sucht, um das Tier in ihm zu töten, das ihn auffrisst. Als Versuch der Läuterung, alles oder nichts, getötet werden oder als ein Anderer überleben. Das wäre für mich persönlich als Prämisse die bessere Wahl.
Unabhängig davonl, wie du meine Lesart aufnimmst, würde ich dir empfehlen, den Killertopos zurückzuschrauben auf das notwendige Minimum, dann wäre mehr Platz für das Mystische und Magische, das auch in ihm geschieht, was den Text für mich stark macht. Die Veränderung würde ich empfehlen, nicht von der Schwangerschaft getriggert zu setzen, sondern anders motiviert, Liebe würde mir reichen. Und der Wandlung mehr Strecke geben, mehr im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Tier zeigen.

So weit meine Gedanken, peace, l2f

 

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