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Dekonstruktion eines Notfall-Protokolls
„Sie waren mal Opfer und deshalb landen Sie heute vielleicht oft wieder in der Opferrolle.“ Ich spüre eine Welle durch meinen Körper rauschen.
„Wie Opfer?“
„Was für Opfer?“
Code-Rot! Ich tauche ab in mein perfekt aufgestelltes Großfamilien-System. Die Alarmanlage springt an und meine Systemgeister kommen aus allen Ecken gekrochen. Antritt, Marsch.
„Was hat sie gesagt?“
„Die spinnt ja wohl!“
Wir stecken die Köpfe zusammen und halten uns gegenseitig an den Schultern fest. Niemand kommt hier rein oder raus. Geheimhaltung! Atomschutzbunker!
„Sie hat Opfer gesagt, das geht nicht.“
„Erklärs ihr!“
„Darfst auch wütend sein, hat sie selber gesagt.“
„Grenze ziehen!“
„Mauer hoch!“
„Stein auf Stein, Stein auf Stein.“
„Ruhig bleiben.“
„Nein ich bleib nicht ruhig, das ist ungerecht“
„Es stimmt ja gar nicht!“
„Niemand hier hat die Absicht ein Opfer gewesen zu sein.“
„Wir sind doch kein Opfer!“
„Nein wir sind die Bergschutzrettung.“
„Wie kann sie das bitte denken, ich bin so enttäuscht.“
„Herrje sie ist doch Auszubildende, habt Nachsicht!“
„Ja, die hat keine Ahnung!“
„Wer erklärt es ihr?“
„Stopp jetzt bitte!“
„Sie darf sich auch mal irren, sie ist ein Mensch.“
„Ein Mensch?“
„Menschen irren sich.“
„Schhhhhhhhhhhh.“
„Wir schützen das System um jeden Preis.“
Das, liebe Leserinnen und Leser, ist das Notfall-Protokoll eines 43-jährigen Systems, das sich nie, nie, niemals etwas vormachen lässt. Das bin ich. Eingebettet in ein überengagiertes Sicherheitsteam, das wegen eines einzelnen Wortes den nationalen Notstand ausruft. Und während dieses ganzen Happenings sitze ich gerade und ruhig in meinem Stuhl. Lächle freundlich und bleibe die allerbeste Patientin, die man sich vorstellen kann. Denn ich bin weder kompliziert noch habe ich jemals etwas falsch verstanden. Während ich nach Außen routiniert den Hausfrieden wahre, herrscht innen Katastrophenalarm. Die Therapeutin würde davon wohl niemals erfahren.