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Der Schwarze Stern

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28.11.2018
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Der Schwarze Stern

Es ist die Angst vor dem Ungewissen, die uns davor bewahrt, alles zu riskieren und in die unerforschten Tiefen dieser Welt zu tauchen. Es ist aber auch gerade diese Angst, die uns dazu antreibt, das Ungewisse zu erforschen, etwas Bekanntes daraus zu machen.
Bennett hatte stundenlang über sein Lieblingszitat philosophieren können. Heute ziert es sein Foto über dem Eingang des Observatoriums. Er hatte nie Angst vor dem Unbekannten, furchtlos versank er in den Geheimnissen der Gestirne, suchte dort draußen nach Antworten.
Zwölf Jahre ist es her, dass er unter so seltsamen Umständen im Observatorium den Tod fand. Die Fragen, die ich mir Tag für Tag stelle und auf die ich vergeblich Antworten suche, treiben mich wieder und wieder zurück an diesen Ort. Es ist die Ungewissheit, die mich nicht schlafen lässt. Wie soll man damit umgehen, wenn jemand in einer Sternwarte mitten in der Atacama-Wüste gewaltsam ums Leben kommt?
Wie immer hatte Bennett sich bereiterklärt, während der Sommermonate die Aufsicht der Anlage zu übernehmen. Damals war er die einzige Person auf dem Gelände. Das gesamte Team verlässt für gewöhnlich das Observatorium in dieser Zeit, sie fahren zu ihren Familien in die Stadt oder ins Ausland. Als Teamleiter war es meine Pflicht, alle paar Tage den Weg auf mich zu nehmen, um nach dem Rechten zu sehen.
Ich habe ihn gefunden, über seinen Schreibtisch gebeugt, als wäre er bei der Arbeit eingeschlafen. Doch das Loch in seiner Stirn ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht wieder aufwachen wird. Man fand nie den Gegenstand, der diese seltsame Verletzung verursachte, konnte das Geschehen dieser Nacht nie rekonstruieren. Und zurück bleibt die Ungewissheit. Was sich wirklich geschah, wissen wohl nur die Sterne.


***​

Die Vorfreude trieb Bennett an seinen Schreibtisch. Eine besondere Aufgabe stand ihm bevor. Er startete den Computer und nacheinander leuchteten die drei Bildschirme auf. Mit etwas Glück erscheint darauf heute Nacht ein Bild, das Geschichte machen würde. Er legte seine Hände an die Tastatur, starrte über den Hauptmonitor hinweg. In Gedanken ging er noch einmal den Ablauf durch.
Vor vier Tagen hatte er während eines Routinescans im Sternbild Lyra eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht. Er hatte nur einen kurzen Blick darauf werfen und nicht sicher sein können. Seitdem hatte er gewartet, und heute waren die Bedingungen optimal. Die Atmosphäre war wolkenlos und der Hauptrefraktor des Observatoriums gerade erst gewartet. Mit seiner vierzig Meter durchmessenden Objektivlinse war es eines der größten Teleskope der Welt und es stand ihm allein zu Verfügung, denn vor einer Woche war auch der letzte seiner Kollegen abgereist.
Das Gelände des Observatoriums war verlassen, so verlassen wie die gesamte Atacama-Wüste. Am östlichen Horizont ragten die Gipfel der Anden in den Himmel, eine unüberwindbare Festung in unerreichbarer Ferne. Der Westen flüsterte das Versprechen auf eine ewige Reise in die Ungewissheit. Kilometer über Kilometer erstreckte sich das immergleiche Bild: Felsige Hügel, dorniges Gestrüpp, eine endlose Steppe unter einem endlosen Himmel. Erklomm man den nächsten Hügel, erhielt man den Eindruck, sich nicht von der Stelle bewegt zu haben. Man ahnte instinktiv, dass sich dort am Horizont der eben gleiche Anblick bot, und würde man dort stehen und wieder in den Horizont sehen, wartete auch dort das immergleiche Gemenge aus Hügeln, Felsen und kahlen Sträuchern. Ewig erstreckt sich die Wüste und ewig erstrecken sich die finsteren Weiten des Alls. Die Sonne verbrennt das Land zu Wüstensand und in fernen Welten ist ihr Feuer nur ein Kerzenschein, nur einer von so vielen Sternen, unendlich viele Funken in einem schwarzen Ozean.

Ein schwarzer Punkt – Bennett suchte nach einem schwarzen Punkt in einem schwarzen Ozean. Der einzige Anhaltspunkt, den er hatte, waren die Koordinaten des letzten Scans. Die Wahscheinlichkeit für einen Fund war schwindend gering, zumal er nicht wusste, wonach er suchte.
Er war bereits sicher, auf eine optische Täuschung hereingefallen zu sein, als sich ihm ein ungewöhnliches Bild abzeichnete. Neben einigen hellen Punkten wanderte ein schwarzer Punkt langsam über den Monitor. Er war nur dadurch erkennbar, dass er scheinbar noch schwärzer als der ihn umgebende Raum war. Bennett sprang auf, hielt die Nase vor den Hauptbildschirm. Das war es! Unverkennbar. Das schwarze Objekt. Er musste es vergrößern, ein klareres Bild bekommen. Seine Finger ratterten mit einer Geschicklichkeit über die Tastatur, die er sich nie zugetraut hätte. Der Punkt wurde größer, wurde zu einer Kugel, bis er beinahe den ganzen Bildschirm ausfüllte. Eine schwarze Kugel, schwärzer noch als das All. Bennett befahl dem System, die Ausrichtung zu stabilisieren, sich der Erdrotation anzupassen, sodass das Objekt nicht mehr aus dem Bild wanderte. Er lehnte sich gerade so weit zurück, dass er es gänzlich betrachten konnte. Es musste ein Schwarzes Loch sein, aber dort hätte es bisher nicht unentdeckt bleiben dürfen. Um sicher zu gehen, könnte er auf die altmodische Methode zurückgreifen und Berechnungen über das Umfeld anstellen, doch das war ein langwieriger Prozess und er wollte so schnell wie möglich Antworten haben. Mit dem Ereignishorizont-Filter ließ sich Genaueres vielleicht schneller feststellen. Auf diese Weise wurde im Infrarotbereich die Strahlung der aufgeheizten Materie um das Schwarze Loch herum sichtbar. Man konnte ein Schwarzes Loch vielleicht nicht sehen, aber es hinterließ Spuren. Er befahl dem Rechner, den Filter über das Bild zu legen und nach einigen Sekunden wurde es auf den Monitoren visualisiert. Es zeigte sich keine Veränderung. Alles blieb so dunkel wie zuvor. Bennett hämmerte auf die Tastatur, ließ Filter um Filter über das Bild legen – ohne Erfolg. Kein Ereignishorizont.
Er überlegte, ob es sich um eine bislang unbekannte Form der Singularitäten handeln könnte, als er diese Stränge wahrnahm, die in regelmäßigen Abständen von dem Objekt ausgingen. Ungläubig starrte er auf den Bildschirm. So etwas hatte er noch nie gesehen. Diese Stränge waren ebenso schwarz wie das Objekt selbst und liefen immer schmaler werdend auf unsichtbare Spitzen zu. Gleich überdimensionalen Dornen. Er musste den optischen Zoom auflösen, um seine Entdeckung gänzlich einfangen zu können. Die Dornen standen in gleichen Abständen von dem Kern ab und mussten dessen Durchmesser noch übertreffen. Sie waren perfekt angeordnet, so als wäre das Objekt genau auf Bennett ausgerichtet. Auf diese Weise hatte es Ähnlichkeit mit der Abbildung auf einem Kompass.

Lange betrachtete er seine Entdeckung, versuchte eine Erklärung für dieses seltsame Erscheinungsbild zu finden. Er entwickelte die kühnsten Theorien, und während das Unmögliche darin an Raum gewann, verlor die Welt ihre Konsistenz. Bennetts Sinne wurden schärfer, seine Sicht verengte sich und das schwarze Objekt wurde auf dem Bildschirm klarer, deutlicher, füllte bald sein gesamtes Sichtfeld aus. Um ihn herum schmolz das Observatorium, zerrann zu einem fernen Traum, bis er den Sand der Wüste unter seinen Füßen spürte. Warmer Wind streifte sein Gesicht, flüsterte ihm kosmische Visionen zu. Er musste nicht nach oben sehen, um zu wissen, was dort fordernd seine Fühler nach ihm ausstreckte. Er war hier. Am Nachthimmel hob er sich durch seine vollkommene Schwärze so deutlich ab wie die Sonne am Tage. Es sah so aus, als schwebte der seltsame Stern nur wenige Kilometer über seinem Kopf. Oder waren es sogar nur hunderte Meter? Es hatte den Anschein, als wäre er sehr weit entfernt und gleichzeitig sehr nah. Aus seiner metallisch wirkenden Oberfläche wuchsen die gewaltigen Dornen in alle Himmelsrichtungen. Die größeren auf dem Äquator übertrafen in ihrer Länge den Durchmesser des Kerns, während etwas weniger große schräg Richtung Erde und in den Himmel zeigten. Bennett war unfähig sich von dem außerweltlichen Anblick loszureißen. Und dann, wie etwas, das sich schon lange undeutlich im Augenwinkel bewegt und immer drohender dem Unterbewusstsein aufdrängt, erkannte er den Dorn, der direkt auf seine Stirn zeigte. Offenbar befanden sich direkt an den Polen des Sterns die beiden größten Dornen. Nur eine Fingerbreite lag zwischen Bennetts Stirn und der Spitze. Würde er springen, dann könnte er …


Er erwachte in völliger Dunkelheit. Für einen Moment fühlte es sich so an, als schwebte er in einem schwerelosen Raum. Doch nach einem Augenblick bemerkte er den harten Boden unter seinen Füßen. Steine und Felsen zeichneten sich in seiner Umgebung ab, Konturen der Wände und Decke. Darüber hinaus herrschte Dunkelheit. Es musste sich um eine Höhle handeln. Aber wie er hierher gelangt war, konnte er sich nicht erklären.
»Ist da jemand?«, rief er. »Ich brauche Hilfe!« Er wartete noch lange auf eine Antwort, nachdem das Echo seiner Worte verklungen war. Es blieb still. Schließlich holte er tief Luft und nahm all seine Kraft zusammen. »Hallo?« Niemand antwortete.
Unsicher setzte er sich in Bewegung, kletterte einem schwarzen Schlund entgegen. Auf sonderbare Weise konnte er den Weg vor sich erkennen. Es gab keine Öffnungen in der Decke, keinen Spalt, der das Licht hereingelassen hätte, aber dennoch fiel ein fader Schimmer auf die Umgebung. Es erinnerte Bennett an die Visualisierungen eines Nachtsichtgerätes.
Nach mehreren Stunden gelangte er in eine von Felsnadeln durchzogene Kammer. Sie liefen spiralenförmig nach oben und verschwanden bald in der Schwärze wie Türme im Nebel. Er ließ sich an einer der Felsnadeln niedersinken und fragte sich, ob er jemals einen Ausgang finden wird. Diese Höhle musste gigantisch sein. Wie war er nur hierher gelangt? Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als etwas in seinem Blickwinkel an ihm vorbeihuschte. Am anderen Ende der Höhle hatte sich eindeutig etwas bewegt. Er konnte dort nichts erkennen, selbst die Wände der Kammer waren kaum auszumachen. Mehrere Minuten blieb er regungslos sitzen und lauschte in die Dunkelheit. Er hörte das Rauschen seines Blutes, das Schlagen seines Herzens. Sonst aber war alles still. Vermutlich begannen seine Sinne ihm Streiche zu spielen. Er stand auf und in diesem Moment geschah es erneut. Er spürte es, mehr als er es sah. Etwas war blitzschnell von einer Felsnadel zur anderen gehuscht, lautlos und ungesehen. Die Schwärze hing als undurchdringlicher Rauch um ihn herum, verbarg alles Jenseitige in einer anderen Welt. Eine Weile stand er da, ängstlich, forschend, sich an den Gedanken klammernd, es wäre alles nur ein böser Traum. Doch je länger er in die Dunkelheit blickte, desto deutlicher fühlte er, dass etwas zurückstarrte. Am Rande seines Sichtfeldes schälte sich ein Schatten aus dem Dunkel und huschte hinter eine andere Felsnadel. Dieses Mal glaubte Bennett nicht an einen Irrtum. Er hatte nicht viel erkennen können, aber das genügte ihm. Er glaubte nicht mehr an ein Tier, denn er hatte nie zuvor ein tausendäugiges Tier gesehen.
Egal, was es war, es kam definitiv näher. Er begann zu laufen. Es war zu dunkel, um sich schnell bewegen zu können, mehrmals stolperte er, schlug mit den Knien auf den harten Boden. Er unterdrückte den Schmerz und sprang sofort wieder auf in der Erwartung, an den Füßen gepackt zu werden. Mit wachsendem Schrecken schielte er hinter sich, doch die Finsternis verbarg ihr Wissen hinter dem trügerischen Schleier der Ahnungen und Andeutungen. Ziellos rannte er durch schmale Gänge und weite Räume, durch die endlosen Eingeweide eines steinernen Monstrums.
Er musste stundenlang umhergeirrt sein, als eine Gestalt vor ihm erschien. Doch diese Gestalt hatte nichts gemein mit dem Schemen, der ihn verfolgt hatte. Er war in eine Kammer getreten, der Boden so eben und glatt wie von Menschenhand geschaffen. Auf einem Felsen in der Mitte der Kammer saß ein Mann, gehüllt in einen langen, grauen Mantel. Auf eigenartige Weise war er ihm vertraut, doch er konnte nicht sagen, woher. Der Mann bemerkte Bennett und wandte sich ihm zu, offenbarte faltige Züge unter der Kapuze.
»Komm! Setz dich zu mir, alter Freund!«, sagte er.
Es war so seltsam, wie er ihn ›alter Freund‹ nannte und wie er sprach. Seine Stimme war gelassen, geradezu lethargisch, aber dennoch kräftig. Tief hallten die Worte in Bennetts Ohren wider.
»Kennen wir uns?«
Der Fremde neigte den Kopf und musterte ihn mit seinen müden Augen. »Nun, ich bin ein Wanderer. Vielleicht haben sich unsere Wege zuvor gekreuzt.«
»Ein Wanderer?« Bennett deutete auf seine Umgebung. »Wo bin ich hier?«
»Du hast gewiss viele Fragen. Setz dich, und ich erzähle dir meine Geschichte.« Der Fremde wies mit einer trägen Handbewegung auf einen Stein. Diese Bewegung kam Bennett so vertraut vor wie auch dessen Stimme und dieser lange, graue Mantel. Von einer inneren Stimme geleitet setzte er sich dem Mann gegenüber und musterte ihn.
»Wer sind Sie?«
»Mein Volk gab mir den Namen Xerovthil und ich behielt ihn, als Amiolalage mich zu den Wanderern holte. Er lehrte mich, was er wusste, und schickte mich auf die Reise, die Rätsel und Mysterien dieser Welt zu erkunden, bevor er sich in das Verderben stürzte, das nun auch meines ist.«
Er erzählte Bennett von sternenlosen Galaxien, die nie ein einziger Lichtstrahl je erreichen wird, von Gestirnen, die nichts gemein haben mit dem, was Menschen sich vorstellen können. Irgendwann hörte Bennett ein Geräusch aus den Winkeln der Kammer und unterbrach sein Gegenüber.
»Das ist eine schöne Geschichte, aber gauben Sie, das ist der richtige Zeitpunkt? Ich habe das Gefühl, wir stecken in Schwierigkeiten. Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir aus dieser Höhle herauskommen. Haben Sie eine irgendeine Ahnung, wo wir uns befinden?«
Der Mann nickte unmerklich und fuhr dann unbeirrt fort. »Für meinesgleichen ist ein Rätsel geblieben, wo keines sein sollte. Wir waren noch zu viert, als Amiolalage mir den Schwarzen Stern zeigte. Unsere Vorfahren hatten eine Grenze ausgekundschaftet, über die hinaus sich ihm zu nähern eine Wiederkehr ausschließt. Ich sollte dabei sein, als Uol und Gemenrahe gemeinsam über diese Grenze hinweg an ihn herantraten. Eng miteinander verbunden bewegten sie sich auf den Schwarzen Stern zu, bis sie verschwunden waren, ohne dass eine Beobachtung dieses Ereignisses möglich gewesen war. Es muss ein Zeitpunkt zwischen meinem Staunen über ihre grenzenlose Hingabe und der Erkenntnis ihres Verschwindens gewesen sein, dass ihre Existenz in dieser Welt endete. Obwohl unsere alles sehenden Sinne ohne Unterbrechung auf sie gerichtet waren, blieb kein Zeugnis ihres Verblassens. Niemals wieder hörte ich von ihnen. Dies lässt mich vermuten, dass all meine Bemühungen, die Außenwelt zu kontaktieren, vergeblich waren. Als meine Zeit gekommen war, das letzte Geheimnis dieser Welt zu erforschen, folgte ich ihrem Beispiel.«
Der Wanderer machte eine Pause und wollte dann erneut ansetzen, doch etwas ließ ihn innehalten. Sein Blick wanderte in die Finsternis hinter Bennett. »Wir sollten gehen.«
Er erhob sich und verschwand ohne ein weiteres Wort in einem Seitengang der Kammer. Bennett folgte dem Blick des Mannes und starrte in das Schwarz der Höhle, bis auch er es spürte. Der tausendäugige Schatten hatte ihn gefunden. Ohne weiter zu zögern sprang er auf und stolperte in die Richtung, in die der Fremde gegangen war. Er eilte durch verworrendste Windungen, kroch durch schmalste Löcher, erklomm steilste Abhänge. Auf wundersame Weise nahm er die richtigen Abzweigungen und bald erschien die so seltsam vertraute Gestalt des Wanderers vor ihm.

Selten konnte er über ein paar Armlängen hinaus etwas erkennen. Sollte ihnen etwas auflauern, so hatte es leichtes Spiel. Es beunruhigte ihn zunehmend, dass der Fremde nicht so schnell ging, wie er selbst es für nötig hielt. Rastlos spähte er in die Finsternis, beobachtete die verborgenen Winkel dieser Katakomben mit besonderer Sorgfalt.
Der Wanderer führte Bennett durch felsige Gerippe in eine Senke, die stets abwärts führte. Die Wände wurden immer höher und kamen immer näher, bis er sich in einer Schlucht wiederfand. Über ihm ragten undeutbare Strukturen aus dem schwarzen Nebel. Vielleicht waren es Stunden, die er damit zubrachte, sich möglichst leise zu bewegen, vielleicht auch Tage. Irgendwann ertrug er die Stille nicht mehr, die ständige Vorsicht, die eiternde Ungewissheit. An einer Stelle, an der die Schlucht eine weitere kreuzte, stellte er den Wanderer zur Rede.
»Was ist das für ein Ort? Wie bin ich hierhergelangt?«
»Du hast gewiss viele Fragen, alter Freund.« So wie auch die Stimme des Fremden war sein Gebaren geprägt von einer durchdringenden Lethargie. Er setzte sich auf den Boden und deutete mit einer Handbewegung auf den Platz ihm gegenüber. Trotzdem Bennett viele Stunden gegangen war, war er weder hungrig noch erschöpft. Lediglich eine innere Unruhe wuchs in ihm. Er wollte sich nicht setzen, er wollte Antworten. Doch wer hätte sie ihm geben sollen? Widerwillig setzte er sich auf den kalten Höhlenboden und starrte ungeduldig in das so seltsam vertraute Gesicht unter der Kapuze.
»Ich erzählte dir, wie auch ich dem Schwarzen Stern zu nahe kam. Dem Beispiel meiner Vorfahren folgend, näherte ich mich ihm über den sicheren Bereich hinaus. Eben noch war er Fokus meiner Sinne und im nächsten Augenblick war er verschwunden, und mit ihm der Rest der Welt. Ich war verschwunden. Die Leere hatte mich verschlungen, breitete sich ewig um mich aus. Unbeschreibliche Mühen verlangte es, bis ich lernte, dass ich gefangen war. So gelangte ich an diesen Ort. Anscheinend bist auch du ihm zu nahe gekommen. Erinnerst du dich?«
Bennett wollte den Kopf schütteln und verneinen, doch dann stockte er in der Bewegung. Er erinnerte sich tatsächlich, jetzt, wo der Wanderer es erwähnte. Erst kamen die Erinnerungen Bruchstückhaft, dann in zusammenhängenden Episoden.
»Ich habe ihn beobachtet. Durch ein Teleskop!«
»Ganz recht. Offenbar hat das in deinem Fall gereicht.«
»Aber was bedeutet das? Was ist dieses Ding, dieser Schwarze Stern?«
»Obwohl auch ich ihm schließlich zu nahe kam, war ich nicht in der Lage, Erkenntnisse zu gewinnen. Die Bestimmung seiner Ausmaße ist unmöglich, da eine Bezugsgröße fehlt. Er könnte winzig klein direkt vor dem Auge des Betrachters schweben oder aber so groß wie ganze Sonnensysteme sein. Da niemand sich ihm je nähern und wiederkehren konnte, bleibt jede Bestimmung seiner Größe eine bloße Einschätzung. Und vielleicht wäre eine Einordnung in die Gesetze einer logischen Welt vernunftwidrig. Kein Teil dieser Welt ist in der Lage, sich ihren Regeln zu widersetzen. Demnach ist er kein Teil von ihr.« Das alles half Bennett nicht. Er wusste nicht, warum der Fremde ihm diese Geschichten erzählte und was sie mit ihrer Lage zu tun hatten.
»Aber was hat das mit diesem Ort zu tun? Wie bin ich in diese Höhle gelangt?«
»Eine Höhle«, sagte der Wanderer wie zu sich selbst. »Ja, davon hattest du bereits gesprochen. Ich fürchte, du irrst. Dein Verstand spielt dir einen Streich. Er ist bemerkenswert, der Verstand deiner Art.«
»Was meinst du damit?«
»Dein Verstand versucht sich zu schützen. Dich zu schützen. Was du siehst, ist Schöpfung deiner eigenen Vorstellungskraft. Eine Scheinwelt, die dein Verstand als greifbare Interpretation einer Welt schafft, die sich seinem Verständnis entzieht. Er legt bekannte Muster über die Lücken seiner eigenen Auffassungsgabe.«
»Ich verstehe nicht. Was willst du damit sagen?«
»Dein Verstand begreift diese Welt nicht, die Regeln und Gesetze, denen sie unterliegt. Also schafft er ein Umfeld, das er begreifen kann. Ein Umfeld, das nach den Gesetzen aufgebaut ist, die er so gut kennt. So siehst du Steine und Felsen an diesem Ort, ein Dach über dem Kopf, einen alten Mann in einem grauen Mantel.«
Bennett hörte die Worte, aber sie wollten keinen Sinn ergeben. Wieso sagte er ihm nicht einfach, wo sie sich befanden? Bevor er eine weitere Frage stellen konnte, stand der Mann auf und sagte: »Wir sollten gehen.«
Dieses Mal verstand Bennett sofort. Er sprang auf und blickte hinter sich. Aus den unerforschten Tiefen der Höhle starrte es ihn an, wartete unermüdlich auf die nächste Gelegenheit, sich ein weiteres Stück zu nähern. Bennett musste den Wanderer fragen, was er über dieses Wesen wusste. Doch jetzt war nicht die Zeit für Erklärungen. Mit großen Schritten eilte er dem Fremden hinterher.

Steine und Felsen, finstere Wege und schwarze Abgründe, Steine und Felsen, Dunkelheit und Stille. Zeit war ein pochendes Organ in einem toten Körper. Bennett konnte keinen klaren Gedanken fassen, zu vieles ging ihm durch den Kopf. Es konnte unmöglich wahr sein, was der Fremde ihm über diese Höhle erzählt hatte. Er wollte an seinen Worten zweifeln, doch je mehr er darüber nachdachte, desto schwerer fiel es ihm. Was war das für ein Ort? So weit sie auch gingen, es war kein Ausweg aus dem Labyrinth zu finden, kein Lichtschimmer am Horizont. Ihn beschlich das Gefühl, dass der Fremde gar nicht die Absicht hatte, ihn nach draußen zu führen. Zu lange schon waren sie ohne erkennbares Ziel durch Kammern und Schächte geirrt. Er dachte an Flucht. Er könnte nach und nach zurückfallen und sich dann davonstehlen. Doch das hätte seine Situation nur verschlechtert. Er war auf die Führung dieses Mannes angewiesen, auf sein Wissen. Er brauchte Antworten. Seit Stunden fürchtete er sich davor die Fragen zu stellen, die er stellen musste. Oder waren es Tage?
»Was ist das für ein Wesen? Dieser Schatten?«
»Ein Schatten?«, fragte der Wanderer mit seiner sanften, widerhallenden Stimme.
»Ja, dieser Schatten, der uns verfolgt.«
»Wirklich bemerkenswert der Verstand deiner Art. Selbst ich kann es nicht wahrnehmen, obgleich ich spüre, dass noch etwas hier ist.«
»Aber was ist es?«
»Das übersteigt meine Kenntnisse. Jedenfalls ist es nicht so gesprächig wie du, alter Freund. Es war schon hier, als ich gekommen bin. Es verfolgt uns nun schon eine lange Zeit. Eine lange Zeit schon laufen wir davon, und ich rate davon ab die Flucht zu beenden.«
Bennett hatte nicht bis zu Ende zugehört. Etwas an den Worten des Wanderers hatte seine ganze Aufmerksamkeit gefordert.
»Warte. Was meinst du mit ›uns‹? Es verfolgt uns schon eine lange Zeit?«
»So ist es.«
»Was soll das heißen? Warum uns?« Der Wanderer schwieg, den Blick wie immer starr geradeaus gerichtet. Da war etwas unter der freundlichen Fassade dieses Mannes, eine düstere Andeutung, die die ganze Zeit in seinen Worten mitgeschwungen war, ein Geheimnis, das sich verstohlen in seiner Stimme windet.
»Was soll das heißen?« Er stellte sich vor den Mann. »Du hast mir nicht alles erzählt, du weißt noch mehr. Ich kann jetzt keine Geheimnisse gebrauchen. Bitte, sag mir, was hier vor sich geht!« Der Wanderer erwiderte stoisch Bennetts Blick. Seine Augen schienen noch müder zu werden, wie nach einem tausendjährigen Schlaf.
»Also gut. Wenn das dein Wunsch ist, alter Freund.« Er hatte nicht gedacht, dass es so einfach wäre, den Fremden zum Reden zu bringen. Mit seiner tiefen, ruhigen Stimme fuhr dieser fort: »Dies kommt dir wie unsere erste Begegnung vor.«
»Ja. Natürlich. Es ist unsere erste Begegnung.«
»Ich fürchte, du irrst. Viele Male sind wir uns bereits begegnet. Viele Male schon führten wir dieses Gespräch. Und auch all die anderen Gespräche. Du hast mir bereits alles über dich erzählt. Und auch du kennst all meine Geschichten.«
»Aber das ist Unsinn. Ich würde mich doch daran erinnern!«
»Ich habe dafür gesorgt, dass du das nicht tust. Wann immer ich es für nötig halte, verschließe ich deine Erinnerungen. Betrachte es als eine Notwendigkeit. Dein Verstand lässt es zu, er ist wie geschaffen dafür. Doch er ist nicht geschaffen für diesen Ort. Viele Male musste ich dich retten, viele Male die Gnade des Vergessens dir schenken.«
Bennett zögerte, versuchte zu begreifen. Das war der größte Unsinn, den er je gehört hatte. Er wollte diesen Mann Ohrfeigen, ihn anschreien, ihn dazu bringen endlich zu Sinnen zu kommen. Doch er brachte keinen Ton heraus. Eine Sturmflut war in seinem Kopf losgebrochen. Mit jedem weiteren Wort des Fremden erschienen neue Bilder vor seinem Auge, weitere Ahnungen einer fernen Vergangenheit. Bilder von Gesprächen mit diesem Mann, Bilder von felsigen Alpträumen, Erinnerungen an ganze Leben, die in finsteren Höhlen sich verloren. Die Welt begann sich zu drehen, er taumelte, fiel auf die Knie. Heiße Nadeln brannten sich durch seinen Kopf, während Bilder zu Gewissheit wurden. Er hatte das alles schon einmal erlebt. Mehrmals. Wie oft, wusste er nicht, wie lange er hier schon festsaß, konnte er nicht sagen.
»Ich will, dass das aufhört! Du hast kein Recht dazu! Lass mich endlich in Frieden!«
»Aber wem erzähle ich dann meine Geschichten? Wer hört mir zu, so aufmerksam und wissbegierig, wie du es tust? Wer stellt mir die vielen Fragen, deren Antworten ich so gut kenne? So lange gab es hier nur mein eigenes Ohr, so lange konnte niemand meine Stimme hören.«
Bennett wandte sich ab, hielt sich die Ohren zu. »Du bist wahnsinnig!«
»Wahnsinn ist nur eine Frage der Perspektive. Sähest du aus meinen Augen, wären deine Gedanken darüber andere. Immerhin bin nicht ich es, der Steine sieht.«
Bennetts Kopf fühlte sich an, als würde er platzen.
»Das ist Irrsinn. Alles Irrsinn! Warum sagst du mir nicht einfach, was hier vor sich geht? Ich werde dich einfach hier zurücklassen, hast du gehört? Ich werde meinen eigenen Weg aus dieser Höhle suchen!«
Geduldig wartete der Wanderer, bis Bennett aufhörte zu schreien.
»Es wird nie langweilig mit dir, alter Freund. Hinter welchem Stein wirst du dich dieses Mal verstecken? Viele Male hast du es versucht, viele Male einen neuen Weg erdacht. Du warst sehr erfinderisch. Dein Verstand betrügt dich, weil nur die Flucht nach innen bleibt. Ich werde dich retten, wenn du dich erneut in deinem eigenen Labyrinth verirrst.« Sein Blick wanderte an Bennett vorbei und blieb auf einen Punkt hinter ihm gerichtet. »Dafür ist noch genügend Zeit. Wir sollten gehen.«

 

Hallo @Putrid Palace,

bei Titel und Einführung musste ich natürlich gleich an Lovecraft denken, das Grauen von den Sternen. Diese philosophischen Sätze vorab - auch wenn hier zitiert wird - das hat er glaube ich gern gemacht, vermutlich von Poe inspiriert bzw. war das vielleicht auch einfach so üblich damals. Beim 1000-äugigen Schleicher in der Dunkelheit fiel mir dann noch Lovecraft Country ein, da gibt es ja ähnlich angelegte Monster.

Auch mir war das letzten Endes ein bisschen zu blutleer, durchaus auch im Wortsinne. Es stand nun mal Horror drauf, ich hätte mir mehr Action mit dem Tausendäugigen gewünscht und war auch lange Zeit der Ansicht, das werde wohl der Klimax sein, auf den alles hinausläuft. Nun hast du das natürlich mit Absicht gemacht, die Bedrohung im Hintergrund, die Angst vor dem Unbekannten ist größer, als wenn man das Monster zeigt und so. Ich kann gar nicht genau sagen, woran das liegt, ob dieses Vage bleiben funktioniert oder ob es als zu vage empfunden wird, denke aber, es hat viel mit den Erwartungen des Rezipienten zu tun, und das waren bei mir die oben beschriebenen.

Das heißt nicht, dass ich die Geschichte nicht mag. Bennetts Erlebnisse da im Labyrinth sind schon gut angezogene Spannungsschraube - der in Rätseln sprechende Klugscheißer ging mit nur zwischenzeitlich ähnlich auf den Zünder wie deinem Protagonisten -, ich hätte sie aber mit mehr Monster-in-Aktion als befriedigender empfunden.

Apropos Erwartungen an Horror: Diese zweite Ebene am Anfang, der Ich-Erzähler … wozu? Was macht der? Ich war anfangs sicher zu wissen, wo der Hase hinwill, auch das sehr lovecaftesk: Er erfährt, was der Dritte-Person-Figur widerfahren ist, und in den finalen Sätzen dämmert es ihm, dass er nun selbst fällig ist. Der letzte Satz ist dann „Ich höre Schritte auf der Treppe“ oder so etwas. Es ist ja in Ordnung, mit solchen gängigen Erzählmechanismen zu brechen, damit’s spannend bleibt, allerdings ist der Bruch ja hier, dass der einfach gar nicht mehr vorkommt, also quasi nichts zur Geschichte hinzutut. Empfinde ich so als Ballast und damit verzichtbar.


Doch das Loch in seiner Stirn ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht wieder aufwachen wird.
Zeit.

Was sich wirklich geschah,

Mit etwas Glück erscheint darauf heute Nacht ein Bild, das Geschichte machen würde.
Zeit.

und würde man dort stehen und wieder in den Horizont sehen, wartete auch dort das immergleiche Gemenge aus Hügeln,
würde auch vor warten, meine ich, auch wenn’s dann die Dopplung gibt

Ein schwarzer Punkt – Bennett suchte nach einem schwarzen Punkt in einem schwarzen Ozean.
Diesen Anschubsatz finde ich überflüssig.

zumal er nicht wusste, wonach er suchte.
Hier habe ich gedacht: Naja, schwarzer Punkt in schwarzem Ozean. Steht zwei Sätze vorher.

schmaler werdend auf unsichtbare Spitzen zu. Gleich überdimensionalen Dornen.
, gleich

Bennett war unfähig sich
, sich

Dorn, der direkt auf seine Stirn zeigte. Offenbar befanden sich direkt an den Polen des Sterns die beiden größten Dornen.
Auch wenn’s Plural ist, Wdh. von „Dornen“ finde ich unschön.

als schwebte er in einem schwerelosen Raum.
Ist der Raum schwerelos oder herrscht Schwerelosigkeit im Raum? Ist tatsächlich eine ernstgemeinte Frage.

fragte sich, ob er jemals einen Ausgang finden wird.
Zeit.

begannen seine Sinne ihm
e, ihm

Er glaubte nicht mehr an ein Tier, denn er hatte nie zuvor ein tausendäugiges Tier gesehen.
Alles da drin (oder wo auch immer) ist dunkel und er sieht schemenhaft, aber das kann er aus der Entfernung erkennen?

mit einer trägen Handbewegung auf einen Stein. Diese Bewegung kam Bennett so vertraut vor wie auch dessen Stimme
„dessen“ habe ich zuerst auf den Stein bezogen.

Bruchstückhaft
b

Die Bestimmung seiner Ausmaße ist unmöglich, da eine Bezugsgröße fehlt.
Dieser Mathelehrer-Slang bricht für mich sehr plötzlich aus dem sonstigen Schamanen-Sprech heraus.

Was war das für ein Ort?
Das kommt zuvor fast wortgleich in der wörtlichen Rede.

Wirklich bemerkenswert der Verstand deiner Art.
t, der / Diese Feststellung wiederholt sich auch und ich finde die Formulierung hier irgendwie merkwürdig, auch wenn er insgesamt eher ein bisschen abgehoben spricht.

ich rate davon ab die Flucht zu beendeN
ab,

das sich verstohlen in seiner Stimme windet.
Zeit.

wollte diesen Mann Ohrfeigen
o

ihn dazu bringen endlich zu Sinnen
n, endlich

Erinnerungen an ganze Leben, die in finsteren Höhlen sich verloren.
Der Klang ist mir hier zu drüber, als wäre alles so auf 1915 getrimmt und dann machen wir nochmal unverhofft einen Satz zurück nach 1799.

bis Bennett aufhörte zu schreien.
aufgehört hatte


Viele Grüße!
JC

 

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