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Waldbaden fix gemacht
„Psst, Hannelore … bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“
„Natürlich. Entspann dich.“
Hannelore winkte den Frauen zu, die auf uns zukamen.
Sechs Frauen in Funktionskleidung. Mit Rucksäcken, Wanderstöcken und Trinkflaschen.
Reflexartig sah ich an mir herunter: kurze Hose, Sneaker und ein T-Shirt mit der Aufschrift: Die Klapse hat heut Wandertag.
Ich fand es lustig.
Niemand sonst.
Die Frauen sahen mich an, als hätte mich jemand falsch einsortiert.
„Was war das noch mal für ein Kurs?“, flüsterte ich Hannelore zu.
„Valerie. Waldbaden. Das weißt du doch.“
Sie sah mich an, wie man Menschen ansieht, die nahe am betreuten Denken leben.
„Das geht wohl länger als eine Stunde?“
Ich blickte auf das Survivaloutfit der Damen. Es fehlten nur noch Macheten und ein Satellitentelefon. Dann konnte die Expedition beginnen.
„Schön, ihr seid schon da.“
Die Dame mit den hochgesteckten Haaren kam auf uns zu, eingehüllt in eine Wolke aus Insektenschutz.
Ich drehte den Kopf zur Seite und atmete tief durch.
Die letzte frische Luft des Tages.
„Wir starten gleich da vorne, hinter dem Schild: Dieser Wald ist anders. Naturraum der Achtsamkeit.“
Sie redete langsam. Sehr langsam.
„Wir wollen heute abtauchen und die Atmosphäre des Waldes tief in uns spüren.“
Die Autanwolke setzte sich in Bewegung.
Drei Meter weiter an der Buche:
„Wir schließen die Augen und aaaatmen gaaaaanz tieeeef durch.“
„Wenn ich ganz tief durchatme, falle ich, wie eine dieser Mücken tot um“, murrte ich leise.
„Möchtest du uns etwas mitteilen, Valerie?“
„Was? Nein. Macht Spaß. Bin bereits vollkommen tiefenentspannt.“ Mit einem Blick des Todes strafte ich Hannelore ab.
„Spürt ihr, wie sich die negativen Gedankenschleifen lösen, der Geist sich beruhigt und der Fokus nach innen wandert?“, wandte sich die Frau wieder der Gruppe zu.
Weiter vorne bog der Weg nach rechts und die Sonnenstrahlen brachen sich den Weg durch die Baumwipfel.
„Ich könnte schon mal vorgehen. Bin fertig mit den Gedankenschleifen.“
„Valerie, bleib bei uns und begleite uns auf dem Weg zu uns selbst. Du wirst spüren, wie der Stress von dir abfällt.“ Ihre Stimme vibrierte leicht.
Hannelore stieß mich mit geschlossenen Augen von der Seite an.
Wir gingen weiter. Ich strauchelte über meine Füße und konnte mich gerade noch an Hannelore abstützen.
„Konzentriere dich“, flüsterte Hannelore ohne mich anzusehen.
„Meine Konzentration ist bereits vorne an der Wegbiegung“, murrte ich.
Nach einigen Schritten standen wir wieder.
„Und nun sehen wir uns die Rinde dieser prachtvollen Eiche an. Nehmt euch genügend Zeit. Wer möchte, darf den Baum umarmen und spüren. Das ist gut für das Immunsystem.“
Entgeistert sah ich zu Hannelore. Sie hing mit der Nasenspitze am Baumstamm und inspizierte die Rinde. Über uns flog ein Specht.
„Wir lauschen jetzt in die Stille des Waldes.“
Der Specht begann zu hämmern.
„Auch das nehmen wir an“, sagte sie.
Ich nahm es an. Ich nahm auch an, dass mein Bedarf an botanischer Zuneigung für dieses Jahrzehnt gedeckt war.
„Das Grün des Waldes verlangsamt den Puls und senkt spürbar die Stresshormone. Zu wenig Natur macht krank …“, hörte ich die Frau mit den hochgesteckten Haaren noch sagen.
Leise legte ich den Rückwärtsgang durch das Dickicht ein, trat in Brennnessel und verfing mich in wilde Brombeerranken. Mein Knöchel brannte wie Feuer. Die Beine zerkratzt.
„Verdammte Achtsamkeit.“ knurrte ich.
Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm. Totholz. Zog aus meiner Hosentasche meine ganz persönliche Überlebensausrüstung für den Wald: einen leicht angeschmolzenen XL-Erdnuss-Schokoriegel. Vollgepackt mit raffiniertem Zucker, Palmöl weit jenseits jeglicher Bio-Zertifizierung und absolut null spirituellem Mehrwert.
Das Knistern der Verpackung klang in der Stille des Waldes.
Ich biss ab. Kaugummizäh, süß und verdammt gut.
In der Ferne hörte ich noch einmal die Stimme der Leiterin: „Und nun lassen wir das Licht des Waldes in jede unserer Zellen fließen …“
