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Sondermüll

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02.06.2026
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Sondermüll

Die Lehrerin sitzt mit ihrem Notenheft auf dem Flur. Sie hat einen Kugelschreiber in der Hand und tippt damit auf die Seite. „Du musst dich jede Stunde mindestens zweimal melden.“ Sie schaut mich an. Wartet. „Warum sprichst du nicht mit uns?“

Ich bin in der zehnten Klasse. Hauptschule.

Sprich doch mit mir, sprich doch mit uns.
Warum spricht sie nicht?
Die sagt nichts.
Die will das nicht.

Diese verdammte scheiß Schule, der verdammte Beton, die verdammten Neonröhren.

Der Schulsozialarbeiter trägt immer Schlappen und in den Pausen lungern die verlorenen Jungs in seinem Büro herum und sind albern.

In Physik sagt der Lehrer mit dem durchgescheuerten Hosenboden zu den Jungs: "Ihr setzt euch nach hinten zu dem Sondermüll".

Ich sitze frontal zur Tafel, die Uhr immer im Blick und schaue aus dem Fenster. Die Beine übereinander geschlagen, eng beieinander. Die Arme am Körper verschränkt. Starre aus dem Fenster. Draußen tanzt eine Plastiktüte im Wind, der Hausmeister verlässt das Schulgebäude in seinem grauen Kittel. Sie schreit meinen Namen: „Wo schaust du hin?“ Ich sehe sie an, wie sie mit den Armen fuchtelnd am Pult steht. Sie wiederholt ihre Frage. Ich deute auf das Waschbecken. Sage: „Nach vorne“. Sie fährt mich an: „Du sollst nicht auf das Waschbecken gucken und auch nicht aus dem Fenster, sondern mich ansehen. Du bekommst nichts mit“. Ich sage leise: „Doch“. Sie schreit: „Nein, du träumst!“

Der Erdkundelehrer trägt immer Pullunder, liebt Tina Turner und hat einen Klumpfuß. Die Schüler sagen, sie lernen nichts. Jeder macht, was er will. Die Mädchen schwärzen ihn bei den anderen Lehrern an. Er humpelt jeden Tag mit gesenktem Kopf den Weg zur Schule und zurück nach Hause. Gehstock rechts, Ledertasche links. Mir gibt er eine Zwei in Erdkunde.

Der Sportlehrer verbringt eine Stunde lang in der Mädchenkabine und erzählt. Die Mädchen hören ihm zu und lachen. Die Jungen toben auf dem Flur. Dann spielen die Mädchen Völkerball und die Jungen Fußball. Der Sportlehrer steht mit seiner Trillerpfeife am Spielfeldrand.

Nach dem Sportunterricht ziehen die kurdischen Mädchen ihre Jogginghose aus, darunter tragen sie Jeans.

Die Schulglocke läutet, ich gehe schnell.

 

Hallo fräuleinplatzkennen!
Dieser Text ist wie ein Einblick in die traurige Wirklichkeit einer Schule. Beim Lesen werden Erinnerungen wach an die eigene Schulzeit oder an Berichte davon. Es wird deutlich, dass der Ich-Erzähler die Schule nicht mag, vielleicht sogar hasst. Aber mehr als das, findet nicht statt. Keine Reflektion über die Lehrer, die Mitschüler, das eigene Leben. Am Ende geht der Schüler schnell nach Hause und der Leser wird mit Fragen allein zurückgelassen. Mir fehlt am Ende eine Botschaft. Was willst Du dem Leser sagen?
Ich sehe, das ist Dein erster Text hier auf Wortkrieger. Hast Du schon vorher geschrieben? Der Text liest sich für mich wie ein erster Versuch. Man könnte ihn auch als Hilferuf eines Schülers deuten.
Viele Grüße
Tiron

 

Hallo fräuleinplatzkennen,

ich finde deinen Text sehr tiefgründig. Dein Text handelt nicht von Unaufmerksamkeit, sondern davon, dass die Erzählerin anders aufmerksam ist, als die Schule es anerkennt.
Sie sieht sehr viel, bekommt fast alles mit: die Plastiktüte, den Hausmeister, die Körperhaltung der Lehrer, die verlorenen Jungs, die Kleidung der Mädchen, den durchgescheuerten Hosenboden, den Pullunder, den Klumpfuß, die Traurigkeit des Erdkundelehrers.
Der Titel "Sondermüll" ist sehr passend und liest sich für mich Doppeldeutig: einerseits "die Aussortierten" aber vielleicht beschreibt es auch das Selbstbild der Erzählerin.
LG
Alea

 

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