Was ist neu

Der Geigenvogel

Empfehlung
Mitglied
Beitritt
03.10.2020
Beiträge
449
Zuletzt bearbeitet:

Der Geigenvogel

Mir gehört der Geigenvogel. Keiner soll ihn hören, außer ich. In seinem goldnen Käfig sitzt er da, den Kopf verborgen, die Flügel angelegt, auf dem Sims im Sternenlicht. Draußen schläft die Unterstadt, dunkle Gassen ohne Ziel, wo der Bettler sich zum Köter legt, zwischen den Knochen der letzten Jagd.
Kälte steigt zum Fenster ein, die Federn schimmern unversehrt. Wenn der Glockner dreimal schlägt, nehm ich ihn vom Fenstersims. Auf seinen Schwingen spiel ich dann, das Lied der Alten Mutter, bis das Geigen mich zum Morgen trägt.
Ich schließ den Käfig mit nassen Händen. Den Schlüssel hab ich tief versteckt, der an einer Fischleine in meinem Magen steckt. Mit der Erinnerung an das Spiel schlaf ich ein beim ersten Tageslicht. Die Flügel entfalten sich von Neuem. Die Unterstadt erwacht.

Ein Lächeln bleibt auf meinen Lippen.
Verdient mit dem Bogen auf der Saite.
Bis es bricht.​


︿ ﹀ ︿

Manchmal fällt sie über mich. Die Wolkenstadt. Die Geigenvögel in den Horsten auf dem weißen Wall. Ihre Flügel vor der Sonne, die Sehnen herrlich aufgespannt. Sie tauchen durch die Wasserfälle, auf der Jagd nach Silberpfeilen. Kinder schlagen mit Käschern nach den Federn, bringen sie heim zur Alten Mutter, die vor dem Thron ihren Wert bestimmt.
Ist das Geigenspielen eine Qual? Schwarzfeders Sohn, schau nur deinen Mantel an. So wenig Federn für den Winter! Im Turm der Käfige verlangte sie mein Spiel. Du bist schon zu alt. Hinfort mit dir in die Unterstadt. Nur die Jugend kann betören.
Nach dem Streich trag ich zur Strafe diese Narbe. Ich erklomm die Wasserfälle an der glatten Wand. Oben im Licht wartete ich, den Pfeil in die Geige gelegt. Der Kampf um die Balz begann. Mit ihm der günstigste Moment für die schönsten Exemplare. Die Schwachen verglühen. Nur Skelette fallen zur Erde der Unterstadt. Mein Stolz gebrochen, bis ich mir meinen eignen fing.​

︿ ﹀ ︿

Ein Klopfen an der Tür. Ich leg ein Tuch über den Käfig. Einmal noch den Klang, dann bleibt nichts mehr von mir. Ich seh in seine Augen. Zu klar für diese Gassen. Es zieht mir in den Fingern. Er sucht mehr als Brot.
Die Haare auf dem Bogen stehen. Meine Finger streifen das Instrument. Mit dem Pfeil im Bogen zwinge ich ihn hinaus. Die Asche regnet von der letzten Jagd.
Bist du es, der nachts die Geige spielt? Der mir mit Wärme die Zeit vertrieb? Kalte Nägel kratzen auf dem Pflaster. Die Tür fällt rasch ins Schloss. Das Tuch rutscht ab vom Käfig, ich nehm ihn hoch am Ring. Trag ihn hinauf aufs Dach. Im Schutz der Schornsteine würg ich nach dem Schlüssel.
Der Käfig offen. Ich pack den Vogel am gebognen Hals. Reiß ihm den kahlen Kopf aus seinem Federkleid. Er blinzelt in das ungewohnte Licht. Ich spreiz die Flügel. Setze an. Das Lied der Alten Mutter.
Schwarze Federn fallen in die Gassen. Auf dem Stein zu Staub. Die Bettler schauen hoch zu mir, niemand fängt die Federn ein. Ich spiele schief, die Schwingen bald zerfleddert, bis die letzte Sehne bricht, ein Kreischen, das die Welt zerreißt.​

 

Hallo @deserted-monkey ,
schöner poetischer Text. Bist du jetzt unter die Rilke-Fans gegangen? Ein anderer fällt mir gerade nicht ein. Hast du dich von irgendwas oder irgendeinem inspirieren lassen? Vielleicht von den Illuminationen von Rimbaud. Habe ich nie verstanden. Soll aber große Kunst sein. Auch so´ne Art Mischform zwischen Erzählung und Gedicht wie Geigenvogel. Die bildlichen Wortschöpfungen, um das Spiel der Geige auszudrücken, finde ich sehr gelungen. Überhaupt die phantasiereichen Beschreibungen dieses Instruments. Der Pfeil als Geigenbogen. Hat mir gefallen.
Gruß Frieda

 

Hallo @deserted-monkey !

Ein sehr poetischer Text. Zum Glück nicht zu lang, denn viel länger hätt ich da nicht mitgehen können. Die Bilder sind weitgehend stark, die Idee auch.

Allerdings – wie bei deinem letzten Text auch – bietest du nicht viel Stoff zur Interpretation.
Die Logik ist spannend, aber nicht immer klar.
einige Dinge bleiben nach allen Seiten hin undeutlich, wiewohl sie poetisch sind.

Sind die Vögel wörtlich Instrumente, halb Instrumente, oder nur poetisches Bild?
Was geschieht am Ende?

du musst nicht alles erklären. Aber mehrfach bin ich – trotz des Klangs – ratlos, was ich daraus ziehen könnte.

Der zweite Punkt: Für die Länge des Texts ist es ein 'Overkil' an Bildern und poetischen Formulierungen, die sich gegenseitig den Raum streitig machen. die Wirkung gegenseitig schwächen.
Goldener Käfig - Knochen der letzten Jagd - weißer Wall - Silberpfeile -Asche der letzten Jagd - Sternenlicht - Bettler und Köter ... und dazwischen kaum Raum, dass sich etwas davon für sich entfalten kann.

Das sind meine Eindrücke. Wenn du sagst: Scheiß auf den Inhalt, ich will Klang und Gefühl, sonst nichts – würde ich sagen, das ist gelungen; als Text wie 'Musik', der Bilder, Gefühle und Ahnungen auslöst, kann er stehen bleiben, vielleicht ein Stück entschlackt.

Dass du faszinierende Bilder schreiben kannst, ist erwiesen :)

Gruß
Flic

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @deserted-monkey,

ich möchte mich @Frieda Kreuz und @FlicFlac anschließen: Von viel Poesie ist die Rede, starken Bildern, phantasiereichen Beschreibungen. Das stimmt alles. Aber gleich nach dem zweiten Satz

Keiner soll ihn hören, außer ich.
beginne ich zu rätseln, warum schreibt er nicht "mir", hat er da schon eine Fährte gelegt? Wie ist das "Wenn der Glockner dreimal schlägt" einzuordnen? Märchenhaft oder historisch, möglicherweise als Warnung oder gar Todesläuten? (Getaggt ist Horror/Märchen).
Munter bin ich auf der Schnitzeljagd, wie bei den Dickhäutern (in diesem Text hier noch mehr) laufe ich durch einen dichten mystischen Nebel, zum Schluss habe ich mich verlaufen und weiß nicht mehr, wo ich bin.

Was bleibt? Wie immer schöne Bilder und gut geschrieben. Ich persönlich brauche etwas mehr Leitplanken. Das mag durchaus mein Problem sein.

Schönen Gruß von

Jaylow

 

Hallo @Frieda Kreuz

Vielen Dank für dein Feedback.

Bist du jetzt unter die Rilke-Fans gegangen?
Vielleicht von den Illuminationen von Rimbaud.
Ich will ehrlich sein: Von Rilke habe ich nie (bewusst) etwas gelesen, aber vermutlich ist mir schon etwas von ihm begegnet. Rimbaud musste ich tatsächlich erst googeln. Klingt spannend, danke für den Hinweis!

Auch so´ne Art Mischform zwischen Erzählung und Gedicht wie Geigenvogel.
Schön, dass der Text so auf Dich gewirkt hat. Teilweise reimt es sich ja direkt, an anderen Stellen eher 'versetzt'. Das ist mir beim Schreiben gar nicht so bewusst aufgefallen, eher im Nachhinein. Den Effekt mochte ich dann ganz gerne.

Die bildlichen Wortschöpfungen, um das Spiel der Geige auszudrücken, finde ich sehr gelungen. Überhaupt die phantasiereichen Beschreibungen dieses Instruments. Der Pfeil als Geigenbogen. Hat mir gefallen.
Das freut mich sehr, Frieda!



Hallo @FlicFlac

Auch Dir meinen Dank fürs Lesen und deine Zeit.

Zum Glück nicht zu lang, denn viel länger hätt ich da nicht mitgehen können.
Freut mich, dass ich da aus deiner Sicht gerade noch die Kurve gekriegt habe! Der Text ist tatsächlich ziemlich stark verdichtet: 501 Wörter (ohne Titel). Vielleicht findet sich ja noch eins zum Streichen :D

wie bei deinem letzten Text auch – bietest du nicht viel Stoff zur Interpretation
Ja, ich experimentiere im Moment ein wenig damit, wie offen ein Text sein kann. Mir ist klar, dass das nicht für jeden funktioniert, aber gerade dieser Spielraum reizt mich aktuell. Mir ist bei solchen Texten vor allem die Wirkung wichtig.

Für die Länge des Texts ist es ein 'Overkil' an Bildern und poetischen Formulierungen
Das Thema 'Raum geben' nehme ich auf jeden Fall mit. Das war ja auch schon bei einem meiner anderen Texte Thema. Hier war die Dichte bewusst gesetzt, aber ich sehe den Punkt.

Scheiß auf den Inhalt, ich will Klang und Gefühl, sonst nichts
So würde ich es nicht sehen. Eine Handlung ist für mich schon vorhanden, sie tritt nur vielleicht hinter Sprache und Bildern zurück. Spannend finde ich auch deinen Punkt zur Interpretation: Einiges, was als Bedeutung gelesen wird, war für mich eher Teil des Worldbuildings -- allerdings in einer sehr komprimierten Form. Dass sich das beim Lesen verschiebt oder erweitert, gehört für mich jedoch dazu.

Danke Dir auf jeden Fall für die differenzierte Rückmeldung!



Hallo @Jaylow

Merci für deinen Kommentar.

warum schreibt er nicht "mir", hat er da schon eine Fährte gelegt?
Für mich war es eher so, dass ich vermeiden wollte, das 'mir' aus dem ersten Satz zu wiederholen. Interessant, dass du da schon eine Fährte gelesen hast!

Wie ist das "Wenn der Glockner dreimal schlägt" einzuordnen?
Ich habe es beim Schreiben als 'drei Uhr nachts' gedacht. Simpel, ich weiss :D

Munter bin ich auf der Schnitzeljagd, wie bei den Dickhäutern (in diesem Text hier noch mehr) laufe ich durch einen dichten mystischen Nebel, zum Schluss habe ich mich verlaufen und weiß nicht mehr, wo ich bin.
Diese Beschreibung hat mir sehr gefallen, das ist schön anschaulich, und vielleicht auch Teil der Wirkung eines solchen oder eben dieses Textes.

Ich persönlich brauche etwas mehr Leitplanken.
Ja, das habe ich an deiner Rückmeldung hier und auch unter dem 'Dickhäuter' deutlich gemerkt, auch an den anderen Feedbacks. Nehm ich mir auf jeden Fall mit!

Beste Grüsse an euch drei,
d-m

 

Hi @deserted-monkey,

ich mag den Text. Das Bild von dem Geiger, der für die Bettler in der Unterstadt spielt gefällt mir sehr gut. Inhaltlich ist der Text ja absichtlich verschwommen, wenn ich ihn richtig verstehe. Damit meine ich Fragen wie, was genau ein Geigenvogel denn ist, usw. An einigen Stellen finde ich aber auch sprachlich etwas verschwommen, so dass ich Schwierigkeiten hatte der Handlung zu folgen.

Ein Klopfen an der Tür. Ich leg ein Tuch über den Käfig. Einmal noch den Klang, dann bleibt nichts mehr von mir. Ich seh in seine Augen. Zu klar für diese Gassen. Es zieht mir in den Fingern. Er sucht mehr als Brot.
Die Haare auf dem Bogen stehen. Meine Finger streifen das Instrument. Mit dem Pfeil im Bogen zwinge ich ihn hinaus. Die Asche regnet von der letzten Jagd.
Bist du es, der nachts die Geige spielt? Der mir mit Wärme die Zeit vertrieb? Kalte Nägel kratzen auf dem Pflaster. Die Tür fällt rasch ins Schloss.
Hauptsächlich hier eigentlich. Ein Bettler steht vor der Tür und fragt ihn, ob er der Geiger ist, oder? Dann steht Bogen einmal für einen Geigenbogen und einmal für einen Bogen, der Pfeile schießt? Aber wenn er den Bettler mit dem Bogen hinaus zwingt. Wieso kann er dann diese Frage stellen? Ist er dann nicht draußen? Auch die kalten Nägel, die auf Pflaster kratzen verstehe ich in dem Zusammenhang nicht.
Sind nur Details. Vielleicht habe ich auch was falsch verstanden.

Außerdem habe ich am Anfang gedacht, dass der Titel und damit ja auch das Thema des Texts etwas mit dem Wort "Galgenvogel" zu tun hat. Klanglich ist das extrem nah dran, deshalb musste ich da sofort dran denken. Aber nach meinem Empfinden nimmt sich der Text ernst und ist nicht als Wortspiel gedacht. Vielleicht könnte man den Titel ändern zu "Vogelgeige" oder so, wenn man das umgehen wollte. Aber vielleicht bin ich auch der einzige, der die Assoziation hat. Oder vielleicht ist sie auch Absicht.

Aber wie gesagt. Sehr gerne gelesen.

Beste Grüße
Klamm

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom