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Der Duft des Schwarzen Bilsenkrauts

Wortkrieger-Team
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Hallo @Dion,

guten Tag erstmal! Na, du gehst ja direkt ran.

du hast dir mit dieser Geschichte tatsächlich zu leicht gemacht. Weil du dem Hexenglauben, der einst so viel Unheil anrichtete, neue Nahrung gibst, in dem du so tust, als ob Helena tatsächlich eine Hexe gewesen wäre, sie also die Todesstrafe zu Recht bekommen hätte.
Du bist also der Meinung, dass jemand der eine Hexe war, automatisch eine Todesstrafe verdient hat, auch wenn er ansonsten nichts unrechtes getan hat? Das sehe ich nicht so.

Einen Grund dafür kann ich nicht erkennen, denn so wie diese Schwarz-Weiß-Geschichte gemalt ist, hätte zumindest der Protagonist heil davon kommen müssen, um z.B. für ihr Kind zu sorgen. So aber verstärkt sich der Eindruck, diese Helena war wirklich eine Hexe, die allen Menschen nur Böses wünschte und antat.
Schwarz-Weiß malst hier wohl nur du, wenn du der Meinung bist, dass eine Hexe den Tod verdient hätte und dass Wilhelm der Vater des Kindes sein muss. Davon steht nämlich gar nichts im Text. Davon dass Helena allen Menschen böses will, kann ich irgendwie auch nichts finden.

Man kann diesen Text natürlich so lesen, wenn man unbedingt möchte.

Eine mögliche Lesart wäre aber auch, dass das Schwarze Binsenkraut überdosiert Halluzinationen und den Tod hervorrufen kann, und dass alles was der Wilhelm da erlebt, hauptsächlich in seinem Kopf stattfindet. Dann hätte noch jemand drittes die Hände im Spiel, der den Tod der Helena rächen will.

Vielleicht war sie das gar nicht, sondern es war der Succubus, also der Teufel in weiblicher Gestalt – ihre hellgelben Augen (durchzogen von violetten Adern) deuten darauf.
Ihre Augen sind hellgelb, weil dies auch die Farbe des Schwarzen Bilsenkrauts ist.

Immerhin war diese Teufelin sichtbar schwanger, aber dass sich auf der Höhe ihre Bauchnabels eine Regenpfütze hätte bilden können, das halte ich für ein Märchen, denn bei Hochschwangeren wölbt sich der Bauchnabel nach außen.
Ich frage mich wirklich, wo du all diese Informationen her hast? Helena war nicht sichtbar schwanger, denn wie du sagst, der Bauch war so flach, dass sich das Wasser (übrigens aus dem See und nicht vom Regen) dort bilden konnte. Ihre Schwangerschaft war ein Gerücht.

In dieser Geschichte stecken dennoch einige gute Beobachtungen, die jedoch an eine, wie ich finde, unausgegorene Geschichte verschenkt sind.
Freut mich, dass du doch noch etwas Gutes in dieser Geschichte siehst. Leider kann ich weder Lob noch Kritik wirklich ernst nehmen, weil ich das Gefühl habe, dass du den Text so gelesen hast, wie du wolltest, und nicht wie er dort steht.

Viele Grüße,
Nichtgeburtstagskind
 
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… du hast dir mit dieser Geschichte tatsächlich zu leicht gemacht. Weil du dem Hexenglauben, der einst so viel Unheil anrichtete, neue Nahrung gibst, in dem du so tust, als ob Helena tatsächlich eine Hexe gewesen wäre, sie also die Todesstrafe zu Recht bekommen hätte.
Du bist also der Meinung, dass jemand der eine Hexe war, automatisch eine Todesstrafe verdient hat, auch wenn er ansonsten nichts unrechtes getan hat? Das sehe ich nicht so.
Nein, das ist nicht meine Meinung, sondern die Meinung der Zeit, in der diese Geschichte spielt: Jemand, der der Hexerei beschuldigt und dessen Schuld oder Unschuld durch Wasserprobe „bewiesen“ wurde, musste fast unweigerlich sterben. In deiner Geschichte geht Helena unter, „bewies“ damit ihre Unschuld. Aber sie war nun gleichsam - oder nur anscheinend? - tot und wurde für eine Obduktion ausgewählt.

Man kann diesen Text natürlich so lesen, wenn man unbedingt möchte.
Du unterstellst mir hier etwas, das nicht stimmt. Ich habe sie vielleicht anders verstanden als du es wolltest, aber meine Leseart ist logisch, weil sie sich an dem Geschilderten hält – willst du, dass sie anders gelesen wird, muss du für Eindeutigkeit sorgen.

Eine mögliche Lesart wäre aber auch, dass das Schwarze Binsenkraut überdosiert Halluzinationen und den Tod hervorrufen kann, und dass alles was der Wilhelm da erlebt, hauptsächlich in seinem Kopf stattfindet. Dann hätte noch jemand drittes die Hände im Spiel, der den Tod der Helena rächen will.
Einen Hinweis auf noch jemand, der/die Wilhelm eine Überdosis Bilsenkraut verabreicht hätte, habe ich in dieser Geschichte nicht entdeckt. Auf jeden Fall wäre die Menge des Giftes von einer einzigen Blüte, die er in seiner Hand zerdrückte, zu klein gewesen, um irgendwelche Halluzinationen zu bewirken, zumal die Blüte verhältnismäßig wenig Wirkstoffe enthält.

Ihre Augen sind hellgelb, weil dies auch die Farbe des Schwarzen Bilsenkrauts ist.
Schon klar, nur wird der Teufel oft mit gelben Augen wie Katzen und Schlangen sie haben dargestellt.

Ihre Schwangerschaft war ein Gerücht.
Ein Gerücht? Dann war sicher auch das schreiende Kind, der tote Bader und der tote Dekan auch nur ein Tagtraum, entsprungen der blühenden Fantasie eines Menschen namens Wilhelm? Den Grund dafür sehe ich nirgendwo.

In dieser Geschichte stecken dennoch einige gute Beobachtungen, die jedoch an eine, wie ich finde, unausgegorene Geschichte verschenkt sind.
Freut mich, dass du doch noch etwas Gutes in dieser Geschichte siehst. Leider kann ich weder Lob noch Kritik wirklich ernst nehmen, weil ich das Gefühl habe, dass du den Text so gelesen hast, wie du wolltest, und nicht wie er dort steht.
Ich habe dir die Gründe für meine Leseart genannt. Du kannst das ablehnen oder annehmen.

In dem Moment, in dem ein Text die Hand des Schriftstellers verlässt, hat dieser keinen Einfluss mehr, auf seine Interpretation. Will der Schriftsteller es vermeiden, dass „falsch“ gelesen wird, muss er die Geschichte so schreiben, dass nur seine Leseart herauskommen kann.
 
Wortkrieger-Team
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Hallo @hell,

hui, dein Kommentar hat ordentlich reingehauen. Man darf sich nie sicher fühlen. ;)

Diese ganzen Wortwiederholungen, man das ist ja echt peinlich. Und ich dachte, ich würde auf so etwas achten! Viele Dank für das Auflesen, ich werde da jetzt nicht im einzelnen drauf eingehen.

Was mich dann irgendwie nachdenklich gemacht hat, ist, dass du der erste bist, den diese Wiederholungen stören, bzw. du bist der erste der es in der Menge anmerkt. Wurden die Wiederholungen von anderen überlesen? Wurden sie als nicht störend empfunden? Waren alle zu faul, diese aufzulisten? Das soll meine Schludrigkeit nicht entschuldigen, aber ich finde es gerade interessant – woher kommt diese unterschiedliche Wahrnehmung? Liegt es an Lesern und lesenden Autoren? Ich gehöre ja auch eher zu der Sorte lesender Autor, bemerke hier Dinge, die mir in meiner Freizeit gar nicht auffallen. Würde ein Freizeitleser einen solche korrigierten Text, dann als besser empfinden, vllt ohne benennen zu können, woran es liegt?

Zurück zum Text:

Hm, ich weiß nicht. Erst tropft es, dann fließt es - finde ich irgendwie schief.
Ich finde es stimmig, dass Tropfen einen Rinnsal ergeben, der dann fließt.

Ist 'ne Kleinigkeit, aber mal exemplarisch: Bei Spannungs- und Horrorgeschichten finde ich Formulierungen wie "konnte seinen Blick nicht ... von dieser ... nehmen" ein bisschen langweilig. Gerade im Entree, also irgendwo in den ersten vier, fünf Sätzen. (Übrigens ist der Possessivartikel entbehrlich). Besser hier nicht verneinend, besser aktiver schreiben, finde ich, vielleicht passend zum Sujet spannenderes Vokabular, vielleicht irgendwas mit gebannt sein oder wie verzaubert oder so.
Hast Recht. Dieser Satz hat mich die ganze Zeit stört, wusste irgendwie nicht so richtig was ich damit machen sollte. Das positiv zu formen, finde ich gut.

Ist auch schon ziemlich stringent nach SPO-Schema alles, meine ich, müsste ich aber mal näher betrachten, wozu ich aber aktuell wenig Lust habe. So aus dem Bauch empfunden jetzt. Da könntest du sicher über den Stil auch noch nachwürzen, denke ich (so mein Bauchgefühl denn stimmt.
Das war jetzt gar nicht bewusst so gebaut, aber ja, gerade am Anfang sind die Sätze sehr ähnlich aufgebaut. Ich musste erstmal überlegen, ob ich das schlimm finde – laut vorgelesen – mmhh. Es nicht total raffiniert, aber gerade deshalb zieht es einen in den Text – so denke ich mir das …
Hab mal den einen Satz mit dem Blick was umgebaut, auch um etwas nachzuwürzen.

Der böige Wind schickte kleine Wellen über das Wasser und spülte das Leben aus ihren Haaren.
Da stimmt was nicht.
Hmm? Was denn?

Ich hab' das irgendwie verpasst. Wurden zwischenzeitlich alle Frauen versenkt, haben sie sich auch nicht gewehrt, nicht geschrien, nichts? Und berührt die Robe das Haar aller Frauen jetzt?
Helenas Tod war ein Rückblick, mittlerweile sind alle sechs Frauen gestorben (ob leise oder laut ist eher zweitrangig).
Der Dekan berührt natürlich IHR Haar, für eine andere Frau interessiert sich Wilhelm ja gar nicht mehr. Hab jetzt ihren Namen eingefügt, um es deutlich zu machen.

Also ich musste schon einige leblose Körper bewegen. Wäre mir nie in den Sinn gekommen, sie am Hals zu packen. Das würde definitiv auch nicht funktionieren.
Ich musste das noch nie machen und hätte wohl dazu recherchieren sollen. Wie genau macht man das denn? An den Schultern?

Passt nicht zum Sprachduktus des Texts, meine ich. Du könntest hier einen jungen Mann aus ihm machen und gleich zu Beginn Studenten auf den Steinstufen stehen lassen.
Hab den Typ zum Kerl gemacht. Die Männer am Anfang finde ich ganz gut so, da so klar wird, dass dort keine Frauen stehen.

Also ich finde das hier nicht präzise genug, auch von den Bezügen her. Auch der eine schiefe Zahn, dann sind es doch mehrere. Zudem fließt der Text nicht recht, wirkt ein wenig hölzern alles. Zumindest auf mich.
Hab den einen schiefen Zahn mal entfernt, war vllt auch etwas zu viel Information an dieser Stelle, die eigentlich zur Charakterisierung von Wilhelm beitragen sollte.
Den Fluss kriege ich gerade noch nicht so ganz hin. Vllt muss das einfach ganz anders, mal schauen.

„Was denkst du denn, wer sie war? Eine Hure, die sich ein Kind andrehen lässt?“
Ich kapiere die Frage im Kontext nicht so ganz.
Damit wollte ich Wilhelms Besessenheit zeigen. Er kennt Helena nicht, weiß nicht, wer sie war, aber für ihn ist sie rein und unschuldig, und er lässt es nicht zu dass jemand ihr unterstellt schwanger gewesen zu sein.

Was denn für ein Bediensteter? Hm. Der wirft nur die Frage in mir auf.
Der ist eigentlich nur Deko. ;)

Puh, das Setting macht mir hier echt zu schaffen. Ich steig da nicht durch.
Das finde ich auch recht öde.
Hatte auch überlegt, ob die Beschreibung des Wegs nicht zu lang und unnötig ist. Bisher gab es dazu aber keine Beschwerden. Meine Sorge ist, dass wenn ich es weglassen, Fragen kommen, wie Wilhelm, denn nun dort rein gekommen ist, wenn er eigentlich nicht reindarf.
Den Satz „ Sie hatten bereits begonnen.“ finde ich persönlich ziemlich cool, weil er dem Leser direkt ein Bild vorgibt, ohne dass ich etwas beschreibe. (Stell dir ein dramatische Pause danach vor.)

Ihr Anblick raubte Wilhelm den Atem, ihm schwindelte und er lehnte sich an die Wand.
Ziemlich abgedroschen, finde ich.
Hmm, da hast du leider recht. Kommt weg.

Also das ist auch so ein Beispiel. Ist schon 'ne krasse Szene mit dem Säugling zuvor und der Typ steht einfach auf und blickt zum Ausgang. Würde ich mir bisschen mehr sprachliches Drama wünschen . Stichwort: Horrorgenre.
Naja, ich muss mich ja auch noch steigern dürfen. Und erst mal schreit da ja „nur“ ein Baby. Man weiß nicht woher der Schrei kommt, aber bisher ist ja nichts „Schlimmes“ passiert. Und die Herren wollen sich doch nichts anmerken lassen.

Okay, und was ist mit dem Kind? Ich glaube, du erwähnst es einfach nicht mehr, oder?
Ja, da muss ich mir noch was einfallen lassen. Aber irgendwie bin ich noch auf keine gute Idee gekommen, wie ich das unterbringen soll. Es gibt ja noch nicht wirklich ein Neugeborenes, nur ein noch nicht weit entwickeltes, totes Ungeborenes in Helenas Körper. Der Schrei sollte dazu dienen, um zu zeigen, dass sie tatsächlich schwanger war.

Ihm fiel es schwer zu fokussieren
, stöhnend rieb er seine Augen.
Du weißt schon, oder?
Ähm, nee, nicht ganz. Du meinst, das erste ist überflüssig?

Also ich weiß nicht. Weiter oben schreibst du: Die anderen Doktoren beobachteten das Schauspiel, gefangen von ihrer wissenschaftlichen Neugier. Jetzt aber springen sie auf.
Ich dachte mir, dass die Männer erst erstarrt sind, irgendwie auch fasziniert und beobachten was passiert. Als der Mann dann tatsächlich tot ist und auch noch einer das Wort „Hexe“ benutzt, das löst die Starre bei den Männern, löst einen Fluchtreflex aus.

Wilhelms Kehle krampfte.
Kann ich mir nichts darunter vorstellen.
Dieses Gefühl bevor man sich Übergeben muss, das leichte Würgen, das man eigentlich noch unterdrücken will. Dann verkrampft sich die Kehle.

Also doch. Oder wieder. Und wer sind jetzt diese Assistenten. Wo kommen die denn her?
Hmm, ja die Assistenten, die standen da eben so rum, weil sich ja keiner der Doktoren die Hände dreckig machen will. Ich dachte es stört, wenn ich sie nicht erwähne, weil man dann denken könnte, dass noch jemand im Saal bleibt. Wenn sie aber nur verwirren, lass ich sie vllt weg.

„Ich beginne mit der Entnahme der Eingeweide des Bauchraumes.“
Würde ich streichen.
Da war ich auch unsicher. Macht den Satz etwas umständlich. Hatte Sorge, dass dann der Bezug zu seinem Bauchschnitt nicht ganz klar wird.

Die Grundidee, das Setting, die Zeit und so, das gefällt mir schon alles gut.
Na immerhin. :)

Zu (vermeintlich) inhaltlichen Schwächen haben meine Vorredner ja schon das eine oder andere geschrieben, was mich jetzt nicht unbedingt daran gehindert hätte, dem Text gerne zu folgen.
Mal schauen, was ich da noch drehen kann. Hab irgendwie noch keine Lösung gefunden, die mir auch gefallen würde.

Mitnehmen konnte er mich v. a. deswegen nicht, weil er mir sprachlich und stilistisch einfach nicht packen konnte. Stellenweise ist er mir auch zu unpräzise. Ich hab' versucht, ein paar Belege dafür zu finden, kann aber halt auch sein, dass das jetzt nur für mich Störfaktoren sind.
Ach dafür musst du ja jetzt keine Ausreden suchen. Du konntest mit dem Text nichts anfangen. Das ist schade, aber nicht wegzureden. Vielen Dank auf jeden Fall für die Arbeit, die du dir mit deinem Kommentar gemacht hast! Habe versucht einige sprachliche Mängel zu beheben. Inhaltlich brauch ich glaube ich noch etwas.

Du hast auf jeden Fall geholfen, den Text besser zu machen!

Liebe Grüße,
NGK


=========


Hallo @Dion,

Du unterstellst mir hier etwas, das nicht stimmt. Ich habe sie vielleicht anders verstanden als du es wolltest, aber meine Leseart ist logisch, weil sie sich an dem Geschilderten hält – willst du, dass sie anders gelesen wird, muss du für Eindeutigkeit sorgen.
Tut mir leid, wenn ich dir das unterstellt habe, aber dein Kommentar hatte mich dazu hinreißen lassen, da ich den Eindruck hatte, du hast einige Stellen einfach nicht richtig gelesen.
Mir ist natürlich klar, dass jeder einen Text anders liest. Da gibt es auch keine Eindeutigkeit, sonst müsste ich eine Gebrauchsanweisung schreiben.

Einen Hinweis auf noch jemand, der/die Wilhelm eine Überdosis Bilsenkraut verabreicht hätte, habe ich in dieser Geschichte nicht entdeckt. Auf jeden Fall wäre die Menge des Giftes von einer einzigen Blüte, die er in seiner Hand zerdrückte, zu klein gewesen, um irgendwelche Halluzinationen zu bewirken, zumal die Blüte verhältnismäßig wenig Wirkstoffe enthält.
Ich muss zugeben, diese Lesart ist wahrscheinlich nur etwas für mich, keine Ahnung, ob es andere Leser so lesen würden. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann löst schon der Geruch von Bilsenkraut Symptome aus, deswegen auch die Blüten in dem Saal.

Ein Gerücht? Dann war sicher auch das schreiende Kind, der tote Bader und der tote Dekan auch nur ein Tagtraum, entsprungen der blühenden Fantasie eines Menschen namens Wilhelm? Den Grund dafür sehe ich nirgendwo.
Die Schwangerschaft war zuerst nicht mehr als ein Gerücht. Das schreiende Kind sollte aber zeigen, dass es stimmte. Wenn man die übernatürliche Variante liest, dann sind die Toten natürlich nicht fantasiert, sondern die Rache von Helena.

Ich habe dir die Gründe für meine Leseart genannt. Du kannst das ablehnen oder annehmen.
Mir ist klar, dass jemand den Text anders lesen kann, als ich es geplant habe. Das ist ja auch gar nicht schlimm, sondern eher spannend. Wenn nur hauptsächlich eigene Erfahrungen und eigenes Wissen die Lesart prägen, dann ist es schwierig auf Textbasis zu diskutieren.

Vielen Dank für deine Zeit und viele Grüße,
Nichtgeburtstagskind
 
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Hallo @Nichtgeburtstagskind,

ich finde die Geschichte gut, das Ding mit dem Kind ist auf jeden Fall ein großartiger WTF-Moment. Vor allem war mir aber danach, mich hier mal kurz dazuzustellen, wegen des Dialogs mit @Dion. Das ist tatsächlich eine Sache, die mich auch schon oft bewegt hat. Horrorgeschichten mit Hexen, insbesondere, wenn sie zurückgreifen auf die Zeit der Verfolgung, tappen fast alle in die Falle, diesen Irrsinn zumindest indirekt zu rechtfertigen. Motto: Ein paar von denen waren ja wirklich Hexen, da kann man froh sein, wenn man die rechtzeitig verbrannt gekriegt hat. Das ist kein Anfängerfehler, auch bei den großen Namen - allen voran wohl Lovecraft - hast du das teilweise.

Ich habe deine Geschichte gelesen, mir zum zweiten Mal The Autopsy of Jane Doe angesehen und nochmal deine Geschichte gelesen. Keine Ahnung, ob du den Film kennst, darum mal kurz: Die Leiche einer jungen Frau wird obduziert. Von Außen sieht man nichts, aber Innen deutet alles auf einen qualvollen Foltertod hin, unter anderem hat sie eine pechschwarze Lunge, als hätte sie mit Mitte zwanzig dreißig Jahre lang zehn Schachteln am Tag geraucht, wie es eine der Hauptfiguren formuliert. Jede Menge gruseliger Scheiß passiert, und kurz vor Schluss kombinieren sie sich zusammen: Sie kommt von up North, weil sie so Kraut in ihr finden, das nur in Neuengland wächst. Salem, Massachusetts. Wird nicht ausdrücklich gesagt, ist aber klare Kiste. Hexenverfolgung.

Da habe ich beim ersten Mal gedacht: Wieder einer reingefallen. Hätten sie die Hexe mal richtig tot gemacht, oder was soll das jetzt heißen? Aber dann kommt raus, durch dieses ganze Mordritual haben die Hexenjäger das Böse quasi erst heraufbeschworen: They accidentally created the very thing they were afraid of. Natürlich war das Mädchen unschuldig. Und ist jetzt quasi ein ruheloser Rachegeist. Keine Täterin, jedenfalls nicht aus freien Stücken. Das Opfer.

Das war zumindest für mich das erste Mal, dass es einer schafft, diesen Fettnapf da zu umschiffen. Vielleicht waren sich die Macher des Problems noch nicht einmal bewusst, sondern sie wollten einfach nur noch eine unerwartete Wendung einbauen. Egal, Ergebnis bleibt gleich. Auch deshalb fand ich den Film top und musste sofort dran denken, als ich das Gespräch zwischen dir und @Dion gelesen habe. Krasser Zufall irgendwie, dass auch deine Geschichte zum Großteil streng genommen von einer Autopsie handelt.

Jetzt ist die Preisfrage, ob Bilsenkraut durch diesen Blitzer "Indirekte Rechtfertigung der Hexenverfolgung" rauscht oder nicht. @Dion sagt eindeutig ja, du sagst eindeutig nein. Ich würde in dieser Klarheit beides nicht unterschreiben wollen.

Zu Dions Punkt: Aus der Zeit heraus gesehen, das stimmt schon, so kann man das lesen: Die Hexe rächt sich mit Hexenpower. Hätte man sie doch lieber gleich zerstückelt und die Teile an unterschiedlichen Orten begraben. Allerdings setzt die Geschichte ja bei der Hinrichtung ein. Theoretisch ist es möglich, dass sie nie jemandem was getan hat, vielleicht sogar Gutes getan hat, Leuten die Pest weggezaubert oder so. Das ist dein Argument mit "Warum muss eine Hexe böse sein?"

Das Ding ist, da ist sie ja immer noch eine Hexe, und in welchem tradierten Zusammenhang ist dieser Begriff irgendwie positiv behaftet? Also, wie soll der Leser auf diesen Gedanken kommen? Wir sind ja alle Geschichtenjunkies, und auch dir ist vermutlich als eine deiner ersten Storys überhaupt die von der Kannibalin um die Ohren geflogen, die im Wald Kinder fängt, sie mästet und frisst. Das war eine Hexe. Vor allem Männer sagen heute noch im Angesicht ausscherender Frauen: "Ah, die alte Hexe." Wie kann die auch sonst im Vorstand sein? Schwarze Magie! Bibi Blocksberg zählt nicht, das ist eine Verhohnepiepelung wie Teen Wolf oder Der kleine Vampir, bei der sich der Witz daraus ergibt, dass diese Figuren eben eigentlich für Angst und Schrecken stehen.

Schwierige Kiste. Handwerklich leichter zu beheben ist glaube ich die Sache mit dem Bilsenkraut. Das Argument, die Leute da könnten halluzinieren, und auch die Entscheidung, das dem Leser zu überlassen, ob er das glaubt oder Hexerei sieht, finde ich gut und nachvollziehbar. Aber ich würde die Wirkung von diesem Kraut nicht als Allgemeinbildung voraussetzen. Ich hatte den Namen bis zu dieser Geschichte noch nie gehört, und von ihrer Wirkung weiß ich, weil du sie in den Kommentaren beschreibst. Du hast tolle Details drin, was man damals glaubte, wo die Männlichkeit im Mann herkommt und so. Ich kenne mich da nicht aus und das könnte ausgedacht sein, aber es liest sich wie recherchiert, und nicht exklusiv für diese Geschichte, sondern als würdest du dich allgemein mit diesen Dingen beschäftigen. Darum hast du das alles so auf dem Schirm. Aber bei so einem wichtigen Element - für ein mögliches Verstehen der Geschichte - würde ich das nicht machen, einen du weißt nicht wie großen Teil der Leser erstmal Googeln schicken. Wenigstens ein Satz, der die berauschende Wirkung beschreibt, bevor es richtig rundgeht, könnte Abhilfe schaffen.

So. Coole Geschichte, food for thought.

Schönes Wochenende
JC
 
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Die Wirkung des Bilsenkrauts kann zwar stark sein, aber nicht in der Form, wie in dieser Geschichte beschrieben (eine Blüte wird da in der Hand zerquetscht): Man muss es essen, ein damit zubereitetes Getränk trinken oder als Rauch einatmen, das beim Verbrennen des Krauts entsteht. Also kann das Geschehen in dem Hörsaal nicht dem Bilsenkraut zugeschrieben werden.

Ergo, @Proof, kann das Geschehen in dem Hörsaal nur Helena zugeschrieben werden. Dabei ist es egal, ob sie eine gute oder eine böse Hexe war, allein die Tatsache, dass sie auch als Tote noch Leute töten konnte, weist sie als Hexe oder als Teufel in menschlicher Gestalt aus.

Und das bedeutet: Sie wurde - nach damaligen Gesetzen - zurecht umgebracht. Und das halte ich für problematisch, weil es eben keine Hexen und keine Teufel gibt und sie auch nie gegeben hatte, oder zumindest nicht solche für Hexen gehaltene Kräuterfrauen, die noch post mortem hätten töten können.

Die nachgeschobene Erklärung, Wilhelm wäre vielleicht schon high in diese Szenerie gekommen und hat deswegen das Ganze nur halluzieniert, kann man zwar gelten lassen, aber das hätte den Beigeschmack von Geschichten, die sich am Ende als geträumt entpuppten.
 
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@Dion:

Wirkung Bilsenkraut ok. Wusste ich nicht. Man könnte immer noch sagen, das Kraut in dieser Geschichte ist aber nun mal hochpotenter Scheiß, wie es ihn so nur hier gibt. Oder irgendein Fantasiekraut benutzen. Dem Vergleich mit dem Traumende gebe ich so fünfzig bis sechzig Prozent. Das ist schon was anderes, eine ganze Geschichte lang einfach zu machen, was man will und dann zu sagen: Alles nur ein Traum.

Der Rest ist ja eigentlich nichts, was ich nicht auch geschrieben habe. Der Grund, warum auch eine "gute Hexe" noch problematisch ist, klingt bei mir ein bisschen anders, es läuft aber aufs selbe hinaus.

Ich bin fast geneigt zu sagen, willst du Horror mit Hexen schreiben, musst du damit leben, dass Leute es vor dem historischen Hintergrund schwierig finden werden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Senior
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Ja, @Proof, ein anderes Kraut, das schon beim Hautkontakt zu Halluzinationen führte, hätte diese Geschichte glaubwürdiger erscheinen lassen. Engelstrompeten (Brugmansia) wirken z.B. schon allein durch den Duft, den die Blüten ausströmen, aber die gibt es in Europa erst seit dem 16. Jahrhundert.

Zudem ist hier das Schwarze Bilsenkraut nicht nur titelgebend, sondern zieht sich durch die ganze Geschichte hindurch; dies zu ändern, dürfte schwierig, wenn nicht unmöglich werden.

Und um nicht missverstanden zu werden: Ich finde Hexerei bzw. Zauberei faszinierend – in einer Fantasiewelt. Aber das in eine Welt zu übertragen, die es wirklich gab, das kann schon zu Problemen führen. Dies vor allem dann, wenn, wie in dieser Geschichte, suggeriert wird, es hätte Menschen mit übernatürlichen Kräften gegeben, die die damalige Gesellschaft mit dem Tod bestrafte. Was übrigens auch heutzutage in einigen Ländern geschieht, in denen Hexenglaube immer noch lebendig ist.
 
Senior
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@Dion:

Ich finde Hexerei bzw. Zauberei faszinierend – in einer Fantasiewelt. Aber das in eine Welt zu übertragen, die es wirklich gab, das kann schon zu Problemen führen.
Das meine ich ja. Fantasy ist eben kein Horror. Werwölfe in Herr der Ringe oder Harry Potter sind nicht gruselig, weil die sich da in einer Welt bewegen, in die sie reingehören. Horror entsteht (unter anderem) dadurch, dass diese Wesen in die "Realität" einbrechen. Und bei einer Hexe wirst du so gut wie immer dieses Problem haben, diesen Beigeschmack. Wie gesagt, das hat diese Geschichte auch nicht exklusiv, das geht mir echt schon lange im Kopf rum, bei ganz vielen Storys, Romanen, Filmen. Es ist fast, als verübten "die Juden" in deiner Geschichte Ritualmorde. Harter Vergleich, aber im Grunde ist es das ja. Wie siehst 'n das bei Hexen ohne ausdrücklichen Rückgriff auf die historische Hexenverfolgung? Blair Witch Project? (So weit ich mich erinnern kann, hab den Film das letzte Mal gesehen, als er neu war.) Auch wenn die Hexenverfolgung nicht erwähnt wird, muss man ja davon ausgehen, dass die Geschichte, weil sie im Hier und Jetzt verankert ist, in einer Welt spielt, in der es vor ein paar hundert Jahren Hexenverfolgung gab.

Was übrigens auch heutzutage in einigen Ländern geschieht, in denen Hexenglaube immer noch lebendig ist.
Afrika. Spannender Punkt irgendwie.
 
Senior
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01.05.2009
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@Dion:
Was übrigens auch heutzutage in einigen Ländern geschieht, in denen Hexenglaube immer noch lebendig ist.
Afrika. Spannender Punkt irgendwie.
@Proof und @Dion
Das ist echt extrem spannend, auch wenn ich nicht den Eindruck habe, NGK wollte an diesen Kontext andocken. Hexenverfolgungen bzw. Folter und Lynchmorde gibt es aktuell in einer erschreckend hohen Anzahl Regionen: Abgesehen von vielen afrikanischen Staaten (v.a. Kenya, Tanzania, Nigeria, Zimbabwe) auch in Indien, Papua Neuguinea, Nepal, Südamerika, Iran, Saudi Arabien, Indonesien. Private Exorzismen an Kindern mit tödlichem Ausgang auch in den USA (v.a. Evangelisten). Überall nehmen die Fälle zu.

Ich habe die Geschichte (@Nichtgeburtstagskind : Mir hat's gefallen und ich schreibe dir nochmal extra was) aber noch anders gelesen - dabei knüpfe ich an Dions Bemerkung an, ein Text werde unabhängig und offen für andere Leseweisen, sobald ein Autor ihn veröffentlicht. Ich habe das Setting beim ersten Lesen eher im späten 17. bzw. frühen 18. Jahrhundert angesiedelt, quasi vor oder knapp zeitgleich mit Frankenstein. Was übrigens an dieser für diese Zeit so typische "Überspanntheit" des Protas liegt, und an einer Erzählform, die auch bereits stark symbolistisch mit mystisch/mythisch/historischen Bildern arbeitete. Ich habe die Hexe hier daher nicht in Zusammenhang mit den historischen Verfolgungen gesehen, sondern dem Clash der Naturwissenschaften mit dem Motiv des Naturmagischen, wie er typisch für die Romantik war. Goethe z.B. arbeitete ja auch mit einem abgewandelten, aber historischen Hexenbild; bzw. prägte diese Epoche überhaupt erst unser Bild der "Hexe" durch die bildende Kunst. Das ist genau die Darstellung (schönes, heroisches Opfer einer grausamen Obrigkeit, irgendwo zwischen Erotik und Unschuld), wie sie auch in dieser Geschichte verwendet wird.

Zumal eine hingerichtete Hexe niemals in einer Anatomieschau gelandet wäre. (Bei dem Ertränken wäre ich an einer Quelle interessiert, ich kenne nämlich nur die - ungewollt manchmal tödlich verlaufenen - Hexenproben im Wasser, Hinrichtung aber nur so, dass die Verurteilten entweder erdrosselt oder lebendig verbrannt wurden. Da die Idee war, dass der Körper auch im Tod gefährlich sei und von der Erde getilgt werden müsse - so wurde die Asche meist noch in ein fließendes Gewässer gestreut. EDIT: Ertränkt wurden typischerweise Kindesmörderinnen.)

Diese Geschichte sehe ich daher als eine äußerst stimmungsvolle und interessante Verknüpfung zweier Epochen, die mit dem Magischen und dem Sublimen gleichermassen liebäugelt, dabei intellektuell kühl und gleichzeitig manisch/besessen die Grenzen zwischen Halluzination und Wirklichkeit (Historie) verschwimmen lässt.

So mag das aber ebenfalls nicht gemeint sein - v.a. nicht, wenn NGK eben nahelegt, der Text solle in (?) der Frühen Neuzeit spielen. (Fuzzy logic: War im MA nicht Sezieren von den Kirchen verboten?)

Insgesamt finde ich es aber hochspannend, und als ich den Text las, bevor der erste Komm hier stand, hätte ich absolut nicht mit so einer Entwicklung der Diskussion gerechnet. Wie gesagt, für mich ist es ein symbolistischer Text (im Sinne der Kunstform, nicht als Parabel), der bei mir einen SoC-ähnlichen Sog entfaltete, und den ich daher sehr genossen habe.
NGK rauft sich jetzt vielleicht die Haare ...

Ich schreibe später nochmal was näher am Text, sorry. :-)

Spannender Text und hochspannende Diskussion.
Liebe Grüße,
Katla
 
Zuletzt bearbeitet:
Wortkrieger-Team
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03.07.2017
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Hallo ihr lieben,

ich freue mich total über die Diskussion, die sich hier entwickelt. Super interessant. :read:

Brauche ne ruhige Minute, um entsprechend zu antworten. Weiß nicht, ob ich morgen dazu komme, spätestens aber am Dienstag!

Liebe Grüße,
NGK
 

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