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Der Neue und das Fränzle

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16.12.2020
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Der Neue und das Fränzle

Hab gleich gesehen, dass da was nicht stimmt. Normal frag ich, was darf's sein, dann gehts los. Aber der, der hat nichts gesagt. Steht nur da und glotzt mich an. Wirr sieht er aus. Sorgen hab ich mir aber nicht gemacht. Kenne den ja. Den Neuen, der im oberen Dorf gebaut hat. Das Haus mit den vielen Fenstern. Den Palast. Viel weiß man ja nicht. Macht irgendwas im Büro. Kann man schlecht einschätzen.

Jedenfalls stell ich ihm ein Halbes hin und daneben den Braunen. So als Test. Die Neuen muss man immer testen.
Aber was macht der?
Legt mir’n Ziegelstein auf’n Tresen. Genau hier.
Ich denk noch: ‘Isser jetzt vielleicht doch vom Bau?’ Und frag, ob er auch Schotter dabei hat.

Keine Antwort, sowas kann ich ja leiden. Aber er setzt sich. Das Halbe vor sich, den Braunen, den Ziegelstein. Und ich fange an den Tresen zu wischen. Von so einem lass ich mich nicht provozieren. Wische schön um seinen Stein herum und erzähl ihm 'n bisschen was. Integration eben, macht man heutzutage so. Ich geh auf die Leute zu. Wissen alle.
Sage: ‘Dass wir eine Gemeinschaft sind. Zusammenhalt wird bei uns großgeschrieben. Deswegen holt hier auch jeder die Brötchen vom Bäcker Rabe. Weils einer von uns is. Oder gehen zum Fleischer, auch wenn man die dämliche Schnepfe da besser nich reizt. Kirmes machen wir. Und viel mehr gibts eigentlich nich, außer vielleicht den Sportverein. Meine Stube, den Lottoladen und den lustigen Franz im Getränkemarkt. Da trifft man sich bei Tage. Beim Fränzle.’
Hatte auch schon bessere Zeiten der Dicke. Kennste seinen Spruch?
‘Die Inga hat es faust-fick hinter den Ohren.’

Weißt du jetzt, wen ich meine? Den Neuen. Das Hemd. Nein?
Die Inga kennst du aber? Die Blonde. So ein Vorbau. Die der lustige Franz zur Kirmes durchs Dorf gebumst hat. Ewig ist das schon her. Da warer noch nich so fett. Irgendwas mit den Hormonen, naja. Ne Nette isse. Ich sag nich, dass sie verdorben wäre, auch wenn mans denken könnte. Was man so hört.
Jedenfalls kennt der Neue das Fränzle. Sowas seh ich gleich. Aus dem Getränkemarkt. Genau, wos Fränzle an der Kasse sitzt und immer noch seine Geschichten zum Besten gibt, von der Inga und der Kirmes.
Und der Neue, rate mal mit wem der verheiratet ist?
Ja, genau.

Da funkelt der mich auf einmal an, wie ne Radlampe und grapscht nach seinem Stein. Nicht ein Wort hat er gesagt. Nicht mal am Bier genippt hat er. Dachte der platzt gleich. Und ich frage, ob er anschreiben lassen will? Jedenfalls stellt er sich hin und auf meinem Tresen ist ein Fleck. Klebrig rot, fast schwarz. Ist von dem Ziegel runtergetropft. Und ich will gerade drüber wischen, da rennt er davon.
Naja, du weißt ja jetzt schon was es damit auf sich hatte. Unser Schorschi hat ihn dann verhaftet, unten am Teich.
Weißt du was ich mich die ganze Zeit frage: ‘Warum die Inga nicht den Franz genommen hat, der hatte wenigstens einen eigenen Laden?’
 
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14.04.2018
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Hey @Ebbe Flut!

Ich hab deine Geschichte grade gelesen. Und sie spricht mich echt ziemlich an. Ich hab die ersten Sätze gelesen und dachte: Cool.
Geht für mich ein kleines bißchen in die Richtung, die Fliege in ihrem neuen Text zeigt, in dem ihr beide durch wenig, ganz viel zeigt. Bei dir ist es nur emotional puristischer. Und doch ist es irgendwie zwischen den Zeilen sehr emotional. Zumindest für ein Kind vom Dorf wie mich. Von daher bin ich grade schon beeindruckt, wie du es geschafft hast.
Wie immer nur ein Bauch-Gefühl und ein kleiner Leseeindruck von mir. Die Leute mit Ahnung kommen bestimmt noch:-)

Liebe Grüße vom Lotterlieschen
 
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09.12.2019
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Hi @Ebbe Flut ,

ein kurzer Text mit einer skurrilen Szene, erst zum Ende hin erfahre ich, was es mit dem Ziegelstein auf sich hat. Skurril auch deswegen, da "der Neue" nach seiner Tat erstmal in eine Bar geht.

Und du gibst dem Leser einen kleinen Einblick in die Gemeinschaft des Dorfes, finde ich gut gelungen, gerade für eine kurze Geschichte.

Hab ich gerne gelesen, noch ein paar Anmerkungen:

Hab gleich gesehen, dass da was nicht stimmt.
Guter Einleitungssatz!

Normal frag ich, was darf's sein, dann gehts los.
geht´s (du schreibst ja vorher auch "darf´s")

Kenne den ja. Den Neuen, der im oberen Dorf gebaut hat.
So richtig kennen wird sie ihn ja noch nicht, wenn er neu ist, also der erste Satz vielleicht eher in die Richtung:
"Hab den ja schon mal gesehen. Den Neuen, ..."

Legt mir’n Ziegelstein auf’n Tresen. Genau hier.
Ich denk noch: ‘Isser jetzt vielleicht doch vom Bau?’ Und frag, ob er auch Schotter dabei hat.

Keine Antwort, sowas kann ich ja leiden.
Gute Idee, die Frage nach dem Schotter! :gelb:
m.E. ist nach diesem Satz kein Absatz notwendig.

Und viel mehr gibts eigentlich nich, außer vielleicht den Sportverein.
gibt´s
(oder du entfernst an den vorherigen relevanten Stellen das Apostroph, würde es aber einheitlich halten)

Ich sag nich, dass sie verdorben wäre, auch wenn mans denken könnte.
Genau, wos Fränzle an der Kasse sitzt und
auch hier: man´s / wo´s

Viele Grüße,
Rob
 
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10.02.2000
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Nabönd @Ebbe Flut,

interessanter Nick, übrigens. Ja, dachte ich auch: Im Stil von Flieges neuem Text. Kurze Häppchen mit unsichtbarer Geschichte dahinter. Viele Ebenen, die umso besser funktionieren, je mehr Erfahrung man selbst oder auch je mehr man gelesen hat. Deine Sprache gefällt mir gut. Auch das mit dem Ziegel ist fein gemacht. Ich habe absolut nichts auszusetzen. Gerne mehr davon. Rechtschreibung, Kommas und so, das ist nicht so mein Thema. Bin ich keine große Hilfe, aber da haben wir Experten*innen.

Gut gemacht.
Griasle
Morphin
 
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26.12.2014
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Hallo Ebbe Flut,

hab zunächst bisschen zu meckern.

dann gehts los

mir fällt keine bessere Formulierung ein, aber die von dir gewählte, irgendwie passt sie nicht ganz.
Ich verbinde sie mit Aufbrechen, Loslegen usw., eher weniger mit der Ansage, was man trinken möchte.

Sorgen hab ich mir aber nicht gemacht.

Das wirkt sehr vorgeschoben, nicht echt, so ganz passt es nicht rein, ich glaube, Gedanken hat er sich schon gemacht, was da los ist. Wenn der wirre Haare hat und einen Stein auf den Tisch legt?

Und frag, ob er auch Schotter dabei hat.

Wieso, ist das so üblich in der Kneipe? Er weiß doch, dass der andere nicht gerade ein Bettler ist? Warum die Frage?

Integration eben, macht man heutzutage so.

Wieso das jetzt? Ich meine, das macht die Situation noch surrealer, als sie ist, vielleicht passt es auch, aber würde er nicht eher über's Wetter reden, über irgendwas Belangloses, um die Peinlichkeit der Situation zu überspielen?

Und der Neue, rate mal mit wem der verheiratet ist?

Schöner Twist, aber würde er das nicht realistischerweise als erstes erwähnen? "Der Neue, der die Inga geheiratet hat?" Und ist nicht komisch, dass man dann so wenig über ihn weiß?

Jedenfalls stellt er sich hin und auf meinem Tresen ist ein Fleck.

Das ist super.

Ich mag die Beschreibung grundsätzlich schon, erinnert an die sattsam bekannte Filmszene "Fremder kommt in Kneipe", fast wie im Western wirkt es hier, aber im Detail könntest du dir das, denk ich, noch mal angucken; einige Sachen wirken nicht ganz passend.

Soviel nur,
Manlio
 
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16.12.2020
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Hey @Lotterlieschen,

freut mich sehr, dass dir der Text gefallen hat. Dörfer können schon seltsame Orte sein, schön dass Du das auch kennengelernt hast. Wie heißt noch gleich die Geschichte von Fliege die Du als Vergleich heranziehst? Die würde ich gerne mal lesen.

Hallo @Rob F,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Du hast ein paar Sätze gefunden, die ich verbessern kann, super. Die Regeln wegen der »'s« muss ich mir nochmal anschauen.
Mit skurril beschreibst Du die Szene sehr gut. Ich finde auch, dass es normalerweise nicht der erste Weg ist, nach einem Verbrechen in die Kneipe zu gehen. In diesem Fall behaupte ich mal, dass "Der Neue" einfach nur unbewusst versucht einen Weg in die Dorfgemeinschaft zu finden - obwohl es dafür natürlich jetzt zu spät ist. Der Erzähler ist einer von den zugänglicheren Zeitgenossen dort und das hat ihn dorthin gezogen, in die Bar.

Sorry für die späte Antwort, bin gerade einer der Glücklichen die sich vor Arbeit nicht retten können.

Viele Grüße
Ebbe Flut
 
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28.12.2009
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Hallo,
Wirr sieht er aus. Sorgen hab ich mir aber nicht gemacht. Kenne den ja. Den Neuen, der im oberen Dorf gebaut hat. Das Haus mit den vielen Fenstern. Den Palast.

Ich würde wirr tatsächlich beschreiben. Beschreibe, was du siehst, keine Abkürzung. So wird ein Text doch reicher. Dann: Das ist Rollenprosa. Ich denke, die Kunst hierbei ist es, nicht aus dieser Rolle herauszufallen, es dem Leser so schwer wie möglich zu machen, den Autoren eben nicht zu erkennen. Den Neuen, der im oberen Dorf - da höre ich sofort schon den Autoren, der mir die Figur erklärt. Das denkt der nicht, der kennt den ja, das könntest du höchstens in einem Dialog auflösen, wo er ihn so lapidar fragt: Bist du nicht der der sich die die dicke Hütte hingebaut hat?

Jedenfalls stell ich ihm ein Halbes hin und daneben den Braunen. So als Test. Die Neuen muss man immer testen.
Aber was macht der?
Er legt mir’n Ziegelstein auf’n Tresen. Genau hier.
Ich denk noch: ‘Isser jetzt vielleicht doch vom Bau?’ Und frag, ob er auch Schotter dabei hat.

Du verrätst zu viel und zu schnell. Da gibt es kein Geheimnis, nichts. Das mit dem Ziegelstein ist ja der Kern der Geschichte, das ist ein Symbol. Das muss doch eiskalt serviert werden wie in einem Film der Coen Brüder. Ich denke an No country for old men, die Szene an der Tankstelle, mit der Münze. Es ist der Kern, aber noch ist nicht klar, worum es geht. Da könntest du doch die Spannung aufbauen, es subtil gestalten, ich sehe das richtig, wie er da auf dem Tresen wischt und da einfach der Stein liegt, so eine Art Damoklesschwert, und niemand will da drüber reden, der Leser weiß aber, irgendwas ist damit - könntest du den Leser etwas mehr führen, meiner Meinung nach, nicht sofort alles verraten.

Und dann am Ende, da wird klar, er erzählt das wem anders, uff. Das finde ich ungeschickt gelöst, denn das ist dann eine Nacherzählung, die ist passiv, nicht aktiv, da müsstest du den ersten Absatz komplett in Vergangenheit erzählen. Dann müsste die gesamte Erzählanlage anders sein, die Wirkung der Rollenprosa ist eine andere, und bei weitem nicht so intensiv und nah, als wenn du aktiv erzählst, szenisch.
Die Inga kennst du aber? Die Blonde. So ein Vorbau. Die der lustige Franz zur Kirmes durchs Dorf gebumst hat. Ewig ist das schon her. Da warer noch nich so fett. Irgendwas mit den Hormonen, naja. Ne Nette isse. Ich sag nich, dass sie verdorben wäre, auch wenn mans denken könnte. Was man so hört.
Jedenfalls kennt der Neue das Fränzle. Sowas seh ich gleich. Aus dem Getränkemarkt. Genau, wos Fränzle an der Kasse sitzt und immer noch seine Geschichten zum Besten gibt, von der Inga und der Kirmes.
Wenn die alle auf dem Dorf so dicke sind, warum erzählt er das dann alles noch mal? Das ist doch gemeinsames Wissen. Er müsste sagen: Die Inga, du weißt schon ... Hier wird einfach überdeutlich, dass du nicht in dieser Rolle bleiben kannst, dass du aus ihr heraustreten musst, um dem Leser etwas zu mitzuteilen, was für die Story wichtig ist, für das grundsätzliche Verstehen der Zusammenhänge. Bei der Rollenprosa ist es ja auch oft so, wem erzählt er das? Ist so ein Gentlemens-agreement, das der Leser nicht nachfragt, weil im Grunde erzählt er sich das selbst. Das ist so eine Krux mit dem gegenwärtigen, aber dennoch irgendwie reflektierten Erzählen, das ist immer irgendwie eine Konstruktion, eine Krücke. Hier hast du es aber so gelöst, dass er das wem anders erzählt - da dürfen so Ausreißer nicht passieren, da muss alles in der Erfahrungswelt der Protagonisten bleiben, sonst verpufft der Effekt vollkommen, da musst du riskieren, dass der Leser nicht immer und sofort alles versteht, dass er eine Transferleistung vollbringen muss.

Gruss, Jimmy
 

MRG

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12.03.2020
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Guten Abend @Ebbe Flut,

ich tue mich mit deinem Text schwer. Einerseits hat dein Protagonist einen eigenen Stil, der sich für mich in den kurzen Sätze und der Umgangssprache ausdrückt. Andererseits bin ich gerade durch diesen Stil nicht so gut in die Geschichte gekommen. Das kann auch an mir liegen, ich habe einige Stellen zweimal gelesen und es wollte kein richtiger "Flow" für mich entstehen. Nichtsdestotrotz mochte ich das Ende, das war überraschend und du hast den Ziegel vorher schon gut platziert. Hier mein subjektiver Leseeindruck:

Normal frag ich, was darf's sein, dann gehts los.
Und frag, ob er auch Schotter dabei hat.
Diese Textstellen verdeutlichen für mich ganz gut, die eigene Sprache des Prota. Das hast du gut hinbekommen, auch wenn es meinen Geschmack nicht getroffen hat.

Das Halbe vor sich, den Braunen, den Ziegelstein.
Finde ich gut gemacht. Du erwähnst das nebenbei, platzierst es damit auch für den weiteren Verlauf deiner Geschichte.

Integration eben, macht man heutzutage so. Ich geh auf die Leute zu. Wissen alle.
Du bleibst konsequent in der Sprache und das finde ich einen Pluspunkt.

Jedenfalls stellt er sich hin und auf meinem Tresen ist ein Fleck. Klebrig rot, fast schwarz. Ist von dem Ziegel runtergetropft.
Das Ende fand ich interessant, endet mit einem Paukenschlag. Du hast die Details dafür vorher in deinem Text platziert, langsam darauf zugesteuert.


Mein Fazit lautet, dass ich in die Sprache deines Protas nicht so gut reingekommen bin, das liegt wohl an meinem Geschmack. Allerdings sind da einige gute Punkte drin, wobei ich vor allem auch das Ende als gelungen erlebt habe.
Wollte dir kurz meinen Leseeindruck dalassen, damit du weißt, wie dein Text auf mich gewirkt hat.


Beste Grüße
MRG
 
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16.12.2020
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Hi @Morphin,

schöne das Du hier reingeschaut hast. Ich werde mir den Text von Fliege auf jeden Fall bald mal gönnen. Die unsichtbare Geschichte, da erwähnst Du was. Das ist genau worum es mir ging. Ich habe schon gesehen, das weiter unten noch sehr interessante Kommentare kommen, die noch wertvolle Anmerkungen mit sich bringen. Da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Hosen runter zu lassen und auf das "Unsichtbare" einzugehen.
Danke und bis bald!
Ebbe Flut

Hallo @Manilo,

gut gemeckert, ich versuche dazu ein zwei Worte zu sagen.
dann gehts los
bezieht sich eher auf das Gesamtpaket aus reden und trinken. Für den Erzähler ist es so, das mit dem Satz: "Was darf's sein?", der Kneipenbesuch eigentlich erst los geht - vergleichbar mit einem Startschuss.
Das wirkt sehr vorgeschoben, nicht echt, so ganz passt es nicht rein, ich glaube, Gedanken hat er sich schon gemacht, was da los ist. Wenn der wirre Haare hat und einen Stein auf den Tisch legt?
Du hast recht, Gedanken hat er sich gemacht. Das er davon spricht, dass er sich keine Sorgen gemacht hat, ist so eine Art vorgreifen auf das, was er später noch andeutet, nämlich das Verbrechen.

Warum die Frage?
Ob er noch Schotter dabei hat. Das ist eigentlich nur ein Witz. Kommt einer in eine Bar und legt einen Ziegelstein auf den Tresen, fragt der Wirt: Hast du auch Schotter dabei?
Schotter im Sinne von, Kohle, Asche, Piepen, Penunze, Kies ...

Wieso das jetzt?
Intergration und so. Ich würde sagen, dass ist so eine Art Machtspiel oder Schwanzvergleich. Der Erzähler will sich keine Blöße geben, dass ihm das alles sehr seltsam vorkommt. Besonders nicht vor dem Neuen, dem Hemd, wie er ihn ja weiter unten noch nennt. Also Ignoriert er es und macht weiter, als wäre es das normalste auf der Welt.

Schöner Twist, aber würde er das nicht realistischerweise als erstes erwähnen? "Der Neue, der die Inga geheiratet hat?" Und ist nicht komisch, dass man dann so wenig über ihn weiß?
Jetzt bist Du auf der richtigen Spur, aber von Anfang an. Mit der Pointe die Geschichte zu beginnen finde ich schwierig, das würde ein normaler Mensch, der seinem Zuhörer etwas spannend rüberbringen will eher nicht tun - in dem Fall der Wirt.
Aber Deine Frage, ob das nicht komisch ist, die ist schon berechtigt. Denn da ist einerseits ein Neuer im Dorf, der da gebaut hat und sogar eine der Eingeborenen zur Frau hat und andererseits weiß man kaum etwas über ihn. Wie kann das funktionieren? Das ist der Raum für eine Geschichte hinter dem gelesenen Text. Vielleicht war die Inga lange nicht da, hat studiert, war im Ausland oder so, und hat von dort den Neuen mitgebracht. Die Dorfgemeinschaft hat sie scheinbar nicht mit offenen Armen empfangen, sonst wären sie schon integriert. Was da nicht stimmt, ist meiner Meinung nach die eigentliche Frage.
Schön, dass Dir dieser Vorhang, den es zu lüften gilt, nicht unentdeckt geblieben ist.

Danke für Deinen Kommentar!
Viele Grüße
Ebbe Flut
 
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12.04.2007
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Hab gleich gesehen, … Normal frag ich, was darf's sein, dann gehts los. ... Sorgen hab ich mir aber nicht gemacht. Kenne den ja. … Jedenfalls stell ich … Legt mir’n Ziegelstein auf’n Tresen. ...
Ich denk noch: ‘Isser jetzt vielleicht doch vom Bau?’ Und frag, ob …

Was soll das fragmentierte Eingangszitat, wirstu Dich vielleicht fragen,

Ebbe Flut,
(stell mir gleich'n Jever kalt aufm Balkon)

aber mir ist dieses unregelmäßige mit der – ich nenn’s mal – „verschluckten“ Endung des stummen e (lautschriftlich [ə]) als erstes aufgefallen, dass die dort „gesprochene“ (wie dann in der Folge niedergeschriebene) Sprache willkürlich wirkt und zugleich mit dem Imperativ (sitz!) sich verschwägert (und – wurde schon erwähnt) zudem die unregelmäßige Nutzung des Apostrophs. Der reale Sprecher weiß oder ahnt zumindest nicht, dass seine „Spreche“ (und sei sie nur Gedanke) niedergeschrieben zur "Schreibe" wird.

Es gibt neben Flieges Beitrag (Acht Stationen und einmal umsteigen) noch ähnliche Modelle, wie hier in der Sprache einer ca. 5-jährigen (Gretchen) u. a.

Bissken Flusenlese (Morphin hat mich quasi schon verschwiegen angekündigt) und ja, ich weiß, wir reden oft ohne Punkt und Komma, und vor allem gibt’s keine Grammatik der gesprochenen Sprache (umso absurder, dass dergleichen zu schaffen angedacht wird in den entsprechenden Kreisen – denn kann ja eigentlich auch gar nicht bei den Dia- und Soziolekten, der Jugendsprache, des Pidgin und Kreolischen und vor allem des Ruhrlateins, dat ich bevorzuch und wo der Mörder des Gentivs gleich mit abjeschafft is, jiddische, polnische, rheinfränkische, sächsische, gelegentlich ital. & span. Brocken (die kann ich wahrscheinlich nicht von portugallischen unterscheiden).

Keine Antwort, sowas kann ich ja leiden.
„so was“ auseinander, weil eigentlich ein verkürztes „so etwas“

Kommt weiter unten noch mal vor
Und der Neue, rate malKOMMA mit wem der verheiratet ist?

DachteKOMMA der platzt gleich.

Naja, du weißt ja jetzt schonKOMMA was es damit auf sich hatte.
(fast alles Relativsätze, die vom Hauptsatz - und sei der eine Ellipse - zu unterscheiden sind)

Weißt duKOMMA was ich mich die ganze Zeit frage: ‘...

Gern gelesen und damit herzlich willkommen hierorts

vom Friedel!
 
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19.02.2006
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Hallo Ebbe Flut,

einen coolen Neckname hast du, ist alles drin, was das Schreiberherz so vorbringen kann.
Deine Geschichte hat mir gefallen. Kommt mit genau dem richtigen lockeren Ton rüber, ich bin da an keiner Stelle rausgekickt worden. Mir gefällt auch, dass du den Neuen nicht sprechen lässt und dass du keine Ausschweifungen betreibst. Der Ziegel kommt richtig gut.
So ganz stimmig finde ich die Konstellationen allerdings nicht. Wenn er der Neue ist und alle sich da kennen, wem erzählt er das? Und warum kennt man ihn nicht richtig, wenn er doch mit der wohl bekannten Dame liiert ist? Aber das stößt mir beim Lesen nicht auf, es sind Gedanken, die am Ende kommen und zumindest mich nicht ausgebremst haben. Andere mögen das strenger bewerten. Ich habe mich köstlich unterhalten gefühlt.

grüßlichst
weltenläufer
 
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16.12.2020
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Hallo @jimmysalaryman,

Deine Hinweise sind wertvoll und haben mich zum Nachdenken gebracht. Ich hatte den Text ursprünglich mal als Monolog geschrieben, der einem Publikum vorgetragen wird. Dabei habe ich nie über Rollenprosa in Form eines inneren Monologs nachgedacht. Dass Du den Text zum Anfang aber so gelesen hast und entsprechend kritisierst, hat mich erst auf die Idee gebracht, mich mehr damit zu beschäftigen. Es ist eine andere Herangehensweise, die ich auf jeden Fall mal ausprobieren werde.
Am besten finde ich Deinen letzten Satz:
da musst du riskieren, dass der Leser nicht immer und sofort alles versteht, dass er eine Transferleistung vollbringen muss
Dieses Risiko bin ich gerne bereit einzugehen. Es ist eine handwerkliche Sache, die Übung und Gefühl erfordert und wohl nur durch die Rückmeldung des Lesers zu schulen ist.
Du erinnerst mich mit deinem Coen Brüder Vergleich jedenfalls daran, dass es Sinn macht, solche Szenen unter verschiedenen Gesichtspunkten zu analysieren. Da hätte ich ein bisschen mehr investieren können. Werde ich aber noch.

Viele Grüße
Ebbe Flut
 
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16.12.2020
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Hi @MRG,

vielen Dank für Deinen Leseeindruck, hat mich sehr gefreut.

Hallo @Friedrichard,
(Jever ist gut, ich habe gerade nur Helles im Haus)

die unregelmäßige Verwendung vom stummen e kommt von der Beobachtung des realen Vorbilds für den Erzähler. Es scheint in manchen Gegenden nicht den einen Dialekt zu geben, sondern eher eine Anlehnung, oder Vermischung. Ich verstehe aber, dass das in der Anwendung in einem Text vom Leser auch als inkonsequent wahrgenommen werden kann. Was die Apostrophen angeht, da muss ich mich mal mit beschäftigen. Die habe ich zugegebenermaßen nur nach Gefühl angewendet - auf welcher Grundlage das Gefühl beruht hat, kann ich aber selber nur raten.

Flußenlese klingt gut. Werde die rausnehmen, glattstreichen, abflammen, rasieren, oder wiee man das am besten nennt, was danach kommt.

Vielen Dank und schönen Gruß!

Hallo @weltenläufer,

freue mich, dass Du kommentiert hast und dass der Text gefallen hat. Was Du sagst, ist wahr. Die Figurenkonstellation muss vielleicht noch etwas deutlicher gestaltet werden, um leichter den Zugang ins Hinterzimmer der Geschichte zu finden. In dem werden ja genau die Fragen bedeutungsvoll, die Du gestellt hast. Bin aber schonmal froh, dass der Text bisher so positiv aufgenommen wird.
einen coolen Neckname hast du, ist alles drin, was das Schreiberherz so vorbringen kann
Danke!
Dein Nickname ist auch cool, genau so sehe ich die Autoren und Leser.

Viele Grüße
Ebbe Flut
 
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12.04.2007
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Bzgl. des Apostophs empfehl ich Karl Kraus (Herausgeber der Fackel, Publizist, Dichter, Satiriker)
im Projekt Gutenberg unter Die Sprache - ist allemal besser und vor allem unterhaltsamer als Duden- oder Bertelsmanngrammatik.

Tschüss und schönes Restwochenende ausm Pott vom

Friedel
 

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