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Der Tag, an dem ich meinen Arbeitsplatz verlor und mich mein Schatz mit Weißburgunder begrüßte.

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14.05.2026
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Der Tag, an dem ich meinen Arbeitsplatz verlor und mich mein Schatz mit Weißburgunder begrüßte.

Ich kam morgens ins Büro und Herbert, mein Chef, sagte:

„Moin, Mike. Bevor die anderen kommen, was Wichtiges.“

„Moin, Herbert. Ohne Kaffee?“

„Ja, ohne Kaffee.“

„OK, schieß los.“

„Jemand ist dabei unsere Geschäftsdaten zu stehlen. Lieferanten- und Kundenkartei sind kopiert und vielleicht auch schon entwendet worden. Ich weiß nicht, wer es war. Es kann einer aus der Firma gewesen sein oder Eindringlinge. Dir vertraue ich, aber sonst niemanden hier. Es geht um unsere Existenz.“

„Starker Tobak. Wie bist Du darauf gekommen?“

„Ich bin gestern Abend nach dem Fußballspiel nochmal hergekommen. Ein Kunde hatte mir nach Geschäftsschluss eine Anfrage geschickt. Ich wollte ihm ein Angebot senden, um der erste zu sein. Die Eingangstür war nicht, wie üblich, abgeschlossen. Erst habe ich es als Versehen abgetan. Aber dann sah ich, dass Ingelinds Computer eingeschaltet war. Ich bewegte die Maus und blickte auf den Bildschirm. Ein Kopierprogramm lief und im CD-Laufwerk befand sich eine CD, auf die unsere Geschäftsdaten geschrieben wurden.“

„Ingelinds PC? Aber die ist doch im Urlaub. Meinst Du, die kopiert hier heimlich?“

„Keine Ahnung. Vielleicht benutzt auch jemand anderes ihren PC. Ich habe das Kopierprogramm zu Ende laufen lassen, aber dann die CD gegen eine leere ausgetauscht. Du musst mir helfen, den PC zu beobachten. Wir wechseln uns dabei ab. Wir müssen die undichte Stelle entdecken.“

„Gut, geht in Ordnung. Ich richte meine Videokonferenz-Kamera auf Ingelinds Computer aus und schneide den Tag über mit. Wenn ich nicht im Raum bin, logge ich mich mit dem Telefon in meinen Rechner ein und beobachte das ganze aus der Ferne.“

„So machen wir das.“

Die Eingangstür klappte, Bertram kam herein.

„Moin, Männer, toller Tag heute, habt Ihr das Spiel gestern gesehen? St. Pauli hat den HSV 7:2 abgefertigt. Der Kiez steht kopf.“

Wir plauderten noch ein wenig über das Spiel. Die Kaffeemaschine tat ihren Dienst und das Telefon ließ uns den ganzen Tag nicht zur Ruhe kommen. Aber an Ingelinds PC tat sich gar nichts. Gegen 16:00 Uhr rief ich in die Runde:

„Oh, schon vier Uhr. Ich muss jetzt los. Meine Frau wartet auf mich. Wir wollen zusammen einkaufen gehen. Macht’s gut, bis morgen.“

Und im Vorübergehen ganz leise zu Herbert:

„Ich komme um fünf wieder.“

Im Café gegenüber setzte ich mich an einen Tisch mit Ausblick auf die Straße und bestellte mir eine Linsensuppe und ein Bier. Bald verließen Bertram und Herbert das Haus. Ich bezahlte und ging möglichst unauffällig zurück ins Bürogebäude. Leise stieg ich die Treppe hoch. Die Eingangstür zu den Geschäftsräumen war angelehnt. Davor stand der Servicewagen der Reinigungsfirma. Mir fiel ein, dass die Firma vor vier Wochen gewechselt wurde. Ich schlich mich an.

In der Teeküche saß ein Mann der Reinigungsfirma. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Vor ihm stand eine Thermosflasche und lag ein ausgepacktes, belegtes Brot. Eine CD glitzerte in seiner Hand. Meine Anspannung stieg. War das des Rätsels Lösung? Jetzt bloß keinen Fehler machen. Ich versuchte Vertrauen zu schaffen:

„Guten Abend! Sie haben jetzt Pause?“

Er erschrak und wirkte überrascht.

„Ja, Entschuldigung. Nur kurz, ich hatte noch kein Mittagessen gehabt. Ich muss eine Tablette nehmen und dazu muss ich etwas essen.“

„Kein Problem. Das ist aber eine große Tablette, die Sie da in der Hand haben.“

Ich deutete auf die CD und setzte mich zu ihm.

„Was? Ach so, nein.“

Er griff in seine Jackentasche, zog einen Tablettenstreifen heraus und drückte eine kleine rosa Pille aus der Folie.

„Wissen Sie, ohne diese Tabletten habe ich stets Angst und gerate in Panik. Ich komme aus Mariupol und höre jede Nacht die Raketen und Bomben.“

Ich griff mir die CD und las mit Filzstift geschrieben: „Sofia Rotaru“.

„Selbstgebrannt?“

„Nein, die hat mir mein Cousin aus Kyjiw geschickt. Sofia Rotaru ist eine unserer bekanntesten Sängerinnen. Warten Sie, ich spiele sie Ihnen vor.“

Er zog einen Discman aus seiner Latzhose, legte die CD ein und reichte mir die Ohrhörer. Ich hörte Musik und eine schöne Stimme.

„Was singt sie?“

„Sie singt von Liebe und Sehnsucht. Wie halt so viele. Aber sie singt auch von unserem Land und dem Wunsch nach Frieden.“

„Sehr schön. Ich muss jetzt noch was arbeiten. Lassen Sie es sich schmecken. Alles Gute, bis vielleicht demnächst wieder.“

Ich gab ihm die Ohrhörer zurück und ging an meinen Schreibtisch. Diese Spur war eine Sackgasse. Ich lud die Videodatei des Tages und schaute sie mir in mehrfacher Geschwindigkeit an. Hatte ich etwas übersehen? Im Fernsehen käme jetzt Inspektor Columbo hinzu und würde nach kürzester Zeit rufen: „Halt, diese Szene noch einmal, können Sie das vergrößern?“ Der Techniker zoomte dann ins Bild und alle könnten sehen, wie eine Person im Hintergrund sich als Täter verrät. Aber bei mir kam kein Kommissar und im Hintergrund war nur der Kleiderständer zu sehen.

Der Reinigungsmann hatte aufgegessen. Er wischte die Tische, leerte die Papierkörbe, räumte das Geschirr in die Spülmaschine und schaltete sie ein. Dann verabschiedete er sich freundlich und ging. Ich war wieder allein im Büro. Meine erste heiße Spur hatte sich als Irrtum herausgestellt. Wie sollte ich jetzt weitermachen? Gab es eine Spur auf Ingelinds Computer? Der war, wie den ganzen Tag über, eingeschaltet und die leere CD lag noch im Laufwerk. Herbert sprach heute Morgen von einem Kopierprogramm. Ich öffnete die Systemsteuerung und überprüfte die installierten Programme. Da waren nur die Standardprogramme der Firma, kein Kopierprogramm, kein anderes unbekanntes Programm. Hatte der vermeintliche Datendieb die Kopierfunktion des Explorers genutzt? Oder wurde das Kopierprogramm gelöscht? Im elektronischen Papierkorb war auch nichts Verdächtiges. Ich schloss die Bürotür ab, löschte das Licht und setzte mich ins Besprechungszimmer. Dort nahm ich mein Telefon und schrieb eine Nachricht an Zuhause, ich hätte noch zu tun und es würde später werden. Dann nickte ich ein.

Eine Weile später weckte mich ein Geräusch. Ein Schlüssel drehte im Schloss der Bürotür und die Bürstendichtung schleifte über den Fußboden. Sofort war ich hellwach. Leise stand ich auf und stellte mich hinter die geöffnete Tür des Besprechungsraumes. Angst stieg in mir auf. Ich hatte keinen Fluchtweg, ich saß in der Falle. Harte, dünne Absätze klackten auf dem Fußboden, jemand trat ins Büro. Ich spitzte meine Ohren, den Schritten nach war es eine Frau. Ein Stuhl wurde gerückt und ein CD-Laufwerk öffnete sich. Das war meine Chance, den Täter auf frischer Tat zu erwischen. Ich trat hinter der Tür hervor und drei Schritte ins Büro. Die Überraschung war auf beiden Seiten. Die Täterin erschrak, hatte sie sich doch allein gewähnt. Ich stutzte –ich kannte die Frau. Es war Katja, Herberts Frau.

„Guten Abend Katja. Du hier? Was führt Dich hierher?“

„Ich war einkaufen. Herbert hatte mich angerufen. Ich soll ihm eine CD aus dem Büro mitbringen. Und was tust Du hier?“

„Ich? Ich warte hier auf den Datendieb. Aber den habe ich ja jetzt erwischt. Und ob Herbert Dich beauftragt hat, werden wir gleich erfahren.“

Ich verschloss die Bürotür und rief Herbert an.

„Hallo Herbert. Ich bin im Büro und habe den Datendieb gestellt. Er sagt, er handele in Deinem Auftrag. Du solltest herkommen und selbst entscheiden, wie es weitergeht.“

„Was, ich soll sie beauftragt haben? Das ist eine freche Lüge! Ich komme.“

Herbert legte auf.

„Herbert kommt her. Er sagt, Du lügst.“

„Das Schwein! Er lügt, er hat mich reingelegt.“

„Ich weiß nicht, was stimmt. Ich arbeite mit Herbert seit Jahren vertrauensvoll zusammen. Ich habe keinen Grund, ihm zu misstrauen. Allerdings habe ich ein seltsames Bauchgefühl. Mir scheint, diese Geschichte stinkt von vorn bis hinten. Ich hoffe, Herbert wird Licht ins Dunkel bringen.“

„Einen Scheißdreck wird er. Er wird Dir die Hucke voll lügen, genauso, wie er es seit Jahr und Tag tut. Ich bin ihm auf die Schliche gekommen. Deshalb will er mich jetzt abservieren. Mike, Du musst mir helfen, da rauszukommen.“

„Woraus rauskommen? Wenn Du eine reine Weste hast, kann Dir doch nichts passieren. Ich fürchte, Du willst mich in etwas mit hineinziehen. Vielleicht solltest Du mir erstmal reinen Wein einschenken. Worum geht es hier überhaupt?“

„Ach Mike, Du bist, wie immer, absolut ahnungslos. Dir ist also noch nie aufgefallen, woher Ihr Eure Waren bezieht und wohin Ihr liefert? Vermutlich warst Du auch noch nie in Herberts Warenlager.“

„Nein. Ich bin Finanzbuchhalter und SAP-Experte. Herbert verlässt sich auf mich, dass ich meinen Job tadellos mache. Das tue ich und damit gut.“

„Na klar. Du bist sein Hier-ist-alles-rechtens-Aushängeschild. Vor drei Jahren war ich mit Herbert im Urlaub in Albanien. Da muss alles angefangen haben. Herbert traf dort Geschäftsfreunde, wie er sagte. Und seitdem ist nicht in allen Kisten das drin, was draufsteht. Ich habe nicht rausgekriegt, womit er handelt. Ich weiß nur, es steht nicht auf den Lieferpapieren und es ist illegal. Und deshalb will Herbert mich loswerden. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen einer anderen Frau. Ich habe ihn zweimal mit einer wasserstoffblonden Mieze beobachtet. Die hängt da bestimmt mit drin.“

Ich war zum zweiten Mal überrascht. Was Katja mir erzählte, verblüffte mich. Ich dachte nach, fand aber keinen einzigen Anhaltspunkt – weder für ihre Geschichte noch dagegen. Und warum sollte ich Katja helfen? Vielleicht war sie Mittäterin. Mir schwante, dem Einzigen, dem ich jetzt helfen müsste, war ich. Die Bürotür wurde aufgeschlossen und Herbert kam herein.

„Hast Du die alte Schlampe erwischt, wie sie unsere Daten klauen wollte? Sehr gut Mike, ruf sofort die Polizei, die gehört hinter Schloss und Riegel.“

Dann wandte er sich an Katja.

„Du elende Kröte, Ihr wollt mich zugrunde richten, Du und Dein Lover, dieser albanische Gigolo. Nicht genug, dass Ihr Geschäfte auf eigene Rechnung macht, nein, Ihr wollt den ganzen Laden hier übernehmen. Aber ich bin Eurem Treiben auf die Spur gekommen. Jetzt ist Schluss damit.“

Aha, dachte ich. Das ist also die andere Seite der Medaille. Aber was war Dichtung, was war Wahrheit? Ich wusste: Es gab kein Kopierprogramm auf Ingelinds PC. Woher wusste Herbert am Telefon, dass der Täter eine Frau war? Und warum war Herbert etwa 10 Minuten nach dem Telefonat schon im Büro? Das sprach gegen Herbert. Katja wollte mich mit hineinziehen. Das sprach gegen Katja. Ich wollte hier raus, und zwar schnell.“

„Katja, Herbert, ich denke, das hier solltet Ihr unter Euch ausmachen. Ich geh’ dann mal.“

Herbert hob seine Hand.

„Halt! Du bleibst hier. Ich brauche Deine Zeugenaussage, Du hast gesehen, wie Katja die Daten stehlen wollte.“

Jetzt stellte sich Katja zwischen uns.

„Nichts hat er gesehen. Außerdem weiß er Bescheid über Deine schmutzigen Geschäfte. Zieh ihn nicht auch noch hinein.“

„Ach, Du hast ihn schon auf Deine Seite gezogen. Das ging schnell. Aber Mike, mach Dir keine Hoffnungen, diese Schlampe treibt es mit jedem. Es wird Zeit, dass ich Euch Idioten loswerde. Bisher wart Ihr nützlich. Jetzt seid Ihr gefährlich. Los, vorwärts!“

Herbert zog eine Pistole aus der Jacke und deutete damit auf die Bürotür.

„Wird’s bald?“

Herbert trat hinter mich und bohrte den Pistolenlauf in meinen Rücken. Katja packte er mit eisernem Griff am Arm und dirigierte uns ins Treppenhaus, auf die Straße, in sein Auto. Ich musste zu seinem Lagerhaus fahren. Herbert nahm eine Handlampe aus dem Handschuhfach und leuchtete damit in die Halle. In ihrem Lichtschein schubste er uns vorwärts. Katjas Absätze klackerten gespenstisch auf dem harten Betonboden. Wir mussten eine steile Treppe hinunter, durch einen Kellergang und gelangten in einen Raum, der an einen Kühlraum erinnerte – mit schwerer Tür und gefliesten Wänden. Ein feuchter, saurer Geruch hing in der Luft. In der Raummitte standen eine Badewanne und ein Tank, so groß wie ein Badeofen.

„Hier kommt Ihr nicht mehr raus, das Säurebad wird Euch auflösen.“

Er öffnete einen Hahn am Tank und eine gelbliche Flüssigkeit lief in die Wanne.

„Du Schwein! Du elendes, korruptes Dreckschwein!“,

schrie Katja und stürmte auf Herbert zu. Der drehte sich zu ihr um und drückte ab. Katja stieß einen Todesschrei aus; mit dem Restschwung ihres Laufes stürzte sie auf Herbert zu. Der machte zwei schnelle Schritte zurück und kam ins Straucheln. Er riss seine Arme hoch, die Pistole flog durch den Raum. Noch einen halben Schritt rückwärts und der Rand der Badewanne bremste ihn abrupt in der Kniekehle. Im nächsten Moment schlug er mit dem Kopf auf den Hahn am Tank und fiel in die Badewanne. Zischend vermischte sich sein Blut mit der Säure. Starr vor Angst und Schreck wurde ich Zeuge des letzten Kapitels dieses kruden Tages. Sekunden später war ich schon die Treppe hoch, aus der Lagerhalle raus, die Straße entlang. Ich lief. Und lief. Und lief. In der Ferne sah ich einen Bus kommen. Im nächsten Augenblick war ich an der Bushaltestelle und eine Stunde später zu Hause.

In einem roten Kleid kam mir im Flur mein Schatz entgegen. Mit einem Kuss und den Worten:

„Hi, Mike, ist heute aber spät geworden. Konntest Du alles gut erledigen? Sicher hast Du noch nicht gegessen. Ich mach Dir was. Magst Du ein Glas Weißburgunder dazu?“,

begrüßte mich mein Mann.

„Gerne. Und ja, es ist alles erledigt.“

Es war so gut, wieder im normalen Leben angekommen zu sein.

 

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