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Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts

Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts

Wasser tropfte aus ihren Haaren und floss durch die Spalten des Stegs zurück in den See. Der Leinenstoff schmiegte sich an den Körper, ihre Brüste zeichneten sich ab und auf der Höhe des Bauchnabels hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.
Wie eine Motte die Laterne des Nachtwächters verfolgte, so haftete Wilhelms Blick an dieser Frau. Er nannte sie Helena, die Strahlende, die Schöne.
An ihrer Wange stach eine blaue Ader so deutlich hervor, als hätte ein Maler einen ersten Strich Ultramarin auf die Leinwand aufgetragen. Wilhelm streckte seinen Finger aus, wollte dieser Linie folgen, bis hin zu den dünnen Brauen und dem Leberfleck an der Stirn.
Ein Ellbogen stieß in seine Rippen und ließ ihn stolpern. Die Männer in seinem Rücken drängten sich an ihn, er roch Schweiß und sauren Atem. Er festigte seinen Stand und richtete den Blick wieder auf die sechs Leichen.
Wilhelm war früh hier gewesen und hatte aus erster Reihe beobachten können, wie die Frauen mit kleinen Schritten näher kamen. Ihre Blicke irrten umher, die Fußfesseln klirrten und scheuerten die Haut an den Knöcheln. Helena betrat den Steg als letzte und als Wilhelm sie sah, wusste er, welche Frau der Dekan auswählen würde.
Der Henker drückte Helena mit dem langen Stock hinab. Ruhig ging sie unter, ihre letzten Zuckungen verwirbelten das trübe Wasser. Braune Strähnen trieben bis an die Oberfläche, Luftblasen verfingen sich darin. Der böige Wind schickte kleine Wellen über den See und spülte das Leben aus ihren Haaren.
Wilhelms Augen brannten, er wagte nicht zu blinzeln. Als der Henker Helena aus dem Wasser holte, blieb dort etwas zurück. Eine kleine, gelbe Blüte schwamm auf dem dunklen See, leuchtete wie eine gefallene Sonne.
Die schweren Schritte des Dekans dröhnten auf dem Steg, seine dunkelblaue Robe plusterte sich im Wind. Die dicht gedrängten Menschen wichen zurück und schufen eine Gasse. Die Miene des Dekans war starr, aber Wilhelm sah das Funkeln in seinen Augen.
Er schritt an den toten Frauen vorbei, ließ sich viel Zeit, so viel, dass Wilhelm wütend wurde. Er ballte die Fäuste und presste die Lippen aufeinander. Schließlich blieb der Dekan stehen, seine Robe berührte Helenas Haar. Er nickte kurz. Zwei Männer näherten sich, ergriffen Helena am Hals und den Füßen, legten sie auf eine Trage.
Als sie Wilhelm passierten, hätte er Helena berühren können, doch er bewahrte sich diesen Moment. Er sah ihr nach, bis die Menge den Blick versperrte.
Wilhelm ging an das Ende des Stegs, kniete sich zum Wasser und fischte die Blüte heraus. Violette Adern durchzogen das Gelb und sammelten sich in der Mitte des Kelchs. Wilhelm rieb die Pflanze zwischen den Fingern. Sie roch nach Tod.

Auf den Steinstufen der medizinischen Fakultät standen mehrere junge Männer und diskutierten. Wilhelm runzelte die Stirn, seine Schritte knallten auf das Kopfsteinpflaster. Er trat in die Menge und knurrte: „Wieso geht ihr nicht rein?“
Theo, ein schmächtiger Kerl mit strähnigen Haaren, knetete seine Hände. „Sie wollen uns nicht dabei haben! Nur die Doktoren dürfen anwesend sein.“
Wilhelm schüttelte den Kopf. „Wir haben dafür bezahlt.“
Theo zuckte mit den Schultern und beugte sich zu Wilhelm. „Sie soll schwanger gewesen sein.“ Spucke flog an seinen schiefen Zähnen vorbei, traf Wilhelms Mantel.
Wilhelm schlug hart gegen Theos Schultern, er stolperte zurück.
„Was denkst du denn, wer sie war? Eine Hure, die sich ein Kind andrehen lässt?“, presste Wilhelm hervor.
Theo war blass, der Mund stand offen, was ihnen wie einen Dummkopf und nicht wie einen Studenten der medizinischen Fakultät aussehen ließ. Auch die anderen Kommilitonen wichen einen Schritt zurück und schwiegen.
Säure stieg Wilhelm die Kehle hinauf, drang in seinen Rachen. Er wandte sich ab, eilte an dem großen Gebäude entlang und spuckte die Galle auf den Boden.
Aus einer Gasse pfiff der Wind und warf Wilhelm den Geruch von Schimmel und Unrat ins Gesicht. Er trat in das Halbdunkel zwischen den Häusern, seine Schuhe rutschten auf dem matschigen Boden. Der schmale Gang führte ihn zu einer offen stehenden Tür, durch die Stimmen und diffuses Licht quollen. Ohne zu grüßen, durchquerte Wilhelm die Küche, drängte sich auf der Treppe an einem Bediensteten vorbei und stand schließlich in der imposanten Eingangshalle der Fakultät.
Statt der Marmortreppe zum Theater zu folgen, eilte er in einen engen Flur und betrat eine Kammer, in der sich Stühle und Tische stapelten. Ein paar Holzstufen führten zu einem Nebeneingang. Durch die Tür am oberen Ende glitt er leise in den Saal.
Ein metallischer Geruch schlug ihm entgegen. Sie hatten bereits begonnen.
Vor Wilhelm öffnete sich der Raum; wie in einem Amphitheater führten breite Stufen hinab. Kerzen in mannshohen Ständern warfen flackerndes Licht auf eine nackte Frau, aufgebahrt in der Mitte der Bühne.
Helena.
Ihr Anblick ließ Wilhelm schwindeln, er lehnte sich an die Wand. Das Holz knarrte, aber keiner der Doktoren, die auf Stühlen in den ersten Reihen saßen, drehte sich um.
Helenas Bauch war bereits geöffnet, ihr Innerstes leuchtete rot wie die Hände des Baders, der neben ihr stand. Ein Luftzug wehte über ihren Körper, ließ ihre Haare zittern und trug einen süßlichen Geruch hinauf zu Wilhelm.
Er runzelte die Stirn und griff in seine Tasche, roch an der Blüte in der Faust. Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts war der des Todes.
„Kommen wir nun zu der Entnahme des Uterus“, dröhnte die Stimme des Dekans. Er stand an einem Pult aus dunklem Kirschholz, mehrere Schritte entfernt von der Leiche, und strich ein vor ihm liegendes Pergament glatt.
Der Bader streckte seine Hände aus, die Herren auf den Stühlen beugten sich vor und Wilhelm fiel es schwer sich zurückzuhalten, sich zu zügeln und sie nicht alle zu töten, als Strafe für ihre lüsternen Blicke, die über Helenas Körper fuhren, in sie eindrangen, bis sie nichts mehr preiszugeben hatte. Wilhelm wischte sich den Schweiß von der Stirn, seine Zunge klebte pelzig am Gaumen.
Die Finger des Baders versanken in Helena, während der Dekan fortfuhr: „Die sieben Kammern des Uterus werden wie folgt aufgeteilt: Auf der rechten Seite sitzen die drei heißen Zellen, in denen die Männer heranreifen.“
Ein Schrei kratzte an Wilhelms Verstand, ein Schrei, der so schwach war, dass er ebenso seinen angespannten Nerven als auch der Wirklichkeit entsprungen sein könnte.
„Je heißer die Zelle, desto ausgeprägter die Männlichkeit des entstandenen Kindes.“ Der Dekan schien nichts zu bemerken, doch die Männer wurden unruhig, rutschten auf den Stühlen umher, ein Murmeln schwoll an. Der Bader hing wie erstarrt über Helenas Leib, schaute sich unsicher um.
Nun bemerkte auch der Dekan, dass etwas nicht stimmte. Unwirsch sah er auf: „Was ist los?“
Die Herren verstummten.
Und als hätte es diese Stille zu nutzen gewusst, schrie das Kind. Der Raum wurde erfüllt von dem Schrei eines Säuglings, eines Neugeborenen, verwundert über das Leben und bereit dafür zu kämpfen.
Gänsehaut prickelte auf Wilhelms Armen. Einer der Männer stand auf, blickte Richtung Ausgang, wurde am Ärmel zurück gerissen.
„Haben Sie noch nie ein Kind schreien hören, meine Herren?“ Der Dekan lachte tief. „Sie werden das wohl nicht schlechter vertragen als die Weiber!“
Er blickte den Bader an. „Fahren Sie fort!“ Dann flog sein Finger wieder über das Pergament, suchte nach der richtigen Stelle. „Auf der linken Seite des Uterus findet man die drei kalten Zellen. Hier ...“
Der Bader hustete, wandte sich würgend von der Leiche ab. Wasser quoll aus seinem Mund, rann über das Kinn und die Brust. Er riss an seinen Lippen, griff sich an die Kehle, hinterließ hellrote Flecken auf der Haut, fiel auf die Knie.
Ein behäbiger Mann aus der ersten Reihe eilte zu Hilfe. In seinen Armen brach der Bader zuckend zusammen, sank auf den Boden, während der Helfer noch versuchte zu verstehen, was passierte. Die anderen Doktoren beobachteten das Schauspiel, gefangen von ihrer wissenschaftlichen Neugier.
Der Bader bewegte sich nicht mehr, noch immer rann Wasser aus seinem Mund und kroch über die Holzdielen. Der Mann neben ihm legte zwei Finger an seinen Hals. Er räusperte sich: „Er ist tot.“
Wilhelm presste die Lider zusammen, riss sie wieder auf. Ihm fiel es schwer zu fokussieren, stöhnend rieb er seine Augen. Was ging dort unten vor sich?
„Das ist das Werk der Hexe!“, rief jemand und zeigte auf Helena. Mehrere Doktoren sprangen von ihren Stühlen.
Der Dekan schlug mit der flachen Hand auf sein Pult. Es dauerte, bis das Hämmern die Unruhe niederringen konnte.
„Reißen Sie sich zusammen!“ Das Gesicht des Dekans war rot, seine Stirn glänzte. Er blinzelte, schüttelte den Kopf, als versuchte er, den gleichen Dunst loszuwerden, der auch Wilhelm umgab.
„Schaffen Sie den Bader hieraus!“ Er dirigierte zwei der Bediensteten, die sich bisher im Schatten aufgehalten hatten, nach vorne in Richtung Bühne. Während die Männer den Leichnam aus dem Theater trugen, wischte sich der Dekan den Schweiß von der Stirn. „Wer von Ihnen erklärt sich bereit, die Sektion fortzuführen?“ Die Doktoren klammerten sich mit weißen Knöcheln an ihre Stühle.
Der Luftzug in dem Theater entwickelte sich zu einem Wind, der die Haare der Männer aufstellte und das Pergament auf dem Pult des Dekans flattern ließ. Der Verwesungsgeruch wurde unerträglich. Wilhelms Kehle krampfte.
Einer der Männer erbrach sich. Der Dekan brüllte „Ruhe!“, und schien damit den würgenden Mann und den Wind zu meinen.
Doch anstatt nachzulassen, peitschte die Luft noch kräftiger durch den Raum und brachte hellgelbe Blüten mit sich. Wilhelm konnte sie kaum erkennen, aber er wusste, dass ihr Kelch violett war.
Die Blüten wirbelten durch das Theater, sammelten sich um den Dekan, umzingelten ihn wie ein Schwarm Hornissen. Seine Schreie hallten durch den Raum, wurden von den hohen Decken zurückgeworfen, immer schriller kratzten sie an Wilhelms Verstand. Er drückte die Hände auf die Ohren, aber die Todesangst des Dekans durchbrach die Barriere, kroch in Wilhelms Kopf, schmerzte in seinen Knochen, ließ die Muskeln verkrampfen.
Abrupt brach der Schrei ab, der Körper des Dekans fiel zu Boden. Im Theater war es so leise, dass Wilhelm das Rascheln der Blüten hören konnte, als sie sich auf dem Leichnam niederließen.
Die Doktoren sprangen auf, ihre Stühle polterten auf den Steinboden, sie und die Assistenten des Dekans stürmten aus dem Theater.
Wilhelm lehnte schwer atmend an der Wand. Sie waren allein.
Mit zitternden Beinen kämpfte er sich die Stufen hinab bis zur Bühne. Vor ihr blieb er stehen.
Er streckte den Finger aus, hielt inne. Sein Blick war wieder klar. Vorsichtig berührte Wilhelm die Ader an der Wange, folgte ihr bis hin zu den Augenbrauen, verharrte an dem Muttermal auf der Stirn.
Helena schlug die Augen auf. Sie waren hellgelb, durchzogen von violetten Adern, die sich in der Pupille sammelten. „Schön, dass du uns nicht alleine lässt.“
Wilhelm nickte. „Da war ein Kind“, sagte er.
„In mir ist es sicher. Ich konnte nicht zulassen, dass sie es mir wegnehmen.“ Mit ihren letzten Worten frischte auch der Wind wieder auf, aber Wilhelm kannte keine Angst mehr.
„Zeig mir dein wahres Wesen“, sagte Helena. „Dein Innerstes.“
Wilhelm entledigte sich seines Mantels, schnürte die Schuhe auf und streifte sie von den Füßen, er zog Hemd und Hose aus, faltete sie und legte die Sachen auf einen der Stühle.
Der Untersuchungstisch so breit, dass sich Wilhelm neben Helena legen konnte. Die Steinplatte kühlte seine erhitzte Haut.
Wilhelm hatte selbst noch keine Sektion durchgeführt, den Ablauf aber oft genug beobachtet, um zu wissen, wie er vorgehen musste. Das Werkzeug des Baders glänzte im Schein der Kerzen.
Wilhelm griff zu dem Skalpell, setzte es knapp über seinem Schambein an und zog das Messer in einem gerade Schnitt durch die Haut Richtung Brustkorb. Blut quoll aus der Wunde.
„Ich beginne mit der Entnahme der Eingeweide des Bauchraumes.“
 
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28.12.2012
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Diese Geschichte wurde von einem Autor geschrieben, der hier im Forum angemeldet ist, es für diese Geschichte aber bevorzugt hat, eine Maske zu tragen.
Der Text kann, wie jeder andere Text im Forum, kommentiert werden, nach zehn Tagen wird die Identität des Autors enthüllt.

Als Kritiker kann man bis dahin Vermutungen über die Identität des Autors anstellen. Damit man anderen mit einem schlüssigen Rateversuch nicht den Spaß raubt, sind Spekulationen und Vermutungen bitte in Spoiler-Tags zu setzen.
*Beispiel *
Ich vermute, dass der Autor der Geschichte Rumpelstilzchen ist. Der schreibt doch auch immer von güldenem Haar und benutzt so viele Ausrufezeichen!
Die Spoiler-Markierung findet ihr unter den drei Punkten im Menü über dem Texteditor.
Da dies jedoch kein Ratespiel ist, sind Beiträge ohne Textarbeit, also reine „Vermutungen“, nicht erwünscht.

Viel Spaß beim Kommentieren und Raten!
 
Wortkrieger-Team
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09.12.2016
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Hallo liebe Maske,
dein Text lässt sich gut lesen, du hast ein paar beeindruckende Bilder drin, und in den Räumlichkeiten habe ich mich auch zurechtgefunden.
Personen und Handlung bleiben mir allerdings ein Rätsel. Einerseits scheint die Geschichte auf die Hexenverfolgung anzuspielen, dennoch bleiben mir die Motive zu schwammig. Ist Helena eine Hexe, die den Tod des Dekans und eines seiner Gehilfen herbeigeführt hat? Was hat es mit den Blüten auf sich? Und welche Rolle spielt Wilhelm? Hatte er eine Affäre mit ihr? Ist er der Vater?

Mir tun sich eine Menge Fragen auf, ich vermisse eine backstory, die mich an die Hand nimmt und durch den Text führt. (z.B., indem ich etwas über Wilhelms Gedanken erfahre). Ich habe auch lange gebraucht, um Wilhelm einzuordnen. Anfangs dachte ich, er wäre Kommissar, dann Dozent, zum Schluss erfahre ich, dass er Medizinstudent ist. (Glaube ich.)

Auf der Handlungsebene passiert recht viel in der Geschichte, was du mit starken Effekten untermalst. Zu denen fehlt mir aber oft der inhaltliche Zugang, weil ich ihre Bedeutung im Bezug auf die Geschichte nicht verstehe. Wahrscheinlich liegt es zum Teil daran, dass ich nichts über das Innenleben der Figuren erfahre, nur über ihre Reaktionen. Wilhelm macht sich zwar ein paar Gedanken zur Situation, aber die verraten mir nicht, was es mit dem Ritual auf sich hat, bzw. welches Verhältnis er zu Helena hat oder hatte. Warum schleicht er sich zum Beispiel in den Saal? Er fragt sich ja selbst, was da unten geschieht, hatte also vorher keine Ahnung. Es scheint also keinen konkreten Grund zu haben, weshalb er dem Ritual beiwohnt. Gut, er will rausfinden, was da geschieht, aber welche Vorgeschichte hat das? Warum geht er ausgerechnet jetzt da hin?

Das Ende habe ich leider nicht begriffen. Sie freut sich, dass er da ist, also denke ich, sie kannten sich also doch schon vorher. Er soll ihr sein wahres Wesen zeigen, legt sich neben sie und führt dann die Sektion durch. Ich habe keine Ahnung, wie das zusammenhängt.

Auch die Bilder fand ich teilweise widersprüchlich, z.B. hier:

Wilhelm konnte seinen Blick nicht von dieser Frau nehmen. Er nannte sie Helena, die Strahlende, die Schöne.
Ihre Haut hatte sich beinahe aufgelöst, an der Wange stach eine blaue Ader so deutlich hervor, als hätte ein Maler einen ersten Strich Ultramarin auf die Leinwand aufgetragen.
Er nennt sie Helena. Das sagt mir, er kannte sie vorher nicht. Für mich klingt es, als hätte er sich in den Anblick der toten Frau verliebt, obwohl sich ihre Haut beinahe aufgelöst hatte. Das krieg ich nicht zusammen, es sei denn, Wilhelm hat einen Hang zum Morbiden.
So wie ich es gelesen habe, ist sie ja auch gerade erst gestorben, aber die aufgelöste Haut lässt mich eher an eine Wasserleiche denken, die schon einige Zeit tot ist. Ich bekomme also kein klares Bild von der Situation.

Wilhelm streckte seinen Finger aus, wollte dieser Linie folgen, bis hin zu den dünnen Brauen und dem Leberfleck an der Stirn.
Ein Ellbogen stieß in seine Rippen und ließ ihn stolpern. Die Männer in seinem Rücken drängten sich an ihn, er roch ranzigen Schweiß und sauren Atem. Er festigte seinen Stand und richtete seinen Blick wieder auf die sechs Leichen.
Auch hier weiß ich nicht recht, wie ich mir das vorstellen soll. Erst dachte ich, er hockt neben ihr, ist im Begriff, sie zu berühren. Dann erfahre ich aber, dass er steht. Er streckt also den Arm im Stehen nach ihr aus. Das wirkt nicht organisch auf mich.

Eine kleine, gelbe Blüte schwamm auf dem dunklen See, leuchtete wie eine gefallene Sonne.
Wunderschönes Bild!

Die schweren Schritte des Dekans dröhnten auf dem Steg, seine dunkelblaue Robe plusterte sich im Wind.
Das auch.

Wilhelm merkte sich ihre Gesichter.
Wieso tut er das? Ist er einem Geheimnis auf der Spur? Will er sie überführen?

Sie roch nach Tod.
Das würde ich streichen. Klingt ein bisschen drübber und schwächt dadurch auch das starke Bild ab.

Er trat in die Menge und knurrte: „Wieso geht ihr nicht rein?“
Hier dachte ich dann, er wäre Dozent

„Sie soll schwanger gewesen sein.“ Spucke drang an seinen schiefen Zähnen vorbei, traf Wilhelms Mantel.
Wilhelm schlug hart gegen Theos Schultern, er stolperte zurück.
„Was denkst du denn, wer sie war? Eine Hure, die sich ein Kind andrehen lässt?“, presste Wilhelm hervor.
Wer war sie denn für Wilhelm? Wieso reagiert er so heftig?

Der Henker drückte Helena mit dem langen Stock unter Wasser, sie wehrte sich nicht und ging geräuschlos unter.
geräuschlos passt hier nicht für mich. Selbst, wenn sie sich nicht wehrt, müsste man ein Blubbern hören, zumal ja noch mit dem Stock hantiert wird.

Theo war blass, sein Mund stand offen, was ihnen wie einen Dummkopf und nicht wie einen Studenten der medizinischen Fakultät aussehen ließ.
Ich würde es bei dem Dummkopf belassen, sonst wirkt es zu überladen. Ich weiß ja schon, dass er Medizinstudent ist, und inhaltlich klingt es auch etwas missverständlich. So als ob jeder, der kein Medizinstudent ist, dumm wäre.

Ohne zu Grüßen,
grüßen.

Ein metallischer Geruch schlug ihm entgegen. Sie hatten bereits begonnen.
Vor Wilhelm öffnete sich der Raum; wie in einem Amphitheater führten breite Stufen hinab. Kerzen in mannshohen Ständern warfen flackerndes Licht auf eine nackte Frau, aufgebahrt in der Mitte der Bühne.
Helena.
Tolles Bild.

Er runzelte die Stirn und griff in seine Tasche, roch an der Blüte in der Faust. Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts war der des Todes.
Auch hier verstehe ich seine Reaktion nicht. Warum riecht er in so einer Situation an der Blume? Und was hat es mit dem Bilsenkraut auf sich? Es riecht nach Tod, ja, aber ich begreife die Bedeutung im Kontext nicht.

und Wilhelm fiel es schwer sich zurückzuhalten, sich zu zügeln und sie nicht alle zu töten, als Strafe für ihre lüsternen Blicke, die über Helenas Körper fuhren, in sie eindrangen, bis sie nichts mehr preiszugeben hatte.
Lüsterne Blicke bei einem aufgeschnittenen Körper? Entweder sind die alle hochgradig pervers - was anzunehmen ist, aber im Verlauf des Textes nicht bestätigt wird - oder das Bild hängt schief.

Und als hätte es diese Stille zu nutzen gewusst, schrie das Kind.
Hier wäre ich fast ausgestiegen. Auch ein Horrortext sollte mMn so viel Bezug zur Realität haben, dass der Horror über eine gewisse Authentizität erlebbar wird. Meines Wissens nach schreit ein Baby nicht einfach so, und ich frage mich auch, wie es überleben konnte. Laut Google ist sowas nur bei Hirntoten möglich, die künstlich am Leben gehalten werden, nicht aber bei Leichen.
Außerdem frage ich mich, warum die Herren Mediziner das Kind bis dahin völlig übersehen haben. Auch, zu welchem Zweck sie sie aufschneiden, erschließt sich mir nicht.

Er riss an seinen Lippen, griff sich an die Kehle, hinterließ hellrote Flecken auf seiner Haut, fiel auf die Knie.
Das ist mir zu theatralisch, wirkt nicht echt.

Was ging dort unten vor sich?
Das frage ich mich auch.

Im Theater war es so leise, dass Wilhelm das Rascheln der Blüten hören konnte, als sie sich auf dem Leichnam niederließen.
Auch das kann ich mir nicht vorstellen, es sei denn, die Blüten sind aus Papier. Und kurz vorher war es noch so stürmisch, dass allen die Haare zu Berge standen.

Wie du merkst, stehe ich inhaltlich völlig auf dem Schlauch und habe auch keine Ahnung, wer du sein könntest, liebe Maske. Die visuelle Sprache finde ich - wie gesagt - sehr stark. Sie entfaltet ihre Wirkung, flacht aber in meinen Augen dadurch ab, dass sie mir in der Wahl der Bilder zu sehr auf den reinen Effekt abzuzielen scheint., dessen Bedeutung mir aber leider verschlossen bleibt.
Bin gespannt, wer du bist.

Viele Grüße,
Chai
 
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01.01.2015
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Moin, moin Maske,
Da wollen wir doch mal den Maskenball wieder nach oben holen!
Eigentlich würde ich diesmal wirklich die Abkürzung nehmen wollen und einfach einen gereckten Daumen hinterlassen mögen. Mich hat lange keine Geschichte so gepackt und dann noch Horror ...
Aber als anständig erzogenes Wortkriegerlein gehe ich brav durch den Text (immerhin das dritte Mal) und Du kriegst hoffentlich nicht nur zitierte Lieblingsstellen. Ich schüttle immer noch den Kopf, wir reden immer noch über eine Horrorgeschichte.

Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts
Da ich ein Bild der Pflanze vor Augen habe, sogar eine Menge über ihre Verwendung weiß, finde ich den Titel doppelgut

Wasser tropfte aus ihren Haaren und floss durch die Spalten des Stegs zurück in den See. Der Leinenstoff schmiegte sich an den Körper, ihre Brüste zeichneten sich ab und auf der Höhe des Bauchnabels hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.
Ich lese als Kinofilm und hier hab ich sofort Bild, okay, die Zeiteinordnung erfolgt später, passt aber, das Leinenkleid ist ein guter Hinweis

Wilhelm konnte seinen Blick nicht von dieser Frau nehmen. Er nannte sie Helena, die Strahlende, die Schöne.
Hier bin ich auch der Meinung, er kennt sie nicht, nimmt aber ihre Schönheit sofort wahr, ist angetan.

Er wusste nicht, welche der Dekan auswählen würde, und wollte alle sechs mit schlagendem Herzen und roten Wangen erleben.
ah, ein regelmäßiges "Ritual"/Vorgehen. Hexenprozeß mit medizinischer Nachnutzung?

sie wehrte sich nicht und ging geräuschlos unter.
das wollte ich erst monieren, der Überlebenswille siegt ja immer, aber unter Berücksichtigung des Schlusses, nehme ich es absolut als korrekt, schöner Hinweis.

Der böige Wind schickte kleine Wellen über das Wasser und spülte das Leben aus ihren Haaren.
Klasse Bild!

blieb dort etwas zurück. Eine kleine, gelbe Blüte schwamm auf dem dunklen See, leuchtete wie eine gefallene Sonne.
ich finde es genial, wie Du das Bilsenkraut (was ja ein absolutes Hexenkraut ist) immer wieder aufgreifst. Darf ich die Idee mal klauen ... (natürlich nur die Technik)

Die Miene des Dekans war starr, aber Wilhelm sah das Funkeln in seinen Augen.
auch ein toller Hinweis, da ist mehr dran

Wilhelm merkte sich ihre Gesichter.
diesen Hinweis habe ich in der Auflösung vermisst, der ist über oder halt eine Ablenkung

Violette Adern durchzogen das Gelb und sammelten sich in der Mitte des Kelchs. Wilhelm rieb die Pflanze zwischen den Fingern. Sie roch nach Tod.
Das ist so gut und vor allem so richtig. Ich ärgere mich immer über fehlende Recherche zu solchen nachlesbaren Details. Dickes Danke für den Gegenbeweis!

Er trat in die Menge und knurrte: „Wieso geht ihr nicht rein?“
Die Reaktion habe ich allerdings wirklich nicht verstanden, warum knurrt er? Also wieso ist er da "aggressiv", erstaunt ist klar, sauer auch, aber knurren?

„Was denkst du denn, wer sie war? Eine Hure, die sich ein Kind andrehen lässt?“, presste Wilhelm hervor.
Okay, ich habs bisher dreimal gelesen, aber meiner Meinung nach kannte er sie bisher nicht, warum also diese Reaktion. Welchen Hinweis habe ich überlesen?

Er trat in das Halbdunkel zwischen den Häusern, seine Schuhe rutschten auf dem matschigen Boden.
Grins! Mir passiert es selbst ausreichend, also über ich immer die überflüssigen Scheißerle zu finden. Hier ist mir das seine wirklich zu umständlich.

Kerzen in mannshohen Ständern warfen flackerndes Licht auf eine nackte Frau, aufgebahrt in der Mitte der Bühne.
nochmal schöner Hinweis auf die Zeit, in der Du angesiedelt hast, finde ich gut ganz nebenbei eingebaut - Robe, Henker, saurer Atem, Kerzen, Bader - für mich passt es.

Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts war der des Todes.
ich mag es immer noch

Ein Schrei kratzte an Wilhelms Verstand, ein Schrei, der so schwach war,
das finde ich auch super, es ist nicht eindeutig. Naja, eigentlich ist es sogar ganz eindeutig, das es nicht das Baby der Toten sein kann. herrlich unheimlich (okay, jetzt grusel ich mich vor meiner eigenen Begeisterung - sehr schräg)

Der Raum wurde erfüllt von dem Schrei eines Säuglings, eines Neugeborenen, verwundert über das Leben und bereit dafür zu kämpfen.
ne, da bist Du für mich drüber! Das ist der Autor, wenn ich das bis hierher nicht selbst so fühle, dann ist die Geschichte eh nichts für mich, also vertrau mir ...

noch immer rann Wasser aus seinem Mund und kroch über die Holzdielen.
Klasse, das Ertrinken noch mal aufgenommen. Die Rache ist mein ...

„Das ist das Werk der Hexe!“, rief jemand und zeigte auf Helena.
und daher finde ich diesen Satz auch überflüssig, sorry

schüttelte den Kopf, als versuchte er, den gleichen Dunst loszuwerden, der auch Wilhelm umgab.
mir gefällt, wie Du mir immer wieder verdeutlichst, das hier irgendwas absonderliches abläuft, ohne es zu benennen. Okay, andere werden vielleicht sagen, das die Führung des Lesers zu offensichtlich ist, ich genieße es einfach als tolle Lehrstunde (hoffentlich ist Dein Honorar nicht zu hoch)

Doch anstatt nachzulassen, peitschte die Luft noch kräftiger durch den Raum und brachte hellgelbe Blüten mit sich.
da sind sie wieder und deuten auf einen nächsten Höhepunkt hin

Abrupt brach der Schrei ab, der Körper des Dekans fiel zu Boden. Im Theater war es so leise, dass Wilhelm das Rascheln der Blüten hören konnte, als sie sich auf dem Leichnam niederließen.
Und das ist mein Lieblingsbild (hört auf doof zu grinsen, ja mein Name hat schon seinen Grund)

Sie waren allein.
Mit zitternden Beinen kämpfte er sich die Stufen hinab bis zur Bühne.
und jetzt komme ich ins grübeln. Das hört sich doch nach alten "Bekannten" an, das "sie" hört sich nach Team/Paar/ vertraut an.

Helena schlug die Augen auf. Sie waren hellgelb, durchzogen von violetten Adern, die sich in der Pupille sammelten. „Wie schön, dass du da bist.“
:Pfeif:

„Zeig mir dein wahres Wesen“, sagte Helena. „Dein Innerstes.“
„Ich beginne mit der Entnahme der Eingeweide des Bauchraumes.“
und diesen Schluss, für mich unerwartet, finde ich absolut passend. Ich gehe mir jetzt eine kitschige Liebesgeschichte oder ein Kinderbuch suchen, um meinen Kopf zu entlüften, aber meinen Spaß hatte ich an dieser Geschichte ganz offensichtlich.

Oh, Stammtisch, Mist - ich komme zu spät!
Wer wars?
Nicht hauen! Auch wenn es vielleicht seltsam erscheint, ich habe Novak vor Augen
 
Senior
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02.01.2011
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Hey Maske!

Wasser tropfte aus ihren Haaren
aus ihren Haaren? Oder von?

Der Leinenstoff schmiegte sich an den Körper, ihre Brüste zeichneten sich ab und auf der Höhe des Bauchnabels hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.
Ah, ok. Ich finde, das ist etwas umständlich ausgedrückt. Denn eigentlich sagst du nicht: Die Frau lag rücklings auf dem Steg. Ich frage mich beim Lesen, wie eine Pfütze auf Bauchnabelhöhe entstehen kann, und erst dann kam ich darauf, wie sie in der Szenerie positioniert ist. Ich fände es schöner, wenn du es direkt sagst: Die Frau lag rücklings auf dem Steg des Sees. Wasser tropfte von ihren Haaren. Zwischen ihren Rippen, auf Bauchnabelhöhe, hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.
In diese Richtung.

Ihre Haut hatte sich beinahe aufgelöst
Hier hätte mich interessiert: Wie sieht das im Detail aus? Hängt die Haut in Fetzen, sieht man das Fleisch, welche Farbe hat das Fleisch darunter? Hier könntest du schön Authentizität schaffen und mich als Leser in die Szenerie ziehen mit guter Recherche

Wilhelm streckte seinen Finger aus, wollte dieser Linie folgen, bis hin zu den dünnen Brauen und dem Leberfleck an der Stirn.
Unterstrichenes könntest du kürzen! Das fühlt sich für mich nach einem Writer's Darling an, aber im Kontext der Vor- und Folgesätze fände ich das schön entschlakt.

Wilhelm war früh hier gewesen
Hier könntest du auch eine konkrete Uhrzeit/Tageszeit benutzen; wäre greifbarer für den Leser, mMn

Er wusste nicht, welche der Dekan auswählen würde, und wollte alle sechs mit schlagendem Herzen und roten Wangen erleben.
Ab hier merke ich, dass ich richtig im Text bin. Den Anfang fand ich sprachlich ein wenig holprig, aber ab hier bekommt es Drive. Besonders durch die spezielle Beziehung von Wilhelm und Helena, über die ich mehr erfahren möchte.

Der böige Wind schickte kleine Wellen über das Wasser und spülte das Leben aus ihren Haaren.
Wäre man spitzfindig, könnte man sagen: Ihre Haare waren auch davor schon leblos.

Wilhelm rieb die Pflanze zwischen den Fingern. Sie roch nach Tod.
Nee. Wie riecht denn Tod? Entweder du beschreibst den Geruch, oder du kickst es. So klingt es prätentiös, meine Meinung.

Er runzelte die Stirn und griff in seine Tasche, roch an der Blüte in der Faust. Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts war der des Todes.
Ok! Hier konkretisierst du das. Ich würde für Sie roch nach Tod schreiben: Ihr Geruch war der, den Wilhelm als den des Todes begriff. Oder so ähnlich.

„Je heißer die Zelle, desto ausgeprägter die Männlichkeit des entstandenen Kindes.“
Wenn du das recherchiert hast, dass das die gängige damalige Meinung war, gefällt mir das sehr gut am Text.

„Schaffen Sie den toten Bader hieraus!“ Er dirigierte zwei der Bediensteten, die sich bisher im Schatten aufgehalten hatten, nach vorne in Richtung Bühne. Während die Männer den Leichnam aus dem Theater trugen, wischte sich der Dekan den Schweiß von der Stirn.
Was ich mir hier denke: Die Leute akzeptieren ja sehr schnell, dass der Bader einfach tot ist. Sie unternehmen nicht mal erste Hilfeversuche o.ä. Das geht mir eindeutig zu schnell und fühlt sich unauthentisch an in der Situation.


So, gelesen. Ich hab die Story nicht ungern gelesen. Die Wendung zum Schluss, dass Wilhelm sich selbst beginnt, zu sezieren, finde ich gut und unvorhergesehen. Ich frage mich gerade, mit welcher Erwartungshaltung ein Horror-Leser an eine Horror-Kurzgeschichte gehen würde. Ich bin kein klassischer Horror-Konsument. Auf der einen Seite kenne ich die Art von Text, die du hier geschrieben hast, der kurze Grusel, aber wenig Hintergrundgeschichte, wenig Figurenzeichnung letztendlich – im Bezug darauf, dass ich Wilhelm als Mensch wenig kennengelernt habe, auch Helena oder den Professor nicht, sie alle bleiben Schablonen in dieser Version des Textes, für deren Motivationen und Sehnsüchte ich nicht die textuelle Gelegenheit bekomme, sie zu verstehen. Andererseits weiß ich, dass es da draußen Horror-Anthologien gibt, in die diese Art der Kurzgeschichte, auch von der Qualität und Intensität her, durchaus abgedruckt werde könnte.

Ich denke, da solltest du dir im Klaren drüber werden, welcher Autor du sein möchtest, ob du über tiefere Figuren, echte Menschen erzählen möchtest, die aus ihren eigenen Motivationen heraus Furchtbares tun oder erleben (ich spreche jetzt für das Horrorgenre), und damit den Text noch intensiver und eventuell »literarischer« gestalten möchtest, oder ob dir der kurze Schocker für Zwischendurch als Genreliteratur reicht. Wie gesagt, der Effekt hat bei mir gezogen, ich habe das ganz gerne gelesen, aber noch schockierender wäre der Text für mich als Leser, wenn ich die Figuren und ihre Motive kennenlernen dürfte, also z.B., wieso Wilhelm so verliebt in das Mädchen ist, weswegen er diese Art des Verknalltseins empfindet und keine andere, welchen Forschungsdrang der Professor hat u.ä. Ich wäre dafür, den Text in diese Richtung auszubauen, but your choice.

Viele Grüße,
zigga

Habe keine richtige Fährte. Aus der Hüfte geschossen erinnert mich der Vibe an linktofink. Andere: Proof oder AWM, wegen Horror, und weil die Geschichte etwas Männliches hat, aber beide müssten hier einen ihnen neuartigen Duktus ausprobiert haben.
 
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Gude Maske,

wenn ich dem richtig folge, führst du uns hier in das 18./19. Jahrhundert. Obduktionen sind große Shows, die Menschenmassen in die Fakultäten locken und die Operateure zu Stars machen. Es ist keine leichte Aufgabe, an den notwendigen Leichennachschub zu kommen und wenn ich mich recht entsinne, waren gerade Hinrichtungsopfer beliebt. Wahrscheinlich sogar am liebsten, wenn sie ertränkt wurden, da der Körper da vergleichsweise unbeschädigt ist.
Ich bin da wirklich kein Experte, also mag man diese Mutmaßungen auch gerne ignorieren - aber ich habe den Eindruck, dass du dich da in das Thema vertieft hast und es so meinem Wissensstand nach kohärent einsetzen kannst (der Teil zu den Gebärmutterbereichen kam mir etwas obskur vor, aber das würde ich dann auch kohärent im "damaligen Wissensstand" sehen). Das fällt mir auch insbesondere deswegen auf, weil hier "show" ganz weit hochgeschraubt ist. Ich könnte mir vorstellen, dass es daher für manche Leser:innen schwer sein könnte, das Setting nachzuvollziehen, da es nicht erklärt wird - aber falls die Story in einer Horrorzeitschrift o.Ä. veröffentlicht werden soll, würde ich annehmen, dass es für diese Leser:innen schon recht wahrscheinlich Berührungspunkte gibt.

Aber genug zum Setting, mehr zur Story:
Meinem Eindruck nach entwickelt sich diese geradlinig: Frau (Hexe) stirbt, nimmt Rache an denjenigen, die ihren Körper entweihen wollen - und indirekt (oder vielleicht sogar direkt) an ihrem Tod Schuld sind. Es hat eine schöne Ironie, dass sich einer der eigentlich Schaulustigen am Schluss selbst aufschneidet.

Die "Beziehung" zwischen den beiden könnte für mich persönlich jedoch noch stärker individualisiert sein:
Wilhelm konnte seinen Blick nicht von dieser Frau nehmen. Er nannte sie Helena, die Strahlende, die Schöne.
-> Er verfällt ihr auf den ersten Blick; nennt sie ausgerechnet Helena. Das kann ja nur schief gehen.
Aber als Wilhelm Helena sah, verschwendete er seinen Blick nicht mehr.
D.h. bis dahin hat er rumgeschaut und sie wirklich das erste Mal gesehen; ihren eigentlichen Namen kennt er auch nicht. Es besteht also keinerlei Beziehung außer dem ersten Eindruck.
„Was denkst du denn, wer sie war? Eine Hure, die sich ein Kind andrehen lässt?“, presste Wilhelm hervor.
Dennoch reagiert er hier sehr stark. Er ist ihr direkt verfallen; das wird auch bis zum Schluss nicht gebrochen. Da schlummert m.E. noch etwas Spannungspotenzial.
Ich fände es sehr spannend, wenn die beiden eine tatsächliche Beziehung (in irgendeiner Form) gehabt hätten, die in diese Szenerie hineinspielt. Aber dann hätte der Text möglicherweise nicht diese angenehme Kürze und Kompaktheit.

Helena schlug die Augen auf. Sie waren hellgelb, durchzogen von violetten Adern, die sich in der Pupille sammelten. „Wie schön, dass du da bist.“
Da bin ich aber etwas stutzig geworden. Da er sie nicht kennt, kennt sie ihn vermutlich auch nicht; das könnte hier aber anders aufgefasst werden. Vielleicht: "Wie schön, dass jemand da ist."

Insgesamt muss ich sagen, dass ich mir etwas mehr Background für die zentralen Figuren wünschen würde (und etwas weniger Helena*), damit mehr bei mir hängenbleibt und ich mich der Geschichte auch emotional stärker annähere - ich bin da schon dran, aber ich habe das Gefühl, da geht noch etwas. Die Stärken des Textes sind aber auf der anderen Seite gerade die Kompaktheit; für mich aber auch das Setting und natürlich die sprachliche Gestaltung. Ich habe mir viel Zeit damit gelassen, zu dem Punkt zu kommen. aber ich möchte hier anbringen, dass ich die Szenenbeschreibungen und Sprachbilder sehr genossen habe. Schöne Sache.

Wer steckt hinter der Maske? Ich war erstmal einige Zeit ratlos, als ich die Story gestern noch gelesen habe (wir sprachen kurz beim Stammtisch darüber).
Ich mach's aber kurz und spare mir weitergreifende Mutmaßungen, die mir hinterher nur auf die Füße fallen: Vor allem wegen der sprachlichen Gestaltung und der schönen Bilder rund um das Bilsenkraut vermute ich hier einfach mal ganz dreist einen linktofink, der Lust auf Horror und Historisches hatte!

Liebe Grüße
Vulkangestein

*Edit: Helena im Sinne von Helena als Topos. Finde den Namen und das plötzliche ihr-Verfallen etwas too much.
 
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AWM

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26.03.2018
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Hallo Maske, mit deinem Einstieg hatte ich meine Probleme. Er funktioniert aber gut, da er nicht zu lang ist und aufgelöst wird, dass es sich hier um eine Frauenleiche handelt. Das hat sich zuerst wie so eine Liebesgeschichte am Strand gelesen und dann kam sowas. Fand ich gut.
er roch ranzigen Schweiß und sauren Atem
Du hast für mich zu viele Adjektive drin. Hier solltest du "ranzigen" streichen. Ist das wichtig? Riecht Schweiß jemals gut?
Der böige Wind schickte kleine Wellen über das Wasser und spülte das Leben aus ihren Haaren.
Finde ich schlecht mit dem Leben aus den Haaren spülen.
Die schweren Schritte des Dekans dröhnten auf dem Steg, seine dunkelblaue Robe plusterte sich im Wind. Die dicht gedrängte Masse wich zurück und schuf eine Gasse.
In dem Absatz war ich so bei der Robe des Dekans, dass mich die Masse dann irritiert hat. War da in dem Moment noch bei der Robe und habe das mit der Masse verbunden. Würde "die dicht gedrängten Zuschauer" oder sowas schreiben.
Spucke drang an seinen schiefen Zähnen vorbei, traf Wilhelms Mantel.
Du hast extrem oft "drang" in deinem Text. Hier passt es auch nicht. Es muss ja "spritzen" damit es auf Wilhelms Mantel landet.
Theo war blass, sein Mund stand offen, was ihnen wie einen Dummkopf und nicht wie einen Studenten der medizinischen Fakultät aussehen ließ.
FInde das mit dem Dummkopf usw. überflüssig. Du beschreibst ihn eh so.
Säure stieg Wilhelm die Kehle hinauf, drang in seinen Rachen.
drang
Er wandte sich ab, ging an dem großen Gebäude entlang und spuckte die Galle auf den Boden.
Wieso schreibst du nicht gleich davor: Galle (von mir aus) drang in seinen Rachen. Er wandte sich ab, ging an dem großen Gebäude entlang und spuckte aus. Würde zudem "großen" streichen.
Der schmale Gang führte ihn zu einer offen stehenden Tür, durch die Stimmen und diffuses Licht drangen.
Wieso ist es hier wichtig, dass der Gang schmal ist? Drangen
drängte sich auf der schmalen Treppe an einem
drängte
eilte er in einen engen Flur
engen
Vor Wilhelm öffnete sich der Raum; wie in einem Amphitheater führten breite Stufen hinab.
Also er war da noch nie? Ich dachte er ist ein Student. Er darf vielleicht nicht zu dieser Obduktion, aber er war da ja schon mal. Aus seiner Perspektive ist das unpassend, das so zu beschreiben, als ob er es zum ersten Mal sieht.
Der Bader streckte seine Hände aus, die Herren auf den Stühlen beugten sich vor und Wilhelm fiel es schwer sich zurückzuhalten, sich zu zügeln und sie nicht alle zu töten, als Strafe für ihre lüsternen Blicke, die über Helenas Körper fuhren, in sie eindrangen, bis sie nichts mehr preiszugeben hatte.
Ich finde, du könntest sowas schon früher bringen: Seine Motivation kannst du ja im Unklaren lassen zwecks derPointe. Aber du müsstest im ersten Drittel noch einmal deutlich machen, dass es ihm da um etwas geht. Davor ist die Spannung für mich abgesackt.
Der Raum wurde erfüllt von dem Schrei eines Säuglings, eines Neugeborenen, verwundert über das Leben und bereit dafür zu kämpfen.
Fand ich gut. Aber mir wurde hier der Ablauf nicht ganz klar. Danach wird der Säugling auch nicht mehr erwähnt. Oder ich habe es nicht verstanden. Was natürlich alleine deine Schuld wäre.
und zeigte auf Helena
Völlig überflüssig
„Schaffen Sie den toten Bader hieraus!“
"toten" überflüssig.

Isngesamt hat es mir gefallen.

Tippe auf linktofink.

Gruß!
AWM
 
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10.09.2016
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Liebe Maske,

deinen Text finde ich gut geschrieben, das Thema finde ich auch gut gewählt. Schöne Idee, diese ungewisse, makabre Wendung zum Schluss. Es ist ein Text, der (für mich) einen Bezug zur Gegenwart herstellt. Hexenverfolgung ist für mich eines der großen Themen zur Unterdrückung von Frauen. Unabhängig davon denke ich beim Mittelalter in der Lit. an Daniel Kehlmanns Tyll, an Peeperkorns Betrüger und andere Texte, das Parfüm und dann an Historienschinken/High Fantasy. Das Horror-Genre passt dazu.

eine kleine Pfütze
Dachte zuerst, es wäre ein Fehler; aber sie liegt ja. Da fand ich es gut.

Blick nicht von dieser Frau nehmen
klingt schief für mich

Er festigte seinen Stand und richtete seinen Blick wieder auf die sechs Leichen.
das konnte ich mir schwer vorstellen. Die Rede war ja vom Steg. Außerdem war der Fokus so auf ihr und ihrem Betrachter, dass ich mir eine ruhige, zweisame Szene (zunächst natürlich auch ohne Tod) vorgestellt habe.

Violette Adern durchzogen das Gelb und sammelten sich in der Mitte des Kelchs.
schön

Wilhelm rieb die Pflanze zwischen den Fingern. Sie roch nach Tod.
würde ich streichen

Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts war der des Todes.
hier wiederholst du es nochmal. Gilt als Hexenkraut. Hexen werden getötet. Das an der Stelle zu schreiben würde mir reichen; beim Streichen des oberen bleibe ich.

Insgesamt geht es mir wie Zigga. Es fehlen Hintergründe zu den Figuren. Gut, was kann man bei dem Textumfang alles leisten? Es funktioniert für die Idee; aber in dem Punkt wünscht man sich einfach etwas mehr. Sonst mochte ich wie AWM auch gern, dass man von der Erwartung einer Liebesgeschichte positiv enttäuscht wird.

Mein Tipp:

meine erste Idee war Isegrims; jetzt denke ich, könnte es gut linktoflink sein; zu Proof passt der Horror auch, aber da fehlen mir ironische Details und dieses humorig Bitterböse. Ich sage: Isegrims (am ehesten) oder linktoflink

LG
Carlo
 

Bas

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16.09.2018
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Natürlich kenne ich die Geschichten von den Versenkten im See.

Meine erste Vermutung war @linktofink, aber ich hoffe ein wenig auf @hell, ich musste unwillkürlich an seine Geschichte Mädchenglut denken.

Für mehr fehlt mir gerade die Zeit, deshalb nur ganz kurz: Ich fand die Geschichte vor allem sprachlich toll, auch Atmosphäre und Setting sind besonders und spannend. Das muss erst mal reichen.

Bas
 
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Hallo!

Ich weiß nicht, ob der Anfang tatsächlich holprig war oder ob ich mich nicht erstmal orientieren musste. Insgesamt fand ich das recht geschickt, wie du nach und nach die Details enthüllst, ganz nebenbei und nicht sonderlich plakativ.
Da könnte man fast vergessen, dass es etwas dünn ist an Story. Denn was ich hier gelesen habe, dass mehr Background vonnöten wäre, um die Figuren zu verstehen, das glaube ich nicht. Das hieße dann wieder, zu zeigen und weniger zu erzählen, und das wollen wir doch nicht.

Der Henker drückte Helena mit dem langen Stock unter Wasser, sie wehrte sich nicht und ...
Das finde ich recht unglaubwürdig, wenn man unter Wasser gepresst wird, glaube ich, ist das ein Reflex, sich zu wehren.

Aus einer Gasse pfiff der Wind und warf Wilhelm den Geruch von Schimmel ...
Find ich unpassend, etwas seltsam. Vielleicht trieb, wehte, presste?

Ein metallischer Geruch schlug ihm entgegen. Sie hatten bereits begonnen.
Das gefällt mir sehr gut, das sagt so viel. Aber ich würde die beiden Sätze verbinden, sie gehören zusammen.
Dazu dann folgendes:

Ein Luftzug wehte über ihren Körper, ließ ihre Haare zittern und trug einen süßlichen Geruch hinauf zu Wilhelm.
Da ist er wieder, der Geruch, vielleicht ist es eher ein Duft, Aroma, um die unschöne Wortwiederholung zu vermeiden und auch den Gegensatz: zuerst ist er metallisch, dann süßlich.

Und als hätte es diese Stille zu nutzen gewusst, ...
Das ist ein richtig geiler Moment, wirklich einer der bleibt. Wegen dieses schrecklichen Bildes hätte ich gesagt,...

Proof ist am Werk. Aber dann fehlt mir die abgefuckte Ironie.

Irgendwie habe ich nicht gefunden, was aus dem Balg wird, und das hat dann doch bisschen meine Aufmerksamkeit in Beschlag genommen.

Aber sonst hat mir das Stück sehr gut gefallen, es trägt seine Story nicht so naseweis vor sich her, bis auf den letzten Abschnitt natürlich.

Ich denke linktofink ist ein guter Tipp

Schöne Grüße von meiner Seite!
 
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28.12.2012
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Hereinspaziert und hergeschaut ... meine Damen und Herren, Sie werden es heute und hier erleben können, wer hinter der Maske des Horrors steckt ... Kommen Sie! Treten Sie ruhig noch ein Stück näher!
 
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Hallo zusammen,

ich wars! :bounce:

War das ein Spaß! Vielen, vielen Dank für die tollen Kommentare.

Das war mein erstes Mal hinter der Maske und ich fand es total angenehm. Ich konnte entspannt verschiedene Reaktionen abwarten, das Feedback verdauen, ohne mich selbst unter Druck zu setzen, den Text schnell bearbeiten zu müssen. Kann ich jedem nur empfehlen!

Bei meiner Abgabe habe ich nur nicht bedacht, dass 10 Tage später nicht nur die Maske enttarnt wird, sondern auch noch mein Geburtstag ist. Deswegen gibt es heute nur einen allgemeinen Kommentar. Ich werde die nächsten Tage auf eure Kommentare eingehen und den Text bearbeiten.

Vielleicht schon mal etwas zum Hintergrund:

Auslöser für diese Geschichte war ein Artikel über die Sektionen im Mittelalter, die erst nur vor Doktoren und Studenten durchgeführt wurden, später aber zu einem Spektakel wurden, das sich jeder ansah, der es sich leisten konnte.
Eigentlich war es von der Kirche verboten, Leichen zu öffnen, da der Körper ansonsten nicht unversehrt ins Himmelsreich aufsteigen konnte. Zum Tode verurteilte bildeten da die Ausnahme, insbesondere Ertränkte, da die Körper noch intakt waren.

So eine Verurteilte war meine Helena. Das Bilsenkraut, ein typisches Hexenkraut, legt nahe, dass sie aufgrund von Hexerei zum Tode verurteilt wurde.

Das Bilsenkraut spielt eine große Rolle in meiner Geschichte. Im Mittelalter wurde es als Schmerzmittel benutzt. Unerwünschte Nebenwirkungen oder Symptome einer Überdosierung sind körperliches Unbehagen, Mundtrockenheit, Fokussierungsprobleme bis hin zu Visionen und Halluzinationen und dem Tod. Ob Helena nun wirklich übersinnliche Kräfte hatte, oder jemand anders das Bilsenkraut in das Theater geschafft hat, um die Doktoren zu benebeln … wer weiß das schon.
Die Blüte soll übrigens tatsächlich wie ein verwesender Kadaver riechen.

Das Babygeschrei hat einige verwirrt. Ich bin noch unsicher, ob ich es rausnehmen soll oder eher etwas ausbauen. Eigentlich wollte ich damit nur darauf hinweisen, dass Helena tatsächlich schwanger gewesen ist. Dann hätte sie weder hingerichtet noch ihre Leiche untersucht werden dürfen. Man könnte dies als Motiv für ihre Rache sehen, wenn man an die übernatürliche Variante glaubt.

Und wieso war der Wilhelm so vernarrt in die Helena? Der war einfach verrückt, besessen von der Frau, die er gar nicht kannte. Deswegen reagiert er so extrem, als sie von dem Kommilitonen diffamiert wird. Da gibt es keine weitere Beziehung.

Vielleicht mache ich es mir da zu einfach, aber momentan geht es mir eher um knackige Unterhaltung als um schwer im Magen liegende Psychogramme.

So weit erstmal von mir. Ich melde mich noch zu jedem von euch zurück!

Vielen Dank noch mal und liebe Grüße,
NGK
 
Senior
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Vielleicht mache ich es mir da zu einfach, aber momentan geht es mir eher um knackige Unterhaltung als um schwer im Magen liegende Psychogramme.
Ja, Nichtgeburtstagskind, du hast dir mit dieser Geschichte tatsächlich zu leicht gemacht. Weil du dem Hexenglauben, der einst so viel Unheil anrichtete, neue Nahrung gibst, in dem du so tust, als ob Helena tatsächlich eine Hexe gewesen wäre, sie also die Todesstrafe zu Recht bekommen hätte.

Das Ganze sollte also eine Rache einer wahren Hexe sein, die auch nach ihrem Ableben dafür sorgt, dass alle, die ihr nahe kamen, umkommen: Sowohl die, die sie aufschnitten, und auch der, der sie liebte und ihr möglicherweise das Kind gemacht hatte. Einen Grund dafür kann ich nicht erkennen, denn so wie diese Schwarz-Weiß-Geschichte gemalt ist, hätte zumindest der Protagonist heil davon kommen müssen, um z.B. für ihr Kind zu sorgen. So aber verstärkt sich der Eindruck, diese Helena war wirklich eine Hexe, die allen Menschen nur Böses wünschte und antat.

Vielleicht war sie das gar nicht, sondern es war der Succubus, also der Teufel in weiblicher Gestalt – ihre hellgelben Augen (durchzogen von violetten Adern) deuten darauf. Einer Teufelin ist natürlich alles möglich: Sich totstellen, keine Schmerzen bei Bauchaufschneiden empfinden und auf diese Weise ein Kind per Kaiserschnitt gebären; alles vor langer Hand geplant.

Immerhin war diese Teufelin sichtbar schwanger, aber dass sich auf der Höhe ihre Bauchnabels eine Regenpfütze hätte bilden können, das halte ich für ein Märchen, denn bei Hochschwangeren wölbt sich der Bauchnabel nach außen.

In dieser Geschichte stecken dennoch einige gute Beobachtungen, die jedoch an eine, wie ich finde, unausgegorene Geschichte verschenkt sind.

PS: Ich habe diese Geschichte erst heute gelesen, aber diesen Beitrag schon vor der Aufdeckung des Autorennamens geschrieben.
 
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Hallo @Chai,

vielen Dank für den ersten Kommentar! Du hast den Maskenball ja gerade erst hinter dir, da verstehst du wahrscheinlich sehr gut, wie es einem hinter der Maske geht. Auf jeden Fall eine spannende Erfahrung!

Schade, dass du mit dem Inhalt nicht so gut klar kamst. In meinem letzten Kommentar habe ich versucht, die Hintergründe etwas zu beleuchten. Allerdings finde ich auch nicht schlimm, wenn offen bleibt, warum Helena verurteilt wurde und wie die Beziehung zwischen Helena und Wilhelm ist.

Mir tun sich eine Menge Fragen auf, ich vermisse eine backstory, die mich an die Hand nimmt und durch den Text führt.
Einige haben kritisiert, dass der Text zu oberflächlich ist. Das kann ich gar nicht bestreiten. Aber er ist schon so, wie ich ihn haben will. Natürlich soll es nicht so weit gehen, dass der Leser die Handlung nicht verstehen kann. Ich muss mal schauen, an welchen Stellen ich noch schleifen muss. Das Gesamtkonzept werde ich allerdings beibehalten.

Das Ende habe ich leider nicht begriffen. Sie freut sich, dass er da ist, also denke ich, sie kannten sich also doch schon vorher. Er soll ihr sein wahres Wesen zeigen, legt sich neben sie und führt dann die Sektion durch. Ich habe keine Ahnung, wie das zusammenhängt.
Es ist offen, ob Wilhelm Helenas erwachen nur halluziniert, ausgelöst durch das Bilsenkraut. Würde sie dank übersinnlicher Kräfte tatsächlich erwachen, könnte sie ihn durch ihre betörenden Worte lenken und dazu bringen sich selbst aufzuschneiden – als Rache für ihren Tod.

Für mich klingt es, als hätte er sich in den Anblick der toten Frau verliebt, obwohl sich ihre Haut beinahe aufgelöst hatte. Das krieg ich nicht zusammen, es sei denn, Wilhelm hat einen Hang zum Morbiden.
Ja, der Wilhelm verliebt sich in eine Frau, die schon tot ist, die er nur ein paar Minuten lebendig gesehen hat. Normal ist er auf jeden Fall nicht.

So wie ich es gelesen habe, ist sie ja auch gerade erst gestorben, aber die aufgelöste Haut lässt mich eher an eine Wasserleiche denken, die schon einige Zeit tot ist.
Hmm, mit dem aufgelöst wollte ich eher ein Bild erzeugen, von einer sehr blassen, durchscheinenden Haut. Vllt ist das in Verbindung mit dem Wasser zu verwirrend. Ich nehm das raus.

Auch hier weiß ich nicht recht, wie ich mir das vorstellen soll. Erst dachte ich, er hockt neben ihr, ist im Begriff, sie zu berühren. Dann erfahre ich aber, dass er steht. Er streckt also den Arm im Stehen nach ihr aus. Das wirkt nicht organisch auf mich.
Er ist sowieso zu weit weg, um sie zu berühren. Das soll eher seine Besessenheit zeigen, er ist wie in Trance, weil er so fasziniert von ihr ist.

Wieso tut er das? Ist er einem Geheimnis auf der Spur? Will er sie überführen?
Er erträgt es nicht, dass andere Helena anfassen, und merkt sich ihre Gesichter, um sich bei Gelegenheit an ihnen zu rächen. Aber das ist wahrscheinlich etwas sehr weit hergeholt. Ich lösch das.

Das würde ich streichen. Klingt ein bisschen drübber und schwächt dadurch auch das starke Bild ab.
Das Bilsenkraut riecht tatsächlich nach Verwesung.

Hier dachte ich dann, er wäre Dozent
Er ist einfach sehr herrisch. Das Knurren ist wohl zu viel, das nehme ich wahrscheinlich weg.

geräuschlos passt hier nicht für mich. Selbst, wenn sie sich nicht wehrt, müsste man ein Blubbern hören, zumal ja noch mit dem Stock hantiert wird.
Ja, das haben einige kritisiert. Wird geändert.

Ich würde es bei dem Dummkopf belassen, sonst wirkt es zu überladen. Ich weiß ja schon, dass er Medizinstudent ist, und inhaltlich klingt es auch etwas missverständlich. So als ob jeder, der kein Medizinstudent ist, dumm wäre.
Ich verstehe, was du meinst, aber ohne den zweiten Teil verliert der Satz irgendwie an Fluss. Ich schau mal, ob ich einfach kürze oder es etwas ändere.

Auch hier verstehe ich seine Reaktion nicht. Warum riecht er in so einer Situation an der Blume? Und was hat es mit dem Bilsenkraut auf sich? Es riecht nach Tod, ja, aber ich begreife die Bedeutung im Kontext nicht.
Der Geruch, der zu ihm geweht wird, ist der gleiche Geruch nach Verwesung, der auch von der Blume ausgeht. Das ist sozusagen ein Vorbote für die Bilsenkrautflut, die dann noch kommt.

Hier wäre ich fast ausgestiegen. Auch ein Horrortext sollte mMn so viel Bezug zur Realität haben, dass der Horror über eine gewisse Authentizität erlebbar wird. Meines Wissens nach schreit ein Baby nicht einfach so, und ich frage mich auch, wie es überleben konnte. Laut Google ist sowas nur bei Hirntoten möglich, die künstlich am Leben gehalten werden, nicht aber bei Leichen.
Außerdem frage ich mich, warum die Herren Mediziner das Kind bis dahin völlig übersehen haben. Auch, zu welchem Zweck sie sie aufschneiden, erschließt sich mir nicht.
Vielleicht sollte ich noch den Tag Fantasy hinzunehmen. Denn natürlich gibt es dort kein lebendes Neugeborenes. Helenas Kind ist zu klein und tot. Der Schrei gehört zu Helenas Plan sich zu rächen und soll deutlich machen, dass sie tatsächlich schwanger gewesen ist. Dann hätte sie weder hingerichtet noch aufgeschnitten werden dürfen.

Auch das kann ich mir nicht vorstellen, es sei denn, die Blüten sind aus Papier. Und kurz vorher war es noch so stürmisch, dass allen die Haare zu Berge standen.
Klar, das Hinabfallen von Blüten ist kaum zu hören. Und weil man sogar das hören kann, macht es die Stille noch greifbarer. Der Sturm wurde von Helena entfesselt, sie kann natürlich auch entscheiden, wann er wieder aufhört.

Die visuelle Sprache finde ich - wie gesagt - sehr stark. Sie entfaltet ihre Wirkung, flacht aber in meinen Augen dadurch ab, dass sie mir in der Wahl der Bilder zu sehr auf den reinen Effekt abzuzielen scheint., dessen Bedeutung mir aber leider verschlossen bleibt.
Freut mich, dass du auch positive Dinge finden konntest, auch wenn ich dich nicht ganz abholen konnte. Vielen Dank für deine Hilfe und auch das Erwähnen der Stellen, die dir gefallen haben!

Liebe Grüße,
NGK
 
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Hallo @greenwitch,

irgendwie hätte ich mir ja denken können, dass dich diese Geschichte anspricht. Sehr schön, dass der Name der Pflanze dich hierher locken konnte.

Eigentlich würde ich diesmal wirklich die Abkürzung nehmen wollen und einfach einen gereckten Daumen hinterlassen mögen. Mich hat lange keine Geschichte so gepackt und dann noch Horror …
Wow, vielen Dank! Das freut mich mega! :bounce:

Da ich ein Bild der Pflanze vor Augen habe, sogar eine Menge über ihre Verwendung weiß, finde ich den Titel doppelgut
So eine Expertin als Leserin zu haben ist natürlich ein super Test. :)

Ich lese als Kinofilm und hier hab ich sofort Bild, okay, die Zeiteinordnung erfolgt später, passt aber, das Leinenkleid ist ein guter Hinweis
Ich bin ja meistens sehr visuell unterwegs. Wahrscheinlich zu sehr durch Film und Fernsehen versaut, äh geprägt.

ah, ein regelmäßiges "Ritual"/Vorgehen. Hexenprozeß mit medizinischer Nachnutzung?
Fast. Es muss nicht unbedingt um eine Hexe gehen. Ertränkte Verurteilte geben eben die besten Körper für die Sektionen.

das wollte ich erst monieren, der Überlebenswille siegt ja immer, aber unter Berücksichtigung des Schlusses, nehme ich es absolut als korrekt, schöner Hinweis.
Ich habs jetzt doch mal umgeändert, das „geräuschlos“ erschien mir jetzt auch etwas drüber.

ich finde es genial, wie Du das Bilsenkraut (was ja ein absolutes Hexenkraut ist) immer wieder aufgreifst. Darf ich die Idee mal klauen ... (natürlich nur die Technik)
Freut mich sehr, dass ich die grüne Hexe damit überzeugen konnte. :) Da die Idee bestimmt nicht von mir ist, darfst du damit machen, was immer du möchtest. :P

Wilhelm merkte sich ihre Gesichter.
diesen Hinweis habe ich in der Auflösung vermisst, der ist über oder halt eine Ablenkung
Wilhelm will sich an ihnen rächen, weil sie es gewagt haben, Helena zu berühren, aber das war zu verwirrend. Ich habe es rausgenommen.

Das ist so gut und vor allem so richtig. Ich ärgere mich immer über fehlende Recherche zu solchen nachlesbaren Details. Dickes Danke für den Gegenbeweis!
Endlich mal jemand, der meine genaue Recherche bemerkt und würdigt. :D Ich verbringe so oft Zeit mit ewig langer Recherche zu irgendwelchem Kleinscheiss, über den die meisten Leser eh nichts wissen. Aber ich fände es unangenehm, wenn dann doch jemand reinschaut, der sich auskennt, und mir dann die Fehler um die Ohren haut.

Die Reaktion habe ich allerdings wirklich nicht verstanden, warum knurrt er? Also wieso ist er da "aggressiv", erstaunt ist klar, sauer auch, aber knurren?
Hmm, das ist wohl auch einfach übertrieben. Das werde ich wahrscheinlich noch abschwächen.

Okay, ich habs bisher dreimal gelesen, aber meiner Meinung nach kannte er sie bisher nicht, warum also diese Reaktion. Welchen Hinweis habe ich überlesen?
Wilhelm ist besessen von Helena, also krankhaft verliebt in die Frau, die er ja gar nicht kennt. Das ist nicht so richtig rübergekommen, bin mir noch unsicher, wie ich da nachbessern kann. Es ist eben total verrückt, sich in eine zum Tode Verurteilte zu verlieben, die man überhaupt nicht kennt. Wie bringt man so was dem Leser bei, ohne zum Erklärbär zu werden?

Er trat in das Halbdunkel zwischen den Häusern, seine Schuhe rutschten auf dem matschigen Boden.
Grins! Mir passiert es selbst ausreichend, also über ich immer die überflüssigen Scheißerle zu finden. Hier ist mir das seine wirklich zu umständlich.
Hehe, da muss ich dich jetzt leider enttäuschen, denn ich finde das Possesivpronomen dort gut. Ich hab da eigentlich immer nen kritischen Blick drauf, weil ich deren Verschwendung auch nicht leiden kann. Warum ich das PP an dieser Stelle gut finde, kann ich jetzt gar nicht richtig erklären. Es ist ja klar, wem die Schuhe gehören. Trotzdem kommt mir ein „die Schuhe rutschten auf dem matschigen Boden“ zu losgelöst vor, zu weit weg.

das finde ich auch super, es ist nicht eindeutig. Naja, eigentlich ist es sogar ganz eindeutig, das es nicht das Baby der Toten sein kann. herrlich unheimlich (okay, jetzt grusel ich mich vor meiner eigenen Begeisterung - sehr schräg)
:D Freut mich, dass die Stelle gut bei dir ankommt. Die Reaktionen sind ja teilweise auch negativ oder verwirrt. Ich bin noch unsicher, was ich damit mache, aber dein Feedback nehme ich da gerne mit.

ne, da bist Du für mich drüber! Das ist der Autor, wenn ich das bis hierher nicht selbst so fühle, dann ist die Geschichte eh nichts für mich, also vertrau mir …
Ja, das ist wohl eher unter Stilblüte zu verbuchen. Tut nicht wirklich was für die Geschichte … Wird wahrscheinlich wegfallen, wenn ich die Stelle überarbeite.

„Das ist das Werk der Hexe!“, rief jemand und zeigte auf Helena.
und daher finde ich diesen Satz auch überflüssig, sorry
Überflüssig für den Leser vielleicht, vom Inhaltlichen her gesehen, aber ich würde doch schon eine Reaktion der Doktoren erwarten. Und Menschen neigen ja dazu überflüssige Dinge laut auszusprechen.

Abrupt brach der Schrei ab, der Körper des Dekans fiel zu Boden. Im Theater war es so leise, dass Wilhelm das Rascheln der Blüten hören konnte, als sie sich auf dem Leichnam niederließen.
Und das ist mein Lieblingsbild (hört auf doof zu grinsen, ja mein Name hat schon seinen Grund)
Ich grinse und grinse und grinse. Dein Kommentar macht gute Laune!

und jetzt komme ich ins grübeln. Das hört sich doch nach alten "Bekannten" an, das "sie" hört sich nach Team/Paar/ vertraut an.
Das Vertraute, das Wir, das gibt es ja nur aus Wilhelms Sicht. Aber da ich aus seiner Perspektive schreibe, passt es doch irgendwie.

Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich über dein Feedback freue. Gerade hinter der Maske lechzt man ja nach positivem Feedback, weil man ja erstmal nichts verändern darf. Bei dir ist sehr viel so angekommen, wie ich es geplant hatte und das ist super. Ich hoffe, die Stolpersteine kann ich mit etwas Feinschliff noch aus dem Weg räumen.

Vielen Dank und liebe Grüße,
NGK
 

AWM

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Beitritt
26.03.2018
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@Dion
Ja, Nichtgeburtstagskind, du hast dir mit dieser Geschichte tatsächlich zu leicht gemacht. Weil du dem Hexenglauben, der einst so viel Unheil anrichtete, neue Nahrung gibst, in dem du so tust, als ob Helena tatsächlich eine Hexe gewesen wäre, sie also die Todesstrafe zu Recht bekommen hätte.
Man kann an der Geschichte ja gerne etwas kritisieren. Aber das ist lächerlich.
 
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Hallo @zigga,

schön, dich unter meiner Geschichte zu lesen.

aus ihren Haaren? Oder von?
Aus passt schon, da die Haare ja vollgesogen sind. Von erinnert mich eher an abperlen, bei einem Regenschauer.

Ah, ok. Ich finde, das ist etwas umständlich ausgedrückt. Denn eigentlich sagst du nicht: Die Frau lag rücklings auf dem Steg. Ich frage mich beim Lesen, wie eine Pfütze auf Bauchnabelhöhe entstehen kann, und erst dann kam ich darauf, wie sie in der Szenerie positioniert ist. Ich fände es schöner, wenn du es direkt sagst: Die Frau lag rücklings auf dem Steg des Sees. Wasser tropfte von ihren Haaren. Zwischen ihren Rippen, auf Bauchnabelhöhe, hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.
Naja, eigentlich gibt es nur eine Möglichkeit, wie diese Pfütze entstehen kann, nämlich indem sie auf dem Rücken liegt. Und rücklings ist nun wirklich kein schönes Wort. ;)

Ihre Haut hatte sich beinahe aufgelöst
Hier hätte mich interessiert: Wie sieht das im Detail aus? Hängt die Haut in Fetzen, sieht man das Fleisch, welche Farbe hat das Fleisch darunter? Hier könntest du schön Authentizität schaffen und mich als Leser in die Szenerie ziehen mit guter Recherche
Nee, eigentlich wirkt die Haut nur wie aufgelöst, aber das war in Verbindung mit dem Wasser zu verwirrend. Ich habe es rausgenommen.

Wilhelm streckte seinen Finger aus, wollte dieser Linie folgen, bis hin zu den dünnen Brauen und dem Leberfleck an der Stirn.
Unterstrichenes könntest du kürzen! Das fühlt sich für mich nach einem Writer's Darling an, aber im Kontext der Vor- und Folgesätze fände ich das schön entschlakt.
Ich möchte dem Leser ein Bild von Helena an die Hand geben, von daher finde ich diese Details sehr passend.

Wilhelm war früh hier gewesen
Hier könntest du auch eine konkrete Uhrzeit/Tageszeit benutzen; wäre greifbarer für den Leser, mMn
Ich bin nicht sicher. Wenn ich schreibe, dass er noch vor Morgengrauen hier gewesen war, müsste ich auch bestimmen, wann die Hinrichtung stattfand, oder? Ich denke nicht, dass der Leser diese Information braucht. Wichtig ist ja nur das Verhältnis zur Hinrichtung..

Wäre man spitzfindig, könnte man sagen: Ihre Haare waren auch davor schon leblos.
Mit Leben meinte ich die Luftblasen, die sich dadrin verfingen haben.

Wilhelm rieb die Pflanze zwischen den Fingern. Sie roch nach Tod.
Nee. Wie riecht denn Tod? Entweder du beschreibst den Geruch, oder du kickst es. So klingt es prätentiös, meine Meinung.
Das Schwarze Bilsenkraut riecht tatsächlich nach Verwesung. Das könnte ich anstelle von Tod schreiben, hatte ich auch zwischendurch mal da stehen. Habe das dann wieder geändert, weil es sich so einfach besser anhört, finde ich. Vielleicht auch etwas reißerischer …

Wenn du das recherchiert hast, dass das die gängige damalige Meinung war, gefällt mir das sehr gut am Text.
Das freut mich. Ja, habe dazu einiges gelesen. Wirklich sehr interessant was die Menschen sich damals so zusammengereimt haben. In der mittleren Kammer wuchsen übrigens die Hermaphroditen.

Was ich mir hier denke: Die Leute akzeptieren ja sehr schnell, dass der Bader einfach tot ist. Sie unternehmen nicht mal erste Hilfeversuche o.ä. Das geht mir eindeutig zu schnell und fühlt sich unauthentisch an in der Situation.
Dazu habe ich auch einiges recherchiert. Denn da sitzen ja schließlich lauter Ärzte! Da kann ich den armen Mann doch nicht einfach sterben lassen! Aber so etwas wie erste Hilfe gab es damals einfach noch nicht. Grobe Verletzungen wurden verarztet, aber es gab keine Wiederbelebungsmaßnahmen (Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzmassage), wie wir sie heute kennen. Sie wurden sogar verurteilt, da man damit gegen den Willen Gottes kämpfte.
Ich bin mir bewusst, dass diese Szene auf uns heute merkwürdig erscheint, aber ich bin ehrlich gesagt etwas ratlos, wie ich sie sonst auflösen sollte.

Ich denke, da solltest du dir im Klaren drüber werden, welcher Autor du sein möchtest, ob du über tiefere Figuren, echte Menschen erzählen möchtest, die aus ihren eigenen Motivationen heraus Furchtbares tun oder erleben (ich spreche jetzt für das Horrorgenre), und damit den Text noch intensiver und eventuell »literarischer« gestalten möchtest, oder ob dir der kurze Schocker für Zwischendurch als Genreliteratur reicht.
Auf dieses Thema wurde ich hier schon öfters angesprochen und mir scheint es so, als wäre es immer wieder erstaunlich, dass jemand sich wirklich mit Unterhaltungsliteratur zufrieden gibt. Momentan schreibe ich so, wie ich auch am liebsten lese. Leichte Kost, die Unterhaltung für den Feierabend oder die Bahnfahrt. Ich freue mich, wenn ich euch unterhalten kann, mehr Anspruch habe ich momentan noch nicht. Vielleicht kommt das irgendwann noch.

Natürlich macht es trotzdem Sinn über so etwas zu diskutieren. Auch Unterhaltungsliteratur will interessante Charaktere haben, an die die Leser sich erinnern. Hier gelingt mir anscheinend noch nicht der Spagat zwischen mehrschichtigen, interessanten Charakteren und verständlicher, unterhaltsamer Story.

Wahrscheinlich habe ich mir hier zu wenig Gedanken über die Hintergründe von Wilhelm und Helena gemacht und dachte, dass der Geschichte ein paar Rätsel nicht schaden. Aber am Ende merkt man es dann eben doch, wenn der Autor irgendwo spart. Mal schauen, ob es mir noch gelingt, diese beiden Figuren etwas auszuarbeiten.

Freut mich, dass du trotz allem etwas mit dem Text anfangen konntest und mir einen Kommentar dagelassen hast. Da war einiges zum Nachdenken dabei.

Liebe Grüße,
NGK
 
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Gude @Vulkangestein,

wenn ich dem richtig folge, führst du uns hier in das 18./19. Jahrhundert. Obduktionen sind große Shows, die Menschenmassen in die Fakultäten locken und die Operateure zu Stars machen. Es ist keine leichte Aufgabe, an den notwendigen Leichennachschub zu kommen und wenn ich mich recht entsinne, waren gerade Hinrichtungsopfer beliebt. Wahrscheinlich sogar am liebsten, wenn sie ertränkt wurden, da der Körper da vergleichsweise unbeschädigt ist.
Das meiste stimmt. Meine Geschichte ist allerdings noch etwas früher angesiedelt, so 15./ 16. Jahrhundert, als die Sektionen noch keine Unterhaltungsshows waren, sondern nur für Ärzte und Studenten zugänglichen waren. Das Problem mit dem Leichennachschub war, dass „normal“ Verstorbene nicht aufgeschnitten werden durften, um sie zu untersuchen, da sie sonst nicht unversehrt in den Himmel aufsteigen konnten. Deswegen mussten dann auch die zum Tode verurteilten herhalten, denn die waren ja sowieso verloren.

Ich bin da wirklich kein Experte, also mag man diese Mutmaßungen auch gerne ignorieren - aber ich habe den Eindruck, dass du dich da in das Thema vertieft hast und es so meinem Wissensstand nach kohärent einsetzen kannst (der Teil zu den Gebärmutterbereichen kam mir etwas obskur vor, aber das würde ich dann auch kohärent im "damaligen Wissensstand" sehen).
Freut mich sehr, dass das so rüberkommt. Ich habe tatsächlich einiges dazu gelesen. Finde das Thema super interessant. Da bin ich dann schon traurig, dass ich die ganzen coolen Infos nicht einfach in meinen Text packen kann. ;)
Das im Text vorkommende Wissen über die Gebärmutter stammt tatsächlich aus dieser Zeit, dass habe ich so übernommen. Das Erstaunliche ist, dass es bei den Sektionen kaum um wirkliche Untersuchungen des menschlichen Körpers ging, sondern eher um eine Bestätigung des bestehenden Wissens. Der Dekan oder ein Arzt liest vor und der Bader zeigt auf die angesprochenen Organe. Dass da manches keinen Sinn ergibt, wollte wohl lange keiner sehen.

Ich könnte mir vorstellen, dass es daher für manche Leser:innen schwer sein könnte, das Setting nachzuvollziehen, da es nicht erklärt wird - aber falls die Story in einer Horrorzeitschrift o.Ä. veröffentlicht werden soll, würde ich annehmen, dass es für diese Leser:innen schon recht wahrscheinlich Berührungspunkte gibt.
Ja, mit dem Einstieg hatten einige etwas Probleme, aber eher so ein bisschen Orientierungsprobleme, die aber keiner als wirklich abschreckend empfunden hat, wenn ich das richtig verstanden habe. Obwohl … die Leute die ich damit vergrault habe, werden wohl auch keinen Kommentar dalassen.

Ich habe hier bewusst auf Erklärungen verzichtet und habe gehofft, dass sich aus den Details ein einigermaßen schlüssiges Bild ergibt. Falls dann am Ende noch die eine oder andere Frage offen bleibt, finde ich das eher dem Genre angemessen und gar nicht so schlimm.

Meinem Eindruck nach entwickelt sich diese geradlinig: Frau (Hexe) stirbt, nimmt Rache an denjenigen, die ihren Körper entweihen wollen - und indirekt (oder vielleicht sogar direkt) an ihrem Tod Schuld sind. Es hat eine schöne Ironie, dass sich einer der eigentlich Schaulustigen am Schluss selbst aufschneidet.
Das fasst es ganz gut zusammen. :)

Die "Beziehung" zwischen den beiden könnte für mich persönlich jedoch noch stärker individualisiert sein:
Da bist du nicht der einzige, der das so sieht. Ich bin noch unschlüssig, wie viel ich da in welcher Form ändern soll.

Dennoch reagiert er hier sehr stark. Er ist ihr direkt verfallen; das wird auch bis zum Schluss nicht gebrochen. Da schlummert m.E. noch etwas Spannungspotenzial.
Für mich war Wilhelm Helena tatsächlich verfallen, ohne Grund. Aber ich merke schon, dass mir das der Leser nicht so richtig abkauft.

Ich fände es sehr spannend, wenn die beiden eine tatsächliche Beziehung (in irgendeiner Form) gehabt hätten, die in diese Szenerie hineinspielt. Aber dann hätte der Text möglicherweise nicht diese angenehme Kürze und Kompaktheit.
Genau, das ist das Problem, das ich auch habe. Ich möchte den Fokus nicht von der Handlung auf die Beziehung lenken. Aber vllt wäre es doch irgendwie sinnvoller, denn beiden irgendeine Verknüpfung zu geben. Hab nur noch keine Idee, wie ich das möglichst platzsparend unterbringe.

Da bin ich aber etwas stutzig geworden. Da er sie nicht kennt, kennt sie ihn vermutlich auch nicht; das könnte hier aber anders aufgefasst werden. Vielleicht: "Wie schön, dass jemand da ist."
Das sollte dann eher in die Richtung Halluzination/ Wunschgedanken gehen. Sie sagt das, was Wilhelm hören will. Vllt ist das aber auch wieder zu wirr von mir gedacht. Mal schauen …

Insgesamt muss ich sagen, dass ich mir etwas mehr Background für die zentralen Figuren wünschen würde (und etwas weniger Helena*), damit mehr bei mir hängenbleibt und ich mich der Geschichte auch emotional stärker annähere - ich bin da schon dran, aber ich habe das Gefühl, da geht noch etwas.
Ja, versteh ich. Ich muss mal überlegen, wie ich das hinbekomme, denn ich möchte mich auf keinen Fall zu sehr von der eigentlichen Handlung entfernen.

Die Stärken des Textes sind aber auf der anderen Seite gerade die Kompaktheit; für mich aber auch das Setting und natürlich die sprachliche Gestaltung. Ich habe mir viel Zeit damit gelassen, zu dem Punkt zu kommen. aber ich möchte hier anbringen, dass ich die Szenenbeschreibungen und Sprachbilder sehr genossen habe. Schöne Sache.
Das freut mich sehr. Vielen Dank für dein Feedback und deine Hilfe!
Liebe Grüße,
NGK


=========


Hi @AWM,
schön, dass du auch am Ball teilgenommen hast. :)

mit deinem Einstieg hatte ich meine Probleme. Er funktioniert aber gut, da er nicht zu lang ist und aufgelöst wird, dass es sich hier um eine Frauenleiche handelt. Das hat sich zuerst wie so eine Liebesgeschichte am Strand gelesen und dann kam sowas. Fand ich gut.
Super, dass das doch noch bei dir geklappt hat. Ich denke, eine kurze Verwirrung ist okay, macht vllt sogar neugierig. Nur wenn diese dann zu lang ist, steigen die Leser aus.

Du hast für mich zu viele Adjektive drin. Hier solltest du "ranzigen" streichen. Ist das wichtig? Riecht Schweiß jemals gut?
Stimmt, das kann weg.

Finde ich schlecht mit dem Leben aus den Haaren spülen.
Wieso genau? Ich dachte dabei an die Luftblasen, die noch in ihren Haaren hängen.

In dem Absatz war ich so bei der Robe des Dekans, dass mich die Masse dann irritiert hat. War da in dem Moment noch bei der Robe und habe das mit der Masse verbunden. Würde "die dicht gedrängten Zuschauer" oder sowas schreiben.
Wird geändert.

Du hast extrem oft "drang" in deinem Text. Hier passt es auch nicht. Es muss ja "spritzen" damit es auf Wilhelms Mantel landet.
Oh mann, dass einem sowas einfach nicht auffällt … Danke für den Hinweis. Werde ein paar „drangs“ abändern.

FInde das mit dem Dummkopf usw. überflüssig.
Hmm, ja. Irgendwie schon aber irgendwie fließt der Satz ohne nicht mehr so schön. Mal schauen, ob ich das auch ohne Dummkopf ordentlich hinkriege.

Wieso schreibst du nicht gleich davor: Galle (von mir aus) drang in seinen Rachen. Er wandte sich ab, ging an dem großen Gebäude entlang und spuckte aus. Würde zudem "großen" streichen.
Ich finde, der Bezug Säure und Galle funktioniert auch so. Da muss ich das nicht direkt benennen.

Du hast ja einige Adjektive erwähnt, die ich streichen könnte. Und ich versteh dich da sehr gut, denn ich bin eigentlich die erste, die bei Adjektiven den Rotstift ansetzt. In dieser Geschichte sind für meine Verhältnisse sehr viele drin. Aber irgendwie fühlte es sich für mich hier sehr passend an, da auch die Atmosphäre sehr intensiv ist. Ich werde trotzdem nochmal einen kritischen Blick drauf werfen.

Also er war da noch nie? Ich dachte er ist ein Student. Er darf vielleicht nicht zu dieser Obduktion, aber er war da ja schon mal. Aus seiner Perspektive ist das unpassend, das so zu beschreiben, als ob er es zum ersten Mal sieht.
Doch er war schon da, nur kommt er normalerweise nicht durch den Seiteneingang. Irgendwie muss ich dem Leser ja den Raum erklären, auch wenn Wilhelm ihn schon kennt. Ich habe versucht, da ziemlich sparsam zu bleiben, eben nicht zu viel zu erklären. Und eigentlich denke ich, dass so etwas in kurzen Abschnitten okay ist. Ich bin auch ehrlich gesagt etwas ratlos, wie ich dem Leser die Umgebung sonst aufzeigen soll, wenn nicht so?

Ich finde, du könntest sowas schon früher bringen: Seine Motivation kannst du ja im Unklaren lassen zwecks derPointe. Aber du müsstest im ersten Drittel noch einmal deutlich machen, dass es ihm da um etwas geht. Davor ist die Spannung für mich abgesackt.
Das verstehe ich nicht ganz. Du meinst mit Motivation, dass er sich Rächen will, dafür dass die anderen es wagen, Helena anzufassen? Was meinst du mit Pointe?

Fand ich gut. Aber mir wurde hier der Ablauf nicht ganz klar. Danach wird der Säugling auch nicht mehr erwähnt. Oder ich habe es nicht verstanden. Was natürlich alleine deine Schuld wäre.
Ja, der Säuglingsschrei hat einige verwirrt. Ich wollte damit eigentlich nur zeigen, dass Helena wirklich schwanger war, weswegen sie weder hingerichtet noch aufgeschnitten werden dürfte. Aber ja, es ist irgendwie doof, dass das dann nicht mehr auftaucht. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Stelle einfach rausschmeiße oder später nochmal drauf eingehe.

Isngesamt hat es mir gefallen.
Das kommt irgendwie überraschend, freut mich aber natürlich sehr. Vielen Dank für deine Meinung, über ein paar Sachen muss ich noch etwas grübeln.

Viele Grüße,
NGK
 
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21.04.2014
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Hey NGK,

ich steige gleich mal ein:

Wasser tropfte aus ihren Haaren und floss durch die Spalten des Stegs zurück in den See.
Hm, ich weiß nicht. Erst tropft es, dann fließt es - finde ich irgendwie schief.

Wilhelm konnte seinen Blick nicht von dieser Frau nehmen.
Ist 'ne Kleinigkeit, aber mal exemplarisch: Bei Spannungs- und Horrorgeschichten finde ich Formulierungen wie "konnte seinen Blick nicht ... von dieser ... nehmen" ein bisschen langweilig. Gerade im Entree, also irgendwo in den ersten vier, fünf Sätzen. (Übrigens ist der Possessivartikel entbehrlich). Besser hier nicht verneinend, besser aktiver schreiben, finde ich, vielleicht passend zum Sujet spannenderes Vokabular, vielleicht irgendwas mit gebannt sein oder wie verzaubert oder so.
Ist auch schon ziemlich stringent nach SPO-Schema alles, meine ich, müsste ich aber mal näher betrachten, wozu ich aber aktuell wenig Lust habe. So aus dem Bauch empfunden jetzt. Da könntest du sicher über den Stil auch noch nachwürzen, denke ich (so mein Bauchgefühl denn stimmt :)).

Ein Ellbogen stieß in seine Rippen und ließ ihn stolpern. Die Männer in seinem Rücken drängten sich an ihn, er roch Schweiß und sauren Atem. Er festigte seinen Stand und richtete seinen Blick wieder auf die sechs Leichen.
Da könntest du ausdünnen. Pedantische Menschen könnten uU auch hinterfragen, ob ein Ellbogen zum Stolpern führen kann. Wie gut, dass ich kein Pedant bin :).

Wilhelm war früh hier gewesen und hatte aus erster Reihe beobachten können, wie die Frauen mit kleinen Schritten, behindert durch die Fußfesseln, und vor Angst geweiteten Augen näher kamen.
Stellenweise finde ich deine Formulierungen recht bemüht und hölzern. Das fließt stellenweise nicht so richtig. die vor Angst geweiteten Augen finde ich abgedroschen. Ganz subjektiv jetzt (wie alles andere natürlich auch).
Und fehlt da nicht ein Komma?

Er wusste nicht, welche der Dekan auswählen würde, und wollte alle sechs mit schlagendem Herzen und roten Wangen erleben.
Auch hier, gleich im Anschluss.

Aber als Wilhelm Helena sah, verschwendete er seinen Blick nicht mehr.
Besser vielleicht: ... keinen (weiteren) Blick (mehr).

Der Henker drückte Helena mit dem langen Stock hinab. Ruhig ging sie unter, ihre letzten Zuckungen verwirbelten das trübe Wasser. Braune Strähnen trieben bis an die Oberfläche, Luftblasen verfingen sich darin. Der böige Wind schickte kleine Wellen über das Wasser und spülte das Leben aus ihren Haaren.
Wilhelms Augen brannten, er wagte nicht zu blinzeln. Als der Henker Helena aus dem Wasser holte, blieb dort etwas zurück.
Da stimmt was nicht.

Er schritt an den toten Frauen vorbei, ließ sich viel Zeit, so viel, dass Wilhelm wütend wurde. Er ballte die Fäuste und presste die Lippen aufeinander. Schließlich blieb der Dekan stehen, seine Robe berührte ihr Haar.
Ich hab' das irgendwie verpasst. Wurden zwischenzeitlich alle Frauen versenkt, haben sie sich auch nicht gewehrt, nicht geschrien, nichts? Und berührt die Robe das Haar aller Frauen jetzt?

Zwei Männer näherten sich, ergriffen Helena am Hals und den Füßen, legten sie auf eine Trage.
Also ich musste schon einige leblose Körper bewegen. Wäre mir nie in den Sinn gekommen, sie am Hals zu packen. Das würde definitiv auch nicht funktionieren.

Auf den Steinstufen der medizinischen Fakultät standen mehrere junge Männer ...
Für mein Ohr klänge einige junge Männer gefälliger.

Theo, ein schmächtiger Typ mit strähnigen Haaren, knetete seine Hände.
Passt nicht zum Sprachduktus des Texts, meine ich. Du könntest hier einen jungen Mann aus ihm machen und gleich zu Beginn Studenten auf den Steinstufen stehen lassen.

Beim Sprechen offenbarte sich ein schiefer Schneidezahn, der seinen Nachbarn fast verdeckte.
Wilhelm schüttelte angewidert den Kopf. „Wir haben dafür bezahlt.“
Theo zuckte mit den Schultern und beugte sich zu Wilhelm. „Sie soll schwanger gewesen sein.“ Spucke flog an seinen schiefen Zähnen vorbei, traf Wilhelms Mantel.
Wilhelm schlug hart gegen Theos Schultern, er stolperte zurück.
Also ich finde das hier nicht präzise genug, auch von den Bezügen her. Auch der eine schiefe Zahn, dann sind es doch mehrere. Zudem fließt der Text nicht recht, wirkt ein wenig hölzern alles. Zumindest auf mich.

„Was denkst du denn, wer sie war? Eine Hure, die sich ein Kind andrehen lässt?
Ich kapiere die Frage im Kontext nicht so ganz.

Auch die anderen Kommilitonen gingen einen Schritt zurück und schwiegen.
Säure stieg Wilhelm die Kehle hinauf, drang in seinen Rachen. Er wandte sich ab, ging an dem großen Gebäude entlang und spuckte die Galle auf den Boden.
Nicht nur die Wiederholung stört mich hier, das Verb ist mir auch zu öde.

Der schmale Gang führte ihn zu einer offen stehenden Tür, durch die Stimmen und diffuses Licht quollen. Ohne zu grüßen, durchquerte Wilhelm die Küche, drängte sich auf der schmalen Treppe an einem Bediensteten vorbei und stand schließlich in der imposanten Eingangshalle der Fakultät.
Was denn für ein Bediensteter? Hm. Der wirft nur die Frage in mir auf.

Der schmale Gang führte ihn zu einer offen stehenden Tür, durch die Stimmen und diffuses Licht quollen. Ohne zu grüßen, durchquerte Wilhelm die Küche, drängte sich auf der schmalen Treppe an einem Bediensteten vorbei und stand schließlich in der imposanten Eingangshalle der Fakultät.
Statt der Marmortreppe zum Theater zu folgen, eilte er in einen engen Flur und betrat eine Kammer, in der sich Stühle und Tische stapelten. Ein paar Holzstufen führten zu einem Nebeneingang. Durch die Tür am oberen Ende glitt er leise in den Saal.
Ein metallischer Geruch schlug ihm entgegen. Sie hatten bereits begonnen.
Vor Wilhelm öffnete sich der Raum; wie in einem Amphitheater führten breite Stufen hinab. Kerzen in mannshohen Ständern warfen flackerndes Licht auf eine nackte Frau, aufgebahrt in der Mitte der Bühne.
Puh, das Setting macht mir hier echt zu schaffen. Ich steig da nicht durch.
Das finde ich auch recht öde.

Ihr Anblick raubte Wilhelm den Atem, ihm schwindelte und er lehnte sich an die Wand.
Ziemlich abgedroschen, finde ich.

Gänsehaut prickelte auf Wilhelms Armen. Einer der Männer stand auf, blickte Richtung Ausgang, wurde am Ärmel zurück[zusammen]gerissen.
Also das ist auch so ein Beispiel. Ist schon 'ne krasse Szene mit dem Säugling zuvor und der Typ steht einfach auf und blickt zum Ausgang. Würde ich mir bisschen mehr sprachliches Drama wünschen :). Stichwort: Horrorgenre.

„Haben Sie noch nie ein Kind schreien hören, meine Herren?“ Der Dekan lachte tief. „Sie werden das wohl nicht schlechter vertragen als die Weiber!“
Er blickte den Bader an. „Fahren Sie fort!“
Okay, und was ist mit dem Kind? Ich glaube, du erwähnst es einfach nicht mehr, oder?

Ihm fiel es schwer zu fokussieren
, stöhnend rieb er seine Augen.
Du weißt schon, oder?

„Das ist das Werk der Hexe!“, rief jemand und zeigte auf Helena. Mehrere Doktoren sprangen von ihren Stühlen.
Also ich weiß nicht. Weiter oben schreibst du: Die anderen Doktoren beobachteten das Schauspiel, gefangen von ihrer wissenschaftlichen Neugier. Jetzt aber springen sie auf.

Der Dekan schlug mehrmals mit der flachen Hand auf sein Pult. Es dauerte, bis das Hämmern die Unruhe niederringen konnte.
„Reißen Sie sich zusammen!“ Das Gesicht des Dekans war rot, seine Stirn glänzte. Er blinzelte mehrmals ...
WW.

Die Doktoren klammerten sich mit weißen Knöcheln an ihre Stühle, als drohten sie, ansonsten herunterzukippen.
Ginge auch geschmeider, meine ich.

Wilhelms Kehle krampfte.
Kann ich mir nichts darunter vorstellen.

Die Doktoren sprangen auf, ihre Stühle polterten auf den Steinboden, sie und die Assistenten des Dekans stürmten aus dem Theater.
Also doch. Oder wieder. Und wer sind jetzt diese Assistenten. Wo kommen die denn her?

Wilhelm blieb zurück. Schwer atmend lehnte er an der Wand.
Sie waren allein.
Mit zitternden Beinen kämpfte er sich die Stufen hinab bis zur Bühne. Vor ihr blieb er stehen.
WW.

Der Untersuchungstisch war breit genug, sodass sich Wilhelm neben Helena legen konnte. Die Steinplatte kühlte seine erhitzte Haut.
Wilhelm hatte selbst noch keine Sektion durchgeführt, den Ablauf aber oft genug beobachtet ...
WW.

„Ich beginne mit der Entnahme der Eingeweide des Bauchraumes.“
Würde ich streichen.

Die Grundidee, das Setting, die Zeit und so, das gefällt mir schon alles gut. Zu (vermeintlich) inhaltlichen Schwächen haben meine Vorredner ja schon das eine oder andere geschrieben, was mich jetzt nicht unbedingt daran gehindert hätte, dem Text gerne zu folgen.
Mitnehmen konnte er mich v. a. deswegen nicht, weil er mir sprachlich und stilistisch einfach nicht packen konnte. Stellenweise ist er mir auch zu unpräzise. Ich hab' versucht, ein paar Belege dafür zu finden, kann aber halt auch sein, dass das jetzt nur für mich Störfaktoren sind. Der Text hat ja seine Fans. Ist dann halt einfach so.

Danke fürs Hochladen

hell
 
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Hallo @Carlo Zwei

vielen Dank für deinen Kommentar!

deinen Text finde ich gut geschrieben, das Thema finde ich auch gut gewählt. Schöne Idee, diese ungewisse, makabre Wendung zum Schluss.
Freut mich sehr, dass der Text gut bei dir ankommt.

Es ist ein Text, der (für mich) einen Bezug zur Gegenwart herstellt. Hexenverfolgung ist für mich eines der großen Themen zur Unterdrückung von Frauen.
Für mich gehört es zum großem Thema Ungerechtigkeit. Wenn manche Menschen, denken sie könnten sich über andere stellen, über sie richten, nur weil sie etwas tun, das nicht „normal“ ist. Und da hast du Recht, da muss man nicht in die Vergangenheit reisen, um solche Missstände zu erleben.

Dachte zuerst, es wäre ein Fehler; aber sie liegt ja. Da fand ich es gut.
Ja, die meisten sind kurz irritiert und finden sich dann zurecht. Ich verbuche das bisher unter: Neugierde wecken. Zu sehr verwirren darf so ein Einstieg natürlich nicht.

Blick nicht von dieser Frau nehmen
klingt schief für mich
Lösen ginge wahrscheinlich auch. So gefällts mir besser und sonst hat sich noch keiner drüber beschwert.

das konnte ich mir schwer vorstellen. Die Rede war ja vom Steg. Außerdem war der Fokus so auf ihr und ihrem Betrachter, dass ich mir eine ruhige, zweisame Szene (zunächst natürlich auch ohne Tod) vorgestellt habe.
So soll es ja eigentlich auch sein. Da der Text aus Wilhelms Perspektive geschrieben wurde, sieht man erst das was er sieht. Und er hat eigentlich nur Augen für Helena.
Wieso hast du Probleme mit dem Steg? Wegen der Breite? Was genau kannst du dir nicht vorstellen? Dass dort viele Menschen stehen?

hier wiederholst du es nochmal. Gilt als Hexenkraut. Hexen werden getötet. Das an der Stelle zu schreiben würde mir reichen; beim Streichen des oberen bleibe ich.
Hab auch schon drüber nachgedacht die Doppelung rauszunehmen, aber irgendwie häng ich dran. Das ist eben das zentrale Bild, diese Blüte in Zusammenhang mit dem Duft nach Verwesung.

Es fehlen Hintergründe zu den Figuren. Gut, was kann man bei dem Textumfang alles leisten? Es funktioniert für die Idee; aber in dem Punkt wünscht man sich einfach etwas mehr.
Kann ich auf jeden Fall verstehen. Ich überlege wie ich da noch etwas hinzufügen kann, ohne die Geschichte aufzublähen. Der Fokus soll auf der Handlung/ der Unterhaltung liegen.

Vielen Dank für deine Meinung und deine Hilfe.

Liebe Grüße,
NGK


===========


Hi @Bas

freut mich, dass du mitgeraten hast. Und natürlich, dass dir die Geschichte gefallen hat!

Der erste Satz aus hells Geschichte passt ja wirklich perfekt. :)

Liebe Grüße,
NGK


==========


Hallo @Hannibal,

schön, dich hier zu lesen!

Ich weiß nicht, ob der Anfang tatsächlich holprig war oder ob ich mich nicht erstmal orientieren musste. Insgesamt fand ich das recht geschickt, wie du nach und nach die Details enthüllst, ganz nebenbei und nicht sonderlich plakativ.
Die meisten empfinden es so wie du. Erst muss man sich etwas orientieren, was aber bisher keiner als „geht gar nicht“ bewertet hat. Scheint also zu funktionieren.

Da könnte man fast vergessen, dass es etwas dünn ist an Story. Denn was ich hier gelesen habe, dass mehr Background vonnöten wäre, um die Figuren zu verstehen, das glaube ich nicht. Das hieße dann wieder, zu zeigen und weniger zu erzählen, und das wollen wir doch nicht.
Hihi, ja! Einer der mich versteht. Ich kann auch die anderen Stimmen total nachvollziehen, denn natürlich sind die Figurenzeichnungen nicht gerade detailliert. Ich grübel gerade noch wie ich wenigstens etwas verbessern kann, ohne zu verschlimmbessern.

Das finde ich recht unglaubwürdig, wenn man unter Wasser gepresst wird, glaube ich, ist das ein Reflex, sich zu wehren.
Ja, hast recht. Das ist raus.

Aus einer Gasse pfiff der Wind und warf Wilhelm den Geruch von Schimmel ...
Find ich unpassend, etwas seltsam. Vielleicht trieb, wehte, presste?
Ich finde, das hat etwas aggressives, was irgendwie in die Szene passt.

Ein metallischer Geruch schlug ihm entgegen. Sie hatten bereits begonnen.
Das gefällt mir sehr gut, das sagt so viel. Aber ich würde die beiden Sätze verbinden, sie gehören zusammen.
Freut mich, dass es gefällt. :) Bin mir nicht ganz sicher, ob ich die beiden Sätze zusammensetzen soll. Du meinst einfach Komma anstelle vom Punkt oder? Ich stell mir vor, dass man da eher eine kurze Pause macht, beim Vorlesen. Find ich irgendwie dramatischer.

Da ist er wieder, der Geruch, vielleicht ist es eher ein Duft, Aroma, um die unschöne Wortwiederholung zu vermeiden und auch den Gegensatz: zuerst ist er metallisch, dann süßlich.
Duft kommt dann zwei Sätze später. Aroma … empfinde ich nicht als ganz so passend. Mal schauen, ob ich da noch was ummodel. Hell hat ja auch noch einige Wortwiederholungen aufgespürt.

Irgendwie habe ich nicht gefunden, was aus dem Balg wird, und das hat dann doch bisschen meine Aufmerksamkeit in Beschlag genommen.
Da habe ich leider einige Leser verwirrt. Ich wollte damit eigentlich nur zeigen, dass Helena tatsächlich schwanger gewesen ist. Aber ich sehe ein, dass es irgendwie doof ist, dass das dann nicht mehr beachtet wird. Weiß nur noch nicht so recht, wie ich das danach noch unterbringen soll. Ich überlege.

Aber sonst hat mir das Stück sehr gut gefallen, es trägt seine Story nicht so naseweis vor sich her, bis auf den letzten Abschnitt natürlich.
Das freut mich sehr. Vielen Dank für deinen Kommentar.

Liebe Grüße,
NGK
 

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