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Das Tor

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12.05.2021
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Das Tor

Sie starrte das Gittertor an und bewegte sich keinen Zentimeter vorwärts. Der Käfig, der LKW, die Männer. Alles an ihr rebellierte, jede Zelle ihres Körpers in höchster Alarmbereitschaft.

Eigentlich hatte alles gut angefangen. Ihre erste Begegnung verlief ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Sie hatten sich gegenseitig beschnuppert und für annehmbar bis sympathisch befunden, und nach einigen vorsichtigen Annäherungen für die kommende Woche verabredet.
Weil die Sonne schien, schlug er einen Spaziergang vor. Der Typ schien in Ordnung zu sein, rauszugehen, in die Natur, das gefiel ihr. Das war auch ihre Art.
Unterwegs musste sie sich bemühen, auf gleicher Höhe mit ihm zu gehen und nicht vorauszueilen, wie es sonst ihre Angewohnheit war. Sie wollte einen guten Eindruck machen, merkte aber schnell, wie schwer ihr diese Anpassung fiel. Sie kannte dieses Spazierengehen nicht. Langsames Gehen war nicht ihr Ding. Normaler Weise rannte sie eher. Jagte förmlich durch die Straßen und über die Felder. Ließ sich von ihrer Neugier treiben, die Sinne offen für die Welt, ihre Geräusche und Gerüche, für neue Reize und unerwartete Begegnungen.
Außerdem verstand sie kaum ein Wort seines aufgeregten Geplappers. Sie kamen ja aus vollkommen unterschiedlichen Welten und sprachen vollkommen unterschiedliche Sprachen. Er zeigte hierhin und deutete dorthin, hob die Stimme, wurde in seiner Aufregung manchmal ein wenig zu laut, erklärte alles Mögliche, und das Wenige, was sie verstand, interessierte sie nicht wirklich. Aber gut, sie wollte sich von ihrer besten Seite zeigen und benahm sich entsprechend gefällig.
Am Ende brachte er sie nach Hause, zu ihrer neuen Gastfamilie, zu der die Frau sie erst vor wenigen Tagen vermittelt hatte. Sie beobachtete vom Fenster aus, wie er das Grundstück über den Hof verließ und auf der anderen Straßenseite die Haustür aufschloss. Er wohnte also direkt nebenan.
Wie praktisch. Wie eigenartig.

Im Hause der Gastfamilie war noch vieles fremd und unbekannt für sie. Es sah anders aus, es roch anders als sie es kannte und es galten andere Sitten und Gebräuche. Es gab Regeln. Obwohl sie spürte, dass ihre neuen Pflegeeltern es ernst meinten und ihr viel Zuneigung entgegenbrachten, war sie noch immer aufgewühlt und fühlte sich in der fremden Umgebung vollkommen überfordert. Wieder ein neuer Ort, der ein Zuhause werden sollte, wieder Vertrauen, das missbraucht werden und wieder neue Hoffnung, die enttäuscht werden konnte. Sie hatte das in den letzten Jahren schon zu oft erlebt.
Aber die Tage verliefen überraschend angenehm und mit jedem neuen Morgen gewöhnte sie sich etwas mehr an ihre neue Lebenssituation, und ihre Vorsicht und Skepsis nahmen ein wenig ab.

Eine Woche später traf sie sich wieder mit ihm. Auch diesmal wollte er Spazierengehen. Sie trabten los, immerhin schon etwas zügiger als beim ersten Mal und auch auf wesentlich interessanteren Wegen. An einem kleinen Bach entlang, vorbei an Tiergehegen, eine Anhöhe hinauf, über grüne Wiesen auf einen Wald zu. Die Strecke gefiel ihr und sein Geplapper hielt sich in Grenzen. Auch gelang die Abstimmung zwischen ihren Bewegungen immer besser. Wenn sie wieder ungeduldig und schnell war, beschleunigte er seine Schritte und holte zu ihr auf, und wenn er unerwartet eine andere Richtung einschlug, gab sie still nach und folgte ihm. Das war eine gute Entwicklung, ausbaufähig, so konnte es weitergehen.
Bis sie das Gittertor bemerkte.
Jäh schoss die Erinnerung ein: an die Männer, die sie gefangen gehalten hatten, die sie schlugen, die sie hungern ließen. An den eisernen Käfig, in dem sie sich kaum bewegen konnte, das quietschende Geräusch seiner schweren Türe, wenn sie geöffnet und wieder geschlossen wurde.
An den LKW, an die endlos lange Fahrt, weg von ihrer vertrauten Umgebung, weg von allem, was sie kannte.
Davor hatte sie auf der Straße gelebt.
Das war gefährlich, das wusste sie. Die tägliche Suche nach Essen, in den Hinterhöfen, in den umgeworfenen Mülltonnen, in den Kisten hinter dem Supermarkt. Zu viele Konkurrenten, zu viele Neider. Kinder, die Steine warfen, Männer, die mit Stöcken nach ihr schlugen. Nachts der Kampf um die wenigen Schlafplätze, die Schutz boten. Das Recht des Stärkeren, das Gesetz der Straße.
Aber sie war auch frei und unabhängig gewesen.
Niemand, der sie in irgendeine Richtung treiben wollte, ihr Regeln und gutes Benehmen einzutrichtern versuchte, niemand, der sie dominieren wollte.

Die Männer und der Käfig hatten dem ein Ende gemacht.
Wochen der Gefangenschaft, der Fußtritte und des Hungers. Endlose Tage der Qual und der Hoffnungslosigkeit. Neben ihr in anderen Käfigen, die anderen Gefangenen. Aber anders als diese, die sich zu wehren versuchten und wütend gegen die Gitterstäbe warfen, die heulten und brüllten, die die Männer aggressiv beschimpften und dafür eins übergebraten bekamen bis ihr Wille dann doch gebrochen war – anders als diese, verhielt sie sich ruhig, versuchte sich die Angst nicht anmerken zu lassen und sich ihren Stolz zu bewahren. Still. Innen. Unsichtbar.

Als sie sich schon fast in ihr auswegloses Schicksal ergeben hatte, kam plötzlich diese fremde Frau, öffnete die Gittertür und nahm sie mit. Ein letztes Mal hörte sie die Türe hinter sich ins Schloss fallen. Sie sah sich nicht um, ging einfach mit. In ein Haus zu einer Gastfamilie in der gleichen Stadt, nicht gut, aber besser als der Käfig. Immerhin wurde sie nicht mehr geschlagen und bekam täglich etwas zu essen. Aber auch hier behandelte man sie respektlos und kommandierte sie herum.
Nach einiger Zeit kam die fremde Frau wieder, holte sie dort weg und brachte sie über das große Meer in ein anderes Land zu einer anderen Gastfamilie.

Und jetzt stand sie hier vor diesem Gittertor. Sie spürte die Gefahr, konnte Erinnerung nicht von Gegenwart unterscheiden und war kurz davor, durchzudrehen. Aber da war nur ein Tor, kein Käfig dahinter. Nur der Durchgang in einem Zaun. Oder ließ sie sich täuschen? Konnte der Typ für ihre Sicherheit garantieren oder lockte er sie in eine Falle? Sie war total durcheinander und misstrauisch.

Der Typ schien von alledem nichts mitzubekommen. Er griff nach dem Tor, das sich quietschend öffnete und wollte ihr den Vortritt lassen. Sie sträubte sich, er ging lächelnd voraus, sie nahm allen Mut zusammen, hing hindurch und hörte das Tor ins Schloss fallen. Der Typ quasselte einfach weiter als wäre nichts gewesen, zeigte wie immer auf irgendwelche Dinge, merkte nichts, verstand nicht, lenkte sie einfach weiter auf dem Weg in einen Wald hinein.

Aber es gelang ihr nicht, das Gefühl von Bedrohung abzuschütteln. Obwohl sie keine konkrete Gefahr erkennen konnte, ließen sie die Bilder in ihrem Kopf nicht in Ruhe, kamen immer wieder auf´s Neue zurück, drängten sich auf und jagten Fluchtimpulse durch ihren Körper. Sie wurde unruhig, hielt es kaum mehr aus, ein Gefühl, als wollte sie tatsächlich aus ihrer Haut fahren.
Der Typ begriff noch immer nicht. Obwohl sie ihm auf alle möglichen Arten zu zeigen versuchte, dass es ihr nicht besonders gut ging. Dass sie Angst hatte. Es ging tiefer in den Wald hinein, sie waren allein, weit und breit niemand zu sehen. Hier war sie auch mit ihren neuen Pflegeeltern noch nie gewesen. Unruhe. Panik. Fluchtimpuls.

Inzwischen wirkte auch der Typ verändert. Endlich hatte er begriffen, dass irgendetwas nicht stimmte. Seine Stimme klang dunkler, er sprach eindringlicher mit ihr, schien sie beruhigen zu wollen. Das verwirrte sie noch mehr. Zwar merkte sie, dass ihr sein Zuspruch guttat, aber gleichzeitig war sie in dieser Verfassung nicht in der Lage, ihm wirklich zu vertrauen. Im Gegenteil! Sie kannte den Typ ja kaum.

Irgendwie schafften sie es schließlich aus dem Wald heraus und erreichten endlich eine Straße, die sie kannte. Von der sie wusste, dass sie zu ihrem neuen Zuhause führte, dass sie nicht mehr weit davon entfernt waren. Die Bilder surrten noch immer durch ihren Kopf, aber die Aussicht, bei ihren Pflegeeltern wieder etwas mehr Sicherheit und Ruhe zu finden, gaben ihr wieder Hoffnung.

Aber als der Typ sie stattdessen in sein Haus führen wollte, flippte sie endgültig aus.

 
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Hallo @Hannes Jahn
und zuallererstmal: Herzlich willkommen :)

Eigentlich hast Du Dir da eine spannende Geschichte ausgedacht.

Eigentlich hatte alles gut angefangen.

Vielleicht merkst Du mit meinem Satz und dem Zitat worauf ich hinaus will :)
Mein Vorschlag: Überleg Dir mal, ob Du auf Wörter wie "eigentlich", "obwohl", "irgendwie", ... verzichten könntest. Also solch schwammig-beschreibenden Wörter. Und wenn Du sie benutzt (Schließlich sind es Wörter in unserem Wortschatz, die man auch benutzen darf ;)), dann wäre mein Tipp: Benutze sie gezielt und bewusst.

Wo wir schon bei "generellen" Dingen sind. Kennst Du das Prizip "show, dont tell" ?
Du hast eine sehr erzählerisch-berichtende Art. Dabei gibt es in deiner Geschichte so viele Momente, die auch gezeigt werden könnten. Dadurch könntest Du auf diese unkonkreten Wörter verzichten, und würdest mehr "lebende Geschichte" drin haben.

Hier ein Beispiel:

Inzwischen wirkte auch der Typ verändert. Endlich hatte er begriffen, dass irgendetwas nicht stimmte.
Unkonkrete Wörter: Inzwischen, endlich, irgendetwas.
Klar. Mit dem nächsten Satz:
Seine Stimme klang dunkler, er sprach eindringlicher mit ihr, schien sie beruhigen zu wollen
sagst Du zumindest, was sich verändert hatte: Seine Stimme war dunkler. (darüber könnte man jetzt diskutieren, ob ein optisch-beschreibendes Wort ein passendes für eine akkustische Veränderung ist - aber das ist gerade nicht der Punkt ;)) Gleichzeitig relativierst Du, mit dem "schien", die Veränderung.

Insgesamt bleiben mir die Figuren, die nichtmal einen Namen bekommen haben, fremd. Und das ist schade.

ok -noch ein paar Details:

Sie starrte das Gittertor an und bewegte sich keinen Zentimeter vorwärts.
Die Einstiegsszene ist gut gewählt, da bricht die Erinnerung durch, da ist der spannende Punkt.
Etwas ungeschickt finde ich, dass das "Starren" die Bewegungslosigkeit schon impliziert und daher der Nachsatz inhaltlich doppelt erscheint.

Die divers gechachtelten Rückblicke überspringe ich mal und komme im Text wieder an der gleichen Stelle an:

Sie sträubte sich, er ging lächelnd voraus, sie nahm allen Mut zusammen, hing hindurch und hörte das Tor ins Schloss fallen.
Also für DEN Anfang, mit DIESEN Erklärungen wieso sie da starr ist, kommt die Überwindung etwas zu leicht daher. Das klingt eher wie "so hielt kurz inne, bevor sie weiterging."

Aber als der Typ sie stattdessen in sein Haus führen wollte, flippte sie endgültig aus.
Auch der Schluss ist für mich ein Beispiel, das Du über "Show, dont tell" mal nachdenken solltest. Bisher ist sie doch garnicht ausgeflippt, sondern brav überall mitgetappelt. Ich habe keine Ahnung, was das für sie bedeuten könnte, wenn sie ausflippt - ich habe da keine Beziehung zu aufbauen können: Schreit sie ihn an? Haut sie ihm in die Eier? Rennt sie weg? Oder geht sie mit rein und verdreht völlig verrückt die Augen? Wackelt sie mit den Ohren?
Vielleicht willst Du nicht schreiben, was genau passiert - sondern genau das offen lassen - das wäre auch in Ordnung - aber ich habe vorher keine Hinweise bekommen, was da nun passieren könnte. Ich lese das und denke: ooch jo, menno. dann flippert sie halt aus. Ich hoffe, Du verstehst, was ich meine :)

Aber ich will nicht nur kritisieren:

Er wohnte also direkt nebenan.
Wie praktisch. Wie eigenartig.
Diese Stelle fand ich großartig!

Ich hoffe, Du kannst mit meinem Kommentar etwas anfangen. Das soll auf keinen Fall entmutigend sein! Da ist viel Potential vorhanden. Die Schreibe ist ja ansonsten flüssig.

dennoch: gern gelesen!
viele Grüße
pantoholli

PS: Ich gebe zu, ich hab das mit dem Hund nicht gerafft - erst nach @lakita 's Kommentar. Sorry. :D

 
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Hallo @Hannes Jahn,
willkommen im Käfig des Erstveröffentlichers, also willkommen bei uns Wortkriegern.
Um dir nicht gleich allen Mut zu nehmen, gleich mal vorneweg: ich empfinde deinen Schreibstil als recht gut, flüssig, zu weißt auch Interesse zu wecken und dich auszudrücken. Ich habe folglich deine Geschichte runtergelesen, ohne was leider sehr oft passiert, schon gleich nach zwei drei Sätzen zu stocken und innerlich Verbesserungsvorschläge machen zu wollen.
Das ist also schon mal gut gelaufen, nicht wahr?

Was mich allerdings ein wenig enttäuscht, ist der Plot. Eine Hündin wird aus schlechter Tierhaltung gerettet, in eine Auffangstation gesetzt, von dort in eine Pflegefamilie gebracht, um von dort wieder weitervermittelt zu werden. Und du schilderst die Gedanken und Gefühle des Tieres.
Du hast mit mir schon mal jemanden erwischt, die nicht im Mindesten anzweifelt, dass Tiere Gedanken und Gefühle haben, da bin ich ganz bei dir. Könnte aber womöglich sein, dass es andere Leser gibt, die so etwas schlichtweg als zu weitgreifend empfinden.
Was mir an deiner Geschichte nicht so richtig gefällt, ist die Gratwanderung, die du machst, um einerseits den Leser noch ein wenig hinzuhalten und an der Nase herumzuführen, und andererseits aber bei dem Hund und seinen Gedanken zu bleiben. Das gelingt dir nicht.

Sie hatten sich gegenseitig beschnuppert
Schon ab hier war mir klar, entweder Hund oder Katze.
Du könntest also, wenn es nach mir ginge, aber da warte ruhig gerne andere Rückmeldungen ab, dich voll darauf konzentrieren, authentisch in Bezug auf die Gedanken des Hundes zu sein.
Sicherlich wird keiner von uns jemals wirklich authentisch sein können, wenn es darum geht, das Verhalten und somit die Gedanken und Gefühle von Tieren wieder zu geben. Diesen Anspruch werden wir vermutlich nie erfüllen können, auch wenn sie sich redlich bemühen, unsere Sprache zu sprechen.
Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass man immer sein Bestes geben muss, um es zu versuchen.
Du mogelst dich durch, indem du den auktorialen Erzähler dazu nimmst, der dann munter drauf los erzählt, was die Hündin denkt und fühlt. Und hierbei begehst du einen für meine Begriffe häufig bei Anfängern vorkommenden Fehler, indem du einfach es so darstellst, also den Erzähler es erzählen lässt, ohne es zu zeigen. Ich bringe mal ein paar Beispiele, um es dir zu verdeutlichen:

und nach einigen vorsichtigen Annäherungen für die kommende Woche verabredet.
Einmal abgesehen davon, dass ich es für allzu sehr frei erzählt findet, zu erzählen, die beiden hätten sich für das kommende Wochenende "verabredet", wird mir hier das einfach so vorgekaut. Wie waren denn diese vorsichtigen Annäherungen? Was genau hat er gemacht, was sie? Worin hätte man die Vorsichtigkeit erkennen können?
Außerdem verstand sie kaum ein Wort seines aufgeregten Geplappers.
Dass ist nicht nur wieder die Erzählung des Erzählers, ohne zu zeigen, was genau denn das Aufgeregtsein ausmachte und was genau er geplappert hat, hier ist der Erzähler auch noch narrativ, indem er einfach feststellt und zusammen fasst, was zwischen den beiden gelaufen ist. Mit ein paar wenigen Federstrichen hättest du den zukünftigen Hundebesitzer charakterisieren können und ebenfalls die Hündin. Da verschenkst du jede Menge Lebendigkeit in deiner Geschichte.
Sie kamen ja aus vollkommen unterschiedlichen Welten und sprachen vollkommen unterschiedliche Sprachen.
Wieder fasst der Erzähler zusammen und entscheidet über das Geschehen, anstatt mir zu zeigen, was für unterschiedliche Welten das sind. Zum Beispiel, geht die Hündin an der Leine, du könntest eine Szene herstellen, in der sie im Gras schnüffelt, der Mann aber das nicht erkennt und ihr erzählt, dass er drei Enkelkinder hat, die sich auch freuen werden, sie kennen zu lernen und er gedankenverloren oder im Eifer seines Berichtes an der Leine zieht und sie dann zwar mit gewissem Widerwillen, aber am Ende dann nachgibt. Oder was ist, wenn sie einem Rüden begegnet unterwegs? Wie verhalten sich dann die beiden. Vielleicht zerrt der Mann an der Leine, während der Rüde die Hündin freudig begrüsst und gar nicht versteht, weshalb sie schon weggezogen wird.
was sie verstand, interessierte sie nicht wirklich
Ich erfahre weder, was sie verstand, obwohl das wirklich interessant gewesen wäre, noch weshalb es sie nicht wirklich interessierte? Nicht wirklich? Ist auch ein sehr indifferenter Begriff. Entweder wirklich oder nicht. Aber "nicht wirklich" ist so eine Aussage, die ich dann auch lassen kann.
Wie praktisch. Wie eigenartig.
Das denkt sie? Woran erkennt man das? Versuche doch einfach mal an einigen Stellen aus dem "tell" auszusteigen und ein "show" einzufügen. Sie steht vielleicht am Fenster und springt etwas hoch, um zu sehen, wohin er geht und fiept dann vielleicht, als sie entdeckt, dass er gleich nebenan wohnt. Und vielleicht findet sie das so faszinierend, dass sie vielleicht das unbedingt ihrer Pflegefamilie mitteilen muss, weil sie vielleicht gar nicht weiß, dass die das natürlich schon lange wissen, wo der Mann lebt. Du kannst daraus jede Menge schöne Szenen schreiben, die durchaus amüsant werden könnten. Oder sogar skurril. Alles ist möglich.
Obwohl sie spürte, dass ihre neuen Pflegeeltern es ernst meinten und ihr viel Zuneigung entgegenbrachten, war sie noch immer aufgewühlt und fühlte sich in der fremden Umgebung vollkommen überfordert.
Wieder haut der Erzähler einfach diese Fakten auf den Tisch und ich als Leser muss sie schlucken, erfahre aber gar nicht, wie so ein Hundewesen die Dinge aufnimmt. Viel Zuneigung, was genau ist das? Drei Portionen Mahlzeit täglich, ein paar Streicheleinheiten? Kraulen an den richtigen Stellen? Leckerlis füttern. Mit ihr Ball spielen? Sie nachts ins warme Bett lassen? Auf den einzigen kuscheligen Sessel im Wohnzimmer vor dem brennenden Kamin? Wie ist ein Hund, wenn er aufgewühlt ist? Wie, wenn er überfordert ist? Bellt sie laufend, pieselt sie vor lauter Stress auf den Teppich, verweigert sie das Essen stundenlang.
wieder Vertrauen, das missbraucht werden und wieder neue Hoffnung, die enttäuscht werden konnte.
Auch hier nichts, keine einzige spezielle Szene. Es wird einfach so berichtet und ich muss es verdauen. Wie schön wäre es, du würdest hier eine grausame Szene schildern, wo die Hündin Hoffnung geschöpft hat und dann wieder enttäuscht wurde. Vielleicht war einer dieser brutalen Männer sogar mal sehr lieb zu ihr, um sie dann genau in dem Moment, wo sie zutraulich wurde, beiseite zu stoßen und zu misshandeln? Dir fällt bestimmt eine prägnante Szene ein, die einen solchen Verrat an dem Tier darstellt. Und nun stelle dir vor, dieser Mann macht es genauso, bis auf, dass er natürlich das Tier nicht verrät, aber die Hündin erlebt genau dieselben Gesten und Handlungen bei diesem Mann und durchläuft das alles nochmal und ist sich gewiss, dass es böse wie damals enden wird. Sie knurrt ihn an oder verbellt ihn, vielleicht schnappt sie nach ihm. Da verspielst du jede Menge Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Den Leser in die Höhen und Tiefen zu bringen, ihn mitfiebern zu lassen.
mit jedem neuen Morgen gewöhnte sie sich etwas mehr an ihre neue Lebenssituation, und ihre Vorsicht und Skepsis nahmen ein wenig ab.
Das könntest du auch zeigen wie sie ihre Widerstände ablegt und vielleicht dafür belohnt wird und sich dazu ermuntert fühlt, noch mehr Mut zu zeigen. Du könntest die Entwicklung der Hündin darstellen. Auch ihren Wunsch, zum Rudel, also der Familie dazu zu gehören und gleichzeitig ihr Misstrauen, misshandelt zu werden.
Das war eine gute Entwicklung, ausbaufähig, so konnte es weitergehen.
Sowas denkt ein Hund? Bezweifele ich, das müsstest du, einmal abgesehen davon, dass der auktoriale Erzähler hier wieder sein Unwesen treibt, auf jeden Fall hundgerecht darstellen.
Vielleicht wedelt sie das erste Mal mit dem Schwanz? Bellt freudig? Tänzelt vor Aufregung?

Ich hoffe jetzt natürlich nicht, dass ich dich völlig demotiviert habe, mit all meinen Wünschen, sondern ich hoffe, dass du verstehst, was ich zu bemängeln habe.
Vielleicht magst du ja die Geschichte überarbeiten.

Lieben Gruß

lakita

 

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