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Der schönste Tod im Leben

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04.06.2026
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Der schönste Tod im Leben

Verschwommen schaue ich mir alles an.

Salzige Tropfen rollen über meine Lippen.

Mein Bein zuckt zusammen.

Ich spüre mein Handy.

„Ich weiß!“

Und lege auf.

Ich fahre los. Ich sehe selten so schick aus. Dieser Tag ist ein Meilenstein für meinen besten Kumpel, aber auch für mich. Alle haben es geschafft. Jeder hat eine Frau oder ein Kind oder beides. Ich ging leer aus. Mehr sogar. Ich habe ständig Streit mit meiner Familie. Oma lebt nicht mehr lange. Sie liegt im Heim, und es neigt sich dem Ende entgegen. Sie erkennt mich seit Jahren nicht mehr. Ich habe es nicht ausgehalten. Wenn ich jemanden besuche, dann nur wegen der Person und nicht wegen mir. Wenn sie mich nicht wiedererkennt, macht es für mich keinen Sinn.

Ich denke an meine Freunde und daran, wie sie ihr Leben meistern. Nur ich. Nur ich stehe alleine da. Ohne Kind, ohne Frau und mit einer enttäuschten Familie.

Ich fahre zur Hochzeit, aber im letzten Moment biege ich falsch ab.

Ich fahre ins Pflegeheim. Sie besuchen. Ich habe eh nichts zu verlieren.

Der Bewegungsmelder erkennt mich und lässt mich eintreten. Die Frau an der Rezeption kann ihr Staunen nicht verbergen und reißt die Augen auf.

Ich frage sie höflich, wo meine Oma liegt.

Zimmer 302.

Jetzt stehe ich vor der Tür. Mein Herz pocht. Ich habe einen inneren Stich, der sich vom Brustkorb in den Magen zieht.

Ich zähle einen inneren Countdown.

3 … 2 … 1.

Meine feuchte Hand rutscht etwas auf dem Türgriff ab.

Da liegt sie. Ich bin außer Atem.

Ich trete näher. Sie bewegt sich kaum. Ihre Atmung ist flach. Ich habe Angst.

Ein einsames Radio steht in der Ecke und lässt klassische Klänge ertönen.

Ich merke, wie ihre Atmung flacher wird. Ich wische meine schweißnasse Hand an meinem Anzug ab. Ich greife ihre Hand. Sie wird immer kälter.

Sie öffnet die Augen und lächelt mich kurz an. Dann schließt sie sie wieder. Ihre Atmung schleicht sich davon. Es wird still, und ich höre nur noch die verzweifelten Pianotöne.

Ich küsse sie auf die Stirn, bedanke mich bei ihr und gehe hinaus.

Niemand weiß Bescheid. Dieser Moment gehört nur mir. Und ich war so schick wie nie zuvor.

Leer und berauscht. Irgendwann stand ich vor der Hochzeitslocation. An die Fahrt konnte ich mich nicht erinnern.

Jetzt sehe ich Dennis und Alina. Sie stehen mitten in einer jubelnden Menge. Sie sehen großartig aus. Sie in ihrem Kleid und er in seinem Anzug.

Jetzt kommt der Moment, vor dem Dennis am meisten Angst hatte. Wochenlang haben sie geübt, und jetzt ist der Augenblick gekommen.

Der DJ drückt auf Play.

Sie bewegen sich, und ich sehe die leichte Verunsicherung in seinem Gesicht.

Es geht los, und sie machen es perfekt. Sie haben wochenlang geübt, und es hat sich ausgezahlt. Sie liefern eine großartige Performance. Dennis’ Vater hat Tränen in den Augen.

Ich auch.

Ich stehe ganz hinten und lehne an einer Wand. Ich denke an heute Nachmittag.

Dann ruft mein Vater an.

Er weint.

Er sagt mir, was passiert ist, und ich antworte:

„Ich weiß.“

Und lege auf.

 

Hallo @Clemount,

nun, unter "Spannung" ordne ich diesen Text nicht ein. Hierfür bedarf es mehr, als nur die (selbstverständliche) Unkenntnis über den Verlauf einer Handlung.


Verschwommen schaue ich mir alles an.
Eigentlich schau man sich nichts "verschwommen" an, sondern, das, was man sieht, kann man (in der Situation) nur verschwommen wahrnehmen.
(Besonders im ersten Teil fangen viele Sätze mit "Ich" an. Ist nicht verboten, aber doch etwas langweilig).

Dieser Tag ist ein Meilenstein für meinen besten Kumpel, aber auch für mich.
Vielleicht schon hier direkter auf die Hochzeit hinweisen, damit das Folgende nicht so unvermittelt kommt:
Ich fahre zur Hochzeit, aber im letzten Moment biege ich falsch ab.

Ich habe einen inneren Stich, der sich vom Brustkorb in den Magen zieht.
Man 'hat nicht einen Stich', sondern man fühlt ihn (und beschreibt das Wesen des Gefühls für den Leser genauer).

Ihre Atmung schleicht sich davon. Es wird still, und ich höre nur noch die verzweifelten Pianotöne.
Dieses 'davonschleichen' hat mir gut die Situation vermittelt. Warum die Pianotöne verzweifelt sein sollen, erschließt sich mir nicht. Du meinst sicher, dass sie dem Zuhörer so vorkommen.

Ich sehe selten so schick aus
Das ist gut gemacht ...
Und ich war so schick wie nie zuvor.
... diese Erwähnung des Schick-Seins in zwei ganz unterschiedlichen Situationen, mit unterschiedlicher Bedeutung.

Irgendwann stand ich vor der Hochzeitslocation
Ja, man hat immer mehr solcher Anglizismen ... irgendwie ragt das Wort isoliert aus dem Text (ist ganz subjektiv).

Es geht los, und sie machen es perfekt.
Man kann es sich denken, um was es geht. "Es" ist sehr unbestimmt, lässt kein Bild entstehen.

Dennis’ Vater hat Tränen in den Augen. Ich auch
Dann ruft mein Vater an. Er weint.
Wieder gut gemacht (ähnlich, wie bei "schick"). Weinen in ganz verschiedenen Kontexten.

Ein einsames Radio steht in der Ecke und lässt klassische Klänge ertönen.

Der DJ drückt auf Play.
Noch einmal ein Rückbezug, gefällt mir.

Ein Text, der das Thema 'Abschied' und 'Neuanfang' verknüpft, ohne pathetisch zu sein. Ein Protagonist, der erst in Selbstbedauern verharrt, durchaus einen egoistischen Zug aufweist ("Wenn sie mich nicht wiedererkennt, macht es für mich keinen Sinn."), sich dann doch eines Besseren besinnt.
Durchaus interessant, auch wenn manchmal die Prägnanz verbessert werden kann.

Meint

Woltochinon

 

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