Veni vidi et transivi (ich kam ich sah und bestand)
Es war einmal….. so beginnen für üblich Märchen. Auch diese Geschichte könnte durchaus so beginnen.
An meiner Zeugnisverleihung, die ganz unfeierlich und unspektakulär per Post stattfand, wurden leider keine kitschigen Reden gehalten, Polonaisen getanzt oder Ballkönig*innen gekrönt. Eine Maturareise sowie eine Maturazeitung blieben mir ebenfalls verwehrt, daher möchte ich euch, in Form einer kurzen Geschichte auf den Weg zu meiner Matura mitnehmen.
Alles nahm an einem sonnigen Augusttag vor einigen Jahren seinen Anfang.
Meine Frau stand in der Küche und der Geruch von frisch gebackenem Kuchen lag in der Luft. Unsere Tochter wuselte umher, als ich einen folgenreichen Anruf von einem Arbeitskollegen erhalten sollte. Er meinte, er meldet uns für die Matura an! Also vier weitere Kollegen, sich selbst und mich. Es gäbe in Wien eine HAK welche Maturaprüfungen mit dazu gehörigen Vorbereitungskursen anbietet. Die Kurse sollten sich, um die zu absolvierenden Fächer Deutsch, Englisch, Mathematik sowie Politische Bildung und Recht, drehen. Beruflich an die große Stadt gebunden, ergab das durchaus Sinn.
Anfangs ein unwirklicher Gedanke, war ich mir dessen bewusst, die Matura sowieso irgendwann in Angriff nehmen zu müssen, da es beruflich erforderlich wurde. Warum dann nicht gleich mit ein paar Kollegen, da lernt es sich leichter und der Spaß kommt bestimmt auch nicht zu kurz, dachte ich mir, in meiner geistigen Umnachtung.
Nun denn, Englisch sollte gleich das erste Fach werden, welches es zu absolvieren galt. Wie gehe ich das an, waren die ersten Gedanken die mich quälten. Mir fielen vergangene Urlaube ein und wie ich, mit meinen vor Jahrzehnten, durch Schulbildung erlangten Englisch Kenntnissen, „nicht wirklich“ brillieren konnte. Aber ich war natürlich der Meinung, doch einigermaßen Englisch sprechen zu können. Ein wenig im Internet gestöbert, kam ich auf einige Plattformen die Nachhilfe Unterricht anboten. Du musst wissen, die Vorbereitungskurse der HAK setzen voraus, dass man schon über die entsprechenden Kenntnisse verfügt. Ich natürlich von meinen Englischkenntnissen aber sowas von überzeugt.
Als erstes versuchte ich es mit Präsenzunterricht bei der „Schülernachhilfe“ einem tollen Institut, jedoch wie der Name schon impliziert eben eher auf Schüler ausgelegt.
Als ich mich in einem Raum, mit zwei jungen Schülern wiederfand, war mir klar, so wird das nix. Es erinnerte mich irgendwie an Gullivers Reisen, wobei ich nun Gulliver sein sollte. So makaber schien es, als ich, der Riese mit zwei Kindern in diesem winzigen Raum saß.
Da half nur ab ins Internet, zur nächsten vielversprechenden Plattform. Nach einem kurzen Abo Abschluss ging es auch schon los mit der ersten Stunde, online wohl gemerkt. Nachdem ich der pensionierten Englisch Professorin mein Vorhaben erörterte, musste ich einen Text lesen, damit sie meine Sprachkenntnisse, sie nannte es einstufen, konnte. Und an dieser Stelle wurde ich von der Realität eingeholt. Sie meinte charmant ausgedrückt „Ja, da haben wir noch ein schönes Stück Arbeit vor uns“.
Was soll ich sagen, die Tage zogen ins Land, die Online Nachhilfestunden mehrten sich und ich lernte unheimlich viele Vokabeln, wann immer ich konnte. Von der Arbeit nach Hause, immerhin gut eine Stunde Autofahrt, hörte ich mir Podcasts und Geschichten in Englischer Sprache an. YouTube sein Dank.
Es kamen mir auch Gedanken, wie etwa sich vor der Prüfung volllaufen zu lassen, denn betrunken spricht man bekanntlich mehrere Sprachen, mitunter gleichzeitig. Da stellte sich die Frage wann aufhören zu trinken, damit es funktionieren könnte. Zwischen verstanden werden und in die Steinzeitsprache abzudriften, liegt ein sehr schmaler Grat, so meine These. Schlussendlich verwarf ich diesen Gedanken wieder. So genug des Abschweifens, weiter im Text.
Zwischendurch, natürlich nebst der Arbeit, besuchte ich den angebotenen Kurs des HAK Professors, einem in Österreich lebenden Neuseeländer, der uns mit Business Englisch bombardierte. Er selbst kaum der deutschen Sprache mächtig. Daher erfolgte so ziemlich die gesamte Konversation während des Unterrichts in Englisch.
Jeder einzelne Kurstag wurde zur Qual und war mit Bauchschmerzen schon auf der Anfahrt verbunden. Man hatte täglich etwas vorzubereiten und danach vor versammelter Mannschaft zu präsentieren. Und das mitunter mehrmals pro Tag. Das war kein Honigschlecken sag ich dir, doch es gab in unseren Reihen den ein oder anderen, dessen Englisch Sprachkenntnisse weit schlechter waren als die meinen. Dieser Umstand ließ mich nicht vom Glauben abfallen und schlussendlich gab es bereits Anfang Jänner die Möglichkeit zur Prüfung anzutreten. Meine Nachhilfe Lehrerin riet mir ab, meinte es wäre ein Lotteriespiel zu bestehen. Das war natürlich ein niederschmetterndes Fazit, aber ich ließ mich nicht beirren und mein Entschluss stand fest. Ich stelle mich diesem Himmelfahrtskommando.
Der Tag der Prüfung war gekommen, vor dem Klassenzimmer eine Meute an Prüflingen, welche nervös zum Teil, auf ihren nicht mehr vorhandenen Fingernägeln kauend, auf und abliefen. Schrittzähler schrien und vibrierten um die Wette und ich mitten drin in dieser unwirklichen Situation. Endlich mein Name wurde aufgerufen und ich betrat den Prüfungsraum. Darin die Kommission bestehend aus zwei Professoren und einem Vorsitzenden. In jeder Ecke befand sich eine Koje, in der kauernd und mit riesigen Fragezeichen über den Kopf, ein bekanntes Gesicht saß und sich auf seine Exekution vorbereitete. Eine Ecke schien noch auf ihr Opfer zu warten. Mir wurde schnell klar, dass ich der Gepeinigte sein sollte. Ich wurde gebeten aus einem Topf zwei Kugeln zu ziehen. Man kam sich vor wie bei einer Tombola Ziehung. Und der Gewinner ist….
Nur leider befanden sich darin keine Preise, sondern mein Schicksal. Jede Kugel besaß als Inhalt einen Zettel mit einem Themengebiet, dass den Verlauf der Prüfung bestimmen sollte. Ein Thema musste ausgewählt werden. Ich Glückskind musste entscheiden zwischen „Globalisierte Welt“ oder Kunst und Kultur“. An dieser Stelle wäre ich am liebsten im Boden versunken. Half aber alles nichts und ich entschied mich für das Thema „Globalisierte Welt,“ zumindest meiner Meinung nach das geringere Übel.
Dann wurde mir zu diesem Thema ein Text in die Hand gedrückt den ich mittels einer Power Point Präsentation ausarbeiten sollte und zusätzlich dazu gestellte Fragen beantworten musste. In meinem Text war ich ein „Diversity Manager bei Google“. „Na mehr brauchst net“ dachte ich mir und lies mich in den Sessel, in der auf mich wartenden Koje fallen. Mit Fragezeichen, die mir die Schultern beinahe in den Boden drückten, saß ich nun da und begann zu lesen. Ich kam trotz meiner Bedenken in einen regelrechten Flow. Der gesamte Vorbereitungsprozess durfte exakt fünfunddreißig Minuten dauern, bevor man vor die Jury treten musste. Es kam einem vor, als säße man vor Gericht und jederzeit könnte der Schuldspruch erfolgen und das Damoklesschwert auf einen herniederfahren.
Selbst bei der Prüfung, die aus fünfzehn Minuten Gesamtredezeit bestehen sollte und sich in zwei Teile gliederte, war ich wie ein Terminator, vermutlich auch in meiner Aussprache. Ich bestand souverän und bekam Aufwind für weitere Aufgaben. Ich wusste zu jenem Zeitpunkt jedoch nicht, dass mich der weitere Verlauf noch an die Grenzen der Verzweiflung bringen sollte.
Nun wie ich schon erwähnte sollte Englisch nicht das einzige Fach sein, dass es zu bestehen galt. Nein parallel zu Englisch musste auch noch ein Kurs in „Politische Bildung und Recht“ besucht werden. Im Gegensatz zu Englisch, war dieser Kurs die reinste Erholung. Gut es wurden jede Menge Paragraphen durchgenommen aber es war echt interessanter Stoff. Daher ging alles relativ leicht von der Hand. Außerdem wurde auf diesem Kurs deutsch gesprochen, das machte es angenehmer. Naja zum größten Teil war es Amtsdeutsch. Ich erinnerte mich an eine graue Vorzeit, in der ich darauf geschult wurde dies zu verstehen, also habe ich es quasi im Blut, so mein Verständnis.
Lernen war auch so eine Sache, wann und wie sollte ich das bewerkstelligen. Daheim warteten Frau und Kind, rund ums Haus war einiges zu tun und in der Arbeit wurde einem das Pauken unmöglich gemacht. Alles in allem keine leichte Situation und ich wurde nicht jünger.
Es half nichts, ich musste selbst bei Nacht im Auto ran an die Paragraphen. Dazu muss ich anmerken, dass meine Arbeitstage gewöhnlich sehr spät enden, daher Nacht im Auto. Ich kaufte mir eine akkubetriebene Leselampe und schon war ich im Spiel. Scheinwerfer nichts dagegen.
Dann stand einige Wochen nach dem Englischspektakel, die schriftliche Prüfung in Politische Bildung und Recht an. Man saß mit zwanzig Gleichgesinnten im Prüfungsraum. Jeder einen eigenen Tisch mit einem schuleigenen Lab Top vor sich, neben sich Unterlagen mit zig Sachverhalten und etlichen Fragen zu jedem einzelnen. Weiters eine Wasserflasche, Jause, Glücksbringer und was man sonst so brauchte um ein fünf stündiges Spektakel zu überstehen.
Vor mir die Tastatur, auf die ich mit meinen Zeigefingern einhämmerte, als hätte ich Vorschlaghämmer an den Händen. Mit zehn Fingern schreiben kann jeder, aber schreib mal nur mit den Zeigefingern, fast sechs Seiten in Schriftgröße elf. Und bedenke du hast nur zwei dieser Finger. Da ist es nicht mehr weit zur Sehnenscheiden Entzündung, das sag ich dir.
Blut, Schweiß und Tränen flossen, natürlich nur metaphorisch gemeint.
Zur schriftlichen, folgte gut einen Monat später, die mündliche Prüfung in Recht. Ein Klacks würde ich heute sagen, damals einem Horrorfilm gleichendes Szenario. Ich kannte die Situation, war es nichts Neues mehr, daher hielt sich die Aufregung davor einigermaßen in Grenzen. Als es soweit war betrat ich den Raum. Er gestaltete sich ähnlich der Englischprüfung. Nur gab es keine Tombola, sondern bekam ich sofort das Prüfungsthema vom Professor höchst selbst überreicht. Ganz und gar frei nach seinem Willen. Mir wurde ein Musterkaufvertrag vorgelegt und ich musste Fragen zu den rechtlichen Komponenten auf eben diesem Kaufvertrag beantworten. Tja ich hatte mich meiner Einschätzung nach gut vorbereitet, aber auf so etwas Absurdes war ich nicht gefasst.
Obwohl meine Frau der Meinung ist, mein Hausverstand hätte sich seit der Matura einen neuen Körper gesucht, benutzte ich eben genau diesen um die Fragen zu beantworten. Nun man staune, es hatte alles was ich so von mir gab seine Richtigkeit und ich konnte meine Note dadurch sogar verbessern. Ich verließ diese Matinee mit einer guten Note in der Tasche.
Nun stand ich da, mit bereits zwei Abschlüssen. Aber es blieb nicht viel Zeit zum Ausruhen, denn der Deutsch Kurs stand an. Ich dachte mir, jetzt wird’s chillig. Deutsch kann ich, war ich in der Schule schon nicht schlecht und Aufsätze schreiben mochte ich immer schon. Tja, da habe ich die Rechnung wohl ohne die Professorin gemacht. Einer Bibliothekarin gleich stand sie da, hinter ihrem Lehr Pult mit ihrem verschmitzten Lächeln und da ahnte ich bereits was kommen wird. Nix mit chillen, wie in einer Grundschule galt es Texte laut zu lesen und eingebaute Leerstellen zu befüllen. Da fragte man sich zwischendurch, was tu ich hier eigentlich. Tausend andere Sachen stünden an. Aber nein, Beistriche mussten richtig gesetzt werden, die „s“ Schreibung, die Zeiten usw. waren gefragt. Dies sollte zu jener Zeit mein Leben bestimmen.
Zu den Übungen während der Kurstage kam noch etwas Essenzielles hinzu, nämlich die Textsorten. Klingt jetzt nicht großartig spannend, aber eines sag ich dir, ich hätte nicht gedacht, dass es so viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, etwas zu schreiben. Ich ging von einer Nacherzählung oder Erörterung aus, wie seinerzeit in der Grundschule. Ja denkste, es gibt an die fünfzehn Textsorten und jede einzelne hat ihre eigenen Gesetze. Da kannst nicht einfach drauf los schreiben, wie es dir gefällt. Es gibt eigene Phrasen zu jeder Textsorte die typisch für deren Stil sind und die man einbauen sollte, um deren Charakteristik dazulegen. Dann gibt es Wortbegrenzungen, die dir die Anzahl deiner geschriebenen Wörter vorgibt, was so viel heißt wie bis hierher und nicht weiter. Dann darfst du da nicht „ich“ verwenden, dort keine eigene Meinung einbauen, hier aber schon usw. Verwirrung pur Labyrinth nix dagegen.
Für jemanden, der sich mit dieser Thematik noch nie auseinandergesetzt hat und glaubt, eine Nacherzählung frei nach Gebrüder Grimm tut es schon, kein Kinderspiel.
Unzählige Arbeitsblätter, Diktate und selbst verfassten Texten zu diversesten Artikeln, später, war auch dieser Kurs geschafft. Ich habe gezählte zwanzig Texte, mit einem Wortvolumen von jeweils um die tausend Wörter, im Zuge der Hausübungen verfasst.
Neben Deutsch sollte der Mathematikkurs ebenso eine Rolle spielen. Mathematik der Stoff aus dem Alpträume gemacht werden. Hätte ich das gewusst….
Online sollte er stattfinden, sprich via Zoom Meeting. So macht man das heute, wurde mir erklärt. Herzlich willkommen in der digitalen Welt, sag ich nur.
Voller Motivation, mit zwei abgeschlossenen Fächern im Rücken, machte ich mich bereit für den ersten Tag. Ich saß gespannt und bewaffnet mit Block, Bleistiften, Geodreieck sowie Radiergummi, hinter dem Bildschirm und lauschte den ersten mathematischen Folgerungen der Professorin, welche an ihrem Bildschirm sitzend man immer nur ab der Nase aufwärts sehen konnte. Sofort musste ich an „Wilson“, den Nachbarn bei „Hör mal wer da hämmert“, denken. Auch dieser war in jeder Sendung nur ab der Nase aufwärts zu sehen.
Mit diesem Gedanken im Kopf und dem Bildschirm vor mir, verging der erste Part bis zur Pause recht schnell. Obwohl mir zu diesem Zeitpunkt bereits dämmerte, was da noch auf mich zukommen wird, machte ich mich bereit für den nächsten Abschnitt. Der erste Kurstag war vorbei und mein Kopf leer, wie eine von der Milch befreite Kokosnuss. Ausgelaugt von all den Formeln und Zahlen, beendete ich das erste von vielen Zoom Meetings. Schon am nächsten Morgen sollte dieses Martyrium weitergehen. Nur saß ich an jenem, wie an vielen anderen Tagen im Auto, sodass ich den Lab Top am Beifahrersitz platzieren musste, um die für mich wirren Angaben der Professorin „Wilson“ zu lauschen. Podcast nichts dagegen. Ich bekam an solchen Tagen alles nur sehr peripher mit und habe schnell den Entschluss gefasst den Rest des Kurses aufzuzeichnen und ihn mir später in Ruhe anzusehen. Selbst als wir eines Tages bei einer Geburtstagsfeier zu Gast waren, lief im Hintergrund das Programm am Computer und bei genauem hin hören vernahm man unter anderem die Lehren von Pythagoras.
Heute kann ich sagen, hätte ich mir sparen können, denn keine zwei von den unzählig aufgenommenen Stunden, habe ich mir nachträglich angesehen.
Wie dem auch sei, war ja da noch die Prüfung in Deutsch abzulegen. Und diese ist zentral für ganz Österreich. „Zentral Matura die Erste“, da war sie nun. Wiederum saß man im Prüfungsraum umringt von Gleichgesinnten. Abermals bekam jeder einen Tisch samt Lab Top zur Verfügung gestellt. Auch der Zeitraum sollte wieder das Ausmaß von fünf Stunden betragen. Fest entschlossen auch diese Hürde zu meistern, machte ich mich ans Werk. Es gab drei Textsortenpaare. Da bei zweien jeweils ein Gedicht dabei war, ist die Auswahlmöglichkeit abrupt geschrumpft. So blieb mir eine Kombination aus Zusammenfassung und Erörterung. Beides nicht meine Favoriten, aber was sollte ich machen, ein Gedicht interpretieren oder gar Analysieren, nein danke. Da könnte ich mir gleich mein eigenes Grab schaufeln und hinter mir umgehend wieder verschließen.
Mit der Entscheidung abgefunden und angespannten Zeigefingern ließ ich den Worten freien Lauf. Die Erörterung war relativ schnell verfasst, galt es lediglich 330 Wörter zu schreiben. Natürlich sollten diese auch zum Text, der vorab gelesen werden musste, passen.
Anschließend machte ich mich über die Zusammenfassung her, bis ich bemerkte, dass ich anstatt der verlangten 660 Wörter +/- 10%, plötzlich weit über 800 Wörter niedergeschrieben hatte. „Und jetzt, ich war der Meinung mich schon kurzgefasst zu haben, wie krieg ich das Ding jetzt nochmal verkürzt“, schoss es mir durch den Kopf. Viel Zeit blieb mir nicht mehr. Die Minuten wurden gefühlt zu Sekunden, Adrenalin schoss in mir hoch und durchströmte meine Finger, welche nun ihre Schlagzahl nochmal erheblich erhöhten. Ich schaffte es gerade so unter die Toleranzgrenze zu kommen und vor allem ergab das Geschriebene zu meinem Erstaunen Sinn.
Zufrieden mit mir und fertig mit der Welt, ging es nach der Prüfung wie schon so oft auch nach Kurstagen, gleich weiter in die echte Arbeitswelt. Es gab keine Zeit sich mental zu erholen. Einfach mal abzuschalten und die Festplatte runterzufahren, war nicht drinnen. Die Reise musste weitergehen. Es galt noch mindestens zwei Prüfungen zu absolvieren. Furcht und Schrecken überkamen mich und ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken, Mathematik war wieder da.
Nachdem auch dieser Kurs, Gott Lob, zu Ende gebracht werden konnte, stand auch schon der Prüfungstermin an. Theoretisch zumindest. Wie ich schon erwähnte, habe ich vom Kurs nicht allzu viel mitbekommen. Es war gerade erst Mai, also knapp über sieben Monate nach Beginn meiner Reise. Wenn ich das so lese erinnert mich das an „Herr der Ringe, Die Gefährten“. Nur waren wir keine neun, sondern nur sechs, wobei so viel kann ich verraten, nicht alle die Reise überstanden haben.
Nun bin ich ein wenig abgeschweift. Wo war ich, ach ja es galt sich zu entscheiden, ob man es wagen sollte zur Prüfung anzutreten.
Ich zögerte keine Sekunde, vorsorglich auf Herbst zu verschieben. Ich hatte zu dieser Zeit von Mathematik so viel Ahnung, wie eine Kuh vom wiehern, um es vorsichtig auszudrücken. Mit der Entscheidung zufrieden, fasste ich den Entschluss, mich in den Sommermonaten hindurch ausgiebig auf Mathematik vorzubereiten. Gleich vorweg, nichts ist geschehen, wie du wahrscheinlich vermutetet hast.
Aber der Reihe nach, Deutsch mündlich war noch ausständig und sollte finalisiert werden. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass ich eigentlich nicht wirklich aufgeregt war. Vielleicht lag es daran, dass ich mit jeder abgelegten Prüfung ein wenig mehr die Angst verlor, oder einfach daran, dass ich mit einer sehr guten Note aufwarten konnte.
Da fand ich mich auch schon, in dem finsteren Gang vor dem Prüfungsraum, wieder. Einige wenige liefen den Gang auf und ab, als wären sie durch eine Horde von Wölfen verfolgt worden, andere wiederum lehnten ganz entspannt an der Wand und unterhielten sich. Daran konnte man erkennen, wer schon abgestumpft war, durch dieses Meer an Prüfungen und wer seine persönliche Vendetta erst begonnen hatte.
Im Prüfungsraum erwartete mich der übliche Anblick, also könnte man sagen „Im Westen nichts Neues“. Die Schule betrachtet ergibt das sogar Sinn, denn unser angestammter Prüfungsraum lag im westlichen Teil der Schule.
Nachdem der Raum gescannt war und es mich wieder in einer der Kojen verschlug, wurde mir unter anderem einen Ausschnitt aus meiner schriftlichen Arbeit vorgelegt und ich hatte zu begründen, was diese geschriebenen Zeilen zum Ausdruck bringen sollten. Als ich Zeile für Zeile durchlas, war ich irritiert und erstaunt zugleich. Sollte das wirklich von mir verfasst worden sein, oder wollte man mir einen Streich spielen. Tatsächlich war es so, dass diese Zeilen meinen Zeigefingern entsprangen. Eine Power Point Präsentation und einigen beantworteten Fragen später, konnte schließlich auch unter Deutsch ein Hacken gesetzt werden.
Nun blieb noch Mathematik. Sollte dies meine Achillesferse werden, mein Endgegner sein!
Der Sommer zog ins Land und wie ich schon vor einigen Zeilen angemerkt hatte, tat sich lerntechnisch nichts. Der Herbsttermin rückte näher und ich war gezwungen abermals zu verschieben. Denk nicht ich wäre der einzige gewesen. All meine Gefährten, hatten in Mathematik ihren Meister gefunden und waren auf Grund ihrer nicht vorhandenen Lernfortschritte gezwungen, den Termin zu verschieben.
Der Oktober fand nicht statt und auch der November neigte sich bereits dem Ende zu. Das schlechte Gewissen klopfte einem ständig auf die Schulter, immer lauter werdend, doch es gab so viel Wichtiges zu tun, alles wurde der Mathematik vorgezogen. In Wahrheit macht man selbst Dinge, die man sonst überhaupt nicht machen möchte auf einmal liebend gerne, nur um nicht Mathe lernen zu müssen. Und ich bin mir sicher der ein oder andere, wird sich jetzt ertappt fühlen und schmunzeln.
An einem der letzten bereits sehr kalten Novembertagen, raffte ich mich dann doch auf und begann mittels einer Plattform, welche extra für diesen Zweck geschaffen wurde, zu lernen. Das ging relativ gut, denn wurde dabei mit kurzen Videos gearbeitet, die von einem lässig wirkenden Tiroler gemacht und besprochen worden sind. Anfangs noch recht lustig wurde dieser Dialekt mit Fortdauer des Lernens nervenaufreibender. Aber man wurde immer wieder motiviert dran zu bleiben und nicht den Kopf in den Sand zu stecken, auch wenn man sich gefühlt, wie im Treibsand gefangen, befand.
Wie aus dem Nichts brach der Winter ein. Die Tage wurden kürzer, dafür die Nächte des Lernens umso länger. Beinahe jeden Tag musste ich mich dazu motivieren bis spät abends zu lernen. Ich weiß noch es war der Silvestertag. An diesem besonderen letzten Nachmittag im Jahr stand die jährliche Winterwanderung an. Um nichts auf der Welt wollte ich dieses Ereignis versäumen, ging es lediglich darum sich kopflos zu betrinken. Nun ja was soll ich sagen, dies war mit Nichten der Fall, an diesem einen Nachmittag. Es ging bereits am frühen Abend heimwärts, um noch die ein oder andere Rakete für unsere kleine Tochter abzufeuern. Danach sollten mich die Formeln wieder in ihren Bann ziehen. Meiner Frau sei Dank, lies sie mich selbst an diesem Abend noch lernen. Stunden wurden gefühlt zu Minuten und ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen, um Punkt Mitternacht saß ich vertieft und hoch konzentriert, wie man es noch sein kann, zu so einer unchristlichen Stunde. Ich war dabei ein Gleichungssystem aufzustellen. Mords kompliziert eigentlich, aber ich hatte den Durchblick, man stelle sich vor.
Das laute Knallen von Raketen riss mich aus meiner Trance und ich realisierte, dass das neue Jahr soeben angebrochen war. Im selben Moment schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, wie eine der draußen abgefeuerten Raketen. „Ich habe nur noch neun Tage Zeit zum Lernen“.
Die folgenden Tage bis zur Prüfung waren die reinste Selbstgeiselung. Hatte ich doch noch vier Tage Vorbereitungskurs mit Frau Professor „Wilson“ zu überstehen. Diese vier Tage raubten mir jegliche Zuversicht, da Professor „Wilson“ die Gabe hatte, alles und jeden zu verwirren. Leer wie eine Batterie saß ich drei Tage vor der Prüfung im Auto und weinte bitterlich vor Verzweiflung. Fragen wie, war diese Tortur die ich die letzten Wochen durchlitt etwa für nichts, quälten mich.
Ich habe bis heute noch niemandem von meiner Verzweiflung erzählt, denn echte Männer weinen bekanntlich nicht, sie gießen lediglich ihre Bärte.
Hatte ich doch bis dahin alles mit Bravur gemeistert, so stand ich nun da, kurz vor der alles entscheidenden letzten Prüfung und ich wusste gefühlt nichts. So zumindest dachte ich an jenem Tag. Zum Glück konnte ich mich schnell wieder fangen. Ich sagte mir selbst „A Guata schoffts“ und machte weiter. Diesen Spruch kennen viele meiner Kollegen nur allzu gut. Ich benutze ihn sehr gerne in Situationen die beinahe unmöglich zu schaffen sind, um sie einfach ein wenig zu, sagen wir mal, motivieren.
Dann war es soweit, der Tag der Abrechnung war gekommen. Mathe, „Zentral Matura die Zweite“.
Gedanken wie, warum habe ich erst so spät angefangen zu lernen, kreisten in meinem Kopf, doch es half nichts für einen Rückzieher war es zu spät, Augen zu und durch hieß die Devise.
Ich sollte nun hoffentlich zum letzten Mal am Ort des Schreckens verweilen müssen. Wie eine Horde Zombies liefen sie auf und ab, jederzeit bereit in den Raum einzudringen. Dann war es soweit das Tor zur Hölle öffnete sich und ich weiß nicht wie, aber plötzlich drängten wir zu fünft gleichzeitig durch den offenen Türspalt ins Innere. Überrascht von der Situation sahen wir uns gegenseitig verdutzt an, bevor jeder in Richtung des für sich selbst auserkorenen Sitzplatzes eilte, um diesen noch vor einem der anderen erreichen und besetzen zu können. Die Ironie an dem Ganzen ist, wenn du dich an den Tiroler von der Lernplattform erinnerst, ich es mit lauter Tirolern zu tun hatte, während des Kampfes um die besten Plätze. Der Platz an der Sonne war gesichert. Meinetwegen lasset die Spiele beginnen, dachte ich mir.
Mein Wunsch sollte unserer Peinigerin Befehl sein und so teilte Professor „Wilson“, die sich als nette alte Dame entpuppte, die Aufgaben aus. Ungefähr zur selben Zeit sollte es tausenden von Schülern in ganz Österreich ebenso ergehen. Wie viele Schüler wohl wie ich, mit fragenden Blicken dasaßen, fragte ich mich.
Ich öffnete den Frageboden und schaute mir die ersten Aufgaben an.
Halt die Tür zu, dachte ich mir und blätterte so vor mich hin. Die Seiten wurden mit jedem umblättern schwerer und schwerer. Irgendwann war die letzte Seite erreicht, aber ich hatte keinen Ansatz, wo ich am besten beginnen sollte. Panik machte sich breit.
Obgleich dieser unmöglich scheinenden Aufgaben begann ich einfach auf Seite eins, mit Aufgabe eins und arbeitete mich durch das Programm. Klingt jetzt als wäre es ein Fernsehprogramm, dass ich durchforste auf der Suche nach der Lieblingssendung. Gesucht habe ich, aber lediglich die richtigen Antworten auf die gestellten Fragen. Zu finden waren sie nur sehr schwer.
Es wurde immer gesagt, dass man keine vier Stunden benötigen wird. Jeder ist noch rechtzeitig fertig geworden, haben sie gesagt. Auf Grund dessen besorgte ich mir vor Beginn der Prüfung etwas zu Essen. Mit Frühstücken war nix, da war die Nervosität doch zu groß um etwas runterzubringen. Daher sagte ich mir, wenn eh so viel Zeit bleibt, werde ich genüsslich etwas essen zwischendurch. Mein Tisch im Prüfungsraum hätte sich gebogen, wenn er gekonnt hätte, so viel habe ich ihm auferlegt. Dieser Umstand sollte sich jedoch bis zum Ende hin nicht ändern.
Unschwer zu merken, dass ich keinen Bissen zu mir nehmen konnte, da mir schlichtweg die Zeit davonlief, ganz wie dem Kaninchen bei „Alice im Wunderland“.
Die noch zur Verfügung stehende Zeit neigte sich langsam dem Ende entgegen, nein eigentlich ganz und gar nicht langsam, sondern eher das Gegenteil war der Fall. Nun sie neigte sich dem Ende zu, doch fertig war ich noch lange nicht. Zweifel kamen auf, ob dies wohl gut gehen würde. Zerknirscht und mit einem nicht so guten Gefühl in der Magengegend, reichte ich Frau Professor „Wilson“ meine Arbeit, die aus einigen Zetteln mit Gekritzel darauf bestand. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man meinen, ich hätte Schatzkarten in den Händen und jeden Moment werden Piraten das Deck stürmen um diese Karten an sich zu reißen.
Der Gedanke, das Professor „Wilson“ die Rechnungen, die ich aufgestellt hatte, nicht den jeweiligen Aufgaben zuordnen wird können, lies mir keine Ruhe. Immerhin bin ich mir selbst nicht mehr sicher, ob ich es noch könnte.
Bange Tage erwarteten mich bevor ich schließlich an einem Sonntag um die Mittagszeit, im Beisein meiner Lieben, die erlösende Mail von Professorin „Wilson“ bekam, in der mir zur bestandenen Prüfung gratuliert wurde. In diesem Moment ist all die Last, die sich über das vergangene Jahr aufgebaut hatte, wie Schuppen von mir abgefallen.
Ich hatte es geschafft, in knapp zwei Jahren konnte ich diese Achterbahnfahrt, die zum Teil an Final Destination erinnerte, erfolgreich abschließen. Leider schaffte die Fahrt bis ins Ziel bloß ein weiterer Mitstreiter. Alle anderen blieben auf der Strecke und sie kämpfen zum Teil immer noch ums nackte Überleben. Ihnen wünsche ich auf diesem Weg noch viel Glück!
Ich hoffe meine Zeilen haben dir zumindest ein Schmunzeln entlockt. Dann haben sie ihr Ziel erreicht.
Wie du dir bestimmt vorstellen kannst, habe ich das ein oder andere etwas überspitzt dargestellt. Doch wie schon bei großen Hollywoodproduktionen gilt auch hier „Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.“
Ich schließe dieses Märchen oder einfach nur Manuskript nun mit den etwas abgeänderten Worten des großen Gaius Julius Caesar
(ich kam ich sah und bestand)